Lieferung 91

Karl May

10. September 1887

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


// 2161 //

Deine beiden Begleiter heißen Snaker. Die Behörden werden aufgefordert, Euch allen möglichen Vorschub zu leisten.«

»So ist es. Du siehst also, daß ich auf Deine Hilfe rechnen kann!«

»Hm, nicht so ganz. Es steht allerdings hier, daß alle Civil- und Militärbehörden Dich, wenn Du es verlangst, unterstützen sollen. Aber davon ist nichts zu lesen, daß Du diesen Behörden Hindernisse in den Weg legen darfst!«

»Hindernisse? Das thue ich ja gar nicht!«

»O doch. Hinderst Du mich nicht hier?«

»Allerdings. Ich hindere Dich nämlich, etwas Ungesetzliches zu thun.«

»Pah! Was ich thue, das weiß ich zu vertreten. Peter Dobronitsch erhält die Knute!«

»Nein, er erhält sie nicht, so lange ich mich hier befinde. Wo ist das rechtskräftige Urtheil, welches ihn zur Knute verdammt?«

»Hier!« antwortete der Major zornig, indem er auf sich deutete.

»Du giltst hier nichts. Der Bauer ist keinem Militärgerichte unterstehend, denn er ist kein Soldat. Ich frage nach dem Urtheile der betreffenden Civilbehörde.«

»Mann, was wagst Du da?«

»Pah, gar nichts.«

»Ich bin Major!«

»Und ich bin Samuel Barth; das ist weit mehr als Major! Verstanden?«

»Ich lasse Dich arretiren.«

»Versuche es!«

»Ich brauche nur einen Wink zu geben.«

»So winke.«

»Gut. Nehmt ihn gefangen!«

Dieser Befehl war an die beiden Kosaken gerichtet. Sam erhob die Büchse und drohte:

»Wer nur eine Miene macht, sich mir zu nähern, den schieße ich nieder!«

Seine beiden Gefährten legten ebenso wie er die Gewehre an.

»Donnerwetter!« schrie der Major. »Mir das! Wollt Ihr sie augenblicklich ergreifen!«

Die beiden Kosaken standen zwischen ihrem Vorgesetzten und den Mündungen der drei auf sie gerichteten Gewehre. Sie zogen es vor, den Letzteren zu gehorchen und traten ängstlich zurück.

Da sprang der Major vom Pferde und rief:

»Also der offene Ungehorsam! Ihr sollt Eure Strafe erleiden! Ich werde die Arretur jetzt selbst vornehmen.«

Und sich an Sam, Jim und Tim wendend, sagte er in befehlendem Tone:

»Ihr seid meine Gefangenen!«

»Schön!« lachte Sam.


// 2162 //

»Folgt mir!«

»Wohin?«

»Dahin, wohin ich Euch führe.«

»Gib Dir keine Mühe! Wir machen doch, was wir wollen. Hat Jemand das Recht, hier eine Arretur vorzunehmen, so sind wir es. Das werden wir Dir sogleich zeigen.«

Er trat an das Pferd heran, auf welchem der einstige Derwisch saß, und sagte:

»Bill Newton, ich klage Dich an des Mordes, des Raubes, des Betruges, der Fälschung und einer ganzen Zahl anderer Verbrechen. Du bist mein Gefangener.«

»Der Deinige? Ha, greif zu!« lachte Bill.

Er gab seinem Pferde die Sporen und riß es herum, in der Absicht, davonzujagen. Aber er hatte sich in dem Dicken verrechnet. Dieser that einen schnellen Griff, faßte das Bein des Reiters und riß ihm den Fuß aus dem Bügel - ein Ruck, Bill flog aus dem Sattel, stürzte zur Erde, und das Pferd jagte reiterlos davon.

»Nehmt ihn auf und schafft ihn in die kleine Stube rechts vom Hausflur!« gebot Sam seinen beiden Kameraden.

Es hatte dieses Befehles eigentlich gar nicht bedurft, denn kaum berührte Bill Newton den Boden, so hatten die beiden Jäger ihn auch bereits ergriffen und emporgerissen.

Er brüllte laut auf vor Wuth, der Major war ebenso ergrimmt wie er.

»Halt!« schrie er. »Das dulde ich nicht!«

»Wirst es wohl dulden müssen!« antwortete Sam. »Ich mache Dich auf den Inhalt meines Passes aufmerksam und fordere Dich auf, mir behilflich zu sein, den Kerl hier in Sicherheit zu bringen.«

»Sollte mir einfallen!«

»Nicht? Also Ungehorsam gegen die oberste Behörde! Das kann Dir theuer zu stehen kommen. Glücklicher Weise bedarf ich Deiner Hilfe nicht, denn ich bin Manns genug, mir selbst zu helfen. Schafft ihn fort!«

Das sagte er zu Jim und Tim. Der Bauer hatte, seit er wieder aufgestanden war, dem Vorgange still zugeschaut. Jetzt sagte er zu den beiden Jägern:

»In der Stube ist er Euch nicht sicher. Schafft ihn lieber in die Räucherei. Ich will sie Euch zeigen.«

Er ging voran und die beiden Andern folgten mit Bill, welcher sich vergeblich gegen sie sträubte; sie hatten ihn zu fest.

Der Major fluchte das Blaue vom Himmel herab; aber Sam stand ihm so selbstbewußt und ruhig gegenüber, daß er es nicht wagte, sich an ihm zu vergreifen. Da hielt der Graf es an der Zeit, ein Wort zu sagen. Sam war ja auch sein Gegner. Wenn dieser unschädlich gemacht wurde, so war fast gewonnenes Spiel.


// 2163 //

»Major,« sagte er, »lassen Sie sich so etwas bieten! Von einem obscuren Menschen, welcher ohne allen Rang und Stand ist?«

»Sie haben Recht,« antwortete der Offizier. »Der Kerl soll es büßen. Oberlieutenant, bitte, holen Sie meine Kosaken herbei.«

Er hatte das zu dem Oberlieutenant aus Platowa gesagt. Dieser zuckte die Achseln und antwortete:

»Herr Major, es thut mir leid, mich in dieser heiklen Angelegenheit nicht betheiligen zu können.«

»Warum nicht?«

»Sie geht mich nichts an.«

»Bin ich nicht Ihr Vorgesetzter!«

»Allerdings.«

»So haben Sie zu gehorchen!«

»Hier nicht. Ich gehöre jetzt nach Platowa. Wenn Sie des Gehorsams bedürfen, so wenden Sie sich gütigst an die hiesigen Kameraden!«

»Alle Teufel! Soll ich etwa auch Sie wegen Insubordination einsperren lassen!«

»Das steht Ihnen unbenommen. Nur mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich darüber zu verantworten haben werden. Uebrigens habe ich Sie gewarnt und Ihnen mitgetheilt, daß diese Männer unter dem ganz besonderen Schutze der Behörde stehen. Ich kam hierher einen Flüchtling zu fangen. Er ist entkommen, und ich habe nichts mehr hier zu suchen. Ich kehre nach Platowa zurück.«

Er entfernte sich, um seine Kosaken aufzusuchen und mit denselben abzureiten. Der Major warf ihm einen wüthenden Blick zu.

»Sich so Etwas gefallen lassen zu müssen!« raunte ihm der Graf schadenfroh zu, natürlich um ihn noch mehr aufzuregen.

»Eigentlich kann ich doch nichts thun,« entgegnete der Major. »Ich habe diesem Samuel Barth, nachdem ich seinen Paß gesehen habe, wirklich beizustehen.«

»Auch wenn ich dagegen spreche?«

»Dann allerdings ist es etwas Anderes. Sie sind mit Vollmachten vom Gouverneur versehen.«

»Nun gut! So bitte ich Sie, diesen Samuel nebst seinen beiden Gefährten gefangen zu nehmen!«

»Werden Sie es verantworten?«

»Ja.«

»Dann gut!«

Er schickte einen andern Offizier fort, um die Kosaken, welche sich noch am Ufer des See's befanden, herbeizuholen. Dieser hatte sich kaum entfernt, so kam der Platowaer Oberlieutenant an der Spitze von dreißig Kosaken, um sich von dem Major zu verabschieden.


// 2164 //

»Was ist das?« fragte der Graf. »Sie erhielten doch nur zwanzig Mann mit?«

»Allerdings,« antwortete der Oberlieutenant.

»Und ich zehn. Wollen Sie mir die etwa entführen?«

»Entführen nicht. Eine Entführung pflegt heimlich zu geschehen; ich aber handle in aller Offenheit. Diese zehn Mann wurden Ihnen als Begleitung nach dem Mückenflusse mitgegeben. Sie sind am Ziele angelangt, und nun führe ich diese Leute, deren Sie nicht mehr bedürfen, nach ihrer Garnison zurück!«

»Ich bedarf ihrer noch!«

»Wenn Sie militärische Kräfte nöthig haben, so wenden Sie sich an den Herrn Major, welcher Ihnen sehr gern zu Diensten sein wird.«

Der Graf zeigte sich freilich damit nicht einverstanden. Er fragte:

»Herr Oberlieutenant, steht es denn in Ihrem Belieben, mir die Truppen zu entziehen, welche mir auf Befehl des Kreishauptmannes mitgegeben worden sind?«

»Allerdings, denn ich bin hier Kommandirender aller nach Platowa gehöriger Soldaten. Sie haben sich, scheint es mir, in eine Verlegenheit geritten, an welcher ich mich und die Meinigen nicht gern betheiligen möchte. Herr Major, melde mich mit dreißig Mann ab nach Platowa. Wünsche viel Vergnügen!«

Damit trabte er mit seinen Leuten von dannen.

Sam hatte das Alles zu seinem größten und heimlichen Vergnügen mit angesehen und angehört. Er machte in Folge dessen ein Gesicht, welches sowohl den Grafen als auch den Major herzlich ärgerte. Darum rief der Erstere dem Letzteren zornig zu:

»Herr Major, ich bitte nochmals, diesen Menschen arretiren zu lassen!«

»Giebt es einen Grund dazu?« fragte der Offizier laut, um sich für alle Fälle sicher zu stellen.

»Ja. Ich verantworte es.«

»Du hörst es!« sagte der Major zu Sam.

»Also leiste keinen Widerstand.«

»Fällt mir nicht ein!« antwortete Sam. »Ich werde doch gegen die Arretur dieses Mannes keinen Widerstand leisten. Herr Major, ich fordere Sie auf, ihn zu arretiren!«

Der Major fluchte laut auf. Er hielt zwischen zwei Männern, von denen der Eine den Andern arretirt wissen wollte. Wem sollte er da den Willen thun!

»Also bitte!« drängte der Graf. »Da kommen ja Ihre Leute.«

Der Offizier kam mit den herbeigeholten Kosaken. Da schien es sehr leicht zu sein, sich der Person Sams zu bemächtigen. Dieser aber lachte lustig auf und sagte:

»Herr Major, ich bitte, diesen Mann zu arretiren, und zwar schnell, damit er nicht etwa Zeit zur Flucht findet.«


// 2165 //

»Alle Teufel! Ist denn ein Grund vorhanden?«

»Hast Du den Grafen so gefragt? Ich verantworte die Arretur.«

»Das kannst Du nicht!«

»Oho. Du kennst meinen Paß, und nun ist es gut.«

»Hole Euch der Teufel! Ich werde mich hüten, irgend Jemand zu arretiren! Habt Ihr Etwas gegen einander, so machts gefälligst selber ab. Mich geht Eure Geschichte gar nichts an. Ich bin nicht hier um Privatangelegenheiten militärisch auszutragen. Dir aber, Peter Dobronitsch, werde ich einen Hemmschuh anlegen. Verstanden! Du sollst mich nicht betrügen. Es ist ganz sicher, daß Du die Flüchtlinge versteckt hast. Willst Du mir gehorchen, wenn ich Dir zum letzten Male befehle, mir zu sagen, wo das Versteck sich befindet?«

»Ich weiß kein Versteck,« antwortete der Bauer, welcher mit Jim und Tim wieder zurückgekommen war.

»So mache Dich nur auf doppelte Strafe gefaßt, wenn ich Dich überführe!«

»Suche, ob Du ein Versteck finden kannst, welches gar nicht vorhanden ist.«

»Ich werde nicht suchen. Du sollst es nicht fertig bringen, mir eine Nase zu drehen. Ich werde Deine Besitzung einschließen lassen, so daß keine Maus entkommen kann. Dann wird es sich finden, wo die Kerls, welche mir die Pferde erschossen haben, hingekommen sind. Kommen Sie, Graf, Sie sind mein Gast.«

»Sogleich!«

Der Graf warf einen forschenden Blick auf den noch immer an seiner Stelle sitzenden Maharadscha und ritt davon. Die Kosaken folgten den Beiden. Als nach einiger Zeit der Bauer seine Knechte auf Recognition aussandte, meldeten sie ihm bei ihrer Rückkehr, daß allerdings seine ganze Besitzung von Kosaken umgeben sei. Vom See bis wieder zum See war ein Halbkreis gebildet worden. Die Soldaten thaten Fußdienst und standen in leichter Anrufweite auseinander. Auch an dem Ufer des See's war eine starke Wache aufgestellt, um das etwaige Entkommen der Flüchtlinge über das Wasser zu verhindern.

»Das ist nun freilich schlimm,« sagte Peter Dobronitsch. »Nun können sie nicht fort.«

»Pah,« lachte der Dicke. »Wenn ich will, so jage ich die sämmtlichen Kosaken zum Teufel, oder ich drehe ihnen eine Nase, auf welche hin sie ihren Posten ganz freiwillig verlassen. Man hat ja nur die Umgebung besetzt, hier aber sind wir unbeobachtet und können mit den »armen Leuten« ganz ungehindert verkehren. Magst Du mir nicht einmal den Versteck zeigen?«

»Ja, Du sollst ihn sogleich sehen und wirst Dich wundern, wie prächtig für seinen Zweck er sich eignet. Kommt mit mir!«

Peter Dobronitsch führte Sam, Jim und Tim zur Pechtanne. Die drei Jäger waren natürlich vorsichtig genug, sich zu überzeugen, daß kein Unberufener


// 2166 //

sie dabei beobachte. Sie zeigten sich erstaunt, als sie aufgefordert wurden, die Höhe des Riesenbaumes zu ersteigen. Noch mehr aber wuchs ihr Erstaunen, als sie dann auf dem betreffenden Aste in das Innere der Höhle gelangten.

Diese war vollständig erleuchtet; es brannten alle Lampen, und in allen Räumen herrschte ein außerordentlich reges Leben. Die Verbannten fühlten sich ganz glücklich, ein solches Versteck gefunden zu haben. Es war ihnen nun möglich, nach den entsetzlichen Strapazen hier einmal auszuruhen.

Der Bauer und seine drei Begleiter wurden mit Jubel empfangen. Es kamen hundert Antworten auf hundert und noch mehr Fragen. Und als die Verbannten nun hörten, daß sie den glücklichen Ausgang des Ueberfalls zumeist dem energischen Eingreifen der drei fremden Jäger zu verdanken hätten, wollten die Händedrücke gar kein Ende nehmen.

Die meisten der Leute befanden sich natürlich in dem hinteren freien Raume, da wo die Quelle sprudelte. Dort traf Sam auch den Kosaken Nummer Zehn.

Als dieser den Dicken und dessen zwei lange Begleiter erblickte, kam er erfreut herbeigeeilt und streckte ihnen die Hände entgegen.

»Da seid Ihr, da!« rief er. »Ich habe bereits von Eurer Ankunft gehört und von dem, was man Euch zu verdanken hat. Kommt her und setzt Euch mit zu uns! Ich hoffe, daß Ihr Euch hier sehr gut unterhalten werdet.«

Boroda streckte ihnen die Hände entgegen.

Auf der Felsenplatte, wohin er sie führte, saßen zwei alte, grauköpfige Personen, ein Mann und eine Frau von sehr ehrwürdigem Aussehen. Bei ihnen saß der Anführer der Verbannten, Alexius Boroda, welcher sich erhob und die Drei mit den freundlichsten Händedrücken empfing. Als sie sich zu den beiden Alten niedergesetzt hatten, gab Nummer Zehn Alexius einen Wink und entfernte sich mit ihm an eine Stelle, an welcher sie nicht beobachtet werden konnten.

»Was giebt es?« fragte Boroda.

»Wie gefallen Dir diese drei Personen?«

»Außerordentlich. Sie scheinen wirkliche Originale zu sein.«

»Das sind sie auch. Ich meine aber besonders den Dicken.«

»Was ist mit ihm?«

»Ahnst Du es nicht?«

»Was soll ich ahnen?«

»Hm! Ich habe absichtlich noch nichts gesagt; aber gleich als ich hörte, daß ein dicker und zwei lange Menschen sich so gewichtig dreingelegt hätten, so wußte ich sofort, woran ich war. Diese drei Männer sind nämlich - nun, so rathe doch!«

»Doch nicht die drei Jäger in Platowa, von denen Du mir erzählt hast?« fiel der berühmte Zobeljäger schnell ein.

»Ja, sie sind es.«


// 2167 //

»Mein Gott, so wäre dieser Dicke kein Anderer als - wie nanntest Du ihn? Wohl Sam Barth?«

»Ja.«

»Mein Onkel?«

»Er ist es.«

»Herr Jesus! So muß ich gleich -«

Er wollte eiligst fort. Der Andere aber hielt ihn kräftig zurück und bat:

»Ueberstürze die Sache nicht! Beherrsche Dich! Es muß doch gar zu schön sein, wenn der Dicke und Deine Eltern selbst darauf kommen, wer sie gegenseitig sind. Schweig also jetzt noch, und verdirb Dir und mir den Spaß nicht. Hast Du zu den Eltern schon von ihm gesprochen?«

»Nein. Du hattest mich ja gebeten, es nicht zu thun.«

»Dann schön! Setzen wir uns also zu ihnen, und lassen wir der Sache ihren eigenen Verlauf!«

Sie kehrten an den Felsen zurück und betheiligten sich in möglichst unbefangener Weise an der Unterredung, welche natürlich in russischer Sprache geführt wurde.

Alexius Boroda wurde es natürlich außerordentlich schwer, gegen Sam so gleichgiltig wie gegen einen fremden Menschen zu erscheinen.

Der Gegenstand der Unterhaltung bestand ganz selbstverständlich in dem heutigen Ereignisse, welches von allen möglichen Seiten beleuchtet wurde. Dann kam die Rede auf die Zukunft, der sie alle hoffnungsvoll entgegenblickten. Jeder glaubte, daß die Flucht nun nach Ueberwindung der bedeutendsten Anstrengungen gelingen werde. Man befand sich ja so nahe an der Grenze.

»Nun fragt es sich nur, wohin wir uns zu wenden haben, wenn die Grenze hinter uns liegt,« sagte der alte Vater Boroda. »Es giebt da so verschiedene Wege; aber alle haben den Fehler, daß sie unendlich weit sind. Ueber China, nach Indien, Persien, Afghanistan, durch die Kirgisensteppe. Bei allen diesen Namen überläuft Einem eine dicke Gänsehaut.«

»Ueber die Richtung läßt sich jetzt noch nichts bestimmen. Warten wir, bis mein Gebieter kommt. Dem wollen wir Alles vortragen, und er wird das Beste wählen,« sagte Sam.

»Gebieter? Hast Du einen Herrn? Bist Du Diener? Es schien mir nicht so zu sein.«

»Nun, das Verhältniß zwischen uns und ihm ist allerdings ein ganz anderes als zwischen Herr und Dienern. Wir sind Gefährten, nur daß er ein gar so vornehmer Herr ist.«

»Was ist er denn?«

»Ja, wer das wüßte! Wir wissen nicht einmal seinen wirklichen Namen.«

»So trägt er einen falschen?«

»Ja. Es ist, so was man sagt, ein Pseudonym.«


// 2168 //

»Und wie nennt er sich?«

»Steinbach.«

»Das ist ja ein deutscher Name!«

»Allerdings.«

»Und wir werden ihn hier sehen?«

»Ja, er kommt. Es ist sogar möglich, daß er bereits heut hier eintrifft.«

»Welch eine Freude! Welch ein Glück, daß man wieder einmal mit einem Deutschen, mit einem Landsmanne reden kann!«

Sam machte ein betroffenes Gesicht.

»Oho!« rief er aus. »Landsmann? Seid Ihr denn Deutsche?«

»Ja.«

»Sakkerment! Ist das möglich! Aus welchem Lande denn?«

»Aus Sachsen.«

»Himmel! Ist's wahr?«

»Ja. Warum erschrickst Du darüber?«

»Erschrecken? Fällt mir gar nicht ein! Wenn ich etwa ein dummes Gesicht gemacht habe, so ists nicht vor Schreck, sondern vor Entzücken.«

»So liebst Du wohl die Deutschen?«

»Gewaltig, und die Sachsen erst recht!«

»Warum?«

»Donnerwetter, warum? Weil ich selbst ein ganz echter und richtiger Sachse bin.«

»Ist das möglich!«

»Ja, wirklich.«

Er war aufgesprungen und die Anderen auch.

»So können wir ja deutsch reden! So sind wir Landsleute!« rief der alte Boroda.

»Natürlich! Aber wie kommt es denn, daß Ihr als Sachse einen russischen Namen habt?« fragte Sam.

»Unser Name ist ein gut deutscher. Wir haben ihn nur in das Russische übersetzt.«

»Uebersetzt! Alle Teufel! Boroda heißt im Deutschen doch - doch - doch - - -!«

Er sprach den Satz nicht aus. Er wich langsam Schritt um Schritt zurück und fixirte den alten Boroda mit ungewissem Blicke. Dieser Letztere aber ergänzte Sams Rede:

»Boroda heißt Barth.«

»Barth - Barth -« wiederholte Sam wie im Traume. »Mann, Mensch, sage mir einmal, wo Du geboren bist!«

»In Herlasgrün!«

»Mein Himmel! Gott, o Gott! Daß ich noch so etwas erleben darf! So ein Glück!«

»Was denn? Was hast Du?«


// 2169 //

Sam war ganz bleich geworden. Er konnte sich kaum auf den Beinen erhalten.

»Was ich habe?« fragte er. »Ich habe weiter nichts, als daß ich auch in Herlasgrün geboren bin.«

»Wie? Was? Auch in Herlasgrün?«

»Ja. Und daß ich auch Barth heiße!«

»Herrgott! Auch Barth!«

»Ja, ich heiße Samuel und Du Karl. Bruder, mein Bruder! Ich könnte gleich sterben vor Freude!«

Er wankte und breitete die Arme aus. Im nächsten Augenblicke lagen die Beiden einander am Herzen. Die nun folgende Scene läßt sich unmöglich beschreiben. Es giebt weder Worte noch Farben, das Entzücken eines Mannesherzens treffend darzustellen.

Natürlich flog auch Alexius in die Arme Sams. Dieser rief:

»Und was meine Freude verdoppelt, das ist der Umstand, daß Euer Junge, mein Neffe, so ein berühmter Zobeljäger geworden ist. Der Kerl hat eine Ader von mir. Bube, hättest Du es für möglich gehalten, daß Du hier in Sibirien einen Oheim finden würdest?«

»Nein. Aber seit heut in der Nacht habe ich es gewußt.«

»Von wem?«

»Von Diesem da.«

Er deutete auf Nummer Zehn.

»Ja, dem habe ich von mir erzählt. Du hast ihm auch von Dir erzählt, und so konnte er es sich sehr leicht zusammenreimen, daß ich Dein Verwandter oder gar Dein Oheim bin. Bruder, erinnerst Du Dich noch meiner Gustel? Weißt Du, diejenige, welche?«

»Welche Dir untreu wurde, so daß Du vor Wuth nach Amerika gingst? Ja, ich erinnere mich Ihrer noch ganz gut. Was ist mit ihr?«

»Wittfrau ist sie.«

»So, was geht das Dich an?«

»Sehr viel!«

»Wie? Du willst doch nicht -«

»Jawohl will ich!«

»Nachdem sie damals den Schulmeister Dir vorgezogen hat!«

»Pah! Das vergeb ich ihr, denn nun, da er todt ist, zieht sie mich ihm vor. Sie wird also doch noch Deine Schwägerin.«

»Ja, Du bist zu aller Zeit so ein seelensguter Kerl gewesen. So hast Du also Herlasgrün besucht?«

»Nein.«

»Aber, woher weißt Du, daß sie Wittwe ist?«

»Sie hat es mir selber gesagt, freilich nicht in Herlasgrün, sondern in Amerika, wo ich sie getroffen habe.«

»Das klingt ja außerordentlich abenteuerlich, Sam!«


// 2170 //

»Ist es auch! Warte nur, wenn ich Dir meine Erlebnisse erzähle! Dann wirst Du gar nicht aufhören, Dich zu wundern. Ist es nicht wirklich viel, daß zwei Herlasgrüner sich hier in Sibirien treffen, und als sie sich nach dem und dem Geburtsorte fragen, finden sie, daß sie Brüder sind!«

»Ja, unser Herrgott thut noch Zeichen und Wunder, das ist wahr!«

»Wie aber bist Du denn unter die Verbannten gekommen?«

»Davon später, lieber Sam. Ich will mir nichts Bitteres fallen lassen in das Glück, welches ich jetzt empfinde. Gott, mein Gott, wenn ich daran denke, daß ich meinen Bruder wieder habe, und daß ich meine Heimath wieder sehen werde, so möchte ich in die Kniee sinken und Gott laut preisen und lobsingen. Nach so vielen Leiden und Trübsalen möchte der Herr es geben, daß wir unser Vaterland wiedersehen dürfen!«

»Karl, ich verspreche Dir, daß Ihr es wirklich wieder seht!«

»Das kannst Du nicht!«

»O doch!«

»Wer wärst Du da!«

»Sam Barth, der Prairiejäger!«

»Der ist doch nicht allmächtig und allwissend. Wie nun, wenn wir sterben!«

»Ja, dahin reicht meine Macht freilich nicht. Gegen Gott läßt sich nicht handeln. Aber was in der Kraft eines Menschen steht, Dich nach dem Vaterlande zurückzubringen, das wird gewiß geschehen. Sam Barth hat noch ganz andere Dinge fertig gebracht. Vor dem Zaaren mit seinen Kosaken fürchten wir uns nicht!«

»Sei nicht vermessen!«

»Nein. Wollen demüthig sein. Doch dürfen wir dabei nicht vergessen, daß der Mensch der Schmied seines eigenen Schicksals ist. Ich vertraue auf Gott, auf mich und auf - Steinbach. Lernt diesen Mann kennen; dann werdet Ihr sagen, daß Ihr in Eurem ganzen Leben zum ersten Male einen wirklichen Mann gesehen habt.«

Peter Dobronitsch hatte die Höhle wieder verlassen, weil seine Anwesenheit auf dem Hofe heut mehr als sonst nothwendig war. Heut konnte an jedem Augenblicke etwas Ungewöhnliches passiren. Da mußte er selbst vorhanden sein.

Aber die zahlreichen Insassen des Versteckes hatten viele Bedürfnisse, für welche gesorgt werden mußte. Es war ein Unterschied, ob nur ein einzelner Mann oder eine solche Anzahl von Verbannten sich in der Höhle befand. Da war die Anwesenheit Mila's nothwendig, und darum stieg sie, sobald sie es unbemerkt bewerkstelligen konnte, zum Versteck hinauf.

Die Flüchtlinge, von denen sie für den Engel der Verbannten gehalten wurde, empfingen sie mit lebhafter Freude und mit Worten des herzlichsten Dankes. Sie ging von Gruppe zu Gruppe, fragte nach den verschiedenen Wünschen und Bedürfnissen und hatte große Mühe, die Leute zu überzeugen, daß sie nicht der Engel sei, sondern nur im Auftrage desselben handle.


// 2171 //

Hinten in dem offenen Kraterkessel saß die Familie Barth noch beisammen. Sie erfuhr mit innigster Theilnahme, daß hier so ein außerordentliches Wiedersehen stattgefunden habe, und versprach, zur Feier desselben einige Flaschen Wein zu bringen oder zu senden, der hier so ungemein selten war. Sie blieb eine ganze Weile bei ihnen und wurde dann, als sie sich endlich entfernte, von Sam begleitet, welcher heimliche Gedanken hegte, die er gern ausführen wollte.

Er hatte darüber nachgedacht, wie es möglich sein werde, eine so große Anzahl von Flüchtigen über die Grenze zu bringen. Das war natürlich außerordentlich schwierig. Ein Einzelner konnte sich viel leichter durch die Kosakenposten schleichen. Und dazu war jetzt die ganze Grenze des Besitzthums von Peter Dobronitsch vom Militär besetzt.

Sam hegte einen Gedanken, welcher zwar sehr kühn war, doch schien er der einzige zu sein, welcher zum Ziele führen konnte. Es handelte sich nicht allein darum, die Gefangenen über die Grenze zu bringen. Sie mußten dann, wenn dies gelungen war, eine weite, weite Reise durch unwirthbare Gebiete machen, welche von un- oder halbcivilisirten Völkerstämmen bewohnt waren. Von einem eigentlichen wirklichen Bewohntsein war nicht einmal die Rede. Die Kirgisenhorden sind ja beständig in einem Hin- und Herziehen begriffen.

Ueber diesen Gedanken wollte er mit Dobronitsch sprechen, um dessen Ansicht zu vernehmen.

Der Bauer war in diesem Augenblicke nicht daheim, er hatte sich auf die Weide zu den Heerden begeben. Das benutzte Sam, um nach dem einstigen Derwisch zu sehen. Darum begab er sich nach der Räucherkammer. In dem Stübchen vor derselben saßen Jim und Tim.

»Wie hat er sich verhalten?« fragte Sam.

»Sehr ruhig,« antwortete Jim.

»Das ist verdächtig.«

»Warum?«

»Wenn er schrie und allerlei Lärm und Unfug verübte, wäre es mir viel lieber. Wer sich so still in ein solches Schicksal ergiebt, der hat heimliche Gedanken!«

»Mag er sie haben! Uns kümmert das nicht.«

»Oho! Uns kümmert das sehr. Wenn er nun an Flucht denkt!«

»Diesen Gedanken mag er sich vergehen lassen!«

»Hältst Du denn die Ausführung für unmöglich?«

»Ja. Kann er etwa hier durch?«

»Nein. Aber ich weiß nicht ob die Räucherkammer so fest ist, daß er sich nicht einen Ausweg bahnen könnte.«

»Was das betrifft, so habe ich nachgesehen. Durch diese Mauern kann er nicht. Er hat auch gar nichts bei sich, was er als Werkzeug benutzen könnte. Wir haben ihm ja alles abgenommen.«

»Hm! Was er nicht durch Gewalt zu vollbringen vermag, das wird er versuchen, durch List auszuführen. Ich werde mir diese Räucherei doch einmal genau ansehen.«


// 2172 //

Er schob den Riegel zurück und öffnete die Thür. Der Verbrecher hatte sich auf den feuchten Boden niedergelassen und mit dem Rücken an die Mauer gelehnt. Er warf einen grimmigen, haßerfüllten Blick auf Sam.

»Ach, Du machst es Dir bequem!« sagte Sam. »Schade, daß ich Dir keinen Sammetstuhl und keine Gasbeleuchung anbieten kann. Solcher Luxus ist leider hier gar nicht vorhanden.«

»Hund verdammter!« knirrschte der Gefangene.

»Wie war das? Du möchtest doch ein Wenig höflicher sein. Es könnte mir sonst in den Sinn kommen, Dir meine Antwort mit der Knute zu ertheilen.«

»Wage es!« rief der Andere, indem er aufsprang.

Die Wuth wollte sich bei ihm Bahn brechen. Er ballte drohend die Fäuste.

»Ja, ich wage es!« antwortete Sam.

Im Nu hatte er die Knute vom Gürtel los und hieb nun mit solcher Schnelligkeit und Vehemenz auf den Kerl ein, daß dieser gar keine Zeit fand, eine abwehrende oder gar angreifende Bewegung zu machen. Die Hiebe fielen eben so hageldicht, daß er gar nichts Anderes thun konnte, als sie über sich ergehen zu lassen.

»Da!« lachte der Dicke, als er aufhörte, da sein Arm ermüdet war; »jetzt siehst Du, ob es ein Wagniß ist, Dich durchzuprügeln. Wer bist Du denn eigentlich? Ein Zuchthäusler, dem wohl gar der Galgen winkt. Und wer warst Du vorher? Eine armselige Bedientenseele, welche die ganze Familie ihres Herrn ins Unglück gestürzt hat. Zu einem solchen Kerl kann man natürlich nur mit der Peitsche reden.«

»Verfluchter Verleumder!« brüllte der Gezüchtigte. »Beweise mir die Wahrheit Deiner Behauptung!«

»Das werde ich thun, und ich hoffe sehr, daß es mir nicht schwer fallen soll!«

»Nichts kannst Du beweisen, gar nichts!«

»Meinst Du?« lachte Sam höhnisch.

»Ich heiße Peter Lomonow und bin Kaufmann aus Orenburg.«

»So ist es an Dir, den Beweis zu erbringen, daß dies wahr ist.«

»Ich kann mich legitimiren.«

»Pah! Die Papiere sind gefälscht oder gestohlen! Du bist Master Newton, der früher, als er noch Diener war, Florin geheißen hat.«

»Das ist eine verdammte Lüge!«

»So! Ist Dir denn nicht eine deutsche Familie Namens Adlerhorst bekannt?«

»Nein.«

»Aber drüben in Kalifornien hast Du das doch eingestanden!«

»Das ist nicht wahr!«

»Nicht? Warum bist Du denn ausgerissen, wenn Du nicht der warst, für den wir Dich hielten?«


// 2173 //

»Das ist meine Sache!«

»Ach so! Nun, so mag es eben auch Deine Sache sein, wie Du aus der Klemme kommst, in der Du Dich jetzt befindest.«

»Ich verlange, frei gelassen zu werden.«

»Dieser Herzenswunsch ist sehr erklärlich, wird Dir aber nicht gar so leicht erfüllt werden.«

»So werde ich Euch bestrafen lassen!«

»Schön! Es soll mich freuen, von Dir angezeigt zu werden. Thue das nur möglichst bald.«

»Noch heute werde ich es thun.«

»Recht so. Aber wie denn?«

»Ich verlange, vor die Polizei geführt zu werden.«

»Dies Verlangen ist ganz gerecht. Nur wird diejenige Polizei, welcher wir Dich einliefern werden, nicht die von Dir gewünschte sein, welche Du meinst. Kennst Du vielleicht einen Herrn, welcher Steinbach heißt?«

»Nein.«

»Sonderbar! Ich war der Meinung, daß Du ihn bereits in Konstantinopel gesehen habest.«

»Ich war nie in Konstantinopel.«

»So! Auch nicht in Tunis?«

»Nein.«

»Aber in Amerika hast Du ihn gesehen? Zum Beispiele im Thale des Todes?«

»Was geht mich dieser Steinbach an!«

»Sehr viel, denn ihm werden wir Dich übergeben.«

»Das verbitte ich mir!«

»Pah! Du hast Dir gar nichts zu verbitten! Und noch Eins muß ich Dich fragen. Kennst Du vielleicht einen Grafen Alexei von Polikeff?«

»Nein.«

»Sonderbar! Du scheinst grad diejenigen Leute nicht zu kennen, mit denen Du intim verkehrtest.«

»Ich habe nie einen Menschen gesehen, der so heißt.«

»Nun, wir werden Dir ihn zeigen. Jetzt aber will ich mich einmal unterrichten, ob ein Vogel, der in diesem Käfig steckt, zu entfliehen vermag.«

Er untersuchte die Räucherkammer sehr genau und überzeugte sich, daß Florin hier nicht entkommen könne. Dann wurde der Letztere wieder eingeschlossen.

»Sollen wir den Kerl denn fortgesetzt bewachen?« fragte Jim.

»Das versteht sich!«

»Aber langweilig ist es.«

»Leider! Es ist aber nicht zu ändern. Dieser Kerl ist zu wichtig, als daß wir ihn außer Acht lassen sollten. Er hat schon oft das Glück gehabt, Steinbach zu entkommen. Dieses Mal aber darf es ihm nicht gelingen. Wir können uns ja ablösen. Jetzt habe ich mit dem Bauer zu reden.«


// 2174 //

Dieser war inzwischen heimgekommen. Sam fand ihn in der Wohnstube.

»Nun, wie hat Dir das Versteck gefallen?«

Mit dieser Frage empfing ihn Dobronitsch.

»Außerordentlich gut. Einen bessern Ort für Aufbewahrung von Leuten, welche von der Polizei gesucht werden, kann es gar nicht geben. Aber sag' doch einmal, wie lange Du sie hier behalten willst!«

»Bis sich die Gelegenheit zum Entkommen findet.«

»Das kann aber sehr lange dauern.«

»Ist nicht zu ändern.«

»Hm! Hast Du denn bereits darüber nachgedacht?«

»Natürlich.«

»Nun, wie denkst Du Dir ihre Flucht?«

»Wir müssen die Kosaken einschläfern und sie sicher machen! Dann führe ich die »armen Leute« durch die Grenzposten hindurch.«

»Und dann?«

»Befinden sie sich auf chinesischem Gebiet.«

»Wo sie festgenommen werden und zurückgeliefert werden.«

»Sie werden sich wehren.«

»Womit?«

»Ich habe dem Engel sagen lassen, daß für sie Waffen besorgt werden sollen, und hoffe, daß dies geschehen ist.«

»Es ist geschehen. Ich selbst habe dem Kreishauptmann von Platowa den ganzen dortigen Waffenvorrath entwendet. Die Tungusen bringen genug Flinten und Munition mit.«

»Gott sei Dank! So muß die Flucht gelingen!«

»Das denke ich auch. Unter Umständen ist es gar nicht nöthig, List anzuwenden. Wenigstens ich würde mich sofort anheischig machen, sämmtliche Flüchtlinge sogar bei hellem Tage über die Grenze zu bringen. Wir könnten uns recht gut über die Grenze durchschlagen; das haben wir heut den Kosaken ja bewiesen. Aber wie stünde es dann, wenn sich die Flüchtigen auf jenseitigem Gebiete befinden? Sie müßten Hungers sterben.«

»An Proviant würde es ihnen freilich fehlen.«

»Und der ist gerade die Hauptsache.«

»Allerdings. Mitnehmen können sie keinen, da sie dann nur langsam fortkommen könnten. Also müßten sie unterwegs requiriren. Das ist für sie aber unmöglich.«

»Nicht ganz.«

»Wieso?

»Nun, wie steht es denn dann; wenn ein Kosakenvolk eine weite Wanderung zu machen hat? Wenn z. B. eine Kosakenabtheilung nach einem weit entfernten Orte versetzt wird?«

»Nun, die leiden keine Noth. Sie müssen an jedem Orte, den sie berühren, Alles erhalten, was sie brauchen.«

»So! Das ist gut, sehr gut!«


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»Wieso?«

»Nun, was meinst Du dazu, daß die Flüchtigen gar nicht über die Grenze hinübergehen?«

»In diesem Falle sind sie verloren.«

»Pah! Ich meine, daß sie als Kosaken sich von hier entfernen sollen.«

»Das ist gar nicht möglich.«

»Es ist unter Umständen sogar sehr leicht.«

»Herr, ich kann Dich nicht begreifen. Du nennst etwas gradezu Unmögliches leicht.«

»Und mit vollem Rechte. Kannst Du mir vielleicht sagen, woher die hiesigen Kosaken ihre Uniformen erhalten?«

»Aus Irkutsk.«

»So! Und diese Monturen werden nur dann geliefert, wenn man ihrer bedarf?«

»Nein. Es ist stets ein sehr ansehnlicher Vorrath hier vorhanden.«

»Wo? In der Stadt?«

»Nein, sondern in der nächsten Stanitza, wo der Major kommandirt.«

»Giebt es dazu einen besonderen Aufbewahrungsort?«

»Ja. Neben dem Hause des Majors steht ein kleineres Gebäude, in welchem sich all diese Gegenstände befinden.«

»Ach! Wenn man das einmal sehen könnte!«

»Du brauchst nur hinzureiten.«

»Aber wenn ich allein reite, so muß ich mich erkundigen, und durch mein Fragen könnte ich leicht Verdacht erregen.«

»Nun, ich könnte Dich wohl begleiten.«

»Das wäre vortrefflich. Willst Du mit?«

»Erst muß ich wissen, was Du vor hast.«

»Ich möchte Uniformen, überhaupt Ausrüstungsgegenstände stehlen, um die Flüchtigen als Kosaken auszustaffiren.«

»Herr, bist Du toll!«

»Nein.«

»O doch. Es wäre geradezu eine Tollheit!«

»Pah! Dann wäre es ja grade so toll gewesen, dem Kreishauptmann von Platowa die Waffen auszuführen, und das habe ich doch auch fertig gebracht!«

»Aber schwer ist's gewesen!«

»Sehr leicht sogar! Es hat nur einige Viertelstunden gedauert, so waren wir fertig.«

»So bist Du ein sehr kühner Mann.«

»Es scheint Manches schwer, was sehr leicht ist, wenn es richtig angepackt wird. Es kann doch gar nicht unmöglich sein, das Vorrathshaus während der Nacht auszuräumen.«

»Es wird bewacht und zwar von zwei Posten.«

»Die fürchten wir natürlich nicht.«


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»Aber es liegen zweihundert Kosaken in der Stanitza. Die habt Ihr natürlich zu fürchten.«

»Auch diese nicht. Du hast ganz vergessen, daß sie sich jetzt nicht dort befinden. Sie haben ja Deine Besitzung umschlossen.«

»Jetzt, in diesem Augenblicke. Aber lange wird das jedenfalls nicht währen.«

»Nun, so müssen wir eben dafür sorgen, daß es länger dauert oder, daß der Streich sehr bald ausgeführt werde.«

»Welch ein Aufsehen das erregen würde!«

»Darnach dürfen wir nicht fragen.«

»Aber selbst wenn es Dir gelänge, so würde es doch vergeblich sein. Es würde Euch die Hauptsache fehlen.«

»Was wäre das?«

»Pferde. Die Flüchtlinge haben nur wenige mit, und diese sind ja ganz außerordentlich abgetrieben.«

»So versorgen wir ihnen andere.«

»Auch welche Weise denn?«

»Hm! Man kauft sie.«

»Von wem?«

»Von Dir zum Beispiele. Du scheinst ja eine ganze Heerde zu besitzen.«

»Sie gehört nicht mehr mir. Sie ist verkauft.«

»Das ist freilich außerordentlich dumm. Würde denn der jetzige Besitzer nicht mit sich reden lassen?«

»Nein. Der ist kein sicherer Mann.«

»Kennst Du keinen Andern?«

»Auch nicht. Selbst wenn es einen gäbe, würde die Sache zu sehr auffallen. Es wäre Alles verrathen.«

»Nun, so müssen wir uns anders zu helfen suchen.«

»Aber wie?«

»Die Tungusen werden uns aushelfen.«

»Sie würden es thun, aber indem Du dies von ihnen verlangst, würdest Du sie in Gefahr bringen.«

»Daß sie als unsere Helfershelfer zur Rechenschaft gezogen werden? Da hast Du Recht. Das will ich ihnen doch nicht anthun. Aber Pferde brauchen wir, also müssen sie beschafft werden, und wenn wir sie vom Himmel holen sollten.«

»Dort giebt es keine!«

»Leider! Wäre auch etwas zu weit für uns.«

Er ging nachdenklich in der Stube auf und ab. Endlich blieb er vor Dobronitsch stehen und sagte:

»Ich habs, ich habs! Wir bekommen Pferde, und zwar weit mehr als wir brauchen.«

»Da bin ich neugierig!«


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»Von den Kosaken.«

»Von ihnen selbst? Wird ihnen nicht einfallen!«

»Sogar sehr wird es ihnen einfallen, oder vielmehr uns! Den Einfall werden eben wir haben.«

Der Bauer blickte den Dicken kopfschüttelnd an.

»Herr,« sagte er, »kein Kosak verkauft ein Pferd.«

»Wer spricht davon, daß wir kaufen wollen?«

»Du doch selbst!«

»Fällt mir nicht ein. Wenn wir die Uniformen stehlen wollen, so können wir auch die Pferde stehlen.«

»Heiliger Himmel!« rief Dobronitsch.

»Darüber erschrickst Du so?«

»Natürlich!«

»Ist aber gar nicht der Rede werth!«

»Pferdedieb willst Du werden!«

»Ja. Sogar mit dem größten Vergnügen.«

»Weißt Du, was das heißt?«

»Ja. Aber wenn ich einen Waffenrock stehle, so bin ich ein Spitzbube. Stehle ich auch noch ein Pferd dazu, so bin ich auch nur ein Spitzbube. Warum soll ich also das Pferd stehen lassen, wenn ich es ebenso nothwendig brauche wie den Rock?«

»Diese Erklärung ist freilich nicht übel.«

»Nicht wahr? Ja, man braucht sich die Sache nur zurecht zu legen, dann bekommt sie ein ganz gutes Gesicht.«

»Aber wie willst Du es anfangen?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Die Kosaken sind so mit ihren Pferden verwachsen, daß ich an dem Gelingen Deines Vorhabens mit vollem Rechte zweifle.«

»Nun, wirklich zusammengewachsen mit ihnen sind sie nicht. Ich werde einmal recognosciren. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Militär Deine Besitzung zu Fuße umlagert. Die Pferde würden dabei nur hinderlich sein. Ist meine Vermuthung richtig, so hat man die Thiere irgendwo zusammengetrieben, wo sie sich unter der Obhut von nur wenigen Leuten befinden. Wie es damit steht, werden wir ja sehen können, wenn wir jetzt nach der Stanitza reiten. Also, Du willst mit?«

»Ja, ich wollte.«

»Du wolltest? Willst aber wohl nicht mehr?«

»Hm!« brummte Dobronitsch bedenklich. »Zum Pferdediebe möchte ich denn doch nicht werden!«

»Wer verlangt dies denn von Dir?«

»Wie die Sachen stehen, werde ich mit schuldig, auch ohne daß man es von mir verlangt.«

»Da irrst Du Dich. Ich sage Dir, daß Du gar nicht davon berührt wirst.«


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»Ich will den >armen Leuten< gern so viel wie möglich helfen. Aber mich von der Polizei festnehmen und bestrafen lassen, das möchte ich nicht.«

»Wird auch nicht geschehen.«

»Ganz gewiß! Sobald man merkt, daß ich die Hand mit im Spiele habe. Ich habe mein Gut verkauft und will nach der Heimath zurück. Anstatt dessen aber könnte es dann der Fall sein, daß ich als Gefangener in Sibirien bleiben und in den Bergwerken arbeiten müßte.«

»Ich sage Dir aber, daß davon gar nicht die Rede sein kann. Ich habe schon ganz andere Dinge vollbracht und werde auch dies fertig bringen, ohne daß Du damit in Berührung kommst.«

»Dann will ich es gut heißen.«

»Schön! Ich habe überhaupt die Absicht, den Flüchtigen baldigst von hier fort zu helfen. Sie sollen Dir nicht lange beschwerlich fallen; Du sollst so wenig wie möglich in Verdacht gerathen. Uebrigens ists ja auch noch gar nicht bestimmt, daß mein Vorsatz zur Ausführung kommt. Es kann ja noch ganz anders kommen. Aber recognosciren muß ich auf alle Fälle, und da hoffe ich, daß Du mit reitest.«

»Gern, da es so steht.«

»So laß das Pferd satteln!«

Einige Minuten später stiegen sie auf und ritten der ungefähr zwei Stunden entfernten Stanitza zu.

Sie waren noch gar nicht sehr weit vom Hofe weg gekommen, so stießen sie auf die Kosakenposten, welche den strengen Befehl hatten, keinen Menschen durch zu lassen. Sie wurden zu dem hier commandirenden Lieutenant gebracht. Da es nur auf die gesuchten >armen Leute< abgesehen war, so durften sie weiter reiten, nachdem der Officier sie gesehen hatte.

»Sie greifen es wirklich ernsthaft an,« bemerkte Sam. »Man muß da den Verstand anstrengen, wenn man sie überlisten will.«

»Grad darum bin ich neugierig darauf, wie Du das anfangen willst.«

»Das weiß ich selbst noch nicht.«

»Dann sieht es nicht gut aus.«

»Pah! Im rechten Augenblicke kommt auch der richtige Gedanke. Die Hauptsache ist, daß kein Mensch von meinem Vorhaben ahnen darf. Freilich muß ich mir sagen, daß wir noch mehr brauchen als nur Pferde. Der Ritt muß sehr schnell geschehen. Das halten die Frauen, welche sich bei den Flüchtigen befinden, aber nicht aus.«

»Ja. Für diese müßte man Wagen haben.«

»Sind solche zu bekommen?«

»Zu kaufen nicht.«

»Schadet nichts! Vorhanden sind doch welche?«

»In der Stanitza, ja.«

»So stehlen wir sie!«

»Herr, Du bist ja ein riesiger Spitzbube!«

»Ja, ich mause wie ein Rabe, wenn man mich dazu zwingt. Aber ich


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will Dir in allem Vertrauen sagen, daß die Geschädigten ganz sicher Ersatz erhalten werden.«

»Von wem?«

»Das ist jetzt noch unbestimmt; aber Ersatz wird geleistet, und wenn wir erst nach unserer Ankunft in der Heimath zahlen sollten.«

»Das ist Deutschland?«

»Ja.«

»Ich wollte, ich könnte mit. Ich bleibe in der Gegend von Moskau.«

»Warum könntest Du nicht mit nach Deutschland?«

»Ich glaube nicht, daß meine Tochter Mila - - -«

Er hielt nachdenklich inne.

»Mila? Hm!« meinte Sam. »Wegen ihr möchte ich einmal aufrichtig mit Dir reden.«

»Warum?«

»Habe meinen guten Grund. Ist sie Dein einziges Kind, oder hast Du noch Söhne oder andere Töchter?«

»Ich habe nur sie.«

»Hm! So würdest Du Dich wohl auch niemals von ihr trennen?«

»Im ganzen Leben nicht.«

»Wenn sie nun einen Mann nähme, welcher nicht in Rußland wohnt?«

»Das wird niemals der Fall sein.«

»Kann man nicht wissen.«

»O doch! Meine Tochter wird keinen Mann nehmen, der mir nicht gefällt.«

»So! Und ein Ausländer würde Dir wohl nicht gefallen?«

»Warum fragst Du so?«

»Weil ich einen Ausländer weiß, welcher ganz prächtig für sie paßte.«

»Wer ist das?«

»Sage mir vorher, ob Du gewisse Absichten mit ihr hast!«

»Das ist bis jetzt nicht der Fall.«

»So! Also hast Du noch keine Wahl getroffen?«

»Nein.«

»Das ist mir außerordentlich lieb.«

»Warum?«

»Weil ich eben Einen habe, dem ich sie von ganzem Herzen gönne.«

»So sage vor allen Dingen, wer es ist!«

»Mein Neffe.«

»Den kenne ich natürlich nicht.«

»Nicht? Ah, es ist ja wahr. Mila hat noch nicht wieder mit Dir gesprochen, seit sie vorhin oben in der Höhle war?«

»Nein.«

»So weißt Du auch nicht, was geschehen ist. Wie gefällt Dir Alexius Boroda, der Zobeljäger?«

»Er ist ein tüchtiger Kerl.«


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»Das denke ich auch. Möchtest Du ihn nicht vielleicht zum Schwiegersohne haben, Peter Dobronitsch?«

»Diesen?« fragte der Bauer, indem er Sam erstaunt anblickte. »Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Weil sich die Beiden lieb haben.«

»Das ist unmöglich.«

»Warum denn?«

»Sie kennen einander ja gar nicht!«

»Das ist kein Grund!«

»Es ist der richtigste Grund, den es giebt. Man kann doch Niemand lieb haben, den man nicht kennt!«

»Unsinn! Ich sage Dir ganz im Gegentheile, daß die Menschen, wenn sie sich genau kennen würden, sich nicht lieb haben könnten.«

»Da hast Du freilich eine sehr schlimme Ansicht über die Menschen, mein liebes Brüderchen.«

»Es ist aber die allein richtige Ansicht. Woher weißt Du denn übrigens, daß Boroda und Mila sich nicht kennen?«

»Sie haben sich doch erst gestern gesehen!«

»Erst gestern? Schon gestern, mußt Du sagen! Hast Du Dein Mütterchen lieb?«

»Maria Petrowna, meine Frau? Natürlich habe ich sie sehr lieb.«

»Wo hast Du sie kennen gelernt?«

»In einem Dorfe bei Moskau.«

»Warst Du oft und lange mit ihr beisammen?«

»Nein. Es war zum Tage des Neujahres. Kennst Du die Sitte der Russen, wie sie sich an diesem Tage gratuliren?«

»Ja.«

»Daß sie sich küssen?«

»Ich habe davon gehört.«

»Zum neuen Jahre küssen sich Alle, Hohe und Niedere, Arme und Reiche, Junge und Alte, wenn sie sich begegnen.«

»Donnerwetter! Das ist amüsant!«

»Ja, es ist so.«

»Also wenn ich einem hübschen Mädchen begegne, darf ich sie küssen?«

»Ja. Du gratulirst ihr und küssest sie.«

»Und wenn ich dem Czaren begegne, ihn auch?«

»Ja, auch er müßte sich von Dir küssen lassen, doch sorgt er schon dafür, daß ihm Keiner begegnet, dem er es nicht erlauben will.«

»Das nehme ich ihm auch gar nicht übel.«

»Ich habe gesehen, daß ein Droschkenkutscher eine Gräfin küßte. Sein Gesicht zierte ein struppiger Bart.«

»Und sie hat es gelitten?«

»Natürlich.«


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»Sapperment! Ich an ihrer Stelle hätte dem Kerl eine zwanzigpfündige Ohrfeige gegeben!«

»Das darf sie nicht. Wer sich nicht küssen lassen will, der muß an diesem Tage zu Hause bleiben.«

»Daran thäte jedenfalls Jedermann klug. Was würde ich für ein Gesicht machen, wenn mich eine alte Schachtel küßte, welche soeben ihre Knoblauchsuppe gegessen hat! Und zum Neujahr ists doch Winter, kalt, und unter hundert Menschen haben neunzig den Schnupfen. Na, ich danke für solche Küsserei! Aber, Du wolltest ja erzählen!«

»Von Maria Petrowna? Ja. Also es war zum Neujahrstage, und ich küßte auch alle Welt. Da kam ein wunderhübsches, dralles Ding gelaufen. Ich ergriff sie bei der Hand und wünschte ihr ein recht gutes Neujahr. Darauf küßte ich sie auf die Lippen. Und da - da - - -«

»Nun, da? Was war da?«

»Was da war, das weiß ich eigentlich selbst nicht.«

»Du mußt es doch wissen, denn Du hast es ja selbst durchgemacht.«

»Aber beschreiben kann ich es nicht.«

»Ach so!«

»Es war mir, als ich ihre Lippen an meinem Munde fühlte, ganz sonderbar zu Muthe. Ich legte die Arme um sie und küßte sie noch einmal und noch einmal.«

»Und sie litt es?«

»Ja.«

»Alle Teufel! Sie ist Dir gleich gut gewesen!«

»Ja, später hat sie es mir gestanden, daß ich ihr gleich gefallen habe.«

»So war es also Deine jetzige Maria Petrowna, die Du sodann zur Frau genommen hast?«

»Ja. Sie hatte Backen wie ein Apfel und Lippen wie eine Granate. Sie hatte es mir auf der Stelle angethan, und - - -«

»So so! Hm, hm! Ach so!«

»Ja, ja! Ich habe sie geküßt und wieder geküßt, erst fein säuberlich und dann herzhafter. Dann ergriff ich ihre Hand, und endlich bin ich gar mit ihr gegangen und - - -«

»Und - - -?«

»Und hab weiter Niemand geküßt.«

»Schau, so seid Ihr für einander bestimmt gewesen!«

»Ja, vom lieben Gott.«

»Das ist ja ungeheuer schnell gegangen. Sehen, küssen und lieben, das war bei Euch eins.«

»Ja, das war eins.«

»Nun, und Mila kennt den Zobeljäger bereits seit gestern, also viel, viel länger.«

»Hm! Sie haben sich aber nicht sofort geküßt!«

»Ist auch nicht nöthig, denn gestern war doch nicht Neujahr. Wenn


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Du gleich im ersten Augenblick gefühlt hast, wie gut Du Deiner Maria Petrowna bist, so kann dasselbe doch auch bei Boroda und Mila der Fall gewesen sein. Giebst Du das nicht zu, Peter Dobronitsch?«

Der Bauer hielt sein Pferd an, betrachtete Sam mit einem höchst überraschten Blicke und sagte:

»Höre, was Du mir da sagst, ist sehr verwunderlich. Hast Du vielleicht einen triftigen, guten Grund dazu?«

»Ja.«

»Welchen denn?«

»Mila saß bei uns droben in der Höhle, und da hatte ich Gelegenheit, die beiden jungen Leute zu beobachten.«

»So! Hast Du denn etwas gesehen?«

»Ja.«

»Du hast etwas gesehen! Ah, oh! Was denn?«

»Daß sie sich sehr gut sind.«

»Das, das willst Du gesehen haben? Wie denn? So etwas kann man doch wohl gar nicht so leicht bemerken.«

»Bei zweiundneunzig Jahre alten Leuten nicht. Ein vierundzwanzigjähriger Bursche und ein achtzehnjähriges Mädchen aber können so etwas nur schwer verbergen.«

»Haben sie sich etwa umarmt?«

»Nein. So weit sind sie noch nicht gekommen.«

»Aber geküßt?«

»Das erst recht nicht, denn ich meine, daß man sich vor dem Küssen jedenfalls zu umarmen pflegt. Oder nicht?«

»Ich weiß nicht mehr, wie ich das gemacht habe, ob ich bei oder vor oder nach dem Küssen umarmt habe. Nur aus diesen beiden Anzeichen ist die Liebe zu erkennen.«

»Du meinst damit, daß ich mich irre? O, es giebt noch andere Erkennungszeichen, die ebenso untrüglich sind.«

»Die möchte ich wissen.«

»Nun, zum Beispiel die Blicke, Liebesblicke:«

»Da habe ich noch gar keine gesehen. Wie sind sie denn?«

»Feurig. Die Augen leuchten.«

»Sapperment! Ists möglich? Sie leuchten?«

»Ja, weil das Herz brennt.«

»Das Herz brennt. Du hast sonderbare Redensarten!«

»Die aber sehr richtig sind. Beobachte einmal zwei Liebende, was für Blicke diese sich zuwerfen!«

»Auf meine damaligen Blicke kann ich mich nicht mehr besinnen. Auch ob mein Herz gebrannt hat, weiß ich nicht.«

»Jedenfalls ists auch bei Dir und Deiner Frau so gewesen.«

»Ich werde sie einmal fragen. Also die Blicke von Mila und Boroda haben geleuchtet! Hm! Giebt es sonst noch ein Erkennungszeichen?«


// 2183 //

»Ja. Der Ton der Stimme.«

»So! Singen die Verliebten etwa?«

»Nein. Das werden sie bleiben lassen. Aber es liegt, wenn sie mit einander reden, ein ganz eigener und ungewöhnlicher Ausdruck in der Stimme.«

»So! Du mußt sehr oft verliebt gewesen sein, weil Du dies Alles so ganz genau zu sagen weißt.«

»Nur ein einziges Mal; das war aber so gründlich, daß es so viel ist, als ob ich es viele Male gewesen wäre.«

»Nun, wie klingt denn da die Stimme?«

»Weich und zärtlich, ganz anders als wenn zwei Leute, die einander gleichgiltig sind, mit einander sprechen. Ich habe das sehr oft beobachtet.«

»Ich noch gar nicht.«

»So hast Du niemals auf Dich und Andere aufgepaßt.«

»Dazu habe ich keine Zeit gehabt.«

»Auch bedienen sich Verliebte ganz anderer Ausdrücke, wenn sie mit einander sprechen. Sie sind rücksichtsvoller und feiner gegen einander.«

»War denn Mila fein gegen Boroda?«

»Nach hiesigen Begriffen, ja. Auch erröthete sie immer, wenn er auf sie sprach und sie ihm antworten mußte.«

»Sapperment! Erröthen? Sie braucht sich doch nicht vor ihm zu schämen. Dazu hat sie gar keine Veranlassung.«

»Ich habe auch nicht gesagt, daß sie vor Scham erröthet sei. Aber warum hältst Du das Pferd an? Wollen wir nicht weiter reiten?«

Der Bauer war nämlich noch nicht von der Stelle gewichen. Darum hatte Sam bei ihm halten bleiben müssen. Jetzt setzte er sein Pferd wieder in Bewegung und sagte dabei kopfschüttelnd:

»Mila soll dem Zobeljäger gut sein! Hm! Das ist mir sonderbar, ganz außerordentlich sonderbar!«

»Gefällt es Dir nicht?«

»Darauf kann ich nicht antworten. Ich habe ja noch kaum daran gedacht, daß sie heirathen werde.«

»Einmal wird sie es doch thun.«

»Ja, die Eltern eines Mädchens müssen sich allezeit sagen, daß sie die Tochter einmal hergeben müssen. Das habe ich aber bisher unterlassen.«

»So bitte ich Dich sehr, Dich nun mit diesem Gedanken vertraut zu machen. Wenn Dir Boroda als Schwiegersohn nicht recht ist, so sage es mir aufrichtig!«

»Warum sollte er mir nicht recht sein?«

»Er ist vielleicht arm.«

»Das schadet nichts. Desto reicher bin ich, und meine Tochter wird ja einst meine einzige Erbin sein.«

»Er ist ein Verbannter, ein Flüchtling.«

»Was thut das? Er geht fort, und ich bleibe ja auch nicht hier. Uebrigens ist nicht er verbannt, sondern sein Vater.«


// 2184 //

»Das ist sehr gutherzig von Dir gedacht.«

»Meinst Du? Ich kann es mir denken, wie stolz ich sein werde, wenn ich meine reiche Tochter einem armen aber braven Manne geben werde. Aber wir wollen doch nach Moskau, wo Boroda jedenfalls nicht bleiben darf. Wohin geht er?«

»Nach Deutschland.«

»So soll Mila mit ihm? Hm! Dann müßte ich mich entschließen, auch mit dorthin zu gehen.«

»Allerdings, wenn Deine Tochter Dich nicht verlassen soll. Ich bemerke jedoch, daß ich nur meine persönlichen Ansichten ausspreche. Gesagt hat mir Boroda noch nichts. Vielleicht täusche ich mich. Ich wollte nur einmal bei Dir anklopfen.«

»So so! Nun, so hast Du wenigstens gehört, daß ich gegen ihn ganz und gar nichts habe. Daß er arm ist, das ist kein Hinderniß.«

»Schön! Uebrigens hat er wohlhabende Verwandte, die er vielleicht beerben wird« - Sam sagte dies mit einem versteckten Lächeln, denn er meinte sich selbst - »und außerdem ist es so einem tüchtigen Zobeljäger zuzutrauen, daß er sich etwas gespart hat. Stellen wir die Sache der Zukunft anheim. Wenn ich mich nicht getäuscht habe, so werden wir wohl bald Gewißheit hören.«

Sie ließen ihre Pferde ausgreifen und erreichten sehr bald die Stanitza.

So ein befestigtes Kosakenlager an der Grenze macht nicht etwa einen sehr imponirenden Eindruck. Die Befestigungen bestehen nur in einem rund um den Ort aufgeworfenen Wall, außerhalb dessen der Graben liegt, aus welchem die Erde ausgeworfen wurde. Im höchsten Falle wird der Wall von einer Reihe einfacher Palissaden gekrönt.

Die Häuser sind klein und meist aus Holz gebaut. Das entspricht dem nomadischen Charakter der dortigen Bevölkerung. Ein Wirthshaus darf natürlich nicht fehlen, ebenso ein Kramladen, in welchem die wenigen Gebrauchsgegenstände, deren der Kosak bedarf, zu haben sind.

Nach diesem Letzteren lenkten die Beiden ein. Sie stiegen ab, banden ihre Pferde an und begaben sich in die Gaststube, wo sie sich chinesischen Thee geben ließen, welchen sie mit Branntwein verstärkten. Mehr wurde hier nicht geboten.

Gäste waren nicht vorhanden. Ueberhaupt hatten die wenigen Gassen ein leeres, tristes Aussehen, da die Garnison sich nicht in dem Orte befand.

»Wo sind denn die Soldaten?« fragte Peter Dobronitsch den Wirth.

Dieser blickte ihn erstaunt an und antwortete:

»Das mußt Du doch am Besten wissen.«

»Ich? Wie so?«

»Sie sind ja draußen bei Dir. Hast Du sie nicht gesehen?«

»Ich traf auf einen Posten und wurde zum Officier geführt, der mich dann passiren ließ. Was mag das zu bedeuten haben?«


Ende der einundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen, deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk