Lieferung 94

Karl May

1. Oktober 1887

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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»Oder ist's eine Heerde?«

»Nein. Eine Heerde bewegt sich langsamer vorwärts als dieser Punkt. Ich vermuthe, daß es Reiter sind.«

»Reiter? Dann sind es Kosaken.«

»Kann man die hier erwarten?«

»Eigentlich nicht, denn es ist jetzt nicht die Zeit, in welcher gewöhnlich die Garnisonen gewechselt werden.«

»Hm! Die Bewegung ist eine sehr schnelle. Es scheint mir ganz, als ob diese Leute im Galopp ritten.«

»Vielleicht sind es Reisende?«

»Das glaube ich kaum. Der Punkt wird schnell größer. Er breitet sich aus. Das können nach meiner Schätzung wohl an die hundert Männer sein.«

»So Viele?«

»Ja. Und ich kann es nicht gut für möglich halten, daß eine so bedeutende Anzahl von Reisenden sich vereinigt haben sollen.«

»Dann sind es allerdings Kosaken. Sie kommen aus der Gegend des Mückenflusses. Sonderbar!«

»Es kommt Dir also befremdlich vor?«

»Sehr!«

»Es sind doch nicht etwa Angehörige einer Völkerschaft, welche sich mit Euch in Feindschaft befinden?«

»O nein. Wir leben ja mit aller Welt in Frieden und haben keinen einzigen Menschen zu fürchten.«

»Nun, so können wir diese Reiter also ohne alle Besorgniß näher kommen sehen. Nicht wahr?«

»Ja, das können wir.«

Das, was erst ein Punkt gewesen war, verwandelte sich bald in einen Strich, welcher sich nach und nach zu einer Linie ausdehnte. Die beiden Trupps näherten sich immer mehr. Bald war zu sehen, daß der Fürst richtig vermuthet hatte. Es waren Kosaken.

Sie kamen im scharfen Trabe herbei. Voran ritt ein Einzelner, welcher, wie man beim Nahen sah, die Uniform eines Rittmeisters trug. Er rief den Seinen einen lauten Befehl zurück, worauf sie halten blieben, während er nun vollends herbeikam.

Steinbach hatte sich mit dem Fürsten an die Spitze des Zuges gesetzt. Der Rittmeister lenkte sein Pferd zu den Beiden hin, hielt vor ihnen an, grüßte militärisch und fragte:

»Habe ich recht vermuthet, wenn ich denke, daß Ihr Tungusen seid?«

»Ja, Brüderchen,« antwortete der Fürst.

»Wo kommt Ihr her?«

»Von Platowa.«

»Ah, sehr gut. Wie heißt Euer Anführer? Ist es nicht der Fürst Bula mit der Fürstin Kalyna?«


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»So ist es, mein Lieber.«

»Wo ist der Fürst?«

»Du brauchst gar nicht weit zu reiten, um bei ihm zu sein, denn ich heiße Bula und bin es selber.«

»Vortrefflich, vortrefflich! Ich suche Dich.«

Dabei glitt sein Blick forschend von Bula weg und an Steinbachs Gestalt herunter.

»Mich hast Du gesucht?« fragte der Fürst. »Das freut mich! Kann ich erfahren, warum?«

»Ja, sogleich. Ich suche einen Herrn, welcher sich bei Dir befinden soll. Und wenn mich nicht alles täuscht, so habe ich auch ihn bereits vor mir.«

Und sich an Steinbach wendend, fuhr er fort:

»Verzeihung, mein Herr! Ist Ihr Name Steinbach?«

»Zu dienen, Herr Rittmeister,« antwortete der Gefragte.

»So habe ich Sie zu grüßen.«

»Von wem?«

»Von dem dicken Sam.«

»Danke sehr! Zu ihm wollen wir. Sie haben ihn also getroffen?«

»Ja. Er hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, daß Sie sich beeilen sollen. Der einstige Derwisch sei gefangen.«

»Vortrefflich! Die Botschaft, welche Sie mir da bringen, ist eine mir sehr angenehme. Wo haben Sie denn meinen vortrefflichen Freund gefunden?«

»Am Mückenflusse, wo er uns Allen einen außerordentlichen Dienst erwiesen hat, den wir ihm niemals vergessen werden. Er hat uns gerettet.«

»Ah! Vor wem oder was?«

»Vor Tod und Gefangenschaft.«

»Gefangenschaft? Sie? Militär? Wie wäre es möglich, daß Ihnen das Gefängniß drohen könnte?«

»Die Kosaken waren uns auf den Fersen.«

»Die Kosaken? Das sind Sie ja selbst!«

Der Rittmeister ließ ein schlaues Lächeln sehen, zuckte beide Achseln und antwortete in pfiffigem Tone:

»Wir scheinen es allerdings zu sein.«

»Scheinen? So sind Sie es nicht?«

»Nein. Wir sind »arme Leute«. Was das zu sagen hat, darf ich Ihnen wohl nicht erst erklären.«

»Ich weiß es. Aber trotzdem möchte ich Sie um eine Erklärung bitten. Wenn es so ist, wie Sie sagen, so sind sie also Flüchtlinge, welche in einem militärischen Incognito sich befinden.«

»So ist es.«

»Wie aber kommen Sie zu den Uniformen?«

»Die haben wir - gestohlen.«

»Ah! Unglaublich!«


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»Fast! Aber der kleine Sam sagte, daß er noch ganz andere Dinge fertig gebracht habe.«

»So steht er in irgend welcher Beziehung zu dem Umstande, daß Sie sich der Uniformen bemächtigt haben?«

»Allerdings. Er hat sich diesen vortrefflichen Gedanken ersonnen und ihn auch mit ausgeführt.«

»Das hoffe ich nicht!«

»Und doch ists so!«

»Der Unvorsichtige!«

Steinbachs Brauen zogen sich ein Wenig zusammen.

»O bitte!« meinte der Rittmeister. »Er hat es so schlau angefangen, daß seine Person dabei gar nicht mit in das Spiel gezogen werden kann.«

»In diesem Falle könnte ich ihm dieses Abenteuer leichter verzeihen. Aber, was beabsichtigen Sie denn zu thun?«

»Erlauben Sie mir, Ihnen das sodann zu erklären. Zunächst muß ich Ihnen sagen, daß wir diejenigen Flüchtigen sind, wegen denen Peter Dobronitsch einen Boten sandte.«

»Schön, schön!« meinte Bula. »Wir gedachten, Euch am Mückenflusse anzutreffen.«

»Zu unserem Glücke fanden wir Gelegenheit, diese für uns so gefährliche Gegend früher zu verlassen.«

Steinbach hatte die Truppe mit scharfem Auge überflogen. Er sagte dann:

»Aber wenn Sie sich wirklich für Kosaken ausgeben wollen, so wird Ihnen das schwer werden.«

»Warum?«

»Können Sie sich legitimiren?«

»Ja. Wir begleiten vornehme Reisende.«

»Welche?«

»Die Wagen derselben befinden sich hinter unserer Fronte. Darum haben Sie sie noch nicht gesehen.«

»Dazu gehören Papiere!«

»Die sind da.«

Er schlug dabei an seine Satteltasche.

»Ein kühner Gedanke!«

»Welcher von Sam stammt.«

»Ja, der Kleine ist ein Sapperment. Verrathen Sie ihn nur nicht. Aber ich bemerke, daß Ihre Truppe nicht vollständig bewaffnet ist.«

»Sam hat mir aufgetragen, mich in dieser Angelegenheit an den Fürsten zu wenden.«

»Ja, ja!« fiel Bula ein. »Waffen könnt Ihr von uns bekommen. Und Munition genug dazu.«

»Nur langsam!« sagte Steinbach. »Der Herr Rittmeister wird es uns unter den obwaltenden Umständen nicht übel nehmen, wenn wir vorsichtig sind.«

»Ganz und gar nicht,« antwortete der Offizier.


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»Können Sie uns beweisen, daß Sie wirklich keine Kosaken, sondern »arme Leute« sind?«

»Vollständig! Geben Sie mir Zeit, Ihnen die Abenteuer des letzten Tages zu erzählen, so werden Sie mir Glauben schenken.«

»Schön! Wie wollen absteigen und uns besprechen. Aber Sie haben eine beispiellos schwierige Aufgabe übernommen. Um die Militär- und Civilbehörde zu täuschen, müßten Sie Offizier sein.«

»Der bin ich auch. Früher Major im Gardekürassierregiment. Mein Name ist Sendewitsch.«

Steinbach schien überrascht zu sein.

»Sendewitsch?« fragte er.

»Sie hatten ein Duell?«

»So ist es.«

»Mit einer hohen Persönlichkeit?«

»Mit einem Großfürsten.«

»Weiß es, weiß es! Habe damals Alles sogar sehr deutlich gehört. Die Folge war, daß man Sie nach Sibirien schickte. Ja, es ist nicht immer vortheilhaft, ein Heißsporn zu sein.«

»Herr! Ich befand mich in meinem Rechte!«

»Das glaube ich. Zuweilen aber fordert die Klugheit, trotz allen Rechtes zu schweigen. Doch, steigen wir ab!«

Jetzt entwickelte sich mitten auf der vorher so einsamen Ebene ein lebensvolles Bild. Auch die Kosaken stiegen von ihren Pferden und mischten sich unter die rauhen Tungusen. Es wurde getrunken und gegessen. Ein Jeder theilte das, was er hatte, den Anderen mit.

Die Hauptpersonen hatten sich bei einander niedergesetzt, und der Rittmeister begann, zu erzählen.

Mancher Ausruf der Ver- und Bewunderung ließ sich während des Berichtes hören. Als er geendet hatte, war es ihm vollständig gelungen, Steinbach zu beweisen, daß er es nicht mit wirklichen Kosaken zu thun habe.

Steinbach war vorsichtig. Die ganze Sache konnte ja auch eine Falle sein, in welche zu gerathen er sich sehr hüten mußte. Jetzt nun ließ Bula die Waffen, das Pulver und die Patronen auspacken.

»Wo habt Ihr das Alles her?« fragte Steinbach.

»Aus Platowa,« antwortete der Fürst.

»Von Wem?«

»Aus dem Magazin. Hast Du nicht die Reiter bemerkt, welche wir gestern Abend da einholten, wo wir lagern wollten?«

»Allerdings.«

»Das waren meine Leute, welche diese Sachen vertransportirt hatten.«

»Aber Euch wird man doch nicht den Inhalt des Magazins überantworten.«

»Freilich nicht.«

»So habt Ihr es - mit Gewalt?«

Bula zuckte die Achsel.

»Oder List?«


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»Beides.«

»Sapperment! Also wohl auch ein Diebstahl?«

»Natürlich.«

»Wer hat ihn denn ausgeführt?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»So! Dann weiß ich, wer es gewesen ist!«

»Schwerlich, Herr!«

»O doch! Mein dicker Sam war es. Gestehe es!«

»Er hat es mir verboten, es zu sagen. Ich werde es also verschweigen.«

»Also er! Na, warte, Bursche!«

»O bitte, bitte!« fiel der Rittmeister ein. »Zürnen Sie dem vortrefflichen Menschen nicht!«

»Er geht mir zu weit, und ich werde ihn also zur Rede stellen. Ihnen aber kann ich nur rathen, baldigst wieder aufzubrechen. Vielleicht ist man bereits hinter Ihnen her.«

»Dazu fehlen die Pferde.«

»Die sind bei einiger Umsicht leicht herbeigeschafft.«

Der Aufbruch ging doch nicht so bald vor sich. Es wurde noch Vieles erzählt und besprochen, bevor man sich trennte. Dann war der Abschied ein außerordentlich herzlicher, denn ein Jeder mußte die muthigen Leute bewundern, welche sich vorgenommen hatten, einen so verwegenen Plan auszuführen.

Dieser Bewunderung machte auch der Fürst Luft, als er dann nach dem Aufbruche wieder neben Steinbach herritt. Der Letztere aber war ruhig. Er fühlte sich verstimmt. Der dicke Sam wagte zu viel und hatte ohne alle Erlaubniß gehandelt. Das konnte ja leicht verhängnißvoll werden.

Von da an, wo gelagert worden war, hatte man nur eine gute halbe Stunde bis nach dem Mückenflusse, welcher gerade zu der Zeit erreicht wurde, als Sam mit Peter Dobronitsch aus der Stanitza heimkehrte.

Natürlich wurde die Fähre benutzt, um auf das andere Ufer zu gelangen. Viele der reitgewandten Tungusen, welche sich aus einer Durchnässung ihrer Kleider nichts machten, trieben ihre Pferde in den Fluß, um hinüberzuschwimmen. Sie waren das gewöhnt. Eine Erkältung gab es bei ihnen nicht. Dieses Wort war ihnen völlig unbekannt.

Als sich Alle an dem anderen Ufer befanden, also auf dem Grund und Boden von Peter Dobronitsch, begannen die Tungusen, ihre Zelte aufzuschlagen. Bula wollte sich sofort zu dem Bauer begeben, aber Steinbach bat, noch zurück zu bleiben. Er selbst wolle erst nachsehen, wie es auf dem Gute stehe.

»Aber mich nimmst Du mit!« bat Gökala.

Er hatte ihr ja gesagt, weshalb er hierher gehe. Sie wußte, daß sie ihren Vater vorfinden werde.

»Möchtest Du mir nicht lieber den Gefallen thun, noch zu warten?« fragte er. »Ich weiß ja noch gar nicht, ob Dein Vater sich noch hier befindet und wo ich ihn treffen werde.«


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»Oscar, muthe mir das nicht zu! So lange Jahre habe ich mich nach ihm gesehnt, und nun ich mich bei ihm befinde, soll ich warten!«

»Gut. Komm mit! Und Nena soll uns begleiten.«

»Und ich gehe auch mit,« erklärte Karparla.

»Ich auch!« fügte ihr Vater bei, welcher der Ansicht war, daß er nicht zurückzubleiben brauche, wenn Andere mitgehen durften.

Auch seine würdige Kalyna erklärte, daß es sie treibe, ihre gute Mila zu begrüßen, und so stürmten sie Alle so lange auf Steinbach ein, bis dieser nachgab. Sie gingen zu Fuße nach dem Gute.

Als sie bei demselben anlangten, saßen die Zobeljäger vor dem Hause. Nummer Fünf, der einstige Maharadscha bei ihnen. Er blickte auf, als er sie kommen sah und sie an ihm vorübergingen.

Sein Auge fiel auf Gökala, die ihn und seine Gefährten gar nicht weiter beachtete. Das Blut trat ihm aus dem Gesichte zurück. Er sprang auf und starrte ihr nach.

»Bertha!« flüsterte er.

»Was hast Du?« fragte einer der Jäger.

Er beherrschte sich, setzte sich wieder nieder und antwortete:

»Nichts. Mir war nur, als ob ich eins der Mädchen bereits einmal gesehen hätte.«

»Das war Karparla, die Tochter des Tungusenfürsten.«

»Die kenne ich. Die meinte ich nicht.«

»Also die Andere?«

»Ja. Habt Ihr sie vielleicht einmal gesehen?«

»Nein,« wurde ihm geantwortet.

»Wunderbar! Welch eine Aehnlichkeit!«

Er fiel in tiefes Sinnen, aus welchem ihn die Anderen nicht störten.

Indessen war Steinbach mit seinen Begleitern und Begleiterinnen von den Bewohnern des Hauses ungesehen an den Fenstern vorüber gelangt und in den Flur getreten. Karparla machte die Führerin und trat in die Stube.

Da saß Peter Dobronitsch mit Frau und Tochter, Sam Barth bei ihnen. Als Mila ihre Freundin erblickte, rief sie, vor Freude erschrocken:

»Karparla! Endlich!«

Die beiden Mädchen flogen einander in die Arme und küßten sich innig. Auch die Bäuerin umarmte das schöne Mädchen und zog dann auch die dicke Kalyna an ihr Herz. Die Begrüßung wurde allgemein.

Steinbach war mit Nena und Gökala an der Thür stehen geblieben und sah mit Rührung die Herzlichkeit, mit welcher diese einfachen Menschen an einander hingen.

»Und hier bringe ich Dir eine neue Freundin,« sagte Karparla, indem sie Gökala bei der Hand ergriff, um sie zu Mila zu führen. Jetzt konnte man sehen, welchen Eindruckes eine edle, reine, hohe Weiblichkeit fähig ist. Mila wendete sich der Genannten zu und wollte sie anreden.


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Aber als ihr Blick auf die herrliche Gestalt und das hoheitsvolle Angesicht Gökala's fiel, erstarb ihr das Wort im Munde.

»Ja,« sagte die Letztere, »eine neue Freundin möchte ich Dir sein. Ich kenne Dich bereits, denn Karparla hat mir von Dir erzählt. Reiche mir Deine Hand!«

Sie ergriff Mila's Hand und drückte dieselbe herzlich. Dann ging sie zu deren Mutter, um auch diese zu begrüßen. Aber es war, als ob ein Engel durch die Stube gehe.

Sam kam den Befangenen zu Hilfe, indem er ihre Aufmerksamkeit von Gökala ablenkte.

»Hier ist Der, den Du so gern sehen wolltest, Steinbach!« sagte er zu Peter Dobronitsch.

Der Bauer ließ sein Auge über die mächtige Gestalt des Deutschen gleiten, streckte ihm dann demüthig die Hand entgegen und sagte:

»Herr, Du bist wie ein Fürst. Sei willkommen in meinem Hause. Was ich habe, das gehört Dir. Nimm fürlieb damit.«

Die Neuangekommenen mußten sich niedersetzen, um mit dem Wirthe den Willkommen zu trinken. Steinbach warf Sam einige sehr ernste Blicke zu. Dieser bemerkte es sehr wohl und ging hinaus, gab aber durch einen Wink zu verstehen, daß er wünsche, Steinbach möge ihm folgen. Dieser that das auch. Draußen im Hausflur stand der Dicke.

»Herr Steinbach, Sie sehen mich so finster an,« sagte er. »Darf ich fragen, warum?«

»Das fragst Du noch?«

»Hm! Kann mir's denken. Verdammte Ausplauderei. Konnten die Kerls nicht die Mäuler halten!«

»Nein, sie haben sehr recht gethan. Was machst Du denn für Dummheiten!«

»Dummheiten? Ich habe gerade geglaubt, sehr gescheidt gewesen zu sein.«

»Danke sehr für solche Klugheit. Wie hättest Du mich blamiren können, wenn es ja nicht noch geschieht!«

»Blamiren? Hm! Was hat man Ihnen denn von mir erzählt?«

»Daß Du ein Spitzbube bist!«

»Davon höre ich das erste Wort!«

»Hast Du nicht in Platowa Gewehre und auch Munition gestohlen?«

»Sapperment! Das hat kein Anderer ausgeplaudert, als der Fürst!«

»Und hier treibst Du es gar noch schlimmer!«

»Schlimmer? Ich bin ja nur ein Bischen eingebrochen. Die »armen Leute« brauchten Monturen, und ich habe ihnen dazu verholfen.«

»Das solltest Du eben nicht. Doch, davon sprechen wir später. Major Sendewitsch erzählte mir, daß Du den einstigen Derwisch gefangen habest. Wo steckt er?«

»Hier in der Räucherkammer, von Jim und Tim bewacht.«

»Erzähle!«


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Sie traten hinaus vor die Hausthür und Sam gab einen kurzen, gedrängten Bericht über das Geschehene. Steinbach hörte schweigsam zu. Seine Miene erheiterte sich.

»Also auch der Graf ist da?« fragte er, als Sam geendet hatte.

»Ja, freilich in diesem Augenblicke nicht.«

»Wo ist er jetzt?«

»Jedenfalls noch in der Stanitza.«

»Er wird doch nicht etwa bereits fort sein!«

»O nein. Er hat ja noch sein Pferd und seine Effecten hier.«

»Ist das bedeutend?«

»Nein! Nur ein Mantelsack.«

»Paß auf, daß er mich nicht sogleich zu sehen bekommt. Ich will ihn überraschen. Hast Du vielleicht auch den Nummer Fünf gesehen?«

»Natürlich! Dort sitzt er ja.«

»Welcher?«

»Der ehrwürdige Graukopf.«

Steinbach musterte den einstigen Maharadscha. Also das war der Vater seiner Gökala. Welch Leid hatte dieser Mann hinter sich. Wie Fürchterliches, Entsetzliches hatte er überstanden. Ein Fürst, welcher sein Land absoluter regiert hatte, als irgend ein abendländischer König oder Kaiser sein Volk, war als gemeiner Verbrecher nach Sibirien geschickt worden, unschuldig, nachdem man ihn über die Grenze gelockt und ihn dann für einen Anderen ausgegeben hatte. Es wurde Steinbach ganz weh zu Muthe.

Er begab sich nach der Kammer, in welcher sich Jim und Tim befanden. Sie zeigten sich sehr erfreut, als sie ihn sahen, und wollten das in lauten Worten kund geben. Er aber winkte ihnen, still zu sein und die zu der Räucherei führende Thür zu öffnen.

»Komm doch einmal heraus!« rief Sam hinein. »Man will mit Dir reden.«

Der einstige Derwisch kam heraus. Als er Steinbach erblickte, stand er starr vor Schreck. Der Letztere betrachtete den Verbrecher mit verächtlichem Blicke und fragte ihn in deutscher Sprache:

»Sie haben mich wohl nicht erwartet?«

Der Gefragte antwortete nicht. Steinbach richtete noch einige Fragen an ihn, aber mit ganz demselben Mißerfolge.

»Nun, früher haben Sie reden gekonnt,« sagte er. »Wenn Sie indessen die Sprache verloren haben, so werde ich sie Ihnen nachher wiedergeben. Es giebt ein vortreffliches Mittel. Steckt den Hallunken jetzt wieder hinein!«

Der Kerl wurde wieder eingeschlossen. Dann begab Steinbach sich wieder vor das Haus. Er instruirte Sam:

»Ich werde jetzt mit dem Maharadscha reden, aber an einem Orte, an welchem mich der Graf, wenn er ja kommen sollte, nicht sehen kann. Ich gehe hinter das Haus. Dort liegt, wie ich bemerkt habe, ein kleines Gärtchen, in welches ich ihn führe. Du stellst Dich so in die Nähe, daß Du meinen Ruf hören kannst. Beim ersten Rufe holst Du mir Nena und beim zweiten Gökala.«


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Jetzt näherte er sich der Gruppe, bei welcher sich der Maharadscha befand.

»Nicht wahr, Du wirst Nummer Fünf genannt?« fragte er diesen.

»Ja, Herr,« antwortete der Gefragte, indem sein Blick Steinbach musterte.

»Hast Du nicht einen Augenblick Zeit für mich? Ich möchte Dir gern Etwas mittheilen.«

»Sehr gern!«

Er erhob sich und wurde von Steinbach in das Gärtchen geführt.

»Bitte, setze Dich!« bat Steinbach, indem er auf eine dort befindliche Holzbank deutete.

Der ehrwürdige Zobeljäger nahm Platz. Steinbach aber blieb stehen und begann:

»Ich bringe Dir einen Gruß.«

»Von wem?«

»Von einer Person, welche in Deiner Heimath geboren wurde.«

»Kennst Du denn meine Heimath?«

»Ja.«

»Nun, welches Land ist es?«

Er hatte gleichgiltig gesprochen. Er war das so gewöhnt und ahnte freilich nicht, daß der gegenwärtige Augenblick ein so bedeutender für ihn werden solle.

»Indien,« antwortete Steinbach.

»Ind- -«

Er sprang auf und blickte Steinbach mit großen Augen an, ohne das Wort ganz auszusprechen.

»Oder vielmehr Nubrida,« sagte dieser.

»Meine Seele! Woher weißt Du das?«

»Ich habe den Beweis.«

»Den Beweis? O, Ihr Götter! Höre ich recht! Du bist der Erste hier in diesem Lande des Elendes und der Qual, der es sagt und zugiebt, wer ich bin.«

»Die es bisher geleugnet haben, werden es nun auch zugeben.«

»Nun auch! Wie meinst Du das?«

»Ich meine, daß Du bald nicht mehr die Nummer, sondern Deinen früheren Namen führen wirst.«

»Was sagst Du? Meinen Namen? Meinen Namen? O, Ihr Götter, wie das klingt. Der Wahnsinn wollte meinen Geist umnachten. Ich sollte und mußte es endlich selbst glauben, daß ich nicht der sei, der ich gewesen bin. Und jetzt nennst Du das Land meiner Väter und sagst, daß ich meinen Namen wieder erhalten werde. Ich kann es nicht glauben!«

»Glaube es in Gottes Namen!«

»Herr, wer bist Du denn?«

»Dein Freund.«

»Ich habe Dich nie gekannt. Ich habe Dich ja noch nie gesehen, und Du nennst Dich meinen Freund?«

»Ich bin es wirklich. Ich habe Dich Jahre lang vergeblich gesucht.«


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»Warum?«

»Um Dich zu retten.«

»So kennst Du mich also wirklich?«

»Ja, wirklich!«

»So nenne meinen Namen! Ja, nenne ihn, damit ich ihn nicht aus meinem, sondern aus einem fremden Munde höre und wieder an mich glauben kann.«

»Du bist Banda, der einstige Herrscher von Nubrida.«

»Banda - der einstige - Herrscher - von Nubrida!« wiederholte der Greis langsam und mit einem Tone, als ob er sich im Traume befinde.

»O, mein Gott, Dir sei Dank! Jetzt kann ich es wieder glauben, daß ich nicht nur geträumt habe, Banda zu sein. Du aber, Fremdling, wer hat Dir gesagt, wo und wer ich bin?«

»Nena.«

Der Maharadscha legte die Hand schnell an den Kopf, als ob dieser ihn schmerze.

»Nena, Nena!« sagte er. »Kenne ich ihn? Hat es wirklich Einen gegeben, der Nena hieß? Ich begann, es zu bezweifeln. Aber da Du diesen Namen nennst, so weiß ich nun, daß auch das wahr ist. Nena, Nena, der Verfluchte!«

Er ballte die beiden Fäuste und blickte wild vor sich hin.

»Kennst Du ihn denn?« fragte er dann. »Hast Du ihn gesehen?«

»Ja, tief in der Wüstenei Egyptens.«

»Wie kam er dorthin?«

»Allah hatte ihn bestraft. Er war in Knechtschaft gerathen, ein Sclave wilder Menschen.«

»Das ist recht! Allah ist gerecht. Ihm sei Lob, Preis und Dank gesagt!«

»Du lobst Allah, daß er Nena bestraft hat. Er hat nun diese Strafe überstanden. Magst Du ihm nicht verzeihen?«

»Verzeihen? Ihm, dem ich Alles, Alles zu verdanken habe? Er hat beschworen, daß ich nicht der Maharadscha von Nubrida sei, den er ganz genau kenne. Hätte er das nicht gethan, so hätte man mir glauben müssen und ich wäre nicht an Stelle eines armseligen Verbrechers bestraft worden.«

»Er hat es bereut!«

»Was geht das mich an! Kann seine Reue mir die verschwundenen Jahre zurückbringen? Kann sie mir das wiedergeben, was ich verlor? Kann sie die entsetzlichen Körper- und Geistesqualen, welche ich erduldete, ungeschehen machen?«

»Nein; aber seine Reue wird das einzige und sicherste Mittel sein, daß Du die Freiheit wieder erlangst, daß der Betrug, welcher mit Dir vorgenommen wurde, entdeckt wird und daß die Menschen, welche ihn ausführten, der gerechten Strafe verfallen.«

Der Maharadscha blickte mit zur Seite geneigtem Haupte lauschend empor, als ob er eine Himmelsbotschaft vernehme. Dann richtete er das


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Auge auf Steinbach, betrachtete denselben genau und fragte dann wie abwesend:

»Den Betrug entdecken?«

»Ja.«

»Diese Menschen sollen bestraft werden und ich erlange meine völlige Freiheit wieder?«

»Ich kann es Dir versichern.«

»Lebt er denn noch?«

»Ja, er lebt.«

»Wo befindet er sich?«

»Hier in Sibirien. Er ist herbeigekommen, um nach Dir zu forschen.«

»Gott, mein Gott! Wenn er mich finden könnte!«

»Er findet Dich, denn er ist mit mir gekommen.«

Der unglückliche Greis betrachtete den Sprecher wieder mit einem halb abwesenden Blicke.

»Was höre ich?« fragte er. »Träume ich denn, oder ist es Wirklichkeit? Deine Worte klingen wie Engelsworte an mein Ohr. Wer bist Du denn? Sage es mir.«

»Ich bin hier fremd. Ich besitze keinerlei Macht; aber dennoch bin ich gekommen, Dich zu befreien.«

»Mich zu befreien! Mein hoher Himmel! Es giebt Menschen, welche an mich dachten, während ich glaubte, verschollen zu sein wie eine Sternschnuppe, die verschwunden ist! Es giebt Leute, welche meinetwegen kommen, meinetwegen, um mich zu befreien!«

Er faltete die Hände und blickte zum Himmel empor. In Steinbachs Augen standen Thränen.

»Wir haben an Dich gedacht seit Jahren,« sagte er. »Du bist nicht vergessen worden. Es giebt eine Seele, welche Tag und Nacht keine Ruhe fand, weil sie sich mit Dir beschäftigte.«

»Wer ist das?«

»Das werde ich Dir später sagen.«

»So sage mir wenigstens, wer Du bist! Ich frage Dich jetzt zum dritten Male. Mußt Du es mir verschweigen?«

»Nein. Niemand hindert mich, Dir diese Frage zu beantworten.«

»So thue es. Du sagtest, daß Du ein Fremder seist. Bist Du kein Russe?«

»Nein. Ich bin aus einem andern Lande, aus dem Heimathslande Deines Weibes.«

»Meines Weibes? O Allah! Kennst Du sie? Sie ist ja schon längst todt!«

»Ich habe sie nie gesehen; aber ich hörte von ihr.«

»So kennst Du ihren Namen?«

»Ja.«


// 2244 //

Da ergriff der Maharadscha mit einer schnellen Bewegung beide Hände Steinbachs und bat:

»Sei barmherzig! Sage mir ihren Namen! Wenn ich ihn höre, werde ich glauben, daß ich wirklich jenseits der Grenze lebte, daß ich der Herrscher eines indischen Reiches war. Du kannst es Dir nicht vorstellen, wie es in meinem Hirn aussieht! Sage einem Menschen wieder und immer wieder, daß er wahnsinnig sei, so wird er verrückt. So habe auch ich nach und nach glauben müssen, daß ich ein Verbrecher sei und daß man mir nicht unrecht gethan habe.«

»Sie hieß Bertha und -«

»Bertha, Bertha, mein Weib, mein Weib!« rief der Greis thränenden Auges.

»Sie war die Tochter eines deutschen Arztes, welcher in englischen Diensten stand.«

»Das ist wahr, das ist wahr! Ja, ich bin wirklich ich! Das Fieber hat mir nicht den Verstand geraubt. Ich habe nicht mich selbst verloren. Ich hatte ein deutsches Weib!«

»Und auch ein Kind hattest Du.«

»Allah sei mir barmherzig! Wenn ich an mein Kind denke, so möchte ich vor Schmerz brüllen wie eine Löwin, welcher man ihr Junges geraubt hat. Eine Tochter hatte ich! Du weißt es? Kennst Du ihren Namen?«

»Sie hieß Semawa«

»Semawa, ja Semawa, das heißt Himmelsblau. Ihre Augen hatten die reine Farbe des Aethers, und ihr Haar glänzte wie Gold. Mein Kind, mein Kind! Wo bist Du hin! Verloren, verloren! Gestorben und verdorben! Ich weiß es, ich weiß es, wer sie mir raubte. Er war ein Teufel, dieser Graf. Allah verderbe ihn in den tiefsten Schlund der Hölle. Kennst Du ihn?«

»Graf Polikeff? Ja.«

»Auch seinen Namen weißt Du! Herr, Du weißt ja Alles, Alles! Weißt Du auch, wie er nach Nubrida kam und wie er es anfing, mich zu verderben und sich meines einzigen, herrlichen Kindes zu bemächtigen?«

»Ich weiß Alles.«

»Ist es ihm gelungen? Sag', o sag', ist sie wirklich in seine Hände, in seine Krallen gerathen?«

»Ja. Er hat sich ihrer bemächtigt, aber -«

»Er hat sich ihrer bemächtigt!« fiel ihm der Maharadscha in die Rede.

»O Allah, wo bleibt Deine Gerechtigkeit! Warum hast Du nicht Deine Blitze herabgeschleudert auf diesen Satan! Warum hast Du es zugelassen, daß er mein Kind, diesen Engel, in das Verderben führte!«

»Hadere nicht, o Radscha! Allah hat sie beschützt. Er hat es nicht zugelassen, daß sie von diesem Schurken vernichtet wurde.«

»Was sagst Du, was? Sie ist nicht zu Grunde gegangen? Sie wurde nicht von ihm vernichtet?«


// 2245 //

»Nein. Sie wurde seine Sclavin. Sie mußte ihm folgen auf seinen ruhelosen Wanderungen, als ihn das böse Gewissen von Land zu Land trieb. Aber er durfte sie nicht berühren.«

»Nicht - berühren!« hauchte der Maharadscha mit einem langen, erlösenden Seufzer.

»Er hat sie durch Lügen gezwungen, ihm zu folgen. Er liebte sie. Seine Liebe war eine wilde Raserei; aber sie war so rein, so heilig, daß er es doch nicht wagte, sie auch nur mit der Spitze eines seiner Finger anzutasten.«

Der Maharadscha sank langsam in die Kniee. Er erhob die gefalteten Hände und rief im Tone des Entzückens:

»Allah, ich danke Dir! Vergieb mir, daß ich an Dir zweifelte! Und auch Dir danke ich, Du fremder Mann, für diese Freudenbotschaft, welche mir neues Leben verleiht!«

»Danke mir nicht!« antwortete Steinbach, indem er ihn von der Erde emporzog. »Ich bin ein Selbstsüchtiger, wie Du erfahren wirst.«

»O, gesegnet, sieben Mal gesegnet sei die Selbstsucht, welche mir solche Wonne bringt! Ich erfahre, daß mein Kind nicht verdorben ist. Vielleicht ist es noch nicht todt. Vielleicht lebt sie noch, Semawa, der Glanz meiner Augen und das Entzücken meiner Seele! Weißt Du nicht, ob sie noch auf Erden weilt?«

»Sie lebt.«

»Sie - lebt! Sie - lebt!«

Er brach in lautes Schluchzen aus und wankte. Er tastete mit den Händen um sich, um einen Halt zu finden. Steinbach schlang den Arm um ihn und hielt ihn fest. Der Maharadscha umschlang auch ihn, legte seinen Kopf auf seine Schulter und weinte - weinte - weinte!

So standen sie lange, eng verschlungen und still. Auch aus Steinbach's Augen perlten Thränen schwer hernieder. Endlich löste sich der Maharadscha aus der Umschlingung, ergriff Steinbach's Hand und schluchzte:

»Weißt Du, welch' eine Botschaft Du mir da bringst? Sie ist eine Botschaft des Lebens, der Erlösung, der Seligkeit. Allah mag meiner vergessen, wenn ich Deiner vergessen sollte! Nun aber erlöse mich vollends, indem Du mir sagst, was Du von meinem Kinde weißt. Semawa lebt. Aber wohl bei ihm?«

»Bis vor Kurzem, ja.«

»Aber wie hat er es angefangen, sie an sich zu fesseln? Worin lag die Macht, die er auf sie ausübte?«

»In der fürchterlichen Lüge, daß Du von ihm getödtet würdest, wenn sie ihn verließe.«

»Der Entsetzliche! Wußte sie, wo ich mich befand?«

»Nein. Er verheimlichte es ihr.«

»Konnte sie denn keinen Retter finden? Konnte sie sich keinem Menschen anvertrauen?«


// 2246 //

»Nein, denn sie mußte sich sagen, daß jeder Rettungsversuch nur Deinen Tod herbeiführen werde.«

»Mein Gott! Was muß sie gelitten haben!«

»Sie hat grad so viel gelitten wie Du. Sie wußte, wer sie war, und mußte doch einem Schurken folgen. Ihr helles, reines Dasein war an das schmutzige, verderbte Leben dieses Schurken gebunden, weil sie wähnen mußte, es hänge ein Damoklesschwerdt über Dir, welches Dein Haupt spalten werde, sobald sie den Grafen verlasse. Er hielt sie wie eine Gefangene. Niemand durfte zu ihr und sie zu Niemandem. Nur wenn es seinen Plänen förderlich war, erlaubte er ihr zuweilen den Verkehr mit einem menschlichen Wesen. Aber sie durfte nicht sprechen. An ihrem Schweigen hing ja doch Dein ganzes Leben.«

»Entsetzlich, entsetzlich!«

»Selbst mir hat sie kein Wort mitgetheilt. Ich konnte nichts erfahren, obgleich sie wußte, daß ich mein Leben für sie opfern könne.«

»Was sagst Du? Sie habe Dir nichts mitgetheilt? Hast Du sie denn gesehen, mit ihr gesprochen und wo war das?«

»In Stambul.«

»Allgütiger! Welch eine Botschaft!«

»Ich sollte das mit meinem Leben bezahlen. Der Graf hatte erfahren, daß ich mit ihr geredet hatte. Er schickte Mörder aus. Gott aber beschützte mich. Als ich Semawa dann wiedersehen wollte, war sie verschwunden.«

»Wohin?«

»Er war mit ihr nach Egypten gegangen.«

»O, hättest Du Zeit gehabt, ihm zu folgen!«

»Ich hatte Semawa nach ihren Verhältnissen gefragt. Sie aber bat mich, nicht nach ihr zu forschen, da das Leben einer theuren Person davon abhänge. Dennoch forschte ich im Stillen und folgte ihm nach Egypten.«

»Fandest Du sie?«

»Ja, aber als ich ankam, war sie fort.«

»Welch eine Schickung! Und dann hast Du sie nie wiedergesehen?«

»Noch einmal. Ich folgte damals dem Grafen in die Wüste und traf Nena, den der Graf zum Dank für die ihm geleistete Mithilfe als Sclave verkauft hatte.«

»Ihm ist Recht geschehen!«

»Ich errettete Nena und er erzählte mir Alles und gestand mir seine Schuld. Ich nahm ihn mit nach Europa und er wurde mir ein treuer Helfer in meinem Forschen nach dem Grafen. Wir erfuhren endlich, daß derselbe nach Sibirien sei.«

»Das war richtig. Er ist da.«

»Hast Du ihn gesehen?«

»Ja.«

»Und er Dich auch?«

»Ja. Er hat sogar mit mir gesprochen.«


// 2247 //

»Ah! So hat er Dich erkannt?«

»Ebenso schnell wie ich ihn.«

»Was wollte er von Dir?«

Der Maharadscha erzählte das Gespräch, welches er mit dem Grafen geführt hatte und fügte daran die Frage:

»Du sagst, daß sie bei ihm sei. Er befindet sich hier. Ist sie denn auch hier bei ihm?«

»Bis vor ganz kurzer Zeit. Er hat sie in Platowa zurückgelassen.«

»In Platowa? Da muß ich hin, augenblicklich hin zu ihr! Und sollte ich mein Pferd todtreiten, ich muß sie sehen!

Er wollte forteilen. Steinbach ergriff seinen Arm und hielt ihn zurück.

»Bleib!« bat er. »Du brauchst nicht hin zu ihr. Sie kommt her. Sie ist bereits unterwegs.«

»Herr! Was sagst Du! Unterwegs? Weiß sie, daß ich mich hier befinde?«

»Ja. Ich kam mit Nena nach Platowa. Ich wußte Deine Nummer und forschte nach Dir. Ich hörte, Du seist nach dem Mückenflusse. Beim Kreishauptmanne traf ich Semawa, welche Gökala genannt worden war. Ich überzeugte sie, daß sie mir Alles, Alles mittheilen könne, ohne Dir zu schaden. Sie erzählte es mir und ich machte mich sofort auf, Dich zu finden. Hast Du nicht die drei Fremden gesehen, welche sich hier befinden?«

»Meinst Du den Dicken mit den beiden langen, hagern Männern?«

»Ja.«

»Ich habe mit ihnen gesprochen. Sie sind ausgezeichnete Leute. Was ist mit ihnen?«

»Ich sandte sie mir voran. Sie kennen Dich.«

»Was? Sie wissen, wer ich bin?«

»Ja. Sie sollten nach Dir forschen, damit ich Dich bei meiner Ankunft sofort fände. Und sie sollten auch dafür sorgen, daß der Graf den Mückenfluß nicht verlasse, bevor ich hier ankäme. Ich mußte sie voransenden, weil ich nicht so schnell reiten durfte.«

»Warum nicht?«

»Weil - weil - - ich mußte mit einer Tungusenhorde reiten, bei welcher sich Frauen befanden, welche wir nicht durch einen Eilritt anstrengen durften.«

»Du kommst doch noch zur rechten Zeit. Allah sei Dank!«

Steinbach hatte sich, während er sprach, umgedreht, um nach dem Eingange des Gartens zu blicken. Dort stand Sam, aber so, daß ihn nur Derjenige bemerken konnte, welcher von seiner Anwesenheit wußte. Da er herblickte, brauchte Steinbach nicht zu rufen, wie es ausgemacht worden war. Ein Wink genügte, worauf Sam sich entfernt hatte, um Nena herbei zu bringen. Dieser kam.

Er wußte noch nicht, daß er den Maharadscha hier sehen werde. Er glaubte, Steinbach habe ihm Etwas zu sagen.


// 2248 //

Sein Aufenthalt in der Sclaverei war nicht ohne Folgen gewesen. Wer ihn vor Jahren gesehen hatte, der konnte ihn jetzt nicht wieder erkennen. Leiden, Sorgen, Entbehrungen und die Gluth der Wüste hatten ihn abgemagert und seine Stirn und Wangen mit unzähligen Furchen bedeckt.

Auch der Maharadscha hatte sich sehr verändert. Er war ein Greis geworden und sah viel älter aus, als er war.

»Herr, Du hast mich kommen lassen!« sagte Nena, sich an Steinbach wendend.

»Ja. Ich wünsche, daß Ihr Beide Euch kennen lernt, da ich überzeugt bin, daß diese Bekanntschaft von großem Nutzen für Euch sein wird.«

Beide blickten einander an. Sie erkannten sich nicht.

»Wer ist er?« fragte der Maharadscha.

»Blicke ihn an! Hast Du ihn noch nicht gesehen?«

»Nie.«

»Und Du, Nena, kennst Du diesen Mann?«

»Nein,« antwortete der Indier. »Doch ist es mir, als ob ich ihn einmal gesehen hätte.«

»Das ist allerdings der Fall.«

»Wo könnte dieses gewesen sein?«

»In Deiner Heimath.«

»Wer - wer - wer ist er denn?«

»Der Vater Gökala's.«

Da sank Nena auf die Kniee nieder, hielt dem Maharadscha die Hände flehend entgegen und rief:

»Mein Gebieter und Herr, tödte mich, aber sage mir, daß Du mir verzeihen willst!«

»Wer - wer - bist Du denn?« stammelte der Maharadscha.

»O, Herr, kennst Du mich wirklich nicht?«

»Nein.«

»Ich heiße Nena und bin -«

»Nena!« schrie der Greis auf, sank auf die Bank nieder und schlug beide Hände vor sein Gesicht.

Der Indier rutschte auf den Knieen zu ihm hin und schluchzte mit zitternder Stimme:

»Herr, o Herr! Vergiß, vergiß das Vergangene. Ich will sterben; ich will die Strafe meiner Schuld erleiden; aber sage mir nur das eine Wort, daß ich Gnade finde!«

Steinbach schlich sich fort. Die Scene, welche nun zwischen Herr und Diener folgen mußte, bedurfte keines Zeugen. Er begab sich in die Stube, wo die Andern im Gespräch beisammen saßen.

»Endlich!« sagte Semawa. »Wo warst Du so lange Zeit?«

»Ich habe mir den vorgestrigen Kampfplatz angesehen,« antwortete er.

»Hast Du nicht nach - nach meinem Vater gesucht?«

»Ja.«


// 2249 //

»Und ihn nicht gefunden?«

»Ich traf einen Mann, welcher Dir Auskunft über ihn geben kann.«

»Wo ist er, wo?«

»Draußen hinter dem Hause.«

»So komm! Führe mich hinaus, schnell, schnell!«

Sie ergriff seinen Arm und entfernte sich mit ihm. Er führte sie nach dem Garten. Bereits von Weitem bemerkte er, daß der Maharadscha allein war. Er hatte Nena fortgeschickt. Er sollte vergeben. Diese Bitte kam ihm viel zu unerwartet. Er hatte gar nicht geantwortet und nur still und schweigend abgewinkt, so lange, bis Nena sich davongeschlichen hatte.

Jetzt hörte er die Schritte der beiden Nahenden. Er blickte auf und sah Semawa an Steinbachs Arm daherkommen.

Er war von der Erscheinung des herrlichen Mädchens wie geblendet. Sein Auge haftete an ihrem schönen, reinen Angesichte. Er erkannte sie nicht, denn sie hatte, als sie von einander getrennt worden waren, in dem jugendlichen Alter gestanden, in welchem die Züge sich zu verändern beginnen. Doch sah man, daß in seinem Gesicht ein leises Zittern spielte. War es die Aehnlichkeit mit Bertha, seiner einstigen Frau, oder war es die Hoheit, das Lichte, Sonnige ihrer prächtigen Erscheinung, welches ihn so ergriff?

Er that einige Schritte auf die Beiden zu, während sein Blick wie fascinirt auf dem Gesichte seiner Tochter ruhte. Diese Bewegung geschah nicht beabsichtigt, nicht aus Höflichkeit, sondern infolge eines innern Dranges, welchem er nicht zu widerstehen vermochte.

Auch Semawa's Augen erweiterten sich, als sie ihn erblickte. Es wich das leise Roth, welches ihre Wangen durchschimmerte. Die Blicke der Beiden hingen an einander.

»Du bist allein?« fragte Steinbach. »Ich glaubte, Dich zu stören.«

»Nein; er ist fort. Es ward mir unendlich weh in seiner Nähe. Mein Herz hätte still stehen mögen.«

Bei dem Klange dieser Stimme lauschte Semawa auf.

»Oskar!« rief sie, den ängstlich fragenden Blick auf Steinbach richtend. »Das ist, das ist - - -!«

Gökala sank vor dem Greise nieder.

Ein Zittern ging durch ihren schönen Körper, dann sank sie vor dem Greise nieder, schlang die Arme um seine Kniee und brach in ein lautes Schluchzen aus.

»Was - was ist's? Was - was will - was will sie von mir!« stammelte er.

Da hob sie die thränenden Augen zu ihm empor und rief in einem Tone des Entzückens und des Schmerzes zugleich:

»Vater! Mein armer, armer, lieber Vater!«

»Mein Gott! Ist's möglich? Ist's wahr? Se- Se- Se- Semawa!« stotterte er beinahe theilnahmslos.

»Vater, Vater, Vater!« wiederholte sie.


// 2250 //

»Allah, Allah! Herr des Himmels und der Erde! Ich - ich - - ich sterbe!«

Er breitete die Arme aus und wankte wie ein Betrunkener. Da fuhr sie empor, umfaßte ihn mit beiden Armen, um ihn zu halten und rief:

»Nein, nicht sterben, sondern leben, leben, leben! Sei stark, sei stark, sonst sterbe ich mit Dir!«

Sie hielten sich umschlungen und wankten so mit einander zur Bank, auf welche sie niederfielen, Laute des Schmerzes und doch auch der höchsten Wonne ausstoßend.

Steinbach, für den sie jetzt kein Auge hatten, schlich sich davon. Das war ein heiliger, erhabener Augenblick, dessen Weihe er durch seine Anwesenheit nicht beeinträchtigen wollte. Er ging nach dem Wohnhause zurück, um ihnen Zeit zu geben, die hochgehenden Wogen ihrer Gefühle sich beruhigen zu lassen.

»Haben sie sich?« fragte Karparla.

»Ja, sie haben sich gefunden.«

»Dann wollen wir ja dafür sorgen, daß sie nicht gestört werden.«

In diesem Augenblick war der Hufschlag eines Pferdes zu hören. Als die Anwesenden durch das Fenster blickten, sahen sie den Grafen absteigen. Das Pferd war nicht das seinige. Wenn man es ihm geborgt hatte, so mußte das bei dem jetzt eingetretenen Pferdemangel zu verwundern sein. Vielleicht hatte es einen wichtigen Grund dazu gegeben. Daß dies auch wirklich der Fall war, sollten sie sogleich erfahren.

Indem er das Thier draußen anband, sagte Steinbach:

»Sam, ich verschwinde hier in das Nebengemach. Er kommt wohl herein und soll mich nicht sofort sehen. Du bist in Alles eingeweiht und magst ihn auf Dich nehmen. Ich werde Alles hören und zur geeigneten Zeit hereintreten. Dann gehst Du hinaus, sorgst dafür, daß Jim und Tim hinter der Stubenthür stehen, um ihn nicht hinaus zu lassen und holst Nena, den Maharadscha und Gökala herbei. Diese treten der Reihe nach, so wie ich sie jetzt genannt habe, herein, wenn ich die Thür öffne.«

Nach dieser Anordnung trat er in die Schlafstube des Bauers und zwar gerade zur rechten Zeit, denn kaum war er verschwunden, so kam auch der Graf herein.

»Peter Dobronitsch,« sagte er in seiner verächtlichen, hochmüthigen Weise. »Wie viel Pferde hast Du auf der Weide?«

»Wer bist Du denn, weil Du das wissen willst?«

»Bist Du denn blind und taub gewesen, daß Du das noch nicht weißt! Ich bin Graf Polikeff.«

»So! Das hast Du mir noch nicht bewiesen.«

»Mensch! Habe ich es Dir zu beweisen!«

»Nein. Wir Beide haben unsern Willen. Wir sind freie Unterthanen. Du brauchst nicht zu beweisen, daß Du ein Graf bist und ich habe nicht nöthig, mich um Dich zu bekümmern.«

»Oho! Ich werde Dir zeigen, daß Du mir zu gehorchen hast!«


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»Ich Dir? Davon ist mir nichts bewußt. Selbst wenn Du wirklich Graf Polikeff wärst, was ich nach Deinem ordinären Auftreten sehr bezweifeln muß, hast Du mir nichts zu befehlen. Wenn ein Petersburger Laternenputzer käme, um mir Befehle zu ertheilen, wäre es grade ebenso und genau dasselbe.«

»Hund!« fuhr der Graf auf.

»Du! Schimpfe nicht!« warnte der Bauer. »So einen Kerl, wie Du bist, lasse ich von meinen Knechten durchprügeln, wenn er mich beleidigt! Sage noch ein solches Wort, so rufe ich sie herein!«

Der Graf ballte die Hände und trat einen Schritt auf ihn zu. Da aber Dobronitsch seinerseits auch eine drohende Haltung annahm, so besann er sich eines Bessern. Er war hier ganz allein, den sämmtlichen Bewohnern des Gutes gegenüber. Er hätte also auf alle Fälle den Kürzeren gezogen. Darum bezwang er sich zur Ruhe. Aber seine Stimme zitterte vor Wuth, als er sagte:

»Das sollst Du mir entgelten! Du bietest mir, einem hohen Edelmanne, Prügel an! Aber ich werde Dich dafür peitschen lassen. Für jetzt aber fordere ich Gehorsam. Du hast mich auf Deine Weide zu führen, damit ich die Pferde zähle und bestimme, welche von ihnen nach der Stanitza gebracht werden sollen!«

»Nichts, gar nichts hast Du zu bestimmen! Die Pferde gehören mir. Uebrigens bist Du hier fremd und ohne alle Macht. Mich bringst Du nicht zum Fürchten!«

»Das Alles kommt auf Dein Conto, welches ich Dir herunterprügeln lassen werde. Da Du behauptest, daß ich hier nichts zu sagen habe, so will ich Dir mittheilen, daß ich als Bevollmächtigter des Majors hier stehe.«

»Das bezweifle ich. Ich traue es dem Major nicht zu, daß er einen solchen Mann mit einer Vollmacht beehrt. Kannst Du es beweisen?«

Der Graf mußte alle seine Selbstbeherrschung anwenden, um diese neue Beleidigung ruhig hinzunehmen. Er antwortete verächtlich:

»Pah! Welches Beweises sollte das bedürfen!«

»Eines schriftlichen Befehles des Majors.«

»Mein Wort ist ebenso gewichtig!«

»Dein Wort gilt hier eben ganz und gar nichts.«

»Hallunke!«

»Schweig!« donnerte Dobronitsch. »Und selbst wenn Du mit einer solchen Vollmacht versehen wärest, würde sie bei mir nichts fruchten. Ich bin ein freier Bauer aber kein Grenzkosak. Ich bin nicht verbunden, Kriegsdienste zu thun und bei mir nach Belieben remontiren und requiriren zu lassen. Die Kosaken erhalten ihr Land und ihre Naturalien geschenkt, wofür sie Militärdienste thun müssen. Ich aber habe mein Land gekauft und bezahlt. Ich brauche ein Pferd nicht herzugeben. Wer es haben will, der mag es von mir im freien Kaufe erhandeln, und - ich verkaufe eben keins. Ich brauche sie selbst. Wenn Du nichts weiter willst, so sind wir also fertig!«


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»Nein. Wir sind noch nicht fertig! Ich werde sofort nach der Stanitza reiten und dann mit militärischer Hilfe zurückkommen!«

»Thue es! Es soll mir großen Spaß machen, diesen Leuten ganz dasselbe zu sagen, was ich jetzt Dir gesagt habe.«

Der Graf drehte sich, im höchsten Grade ergrimmt nach der Thüre um. Er wollte gehen. Dort stand aber Sam, welcher ihn in seinem freundlichsten Tone anredete:

»Warte noch einen Augenblick! Ich möchte Dich gern Etwas fragen.«

»Was denn?« schnauzte der Graf.

»Ich möchte gern wissen, wie lange Zeit Du hier zu bleiben gedenkst.«

»Warum?«

»Weil ich genau wissen möchte, wann Du von hier wieder abreisen willst.«

»Das geht Dich gar nichts an!«

»O doch! Ich habe nämlich die Absicht, in Deiner Gesellschaft von hier mit fort zu reiten.«

»Du? Lump!«

Er spuckte aus.

»Das ist's ja eben!« lachte Sam. »Weil ich ein Lump bin, will ich mit Dir. Wir passen zu einander.«

Da holte der Graf mit der geballten Hand aus, um ihn zu schlagen. Augenblicklich hatte der Dicke sein Messer in der Hand und rief:

»Nimm Dich in Acht! Dieses Ding ist spitz!«

»Willst Du stechen!« donnerte der Graf.

»Ja freilich! Wer mich haut, der wird gestochen. Das ist bei mir so Sitte. Also nimm Dich wohl in Acht!«

»Packe Dich fort! Ich will hinaus!«

»Bleib nur noch ein Wenig da! Ich habe Dich so sehr lieb gewonnen, daß ich nicht von Dir lassen kann und eben darum werden wir bei einander bleiben, wenn Du diese schöne Gegend verlässest.«

»Du bist verrückt.«

»Mag sein! Und weil die Verrückten die Eigenschaft haben, ihre tollen Ideen festzuhalten, so werde ich auch nicht von der meinigen lassen. Ich bin doch nur wegen Dir hierher gekommen.«

»Wegen mir? Das laß Dir nicht einfallen.«

»Es ist mir aber doch eingefallen, oder vielmehr ist es mir aufgetragen worden. Ich soll Dich nach Platowa bringen.«

»Welch ein Gedanke!«

»Nicht wahr, ein brillanter Gedanke! Ich freue mich fürchterlich darauf, wie gut wir uns unterwegs unterhalten werden. Freilich wirst Du es auf dieser Reise nicht ganz so bequem haben, wie Du es gewohnt bist. Ich muß Dir zu meinem Leidwesen die Hände binden und Dich auf das Pferd fesseln. Sonst aber soll es Dir an gar nichts fehlen.«

Der Graf erbleichte. Er hatte von dem einstigen Derwisch von Sam und den beiden Amerikanern genug gehört, um jetzt zu wissen, was diese Worte zu


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bedeuten hatten. Er befand sich allein. Die Kosaken, welche ihn bis hierher begleitet hatten, waren fort. Die einzige Hilfe konnte ihm der Major leisten und dieser befand sich in der Stanitza. Es gab sich gewiß keiner der Bewohner des Hauses her, als Bote diesen Offizier von der Lage des Grafen zu benachrichtigen. Er war also ganz und gar auf sich selbst angewiesen.

Wie sich nun aus dieser Lage ziehen? Durch offene Gegenwehr, Waffe gegen Waffe, Kraft gegen Kraft? Da war der Erfolg voraus zu sehen. Dieser verteufelte dicke Kerl hatte ja schon das Messer in der Hand. Uebrigens war der Graf zwar in arglistigen Anschlägen groß, aber an persönlichem Muthe gebrach es ihm ganz und gar.

Er glaubte, am Weitesten zu kommen, wenn er es versuchte, dem Dicken möglichst zu imponiren. Er betrachtete ihn also mit einem höchst malitiösen Lächeln vom Kopfe bis zu den Füßen und fragte dabei:

»Kleiner! Das klingt ja gerade, als ob ich von Dir arretirt werden sollte!«

»Allerdings,« nickte Sam, im ganzen Gesicht lachend.

»Bist Du denn Polizist?«

»Nein.«

»Mit welchem Rechte willst Du denn da eine Arretur vornehmen?«

»Nur so zu meinem Privatvergnügen.«

»Ach so! Und bist Du denn von irgend einer Behörde dazu aufgefordert worden?«

»Natürlich!«

»Von welcher denn?«

»Meine Behörde heißt Steinbach.«

Obgleich der Graf diese oder doch eine ähnliche Antwort erwartet hatte, fühlte er sich von derselben doch höchst unangenehm berührt. Er hatte ganz das Gefühl, als ob er eine Schlinge sich um seinen Hals zusammenziehen sehe.

»Den kennst Du wohl?« fragte Sam.

»Laß mich in Ruhe! Ich kenne keinen Steinbach!«

»Und hast ihn doch in Konstantinopel ermorden lassen wollen!«

»Mensch!«

»Durch Rurik, Deinen Genossen, der ihn mit dem Ruder erschlagen wollte!«

»Was faselst Du! Laß mich endlich hinaus!«

»Und sodann bei den Sallah-Beduinen hast Du ihm auch nach dem Leben getrachtet!« fuhr Sam fort, ohne die Aufforderung des Grafen, ihn gehen zu lassen, zu beachten.

»Was gehen mich Deine Beduinen an! Ich habe während meines ganzen Lebens keinen solchen Kerl zu sehen bekommen.«

»Auch nicht, als Du mit Ibrahim Pascha bei ihnen warst? Besinne Dich doch einmal darauf

»Lächerlich! Ich habe keine Lust, Deine Albernheiten anzuhören. Ich kenne keinen Steinbach. Dabei bleibt es!«

»Sonderbar! Schau Dich doch einmal um!«


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Steinbach war leise eingetreten, ohne daß der Graf, welcher ja gegen die Stubenthür gerichtet stand, ihn sehen konnte. Der letztere drehte sich um und erblickte seinen Feind.

»Alle Teufel!« schrie er auf.

»Willkommen!« lächelte Steinbach. »Es hat etwas lange gedauert, ehe mein Wunsch, Sie wieder zu sehen, in Erfüllung ging. Desto größer aber ist jetzt meine Freude, Sie so unerwartet zu treffen. Was thun Sie denn eigentlich hier in Sibirien?«

Der Graf stand bewegungslos.

Sam hatte sich schnell entfernt. Der Graf stand bewegungslos da, wie vom Schreck gelähmt.

»Ich - ich - ich reise!« stammelte er.

»Hm! Wo haben Sie denn die junge Dame, welche mit Ihnen in Constantinopel war und Sie dann nach Egypten begleitete?«

»Sie entlief mir in Kairo und ich hütete mich, nach ihr zu forschen, da ich froh war, sie los zu sein. Seitdem ist sie für mich verschollen.«

»Sonderbar! Ich gebe mir die größte Mühe, sie aufzufinden und stets ist sie wieder verschwunden, wenn ich einmal ihren Aufenthaltsort erreiche. Als ich zu meiner Freude erfuhr, daß Sie hier seien, war ich überzeugt, daß diese Dame sich in Ihrer Nähe befinde und nun erfahre ich zu meinem Leidwesen, daß sie ganz und gar verschollen ist. Aber ich lasse mir die Hoffnung, sie doch einmal wieder zu finden, nicht nehmen, auch jetzt nicht und bitte Sie um die Freundlichkeit, mir dazu behilflich zu sein.«

»Ich glaube nicht, Ihnen dienen zu können.«

»O doch, und zwar durch eine sehr kleine und an sich sehr unbedeutende Gefälligkeit.«

»Welche wäre denn das?«

»Die, daß Sie mir sagen, wer die Dame eigentlich ist.«

»Das wissen Sie doch!«

Bei diesen Worten war sein Auge stets scharf forschend auf Steinbach gerichtet.

»Woher sollte ich es wissen?«

»Von ihr selbst. Sie leugnen doch nicht, sie in Stambul gesehen und auch gesprochen zu haben.«

»Nein, das leugne ich allerdings nicht. Ich bin gewöhnt, niemals die Unwahrheit zu sagen.«

»So werden Sie der Wahrheit gemäß zugeben müssen, daß diese sogenannte Dame Ihnen damals gesagt hat, wer und was sie ist!«

»Sie hat es mir nicht gesagt.«

»Wollen Sie mich das wirklich glauben machen?«

»Es ist die Wahrheit und ich hoffe, daß Sie es mir glauben. Ich erfuhr, daß ihr Name Gökala sei. Als ich weiter frug, bat sie mich, nicht in sie zu dringen, sie befinde sich in ganz eigenthümlichen Verhältnissen, von denen sie aus Rücksicht auf einen Verwandten nicht sprechen dürfe.«

»Weiter hat sie in Wirklichkeit nichts gesagt?«


// 2255 //

»Kein Wort.«

Der Graf fühlte sich außerordentlich erleichtert. Er erkannte, daß Steinbach die volle Wahrheit rede, und war überzeugt, daß dieser von Gökala's Anwesenheit in Platowa nichts wisse. Da konnte noch Alles ein gutes Ende nehmen. Darum sagte er achselzuckend:

»Gerade so wie Ihnen ist's auch mir ergangen. Ich erfuhr auch nur diesen einen Namen Gökala. Alles Andere verschwieg sie mir.«

»Höchst sonderbar! Also kennen auch Sie ihre Verhältnisse nicht?«

»Habe keine Ahnung!«

»Hm! Darf ich erfahren, in welchem Verhältnisse sie zu Ihnen stand?«

»In demjenigen einer schönen, interessanten und liebenswürdigen Reisebegleiterin. Ich bin nämlich unverheirathet.«

Er sagte das in einer so cynischen Weise, daß Steinbach ihn hätte niederschlagen mögen. Doch zwang er sich zu einem höflichen Lächeln und sagte:

»Da haben Sie viel Glück gehabt. Eine solche Schönheit pflegt andere Chancen zu haben.«

»Pah! Sie war höchst gefällig. Sie ist nun verschollen. Sprechen wir nicht mehr von ihr!«

»Daß sie verschollen ist, daran bin eigentlich ich schuld, wenn ich aufrichtig sein soll.«

»Wirklich, Herr Steinbach?«

»Ja. Ich traf einst einen Mann, welcher behauptete, sie zu kennen.«

»Wer war das? Sein Blick wurde wieder bohrend, sein Gesicht finster.

»Ein Indier, den ich in der Wüste fand.«

»Ein Indier in der Wüste? Das ist seltsam.«

»Und doch ist es so. Sie werden sich erinnern, daß damals die Beni Sallah-Beduinen über ihre Feinde siegten, zu denen auch Sie sich geflüchtet hatten. Ich befand mich unter den Verfolgern und kam in das feindliche Dorf. Dort fand ich einen Sclaven, von welchem ich erfuhr, daß er von einem Grafen Alexei Polikeff verkauft worden sei.«

»Ein Namensvetter von mir?«

»Nein, Sie selbst.«

»Schwindel!«

»Hm! Ich möchte es doch nicht so ganz ungeprüft als Schwindel erklären. Der Mann erzählte mir Sachen, welche mich bestimmten, seiner Erzählung allen und unbedingten Glauben zu schenken.«

»Darf ich fragen, von wem er erzählte?«

»Zunächst von sich.«

»Das glaube ich!«

»Sodann von einem indischen Fürsten, dem sogenannten Maharadscha und dessen Tochter.«

»Das wird wohl ein Märchen aus tausend und einer Nacht gewesen sein.«


// 2256 //

»Und endlich auch von Ihnen.«

»Unmöglich! Ich glaube nicht, daß mich ein Indier kennen kann.«

»Dieser aber behauptete, Sie sehr genau zu kennen. Er behauptete sogar, Ihr Verbündeter gewesen zu sein.«

»Diesem Ausspruche gegenüber könnte ich, wenn ich mich überhaupt zu einer Antwort verpflichtet fühlte, erklären, daß ich niemals einen Indier kennen gelernt habe.«

»Wirklich?« fragte Steinbach, indem er ihm scharf forschend in das Gesicht blickte.

»Ja. Wo und wie hätte ich wohl auch Gelegenheit haben sollen, mich einem Indier zu attachiren, noch dazu in einer solchen Weise, daß er sich meinen Verbündeten nennen könnte?«

»Wo? Nun, in Indien selbst.«

»Ich bin ja niemals dort gewesen!«

»Sonderbar! Es ist ganz das grade Gegentheil behauptet worden.«

»Da hat der Betreffende sich freilich sehr geirrt.«

»Ich sollte meinen, daß gerade der Betreffende, welcher in dieser Beziehung am Allerbesten unterrichtet sein muß, sich nicht irren könne.«

»So! Darf ich vielleicht fragen, wer er ist?«

»Sie selbst sind es.«

»Ich selbst?« fragte der Graf im Tone des Erstaunens.

»Ja, Sie. Sie haben behauptet, in Indien gewesen zu sein.«

»Das ist ein ungeheurer Irrthum. Erstens könnte ich niemals wirklich im Ernste das behaupten, da es eben nicht auf Wahrheit beruht, und zweitens habe ich selbst im Scherz nicht so Etwas ausgesprochen. Darf ich vielleicht fragen, wer der Gewährsmann ist, der Ihnen diesen Bericht geliefert hat?«

»Natürlich dürfen Sie fragen. Es ist der Herr, mit welchem Sie soeben jetzt gesprochen haben, bevor ich eintrat.«

»Der dicke, impertinente Mensch?«

»Ja, der etwas starkleibige aber keineswegs impertinente Herr, der sich nun leider wieder entfernt hat.«

»Ich kann denselben nicht begreifen. Er hat sich gegen mich einer Art und Weise befleißigt, welche ich ebenso feindselig wie verrückt nennen muß.«

»Nun, als eine Verrücktheit möchte ich es denn doch nicht bezeichnen. Herr Barth ist ein sehr besonnener und selbstbewußter Mann.«

»Das habe ich keineswegs bemerkt. Und auch das, was er von mir erzählt hat, kann nur auf einer Erfindung von ihm beruhen.«

»Ich habe, trotzdem ich ihn bereits seit längerer Zeit kenne, noch nie an ihm bemerkt, daß er erfindet oder dichtet. Er ist im Gegentheile ein sehr nüchterner Charakter, welcher gewohnt ist, nur mit wirklichen Thatsachen zu rechnen.«

»Wenn dies der Fall ist, muß ich um so mehr bewundern, daß er sich grad hier von einer so unbegreiflichen Phantasterei hat hinreißen lassen. Sprechen wir nicht weiter davon. Diese Sache ist mir nicht angenehm!«


Ende der vierundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen, deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk