Lieferung 98

Karl May

29. Oktober 1887

Deutsche Herzen, deutsche Helden.

Vom Verfasser des »Waldröschen« und »der Fürst des Elends«.


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Hinten in der Ecke saßen Sam und Sendewitsch. Sie beobachteten ihn genau.

»Jetzt bekommt er das Blatt,« meinte der Dicke. »Passen Sie auf sein Gesicht auf.«

Beide bemerkten sehr deutlich, daß er die Ziffer sah. Es ging etwas wie ein leises Erstaunen über sein Gesicht. Er hielt sich nicht lange auf und verließ das Local sehr bald.

»Wollen wir ihm nach?« fragte Sendewitsch.

»Nein. Wir würden doch nichts merken. Jetzt müssen wir vor allen Dingen besorgt sein, die beiden Kerls zu belauschen. Dazu ist erforderlich, daß wir vor ihnen an Ort und Stelle sind. Das dürfen wir nicht versäumen.«

»So wird es am Besten sein, wir brechen auf?«

»Ja. Kommen Sie.«

Sie hatten zwar noch fast zwei Stunden Zeit, doch war es wirklich besser, früher als später am Rendez-vous anzukommen.

Links führte von Wiesenstein aus der Weg zum Schlosse empor, rechts vom Städtchen, auf der anderen Seite erhob sich eine zweite bewaldete Höhe, welche etwas niedriger als der Schloßberg war. Auf ihrem Gipfel befand sich eine kleine, runde, gelichtete Stelle, auf welcher einige Bänke angebracht worden waren, da man von hier aus eine hübsche Fernsicht hatte und auch das gegenüber liegende Schloß malerisch vor sich sah.

Das war Oskars Ruhe.

Die beiden Männer stiegen langsam und gemächlich hinauf, wobei Oberst von Sendewitsch seine Fluchterlebnisse wenigstens einstweilen oberflächlich erzählte. Eine eingehendere Beschreibung behielt er sich für später vor.

Sam hörte zu und war dabei sehr besorgt, sich nebenbei zu überzeugen, ob sie allein seien oder nicht.

Als sie oben angekommen waren, galt es, zunächst zu recognosciren. Sam deutete auf die Bänke rundum und sagte:

»Hierher setzen sie sich jedenfalls nicht.«

»Nein. Der Agent sagte ja, daß sie zwischen die Bäume und Sträucher gehen wollten.«

»Hm! Zwischen die Bäume und Sträucher. Das ist leider sehr unbestimmt. Wenn wir nur wenigstens wüßten, ob rechts oder links!«

»Es bleibt uns nichts anderes übrig, als ihre Ankunft zu erwarten.«

»Gut! Verstecken wir uns.«

Sie schlüpften von dem freien Platze fort und setzten sich so nieder, daß sie durch Baumstämme verdeckt waren.

Der Agent kam zuerst. Er blickte sich auf dem Platze um und trat dann unter die Bäume.

»Er wird sich den Platz suchen, an welchem sie mit einander reden wollen,« meinte Sam. »Kommen Sie! Ich muß wissen, wo er hingeht.«

Sie schlichen sich von Stamm zu Stamm ihm nach. Er schien auch sehr vorsichtig zu verfahren, denn er blickte sich öfters um, aber ohne sie zu bemerken.


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Endlich verschwand er hinter einer Felsenecke, hinter welcher er erst nach einigen Minuten wieder hervorkam, um sich wieder nach dem freien Platze zu begeben.

»Sapperment!« lachte Sam. »Der Kerl macht es uns leicht. Da hinter dem Felsen werden sie ihre Unterredung abhalten.«

»Meinen Sie?«

»Ja, ganz gewiß.«

»Wenn wir uns aber hierher stellen und sie treffen sich an einem anderen Orte!«

»Haben Sie denn nicht bemerkt, daß er seinen Ueberzieher am Arme trug?«

»Ja.«

»Jetzt hatte er ihn nicht mehr. Er hat ihn also da hinter dem Felsen abgelegt, um sich nicht unnöthiger Weise mit ihm zu schleppen. Das ist ein sicheres Zeichen, daß er zurückkehren wird.«

»Wohl erst nach der Unterredung!«

»O nein. So lange läßt man keinen Ueberrock liegen. Es könnte leicht Jemand kommen und ihn finden. Wollen einmal nachsehen.

Sie huschten weiter um die Felsenecke hinum. Da sahen sie freilich, daß dieser Ort ganz geeignet war für ein Gespräch, welches nicht belauscht werden solle. Nach vorn, rechts und links fiel das Terrain steil ab; man konnte alles überblicken und also gar nicht überrascht werden. Im Rücken hatte man den Felsen, so daß man nicht gesehen werden konnte.

Am Boden lag der Ueberrock.

»Ausgezeichnet gewählt!« meinte Oberst Sendewitsch. »Hier können wir nicht horchen.«

»Pah!« antwortete Sam, indem er sich umschaute.

»Es giebt keinen Platz, welcher sich besser zum Lauschen eignet als dieser hier.«

»Das finde ich nicht.«

»Wir setzen uns da herauf!«

Er deutete auf den Felsen. Dieser stieg wohl um vierzig Fuß hoch empor und hatte in der Höhe von fünf Ellen einen ziemlich breiten Absatz, welcher mit weichem Moose bewachsen war.

»Da hinauf?« meinte Sendewitsch.

»Ja. Meinen Sie, daß wir nicht hinauf kommen?«

»O, gewiß. Aber man sieht uns ja!«

»Wird Niemandem einfallen!«

»Es ist ja Alles nackt, kein Busch, kein Strauch vorhanden, der uns Deckung giebt.«

»Papperlapapp! Wir suchen uns Deckung. Passen Sie einmal auf!«

Es standen hohe Farrenbüschel rund umher. Sam sammelte einige, dabei aber jede Spur genau verwischend, brachte sie herbei und warf sie auf den Absatz hinauf.

»So!« sagte er. »Das giebt ein Buschwerk, hinter welches wir uns verstecken.«


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»Das ist wahr. Daran habe ich nicht gedacht. Aber wir müssen diese Farrenkräuter mit den Händen halten!«

»Natürlich.«

»Dann müssen wir uns aber hüten, eine Bewegung zu machen, welche uns verrathen könnte.«

»Pah! Diese beiden Kerls wissen den Teufel von solchen Prairiejägerstreichen. Klettern wir hinauf.«

»Es ist zu hoch.«

»Steigen Sie auf meine Schulter.«

»Aber dann Sie?«

»Sie ziehen mich an meinem Gürtel empor.«

Der Blick des Obersten fiel bedenklich auf Sams Leibesumfang. Es bemerkte:

»Ob ich Sie aber halten kann!«

»Mich? Ich bin ja federleicht.«

»Das scheint nicht so, mein Bester.«

»Haben Sie keine Sorge. Ich bin noch an ganz anderen Orten emporgeklettert. Es ist leichter, als Sie denken.«

Und er hatte Recht. Der Oberst stieg auf Sams Schulter und kam auf diese Weise sehr schnell hinauf. Und Sam verstand es, als er sich an den Gürtel hing, sich so leicht zu machen, als ob er ein Schulkind sei.

Als sie nun oben saßen, wurden die Farrenkräuter so geordnet, daß sie eine genügende Deckung boten. Man brauchte sie gar nicht zu halten. Es gab einige schmale Risse im Felsen, in welche man die Stengel stecken konnte.

Jetzt hatte es den Anschein, als ob da oben auf dem Felsenabsatze die Farren ganz natürlich gewachsen seien. Die beiden Männer lagen hinter denselben auf dem Steine und warteten nun auf das Kommen der Beiden, die sie belauschen wollten.

Endlich hörten sie Schritte und Stimmen.

»Wo ist's denn?« fragte der Pascha.

»Gleich hier hinter dem Felsen.«

Sie kamen um die Ecke. Der Pascha sah sich um und meinte dann in zufriedenem Tone:

"Der Platz ist vortrefflich!"

»Der Platz ist vortrefflich. Hier kann uns kein Mensch beschleichen.«

»Nein; hier sind wir freilich sicher.«

»Also lassen wir keine Zeit verstreichen. Sie werden sich gewundert haben, als Sie die Zahl erblickten?«

»Allerdings. So schnell hatte ich nichts erwartet.«

»Es ist mir Etwas widerfahren - oder vielmehr, es hat sich Etwas ereignet, was es nothwendig machte, mit Ihnen zu reden.«

»Etwas, was sich auf meine Aufgabe bezieht?«

»Ja und doch auch nein. Es hängt aber mit derselben zusammen.«

»So erzählen Sie!«

»Sagen Sie mir, wo hier in Wiesenstein das Gefängniß ist!«


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»Im Gebäude des Amtsgerichtes.«

»Nicht im Schlosse?«

»Nein.«

»Alle Teufel! Warum hat man ihn da auf das Schloß geschafft?«

»Wen?«

»Ach so! Sie wissen es ja noch gar nicht. Erinnern Sie sich des Derwisches, von welchem ich Ihnen erzählte?«

»Ja. Hatte er nicht den Vermittler zwischen Ihnen und dem Mädchenhändler gemacht, als Sie Tschita kauften?«

»Ja. Denken Sie sich, er ist hier.«

»Was! Ein Derwisch!«

»Ja, und zwar als Gefangener.«

»Das ist freilich etwas ganz Ungewöhnliches.«

»Mir fuhr der Schreck in alle Glieder.«

»Haben Sie denn Veranlassung, zu erschrecken?«

»Leider ja.«

»Hm! Dann muß ich Sie eben wieder einmal ersuchen, aufrichtig zu sein.«

»Verdammt! Die so nothwendige Aufrichtigkeit ist mir aber höchst unbequem!«

»Ich bin verschwiegen!«

»Mag sein. Aber ehe ich weiter spreche, beantworten Sie mir zunächst eine Frage: Ist es hier möglich, einen Gefangenen zu befreien?«

»Warum nicht?«

»Durch List oder Gewalt?«

»Durch eins von ihnen oder auch durch Beides, je nach den Verhältnissen.«

»Getrauen Sie sich, so Etwas zu unternehmen?«

Der Agent zuckte die Achsel.

»Hm! Was soll ich da antworten?«

»Die Wahrheit.«

»Nun, dann sage ich freilich, daß ich es mir getraue; aber ob ich es thun würde, das ist eine ganz andere Frage.«

»Sie müssen!«

»Müssen? Ah!«

»Ja. Sie dürfen mich nicht im Stiche lassen.«

»Meinen Sie? Befinden Sie sich denn in einer so sehr unangenehmen Lage?«

»Freilich. Der Derwisch muß unbedingt befreit werden!«

»Bitte, sprechen Sie das nicht in so kategorischer Weise aus! Man soll nicht denken, daß Alles gelingen muß. Grad die liebsten Wünsche des Menschen pflegen nicht in Erfüllung zu gehen.«

»Dieser aber muß sich erfüllen, sonst bin ich verloren!«

»Das klingt wirklich gefährlich!«


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»Ist es auch.«

»So sagen Sie mir doch, warum das Schicksal dieses Derwisches einen solchen Einfluß auf das Ihrige haben kann!«

»Weil - weil - weil wir Verbündete sind.«

»Verstehe. Sie haben mit einander irgend Etwas gethan, ohne vorher das Gesetz um Erlaubniß zu bitten?«

»So ist es.«

»Hm! Was war es?«

»Müssen Sie das wissen?«

»Wenn ich Ihnen helfen soll, so müssen Sie aufhören, so zurückhaltend zu sein.«

»Sie mögen Recht haben. Sie sind einmal mein Vertrauter und Helfer geworden und so will ich Ihnen sagen, daß es sich um eine Blutrache handelte.«

»Gegen wen?«

»Gegen einen Deutschen.«

»O wehe! Das ist freilich gefährlich. War es ein Mord?«

»Ja, und noch Verschiedenes dazu.«

»Das verschlimmert die Sache freilich sehr. Was hatte der Derwisch damit zu thun?«

»Er war mein Werkzeug.«

»Wo geschah die That?«

»Auf deutschem Gebiete.«

»Und Sie befinden sich in Deutschland! Fliehen Sie schleunigst!«

»Ohne Tschita und Zykyma nicht!«

»Ich sende sie Ihnen nach, oder ich bringe sie Ihnen!«

»Darauf kann ich mich nicht verlassen. Auch kann ich nicht fort, ohne den Derwisch befreit oder wenigstens für mich unschädlich gemacht zu haben.«

»Hm! Die Sache hat ihre ganz besonderen Schwierigkeiten. Weshalb hat man sich denn seiner Person bemächtigt?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo ist er arretirt worden?«

»Auch das weiß ich nicht. Man brachte ihn mit dem Bahnzuge.«

»In Begleitung von Gensdarmen?«

»Nein. Es waren zwei lange, dürre Menschen bei ihm.«

»Jedenfalls Criminalbeamte in Civil. Hat er Sie gesehen?«

»Ja, und sogar mit mir gesprochen.«

Er erzählte den Vorgang, so wie derselbe sich ereignet hatte. Der Agent machte eine sehr nachdenkliche Miene und sagte:

»Es ist mir natürlich nicht Alles klar; Einiges aber kann ich mir wohl enträthseln. Der Derwisch ist jener Rache wegen arretirt worden.«

»Das glaube ich nicht.«

»O gewiß! Darum hat er ja gesagt, daß Sie verloren sind, wenn Sie ihn nicht retten.«

»Nein. Er will mich verrathen, wenn ich ihn nicht befreie; aber der


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Grund seiner Arretur wird mit meiner damaligen Angelegenheit nicht viel zu thun haben.«

»Vielleicht doch!«

»Haben Sie Ursache, dies zu glauben?«

»Hm! Ich weiß nicht, ob ich mit Ihnen so sprechen darf, wie ich gern möchte.«

»Warum nicht? Mißtrauen Sie mir?«

»Halb und halb.«

»Teufel! In welcher Beziehung?«

»In Beziehung auf die Bezahlung.«

»Unsinn! Ich bin reich und kann zahlen. Ich werde Sie nicht betrügen.«

»Sie werden mir die ausbedungenen Summen zahlen, auch wenn ich meine Aufgabe viel leichter und schneller löse als zu denken war?«

»Natürlich! Ich bin sogar bereit, Ihnen noch eine Extragratification zu bezahlen, wenn Sie schnell machen.«

»Sind Sie denn grad jetzt dermaßen bei Kasse?«

»Stets.«

»Schön! Wieviel bieten Sie für die Befreiung dieses Derwisches?«

»Wieviel verlangen Sie?«

»Hm! Es ist das eine Arbeit, deren Lohn sich eigentlich gar nicht bemessen läßt. Es giebt keinen Maßstab für solche Handlungen. Ich riskire natürlich das Zuchthaus.«

»Das weiß ich. Ich bitte, sich darüber so kurz wie möglich zu fassen.«

»Und daß man den Mann nicht in dem Gerichtsgefängnisse untergebracht, sondern ihn nach dem Schlosse geschafft hat, das verschlimmert die Angelegenheit außerordentlich. Erstens ist anzunehmen, daß man ihn dort in eins der unzugänglichen Gewölbe gesteckt hat, aus denen kein Entkommen möglich ist, und zweitens können wir als ganz sicher annehmen, daß sehr hohe und einflußreiche Personen mit dieser Angelegenheit in Beziehung stehen oder sich derselben angenommen haben.«

»Welche Veranlassung haben Sie, das anzunehmen?«

»Ich kenne die hiesigen Verhältnisse. Das ist genug. Doch fassen wir das Pferd beim rechten Orte an, nämlich beim Kopfe! Ich setze den Fall, ich könnte Ihnen bereits heut sagen, wo Tschita und Zykyma sich befinden, würde ich die zehntausend Mark erhalten?«

»Sofort. Ich würde sie Ihnen umso lieber bezahlen, desto rascher die Sache gegangen ist.«

»Und ich glaubte im Gegentheile, Sie würden den Umstand, daß es so schnell geht, als Vorwand nehmen, die Summe oder wenigstens einen Theil derselben zu verweigern. Sie könnten sagen, es sei mir zu leicht geworden.«

»Fällt mir nicht ein. Geben Sie mir die Gewißheit, daß Sie sie entdeckt haben, so zahle ich sofort.«

»Welche Gewißheit verlangen Sie?«


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»Am Liebsten wäre es mir freilich, wenn ich sie sehen könnte. Da ist keine Täuschung möglich.«

»Nun gut! Sie sollen sie sehen.«

Der Pascha stieß einen Ruf des Erstaunens aus.

»Sehen! Ist's wahr?« fragte er. »So befinden sie sich hier in Wiesenstein?«

»Zufälliger Weise, und zwar alle Beide.«

»Davon hatte ich keine Ahnung!«

»Ich auch nicht,« lächelte der Agent verschmitzt. »Ihnen wäre es nicht gelungen, sie zu finden.«

»Wo wohnen sie denn?«

»Davon später. Zunächst will ich Sie auf einige Nebensachen aufmerksam machen, die freilich sehr leicht als Hauptsachen aufzufassen sind. Der Maler Normann ist hier.«

»Schön! Vortrefflich!«

»Auch glaube ich, diesen Hermann Adlerhorst entdeckt zu haben. Ich hatte freilich noch nicht Zeit, mich zu überzeugen, ob meine Vermuthung richtig ist.«

»Auch hier?«

»Ja. Der Maler wird von einem Freunde besucht, den er Hermann nennt.«

»So ist's wahrscheinlich Adlerhorst.«

»Ich werde mich noch im Laufe des Nachmittages genau erkundigen. Und was diesen Steinbach betrifft, so weiß ich wohl auch, wer er ist.«

»Das wäre ja erstaunlich!«

»Sie sehen, daß Sie sich an den rechten Mann gewendet haben.«

»So lange, lange Zeit habe ich vergeblich gesucht und kaum bin ich mit Ihnen einig geworden, so sind Sie bereits am Ziele.«

»Das ist mein Fach. Ich werde dafür bezahlt.«

»Ich knausere nicht. Also wer und wo ist dieser Steinbach?«

»Höchst wahrscheinlichst ist es Prinz Oskar.«

»Prinz Os- - -!« rief der Pascha, indem er vor Erstaunen vergaß, den Namen vollständig auszusprechen.

»Ja, der Bruder unseres Großherzoges.«

»Alle Teufel!«

»Ich glaube wenigstens nicht, daß ich mich irre.«

»Wie kommen Sie auf diese Vermuthung?«

»Erstens stimmt Ihre Personalbeschreibung ganz genau auf ihn. Und zweitens sagten Sie ja selbst, daß er ein Diplomat und zwar ein bedeutender sein müsse.«

»Das ist wahr. Er war sogar im Harem des Sultans in Constantinopel.«

»So ist er es ganz gewiß. Eine solche Ausnahme macht man nur mit fürstlichen Personen.«

»Wer hätte das gedacht!«

»Und endlich ist Ihr Derwisch auf das Schloß geschafft worden, wohin


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der Prinz nächster Tage aus Petersburg ankommen wird. Er scheint also die Untersuchung in die Hand nehmen zu wollen.«

»Donnerwetter! So muß der Derwisch fort!«

»Aber wie?«

»Das ist Ihre Sache!«

»Schwer genug ist sie!«

Der Pascha stampfte mit dem Fuße.

»Da es so steht, so bin ich verloren, wenn der Prinz dem Derwisch ein Geständniß erpreßt.«

»Ich wiederhole meinen Rath: Fliehen Sie!«

»Auch das hilft nichts. Der Prinz ist Persona gratissima beim Sultan. Ich bin also auch in der Türkei nicht sicher.«

»So müssen wir eben dafür sorgen, daß der Derwisch kein Geständniß ablegen kann.«

»Auf alle Fälle.«

»Ihn also befreien!«

»Befreien oder - - -«

Er blickte dem Agenten scharf in die Augen.

»Oder was?« fragte dieser.

»Ihn verschwinden lassen!«

»Eben dadurch, daß wir ihn befreien.«

»Oder auch auf andere Weise.«

»Was meinen Sie?«

»Ein Wenig - - - Gift.«

»Alle Teufel! Ein Mord!«

»Das ist das Beste! Dann schweigt er für ewig.«

»Dazu gebe ich mich nicht her!«

»Wirklich nicht?«

»Auf keinen Fall!«

»Auch nicht, wenn ich ganz ausgezeichnet bezahle?«

»Auch dann nicht. Einen Mord begehe ich nicht.«

»So will ich ihn begehen. Sie aber ebnen mir nur den Weg dazu!«

»Auch das thue ich nicht, denn das ist ganz gleich dem Morde. Nein, das fällt mir nicht ein!«

»Sind Sie denn gar so zart im Gewissen!«

»Pah! Fragen Sie nicht so! Ich kann Vieles thun; aber einen Menschen bringe ich nicht um.«

»Nun, meinetwegen. So muß ich mich fügen. Wir befreien ihn also!«

»Dazu will ich eher die Hand bieten.«

»Schön! Aber es ist Gefahr im Verzuge. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Ich werde sofort beginnen. Gleich jetzt, wenn unsere Unterredung beendet ist, werde ich Erkundigungen einziehen und auch im Schlosse selbst recognosciren.«


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»Können Sie das?«

»Ja. Wenn der Prinz nicht anwesend ist, darf jeder anständig gekleidete Mensch den Schloßhof, den Garten und auch den Park betreten.«

»Aber in das Innere des Schlosses darf man nicht?«

»Nur unter Führung eines Lakaien.«

»So hätte ich Lust, mich einmal führen zu lassen.«

»Ist das nicht gewagt?«

»In wiefern?«

»Wenn man Sie erkennt!«

»Ich habe mich sehr verändert und übrigens giebt es im Schlosse wohl keinen Menschen, der mich einmal gesehen hat.«

»Ich würde es lieber unterlassen. Doch, thun Sie, was Sie wollen.«

»Wann werden Sie mir die beiden Frauenzimmer zeigen?«

»Heut Abend. Kommen Sie nach Eintritt der Dunkelheit in den Pavillon.«

»Aber Sie lassen da nicht merken, daß wir uns kennen. Das muß ich mir ausbitten.«

»Natürlich! Das versteht sich ganz von selbst. Wenn ich dann gehe, brechen auch Sie auf. Uebrigens will ich Ihnen gleich jetzt sagen, daß Tschita verheirathet ist.«

»Beim Teufel! Ist's wahr?« brauste der Pascha auf. »Das dulde ich nicht!«

»Was wollen Sie dagegen thun?« lachte Schubert.

»Sie ist meine Frau!«

»Hm! Auf türkische Weise!«

»Aendert das Etwas?«

»Vielleicht. Ist sie Ihnen vom Kadi angetraut?«

»Nein.«

»Hat sie Ihnen wenigstens factisch die Zärtlichkeiten einer Ehefrau gewährt?«

»Nein. Aber ich habe sie bezahlt!«

»Das gilt hier nichts. Sie ist in Wirklichkeit nur Ihre Sclavin gewesen.«

»Und soll es auch wieder werden! Dann aber wehe ihr! Wer ist ihr Mann?«

»Eben jener Maler Normann.«

»Diesen Kerl bringe ich um!«

»Lassen Sie das lieber bleiben!«

»Bleiben? Rache, Rache will ich haben! Ist etwa Zykyma auch verheirathet?«

»Ich glaube nicht.«

»Das ist ihr Glück! Ich liebte sie mit lodernder Gluth. Sie aber hat mir nicht die kleinste Zärtlichkeit erlaubt.«

»Sonderbar! Ein mächtiger Pascha, dessen beide Weiber sich nicht von ihm berühren lassen!«

»Eben weil ich sie liebte!«

»Haben Sie denn keinen Versuch gemacht, ihren Widerstand zu brechen?«


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»Oft, aber vergeblich. Diese Zykyma besaß einen verfluchten Dolch, dessen Spitze vergiftet war. Ich durfte es nicht wagen, sie ohne ihre Erlaubniß anzurühren. Ich wäre ja sofort des Todes gewesen.«

»Danke sehr. Und solche Frauen kauft man und muß sie theuer bezahlen.«

»Ländlich, sittlich! Ich hätte sie schon noch bezwungen, wenn sie mir nicht inzwischen geraubt worden wären. Ich habe einen Haß, einen Grimm in mir, den ich gar nicht beschreiben kann. Ist nur erst dieser Derwisch befreit, so werde ich meine Rache beginnen. Haben Sie mir jetzt noch Etwas zu sagen?«

»Nein. Aber wir sind uns noch nicht einig über die Summe, welche Sie für die Befreiung des Derwisches bezahlen wollen.

»Machen wir es kurz! Ich habe keine Lust, um die Sache zu feilschen. Ich gebe Ihnen gerade so viel, wie die bereits vereinbarte Rate beträgt.«

»Zehntausend Mark?«

»Ja.«

»Hm! Es ist schwierig, sehr schwierig, und ich riskire außerordentlich viel.«

Er wollte gern so viel wie möglich verdienen; der Pascha aber meinte kurz:

»Desto leichter ist Ihnen das Bisherige geworden. Sie verdienen an mir in Summa fünfunddreißigtausend Mark. Ist Ihnen das nicht genug, so trete ich zurück.«

»Bitte, bitte, nicht so eilig! Wann würden Sie die Summe zahlen?«

»An dem Augenblicke, in welchem Sie mir den Derwisch bringen, eher natürlich nicht.«

»So bin ich einverstanden. Also heut Abend im Pavillon! Jetzt möchte ich mich entfernen.«

»Ja, gehen Sie! Sie haben sehr, sehr viel zu thun, und ich hoffe, daß ich noch heut Abend wichtige Nachrichten von Ihnen erhalte.«

»Ich werde mir natürlich alle Mühe geben. Jetzt werde ich mich wohl zunächst auf das Schloß verfügen. Leben Sie wohl!«

Sie verabschiedeten sich und gingen, der Agent voran, nachdem er seinen Ueberrock aufgenommen hatte, der Pascha langsam hinterher.

»Gelungen, gelungen!« meinte Sendewitsch. »Das war Wichtiges, was wir erfahren haben!«

»Sehr Wichtiges sogar!« nickte Sam, indem er tief und befriedigt Athem holte.

»Was werden Sie thun?«

»Zunächst werde ich mich von Ihnen trennen.«

»Warum? Wollen wir nicht vereint handeln?

»Ja, natürlich. Aber jetzt können wir das nicht. Der Agent will gleich nach dem Schlosse, und ich muß noch vor ihm dort sein, um meine Befehle zu ertheilen. Er muß irre geführt werden. Ich bin gezwungen, hier schnell mitten durch den Wald zu brechen, und zu so einem Dauerlaufe sind Sie vielleicht weniger geschickt als ich.«

»Oho!« lachte Sendewitsch, indem er auf den dicken Bauch des Kleinen zeigte.


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»Pah!« antwortete dieser. »Der hindert mich ganz und gar nicht. Kommen Sie. Ich werde Sie herablassen.«

Er half dem Obersten von dem Felsenvorsprunge herab und sprang dann trotz seiner Korpulenz ganz leicht und gewandt nach.

»So!« sagte er. »Sie sehen, daß ich ein guter Springer bin. Wo logiren Sie?«

»Im Hotel zur Krone.«

»Und ich im Schlosse. Sie brauchen dort nur nach mir zu fragen, wenn Sie mich sprechen wollen. Wir wissen uns also zu finden. Jedenfalls suche ich Sie noch vor Abend auf, um die beiden Kerls zu belauschen. Ich muß erfahren, wo dieser Maler Notmann wohnt. Jedenfalls gehen sie heimlich zu ihm, weil Tschita dort zu treffen ist. Adieu!«

Er ging.

Glücklicher Weise standen die Bäume hier nicht so dicht, daß sie ihm Hinderniß bereitet hätten. Auch gab es kein Unterholz. So sprang er geraden Wegs die Berglehne hinab und durch den Wald, als ob er einen Hasen erjagen wollte, und erreichte in dieser pfadlosen Richtung die Stadt viel eher, als der Agent sie auf dem sich vielfach windenden Wege erreichen konnte.

Von da schritt er möglichst eilig zum Schlosse hinauf und suchte den Castellan, den er in das Vertrauen ziehen mußte. Beide ließen sodann den Schließer kommen, dessen Häuschen jenseits des Schloßhofes am Eingange zum Parke stand.

Er war Soldat gewesen, ein alter Schlaukopf und treuer Diener seines Herrn, dem er viel zu verdanken hatte. Als er von der Unterredung zurückkehrte, funkelten seine Augen vergnügt. Es gab hier einmal Etwas, worüber er sich freute, einen berühmten Criminalbeamten und schlechten Kerl an der Nase herum zu führen.

Er hatte kaum sein Häuschen erreicht, so trat der Agent durch das vordere Thor, sah sich im Hofe um, in welchem sich augenblicklich kein Mensch befand, schritt über denselben hinweg und wollte sodann in den Park hinaus.

Da öffnete der Schließer sein Fenster und fragte:

»Wohin, mein Herr?«

»In den Park.«

»Das ist jetzt verboten.«

»Ah! Ich habe nicht anders gewußt, als daß man da spazieren gehen darf.«

»Bis gestern. Von heut an aber ist es untersagt.«

»Warum? Ist Durchlaucht, der Prinz zurück?«

»Nein. Aber das Publikum hat sich für die Erlaubniß, den Park benutzen zu können, sehr undankbar gezeigt. Erst gestern sind uns wieder eine ganze Zahl der schönsten Bäumchen umgeschnitten worden. Nun darf Niemand mehr ohne Begleitung hinein.«

»Wer geht da mit?«

»Zuweilen ich, zuweilen Andere, wer grad so Zeit dazu hat.«


// 2340 //

Das war dem Agenten eben recht. Er hatte ja nicht die Absicht, allein zu sein. Er suchte Jemand, mit dem er reden, bei dem er sich erkundigen konnte. Darum sagte er:

»Wer ist da jetzt an der Reihe?«

»Ich.«

»So bitte, kommen Sie! Es soll mir auf ein gutes Trinkgeld nicht ankommen.«

Der Schließer kam heraus und begleitete ihn, sich in respectvoller Weise immer einen Schritt zurückhaltend. Dabei erklärte er ihm Verschiedenes und benutzte da eine Gelegenheit zu der Frage:

»Ist es nicht Unrecht, das Publikum von dem Genusse des Parkes auszuschließen?«

»Das finde ich nicht.«

»Mir scheint es so.«

»Wenn die Leute, welche dafür danken sollten, die Anlagen zerstören, so verdienen sie eben eine solche Gunst nicht länger.«

»O, es fragt sich sehr, wer es gewesen ist. Wer verkehrt denn hier? Die anständigen Badegäste, welche uns Nahrung und Verdienst bringen. Solche Leute schneiden keine Bäume nieder. Ich vermuthe es sehr, daß die losen Buben des Castellans es gewesen sind. Wenn nun der Prinz kommt, wird es noch viel schlimmer hier. Herrenbrod ist ein saures Brod!«

Der Agent blickte dem Schließer forschend in das mißmuthige Gesicht. Es schien, daß er hier ganz glücklicher Weise einen Mann gefunden habe, der zu gebrauchen war. Er freute sich darüber, ließ sich das aber ja nicht merken, sondern sagte in einem beinahe zurechtweisenden Tone:

»Dürfen Sie denn in dieser Weise sprechen?«

»Warum nicht?«

»Der Prinz ist ja allgemein als ein sehr leutseliger und beliebter Herr bekannt.«

»Davon weiß ich nichts.«

»So sind Sie wohl der Einzige!«

»Meinen Sie? Da irren Sie sich! Ja, mit dem durchlauchtigen Herrn wäre wohl ganz gut zu verkommen, aber die Zwischenpersonen, die Zwischenpersonen! Die machen es sich leicht, während Unsereinem Alles, Alles aufgebürdet wird. Ich habe mich schon längst nach einer anderen Stelle umgesehen.«

»Werden Sie denn wieder so eine finden?«

»So eine? Allemal!«

»Wie stehen Sie sich denn eigentlich?«

»Zum Verhungern zu viel, zum Leben zu wenig. Sechzig Mark pro Monat!«

»Bei freier Station?«

»Fällt keinem Menschen ein! Ja, wenn das noch wäre! Aber ich habe mit sechzig Mark eine zahlreiche Familie zu ernähren. Einen Pfennig für das Alter kann ich mir nicht sparen.«


// 2341 //

»Das ist wohl auch nicht nothwendig.«

»Nicht? In wiefern denn nicht?«

»Sie erhalten doch Pension!«

»Die Lakaien und Kammerdiener und all das andere stolze Gewürm, ja! Ich aber nicht. Es möchte Einem himmelangst und bange werden. Und wenn nun da einmal etwas Unvorhergesehenes eintritt, wie jetzt bei mir, so ist man rettungslos blosgestellt und vielleicht gar noch der Schande preisgegeben.«

»Was ist Ihnen denn geschehen?«

»Mir eigentlich nicht, aber meinem Schwiegersohne. Der ist nämlich Bäcker und - aber da schwatze ich solche Sachen, die Sie gar nicht interessiren können.«

»O doch! Ich interessire mich stets für meine armen, leidenden Mitmenschen.«

Der Schließer warf ihm einen warmen, dankbaren Blick zu und meinte:

»Das ist ein Zeichen, daß Sie ein gutes Herz besitzen, was man leider jetzt so selten findet. Mein Schwiegersohn nämlich war arm, und ich habe meiner Tochter natürlich nichts mitgeben können. Da ist denn Alles auf Credit unternommen worden. Wie es da geht, das haben wir nicht gewußt, jetzt aber wissen wir es. Die Korn- und Mehljuden saugen und saugen, bis kein Tropfen Blut mehr übrig ist. Zuletzt hat mein Schwiegersohn einen Wechsel unterschreiben müssen; der ist übermorgen fällig, aber kein Pfennig ist zur Bezahlung vorhanden.«

»O wehe! Wie hoch ist die Summe?«

»Fünfzehnhundert Mark.«

»Nun, das ist ja doch kein Königreich!«

»Für Sie nicht; für uns aber ist es unerschwinglich. Man wird meinen Schwiegersohn mit seinen Kindern aus dem Hause jagen. Was soll dann geschehen! Ich weiß weder ein noch aus!«

»Es muß eben ertragen werden.«

»Das ist sehr leicht gesagt. Aber Derjenige, der es ertragen soll, denkt wohl anders darüber. Mein Schwiegersohn läuft herum wie vor den Kopf geschlagen. Er will sich gar das Leben nehmen. Das hat er gedroht. Nun kommt meine Tochter zu mir und heult und schreit mir die Ohren voll. Ich soll helfen und kann doch nicht. Am Liebsten möchte auch ich gleich aus der Welt hinauslaufen!«

»Na, na! Es giebt doch gute Menschen!«

»Wo denn?«

»Ueberall!«

»Ich habe keinen gesehen. Ich bin bereits von Pontius zu Pilatus gelaufen, aber Hilfe finde ich nicht. Ich habe sogar an den Prinzen schreiben wollen. Der würde vielleicht helfen. Aber der Castellan duldet das nicht. Er sagt, daß er mich fortjagen werde, wenn ich den durchlauchtigen Herrn mit meiner Bettelei belästige.«

»Das ist freilich sehr schlimm für Sie!«


// 2342 //

»Ich bin so voller Wuth, daß ich gleich aus der Haut fahren könnte! Keine Rettung, keine Hilfe. Und dabei immer mehr Arbeit und mehr Verantwortung! Jetzt muß ich gar noch die Leute im Park herumführen und trotzdem alle meine andere Arbeit versorgen!«

»Na, na! Ich werde Ihnen ein gutes Trinkgeld geben.«

»Bitte, gegen Sie persönlich war das nicht gerichtet. Es kommen noch ganz andere Sachen. Da haben sie zum Beispiel heut einen Gefangenen gebracht, den ich auch noch bewachen soll. Alle zwei Stunden des Nachts soll ich in sein Loch sehen, um mich zu überzeugen, daß Alles in Ordnung ist. Denken Sie sich, alle zwei Stunden! Nun nehmen Sie mir auch das Bischen Schlaf!«

»Ein Gefangener? Ist denn das Amtsgefängniß hier im Schlosse?«

»Nein. Das ist unten in der Stadt.«

»Was hat denn da ein Gefangener hier auf dem Schlosse zu thun?«

»Das weiß der Teufel. Es ist grad so, als ob man ihn nur heraufgebracht habe, um mich zu turbiren.«

»Was ist es denn für ein Kerl? Ein Dieb?«

»Wohl nicht. Der sieht mir nicht wie ein Dieb aus. Er scheint guter Leute Kind zu sein und kann mir sehr leid thun.«

»Wo steckt er denn?«

»Unten im Keller, in einem finsteren Gewölbe. Denken Sie sich! Er ist doch wohl ein Mensch.«

»Allerdings. Aber da besinne ich mich. Ich war heut auf dem Bahnhofe. Es kam mit dem Zuge ein Gefangener an. Vielleicht ist es dieser.«

»Möglich.«

»War er in Eisen geschlossen?«

»Ja.«

»Zwei lange, hagere Kerle haben ihn gebracht?«

»Ja. Das sind auch die Richtigen. Die haben sich benommen, als ob sie die Herren des Schlosses seien. Eigentlich sind sie es, die ihn zu bewachen haben. Wenn ich diesen Kerls einen Schabernack erweisen könnte!«

Das Herz des Agenten hüpfte vor Freude. Das machte sich ja viel, viel besser, als er hatte für möglich halten können. Er forschte:

»Haben diese Sie denn so sehr beleidigt?«

»Ja. Ich will nicht davon sprechen. Aber ich habe dieses Leben satt. Entweder nimmt es plötzlich eine andere Wendung, oder-«

» Oder -?«

»Oder ich jage mir eine Kugel durch den Kopf.«

»Um Gotteswillen!«

»Pah! Man will doch auch wissen, wofür und wozu man lebt! Wenn ich nur wenigstens Hilfe für meinen Schwiegersohn finden könnte!«

»Hm! Oft kommt die Hilfe in der letzten Stunde.«

»Da möchte sie bald kommen, denn die Zeit vergeht zu schnell. Aber es geschehen keine Wunder mehr!«


// 2343 //

Der Schließer stellte sich, als ob ihn der Unmuth und Zorn fast übermanne. Sie waren an einer Ruhebank angekommen. Der Agent heuchelte Müdigkeit, setzte sich nieder und sagte:

»Ja, Wunder geschehen nicht mehr. Es fragt sich überhaupt, ob sich jemals das ereignet hat, was wir Wunder nennen. Die Gaben fallen nicht vom Himmel herab; sie müssen verdient werden. Wer fünfzehnhundert Mark braucht, der muß sich eben umsehen, ob er einen Menschen findet, von dem er sie haben kann.«

»Wo sollte sich so einer finden!«

»Halten Sie es für unmöglich?«

»Ja.«

»Es ist Alles möglich; nur darf man eben nicht denken, daß man eine solche Summe ohne Mühe und ganz umsonst bekommen kann.«

»Das wird auch kein Mensch verlangen.«

»Nun, wenn Ihnen nun Jemand dieses Geld geben wollte, was würden Sie ihm dafür bieten?«

»Bieten? Hm! Ich habe leider nichts.«

»Vielleicht doch!«

»Nein, ich bin eben blutarm.«

»O, jeder Mensch hat Etwas, was für Andere wohl größeren Werth hat als für ihn selbst.«

»Das möchte ich wissen!«

»Ich könnte es Ihnen sagen.«

»Nun? So sprechen Sie!«

»Sie haben Etwas, für das man vielleicht fünfzehnhundert Mark geben würde.«

»Sapperment! Was wäre das?«

»Das ist sehr leicht aber auch sehr schwer gesagt. Ich weiß nicht, ob Sie verschwiegen sind.«

»Verschwiegenheit muß Unsereiner schon gelernt haben. Da können Sie sich beruhigen.«

»So! Es betrifft nämlich den Gefangenen.«

»So! Den! Da bin ich neugierig.«

»Sind Sie wirklich mit Ihrer Stellung unzufrieden?«

»Sie hören es ja!«

»Ich kann Ihnen helfen!«

»Ah! Das wäre ein Glück!«

»Ihnen und Ihrem Schwiegersohn.«

»Ists möglich!«

»Ja. Ich kann Ihnen eine sehr gute Stellung versprechen und auch das Geld für den Wechsel.«

Der Schließer trat einen Schritt zurück, schlug die Hände zusammen und fragte strahlenden Gesichts:

»Sagen Sie das im Ernste?«


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»Ja. Kennen Sie mich?«

»Nein.«

»Nun, vorläufig ist es auch nicht nöthig, daß Sie mich kennen. Später werden wir uns schon näher treten, wie ich hoffe.«

»Herr, Sie geben mir neues Leben!« rief der Schließer. »Ich beginne, wieder aufzuathmen.«

»Ja, athmen Sie frei; ich fühle Mitleid mit Ihnen und Ihrer Lage und werde Ihnen helfen. Aber erkenntlich müssen Sie sich zeigen.«

»Gern, sehr gern! Ich werde Alles thun, was Sie von mir verlangen, Alles!«

»Wirklich Alles?«

»Ja, sei es, was es sei! Wenn Sie mir nur helfen.«

»Ja, ich bin bereit, Ihnen zu helfen, und wenn Sie die Absicht haben, sich zu rächen, so kann ich Ihnen eine sehr gute Gelegenheit dazu bieten.«

»Rächen? An wem?«

»An dem Castellan und auch an den beiden Kerls, welche den Gefangenen gebracht haben.«

»Sehr gut, sehr schön! Wenn Sie mir dazu die Gelegenheit geben, will ich Ihnen dankbar sein. Aber Niemand darf wissen, daß ich es bin.«

»Kein Mensch erfährt es.«

»So sagen Sie mir, wie!«

»Zunächst muß ich Ihnen sagen, daß Sie die Unterstützung nicht direct von mir erhalten werden. Es handelt sich um einen Herrn, einen sehr hohen Herrn, dem Sie die Hilfe zu verdanken haben werden.«

»Wer ist es?«

»Jetzt darf ich seinen Namen noch nicht nennen, da ich nicht weiß, ob Sie auf seine Absichten eingehen werden.«

»Ich thue Alles, was er von mir verlangt. Nur muß er mir die erwartete Hilfe bringen.«

»Die wird Ihnen so sicher werden, daß ich sogar bereit bin, Ihnen gleich jetzt eine Anzahlung zu machen, wenn Sie ihm zu Willen sein wollen.«

»Herr, wenn es so ist, so werde ich mich gar nicht sehr lange bedenken.«

»Auch wenn man Etwas von Ihnen verlangt, was eigentlich nicht erlaubt ist?«

»Doch nicht ein Verbrechen?«

»O nein. Es ist nur eine kleine Gefälligkeit, welche sich auf den Gefangenen bezieht.«

»Ists gefährlich, Herr?«

»Wenn man es richtig erfaßt, nicht. Der betreffende Herr wünscht nämlich - hm! Errathen Sie es nicht?«

»Soll der Gefangene etwa befreit werden?«

»Wenn man das von Ihnen verlangt, was würden Sie dazu sagen?«

»Daß ich mich nicht damit abgeben kann.«

»Haben Sie Angst?«


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»Angst nicht. Vor wem soll ich mich fürchten, wenn ich nicht darauf eingehe?«

»Sie brauchen sich auch dann, wenn Sie uns helfen wollen, vor keinem Menschen zu fürchten. Sie müssen annehmen, daß diese Angelegenheit in einer Weise erledigt werden kann, daß Ihre Person gar nicht in Betracht kommt.«

»Das halte ich für unmöglich.«

»Es wird sich ganz gewiß so einrichten lassen. Wenn wir - aber sagen Sie mir zunächst, ob Sie die Schlüssel zu dem Gewölbe haben!«

»Nicht stets, sondern nur des Nachts. Kurz vor Mitternacht erhalte ich sie.«

»Hm! Wenn wir von einer Flucht des Gefangenen reden wollen, so müßte sie dann stattfinden, wenn Sie diese Schlüssel nicht haben.«

»Es ist besser, sie findet niemals statt.«

»Dann können Sie aber kein Geld erhalten!«

Der Schließer strich sich verlegen mit der Hand durch das Haar und antwortete dann:

»Es ist gegen das Gesetz und gegen meine Verpflichtungen. Sie führen mich sehr in Versuchung!«

Der Agent machte eine abwehrende, geringschätzige Bewegung mit der Hand, stand auf und meinte:

»So wollen wir unser Gespräch fallen lassen und so thun, als ob es gar nicht stattgefunden habe.«

Er that, als ob er gehen wolle. Das setzte den Schließer sichtlich in Verlegenheit. Er blieb stehen. Der Agent that einige Schritte, blieb auch stehen, wendete sich zu ihm zurück und sagte:

»Sie bleiben zurück? Jetzt ist mir wohl erlaubt, ohne Begleitung weiter zu gehen?«

»Nein.«

»So kommen Sie!«

»Gern! Aber - - Herr, ich befinde mich in einer sehr schlimmen Lage. Ich weiß nicht, was ich thun soll.«

»Thuen Sie das, was Sie für das Beste und Vortheilhafteste halten. Ich habe keineswegs die Absicht, Sie zu Etwas zu verführen, was für Sie schlimm ausfallen könnte.«

Der reservirte Ton, in welchem er dies sagte, brachte den Schließer in gesteigerte Verlegenheit.

»Ich brauche das Geld, ich brauche es!« sagte er wie zu sich selber. »Und doch - und doch!«

»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Sprechen wir zunächst nicht von einer Flucht des Gefangenen. Ich will Sie einstweilen lieber fragen, ob es nicht möglich zu machen ist, einmal mit ihm zu reden.«

»Das wird schwer sein.«

»Ich biete Ihnen dreihundert Mark dafür.«

»Dreihundert Mark können meinen Schwiegersohn nicht retten.«


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»Das kann ich mir wohl denken; aber einmal mit dem Gefangenen sprechen, das ist nicht so viel wie ihn befreien. Sie thun weniger, also gebe ich weniger. Uebrigens ist damit nicht gesagt, daß wir uns und auch Sie sich damit begnügen müßten. Sie werden sich die Sache überlegen und später vielleicht bereit sein, das zu thun, was Sie jetzt nicht thun wollen. Bedenken Sie dabei, daß es ganz und gar kein Wagniß ist, wenn Sie es uns ermöglichen, einmal mit dem Gefangenen zu reden.«

»Hm! Ja, wenn es verschwiegen bliebe!«

»Meinen Sie, daß wir selbst so dumm sein würden, es zu verrathen?«

»Wohl nicht.«

»Nun, auch Sie werden nicht davon sprechen. Da also kein Mensch davon weiß, so wird es ein Geheimniß bleiben.«

»Was haben Sie denn mit ihm zu reden?«

»Nur Familiensachen.«

»Also nichts Gefährliches?«

»Ganz und gar nicht.«

»Dreihundert Mark! Das sind hundert Thaler! Auch schon ein Geld! Und ich bin arm, so arm!«

»So wollen Sie thun, was Sie zu thun haben?«

»Ja, lieber Herr, ich könnte mich wohl dazu entschließen, wenn ich eine Bedingung machen dürfte?«

»Welche?«

»Daß ich mit dabei sein kann.«

»Natürlich!«

»Ich muß mich überzeugen können, daß nichts Unrechtes vorgenommen wird. Dazu ist meine Gegenwart nöthig.«

»Das ist uns eben recht. Wir haben ganz und gar nichts dagegen, daß Sie in dieser Weise Ihres Amtes warten.«

»Und noch Eins: Sie müssen mir versprechen, daß Sie wirklich nichts Anderes beabsichtigen, als nur mit ihm zu sprechen.«

»Was könnten wir sonst noch wollen?«

»Sie könnten diese Gelegenheit benutzen, ihn mir zu entführen. Das gebe ich natürlich nicht zu.«

»Um Sie darüber zu beruhigen, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß wir blos mit ihm sprechen werden. Genügt Ihnen das?«

»Ja. Also der betreffende Herr, den Sie nicht nennen wollen, kommt auch mit?«

»Natürlich bringe ich ihn mit. Er ist ja die Hauptperson. Wo wird die Unterredung stattfinden?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Ich denke im Gefängnisse?«

»Vielleicht. Es ist aber auch möglich, daß ich eine andere Einrichtung treffe.«

»Warum?«


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»Weil Sie sehr leicht im Gefängnisse überrascht werden können.«

»Ist es Ihnen denn möglich, ihn dort heraus zu bekommen?«

»Ja, denn ich habe ja alle Schlüssels.«

»Gut! Wann sollen wir kommen?«

»Kommen Sie Punkt ein Uhr an das kleine Pförtchen der Gartenmauer, welches nach dem Schloßberge führt. Ich werde mich dort befinden.«

»Schön! Ich verlasse mich darauf. Und damit Sie sehen, daß wir prompt bezahlen, will ich ihnen hiermit hundert Mark geben. Die anderen zweihundert erhalten Sie, wenn die Unterredung beendet ist.«

Er zog die Hundertmarknote aus der Brieftasche und gab sie ihm. Der Schließer zeigte ein ganz entzücktes Gesicht und bedankte sich in den lebhaftesten Ausdrücken bei ihm. Dann meinte er:

»Es ist vielleicht möglich, daß Etwas geschieht, was ich Ihnen mitzutheilen hätte. Dürfte ich nicht ihre Adresse erfahren?«

»Nein, jetzt noch nicht. Erst muß ich wissen, ob Sie ein sicherer Mann sind. Heute Nacht werde ich das wissen und Ihnen sagen, wer ich bin. Jetzt will ich gehen.«

»Bitte, gehen Sie nicht durch den Schloßhof. Es ist besser, wenn man Sie gar nicht sieht. Ich werde Sie durch das vorhin erwähnte Pförtchen hinauslassen. Sie können sich dasselbe gleich merken, damit Sie es im Finstern finden.«

Er führte den Agenten in den Garten zurück und ließ ihn durch die kleine Mauerpforte hinaus, welche er wieder hinter ihm verschloß.

»Vortrefflich!« sagte der Agent zu sich, als er langsam den Schloßberg hinabging. »Daß die Sache so schnell und so gut klappen würde, habe ich mir freilich nicht gedacht. Daß wir mit dem Derwisch reden können, ist bereits tausend Mark werth. Dieser alte Schließer wird schon noch die Hand zur wirklichen Flucht bieten.«

Er bemerkte gar nicht, daß ihm zwei Männer folgten, welche nicht neben, sondern hinter einander gingen. Da seine Sendung so vortrefflich geglückt war, beschloß er, zur Feier dieses Erfolges eine Flasche Wein zu trinken und trat in ein Etablissement, welches zwar nicht zu den glänzend eingerichteten gehörte, aber darauf bekannt war, daß man dort einen echten und unverfälschten Tropfen bekomme.

Die beiden Männer sahen ihn hingehen. Der Vordere von ihnen blieb stehen und wartete bis der Hintere herankam.

»Es geht vortrefflich,« sagte er. »Dieser kleine, dicke Sam Barth ist ein Schlaukopf, welcher selbst uns Geheimpolizisten zu rathen aufgeben könnte. Auf seinen Plan hin muß dieser Herr Agent Schubert unbedingt hereinfallen. Ich gehe voran. Du kommst nach, aber nicht sofort, denn das könnte ihm auffallen und als eine abgekartete Sache erscheinen. Eine Viertelstunde mußt Du vergehen lassen.«

Derjenige, welcher diese Worte gesprochen hatte, war ein beleibter Herr von mittleren Jahren. Er hatte das Aussehen eines gut situirten Bürgers,


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welcher in behaglichen Verhältnissen lebt. Für einen Geheimpolizisten aber hätte ihn wohl nicht so leicht Jemand gehalten.

Eben als er in die Flur des Hauses trat, kam der Wirth desselben zur Hofthüre herein. Er wollte den Gast mit lautem Rufe bewillkommnen; dieser aber winkte ihm mit der Hand Schweigen zu und flüsterte:

»Pst! Keinen Namen nennen! Sind viele Gäste darinnen?«

»Nein; nur ein einziger. Die Leute kommen erst zu späterer Stunde.«

»Gut! Dieser Mann darf nicht ahnen, wer ich bin und wie ich heiße.«

»Ah! Ein Fang?« fragte der Wirth, indem er pfiffig lächelte und dabei ein Auge zukniff.

»Ja. Begrüßen Sie mich mit dem Namen Weber. Ich bin Getreide- und Mehlhändler.«

Der Wirth nickte zustimmend und trat in die Gaststube. Der Polizist verzog noch eine Minute und folgte ihm dann nach.

Die Weinstube war eines jener Etablissements, welche nicht durch glänzende Einrichtung imponiren, sondern die Gäste nur durch die Solidität der Speisen und Getränke anziehen. Der Raum war niedrig und klein. Er faßte nur so wenige Tische, daß man an dem einen ganz gut hören konnte, was an dem andern gesprochen wurde.

Das paßte dem Polizisten. Er grüßte höflich und setzte sich an einen Tisch, der demjenigen des Agenten am nächsten stand. Der Wirth begrüßte ihn bei dem angegebenen Namen, brachte ihm das bestellte Glas Wein und fragte dann nach dem Gange der Geschäfte.

Das gab Gelegenheit, dem Agenten merken zu lassen, daß der neu eingetretene Gast ein Getreidehändler sei.

Nach einer Weile kam auch der andere Polizist herein. Er that, als sei er überrascht, den Vorigen hier zu finden, begrüßte ihn als einen alten Bekannten, setzte sich zu ihm und ließ sich auch ein Glas Wein geben.

Nun unterhielten sich die Beiden über Verschiedenes, wobei allerdings vom Handel und Wandel am meisten die Rede war. Der Getreidehändler klagte über schlechten Geschäftsgang und daß die Gelder so schwer eingehen. Er erwähnte, daß er in den nächsten Tagen bedeutende Zahlungen habe und nicht wisse, woher er das Geld dazu nehmen solle, da ihn seine Gläubiger im Stich ließen. Diese Gelegenheit ergriff der Andere, zu bemerken:

»Es geht mir ganz ebenso wie Dir. Man giebt seine guten Waaren oder gar das baare Geld hinaus und bekommt meist faule Wechsel dafür, welche man einklagen muß. Ich habe da eine ganze Zahl dieser Wische in der Tasche stecken, von denen ich fast genau weiß, daß sie protestirt werden müssen. Der einzig sichere ist der, den ich Dir übermorgen präsentiren werde.«

»Mir?« fragte der Händler verwundert.

»Ja. Du mußt es doch wissen.«

»Kein Wort weiß ich!

»So! Solltest Du ihn Dir nicht notirt haben?«

»Das kann bei mir gar nicht vorkommen. Wie hoch lautet er denn?«


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»Auf fünfzehnhundert Mark.«

»Alle Teufel! Das muß ein Irrthum sein.«

»O bitte! Du hast ihn acceptirt.«

»Was? Ich? Fällt mir gar nicht ein!«

Er machte ein sehr erstauntes, ja betroffenes Gesicht. Der Andere blickte ihn ebenso verwundert an und meinte:

»Aber er ist doch von Dir unterschrieben!«

»Nein, sage ich Dir!«

»Ich kenne Deine Hand so genau, daß ich mich gar nicht irren kann.«

»Wer hat ihn denn ausgestellt?«

»Der Bäcker Franke, weißt Du, der Sohn des Schließers oben im Schlosse.«

Der Agent konnte jedes Wort der Beiden hören. Er hatte ihrer Unterhaltung bisher wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt aber, als von dem Schließer und seinem Sohne die Rede war, horchte er auf.

»Mit dem habe ich allerdings zu thun,« sagte der Getreidehändler, »aber nicht so, daß ich einen Wechsel acceptirte. Er ist ganz im Gegentheile mein Schuldner.«

»Was!« rief der Andere. »Das wäre stark!«

»Hat er denn anders gesagt?«

»Ja. Er erzählte mir, daß Du ihm schuldig seiest und ihm einen Wechsel acceptirt habest. Ich hatte mehrere Papiere, die auf kleinere Beträge lauteten, von ihm in der Hand, und da Du mir sicherer bist als er, tauschte ich gegen sie Deinen Wechsel ein.«

»Mann, da bist Du geleimt!«

»Unmöglich!«

»Ich sage Dir, daß ich von dem Wechsel ganz und gar nichts weiß!«

»Aber es ist doch Deine Handschrift!«

»So ist sie nachgemacht. Hast Du ihn mit?«

»Ja.«

»So zeige ihn einmal heraus!«

Die Beiden thaten so, als ob sie sich in der größten Aufregung befänden. Sie machten ihre Sache so gut und spielten ihre Rollen so natürlich, daß dem Agenten der Gedanke, daß es nur darauf abgesehen sei, ihn zu täuschen, gar nicht kommen konnte. Er war außerordentlich gespannt auf die weitere Entwickelung des Gespräches.

Der Inhaber des Wechsels nahm denselben heraus und zeigte ihn dem Händler. Dieser Letztere betrachtete ihn sehr genau und sagte dann:

»Alle Teufel! So Etwas ist mir noch gar nicht vorgekommen!«

»Nicht wahr, Du giebst zu, Dich geirrt zu haben? Der Wechsel stammt von Dir?«

»Gar nichts gebe ich zu! Es ist Fälschung!«

»Unsinn!«

»Ja, es ist Fälschung. Aber die Unterschrift ist so täuschend, so vor-


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trefflich nachgemacht, daß ich glauben würde, ich hätte sie wirklich geschrieben; aber ich weiß doch zu genau, daß ich es nicht gewesen bin.«

Die Beiden blickten einander ein Weilchen sprachlos an. Sie schienen sich gar nicht in den Gedanken finden zu können.

»Das ist stark!« stieß endlich der Inhaber des Wechsels hervor. »Also Fälschung, wirklich?«

»Ja, ganz gewiß.«

»Darauf steht Zuchthaus!«

»Freilich!«

»Du lösest den Wechsel nicht ein?«

»Kann mir gar nicht einfallen! Nicht ich bin dem Bäcker Geld schuldig, sondern er schuldet es mir!«

»Aber, Menschenkind, wer sollte es denn da wagen, Deine Handschrift nachzuahmen?«

»Alberne Frage! Natürlich der Bäcker!«

»Das traue ich ihm doch nicht zu.«

»Ich habe mir auch nicht gedacht, daß er so Etwas wagen könne. Er befindet sich zwar in sehr zweifelhaften Verhältnissen, aber so eine Dummheit, das Zuchthaus zu riskiren, habe ich ihm nicht zugetraut. Es muß mit ihm noch viel schlimmer stehen, als ich geglaubt habe.«

Der Andere schlug mit der Faust auf den Tisch und rief in zornigem Tone:

»Das ist stark! Fünfzehnhundert Mark zu verlieren, das ist keine Kleinigkeit!«

»Allerdings. Aber Du kannst es verschmerzen. Vielleicht ist wenigstens Etwas davon zu retten.«

»Nichts, gar nichts, kein Pfennig!«

»Versuche es nur!«

»Das ist Alles umsonst. Ich werde sofort auf die Polizei gehen.«

Er stand auf; als ob er sich entfernen wolle. Der Andere ergriff ihn beim Arme, zog ihn wieder nieder und sagte:

»Nicht so rasch! Dazu ist allemal noch Zeit! Jetzt weißt Du ja noch gar nicht, ob er ihn einlösen wird oder nicht!«

»Einlösen? Der hätte das Geschick!«

»Versuche es wenigstens!«

»Das ist umsonst! Und selbst wenn er ihn einlöste, so bliebe die Fälschung doch. Sie muß natürlich bestraft werden!«

»Wenn er ihn einlöst, so kannst Du Dich zufrieden geben, denn er hat es nur aus Angst gethan und ist zu entschuldigen. Ich habe noch mehr als Du Veranlassung, ihn anzuzeigen, denn mein Name ist es und nicht der Deinige, den er nachgemacht hat.«

»Und Du willst es etwa hingehen lassen?«

»Nein. Aber warten wir erst ab, ob er das Geld bezahlt.«

»Ich sage Dir noch einmal, daß er nicht fünfzehnhundert Pfennige hat, viel weniger so viele Mark! Ich war ja heute früh bei ihm!«


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»So! Habt Ihr von dem Wechsel geredet?«

»Ja. Er hatte mich ja gebeten, ihn nicht weiter zu geben.«

»Du, dann war es eine Dummheit, daß Du ihn genommen hast! War ich wirklich der Acceptant, so war kein Grund vorhanden, ihn in der Tasche herumzutragen. Deine Leichtgläubigkeit hat ihm die Sache erleichtert.«

»Grad weil ich ihm dieses Vertrauen geschenkt habe, bin ich doppelt erzürnt auf ihn. Ich will davon absehen, sofort auf die Polizei zu laufen. Ich gehe zu ihm und präsentire den Wechsel. Löst er ihn ein, so mag es gut sein. Hat er aber kein Geld, so zeige ich ihn an.«

»Wenn er es heut nicht hat, so wird er es übermorgen haben; er weiß ja, daß der Wechsel dann fällig ist.«

»Damit lasse ich mich nicht ein. Heut, gleich heut will ich mein Geld. Wenn ich bis übermorgen warte, ist er ausgerissen. Wer falsche Wechsel ausgiebt, setzt sich nicht so lange hin, bis sie fällig sind. Ich bin überzeugt, daß der Kerl davon läuft.«

»Hm, dieser Gedanke liegt freilich nahe!«

»Nicht wahr! Ich muß mich beeilen.«

»Mich sollte nur seine arme Familie dauern, die er im Stiche lassen wird. Und ebenso leid thut mir sein Vater, der Schließer, der schon so viel für ihn gethan hat und ihm nun nicht mehr helfen kann. Er ist ein Ehrenmann und scheint doch nicht das beste Brod zu essen zu haben droben im Schlosse. Der Kastellan ist ihm aufsässig.«

»Das geht mich Alles nichts an! Ich verlange mein Geld! Ich gehe sogleich zu ihm!«

Er stand wieder auf, trank sein Glas leer und schickte sich zum Gehen an, ohne dieses Mal von dem Andern zurückgehalten zu werden.

Da erhob der Agent sich von seinem Platze, trat herbei und sagte:

»Sie entschuldigen! Ich habe natürlich unfreiwilliger Weise Zeuge Ihrer Unterhaltung sein müssen und Alles gehört. Gehen Sie noch nicht fort. Ich möchte ein Wort zu dieser Angelegenheit sagen.«

»So? Was für eins denn?« fragte der Polizist mürrisch, indem er den Hut, den er bereits in der Hand hielt, wieder hinlegte.

»Bitte, setzen Sie sich! Was ich von Ihnen wünsche, können wir in aller Bequemlichkeit abmachen.«

Der Angeredete ließ sich wieder auf seinen Stuhl nieder. Der vermeintliche Getreidehändler machte eine Bewegung des Erstaunens und blickte dem Agenten in das Gesicht.

»Kennen mich die Herren vielleicht?« fragte dieser.

Beide schüttelten die Köpfe. Er fuhr also fort:

»Das thut auch gar nichts zur Sache. Nur möchte ich Ihnen mittheilen, daß ich diesen Bäcker Franke, von welchem Sie sprechen, kenne.«

»So? Ist er auch Ihnen schuldig?« fragte der Wechsel-Inhaber.

»Nein. Im Gegentheile bin ich ihm noch den Dank für eine Gefälligkeit schuldig, welche er vor längerer Zeit einem Verwandten von mir erwies.


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Darum muß mich das, was ich hier so ganz zufällig erfahre, im höchsten Grade interessiren. Ist der Wechsel wirklich gefälscht?«

»Ja. Es ist kein Zweifel.«

»Der Mann befindet sich also in einer so schlimmen Lage, daß er vor einer solchen That nicht zurückschreckt. Das hätte ich wissen sollen!«

»Wieso? Wäre es dadurch anders geworden?«

»Ja. Ich hätte ihn unterstützt.«

»Das können Sie ja jetzt noch thun!«

»Das möchte ich gar wohl; aber ich weiß nicht, ob ich es vermag.«

»Es ist ja wohl nicht schwer.«

»Hm! Fünfzehnhundert Mark, das ist doch wohl kein Pappenstiel!«

»Nein, besonders wenn man sie nicht hat.«

Er betrachtete bei diesen Worten den Agenten mit einem sehr ironischen Blicke. Dieser ärgerte sich darüber und erklärte:

»Was das betrifft, so hätte ich sie wohl; doch ist die Gefälligkeit, welche Franke meinem Verwandten erwies, nicht so bedeutend, daß man eine solche Summe dafür zahlen möchte. Und sodann fragt es sich, ob Sie den Wechsel aus der Hand geben würden.«

»Mit größtem Vergnügen sogar!«

»Und auf die Anzeige würden Sie verzichten?«

»Ja, vorausgesetzt, daß ich mein Geld bekäme.«

»Ganz vollständig werden Sie es wohl kaum erhalten.«

»Meinen Sie? Ich lasse keinen Pfennig nach!«

»Bedenken Sie, daß Sie gar nichts bekämen, wenn Sie Anzeige machten!«

»Dann habe ich wenigstens für mein Geld das Vergnügen, den Kerl im Zuchthause zu wissen!«

»Denken Sie so unchristlich?«

»Gehen Sie mir mit dem Christenthum! War es etwa christlich von ihm, den Wechsel zu fälschen? Wo der Geldbeutel anfängt, da hört bei mir das Christenthum auf. Verstehen Sie!«

»Na, na, ereifern Sie sich nicht so sehr! Ich will Ihnen den Wechsel abkaufen.«

»So? Abkaufen oder ihn einlösen?«

»Abkaufen.«

»Das heißt, Sie wollen von der Summe herunterhandeln?«

»Den ganzen Betrag bietet Ihnen Niemand.«

»Dann verkaufe ich ihn eben nicht.«

»Aber bedenken Sie, daß - -«

»Still, still!« unterbrach ihn der Andere in zornigem Tone. »Sie brauchen gar kein weiteres Wort zu verlieren. Ich will mein volles Geld oder gar nichts!«

»Seien Sie doch nicht so aufgeregt!«

»Was meinen Sie? Wenn es sich um anderthalbtausend Mark handelt,


Ende der achtundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Deutsche Herzen, deutsche Helden

Karl May - Leben und Werk