"Old Surehand"

Rene Grießbach
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"Old Surehand"

Beitrag von Rene Grießbach » 8.9.2012, 20:30

Wieder einmal mit der Triologie "Old Surehand" fertiggeworden, beschäftigen mich die selben Gedanken wie bei früherer Lektüre, die ich so bisher noch nie mitgeteilt hatte.
Und da ich denke, dass sie nicht so eins-zu-eins ins Themenfeld beispielsweise des Threads "Wabbles Bekehrung" passen, erlaube ich mir doch, noch mal einen neuen Thread zum Thema aufzumachen.

Beginnen will ich am Ende, naja, sagen wir - fast am Ende. Bei Wabbles Tod (nicht sein Sterben! - das ist ein anderes Thema)

Wie wir wissen, ist mit der Beerdigung Old Wabbles der Roman noch nicht abgeschlossen. Und trotzdem - bei jedem Lesen hatte ich bisher und auch heute wieder das Gefühl - mit diesen Zeilen ist der Roman zu Ende. Die ergreifende Szene von der Auffindung Wabbles in dem Baumstamm über seine Bekehrung, das angstvolle Beobachten der Beerdigung der Tramps, mit denen er zuletzt geritten war bis hin zum Abschied der Westmänner und Indianer von ihm als er verstorben ist und letztlich seine eigene Beerdigung - diese Seiten sind - um mich so auszudrücken - noch mit "Herzblut" niedergeschrieben worden.
Und finden ihr Ende - leider, möchte ich sagen - in einer von mir als geradezu zynisch empfundenen Formulierung Mays:
"Wir lagerten uns um sein vom Feuer beschienenes Grab und schliefen einen nicht so langen Schlaf wie er, nämlich nur bis zum nächsten Morgen..." (zitiert ausnahmsweise aus der WELTBILDausgabe, Seite 425, Hervorhebung von mir)

Die noch folgenden Seiten erscheinen mir nur noch wie ein Anhang, in dem die noch notwendigen Mitteilungen der Vollständigkeit halber nachgereicht werden. Der Zweikampf zwischen Schahko Matto und Thibaut, die Aufklärung der Ereignisse um die Familie Bender, an der sich Thibaut und Etters schuldig gemacht hatten. Schließlich die finale Verfolgungsjagd auf den General - diese Szenen vermögen den Leser nicht mehr zu fesseln. Hier gelingt es May m.E. leider nicht mehr, noch einmal sein erzählerisches Talent dermaßen in die Waagschale zu werfen, dass der Leser von dem Erzählten wirklich noch berührt wird.
Abgesehen davon, dass es nach meinem Empfinden an keiner Stelle gelungen ist, den General wirklich als den zentralen Schurken des Romans zu etablieren.

Die Editionsgeschichte des Romans wurde schon öfter puliziert und diskutiert und wenn Karl May erleichtert am Ende des Manuskripts seine Erleichterung, es abgeschlossen zu haben, mit einem dreifachen "Endlich" kommentiert, ist es wohl nachvollziehbar, dass es ihm ähnlich gegangen sein dürfte wie dem Leser.

Und so lässt es sich für mich festhalten, dass nach anfänglich anderen Plänen Mays mit seinem Titelhelden "Old Surehand" sein Interesse an dieser Figur rapide nachließ. Zugunsten Old Wabbles, der für mich die zentrale Figur des Romans immer war und ist. Wobei ich hier gleichzeitig betonen möchte, dass Wabble in meinen Augen trotz seiner Schlechtigkeiten, trotz seiner Mordanschläge auf Old Shatterhand nie den literarischen Charakter des Schurken annahm. Für mich vielmehr eine hochinteressant und mehrschichtig angelegte Charakterfigur. (übrigens interessiert mich persönlich hier nur die literarische Gestaltung - eventuell vorhandene und bereits andernorts diskutierte biografische Widerspiegelungen klammere ich hier bewusst aus)

Und sicher ist Wabble auch eine Auseinandersetzung Mays mit dem realen Wilden Westen, der durch Wild-West-Revues von Buffalo-Bill und anderen auch in Mays Heimat zur Entstehungszeit des Romans längst greifbar war.
Wofür die an Shatterhand gerichtete Aussage Wabbles "Er oder ich!Von uns zweien hat nur einer Platz auf der Erde ..." (Bd.3 , Weltildausgabe, Seite 218) für mich ein Indiz ist.
Dieses "Er oder ich" - es könnte auch für eine im Geist Karl Mays stattfindende Rivalität zwischen Buffalo Bill und Old Shatterhand stehen.

Und dazu passt auch - und damit höre ich erstmal mit meinen Gedankengängen auf - dass sich der "Ur-Wabble" in der Erstfassung von "Der erste Elk", die zu Beginn des ersten Surehand-Bandes als Binnenerzählung eines der Protagonisten in den Roman eingebaut ist, in der Grundstruktur noch gut ins Muster der bisherigen Originale Mays wie Sam Hawkens oder Dick Hammerdull einzuordnen scheint und sich erst realtiv langsam während des ersten Bandes in den "eigentlichen" Old Wabble, in die mehrschichtige Charakterfigur, verwandelt.

Die "Old Surehand" Triologie ist und bleibt für mich ein hervorragender Roman, den ich sicher nicht zum letzten mal gelesen haben werde.
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von rodger » 9.9.2012, 17:29

Na endlich mal wieder ein Lebenszeichen im Forum ...
Rene Grießbach hat geschrieben: Und finden ihr Ende - leider, möchte ich sagen - in einer von mir als geradezu zynisch empfundenen Formulierung Mays:
Als sonderlich zynisch empfinde ich das nicht. May neigt gelegentlich zu einer gewissen Hemdsärmeligkeit, auch an Stellen, bei denen es "ans Eingemachte" geht. Mir gefällt's.
Abgesehen davon, dass es nach meinem Empfinden an keiner Stelle gelungen ist, den General wirklich als den zentralen Schurken des Romans zu etablieren.
Der General hat etwas Schillerndes, Clowneskes. Das empfinde ich als reizvoll, da auch im realen Leben die "Schurken" durchaus nicht immer gleich als solche zu erkennen sind. [Auf Freilichtbühnen pflegen sie mit schwarzer Kleidung und Panzerknackerlachen auch für Tante Trude, Onkel Otto und den kleinen Fritz gleich als "Böse" erkennbar zu sein, im Leben und bei Karl May hingegen nicht.] :wink:
und wenn Karl May erleichtert am Ende des Manuskripts seine Erleichterung, es abgeschlossen zu haben, mit einem dreifachen "Endlich" kommentiert, ist es wohl nachvollziehbar, dass es ihm ähnlich gegangen sein dürfte wie dem Leser.
Insbesondere der dritte Band ist bei allem Reiz mühsam zu lesen, finde ich auch.
der "Ur-Wabble" [...] sich erst realtiv langsam während des ersten Bandes in den "eigentlichen" Old Wabble, in die mehrschichtige Charakterfigur, verwandelt.
Ich habe den Eindruck das hat May selber zu Beginn noch gar nicht gewußt, was aus Old Wabble im Verlauf des Romans werden sollte.

Die Figur des Old Wabble paßt insofern in die Erzählung vom ersten Elk, als es in der um das Thema Irrtum und Täuschung geht. Der erste Elk ist nicht der erste, und Old Wabble ist nicht der der er zu sein scheint.
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von Helmut » 10.9.2012, 12:26

"Old Surehand" ist eigentlich der Roman der sich wandelnden und sich ändernden Personen. Surehand bleibt nicht der, der er war, ebenso wie sein Halbbruder Apanatschka; Kolma Puschi wechselt sogar das Geschlecht (zur Freude von Arno Schmidt seinerzeit); Tibo Taka wird ein anderer, sogar die (mehr oder weniger) Nebenfigur Hammerdull ist nicht mehr der, der er einst in "Auf der See verloren" mal war; der anfangs so ausführlich geschilderte Sam Parker verschwindet in der Versenkung, und vieles mehr.
Falls da Karl May ursprünglich einen Plan für die Geschichte hatte, so ist sie (und der Plan) ihm wohl "gewaltig aus dem Ruder gelaufen". Und die "Auflösung" der Rätsel ist meiner Meinung nach eher ziemlich dürftig ausgefallen, so fehlt z.B. eine Erklärung für die so eindringlich geschilderte Ähnlichkeit von Kolma Puschi mit Winnetou. Aber das mindert (zum Glück) nicht im mindesten den Reiz des "Ganzen".

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Re: "Old Surehand"

Beitrag von rodger » 10.9.2012, 12:37

Helmut hat geschrieben: Kolma Puschi wechselt sogar das Geschlecht (zur Freude von Arno Schmidt seinerzeit)
und schreibt sich entsprechend auch schon mal Putschi (in der Überschrift zum zweiten Kapitel des dritten Bandes). Thunderstorm.
"Auf der See verloren"
Es handelt sich bei den Mayschen Figuren zwar in der Tat oft um Desperados im weiteren Sinne, aber die auf der See sind erstmal nur gefangen, noch nicht verloren. :mrgreen:
so fehlt z.B. eine Erklärung für die so eindringlich geschilderte Ähnlichkeit von Kolma Puschi mit Winnetou.
Das ist dieses geschlechtunabhängige besondere Faszinosum dieser Figuren, was als Ähnlichkeit daherkömmt ...
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von markus » 10.9.2012, 15:10

Hat jemand 'Bockwurscht' gerufen? Hab ich Bock drauf und werde von Zeit zu Zeit auch mal wieder meinen Senf dazu geben...

:D
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von markus » 10.9.2012, 15:11

Helmut hatte auf See seinen Faden verloren...kann ja mal passieren... :wink:
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von markus » 10.9.2012, 15:14

Auch Old Shatterhand macht eine Wandlung durch, vom Hauslehrer zum Westmann, vom Westmann zu Kara Ben Nemsi. Hadschi Halef Omar entwickelt sich vom kleinen Diener zu einem ebenbürtigen Begleiter Karas. Da gibt es noch einige in Mays Werk.
Rene Grießbach
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von Rene Grießbach » 10.9.2012, 17:11

markus hat geschrieben:Auch Old Shatterhand macht eine Wandlung durch, vom Hauslehrer zum Westmann, vom Westmann zu Kara Ben Nemsi. Hadschi Halef Omar entwickelt sich vom kleinen Diener zu einem ebenbürtigen Begleiter Karas. Da gibt es noch einige in Mays Werk.
Ist zwar auch nicht falsch, aber trotzdem kann man das hier nicht vergleichen.
Das eine ist die Wandlung der Figuren in einer langen Reihe von Jahren, das andere die Wandlung von Personen in einem Roman.
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rodger
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von rodger » 10.9.2012, 17:14

Wobei es vom Hauslehrer zum Westmann in wenigen Kapiteln geht. Weil der Westmann im konkreten Fall im Hauslehrer gleichsam schon vorhanden war.

:wink:
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Tobias K.
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von Tobias K. » 11.9.2012, 20:17

"Diese Beobachtungen zur Gesamtstruktur des Old Surehand machen deutlich, daß es gerade die Thematik der rückwärtsgewandten Spurensuche, die Thematik des Hinabsteigens in die Tiefen der Vergangenheit ist, die das verbindende, die verschiedenen Halndugsstränge zusammenhaltende Element des Romangeschehens darstellt. [...]
Leo Bender alias Old Surehand und die Geschichte seiner Familie stehen im Mittelpunkt der Fabel. Am Schicksal dieser Familie hat May die oben angesprochene Thematik der identitätsstiftenden Konfrontation mit der Vergangenheit und die Schwierigkeiten ihrer Bewältigung wesentlich detaillierter ausgearbeitet. [...]
Erst als Old Shatterhand dank seiner Kombinationsgabe - und einer Reihe glücklicher Zufälle - dem Familienschicksal der Benders langsam auf die Spur kommen und allen Familienmitgliedern ihre richtigen Namen zuweisen kann - und damit auch ihre bis dahin entstellte, gebrochene Identität wiederherstellt -, kommt es zur erneuten Zusammenführung der Familie, [...]
Schauen wir uns dagegen an, wodurch der Hauptteil des Romans bestimmt wird, so ist es nicht die Aufklärung - die bringt das Happy-End in knapper, aber um so wirkjungsvollerer Weise -, sondern die Suche. Fragen wir uns, was es denn ist, nach dem die Figuren des Romans suchen, so lautet die oberflächliche Antwort: ihre Familie und diejenigen, die das Unheil über sie brachten. Dahinter wird jedoch deutlich, daß es auch und vielleicht sogar vor allem ihre eigene Identität ist, die zu suchen sie sich auf den beschwerlichen Weg gemacht haben, eine Identität, die ihre Wurzeln in der Kindheit hat. [...]
Das Streben des Menschen, das Suchen und Ringen um Erkenntnis, um Identität und Selbstfindung, all das führt den Menschen schließlich zurück in seine eigene Vergangenheit, zu den Kindheits- und Jugenderlebnissen. Stellt er sich dieser Vergangenheit, akzeptiert er sie als Teil seines Ichs, so kommt er auch mit sich selbst ins Reine. Flieht er jedoch diese Konfrontation, so gelangt er nicht zur Ruhe, weil ihn die Suche nach der Identität immer weiter treibt.
Erst recht ist diese Suche dann notwendig, wenn die Vergangenheit des Menschen zur Störung, wenn nicht gar zur Zerstörung seiner Identität geführt hat. Sühne eigener Schuld, Befreiung von vermeintlicher Schuld, von den drückenden Lasten einer unglücklichen Vergangenheit: auch dies geschieht erst wenn man sich der notwendigen Aufarbeitung nicht verschließt."

[Joachim Biermann, Die Spur führt in die Vergangenheit. Überlegungen zur Thematik der Identitätssuche in Karl Mays 'Old Surehand', in: Dieter Sudhoff/Hartmut Vollmer (Hg.), Karl Mays 'Old Surehand', Paderborn 1995, 243-276.]
Das Beste was ich bisher über den Surehand gelesen habe - der mir lange Zeit der liebste nach dem Orientzyklus war... bis ich zum ersten Mal die unglaublich sperrige Satanund Ischariot-Trilogie las und zu ahnen begann, dass es dort noch vielmehr um Familie ging als im Surehand - nur verdeckter...
"So scheint mein Rohr besser zu sein als das Eurige, obgleich es viel kleiner ist."
[Der Schatz im Silbersee, 217.]

"Der Deutsche pflegt zwar albern, aber auch ehrlich zu sein."
[Der Sohn des Bärenjägers, 508.]
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von Tobias K. » 4.1.2020, 2:02

Ich häng mich hier nochmal dran, weil es letztlich um eine Szene aus Surehand III geht - auch wenn ich es genauso bei der Kolportage schreiben könnte, denn um die geht es auch:

Bis jetzt glaub ich, es selbst entdeckt zu haben, aber das weiß man bei so vielen Lesern natürlich nie. Aber:

Im 'Tal der Bären' soll Surehand vier Bären erlegen. Zudem soll er eine Indianerfrau heiraten.

Das riecht für mich verdächtig nach Münchmeyer.

Erste Assoziationsmomente:

Der gefangene Surehand soll seine Schuld "abarbeiten" - er hat zwei Indianer getötet und soll pro Person jetzt zwei Bären erlegen:
»Es bleibt bei dem, was über dich beschlossen worden ist. Wir geben dich morgen früh, sobald es Tag geworden ist, frei, um in das 'Thal der Bären' hinabzusteigen. Du bekommst dein Messer und dein Gewehr. Am Abend kommst du zurück und darfst am nächsten Morgen wieder gehen, um am Abend abermals hier einzutreffen. Hast du in diesen zwei Tagen vier Bären erlegt, deren Felle du bringst, so ist dir das Leben geschenkt.«
»Das Leben, aber nicht die Freiheit?«
»Nein. Die Freiheit bekommst du erst dann, wenn du mit uns reitest und eine unserer Töchter zur Squaw nimmst. Wir haben durch dich zwei tapfere Krieger verloren, und dafür sollst du ein Krieger unsers Stammes werden, wenn du nicht von den Bären aufgefressen wirst.«
»Darauf gehe ich nicht ein; das habe ich euch schon wiederholt gesagt.«
»Das wird sich finden. Wir werden dich zu zwingen wissen!«
»Pshaw! Old Surehand läßt sich nicht zwingen!«
[Karl Mays Werke: Old Surehand III. Karl Mays Werke, S. 57071 f. (vgl. KMW-IV.20, S. 389-390)]
Die Gefangenschaft Mays ist ein doppelte: Einerseits hat er sie im Gefängnis erlebt, wo er ebenfalls "Auftragsarbeiten" erfüllen musste, wenn er zum Beispiel Zigarren rollte, andererseits ist er aus dem Gefängnis direkt in die nächste "Gefangenschaft" bei Münchmeyer geraten.

An erster Stelle der Assoziationen steht die Sonderregelung für May: Eigentlich darf er bei der ersten Zusammenarbeit 1875 gar nicht zu Münchmeyer, da er zu dieser Zeit unter polizeilichen Auflagen steht, Dresden verlassen soll um nur in Ernstthal zu bleiben. Es gibt dann erst eine Sondergenehmigung - ab da darf er morgens zur Arbeit (ins "Bärental") und abends wieder zurück (ins "Ernst-tal" aka Ernstthal). An dieser Stelle auch der Hinweis, dass es in Dresden ja tatsächlich den "Bären-Zwinger" gibt - auch wenn der eigentlich nichts mit den Tieren zu tun hat. Aber es 'schillert', wie so oft bei May. (Bei Schiller wiederum im "Handschuh" finden sich zumindest vier Katzentiere, dabei zwei einzelne und ein Leopardenpaar. Die Aufgabe wird erfüllt, aber die Frau abgewiesen, der Dank "entwertet". :wink: )

Nach den vier erlegten Bären soll er seine Schuld abbezahlt haben, zugleich aber im Stamm bleiben und eine Indianerfrau heiraten. May wiederum sollte die Schwägerin von Münchmeyer heiraten, "läßt sich nicht zwingen" und flieht aus der von ihm empfundenen Zwangslage.
Wir warten hier, ob du vier Felle bringst, für den 'jungen Bären' zwei und für den 'alten Bären' zwei. Kommst du lebend, ohne sie zu bringen, so wirst du erschossen; kommst du nicht, so bist du tot,
[Karl Mays Werke: Old Surehand III. Karl Mays Werke, S. 57073 (vgl. KMW-IV.20, S. 390-391)]
Der äußere Zwang dürfte ja schon der gewesen sein, dass Mays Existenz auf dem Spiel stand: Münchmeyer bot ihm sichere, halbwegs gut bezahlte Arbeit an, an anderer Stelle wäre ihm das als Zuchthäusler wohl schwer gefallen, eine solche zu bekommen. Somit MUSS er arbeiten, muss er liefern, vor allem muss er sich dem Zwang vorerst beugen.
Wie hast du es angefangen, vier Bären zu finden?«
»Ich habe Augen!«
»Und sie zu erlegen?«
»Ich habe ein Gewehr und ein Messer!«
»Und die schweren Felle hier heraufzutragen?«
»Ich habe Schultern und Arme!«
[Karl Mays Werke: Old Surehand III. Karl Mays Werke, S. 57141 (vgl. KMW-IV.20, S. 444-445)]
Schönes Detail - sei es nun Zufall oder grade nicht: porter à col = auf den Schultern tragen, und darum heißt es Kolportage. ( Cole Porter gefällt das... )
Da sagte Winnetou:
»Der Häuptling der Capote-Utahs will nicht einsehen, wer hier zu befehlen und wer zu gehorchen hat. Was sind das für Riemen, welche ich hier zu den Füßen meines Bruders Surehand liegen sehe?«
»Es sind die, mit denen ich bis heut früh gefesselt war,« antwortete der Genannte.
»Heb sie auf und binde damit Tusahga Saritsch die Arme und die Füße!«
[Karl Mays Werke: Old Surehand III. Karl Mays Werke, S. 57148 (vgl. KMW-IV.20, S. 449-450)]
und kurz darauf:
»Eigentlich haben diese Indianer einen Denkzettel verdient, denn es ist nicht angenehm, mehrere Tage lang als Gefangener umhergeschleppt zu werden. Daß ich ihnen zwei Leute erschossen habe, dürfen sie mir nicht anrechnen, weil ich mich meines Lebens wehren mußte; also wäre ich jetzt eigentlich noch nicht quitt mit ihnen, sondern hätte einen Betrag heraus zu bekommen; aber da sie die Ursache sind, daß ich euch hier getroffen habe, will ich meine Rechnung durchstreichen und dareinstimmen, daß sie morgen ihre Wege ziehen können. Die Bärenfelle aber bekommen sie natürlich nicht!«
[Karl Mays Werke: Old Surehand III. Karl Mays Werke, S. 57150 (vgl. KMW-IV.20, S. 451-452)]
Wichtig: May schreibt Surehand III 1896, Münchmeyer ist seit 1892 tot - erst 1898 schreibt May der Witwe, dass er den Verlag verklagen will (aber nicht sie persönlich). Hat er das so lange vor sich hergeschoben, weil seine Arbeit für Münchmeyer mit seinen ersten Erfolgen mit seinen großen Helden zusammenfiel, und er ohne Münchmeyer vor der Kolportage auch nicht geworden wäre, wer er war?

Finale Beobachtung und Fragen:

Spannend die Diskrepanz zwischen Kriegsname und Story-Wirklichkeit: Die sichere Hand (ein schöner Name für einen Schriftsteller) erlegt die Bären eben nicht selber - das hätte er vielleicht gekonnt, aber nicht so schnell - er erhält Hilfe.

Fragt sich: Von wem kommt die Hilfe?
1. a) Ist sie wirklich "extern", weil er sich wie ein Rabe bei anderen Autoren bedient hätte,
1. b) oder weil z.B. gar (ich bezweifle das eher) Emma auch geschrieben hätte?
2. Oder ist die Hilfe von Shatterhand, Winnetou und Gefährten eher "literarisch"?
2. a) Weil er einzelne Szenen aus ihren Abenteuern auch in der Kolportage verwendete,
2. b) vor allem aber die Erfindung der Figuren ihn beflügelte und letztlich von Münchmeyer unabhängig machte?

Und am Schluß fragt sich doch: Wofür stehen die vier Bären nun genau?
a) Erste Assoziation waren die Kolportageromane - aber das haut hinten und vorne nicht hin, zumal es ja eher dreieinhalb Bären sind, weil eines davon ein Junges ist - zugleich sind es 5 Bände Kolportage.
b) (Wäre ich der uneheliche Sohn von Arno Schmidt und Walter Ilmer würde ich vermuten: Es ging nicht um Texte, sondern um Frauen - vier in einer Nacht - die May Münchmeyer vermittelt (der ja untreu gewesen sein soll) - und das noch im Bärenzwinger! Aber das wäre Eisegese statt Exegese. :wink: )
c) Oder sollte gar der "Venustempel", mit dem ja alles begann, hier die Verknüpfung darstellen? Aber der hatte drei Abteilungen, statt vier... Immerhin aber vermutet man, den ersten Theil hätte May alleine verantwortet (wie Surehand einen Bären selber erlegte), während er die anderen nur redigierte und verbesserte...)

Was meint ihr? Zur These - und ggfs. den vier Bären? ;)
"So scheint mein Rohr besser zu sein als das Eurige, obgleich es viel kleiner ist."
[Der Schatz im Silbersee, 217.]

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Re: "Old Surehand"

Beitrag von rodger » 4.1.2020, 14:05

tragophil hat geschrieben:
4.1.2020, 2:02
das haut hinten und vorne nicht hin

Wäre ich der uneheliche Sohn von Arno Schmidt und Walter Ilmer
Das auch nicht ... :roll:

(Verzeihung)
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von Tobias K. » 4.1.2020, 16:04

rodger hat geschrieben:
4.1.2020, 14:05
tragophil hat geschrieben:
4.1.2020, 2:02
das haut hinten und vorne nicht hin

Wäre ich der uneheliche Sohn von Arno Schmidt und Walter Ilmer
Das auch nicht ... :roll:

(Verzeihung)
Da wär ich bei der Entwicklung der Medizin nicht so ganz sicher... Zudem: Wie heißt es bei Douglas Adams: "Es gab einen Unfall mit einem Kondom und einer Zeitmaschine." :mrgreen:
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von rodger » 4.1.2020, 16:07

Was nun die Bären in OS III betrifft, sind sie mir weder aufgefallen noch im Gedächtnis geblieben, habe gerade einmal nachgeschaut, ob ich seinerzeit irgendetwas dazu notiert habe, und fand nur dies: "Ausführlich geschildert geht’s auf Bärenjagd, das wirkt in diesem Buch, in dem es zunehmend um weltanschauliche Dinge geht, schon geradezu fremdkörperhaft."
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Re: "Old Surehand"

Beitrag von Nina Krause » 6.1.2020, 19:14

Ich bin immer wieder erstaunt was ihr so in Mays Werke reininterpretieren könnt. Ich lese solche Szenen wie die 4 Bären und sehe sie als ein Abenteuer innerhalb eines Abenteuerromans der mir beim lesen Freude bereitet. Also nichts wo ich noch eine zweite Bedeutungsebene suche.Naja,Jeder liest und beschäftigt sich halt anders mit Karl May.
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