Lieferung 89

Karl May

27. August 1887

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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Der ehemalige Derwisch war, ganz wie er so selbstbewußt gesagt hatte, klüger als der Graf. Als er sich von diesem getrennt hatte, that er so, als ob er ihn gar nicht mehr beachte, doch behielt er ihn grad sehr scharf im Auge. So bemerkte er die beiden Winke. Als der Zobeljäger denselben nicht folgte, ging er hin zu ihm, hieß ihn aufstehen und fragte:

»Hast Du gesehen, wo sich der Graf befindet?«

»Ja, Herr.«

»Und hast Du auch bemerkt, daß er Dir bereits zweimal einen Wink gegeben hat?«

»Nein.«

»Er scheint mit Dir sprechen zu wollen.«

»Das ist mir gleich. Ich habe doch mit diesem fremden Manne nichts zu thun.«

»Aber ich wünsche, daß Du zu ihm gehest.«

»Wenn Du es wünschest, werde ich es thun.«

»Aber höre, was ich Dir sage! Er darf nicht wissen, daß ich seine Winke gesehen und Dich auf dieselben aufmerksam gemacht habe. Du wirst ihm das also nicht sagen.«

»Ich werde es verschweigen.«

»Gut, so gehe!«

Der Jäger ging. Er suchte den Grafen am Brunnen auf, wo derselbe stand.

Kaum aber war er hinter den dort stehenden Sträuchern verschwunden, so schlich sich der Derwisch schleunigst auch hin. Unter Umständen ist es am hellen Tage leichter als bei Nacht, Jemand zu belauschen, weil man am Tage sich zu sicher wähnt:

So auch hier. Der Derwisch wurde Zeuge fast des ganzen Gesprächs zwischen den Beiden.

Es war ein höchst eigenthümliches Gefühl, mit welchem der Graf das Nahen des Jägers erwartete. Das war freilich auch sehr leicht erklärlich.

Er hatte den Maharadscha um den Thron, die Heimath, das Kind, um sein Eigenthum, seine Freiheit, kurz um Alles, Alles gebracht und war ihm seit jener Zeit nicht wieder begegnet. Jetzt nun sollte er ihn zum ersten Male wieder sehen. Wie würde der Unglückliche sich gegen ihn verhalten? Diese Frage lag ihm schwer auf dem Herzen.

Der Graf nahm sich natürlich vor, ganz so zu thun, als ob er ihn nicht für den Maharadscha halte, als ob er das damalige Urtheil des Gerichtes auch heut noch für gerecht erkläre. Nach dem Verhalten des Verbannten sollte sich dann das seinige richten. Er wollte ihm die Freiheit wieder verschaffen und beabsichtigte, dafür Gökala zur Frau und dann die Thronfolge für sich zu fordern.

Jetzt hörte er langsame, nahende Schritte, und der Verbannte trat zu ihm.

Dieser wußte ganz genau, wen er vor sich hatte. Er hatte ihn sofort


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erkannt, und der Graf hatte ja auch, als er kam, dem Bauer seinen Namen genannt.

Welche Gefühle mußte der einstige Herrscher eines indischen Königreiches empfinden, als er jetzt den Mann vor sich sah, dem er all sein Elend zu verdanken hatte! Aber er ließ sich nichts, gar nichts merken. Sein Gesicht war ruhig und unbewegt. Ihm waren die stürmischen Regungen nicht anzusehen, welche im tiefen Herzen tobten.

»Hattest Du mir gewinkt, Herr?« fragte er.

»Ja, zweimal. Sahest Du es nicht bereits das erste Mal?«

»Ja.«

»Warum kamst Du nicht?«

»Ich kenne Dich nicht und glaubte, ich habe falsch gesehen. Ich wußte doch nicht, weshalb Du mir winken könntest.«

»Ich möchte mit Dir reden.«

»So sprich!«

»Es ist nichts Gewöhnliches, was ich Dir zu sagen habe.«

»Gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist mir Alles gleich. Dem Verbannten kann nichts mehr lieb oder unlieb sein.«

»Auch Weib und Kind nicht?«

»Auch diese nicht. Er hat keine Heimath und keinen Namen, kein Recht, keine Seele, kein Gefühl. Er ist eine Ziffer, eine Null.«

»Ja, es muß schrecklich sein, ein Verbannter zu sein!«

»Schrecklich? Dieses Wort ist noch viel zu schön. Es giebt gar kein Wort, welches das Unglück des Verbannten bezeichnen könnte.«

Er sagte das so ruhig hin, als ob es ihm gar nichts angehe. Nicht einmal sein Auge bekam dabei einen anderen Glanz. Der Graf fragte:

"Du kennst mich nicht?"

»Also Du kennst mich nicht?«

»Nein.«

»Schau mich einmal schärfer an!«

Nummer Fünf betrachtete ihn mit einem halb verwunderten Blicke.

»Nun, komme ich Dir auch jetzt noch nicht bekannt vor? Bin ich Dir noch immer fremd?«

»Ja.«

»Besinne Dich!«

»Dessen bedarf es nicht.«

»Wirklich? Ich habe geglaubt, Du müssest mich gleich beim ersten Blicke erkennen.«

»Ich habe Dich noch nie gesehen.«

»O doch.«

»Nein.«

»Nun, Du täuschest Dich. Ich brauche Dir nur meinen Namen zu nennen. Hast Du ihn nicht gehört? Ich nannte ihn vorhin dem Bauer, als ich ankam.«

»Ich hörte es nicht.«


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»Ich sprach aber doch sehr laut.«

»Warum soll ich auf den Namen Anderer achten, ich, der ich selbst keinen Namen mehr habe?«

»Du hast ihn verloren, kannst ihn aber wieder erhalten und wieder zu Ehren bringen.«

»Niemals!«

»O doch! Und ich bin bereit, Dir dazu behilflich zu sein, wenn Du es nämlich wünschest.«

»Das kannst Du nicht.«

»Ich kann es. Ich bin nämlich der Graf Alexei Polikeff.«

Er hielt den Blick auf den Verbannten gerichtet. Er erwartete, daß dieser jetzt in die Rufe des Erstaunens, des Grimmes, der höchsten Entrüstung ausbrechen werde. Aber er hatte sich da sehr, sehr getäuscht.

»So!« sagte Nummer Fünf im Tone der äußersten Gleichgiltigkeit.

»Kennst Du den Namen nicht?«

»Nein. Ich habe ihn niemals gehört.«

»Wirklich nicht?«

»Ich weiß es ganz genau. Ich habe ihn nie vernommen und weiß auch nicht, weshalb ich ihn jetzt hören soll.«

»Weil ich Dir helfen will, helfen aus der Gefangenschaft, aus der Verbannung.«

»Du? Weißt Du denn, ob ich errettet sein will?«

»Das versteht sich ja ganz von selbst. Ein Jeder sehnt sich nach der Freiheit.«

»Ich nicht.«

»Das glaube ich nicht.«

»Das ist mir auch sehr gleichgiltig.«

»Aber, Du mußt doch meinen Namen gehört haben!«

»Nein. Und wenn ich ihn wirklich einmal gehört habe, so habe ich ihn längst schon vergessen.«

»Mein Name steht mit den wichtigsten Ereignissen Deines Lebens in Verbindung.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Wer warst Du früher?«

»Ich bin Verbannter. Was ich früher war, das hat keinen Werth mehr für mich.«

»Wie hießest Du?«

»Ich heiße Nummer Fünf. Mein früherer Name ist dahin, wie ein Blatt verweht wird.«

»Aber, Mann, ist denn Dein Herz ganz versteinert und Dein Gemüth verknöchert!«

»Ich weiß es nicht.«

»Hattest Du Kinder?«


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»Was nützte es mir heut, wenn ich wirklich Kinder gehabt hätte? Nichts, gar nichts.«

»Ich dachte, daß Du eine Tochter gehabt habest.«

»Vielleicht ist es möglich.«

»Hieß sie nicht Semawa?«

»Semawa ist himmelblau. Mein Leben hat keine Farbe mehr. Es ist schwarz und finster.«

»Du mußt sie doch lieb gehabt haben!«

»Lieb? Weißt Du, was Liebe ist?«

»Ja.«

»Nein, Du weißt es nicht. Liebe ist - - ach, es ist besser, ich spreche kein Wort von ihr.«

»Hattest Du nicht einen Diener, welcher Nena genannt wurde?«

»Bin ich früher bedient worden?«

»Ja.«

»Dann wäre ich ja ein vornehmer Herr gewesen.«

»Allerdings.«

»Wenn Du so sprichst, dann ists mir, als ob ich Dich im Traume sprechen hörte.«

»Es ist kein Traum. Du warst ein großer und vornehmer Herr.«

Der Verbannte hatte sich mit dem Rücken an den Stamm einer Erle gelehnt und die Arme über die Brust gekreuzt. Sein Gesicht war starr und unbeweglich wie dasjenige einer Statue. Seine Stimme klang, als ob sie aus dem Inneren eines Automaten käme. Er war ganz so, als ob er bei vollem Leben leblos sei.

»Das müßte eine lange, lange Zeit her sein,« sagte er. »Ich weiß nichts davon.«

»Kannst Du Dich denn nicht auf Deinen Namen besinnen, gar nicht?«

»O ja. Besinnen kann ich mich auf ihn.«

»Darf ich ihn hören?«

»Warum willst Du ihn erfahren?«

»Weil ich mich lebhaft für Dich interessire.«

»Wer heißt Dir das?«

»Mein Herz.«

»Ach! Du hast ein Herz! Es muß sehr eigenthümlich und fremdartig sein, wenn man ein Herz hat, sehr eigenthümlich, sehr!«

»Also, willst Du mir Deinen Namen sagen?«

»Ja, weil Du ein Herz hast. Ich wurde Saltikoff genannt, Wassilai Saltikoff.«

»Das ist nicht wahr!

 »Nicht? Wer sagt das?«

»Ich! Ich, Graf Alexei Polikeff.«

»Meinst Du, weil Du ein Graf seist, müssest Du meinen Namen besser kennen als ich selbst? Ich muß doch am besten wissen, wie ich geheißen habe!«


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»Du irrst!«

»Ich irre mich nicht. Ich war Wassilai Saltikoff. Das kann ich beschwören, denn es steht in meinen Acten geschrieben.«

Sein Gesicht war noch immer unbewegt, aber aus seinen Augen leuchtete ein glühendes Licht, wie ein blutiger Schein.

»Warum wurdest Du verbannt?« fragte der Graf, der gar nicht wußte, was er von dem Manne denken solle.

»Weil ich ein Verbrecher war.«

»Du? Ein Verbrecher? Das glaube ich nicht. Du siehst ganz und gar nicht wie ein Verbrecher aus.«

»Als Graf, der doch ein hoher Herr ist, solltest Du doch wissen, daß das Aussehen eines Menschen sehr täuschen kann.«

»Das Deinige kann nicht täuschen.«

»O doch, denn ich bin ein Verbrecher. Wie könnte ich sonst verbannt worden sein? Der heilige Zaar urtheilt gerecht.«

»Was sollst Du denn verbrochen haben?«

»Davon spreche ich nicht gern. Warum soll ich Dir meine Schande gestehen?«

»Hast Du denn Dein Verbrechen gleich vollständig eingestanden?«

»Nein. Ich hatte ein hartes Herz und einen gottlosen Sinn - ich leugnete Alles.«

»Aber es half nichts?«

»Nein. Ich versuchte es sogar, mich für einen Andern auszugeben. Ich war schlecht.«

»Für wen gabst Du Dich aus?«

»Für - - weißt Du, wenn man einmal eine Lüge macht, so muß man sie so groß wie möglich machen. Ich gab mich für einen großen und reichen Fürsten aus.«

»Für welchen?«

»Für Banda, den Maharadscha von Nubrida.«

»Und das war nicht wahr?«

»Nein. Es war eine Lüge, denn ich habe Dir ja gesagt, daß ich eigentlich Wassilai Saltikoff geheißen habe.«

»Mein Gott! Ich begreife Dich nicht!«

»Nicht wahr? Du kannst es nicht begreifen, wie ein Mensch sich eine so ungeheure Lüge aussinnen kann. Du bist ein guter Christ. Für Dich ist so Etwas ganz und gar unverständlich.«

»Nein. So meine ich es nicht. Ich kann Dich nicht begreifen, weil Du Dich wirklich für Saltikoff hältst.«

»Hältst! Ich bin es ja!«

»Nein. Du bist es nicht.«

»Oho! Ich bin Saltikoff. Willst Du streiten?«

»Ja, ich bestreite es. Ich kann es beschwören.«

»Das wäre ein Meineid!«


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»Es wäre kein Meineid. Ich kenne Dich ja.«

»Das ist nicht wahr!«

»Es ist wahr. Ich kenne Dich sehr genau. Ich bin ja in Nubrida bei Dir gewesen.«

»Du irrst.«

»Nein! Ich wohnte in Nubrida in Deiner Nähe. Ich sah Dich täglich und sah auch Semawa, Deine schöne Tochter, die Rose von Nubrida.«

»Ich hatte nie eine Tochter!«

»Besinne Dich! Ihre Mutter, Dein Weib, war die Tochter eines deutschen Arztes.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Es ist so! Ich liebte Semawa, aber Du versagtest sie mir. Da entbrannte ich in Rache gegen Dich und lockte Dich auf russisches Gebiet. Ich gab vor, Du seist jener Wassilai Saltikoff, welchen man verfolgte und Nena, Dein Diener, welcher von mir bestochen war, beschwor, daß Du nicht der Maharadscha seist.«.

»Da hatte er ja Recht! Ich war wirklich Saltikoff, für den Du mich ausgabst.«

»Nein und tausendmal nein!«

»Ich muß es doch am Besten wissen! Man verurtheilte mich zu hundert Knutenhieben und zu ewiger Verbannung. Ich bekam die Hiebe und wurde in die Wälder abgeführt. Ich hatte es verdient durch meine Verbrechen und durch meine Lügen.«

Der Graf hielt ein solches Verhalten für undenkbar. Er konnte es sich, nur dadurch erklären, daß der Verbannte sich nun so in seine Verurtheilung hineingelebt habe, daß er nun wirklich überzeugt war, Derjenige zu sein, für welchen er fälschlicher Weise ausgegeben worden war. Der unglückliche Mann war in eine Monomanie verfallen.

Das paßte dem Grafen freilich nicht in seine Pläne. Er gab sich Mühe, den Verbannten auf den richtigen Gedanken zu bringen und sagte:

»Nein, Du hast es nicht verdient. Du bist unschuldig verurtheilt worden. Ich kann es beweisen.«

»Du? Willst Du es denn auch beweisen?«

»Ja.«

»Welch eine Unbegreiflichkeit!«

»Wieso?«

»Du widersprichst Dir doch selbst!«

»Nein.«

»O doch! Du erzählst mir, daß Du mich in das Verderben geführt habest, und jetzt willst Du mich aus demselben befreien.«

»Allerdings.«

»Ist das nicht ein Widerspruch?«

»Ich habe mein damaliges Thun bereut.«

»So! Und wie wolltest Du mich befreien?«


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»Indem ich beweise, daß Du wirklich der Maharadscha von Nubrida bist.«

»Du würdest Dir selbst schaden.«

»Nein. Ich würde es so einzurichten wissen, daß man annehmen müßte, ich habe mich damals geirrt.«

»Und das willst Du aus Reue thun?«

»Ja.«

»Aus keinem andern Grund?«

»Nein. Aus aufrichtiger Reue.«

»So habe ich Recht gehabt, als ich vorhin sagte, Du seist ein guter Christ und ein guter Mensch. Ich habe Dich lieb.«

»Wirklich? Könntest Du mich lieb haben?«

»Ich könnte nicht nur, sondern ich habe Dich in aller Wirklichkeit bereits von Herzen lieb.«

»Das freut mich sehr; das macht mich so glücklich, daß ich Dich auch so gern glücklich sehen möchte. Willst Du es werden?

»Welcher Mensch möchte das nicht!«

»Sage nur ein Wort, so wirst Du wieder der anerkannte Herrscher von Nubrida.«

»Welches Wort ist das?«

»Ein kleines, kleines Ja.«

»Wozu?«

»Zu meiner Verbindung mit Semawa.«

»Mit Semawa, die meine Tochter sein soll?«

»Die es wirklich ist.«

»Was ist denn mit ihr damals geschehen?«

»Sie hat mir folgen müssen.«

»Gott! Wohin?«

»In alle Welt.«

»Hat sie sich denn nicht gesträubt?«

»Sie sträubte sich freilich; aber ich sagte ihr, daß Du sterben müssest, wenn sie mir nicht folge. Da fügte sie sich.«

»Wußte sie, wo ich mich befand?«

»Nein.«

»Und sie ist Dein Weib geworden?«

»Nein.«

»Aber Du hast ganz so mit ihr gelebt, als ob sie Deine Frau in Wirklichkeit sei?«

»Nein. Ich habe sie nicht anrühren dürfen, sonst hätte sie sich getödtet.«

»Ah! So haßte sie Dich?«

»Wie den Tod!«

Es war seit langen Jahren das erste Mal, daß der Maharadscha von seinem Kinde hörte. Was mußte dabei in ihm vorgehen! Aber er hatte eine fast übermenschliche Selbstbeherrschung.

Noch immer war sein Gesicht starr und unbewegt; seine Stimme klang


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kalt und trocken, und sein Auge hatte den Ausdruck der Gleichgiltigkeit. Aber seine Schläfen hatten sich geröthet, ein Zeichen, daß das Blut ihm nach dem Kopfe stieg. Das hatte er freilich nicht verhindern können. So weit reicht die Kraft keines Menschen.

Als der Graf jetzt eingestand, daß Semawa ihn hasse, flog es wie ein Blitz über das Gesicht des Indiers, aber eben wie ein Blitz so schnell. Der Graf bemerkte es gar nicht.

»Also sie haßt Dich! Warum hast Du sie da bei Dir behalten?«

»Weil ich sie liebe.«

»Reiße diese Liebe aus dem Herzen!«

»Das kann ich nicht.«

»Aber bedenke, daß es eine Höllenqual ist, ein Weib bei sich zu haben, welches einen haßt, während man es liebt. Das muß eine fürchterliche Hölle sein!«

»Das ist es, ja, das ist es! Aus dieser Hölle sollst Du mich erlösen, und ich will Dir dafür die Freiheit wieder verschaffen.«

»Kann ich Semawa gebieten, Dich zu lieben?«

»Nein.«

»So kann ich Dir auch nicht helfen.«

»Du kannst sie veranlassen, mein Weib zu werden. Mehr verlange ich nicht von Dir.«

»Ah! Mehr nicht?«

»Nein. Eins nur werde ich mir noch vorbehalten, eine Bedingung, welche Du sehr leicht erfüllen kannst.«

»Welche Bedingung ist das?«

»Daß Semawa die Herrscherin nach Deinem Tode wird.«

»Also Du der Herrscher?«

»Ja.«

»Das wäre freilich leicht zu erfüllen.«

»Nicht wahr! Also stimmst Du bei?«

»Nein.«

»Nicht? Bedenke wohl! Wenn Du Ja sagst, so bist Du binnen wenigen Tagen frei, und wir ziehen nach Nubrida, um den Thron für Dich zurückzufordern. Rußland wird Deinen jetzigen Stellvertreter zwingen, Dir zu weichen. Weigerst Du Dich aber, so bleibst Du Verbannter bis zu Deinem Tode und Deine Tochter - - -«

»Nun, was wird mit ihr! Willst Du sie doch noch zwingen, Dein Weib zu werden?«

»Nein. Sie wird nicht mein Weib sondern meine Maitresse. Verstehst Du das?«

Der Maharadscha blickte still vor sich nieder, wohl aus dem Grunde, daß er einige Zeit brauchte, seine Gefühle niederzudrücken. Dann sagte er:

»Ich verstehe es ganz gut. Ich möchte Dir auch gern den Willen thun, aber ich kann ja leider nicht.«


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»Warum nicht?«

»Ganz einfach darum, weil sie gar nicht meine Tochter ist. Ich bin nicht der Maharadscha.«

»Herrgott! Du bist es aber doch!«

»Nein!«

»Du bist es! Bei allen Teufeln, Du bist es.«

»Du kannst es nicht behaupten!«

Der Graf war ganz in Eifer gerathen. Es handelte sich um Gökala, um seine Liebe zu diesem herrlichen Wesen, um das Gefühl, um dessen willen er die größten Verbrechen seines auch ohnedies verbrecherischen Lebens begangen hatte.

»Ich kann es behaupten!« sagte er. »Ich kann es mit tausend Eiden beschwören.«

»Nachdem Du damals beeidet hast, daß ich nicht der Maharadscha sei?«

»Das war ein Irrthum.«

»So bleibe diesem verderblichen Irrthum befangen. Meinetwegen sollst Du niemals wieder einen Eid schwören.«

»Ich will es aber!«

»Und ich will es nicht! Ich bin Wassilai Saltikoff, der verbannte Verbrecher, und will und werde es bleiben.«

»Du befindest Dich in einem ganz entsetzlichen Irrthum. Jenes Unglück hat zur Folge gehabt, daß Du an Dir selbst irre geworden bist.«

»Von einem Irregewordensein ist keine Rede.«

»O doch! Dein Kopf hat gelitten!«

»Mein Kopf ist gut, vielleicht besser noch als der Deinige.«

»Das denkst Du nur, wie es allen Irren geht. Sie glauben nicht an den krankhaften Zustand ihres Geistes. Du leidest an einer Monomanie, von welcher ich Dich heilen will.«

»Wenn es wirklich eine Monomanie ist, so will ich sie behalten. Ich mag nicht geheilt sein.«

»Entsetzlich!« rief der Graf.

»Beruhige Dich!«

»Da soll ich mich beruhigen? Ich komme zu Dir, um Dir die Freiheit und den Thron anzubieten, und Du behauptest, gar nicht der Maharadscha zu sein. Das ist wirklich gräßlich!«

Er war ganz außer sich gerathen. Der Maharadscha bohrte ihm den Blick in das Gesicht. Er stand noch immer so vor ihm, wie vorher, mit verschränkten Armen und an den Stamm der Erle gelehnt. Jetzt aber nahm sein Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an. Es ging ein triumphirendes Leuchten über dasselbe.

»Höre mich doch, höre mich!« bat der Graf.

»Ich höre Dich doch!«

»Ich bitte Dich, ich flehe Dich an, auf meinen Vorschlag einzugehen! Ich befreie Dich doch aus einer Hölle und führe Dich in den Himmel ein.«


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»Nur um Deiner selbst willen!«

»Nein.«

»Gewiß. Du willst Deine eigenen Höllenqualen los werden, welche Dir der Haß und die Verachtung Semawa's verursacht. Der Himmel, von welchem Du sprichst, soll Dein eigener sein.«

»Nun, wenn es so wäre, so hast Du doch Theil daran!«

»Theil - - an Dir! Hundsfott, wie kannst Du das verlangen?«

Er sprach jetzt mit einer ganz anderen Stimme und in einem ganz anderen Tone. Seine Augen leuchteten, und seine Gestalt schien höher und breiter geworden zu sein.

Der Graf fuhr überrascht auf. War das wirklich das Aussehen eines Irren, welcher an einer Monomanie leidet?

»Graf Polikeff, Du befindest Dich in einem großen Irrthume!« fuhr der Verbannte fort.

»Von einer Monomanie ist keine Rede.«

»Ah! Endlich!« seufzte der Graf auf.

»Ja, endlich! Ich weiß es ganz genau und habe es nie vergessen, daß ich der Maharadscha von Nubrida bin.«

»Gott sei Dank! Nun werden wir auch einig werden.«

»Schwerlich! Denn Du bist ein Teufel, ein Satanas, und aus der Hand eines solchen nehme ich keine Gabe, und wenn sie noch so köstlich wäre.«

»Was fällt Dir ein? Verstehe ich Dich recht?«

»Jedenfalls.«

»Du willst nicht frei sein?«

»Nein.«

»Nicht in die Heimath zurück?«

»Nein.«

»Willst dem Throne, Deinem Vermögen, den unermeßlichen Millionen entsagen?«

»Ja.«

»Willst auch auf Deine Tochter verzichten?«

»Ja.«

»Warum, warum?«

»Weil ich Dich - verachte!«

»Das ist aber eine riesige Dummheit!«

»Nenne es wie Du willst!«

»Ueberlege es Dir!«

»Es ist überlegt und beschlossen.«

»Fürst, Maharadscha, treibe mich nicht zum Aeußersten! Ich bin in der besten Absicht gekommen.«

»Wenn Deine Absicht wirklich gut war, so hast Du sie erreicht. Ich verachte Dich zu sehr, als daß ich Dir ein Wort davon sagen möchte, was ich gelitten habe. Ich trug tausend Höllen in meinem Busen herum. Heut aber hast Du mir die Erlösung gebracht, Erlösung von allem Leide.«

»In wiefern? Ich verstehe Dich nicht.«


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»Du wirst mich bereits nach kurzer Zeit begreifen. Ich mag die Freiheit nicht aus Deiner Hand.«

»Bedenke es richtig! Ich bitte Dich inständig! Du machst Dich und Semawa tausendfach unglücklich!«

»O nein. Ich weiß ganz genau, was ich sage. Ich werde in kurzer Zeit frei sein.«

»Du? Frei? Ohne mich?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Welch ein Gedanke! Was bildest Du Dir ein!«

»Nichts, gar nichts. Es ist keine Einbildung.«

»Die größte, die es geben kann. Es giebt nur einen einzigen Menschen, durch welchen Du Deine Freiheit wieder erlangen kannst und dieser Einzige bin ich.«

»Jetzt sage ich Dir Deine eigenen Worte, daß Du in einer großen Einbildung befangen bist. Es giebt noch einen andern Menschen, welcher mich frei machen kann und dieser heißt Steinbach.«

Der Graf machte beinahe einen Luftsprung vor Schreck. Er stand eine ganze Weile mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen da und starrte den Maharadscha an. Er hatte keine Ahnung, daß dieser ihn vorher belauscht hatte.

»Stein - bach - -!« stotterte er. »Den, den, den kennst Du auch!«

»Du hörst es ja, daß ich ihn kennen muß.«

»Aber er ist ja nie in Sibirien gewesen!«

»Er wird aber kommen.«

»Hat er - Dich - - etwa - benachrichtigt?«

»Nein.«

»Wie willst Du es da erfahren haben!«

»Ich weiß es. Das muß Dir genügen.«

»Alle tausend Donnerwetter! So ist es also doch wahr! Sogar hierher in das östliche Sibirien dringt dieser verdammte Name Steinbach. Aber er soll nicht lange mehr genannt werden. Ich werde dafür zu sorgen wissen!«

»Du? Das bilde Dir nicht ein!«

»Ja, ich! O, Du kennst mich noch nicht. Dieser verfluchte Schuft läuft seinem eigenen Verderben entgegen!«

»Seinem Glücke! Er liebt Semawa. Sie wird sein Weib werden. Suche Dir einen anderen Ort, an welchem Du Maharadscha werden kannst. In kurzer Zeit wirst Du selbst die Kleidung der Verbannten tragen und in Dir wird nicht die Kraft eines guten Gewissens leben, mit deren Hilfe selbst das größte Unglück zu ertragen ist.«

»Kerl, was fällt Dir ein! Weiß Du, daß Du die elende Nummer Fünf bist?«

»Ja, das weiß ich.«

»So wirf Dich nieder und krieche in Demuth vor mir im Staube, sonst erhältst Du die Knute!«

Er griff nach seiner Peitsche.


// 2124 //

Der Maharadscha machte kein Zeichen der Verachtung oder des Hohnes. Dazu war er zu edel; dazu stand er zu hoch. Er sagte nur in ruhigem Tone:

»Laß Deine Peitsche. Solltest Du mich ja mit ihr berühren, so kostet es Dir das Leben. Das sage ich Dir!«

»Willst Du mich morden?«

»Nein. Aber ein Raubwild vertilgt man von der Erde, wenn es gar zu großen Schaden macht.«

»Ich, ein Raubwild! Weißt Du, daß ich der Mann bin, welcher Dich - - -«

Er hatte laut gebrüllt. Der Maharadscha fiel ihm schnell in die Rede:

»Halt! Schrei nicht so! Meinst Du, daß unser Gespräch für andere Leute sei?«

»Niemand hört es!«

»Da täuschest Du Dich!«

»Nein. Dort, wo die Andern lagern, kann man kein Wort von uns verstehen.«

»Dort nicht, ja, aber es giebt doch Jemand, der Alles gehört hat, was wir sprachen.«

»Nein, das glaube ich nicht!«

»Meinst Du, daß der berühmte Zobeljäger Nummer Fünf keine Augen und Ohren habe? Ich habe den Kerl schon längst bemerkt.«

Er that einen raschen, unerwarteten Sprung in die Büsche hinein und brachte den - ehemaligen Derwisch, bei der Brust gepackt, herbeigezogen.

»Du! Ah Du!« rief der Graf. »Du hast gehorcht. Du hast uns belauscht?«

»Nein,« versicherte der Gefragte.

»Was wolltest Du sonst hier?«

»Ich ging zufälliger Weise grad vorüber.«

»Lüge nicht!« fiel der Zobeljäger ein. »Du stehest schon längst hier!«

»Das ist nicht wahr.«

»Willst Du etwa behaupten, daß ich die Unwahrheit gesagt habe! Ich habe Dich gesehen.«

»Hättest Du mich gesehen, so wäre Euer Gespräch schon längst beendet worden.«

»O, es freute mich, daß dasselbe einen Zeugen hatte. Nun giebt es doch einen Dritten, welcher weiß, wer ich bin. Ich lasse Euch bei einander. Unterhaltet Euch gut, und laßt Euch die Zeit nicht lang werden!«

Er ging.

Die beiden starrten einander einige Secunden lang wortlos an; dann lachte der Derwisch auf:

»Verdammt komische Situation als Lauscher ertappt und herbeigezogen zu werden!«

»So hast Du also wirklich gelauscht?«

»Ja.«


// 2125 //

»Seit wann?«

»Vom Beginne Eures Gespräches an.«

»Donnerwetter! So hast Du Alles gehört?«

»Alles. Kein Wort ist mir entgangen.«

»Verfluchter Kerl! Wer hat Dir das erlaubt?«

»Außer mir selbst natürlich Niemand.«

»Das will ich mir verbitten!«

»Glaube es gern, hilft aber nichts mehr.«

»Ich könnte Dich beohrfeigen!«

»Das wäre Unsinn. Zu geschehenen Dingen muß man gute Miene machen.«

»Aber, Kerl, was hast Du denn für eine Absicht dabei gehabt?«

»Sage mir zuerst, welche Absicht Du selbst hattest, als Du dem Manne winktest?«

»Ich wollte mit ihm reden.«

»Natürlich. Das versteht sich ja ganz von selbst. Aber warum sollte ich das nicht wissen?«

»Geht es Dich Etwas an?«

»Sehr! Erstens habe ich den Mann nicht für Dich, sondern für mich engagirt, und wenn ich ihn aus meiner Tasche bezahle, so ist es für mich nicht von Vortheil, wenn er in Deinem Interesse thätig sein soll, zumal Du versichert hast, daß ich von Dir nicht einen Rubel erhalten werde. Und zweitens geht mich Dein Verhältniß zum Maharadscha doch wohl auch ein Wenig an.«

»Gar nichts!«

»O vielleicht sehr viel, denn ich möchte Dich soviel wie möglich in meine Hände bekommen.«

»Das laß nur bleiben!«

»Bitte! Was ich thun will oder bleiben lasse, das ist meine Sache. Uebrigens wollte er gar nicht mit Dir sprechen.«

»Wer sagt das?«

»Ich, wie Du hörest. Er hatte Dich winken sehen, ging aber nicht zu Dir.«

»Das zweite Mal kam er.«

»Weil ich zu ihm ging und ihn zu Dir schickte, sonst wäre er gar nicht gekommen.«

»So hast Du meine Winke gesehen?«

»Alle beide.«

»Ah! Stehe ich etwa unter Deiner Aufsicht?«

»So lange wir beisammen sind, kannst Du es mir nicht verdenken, daß ich Dich scharf beobachte.«

»Dazu hast Du gar keine Veranlassung!«

»Und doch die besten Gründe. Es lag dem Manne übrigens gar nichts daran, mit Dir zu reden.«

»Weil er nicht wußte, wer ich bin.«


// 2126 //

»Wie? Der hätte es nicht gewußt? Lächerlich! Er hat Dich sofort erkannt, als Du kamst. Darauf nehme ich Gift.«

»Meinst Du?«

»Gewiß. Er hat seine eigenen Absichten, wie Du aus seinem Verhalten sehen kannst.«

»Es scheint so. Er kennt Steinbach.«

»Ja, zu meiner starren Verwunderung habe ich es gehört.«

»So sage mir nur das Eine, wie er hat von ihm hören können. Das ist mir ein Räthsel.«

»Mir ebenso.«

»Ob Steinbach ihm einen Boten gesandt hat?«

»Wahrscheinlich.«

»Aber da muß dieser verdammte Deutsche doch gewußt haben, wer Nummer Fünf eigentlich ist und wo er sich befindet!«

»Habe ich Dir nicht gesagt, daß Nena Alles verrathen hat? Du wolltest es nicht glauben.«

»So hätte Steinbach sich in Folge dessen bereits längst nach ihm erkundigt?«

»Das ist anzunehmen.«

»Donnerwetter! So können wir freilich machen, daß wir ihm aus der Schußlinie kommen. Wir stehen Beide in Gefahr.«

»Ganz gewiß!«

»Ich reite noch heut fort!«

»Ich auch; aber dennoch werde ich nichts überstürzen. Wenn der Maharadscha den Deutschen wirklich jetzt erwartete, so hätte er sich nicht von mir zur Zobeljagd engagiren lassen. So lange er mich begleitet, hast Du nichts zu fürchten.«

»Er kann Dich auch plötzlich sitzen lassen!«

»O nein. Jedenfalls wäre er da lieber gleich gar nicht auf meinen Vorschlag eingegangen.«

»Möglich! Also Steinbach soll Gökala heirathen! Köstlich! Ein Glück nur, daß der Vater gar nicht weiß, wo die Tochter ist.«

»Sollte er es wirklich nicht wissen?«

»Nein. Wann bist Du mit ihm von Platowa fortgeritten?«

»Am Nachmittage.«

»Und ich bin erst am nächsten Morgen mit ihr gekommen. Wie kann er da wissen, daß sie in Platowa ist?«

»Da wäre es freilich unmöglich. Die Hauptsache ist, daß ich nun weiß, weshalb Du nach dem Mückenflusse gekommen bist. Willst Du noch leugnen?«

»Nein.«

»Du hast den Maharadscha ausfindig machen wollen. Gestehst Du das ein?«

»Ja.«


// 2127 //

»Nun, diese Absicht ist erreicht. Er reitet mit mir auf den Zobelfang. Das ist jedenfalls ein sehr günstiger Umstand für Dich.«

»Unter Umständen, ja. Er kann mir nun nicht mehr entgehen.«

»Ja. Ich werde ihn unter eine scharfe Wache nehmen, und Du kannst uns begleiten, wenn es Dir gefällig ist.«

»Ich möchte nicht.«

»Warum?«

»Weil ich denke, daß er Dir dann entflieht. Er scheint sich nicht gern in meiner Gesellschaft zu befinden.«

»Nun, das verdenke ich ihm freilich nicht.«

»Werde nicht malitiös!«

»Pah! Wir befinden uns unter Freunden. Ueberlege Dir, was Du thun willst.«

»Das werde ich! Es ist eine ganz verfluchte Geschichte, daß er nicht auf meinen Vorschlag eingehen will. Das macht mir einen gewaltigen Strich durch die Rechnung.«

»Nun, auf einen Hieb fällt kein Baum und all zu viel Zeit habe ich nicht übrig, dieses Steinbach wegen. Ich werde den Nummer Fünf bearbeiten. Und daß Steinbach ihn nicht findet, das habe ich jetzt in meiner Hand. Ich darf mich nur mit ihm schnell und weit in die Urwälder begeben. Da mag dieser Deutsche sehen, ob er ihn entdeckt.«

»Gut! Aber behalten wir ihn fest im Auge, daß er mir nicht unversehens entwischt.«

»Schön! Nun aber wirst Du wohl zugeben, daß Dein Interesse ziemlich eng mit dem meinigen zusammenhängt?«

»Hm! Vielleicht. Willst Du wieder beginnen, von dem Gelde zu sprechen?«

»Das kannst Du Dir denken.«

»Daran liegt mir nichts.«

»Mir desto mehr. Zahle, so bist Du mich los!«

»So schnell wollen wir nicht handeln. Uebrigens liegt es gar nicht in meinem Interesse, Dich los zu werden, wenn ich gezahlt habe. Wenn ich Dir Geld gebe, so will ich Dich nicht los sein, sondern Du sollst dann für das Geld in meinem Nutzen thätig sein.«

»Ah! Wie Du rechnen kannst!«

»Wunderst Du Dich darüber?«

»Nein, aber ich habe nicht geglaubt, daß Du so ein guter Kaufmann seist.«

»Lassen wir die Scherze. Unsere Lage ist ernst genug.«

»Besonders wenn man Geld haben will und keins bekommt!«

»Winke mir nicht mit solchen Zaunspfählen. Es hilft Dir doch nichts. Das heißt, ich will nicht sagen, daß Du absolut nichts bekommen sollst. Ich habe vielmehr Lust, Dir einen lukrativen Vorschlag zu machen.«

»Lukrativ? Das höre ich gern.«

»Lukrativ, das heißt einträglich ist er.«


// 2128 //

»So laß ihn hören!«

»Er lautet folgendermaßen: Hilf mir, den Maharadscha so weit zu bringen, daß er die Freiheit aus meiner Hand nimmt und mir seine Tochter giebt!«

»Darauf gehe ich ein.«

»Schön! Ich weiß, daß Deine Bemühungen nicht ohne Erfolg sein werden.«

»Will ich hoffen.«

»Zur Erreichung dieses Zweckes ist es natürlich erforderlich, daß dieser Steinbach aus dem Wege geräumt wird.«

»Dazu bin ich gern behilflich. Du weißt ja, daß ihm meine Liebe nicht gehört.«

»Die drei Amerikaner können meinetwegen auch den Weg alles Fleisches gehen.«

»Wenn ich ihnen denselben zeigen kann, soll es mich wirklich von ganzem Herzen freuen.«

»Das denke ich auch. Du hast eine ziemlich lange Rechnung mit ihnen quitt zu machen.«

»Bis hierher sind wir einig. Wir Beide handeln vereint. Aber nun weiter. Was bekomme ich für meine Bemühungen?«

»Ich gebe Dir dreißigtausend Rubel!«

»Und dafür soll ich Dir zur Thronfolge eines indischen Herzogthumes und zum ganzen Erbe eines Maharadscha, bestehend aus ungezählten Millionen verhelfen?!«

»Male es nicht zu reich aus!«

»Es ist die Wahrheit.«

»Na, ein ungeheures Vermögen ist allerdings vorhanden; das weiß ich genau. Nur die Edelsteine des Thrones sollen über fünfzig Millionen werth sein.«

»Und für das Alles erhalte ich dreißigtausend elende Rubel!«

»Gut! Ich will Dir die von Dir verlangten Fünfzigtausend bieten, damit Du siehst, daß ich anständig bin.«

»Alle Wetter! Das nennt dieser Mann auch noch anständig!«

»Etwa nicht?«

»Nein. Die Fünfzigtausend verlangte ich als eine Art Nachzahlung für das, was ich bereits geleistet habe. Jetzt aber sprechen wir von Leistungen, welche ich noch zu bringen habe. Da ist also von den Fünfzigtausend keine Rede mehr.«

»Donnerwetter! Ist auch das nicht genug, das ist ja reine zum toll werden!«

»Unsinn! Wer wird da gleich von Tollheit sprechen! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth. Und wenn Du Millionen bekommst, will auch ich so ein kleines, einsames, einzelnes Milliönchen haben.«

»Mensch, Du hast das Gehirn erfroren!«

»Darum brauche ich Geld, um es mir wieder aufthauen zu lassen.«


// 2129 //

»Eine Million! Auf dieser Grundlage ist es überhaupt unmöglich, weiter mit Dir zu verhandeln.«

»Nun, was bietest Du denn?«

»Nichts mehr. Für ein Angebot ist mir nun der richtige Maßstab verloren gegangen. Deine Million hat mir den Verstand so sehr erschreckt, daß ich gar keine verständige Zahl mehr finden kann.«

»Ich gebe Dir Zeit bis heut Abend. Ich hoffe, daß wir einig werden.«

»Und ich befürchte, daß wir es nicht werden.«

»Dann wäre es schade um Deine hübschen Pläne. Maharadscha würdest Du nicht.«

»Vielleicht kann ich es ganz gut auch ohne Deine Hilfe werden.«

»Versuche es! Jetzt aber haben wir lange genug hier beisammen gesteckt. Hast Du noch Etwas zu fragen oder zu bemerken?«

Als diese Frage ausgesprochen wurde, löste sich die geschmeidige Gestalt des Maharadscha von dem Busche los. Als er vorhin die Beiden allein gelassen hatte, war er nicht etwa gegangen, sondern er hatte sich sogleich neben der Stelle, wo sie standen, hinter einen Strauch niedergeduckt, um zu hören, was sie nun mit einander sprechen würden.

Jetzt nun, als er hörte, daß dasselbe zu Ende gehen werde, eilte er fort und saß, als sie dann vor dem Hause anlangten, in großer Ruhe und Unbefangenheit bei den anderen Zobeljägern.

Indessen hatte der Oberlieutenant sämmtliche Gebäude durchsucht und keine Spur des Kosaken Nummer Zehn gefunden. Drüben in einem Nebengebäude hatte der Tunguse Gisa noch schlafend im Bette gelegen. Er war kein Bett gewöhnt, und darum genoß er das Glück, einmal in weichen Federn zu schlafen, vollständig aus.

Darum war er noch nicht aufgestanden, und sein Schlaf war so fest gewesen, daß er von Allem, was in der Frühe bis jetzt geschehen war, gar nichts gehört hatte.

Der Officier kannte ihn, da Gisa sich sehr oft in Platowa befand. Darum sagte er zu ihm, als der Tunguse jetzt bei seinem Erscheinen aufwachte und sich erstaunt umblickte:

»Du bist es, Gisa! Ich habe geglaubt, Du seist auch mit in Platowa.«

Der Tunguse sah Einen nach dem Andern an. Trotz der kleinen Schlaftrunkenheit, die sich bei ihm bemerkbar machte, ahnte er sogleich, daß hier nach Nummer Zehn ausgesucht werde. Er antwortete:

»Da war ich ja auch mit.«

»Nun, was machst Du da hier?«

»Der Fürst sandte mich mit der Botschaft zu unserem Brüderchen Peter Dobronitsch, daß wir am Schlusse des Jahrmarktes wieder kommen werden, um am See zu weiden.«

»Wann bist Du hier angekommen?«

»Gestern.«

»Zu welcher Zeit?«


// 2130 //

»Das war am späten Nachmittage.«

»Hast Du unterwegs keinen Bekannten getroffen?«

»Nein.«

»Auch nicht etwa von fern einen Reiter gesehen, einen Kosaken?«

»Nein. Erst hier am Flusse begegnete ich einem.«

»Ah! Kanntest Du ihn?«

»Natürlich!«

»Wie hieß er denn? Etwa Nummer Zehn?«

»O nein. Es war der Wachtmeister Wassilei von der hiesigen Stanitza.«

»Ach Der! Den habe ich gar nicht gemeint.«

»Was ist denn eigentlich mit ihm los?«

»Er ist entsprungen und wird nach der Grenze seine Flucht genommen haben.«

»Nummer Zehn? So ein guter Soldat! Der entspringt nicht, Herr!«

»Kennst Du ihn?«

»O, sehr genau. Den würde ich in jeder Verkleidung sofort erkennen. Ich habe ihn aber nicht gesehen. Den einzigen Menschen, den ich getroffen habe, das war das Vetterchen von Peter Dobronitsch hier. Ich traf ihn unterwegs, und wir sind bei einander geblieben und zusammen hier angekommen.«

Der Officier war doch so vorsichtig, diesen Umstand nicht sofort fallen zu lassen, sondern ihm einige Erkundigungen zu widmen. Er fragte den Bauer:

»Also hast Du Besuch bekommen?«

»Ja, Herr.«

»Wirklich ein Vetter von Dir?«

»Ein sehr lieber Vetter.«

»Wie heißt er denn?«

»Iwan Skobeleff aus Jekatarinenburg.«

»Das ist weit! Was wollte er denn? So eine weite Reise macht man nicht nur eines Freundschaftsbesuches wegen.«

»Das ist wahr. Er kam in Geschäften. Sein Vater will sich hier im Transbaikal ankaufen und hat ihn hergesandt, um mich davon zu benachrichtigen. Nun ist er fort nach Hamlow zu, um sich die dortige Gegend anzusehen.«

»So ist er schon wieder aufgebrochen? Wann denn?«

»Heute gegen Morgen und zwar ohne Begleitung.«

»Hm! Weiß er denn die Wege?«

»Er kennt sie noch von früher her. Er ist schon zweimal hier bei mir gewesen.«

»So! Also hast Du wirklich keine Spur von der Nummer Zehn bemerkt?«

»Nein, Herr. Du hättest Dir die große Mühe, hier auszusuchen, leicht ersparen können, wenn Du mir Glauben geschenkt hättest.«

»Nun, es ist besser so, daß ich mich überzeugt habe. So bist Du doch nun über jeden Verdacht erhaben.«


// 2131 //

»Das bin ich wohl stets.«

»O nein. Ich will Dich warnen. Ich muß Dir sagen, daß Du doch im Verdachte stehst, zuweilen Einem von den »armen Leuten« fort zu helfen.«

»Ich, Herr? Wie kannst Du mir das anthun!«

»Ich will Dich nicht beleidigen, Peter Dobronitsch, sondern nur warnen. Du hast ein gutes Herz und so ein gutes Herz thut zuweilen Etwas, was der Verstand nicht ganz gutheißen kann. Jetzt nun sind wir fertig und wollen zurückkehren.«

Als sie vor dem Wohnhause anlangten, kehrten grad der Graf und der einstige Derwisch vom Brunnen zurück. Der Oberlieutenant rief dem Ersteren zu:

»Fertig!«

»Keine Spur von Nummer Zehn?« antwortete der Graf.

»Nein. Ist nicht hier und auch wohl nicht in der Gegend gewesen. Wir werden an anderen Orten suchen müssen.«

Wie bereits erwähnt, war der Oberlieutenant mit zwanzig Kosaken von Platowa aufgebrochen, um dem flüchtigen Kosaken nachzujagen, und der Graf mit zehn Reitern, um nach dem Maharadscha zu forschen.

Der Letztere hatte den Ersteren unterwegs eingeholt und so waren Beide zu gleicher Zeit hier angekommen.

Der Kosakenwachtmeister war schon längst mit der Reinigung seines Gesichtes fertig. Er hatte auch von einer mitleidigen Magd eine alte Bürste erhalten und sich mit Hilfe derselben die Uniform nach Kräften vom Ruß befreit. Nun stand er seit Langem vor der Thür, um sich gebotenermaßen bei dem Oberlieutenant zu melden.

Er hörte die Worte, welche Dieser dem Grafen zurief und hörte natürlich auch den Kosaken Nummer Zehn nennen. Das fiel ihm auf. Er schritt schnell auf den Offizier zu, meldete sich und sagte dann:

»Ich habe gehört, daß Du nach dem entflohenen Nummer Zehn suchst, Väterchen. Ist er wirklich desertirt?«

»Ja. Warum fragest Du?«

»Weil ich ihn gesehen habe.«

»Wann?«

»Gestern am Nachmittage.«

»Wo?«

»Drüben am Flusse traf ich ihn.«

»Kennst Du ihn?«

»Ja, ich habe ihn einmal gesehen.«

»Du hast ihn doch gleich ergriffen?«

»Ja. Ich habe ihn sogleich arretirt.«

»Donnerwetter! Er ist also arretirt, bereits seit gestern und ich krieche hier in allen Löchern und Winkeln herum, ihn zu suchen! Kerl, warum hast Du mir das nicht gesagt? Du konntest Dir doch denken, daß ich seinetwegen da war! Wo steckt er denn?«

»Ich weiß es nicht.«


// 2132 //

»Was? Du weißt es nicht? Und hast ihn doch arretirt!«

»Ich habe ihn wieder freilassen müssen.«

»Warum?«

»Weil Peter Dobronitsch sagte, es sei sein Vetter aus Jekatarinenburg.«

»Ach so! Da hast Du den Vetter für den Nummer Zehn gehalten!«

»Nein. Der Bauer hat vielmehr den Nummer Zehn für seinen Vetter gehalten.«

»Unsinn! Der Bauer wird doch seinen Vetter kennen, während Du - - - der Flüchtling gehört gar nicht zu Deiner Stanitza und in Deine Sotnie. Wie oft hast Du ihn denn gesehen?«

»Einmal.«

»Und mit ihm gesprochen?«

»Nein. Ich sah ihn am Fenster vorübergehen und da wurde er mir genannt.«

»Also nur schnell im Vorübergehen gesehen! Wie kannst Du da behaupten, der Vetter sei der Flüchtling gewesen. Du hast einen ganz und gar schuldlosen Menschen arretirt. Du bist ein Mensch, der lauter Dummheiten zu machen scheint. Scheer Dich zum Teufel! Ich werde Deinem Sotnik die Meldung machen, daß Du ein gehöriger Confusionsrath bist. Und sage mir doch einmal, bist Du denn gestern Abend von der Stanitza aus bis hierher zu Fuß gegangen?«

Der Wachtmeister hatte in seinem Bestreben, sich an Peter Dobronitsch zu rächen, ein ganz entschiedenes Pech. Alles lief verkehrt aus. Und jetzt zog sich wieder ein neues Wetter über seinem tief herabgebeugten Haupte zusammen.

Der brave Reiter hat zunächst auf sein Pferd und dann erst an zweiter Stelle auf sich selbst zu sehen. Und er hatte während seiner Sündfluthzeit in der Räucherkammer keine Muße gehabt, sich um sein Thier zu kümmern.

»Nein,« antwortete er ängstlich.

»Wo hast Du denn das Pferd?«

»Das habe ich ungefähr eine Werst von hier an einen Baum gebunden.«

»Hallunke, was mache ich nur mit Dir! Gieb mir mal einen guten Rath! Wie viele Knutenhiebe soll ich Dir dictiren?«

Der Gescholtene senkte den Kopf noch tiefer und zog es vor, nicht zu antworten.

»Nun, wie viele Hiebe?«

»Gar keine!« stöhnte er.

»So, gar keine! Das ist freilich für Dich ein guter Rath. Aber ich werde ihn nicht befolgen. Wenigstens zwanzig mußt Du aufgezählt bekommen!«

»O, Väterchen, thue es nicht, thue es nicht! Du darfst es nicht thun.«

»Ah! Ich darf nicht? Wer sollte mich denn davon abhalten?«

»Das Mitleid.«


// 2133 //

»Dazu habe ich gar keine Veranlassung. Ich habe vielmehr den allergrößten Grund, die möglichste Strenge walten zu lassen.«

»Herr, ich bin genug bestraft durch das verdammte Wasser.«

»Kommst Du mir schon wieder mit dem Wasser, Kerl! Es hat ja gar keins gegeben.«

»O, sogar eine ganze Ueberschwemmung!«

»Ihr beiden Kerle müßt geträumt haben; anders ist es nicht.«

»Es war kein Traum, Väterchen, sondern die Wirklichkeit. Du hast uns doch oben auf den Stangen sitzen sehen. Was hätten wir da oben gewollt? Wir haben uns hinaufretten müssen, sonst wären wir ersoffen. Das Wasser hob uns ja weiß Gott schon hoch in die Höhe!«

»Das verstehe, wer es verstehen kann!«

»Sei doch so gut und befühle meine Uniform! Sie ist noch ganz naß. Oder erlaube mir, die Stiefel auszuziehen! Da kannst Du Dich überzeugen.«

»Gut. Herunter mit ihnen.«

Der Kosak zog die hochschäftigen Stiefel aus und - goß aus jedem wenigstens einen halben Liter Wasser. Es war von oben in die Schäfte gelaufen und hatte zu den sehr durabel aus Juchtenleder gearbeiteten Stiefeln unten nicht wieder hinaus gekonnt.

»Das ist allerdings eine gehörige Portion! Und die ist drinnen in der Räucherkammer in die Stiefel gelaufen?«

»Ja, Väterchen.«

Die Beiden standen jetzt abseits von den Andern, so daß diese Letzteren zwar sehen, was zwischen dem Vorgesetzten und dem Wachtmeister vorging, aber nicht hören konnten, was die Beiden mit einander sprachen.

»Hm!« meinte der Erstere. »Es scheint doch, als wenn es Wasser gegeben hätte!«

»Genug, mehr als genug, Väterchen!«

»Und es kam durch die Esse?«

»Ja, in einem dicken Strome.«

»Erzähle doch einmal! Aber, Kerl, lüge mir ja nichts hinzu!«

Der Wachtmeister gab nach Kräften einen treffenden Bericht und sprach auch einige Vermuthungen aus. Der Offizier ging an den Giebel, um die Außenmauer zu inspiziren und dann auch an den Brunnen, wo er die Länge der Schläuche untersuchte. Darauf kehrte er zu dem Wachtmeister zurück und sagte in milderem Tone:

»Ich kann es mir denken, wie es gewesen ist; aber Ihr seid selbst schuld daran. Euch ist ein verdammt schnurriger Streich gespielt worden und Ihr könnt leider nichts dagegen machen. Eure Unvorsichtigkeit ist Schuld daran. Du magst freilich eine gehörige Angst ausgestanden haben und der Sitz da oben war auch nicht bequem. In Anbetracht dieser Umstände will ich einmal Gnade für Recht ergehen lassen und so thun, als ob nichts geschehen wäre. Du sollst an Deiner Angst genug haben. Reite heim und sei ein anderes Mal gescheidter!«


// 2134 //

Wer war froher als der Wachtmeister! Er trollte schleunigst ab und nahm sich im Stillen vor, sich - - - doch noch an dem Bauer zu rächen und zwar ganz gehörig.

Nun winkte der Oberlieutenant den Letzteren herbei. Dieser ahnte, wovon die Rede sein werde.

»Peter Dobronitsch,« sagte der Offizier, »der Wachtmeister behauptete noch immer, daß hohes Wasser in der Räucherkammer gestanden habe. Wie erklärst Du das?«

»Er muß ein Gläschen Wutki zu viel getrunken haben.«

»So! Aber vom Wutkitrinken laufen Einem doch nicht die Stiefel voller Wasser!«

»Wer weiß, wie lange das schon drin gewesen ist!«

»So! Meinst Du, daß ein Kavalleriewachtmeister mit zwei Liter Wasser Monate lang in der Welt herumreitet? Ich wenigstens glaube es nicht.«

»Oder haben sie vor Angst geschwitzt!«

»So daß ihnen der Schweiß in die Stiefel geronnen ist, bis dieselben so überliefen, daß das Wasser den Leuten bis an die Achseln ging? Meinst Du, daß zwei Menschen so viel zusammenschwitzen können?«

»Ich weiß es nicht; ich schwitze selten.«

»Sei froh darüber! Aber weißt Du, wie ich mir die Sache erkläre? Ich denke, daß Dein Brunnen geschwitzt hat.«

»Der? Ja, der schwitzt freilich Tag und Nacht.«

»Nur mit dem Unterschiede, daß sein Tagesschweiß in den Trog, sein Nachtschweiß aber zur Feueresse in die Räucherkammer hineinläuft. Nicht?«

»Wie käme das Wasser bis zur Esse hinauf?«

»Durch die Hochdruckröhren am Brunnen und durch den Schlauch. Was sagst Du dazu, mein liebes Brüderchen?«

»Da müßte doch auch das Nebenstübchen ganz voll Wasser gelaufen sein.«

»O nein. Ich weiß, daß Thüren zur Räucherei immer hübsch luftdicht schließen.«

»Und das Wasser müßte noch in der Räucherkammer gestanden haben, als wir sie öffneten. Es war aber keins da.«

»So war es schon fort.«

»Aber wohin?

»Kannst Du Dir das nicht denken, Peterchen?«

»Nein.«

»So komm doch einmal mit!«

Er führte ihn nach der Giebelwand und zeigte auf das zugestopfte Loch.

»Wozu ist dieses da?«

»Um Zug zu erregen, wenn wir räuchern.«

»Auch nicht dazu, den Schlauch hinein zu stecken, wenn man Wasser herauspumpen will?«

»Sapperment!« entfuhr es dem Bauer.


// 2135 //

»Nicht wahr, ich habe gar keine üblen Ansichten, mein gutes Peterchen?«

»Sie sind vielleicht wirklich nicht übel, aber ich kann mich gar nicht hineindenken.«

»Schau doch mal her an das Loch. Hier giebt es Ruß, welcher noch feucht ist. Die Spur sieht ganz so aus, als ob das Rußwasser aus dem Loche gelaufen sei. Das ist jedenfalls geschehen, als der Schlauch wieder herausgezogen worden ist. Oder kannst Du es Dir auf eine andere Weise erklären, mein gutes Freundchen?«

»Nein. Ich erkläre es mir lieber gar nicht.«

»Daran thust Du sehr klug, denn wenn Du es mir erklären wolltest, so würde ich Dir vielleicht sagen müssen, daß die Uniform eines Soldaten nicht da ist, um einen Wolkenbruch aufzufangen. Es würden sich daran vielleicht sogar einige Erörterungen knüpfen, im Verlauf deren gewisse Paragraphen zum Vorschein kommen würden. Also wollen wir die Sache lieber auf sich beruhen lassen. Nicht?«

»Hm! Ich bin es zufrieden,« lächelte schlau der Bauer. »Mir ist ja Alles recht, wenn ich nur keine heimliche Einquartirung wieder bekomme.«

»O, die ist so eingeregnet worden bei Dir, daß sie wohl nicht daran denken wird, es abermals mit so einem Wetter zu versuchen. Und weißt Du, was wir da noch auf sich beruhen lassen wollen?«

»Nein.«

»Die Angelegenheit mit Sergius Propow. Laß ihn wieder so heraus, wie Du auch das Wasser herausgelassen hast, aber nicht durch das kleine Loch in der Mauer, sondern durch die Thür!«

»Das habe ich gleich von vorn herein beabsichtigt. Er sollte nur noch ein wenig Angst ausstehen.«

»Er hat genug ausgestanden. Man darf nie des Guten zu viel thun, auch beim Wasser nicht.«

»Werde es mir merken!«

»Das freut mich. Siehst Du, liebes Freundchen, es ist doch hübsch, wenn zwei vernünftige Leute einander verstehen, ohne daß sie es einander sagen. Also laß ihn heraus! Er wird nicht gleich wiederkommen!«

Peter Dobronitsch ging, dieser Weisung Folge zu leisten und der Offizier begab sich zu seinen Kosaken und zu dem Grafen, um sich mit demselben über die weitere Verfolgung des flüchtigen Nummer Zehn zu besprechen.

Nach wenigen Augenblicken sah man den frommen Nachbar aus dem Hause treten. Er bildete eine wahre Jammergestalt und hatte ein Rußgesicht, schwarz wie ein Mohr. Er huschte, so schnell es ihm seine maltraitirten Glieder erlaubten, am Hause hin und verschwand um die Ecke. Er hatte eine Lehre empfangen, welche zu vergessen wohl nicht leicht war.

Kaum war er nach der einen Seite fort, so kamen von der anderen neue Ankömmlinge - ein Lieutenant mit einem Detachement Kosaken, in Summa vielleicht dreißig Mann.


// 2136 //

Als der Anführer den Oberlieutenant aus Platowa erblickte; ließ er einen Ruf der Ueberraschung und der Freude hören und ritt schnell auf ihn zu.

»Du hier, Kameradchen?« sagte er. »Wer hätte das gedacht! Was führt Dich her?«

»Ich suche einen Deserteur, Kosak Nummer Zehn. Hast Du vielleicht von ihm gehört, Freundchen?«

»Nein.«

»Ist auch sonst Niemand eingefangen worden bei Euch?«

»Kein Mensch. Es hat seit Tagen an unserer Grenze nichts Neues gegeben, als nur erst heut.«

»Heut? Was ist es?«

»Gleich etwas Großes und Seltenes. Du hast doch auch von dem Boroda gehört?«

»Dem flüchtigen Zobeljäger? Ja.«

»Nun, wir stehen eben im Begriff, ihn zu fangen und die tausend Rubel zu verdienen, welche auf ihn gesetzt sind.«

»Gratulire! Wißt Ihr denn, wo er zu finden ist?«

»Ja, ganz genau. Er und seine Bande.«

»Wie? Ihr habt das Versteck seines Gefolges entdeckt?«

»Nicht wir sondern ein Mann aus der Stanitza. Dieser ist des Nachts nach dem Flusse gegangen, um Krebse zu fangen mit Hilfe einer Fackel. Da hat er einen leichten Feuerschein bemerkt und ist auf denselben zugegangen. Er hat gesehen, daß »arme: Leute« daliegen, wohl gegen zweihundert Mann, auch einige Leute mehr. Er hat sich möglichst weit hinan gewagt und da das Gespräch zweier Männer belauscht, aus welchem er vernommen hat, daß Boroda, der Anführer, während der Nacht fortgegangen sei.«

»Welch eine Entdeckung! Wo liegen sie?«

»Nur einige Werst von hier im Dickicht an einer großen Krümmung des Flusses. Der Mann ist erst vor kurzer Zeit wieder heimgekehrt, denn es sind dann Schildwachen ausgestellt worden, durch welche er sich nicht hat schleichen können. Am Anbruch des Tages sind dieselben eingezogen worden und nun hat er erst wieder zurückgekonnt.«

»Dann hat er freiwillig die Anzeige gemacht?«

»Ja.«

»Das ist ein Wunder. Er ist kein Soldat?«

»Nein.«

»Solche Leute vom Civil pflegen den »armen Leuten« eher fortzuhelfen, als daß sie ihnen hinderlich sind.«

»Der hätte die Anzeige wohl auch unterlassen, aber die tausend Rubel haben ihn verlockt, welche auf das Ergreifen von Alexius Boroda gesetzt worden sind.«

»Und Ihr hier wollt Euch der ganzen Gesellschaft bemächtigen?«

»Wir allein? Dreißig Mann? O nein. Das dürften wir nicht wagen. Diese Leute werden sich ganz verzweifelt ihrer Haut wehren.«

»Welches Arrangement ist getroffen worden?«


Ende der neunundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen, deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk