Lieferung 92

Karl May

17. September 1887

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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»Wenn Du es wirklich nicht weißt, so brauchst Du nur hier zu fragen. Jedermann kann es Dir sagen.«

»So brauche ich mich nur bei Dir zu erkundigen. Du wirst mir Auskunft geben.«

»Was ich weiß, kannst Du erfahren. Von dem Kampfe mit den >armen Leuten< wirst Du wohl gehört und ihm wohl auch zugesehen haben?«

»Allerdings.«

»Sie sind entkommen, und die Offiziere sind überzeugt, daß Du ihnen dabei behilflich gewesen seist.«

»Ich? In solche Dinge mische ich mich nicht.«

»Hm! Man sagt aber doch, daß Du ein Freund der Verbannten seist und sogar den Engel kennst.«

»Man sagt Manches, was nicht wahr ist.«

»Mag sein. Aber die Flüchtlinge sind spurlos verschwunden. Du sollst sie irgendwo versteckt halten.«

»Dummheit!«

»Darum ist Dein ganzes Gebiet umzingelt.«

»Dagegen kann ich nichts haben. Die Herren werden sich vergebliche Mühe machen. Wie kann man eine solche Menge Menschen verbergen!«

»Das frage ich mich auch. Jedenfalls ist diese Geschichte sehr verwunderlich und ebenso geheimnißvoll.«

»Ich kann sehr ruhig dabei sein. Man wird nichts finden, und wenn die Kosaken monatelang um mein Gebiet reiten.«

Der Ausdruck >reiten< wurde von ihm mit Absicht gebraucht. Er wollte wissen, wo sich die Pferde befanden. Er erreichte seinen Zweck, denn der Wirth antwortete:

»Reiten? Das fällt ihnen nicht ein. Das wäre ja gar nicht bequem. Die ganze Mannschaft befindet sich zu Fuß im Feld.«

»So haben sie die Pferde fortgeschickt?«

»Ja. Dieselben befinden sich an der Ostseite des Walles, wo nur drei Kosaken sie bewachen. Diese und die beiden Posten am Zeughause sind die einzigen Soldaten, welche sich bei der Stanitza befinden.«

»So will man wohl auch des Nachts aufpassen?«

»Natürlich. Da erst recht.«

»Welch ein Unsinn! Man hat mich in einem ganz grundlosen Verdachte. Während man auf mich aufpaßt, werden die >armen Leute< Zeit finden, zu verschwinden.«

»Das ist kein Unglück. Wir alle gönnen es ihnen.«

Damit hatten Sam und Dobronitsch erfahren, was sie wissen wollten. Sie verließen das Wirthshaus, um mit unbefangener Miene einen Gang durch den Ort zu machen.

Sam mußte das Gebäude sehen, welches mit dem Namen >Zeughaus< beehrt worden war. Der Bauer zeigte es ihm. Es war ein sehr langes Bauwerk und bestand nur aus dem Erdgeschosse und einem hohen, jedenfalls


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geräumigen Dachraume. Die Vorderwand war von vielen Thüren und Ladenöffnungen durchbrochen.

»Wozu dient das Erdgeschoß?« fragte Sam.

»Es enthält Stallungen für den Winter und Räume zur Aufbewahrung des Sattelzeuges. Oben unter dem Dache ist Pferdefutter aufgespeichert, und hier auf der linken Seite sind die Kammern, in denen die Uniformen und sonstige Requisiten aufbewahrt werden. Dort unten siehst Du den offenen Schuppen, in welchem mehrere Kibitken (leichte Wagen) und Schlitten stehen, die für den Gebrauch der Offiziere bestimmt sind.«

»Ah, das ist ja ganz vortrefflich.«

»Meinst Du? Ja, Du willst ja Alles stehlen. Ich bitte Dich aber, mich möglichst wenig davon wissen zu lassen. Ich möchte vorkommenden Falls mit halbwegs gutem Gewissen behaupten können, daß ich von gar nichts weiß.«

»Keine Sorge! Du sollst keinen Schaden haben. Nun aber möchte ich auch den Ort sehen, an welchem sich die Pferde befinden.«

»Ich werde Dich hinführen. Wir kommen da auch an der Wohnung des Majors vorüber.«

»Sehr gut! Vielleicht ist es für mich vortheilhaft, dieses Haus zu kennen.«

Sie gingen auf die Höhe des Walles und sahen da außerhalb desselben die Pferde weiden. Hart an diesen Wall stieß das Gebäude, welches der Major bewohnte. Die Hinterwand des Hauses war höchstens drei Ellen von dem hier grad emporsteigenden Erdwerke entfernt. Zwischen Haus und Wall gab es also einen langen, schmalen Raum, welcher mit allerlei wirthschaftlichen Geräthschaften gefüllt war. Auch eine Leiter befand sich dabei.

»Besser konnte es gar nicht eingerichtet sein,« lachte Sam. »Man kann von dem Walle aus ja ganz leicht in das Haus gelangen.«

»Wieso denn?

»Wenn Du so fragst, so beweisest Du allerdings, daß Du kein Talent zum Einbrechen hast.«

»Du aber wohl desto mehr?« scherzte Dobronitsch.

»Jedenfalls. Wenn man sich die Leiter holt und sie von dem Walle hier hinüber auf das Dach legt, in welchem sich die große, offene Lucke befindet, so hat man eine Brücke, welche gar nicht bequemer sein kann. Das werde ich mir merken.«

»Was willst Du in dem Hause?«

»Das brauchst Du nicht zu wissen. Komm, wir wollen gehen. Ich habe gesehen, was ich sehen wollte, und ein längeres Verweilen kann uns nur Schaden bringen.«

Sie kehrten nach dem Wirthshause zurück, tranken einen Schnaps und stiegen dann auf, um heimzukehren.

Als sie den Posten erreichten, welcher sie auf dem Herwege angehalten hatte, ließ derselbe sie dieses Mal ungehindert passiren. Kaum auf dem Hofe


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angelangt, begab sich Sam sofort nach der Pechtanne, um hinauf in die Höhle zu steigen.

Dort suchte er die Anführer der Flüchtigen auf. Dies war sein Neffe Alexei Boroda und der bereits erwähnte frühere Major Sendewitsch, ein nicht zu alter Mann mit sehr energisch geschnittenen Gesichtszügen. Er winkte sie zur Seite und stieg mit ihnen hinan zur Höhe des Vulkankessels, von wo aus, wie bereits erwähnt, man die ganze Gegend bis auf weite Entfernung hin überblicken konnte. Dort setzte er sich mit ihnen nieder.

»Ich habe Euch einen Vorschlag zu machen,« sagte er, »möchte aber vorher wissen, ob Ihr vielleicht bereits einen festen Plan habt, auf welche Weise Ihr von hier entkommen wollt.«

»Einen festen Plan allerdings noch nicht,« antwortete Alexius. »Wir wußten ja gar nicht, was wir hier finden würden. Wir müssen uns berathen.«

»Das wird überflüssig sein. Bei Eurer Anzahl giebt es nur einen einzigen Weg. Ueber die Grenze hinüber dürft Ihr nicht.«

»Warum?«

»Weil Ihr drüben in den Einöden der Mongolei und der Kirgisensteppe verkommen würdet. Ein Einzelner schlägt sich vielleicht durch. So Viele aber haben eine Menge von Bedürfnissen, für welche es keine Befriedigung giebt.«

»Und doch müssen wir hinüber. Sollen wir vielleicht durch russisch Sibirien fliehen?

»Allerdings.«

»Oheim! Du bist des Teufels!«

»Das denke ich nicht. Ich meine vielmehr, daß meine Ansicht eine ganz vortreffliche sei.«

»So begreife ich Dich nicht!«

»Wirst mich aber wohl begreifen, wenn ich Dir sage, daß Ihr nicht so, wie Ihr hier seid, Eure Flucht fortsetzen sollt.«

»Wie denn anders?«

»Als Kosaken.«

»Sapperment! Ist das Dein Ernst?«

»Mein vollständiger Ernst.«

»Aber wie wäre das möglich?«

»Ihr seid Kosaken und habt eine hochgeborene Familie zu eskortiren.«

»Mir steht der Verstand still!«

»Ich werde ihn sogleich wieder in Bewegung bringen. Zu der herrschaftlichen Familie gehören natürlich die Frauen, welche sich bei Euch befinden. Der Major Sendewitsch hier commandirt als Rittmeister die Eskorte, während die Herrschaften auf mehrere Kibitken vertheilt werden. An jeder Ortschaft erhaltet ihr Relais und auch alle Nahrungsmittel, deren Ihr bedürft.«

»Aber, Oheim, wie denkst Du Dir denn eigentlich, daß dieser tolle Plan ins Werk zu setzen wäre?«

»Das werde ich Euch sagen, und wenn Ihr tüchtige Kerls seid, so werdet Ihr mir beistimmen.«


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Er begann nun, zu erklären, wie er sich die Ausführung seines Entwurfes dachte. Je weiter er sprach, desto mehr leuchteten die Augen des einstigen Majores auf, und als der Dicke geendet hatte, rief der Letztere:

»Bei Gott, eine kühne Idee! Aber toll ist sie freilich nicht.«

»Du stimmst mir also bei?«

»Vollständig.«

»Das habe ich mir gedacht.«

»Wir können auf diesen Plan ohne alle Bedenken eingehen. Aber so gefährlich er erscheint, gefährlicher ist doch alles Andere, was wir unternehmen können. Wird es entdeckt, wer wir sind, so haben wir gute Pferde und gute Waffen. Wir kämpfen für Freiheit und Leben, und so sollte es wohl schwer werden, uns zu überwältigen.«

»Die Gefahr des Entdecktwerdens ist auf jedem andern Fluchtwege noch viel größer. Uebrigens könnt Ihr ja stets die besten, sichersten Wege einschlagen und braucht niemals in die Nähe großer Garnisonsorte zu kommen.«

»Das ist sehr richtig.«

»Und die Hauptsache ist, daß Ihr niemals Mangel zu leiden habt und den Weibern alle Bequemlichkeiten bieten könnt, die auf so einer Reise überhaupt zu haben sind.«

»Das Alles muß man zugeben. Ich acceptire von ganzem Herzen. Und Du, Alexius Boroda?«

»Aufrichtig gesagt, stimme auch ich bei. Der ganze Plan entspricht meinem Character und meinen Eigenheiten. Welche Wonne, allen diesen Häschern so ein außerordentliches Schnippchen zu schlagen! Und welches Aufsehen, wenn das Vorhaben gelingt! Daß eine Schaar flüchtiger Verbannter offen mitten durch das Gebiet des Zaaren reitet, dieser Fall ist noch gar nicht da gewesen. In aller Herren Länder wird man davon erzählen und in allen Zeitungen davon berichten!«

So groß früher sein Zweifel gewesen war, ebenso bedeutend war nun die Begeisterung, mit welcher er den Plan seines Oheims ergriff.

»Schau, wie schnell Du anderer Meinung geworden bist!« lachte dieser.

»Ja, nachdem ich Deine Ansicht gehört habe, kann ich gar nicht anders denken, als daß es das Beste sei, ihr zu folgen. Ich mache mit Freuden mit.«

»Du? Das wirst Du bleiben lassen!«

»Warum?«

»Weil Du zu mir gehörst und an diesem Ritte also nicht theilnehmen wirst. Du bleibst bei mir.«

Alexius machte beinahe ein enttäuschtes Gesicht.

»Was? Bei Dir soll ich bleiben?« fragte er. »Mit Dir soll ich reiten? Reitest Du denn nicht mit uns?«

»Nein. Ich habe noch ganz andere Dinge vor. Ich bin kein Verbannter, und es wäre also zu viel von mir verlangt, mich den Flüchtigen anschließen zu sollen. So Etwas wird man mir nicht zumuthen.«

»Da hast Du freilich Recht. Aber ich bin verfehmt.«

»Bei mir bist Du sicher.«


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»Auch mein Vater, meine Mutter?«

»Auch diese. Ich möchte Den sehen, der es wagen wollte, Euch nur anzurühren! Uebrigens wird Steinbach kommen. Unter dessen Schutz bist Du so sicher wie in Abrahams Schooß.«

»Ist dies wirklich der Fall?«

»Mein Ehrenwort darauf. Uebrigens werdet ihr nicht die Einzigen sein, welche als Verfolgte mit uns reiten. Kosak Nummer Zehn geht mit, und der Zobeljäger Nummer Fünf flieht auch mit uns.«

»Ah! Solche Gesellschaft lasse ich mir freilich gefallen!«

»Es giebt eine noch viel bessere Gesellschaft für Dich bei uns. Peter Dobronitsch hat hier verkauft und kehrt nach dem Westen zurück. Er wird sich mit seiner Frau und Tochter uns anschließen.«

Er beobachtete bei diesen Worten seinen Neffen. Das Gesicht desselben wurde blutroth; seine Augen glänzten.

»Was? Mila geht mit?« fragte Boroda schnell.

»Ja.«

»Ists gewiß?«

»Ganz gewiß. Ich habe mit ihrem Vater darüber gesprochen.«

»Das ist herrlich; das ist prächtig!«

Sam machte ein erstauntes Gesicht und bemerkte:

»Was hast Du denn? Du bist ja ganz außer dem Häuschen! Was geht Dich diese Mila Dobronitsch an?«

»Die?« meinte Alexius verlegen. »Gar nichts. Aber ich - ich interessire mich sehr für ihren Vater.«

»So! Das ist etwas Anderes. Ich lasse es gelten. Also, Major, Du hörst, daß Du auf meinen Neffen verzichten mußt. Du wirst den Ruhm allein haben, diese waghalsige Expedition geleitet zu haben. Hoffentlich nimmst Du das nicht übel!«

»Gar nicht. Ich kann Keinem zumuthen, das Schlechtere zu wählen, wenn er das Bessere haben kann.«

»Schön! Darüber sind wir also einig. Wie aber steht es mit den nöthigen Geldmitteln?«

»Die sind vollständig vorhanden.«

»Wirklich? Das wäre ja außerordentlich!«

»O, wir haben uns nicht so planlos wie Andere auf die Flucht begeben. Wir haben Jahre lang an den Vorbereitungen gearbeitet und die Sache förmlich organisirt. Es versteht sich ganz von selbst, daß eine solche Schaar sich nicht durch Sibirien, die Mongolei, China oder Persien betteln konnte. Darum mußten wir vor allen Dingen darauf sehen, die nöthigen Geldmittel zu erwerben. In dieser Beziehung sind wir also gerüstet. Es bleibt mir nur der Wunsch, daß Du uns heut noch Deine Hilfe widmest. Das Uebrige bringen wir dann schon selbst fertig.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Der Plan ist von mir, und so werde ich Euch helfen, so gut und so lange und so weit ich kann.«


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»Aber wir sind umzingelt!«

»Laß mich dafür sorgen, daß Ihr durchkönnt! Ich drehe dem Major eine wunderschöne Nase.«

»Und wann verlassen wir die Höhle?«

»Grad um Mitternacht. Das wird die allerbeste Zeit sein, nicht zu früh und nicht zu spät.«

»Gut! So werde ich die Gefährten benachrichtigen und ihnen mittheilen, was geschehen soll.«

»Und ich werde mich entfernen, um die Vorbereitungen zu treffen. Sorgt dafür, daß um Mitternacht Alles bereit sei!«

Er ging und kehrte zu Peter Dobronitsch zurück, welchen er vor dem Brunnen fand.

»Abgemacht!« sagte er. »Heut wirst Du Deine Gäste los.«

»Heut? Das ist nicht möglich.«

»O doch!«

»Auf welche Weise denn?«

»Das sage ich Dir nicht, Du hast ja selbst gemeint, daß es am Allerbesten sei, wenn Du nichts weißt.«

»So werde ich auch nicht fragen. Es ist mir natürlich lieb, wenn ich ganz aus dem Spiele bleibe.«

»Das sollst Du. Und Du sollst sogar beweisen können, daß Du unbetheiligt seist. Weißt Du, wo der Major sich befindet?«

»Nein. Ich kenne die Stelle nicht, an welcher er die Umzingelung überwacht und kommandirt.«

»So suche sie zu erfahren. Du gehst zu ihm und ladest ihn für den Abend zum Essen ein, vielleicht auch die Offiziere dazu, welche abkommen können. Es wird Dir leicht sein, dieselben bis nach Mitternacht festzuhalten. Dann ist es geschehen.«

»Da ich nicht fragen darf, werde ich diesen Rath befolgen, ohne zu wissen, welchen Zweck er hat.«

»So reite gleich, denn in einer halben Stunde wird es bereits dunkel sein.«

Der Bauer setzte sein Pferd in Bewegung.

Der Bauer bestieg das stets gesattelte Pferd und ritt davon. Er hatte seine Aufgabe sehr schnell erreicht, denn es dauerte gar nicht lange, so kehrte er zurück. Sam hatte ihn erwartet und ließ sich von ihm die Stelle, an welcher der Major sich befand, genau beschreiben. Weshalb er dies wissen wolle, sagte er nicht.

Dann suchte der Dicke den Tungusen Gisa auf, welcher auf Karparla's Befehl den Kosaken Nummer Zehn hierher begleitet hatte. Er fragte ihn, ob er bereit sei, zum Entkommen der Verbannten mit zu helfen, wenn ihm dies gar keine Gefahr bringen könne, und da er augenblicklich eine zustimmende Antwort erhielt, erklärte er dem Tungusen, was dieser zu thun habe. Sodann gingen sie Beide mit einander davon, und zwar in Richtung nach der von Dobronitsch beschriebenen Stelle zu.

Dieser Letztere hatte von dem Major eine zusagende Antwort erhalten.


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Ein Kosakenoffizier in Sibirien ist stets bereit, einen Abend bei Wein und gutem Essen zuzubringen.

Sam und Gisa schlichen sich so vorsichtig über die jetzt dunkle Ebene, daß sie von Niemand gesehen werden konnten. In der Nähe der betreffenden Stelle angekommen, verdoppelten sie ihre Behutsamkeit. Sie krochen nur äußerst langsam, tief auf dem Boden liegend, fort und sahen endlich nur wenige Schritte vor sich eine dunkle, unbestimmte Masse. Dies war eine Art Schutzhütte, welche die Kosaken in der Eile aus allerlei Zweigwerk hatten herstellen müssen, damit ihr Kommandirender die Nacht hindurch nicht unter freiem Himmel zu herbergen brauche.

»Das ist das Nest, in dem der Vogel steckt,« flüsterte Sam dem Tungusen zu. »Jetzt gilt es, aufzupassen. Der Major wird unbedingt die Posten zuweilen revidiren. Dann folgen wir ihm und thun so, als ob wir uns ganz zufälliger Weise begegneten. Wir sprechen einige Worte mit einander, wobei er glauben muß, den unsichtbaren Lauscher zu machen. Das ist nicht schwer. Es muß uns gelingen. Nachher haben wir gewonnenes Spiel.«

Sie warteten ganz still und unbeweglich eine ziemlich lange Zeit. In der Hütte brannte ein Licht, dessen Schein durch das Zweigwerk herausdrang. Endlich wurde die Thür geöffnet, welche aus einem Vorhange langer und dichter Rankenpflanzen bestand, und der Major trat heraus, mit ihm ein Lieutenant. Beide waren bei dem Schein des Lichtes ganz deutlich zu erkennen.

Sie sprachen mit einander, und da Sam und Gisa sich ganz nahe befanden, so hörten diese Beiden Alles.

»Also,« sagte der Major. »Du revidirst die Posten. Ich will mich aber selbst einmal nach dem Hofe schleichen. Die Einladung des Bauers kommt mir verdächtig vor. Vielleicht will er uns hier weg haben, um die Verbannten in Sicherheit zu bringen. Meinst Du nicht auch?«

»Ja, das ist sehr wahrscheinlich.«

»Er soll nicht denken, daß er uns betrügen kann. So klug wie er sind wir auch. Ich schleiche mich bis zum Brunnen, von wo aus ich Alles am Besten beobachten kann. Ich werde, je nach den Umständen, früher oder später zurückkehren.«

Sie trennten sich. Der Lieutenant ging links und der Major grad aus. Als sie verschwunden waren, sagte Sam zu Gisa:

»Nun machen wir einen Umweg und laufen schnell, denn wir müssen ihm zuvorkommen.«

Sie eilten davon und kamen eher bei dem Hause an als der Offizier. Sam gebot dem Tungusen, vor dem Hause zu warten und schlich sich sodann zum Brunnen, an welchem er sich hinter dem Gesträuch versteckte.

Nach kurzer Zeit vernahm er leise, schleichende Schritte. Der Offizier kam und trat zwischen die Sträucher, ohne den Dicken zu bemerken. Dieser aber unterrichtete sich ganz genau über die Stelle, an welcher der Erstere stand, und schlich sich dann unhörbar davon. Bei Gisa wieder angelangt, sagte er:

»Jetzt gehst Du zum Brunnen und thust, als ob Du irgend Etwas dort


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zu thun habest. Ich werde gleich nachkommen. Dann sprechen wir so laut, daß er uns hören muß.«

Gisa ging, und in kurzer Zeit folgte ihm Sam nach. Gisa schien mit dem Brunnenrohre beschäftigt zu sein. Es war dunkel.

»Wer ist da?« fragte Sam laut.

»Ich,« antwortete der Mongole, welcher sich aber wohl hütete, seinen Namen zu nennen.

"Gieb mir zu trinken!"

»Ach Du! Gieb mir zu trinken!«

Sam that, als ob er trinke, und meinte dann:

»Dobronitsch ist heut Abend sehr beschäftigt. Er hat Gäste geladen. Weißt Du, wen?«

»Nein.«

»Die Offiziere.«

»O weh!«

»Warum o weh? Kannst Du sie nicht leiden?«

»O doch. Es sind ganz prächtige Herren; aber grad heut Abend hätte er das unterlassen können.«

»So? Aus welchem Grunde?«

»Wegen den Verbannten.«

»Denen kann es doch sehr gleichgiltig sein, ob die Herren hier geladen sind oder nicht!«

»Schwerlich!«

»Sie sind längst über alle Berge.«

»Das habe ich auch gedacht; aber sie sind noch da.«

»Was Du sagst! Das ist doch nicht möglich!«

»Auch ich habe es für unmöglich gehalten; aber dennoch sind sie noch da.«

»Wo denn?«

»Das konnte ich nicht erfahren. Ich hatte geglaubt, daß sie heut früh, als sie von den Kosaken gedrängt wurden, gar nicht durch den Felsenpaß geritten seien. Ich dachte, sie wären schnell hinter dem Gute nach links abgelenkt und seitwärts der Stanitza über die Grenze gegangen.«

»Auch ich dachte bis jetzt so. Ists denn anders?«

»Ja.«

»Und der Bauer weiß, wo sie sind?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich habe zwei Männer belauscht. Ich war drüben jenseits der Felsen am See gewesen, hart an der Mündung des Flusses. Es war dunkel geworden, und indem ich still mich auf dem Rückwege befand, hörte ich Stimmen vor mir. Ich dachte, es seien Kosaken, welche sich hier herumschlichen, und ging leise näher. Da standen zwei Männer unter dem Baume, die mit einander sprachen, und ich hörte zu meiner Verwunderung, daß es Verbannte waren.«

»Wohl doch nur zwei, welche von den Andern abgedrängt worden sind?«

»O nein. Sie sind Alle noch da. Die Beiden sprachen davon. Nämlich weißt Du, wie es ihnen gelungen ist, den Kosaken zu entgehen?«


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»Nun?«

»Sie sind direct in den See geritten und auf den Pferden an den Uferfelsen hingeschwommen, bis sie eine Stelle fanden, an welcher sie landen konnten. Das haben die Kosaken natürlich nicht vermuthet.«

»Ich auch nicht. Sie hatten ja gar nicht hinreichend Pferde bei sich.«

»Das schadet nichts. Auf den Pferden haben die Frauen gesessen und Diejenigen, welche nicht gut schwimmen konnten. Die Andern aber sind selbst geschwommen. Auf diese Weise sind sie ohne Unfall entkommen.«

»Nun, doch nur einstweilen. Es steht natürlich zu erwarten, daß die Kosaken morgen, wenn es Tag ist, das thun werden, woran sie heute nicht gedacht haben, nämlich das Ufer jenseits der steilen Felsen auch abzusuchen. Dann werden die Flüchtigen entdeckt.«

»O nein, dann sind dieselben fort.«

»Wohin? Sie können doch nicht durch die Kette der Kosaken. Diese stehen zu eng beisammen.«

»Sie werden doch entkommen. Die beiden Männer sprachen davon. Um Mitternacht brechen die Verbannten auf.«

»Nach der Grenze?«

»Nein. Dort wird man sie sicher erwarten. Sie wollen grad in der entgegengesetzten Richtung davon, nicht nach der Stanitza zu, sondern in der Richtung nach der Fähre.«

»Ah! Das ist ein kluger Gedanke von ihnen. Sie entfernen sich dadurch zwar von der Grenze, können sie dann aber auf einem Umwege desto sicherer erreichen.«

»Das wollen sie. Sie werden auf der Fähre über den Fluß gehen, jenseits am Ufer desselben aufwärts reiten und dann wieder auf die hiesige Seite herüberschwimmen. Dann kommen sie schnell über die Grenze, während die Kosaken noch hier unten halten und denken, daß sie den Vogel noch unter dem Netze haben.«

»Sehr gescheidt, sehr gescheidt! Wie aber wollen sie erst an die Fähre kommen, da ihnen die Kosakenposten im Wege stehen?«

»O, das ist leicht. Einige starke Kerls unter ihnen schleichen sich zu Fuß voran, um einige der Posten zu überfallen. Das wird ihnen nicht schwer werden. Es ist ja leicht, einem ahnungslosen Menschen den Hals zuzudrücken, so daß er nicht schreien kann.«

»Hm! Hast Du mit den Beiden geredet?«

»Nein. Ich mag nichts mit ihnen zu thun haben. Das ist gegen das Gesetz.«

»Wenn Du solchen Respect vor dem Gesetze hast, so solltest Du den Major benachrichtigen.«

»Der würde mir doch nicht glauben. Es ist stets am Besten, man mischt sich nicht in fremde Angelegenheiten. Das habe ich schon oft erfahren und das will ich auch hier beherzigen. Ich mag mir nicht die Finger an einem fremden Feuer verbrennen. Wenn die Kosaken ihre Schuldigkeit thun, werden sie


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die Flüchtigen nicht durchlassen. Mir macht die Sache keine Kopfschmerzen. Gehst Du mit?«

»Wohin?«

»In's Haus. Ich habe noch nicht gegessen.«

Die Beiden entfernten sich.

Der Major hatte Alles deutlich und genau verstanden. Er war höchst erfreut, diese wichtige Entdeckung gemacht zu haben und eilte schleunigst nach seiner Hütte, um die Befehle zu geben, welche seiner Ansicht nach den Umständen am angemessensten waren.

Er ließ den ganzen Vorposten-Ring sich trennen und nach der Stelle des Flusses ziehen, an welcher sich die Fähre befand. Dadurch war die Seite, nach welcher die Stanitza und die Grenze lag, von Kosaken vollständig entblößt und das war es, was der schlaue Sam beabsichtigt hatte.

Dieser Letztere wartete noch eine Weile und schlich sich dann nach dem Flusse hin, ganz auf die Art und Weise der Indianer, welche er ja sehr genau kannte. Als er in der Nähe der Fähre angelangt war, überzeugte er sich, daß sein Plan gelungen sei. Die Kosaken standen in zwei dichten Reihen rechts und links an der Ueberfahrtsstelle und warteten lüstern auf das Nahen der Verbannten, von denen sie annahmen, daß sie ganz und gar ahnungslos in die ihnen gelegte Falle gehen würden.

Nachdem Sam jetzt Gewißheit hatte, daß auf der andern Seite der Weg vollständig frei sei, schlich er sich höchst befriedigt zurück.

Als er auf dem Hofe anlangte, sah er, daß der Major mit zwei seiner Offiziere angekommen sei. Die Herren saßen bereits recht munter beim Abendessen, welches ganz zur allgemeinen Zufriedenheit verlief.

Später brachte Peter Dobronitsch Wein, der den Offizieren vortrefflich mundete. Doch tranken sie ziemlich mäßig, da sie von ihrem heutigen Vorhaben abgehalten wurden, des Guten zu viel zu thun.

Als es elf Uhr vorüber war, erhob der Major sich von seinem Stuhle und sagte:

»Peter Dobronitsch, wir sagen Dir Dank für Deine Gastfreundschaft. Es hat uns ganz vortrefflich geschmeckt.«

»Das freut mich,« antwortete der Wirth. »Aber Ihr wollt doch nicht etwa schon jetzt aufbrechen?«

»Allerdings. Wir haben Etwas vor, was Dich sehr interessiren wird. Willst Du uns nicht ein Stückchen begleiten?«

»Wozu?«

»Wir wollen Dir etwas zeigen, worüber Du Freude haben wirst. Wir haben eine Entdeckung gemacht.«

»Wenn Ihr es verlangt, gehe ich allerdings mit.«

»Wir können es nicht verlangen, aber wir bitten Dich darum. Du wirst ein Vergnügen erleben.«

»So gehorche ich Euch. Ich gehe mit.«

Er brach auf, ohne Etwas für sich zu besorgen, denn Gesicht und Stimme


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des Offiziers waren sehr freundlich. Aber als sie draußen angekommen waren und sich ein Stück vom Hause entfernt hatten, sagte der Major in einem ganz anderen, viel ernsterem Tone zu ihm:

»Peter Dobronitsch, ich fordere Dich auf, mir die Wahrheit zu sagen! Bist Du ein Freund der sogenannten »armen Leute« oder nicht?«

»Ich bin ein Freund aller Menschen.«

»Das genügt mir nicht. Ich verlange eine deutliche Antwort auf meine deutliche Frage.«

»So will ich Dir sagen, daß ich ein Freund aller Unterthanen bin, welche ihre Pflicht stets erfüllen.«

»Gut! Wenn das wahr ist, wirst Du den »armen Leuten« keine Hilfe leisten. Aber dennoch hältst Du sie bei Dir verborgen!«

»Bei mir? Nein!«

»Weißt Du nicht, wo sie sind?«

»Nein.«

»Auch nicht, wohin sie wollen?«

»Auch das nicht.«

»So weiß ich mehr als Du. Sie sind noch da.«

»Das ist unmöglich.«

»O, sie halten sich versteckt!«

»Herr, verschone mich! Ich weiß von nichts!«

»Ich will dies gelten lassen. Desto sicherer aber weiß ich, daß sie heut davonschleichen wollen.«

Jetzt wurde der Bauer besorgt. Er sagte:

»Wenn sie nicht da sind, können sie sich doch auch nicht davonschleichen!«

»Sie sind eben noch da. Ich kenne sogar den Ort, an welchem sie sich befinden und auch die Stelle, an welcher sie durch meine Posten wollen.«

»Das ist eine Täuschung!«

»Nein. Es ist die Wahrheit. Ich habe meine Vorkehrungen so getroffen, daß ich sie fangen werde.«

»Sollte Dir das gelingen, so würde es mich herzlich freuen,« meinte Dobronitsch trotz seiner Angst.

»Davon bin ich überzeugt,« lachte er höhnisch. »Und um Dir diese Freude zu verdoppeln, habe ich die Absicht, Dich jetzt mit mir zu nehmen.«

»Herr, dazu habe ich keine Zeit!«

»Pah! Das machst Du mich nicht glauben. Du sollst dabei sein, wenn ich diese Mäuse in die Falle bekomme. Diesen Spaß will ich Dir schon machen.«

»Ich bitte Dich, mir das zu erlassen!«

»Fällt mir nicht ein! Mir machst Du nichts weiß; ich kenne Dich. Du würdest Dich nicht freuen, sondern Dich entsetzen, wenn Du Deine Schützlinge als Gefangene erblicktest. Darum sollst Du mit. Sie sollen sehen, daß Du, ihr Beschützer, Dich bei ihren Feinden befindest und Dich also für einen Verräther halten.«


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»Das darfst Du nicht verlangen!«

»Oho! Ich will es so und dabei bleibt es! Wenn ich Dich jetzt von mir ließe, würdest Du nichts Schleunigeres zu thun haben, als sie zu warnen. Und das will ich natürlich vermeiden. Also vorwärts!«

Dobronitsch sah sich also wirklich gezwungen, mitzugehen.

Der Umstand, daß der Major ihn mitgenommen hatte, war seiner Frau und Tochter höchst bedenklich erschienen. Als der Bauer auch nach einiger Zeit nicht zurückkehrte, wendeten sich die Beiden an Sam, welcher sich von dem Gelage fern gehalten und sich gar nicht in der Stube hatte sehen lassen.

Als sie ihm ihre Befürchtungen mittheilten, lachte er befriedigt auf und antwortete:

»So Etwas habe ich erwartet. Aber habt ja keine Angst. Dem Bauer geschieht gar nichts.«

»Weißt Du das gewiß?«

»Ganz gewiß.«

»Was wollen sie denn mit ihm?«

»Er soll dabei sein, wenn sie nachher die »armen Leute« fangen, welche fortgehen werden.«

»Was?« fragte Mila schnell. »Sie wollen fort?«

»Ja.«

»Ich weiß ja gar nichts davon!«

»Man hat Euch mit Absicht nichts gesagt, damit Ihr Eure Unschuld beweisen könnt.«

»Aber - aber -!« rief sie ängstlich, »wann wollen sie denn aufbrechen?«

»Grad um Mitternacht.«

»Herrgott! Das ist doch bereits in einer Viertelstunde.«

»Allerdings,« meinte Sam, welchem die Erregung des schönen Mädchens innerlich Freude bereitete.

»Und wohin?«

»Auf die Flucht natürlich.«

»Aber Karparla war doch noch gar nicht hier!«

»Schadet nichts. Sie brauchen sie nicht.«

»Natürlich brauchen sie den Engel, ohne den sie sich gewiß in's sichere Verderben stürzen werden!«

»Du irrst. Ich habe mir einen Plan ausgesonnen, mit dessen Hilfe sie sicher die Heimath erreichen. Sie werden ihn befolgen.«

»Ohne von mir Abschied zu nehmen! Ich muß schnell hinauf zu ihnen, um mit ihnen zu reden.«

Das Weinen war ihr näher als das Lachen. Sie wollte eiligst fort. Sam aber ergriff ihre Hand, hielt sie zurück und sagte:

»Nicht so eilig! Ich habe Dir ja noch gar nicht gesagt, daß nicht Alle fortgehen. Einige bleiben.«

»Wer?«


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»Nummer Zehn.«

»Weiter Niemand?«

»Die Familie Boroda.«

»Die Eltern nur?«

»Nein, sondern auch der Sohn.«

Sie hatte kraftvoll an seinem Arme gezogen, um sich von ihm zu befreien. Jetzt gab sie schnell diesen Widerstand auf.

»Ist das auch wahr?« fragte sie beruhigt.

»Ja. Ich bin ja der Onkel, bei dem er bleiben wird.«

»Wie hast Du mich erschreckt!« seufzte sie.

»Hältst Du denn auf diese Familie so sehr viel?«

Sie antwortete auf diese Frage nicht, sondern erklärte ihm:

»Ich muß dennoch hinauf. Wenn sie aufbrechen, sollen sie wenigstens Abschied nehmen. Aber, Du sagtest doch, daß der Major sie fangen will.«

»Er will, aber er bekommt sie nicht. Ich habe dafür gesorgt, daß er sie an einer ganz anderen Stelle erwartet, als wo sie wirklich erscheinen werden. Gehe hinauf in die Höhle und sage ihnen, daß ich sie erwarte!«

Sie leistete dieser Aufforderung sofort Folge und wurde dabei von ihrer Mutter begleitet.

Der umsichtige Sam hatte bereits dafür gesorgt, daß diejenigen Pferde, welche den Verbannten gehörten, von den verschwiegenen Knechten heimlich herbeigebracht worden waren. Die Kosaken standen dem nicht im Wege, da sie sich nach der Fähre gezogen hatten.

Wenige Minuten vor Mitternacht kamen die Flüchtlinge an der Pechtanne herabgeklettert. Die Besitzer der Pferde sattelten dieselben. Die Frauen setzten sich auf und sodann wurde der nächtliche Ritt und Weg begonnen. An der Spitze befanden sich Sam, Jim, Major Sendewitsch, Alexius Boroda und Georg von Adlerhorst, der bisherige Kosak Nummer Zehn. Tim war als Wächter des einstigen Derwisches zurückgeblieben.

Auch Nummer Fünf, der frühere Maharadscha, hatte sich mit seinen Jägern anschließen wollen, aber Sam hatte ihn vermocht, davon abzusehen. Es war ja gar nicht nothwendig, daß so viele Leute sich der Gefahr der Entdeckung aussetzten.

Es wurde natürlich kein einziger Kosak im Wege gefunden. Vor der Stanitza stiegen die Reiter und Reiterinnen ab. Die Letzteren blieben mit einigen älteren Personen zur Bewachung der Pferde zurück; die Andern aber drangen durch das jetzt nicht verschlossene und völlig unbewachte Wallthor in die Stanitza ein, leise, jedes Geräusch vermeidend.

Nirgends ließ sich ein Licht sehen. Die Civilbewohner der Stanitza waren schlafen gegangen. Sam suchte sich einige umsichtige Männer heraus, unter denen sich Alexius, der Major und Georg von Adlerhorst befanden. Er legte seine Oberbekleidung ab und borgte sich von einem der Verbannten den Mantel, welchen derselbe trug. Dann zog er ein bisher verborgen gehaltenes Gefäß hervor und sagte:


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»Hier ist Ruß aus der Esse von Peter Dobronitsch. Schwärzt Euch Eure Gesichter! Wir müssen zunächst nach der Wohnung des Kommandanten, denn dort befinden sich jedenfalls die Schlüssel zu dem famosen Zeughause und auch noch andere Dinge, welcher wir bedürfen. Schwarz müssen wir uns machen, damit die Bewohner des Hauses unsere Gesichter nicht sehen. Während wir dort sind, bleiben die Andern hier ganz lautlos halten, um unsere Rückkehr zu erwarten.«

Sein Befehl wurde befolgt und dann begab sich der kleine Trupp nach dem eng an dem Wall stehenden Hause. Die Läden desselben waren zu. Durch die Ritzen derselben aber drangen dünne Lichtstreifen heraus. Man war also im Innern noch wach. Sam schlich sich an einen der Läden, welcher die größte Lücke zu haben schien und blickte durch dieselbe in die Stube.

Er sah ein ziemlich gut ausgestattetes Gemach, in welchem eine Frau saß, welche las. Weiter war kein Mensch vorhanden. Der Kosak Nummer Zehn trat zu ihm und schaute auch hinein.

»Das wird die Frau des Majors sein,« sagte er.

»Es scheint so,« antwortete Sam. »Aber freilich kenne ich sie nicht.«

»Ich auch nicht, und auch kein Anderer von uns. Wollen wir anklopfen?«

»Nein. Das wäre nicht klug gehandelt.«

»Warum?«

»Sie würde, bevor sie öffnet, fragen, wer wir sind.«

»Wir machen ihr Etwas weiß.«

»Aber ob sie es glaubt! Und wenn sie dann nicht öffnet, so stehen wir hier und haben verloren.«

»Ich denke, daß sie öffnen wird, wenn wir ihr sagen, daß wir Kosaken sind, welche ihr Mann mit einer Botschaft sendet.«

»Sie fragt dann nach dem Namen.«

»So sagen wir den ersten besten. Einen Iwan oder Peter giebt es allemal dabei.«

»So müssen wir gewärtig sein, daß sie sich die vermeintliche Botschaft durch die Thür sagen läßt.«

»Dann können wir ja sagen, daß wir ein paar Zeilen abzugeben haben. Da muß sie doch öffnen.«

»Sie hat das Licht mit, sieht unsere geschwärzten Gesichter und macht vor Angst und Schreck einen Spektakel, in Folge dessen die ganze Stanitza erwacht.«

»Nun, wie wollen wir denn hinein?

»Durch das Dachfenster. Ich habe es mir schon am Tage angesehen. Ich werde eine Leiter holen.«

»Aber es ist finster im Hause und wir kennen die Oertlichkeiten nicht. Das wird Lärm geben!«

»Ich habe mich vorgesehen und ein Talglicht mitgenommen. Beim Lichte desselben werden wir so leise wie möglich uns bewegen können. Warte ein Wenig!«


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Er schlich sich hinter das Haus. Er hatte sich die Stelle, an welcher die Leiter lag, sehr genau gemerkt und kehrte bald mit derselben zurück.

Nun schritt er den Andern voran auf den Wall und legte die Leiter von der Kante desselben hinüber auf das Dach, so daß sie grad in das noch immer offen stehende Fenster reichte.

»Ich steige zuerst hinüber,« sagte er. »Sobald Ihr drüben mein Licht brennen seht, kommt Ihr nach.«

Jetzt setzte er sich auf die Leiter und griff sich hinüber. Drüben stieg er ein, zog das Licht heraus und brannte es an. Beim Scheine desselben sah er, daß er sich in einer kleinen Kammer befand, welche nichts als allerlei Gerümpel enthielt. Die Thür konnte nicht verschlossen werden und war mit einer einfachen Klinke versehen.

Jetzt kamen auch die Andern nach.

»Zieht die Stiefel aus,« gebot Sam, indem er ihnen mit dem Beispiele voranging.

Als sie dasselbe befolgt hatten, wurde die Thür geöffnet. Gar nicht weit von derselben führte die Treppe hinab. Gegenüber gab es eine zweite Kammerthür, hinter welcher ein lautes Schnarchen zu hören war.

Sam stellte dort einen Wächter auf, welcher verhindern sollte, daß von dort aus eine Störung erfolgte. Dann stiegen sie leise die Treppe hinab.

Links lag die Wohnstube, in welche sie vorhin durch den Laden geblickt hatten. Die auf der rechten Seite gelegene Thür war verschlossen. Man konnte annehmen, daß sich da irgend ein Wirthschaftsraum befand, in welchem kein Bewohner des Hauses zu vermuthen war.

Jetzt löschte Sam sein Licht wieder aus.

»Treten wir sogleich hinein?« fragte Jim.

»Nein,« antwortete der Dicke.

»Die Frau könnte vor Schreck des Todes sein. Wir klopfen an.«

Er that das. Drinnen erfolgte keine Antwort. Die Dame schien bereits durch das Klopfen so erschreckt zu sein, daß sie nicht reden konnte. Sam öffnete, aber so, daß er zwar hineinblicken konnte, daß aber sein schwarzes Gesicht nicht zu sehen war.

»Erschrick nicht, Mütterchen!« sagte er in freundlichem Tone. »Wir kommen nicht als Feinde zu Dir.«

Die Frau war vom Stuhle aufgesprungen und stand ganz steif und bewegungslos im Zimmer.

Die Männer traten ein. Als sie die Gesichter erblickte, wollte sie schreien. Sie öffnete den Mund, brachte aber freilich keinen Laut hervor. Sie fuhr sich mit beiden Händen nach dem Herzen. Das war die einzige Bewegung, deren sie fähig war.

»Wir sind heut zwar Mohren, sonst aber ganz gute Leute. Wir werden Dir nichts thun,« sagte Sam.

»Mein Gott!« stieß sie endlich hervor. »Ihr - Ihr - seid Räuber!«


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»O nein. Wir nehmen Dir nichts, nicht einen Rubel, nicht eine einzige Kopeke.«

»Was wollt Ihr denn?«

»Wir möchten Dich nur bitten, uns einige Fragen zu beantworten, mein gutes Mütterchen.«

»Wer seid Ihr denn?«

»Wir sind arme Leute.«

»Doch nicht diejenigen, welche mein Mann sucht?«

»Ja, grade diese sind wir. Er meint es nicht gut mit uns. Dennoch aber werden wir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Du sollst mit uns zufrieden sein, vorausgesetzt nämlich, daß auch wir nicht über Dich zu klagen brauchen.«

»Ihr werdet doch nicht etwa eine wehrlose Frau tödten wollen!« meinte sie, an allen Gliedern zitternd.

»Fällt uns nicht ein! Sage uns nur, ob Du die Frau des Majors bist, wie sich aus Deinen Worten vermuthen läßt.«

»Ich bin es.«

»Und er läßt Dich so allein!«

»Er konnte nicht wissen, daß solcher Besuch kommt.«

»Ja, das konnte er freilich nicht vermuthen. Wer befindet sich denn noch mit hier im Hause?«

»Nur Kathinka, meine alte Magd.«

»Wo ist sie?«

»Sie schläft droben in ihrer Kammer.«

»Das stimmt. Ich merke, daß Du die Wahrheit sagst und das ist sehr gut für Dich. Weißt Du wohl, wo sich die Schlüssel zum Zeughause befinden?«

Sie zögerte mit der Antwort. Dann sagte sie:

»Nein, das weiß ich nicht.«

Aber es war ihr leicht anzuhören, daß sie damit nicht die Wahrheit sagte.

»Mütterchen,« antwortete Sam in warnendem Tone, »wenn Du uns belügst, so kannst Du nicht von uns erwarten, daß wir Dich so rücksichtsvoll behandeln, wie es eigentlich unser Wille ist. Du weißt, wo die Schlüssel sind.«

»Nein, ich weiß es nicht.«

»Das thut mir leid! Schau Dir die Knute an, die ich hier an meiner Seite hängen habe! Soll ich damit etwa eine Frau schlagen?«

»Um Gotteswillen! Das wirst Du doch nicht!«

»Ich werde es, wenn Du nicht die Wahrheit sagst.«

»Was willst Du denn mit den Schlüsseln?«

»Das wirst Du seiner Zeit erfahren. Also!«

Er zog die Knute drohend aus dem Gürtel.

»Laß sie stecken!« bat sie. »Die Schlüssel sind dort in dem Schränkchen.«

Sam öffnete dasselbe und sah einen Schlüsselbund da hängen, daneben noch einen einzelnen Schlüssel, welchen er genau mit den andern verglich.


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»Ah,« sagte er, »gewiß ist das der Hauptschlüssel?«

»Ja. Er öffnet alle Thüren des Zeughauses. Mein Mann nimmt ihn beim Revidiren.«

»Schön! So werde ich ihn auch nehmen und hier ist der Bund.«

Er gab Jim denselben und sah sich dann aufmerksam in der Stube um. In der Ecke am Fenster stand ein Schreibtisch.

»An diesem arbeitet wohl Dein Mann?« fragte er.

»Ja.«

»Wollen einmal in die Fächer schauen.«

Er öffnete dieselben und schien das gefunden zu haben, was er suchte, denn er nickte befriedigt vor sich hin, winkte den Major Sendewitsch zu sich und flüsterte diesem zu:

»Schau, hier sind Petschafte und Stempel des Regimentes, auch Papier und alles Zugehörige. Das Uebrige ist nun Deine Sache.«

»Was soll ich damit?«

»Welche Frage! Brauchst Du nicht Legitimationen?«

»Ah, Du hast Recht. Hier kann ich mir einige Ordres ausfertigen, welche vollständig ausreichen, uns Alle zu legitimiren und uns zugleich der Hilfe und des Schutzes aller Behörden zu versichern. Wenn ich nur die Namen der hiesigen Offiziere wüßte! Auch den Namenszug des Majors möchte ich kennen.«

»Nichts leichter als das. Da in dem andern Kasten habe ich eine Liste gesehen, welche die gewünschten Namen enthalten wird. Darauf hat der Major sich unterschrieben. Da ist sie. Setze Dich her und schreibe!«

Der einstige Offizier zog sich einen Stuhl herbei und Sam brachte ihm die Lampe. Dann begann der Erstere, die Liste durchzustudiren und sodann zu schreiben.

Die Frau schien einzusehen, daß sie eine Gefahr für ihre Person nicht zu fürchten habe. Sie wendete sich in möglichst strengem Tone an Sam:

»Weißt Du auch, was Du thust?«

»Ja, Mütterchen, das weiß ich sehr genau,« antwortete er lachend. »Weißt auch Du es?«

»Nein. Ich weiß ja nicht, was dieser Mann schreibt. Aber etwas Erlaubtes wird es nicht sein.«

»Es ist nichts Ungerechtes, gar nichts Ungerechtes, denn ich habe es ihm erlaubt.«

»Dazu hast Du das Recht nicht!«

»O doch, denn ich bin der Vorgesetzte dieser Leute. Ich habe ihm den Befehl gegeben, die Kompagnielisten zu copiren.«

»Wozu?«

»Das verstehst Du nicht. Wenn Du es aber Deinem Manne sagst, so wird er wissen, warum. Hast Du nicht ein Gläschen Wutky hier?«

»Drüben, nicht hier in der Stube.«

»So komm mit hinüber. Brenne ein Licht an! Wir haben Durst.«


// 2202 //

Er that dies, damit sie nicht beobachten könne, was der frühere Major vornahm. Sie sollte nicht sehen, daß er sich des Stempels und des Petschaftes bediente.

Sie mußte ihn und die Andern wohl oder übel hinüber in den bereits erwähnten Vorrathsraum führen, wo die Männer in aller Gemüthsruhe einige Gläser Schnaps zu sich nahmen. Sie machten dabei langsam, um Sendewitsch Zeit zu geben, mit seiner Schreiberei fertig zu werden.

Als sie sich dann wieder hinüber begaben, hatte er sich eben von seinem Schreibtische erhoben und steckte mehrere zusammengefaltete Bogen zu sich.

»Fertig?« fragte Sam.

»Ja. Ich habe Alles.«

»Gut! So wollen wir gehen. Du aber bleibst hier bei dem Mütterchen und sorgst dafür, daß sie sich ruhig verhält.«

Die letzten Worte waren an Georg von Adlerhorst gerichtet. Er ritt nicht mit den Verbannten, bedurfte also keiner Uniform und konnte also hier bleiben.

Der oben stehende Posten erhielt den Befehl, leise herabzukommen, um die Magd nicht aufzuwecken und dann verließen die Andern außer Georg das Haus und zwar durch die Thür, da es keinen Zweck hatte, durch die Leiter wieder zurückzusteigen.

Sie begaben sich zu den zurückgebliebenen Gefährten, denen indessen die Zeit ziemlich lang geworden war. Dann marschirten Alle nach dem Zeughause, welches freilich diesen viel versprechenden Namen gar nicht verdiente. Unterwegs sagte Sendewitsch zu Sam:

»Ich habe glücklicher Weise einen Plan des Zeughauses gefunden und auch ein vollständiges Verzeichniß aller Gegenstände, welche sich daselbst befinden. Der Major scheint sehr auf Ordnung zu halten und hat erst dieser Tage ein Inventar aufgenommen. Ich weiß sogar, wo wir Laternen finden werden.«

»Das ist vortrefflich! Jetzt haben wir zunächst die beiden Posten unschädlich zu machen. Einer steht vorn; der Andere hinten. Ich nehme den Ersteren und Du den Letzteren, Jim. Wir Beide sind in solchen Sachen am erfahrensten. Gieb ihm einen kleinen Klapps, daß er die Besinnung verliert. Dann bringst Du ihn nach vorn getragen. Wir binden sie und stecken sie irgendwo hin, wo sie uns nicht schaden können.«

Sie waren in der Nähe des erwähnten Gebäudes angekommen und blieben stehen, während Sam und Jim sich voranschlichen. Bereits nach kurzer Zeit stieß der Erstere einen leisen Pfiff aus. Sie folgten, und als sie bei ihm anlangten, sahen sie ihn bei dem Posten stehen, welcher betäubt und bereits gebunden an der Erde lag. Nur wenige Sekunden später kam der lange Jim, welcher seinen Kosaken wie einen Sack auf der Achsel trug.

»Nun zunächst zu den Laternen,« meinte Sam.

»Hier durch die mittlere Thür,« sagte der Major.

Sam versuchte den Hauptschlüssel; er schloß. Die Thür ging auf, und


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nun befanden sie sich in einem ziemlich weiten Gewölbe. Der Dicke brannte sein Licht an und leuchtete umher. Rings an den Wänden hingen Sättel mit dem nöthigen Riemenzeuge, auch Laternen dabei.

Diese Letzteren wurden angebrannt. Man brachte zunächst die beiden Posten unter, und sodann führte der Major die Leute nach den Räumen, in denen sich die Uniformen befanden.

Glücklicher Weise schliefen alle Bewohner der Stanitza. Einen Nachtwächter gab es hier nicht, da Alles militärisch eingerichtet war.

Wäre Jemand wach gewesen, so hätte er sehen können, daß alle Räume des Zeughauses nach und nach erleuchtet wurden. Es gab da ein außerordentlich lebhaftes aber sehr geheimnißvolles Treiben, welches weit über eine Stunde währte, dann kamen die Leute heraus. Die Lichter erloschen, und die Thüren wurden wieder verschlossen. Es war Alles wieder so still und finster wie vorher.

Im Falle es heller gewesen wäre, so hätte ein zufälliger Beobachter gesehen, daß Alle, welche in Civilkleidern eingetreten waren, das Haus in Kosakenuniformen verließen. Jeder hatte einen Sattel nebst Zaumzeug auf dem Rücken. Einige hatten sich sogar mit Waffen versehen. Sie verließen die Stanitza durch das Wallthor, durch welches sie hereingekommen waren, und wendeten sich dann nach rechts, wo sie sich längs des Walles dahinschlichen, wo die Pferde standen.

Als sie in der Nähe dieses Ortes anlangten, hielten sie wieder an, und Sam pürschte sich vorwärts, um auszuspüren, wie viele Kosaken die Pferde bewachten und wo dieselben sich befanden. Es waren ihrer nur vier. Sie lagen schlafend an der Erde. Besser konnte man es ja gar nicht treffen.

Die Pferde standen entweder träumend dabei oder lagen auch schlafend am Boden. Einige von ihnen schnaubten, als Sam sich näherte, ohne aber, daß die Schläfer dadurch aufgeweckt wurden.

Der Dicke ging wieder zurück und holte die Andern herbei, welchen es eine Leichtigkeit war, die Wächter zu überfallen. Ehe diese nur recht erwachten, waren sie gebunden. Man drohte ihnen, sie zu tödten, wenn sie es wagen sollten, vor Anbruch des Tages einen Laut auszustoßen.

Nun wurden die Pferde gesattelt. Auf die überzähligen Thiere - denn solche gab es - nun lud man den Vorrath von Munition und Proviant, welcher im Zeughause gefunden worden war; dann ritten die vom Glücke so sehr begünstigten »armen Leute« zu der Stelle zurück, an welcher die von ihnen zurückgelassenen Leute und Pferde vor der Stanitza hielten.

Es war ihnen ein Streich gelungen, welcher in der Geschichte der Verbannung nach Sibirien geradezu beispiellos dastand. Nun wurden die Vorbereitungen zum endgiltigen Aufbruche getroffen, welche allerdings nicht viel Zeit in Anspruch nahmen. Die Leute drängten sich um den braven, pfiffigen Sam, um ihm ihren Dank auszusprechen. Er wies denselben zurück.

»Nicht der Rede werth!« lachte er. »Habe noch ganz andere Streiche


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vollbracht. Thut mir nur den einen Gefallen, es nicht zu verrathen, daß er in meinem Kopfe entsprungen ist und daß ich sogar bei der Ausführung desselben mit geholfen habe. Das russische Gesetz könnte mich sonst ein Wenig beim Genick nehmen, und das soll keine ganz angenehme Empfindung sein.«

»Kein Mensch soll Etwas erfahren,« versicherte Major Sendewitsch. »Es liegt ja in unserm eigenen Interesse, gar nichts zu sagen.«

»Hoffentlich gelingt es Euch, den Plan ebenso gut auszuführen, wie heut seine Einleitung gelungen ist. Es ist ja Alles vorhanden, was Ihr dazu braucht - Pferde, Munition, Proviant und Legitimationspapiere.«

»Nur Waffen haben wir wenig vorgefunden. Auch mit der Munition ist es nicht gar gut bestellt.«

»Was das betrifft, so kann dem Mangel sehr leicht abgeholfen werden. Ihr reitet doch jedenfalls erst in der Richtung nach Platowa?«

»Ja. Dann wenden wir uns westlich, um im Norden von Irkutsk an dieser Stadt vorüber zu kommen.«

»Nun, Ihr werdet, wenn Ihr gut aufpaßt, gar nicht weit von hier der Horde von Tungusen begegnen, welche unter ihrem Fürsten Bula nach hier kommen wollen, um Euch Gewehre, Pulver und Patronen zu bringen. Sagt dem Fürsten, daß Ihr diejenigen seid, für welche diese Sachen bestimmt sind, und Ihr werdet sie erhalten.«

»Wenn er uns Glauben schenkt.«

»Das wird er.«

»Er kennt uns nicht und kann uns leicht für Kosaken halten, die ihn in Versuchung führen wollen.«

»So will ich Dir ein Mittel sagen, Dich zu legitimiren. Es reitet mit ihm ein Herr, dessen Name Steinbach ist. Wende Dich an ihn und sage, daß ich, der dicke Sam, Dich zu ihm sende. Melde ihm, daß er sich sputen solle, weil ich den früheren Derwisch bereits ergriffen habe. Das wird genügen.«

»Gut! Ich werde es ausrichten. Hast Du mir sonst Etwas anzubefehlen?«

»Nein, nichts mehr.«

»So ist die Zeit des Scheidens gekommen.«

»Ja. Aber wie kommt Ihr über den Fluß an das jenseitige Ufer?«

»Hm! Wir müssen ihn wohl überschwimmen, da wir nicht zur Fähre können.«

»Leider! Es thut mir zwar leid, daß Ihr Euch gleich beim Beginn Eures Rittes in das Wasser begeben müßt. Schon um der Frauen Willen ist das unangenehm. Aber es ist eben nicht zu vermeiden. Ich könnte die Fähre wohl für Euch frei machen; aber das erfordert einige Stunden Zeit, welche Ihr besser benützen könnt, möglichst weit von hier fort zu kommen. Und die Hauptsache ist, daß Ihr beim Ueberfahren, welches nur langsam vor sich gehen kann, da die Fähre nur wenige Reiter faßt, bemerkt werden könntet, während es doch Euer Trachten sein muß, nicht gesehen zu werden. Die


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Kosaken dürfen keine Spur von Euch finden. Sie müssen denken, daß Ihr über die nahe Grenze entkommen seid. Dann seid Ihr vor aller Verfolgung sicher.«

»Nun, was die Verfolgung betrifft, so haben wir dieselbe gar nicht zu fürchten. Ich möchte wissen, wie die Kosaken uns ohne Pferde ereilen wollten.«

»Sehr leicht!«

»So? Doch nur durch einen Boten?«

»Ja, sie können einen gut berittenen Boten ausschicken, der die Garnisonen anderer Orte auf Euch hetzt. Was an mir liegt, ihnen Sand in die Augen zu streuen, das werde ich thun. Jetzt aber verliert weiter keine Zeit! Vor Anbruch des Morgens müßt ihr weit fort sein, wenn Eure Flucht gelingen soll.«

Es läßt sich leicht denken, daß der Abschied ein herzlicher war. Die Leute flossen von Dank über. Sam verabredete mit Sendewitsch eine deutsche Adresse, an welche derselbe sich später schriftlich wenden solle, um Nachricht von sich und dem Verlaufe des abenteuerlichen Fluchtrittes zu geben. Dann ritten die Flüchtigen davon.

Sam begab sich mit den Zurückbleibenden wieder in das Haus des Majors. Es galt, da noch einige Maßregeln zu treffen.

Georg von Adlerhorst öffnete ihnen auf ihr leises, vorsichtiges Klopfen und meldete ihnen, daß die Frau sich ruhig verhalten habe. Sie traten wieder in die Stube. Die Majorin saß am Tische. Sie zeigte eine ergebene, niedergeschlagene Miene.

»Nun, Mütterchen, wir kommen, uns von Dir zu verabschieden,« sagte Sam. »Ich hoffe, daß Du mit uns zufrieden bist.«

Er hatte bereits vorher, als er mit ihr sprach, seine Stimme verstellt und that dies auch jetzt wieder.

Sie antwortete:

»Gethan habt Ihr mir nichts; das ist wahr. Aber was Ihr ohne mein Wissen vorgenommen habt, das weiß ich nicht.«

»Dein Männchen wird es sehr bald erfahren und es Dir dann sagen. Schau, ich hänge die Schlüssel in das Schränkchen zurück. Unser Besuch hat Dir also nichts weiter gekostet als eine einzige kleine Flasche Wutky, und den wirst Du wohl verschmerzen können. Jetzt aber sage mir einmal, ob Du vielleicht ein unruhiges Blut hast!«

»Warum?«

»Ich möchte gern wissen, ob Du recht beweglich oder im Gegentheile ein Wenig träge bist.«

»Träge war ich nie!«

»Das ist nicht gut für Dich.«

»Nicht gut? Ich habe noch niemals gehört, daß die Trägheit für den Menschen vortheilhaft ist.«

»In dem jetzigen Falle würde sie es sein. Wenn Du so sehr beweglich


// 2206 //

bist, so muß ich fürchten, daß Du, wenn wir fort sind, nicht auf dem Stuhle sitzen bleibst. Ich wünsche aber, daß Du Dich mit Deiner Magd recht ruhig verhalten mögest, bis Dein Männchen heimkehrt. Darum werde ich Euch ein Wenig anbinden müssen. Hol die Magd herab!«

Dieser Befehl war an Jim gerichtet, welcher sich sofort nach oben begab.

»Binden! Mich binden!« rief die Majorin. »Weißt Du, daß ich die Frau eines hohen Offiziers bin!«

Sie stand auf und trat in stolzer Haltung auf ihn zu.

»Bleibt sitzen, Frauchen!« antwortete er. »Ein Major ist gar nicht ein so vornehmes Thier, wie Du anzunehmen scheinst. Und gescheidt ist der Deinige auch nicht. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen so dummen Menschen gefunden, wie er ist. Er sollte den Buckel voll Prügel bekommen, obgleich ich sehr begründete Zweifel habe, daß ihn das gescheidter machen werde. Er wollte uns fangen. Da haben wir ihn nach der Fähre gelockt. Dort hielt er mit seinen dummen Kosaken. Und wenn er einsieht, daß wir ihm eine riesige Nase gedreht haben, so sind wir längst über die Grenze hinüber, und er mag zusehen, wie er den entflohenen Vogel wieder bekommt. Aber eben damit Du ihn nicht vorzeitig warnen kannst, werde ich Dich hier anbinden. Weiter soll Dir gar nichts geschehen. Ich hoffe, daß Du es Dir ruhig gefallen lassen wirst. Im andern Falle würde ich natürlich Gewalt anwenden müssen.«

Jetzt brachte Jim die Magd herein. Sie hatte Lärm machen wollen, doch hatte der lange Amerikaner sie so sehr eingeschüchtert, daß sie sich ruhig verhielt. Ihr Gesicht war vom Entsetzen ganz entstellt.

Der lustige Sam band zwei Stühle mit den Lehnen zusammen. Die beiden Frauenzimmer mußten sich darauf setzen, mit den Rücken gegen einander, und dann wurden auch sie zusammengebunden.

»So!« lachte er. »Nun könnt Ihr meinetwegen ruhig sitzen bleiben oder wie ein Doppelfrosch in der Stube umherspringen. Die Läden will ich aufmachen. Wenn es Tag ist und dieselben bleiben zu, könnten die guten Bewohner der Stanitza denken, es sei Euch ein Unfall zugestoßen. Und das ist doch gar nicht der Fall.«

Er schob die Läden auf. Dann verlöschte er das Licht, und sie verließen die Stube, deren Thür sie hinter sich verschlossen. Auch die Hausthür wurde von innen verriegelt, dann stiegen sie die Treppe hinauf, nachdem sie den Thürschlüssel so versteckt hatten, daß er nicht gleich gefunden werden konnte.

Jetzt nun verließen sie das Haus auf demselben Wege, auf welchem sie es zuerst betreten hatten - mittelst der Leiter, welche Sam dann wieder hinüber auf den Wall zog. Er trug sie hinter das Haus zurück, wo sie vorher gelegen hatte.

»So,« sagte er dann. »Das ist gelungen. Ich möchte dabei sein, um zu sehen, wie die beiden Weibsbilder wie ein Doppeladler in der Stube herumflattern, dem die Flügel gebunden sind.«

Sie begaben sich natürlich zunächst dahin, wo der betreffende Verbannte


// 2207 //

Sams Rock niedergelegt hatte, mit welchem der Dicke jetzt den Mantel vertauschte. Dann kehrten sie nach dem Gute ihres Wirthes Dobronitsch zurück.

Dort suchten sie zunächst den Brunnen auf, um sich auf das Sorgfältigste von dem Ruße zu befreien, von welchem jede Spur entfernt werden mußte. Als dieses geschehen war, begab Sam sich mit Jim nach dem Hause, während die Anderen das bekannte Versteck aufsuchten. Es brauchte selbst von des Wirthes verschwiegenen Leuten Niemand zu wissen, welche Personen mit Sam gewesen waren; darum war es jedenfalls besser, sie begaben sich still nach der Höhle hinauf.

In der Wohnstube brannte noch Licht. Mila und ihre Mutter waren noch wach. Die Sorge um ihren Mann und Vater hatte sie nicht ruhen lassen. Sam begab sich zu ihnen, um sie zu beruhigen. Er theilte ihnen mit, daß die Verbannten entkommen seien und daß für den Bauer nichts zu befürchten sei.

Dann begab er sich hinüber zu Tim, bei welchem sich Jim bereits befand. Er vernahm, daß der in der Räucherkammer befindliche Florin sich ruhig verhalten habe, öffnete die Thür ein Wenig, um sich zu überzeugen, daß derselbe wirklich auch anwesend sei, schob dann den Riegel wieder vor und legte sich zum Schlafen nieder. Er bedurfte nach den Anstrengungen des vergangenen Tages der Ruhe.

Auch die Bäuerin war, halb und halb befriedigt von Sams Worten, in ihre Schlafstube gegangen, um zu versuchen, ob sie ein Wenig ruhen könne. Mila aber war aufgeblieben.

Es stürmte jetzt so Vieles auf sie ein. Vom Schlafen war bei ihr keine Rede. Sie nahm eine kleine weibliche Arbeit vor; aber bald merkte sie, daß ihr dazu auch die Sammlung fehle. Es ging eben nicht.

Darum begab sie sich hinaus, um zu versuchen, sich durch einen Gang in der kühlen Morgenluft zu beruhigen.

Ganz unwillkürlich richtete sie ihre Schritte dahin, wohin das Herz sie zog, nach der Pechtanne. Aber sie ging an derselben vorüber nach dem See, an dessen Ufer sie sich niedersetzte. Sie blieb da sitzen, bis der Tag zu grauen begann. Dann stand sie auf, um nach Hause zurückzukehren.

Unterwegs fiel ihr ein, daß man oben von der Höhe des Felsens aus wohl die an der Fähre befindlichen Kosaken, also auch ihren Vater sehen könne. Darum stieg sie hinauf.

Sie sagte sich, daß sie das aus dem angegebenen Grunde thue. Des eigentlichen Grundes aber blieb sie sich unbewußt. Ihr Herz trieb sie an der Riesentanne empor. Sie hütete sich aber, sich darüber Rechenschaft zu geben.

Die oben befindlichen Personen schliefen. Es war Alles still und finster in der Höhle. Sie durchwandelte leise die einzelnen Räume bis hinaus in den Krater, in dessen Tiefe soeben der Strahl des jungen Morgens drang.

Sie stieg an der Kraterwand empor, um von da oben aus einen Blick nach dem Flusse zu werfen. Die Ufer desselben waren in dichten Nebel gehüllt; darum konnte sie nichts sehen. Sie setzte sich nieder, um zu warten, bis die Nebel sich verziehen würden.


// 2208 //

So saß sie lange, lange. Die Sonne stieg im Osten empor, und von ihrer Wärme gehoben, stiegen die feuchten Schwaden über den Fluß empor, wurden von dem erwachenden Winde erfaßt und wie wirbelnde Wolken davongewälzt.

Jetzt war das Ufer des Flusses zu erkennen. Dort, wo die Fähre am Lande lag, sah sie die Kosaken, welche die betreffende Stelle noch immer besetzt hielten. Ihren Vater unter ihnen zu erkennen, das war mit blosem Auge nicht möglich.

Eben wollte sie sich erheben, um sich wieder zu entfernen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sich umblickend, gewahrte sie Alexius Boroda, den Zobeljäger, welcher leise emporgestiegen war und sich ihr nun langsam näherte.

»Guten Morgen, Mila Dobronitscha!« grüßte er. »Ist es erlaubt, zu Dir zu kommen?«

»Wer sollte es Dir verwehren?« fragte sie, indem sie erröthete.

»Du.«

»Ich? Welches Recht hätte ich dazu?«

»Das Recht der Besitzerin. Dieser Ort gehört Dir.«

»Und Du hast das Recht des Gastes. Die Höhle ist auch Dein Eigenthum. Ich kann Dir also nicht verbieten, zu mir zu kommen.«

»Aber unangenehm ist es Dir doch, daß ich Dich hier störe.«

»Warum denkst Du das?«

»Ich sehe es Dir an, daß Du zornig bist.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Du wurdest roth vor Aerger, als Du mich sahst.«

Jetzt erröthete sie noch tiefer als vorher.

»Es fällt mir gar nicht ein, Dir zu zürnen. Im Gegentheile habe ich Dich um Verzeihung zu bitten. Vielleicht habe ich Dich durch mein Kommen im Schlafe gestört.«

»Ich hörte Jemand leise durch den Raum gehen und folgte Dir ebenso leise nach. Als ich sah, daß Du es warst, blieb ich zurück. Dann jedoch, als eine so lange Zeit vergangen war, trieb es mich doch herbei, um nachzusehen, ob ich Dir vielleicht mit Etwas dienen könne.«

»Ich danke Dir! Ich brauche nichts. Ich kam hier herauf, um zu versuchen, ob ich meinen Vater vielleicht erblicken könne.«

»Ich hörte von meinem Oheim, daß Dein Vater sich bei den Kosaken befindet. Hast Du Angst um ihn?«

»Ja.«

»Dazu ist keine Ursache vorhanden. Im Gegentheile ist der Umstand, daß er sich während der ganzen Nacht neben dem Major befunden hat, sehr vortheilhaft für ihn. Er könnte andernfalls sehr leicht in den Verdacht kommen, daß er sich an dem Streiche betheiligt habe, welchen die Verbannten den Kosaken gespielt haben. Nun aber ist es ja erwiesen, daß er sich nicht bei ihnen befunden hat. Mein Oheim hat dies so schlau einzurichten gewußt, daß ich ihn bewundern muß.«


Ende der zweiundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



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