Karl May richtig lesen

Ramnicul

Beitrag von Ramnicul » 3.8.2005, 18:59

K.A. hat geschrieben: (...)Der anhaltende Erfolg der Ausgaben des KMV dokumentieren eindrucksvoll, dass die Verlagsphilosophie des KMV richtig ist. :lol:
Nahja, die Bamberger Ausgabe ist zur Zeit aber eben auch die einzige, welche im Buchhandel erhältlich ist.
Erst wer sich auf den mühsamen Weg des Recherchierens begibt, stößt dann irgendwann mal auf den Weltbild- Verlag, bei dem man die Werke abonnieren muss und später vielleicht mal auf den Online- Shop der KM Stiftung, wo er dann auch noch die HKAs erblickt.
Auf den Seiten des KMV ist der Weg zu den Reprints auch nicht wirklich auffällig und deren Preis gegenüber den GW werden wohl zunächst eher abschreckend wirken.
K.A. hat geschrieben: Natürlich, Ramnicul, eine gewisser Kreis hartnäckister Textpuristen lassen das nicht gelten, aber wie schon Prof. Dr. Claus Roxin so treffend sagte, hat heute jeder, der Karl May im unbearbeiteten Text lesen will, jederzeit den Zugriff darauf. :D :D
Wobei das lesen von CD oder mit einem Palm auch nicht unbedingt komfortabel zu nennen ist.
K.A. hat geschrieben:(...)dass die Radebeuler bzw. Bamberger Ausgaben die originalen Werke Karl Mays sind, da im Sinne des "Phantasten aus Sachsen" bearbeitet.
Ehrlich gesagt, ist das der Standpunkt, dem ich mich immer mehr annähere.
Zur Zeit lese ich Winnetou I sowohl als Bamberger Ausgabe, als auch als Weltbild- Edition.
Klar gibt es Kürzungen, Bearbeitungen und Modernisierungen. Allerdings sind diejenigen, die mir auffielen immer zum Vorteil der Geschichte. Ich habe da so einige Beispiele, die hier jedoch jetzt den Rahmen sprengen. OK, Winnetou gehört noch zu den ersten 33 Bänden, bei denen die Bearbeitungen sich in Grenzen halten sollen. Dennoch, bisher gefällt mir die Bamberger Ausgabe deutlich besser, als das illustrierte Weltbild- Exemplar.
K.A.

Beitrag von K.A. » 3.8.2005, 19:42

Hallo Ramnicul,

da sind wir beide mit unseren Meinungen ja auf gleichem Weg.

Als Prof. Dr. Roxin auf die Zugänglichkeit der Originaltexte Karl Mays verwies, gab es noch keine CD mit Karl-May-Texten. Aber damals wie heute, konnte man schon alle Werke Mays im Originaltext lesen, wer dies immer wollte.

Mögen also die Textpuristen ihren Originaltext Karl Mays mit all seinen stilistischen Unzulänglichkeiten - und nicht nur das - lesen, für mich sind die "grünen Bände" Originaltext genug. :lol: :wink:

Viele Grüße
Kurt

P.S. Bedenke, Ramnicul, dieses Forum ist die Plattform der Textpuristen. :lol: :lol: :wink:
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giesbert
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Beitrag von giesbert » 3.8.2005, 19:51

Ramnicul hat geschrieben:OK, Winnetou gehört noch zu den ersten 33 Bänden, bei denen die Bearbeitungen sich in Grenzen halten sollen.
Tun sie nicht.

Ein Beispiel. Zuerst Karl May O-Ton:
Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er
mir kaum bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn,
daß man hätte behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt
zwischen den Löschpapierblättern eines Herbariums in
fortwährender Pressung gelegen. Dabei verschwand sein Gesichtchen
vollständig unter einem Turban, der drei volle Fuß im Durchmesser
hatte, und sein einst weiß gewesener Burnus, welcher jetzt in
allen möglichen Fett- und Schmutznuancen schimmerte, war
jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt worden, so daß
er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen wollte,
empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz dieser
äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben.
Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit
und eine Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden
ließ. Und da er auch außerdem alle Dialekte sprach, welche
zwischen dem Wohnsitze der Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen
erklingen, so kann man sich denken, daß er meine vollste
Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund denn als
Diener behandelte.
Und jetzt der Bamberger Sound:
Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er
mir kaum bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn,
daß man hätte behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt
zwischen Löschpapierblättern eines Herbariums gelegen. Dabei
verschwand sein Gesichtchen fast völlig unter einem Turban, der
gut einen halben Meter im Durchmesser hatte, und sein einst weiß
gewesener Burnus war jedenfalls für einen weit größeren Mann
gefertigt worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferd stieg und
gehen wollte, empornehmen mußte, wie eine Dame ihr Reitkleid.
Aber trotz dieser äußerlichen Unansehnlichkeit mußte man alle
Achtung vor dem Kleinen haben. Er besaß einen ungewöhnlichen
Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine Ausdauer, die ihn
selbst die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er
außerdem alle Mundarten sprach, die zwischen dem Wohnsitz der
Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich
denken, daß er meine volle Zufriedenheit besaß und daß ich ihn
mehr als Freund denn als Diener behandelte.

Neben den diversen kleineren Eingriffen fällt hier vor allem auf, dass Halef keinen in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen schimmernden Burnus mehr trägt. Auch der Turban wurde verkleinert, "drei volle Fuß" waren in Sachsen fast 1 Meter, nicht "gut ein halber Meter". (Vgl. den entsprechenden Eintrag in der Wikipedia.)

Und das ist ein kleines Beispiel für "kaum bearbeitet". Derartige Eingriffe finden sich auf praktisch jeder Seite.
K.A.

Beitrag von K.A. » 3.8.2005, 20:17

Das schöne Beispiel von Giesbert zeigt, dass die Bearbeitungen nicht so gravierend und dramatisch sind, wie in diesem Forum oftmals an anderer Stelle geschildert.
Waukel
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Beitrag von Waukel » 3.8.2005, 21:00

Hallo zusammen,

also ich muss zugeben, dass ich mich um Bearbeitungen auch noch nicht so besonders geschert habe, aber wenn ich das jetzt so lese, dann gefällt mir die erste Variante schon rein sprachlich besser.
Und: Das ist ja wohl ein Unterschied, ein Turban von knapp einem halben Meter oder nur ein schlappes halbes Meterchen!! -:))

Gruß
wa/sy
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Beitrag von giesbert » 3.8.2005, 21:00

K.A. hat geschrieben:Das schöne Beispiel von Giesbert zeigt, dass die Bearbeitungen nicht so gravierend und dramatisch sind, wie in diesem Forum oftmals an anderer Stelle geschildert.
Nur damit da keine Missverständnisse aufkommen: Ich halte diese Eingriffe -- die es, wohlgemerkt, auf praktisch jeder Seite gibt -- sehr wohl für "gravierend".
K.A.

Beitrag von K.A. » 3.8.2005, 21:23

Aber die breite Lesermasse, Giesbert, interessieren die Bearbeitungen der "Gesammelten Werke" des KMV ebensowenig, wie die Werktreue der Aufführungen bei den Karl-May-Spiele in Bad Segeberg. :lol:

Ausser den etwa 1800 Mitglieder der Karl-May-Gesellschaft interessiert das Thema Bearbeitungen kaum und die meissten Menschen lesen Karl May je nachdem, welche Ausgabe ihnen vor Nase und Augen kommt. :roll:
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Beitrag von giesbert » 3.8.2005, 23:36

ein Spitzenargument.

Und damit wollen wir's gut sein lassen.
Dernen
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Beitrag von Dernen » 4.8.2005, 0:07

giesbert hat geschrieben:ein Spitzenargument.

Und damit wollen wir's gut sein lassen.
Weise Worte. Ich habe sowieso den Eindruck, hier findet eine Scheindiskussion statt.

Grüße

Rolf
K.A.

Beitrag von K.A. » 4.8.2005, 11:25

Scheindiskussion?

Soll heißen, Ramnicul ist K.A. und K.A. ist Ramnicul?

Meine Güte, da geht ja die Fantasie des Grandseigneur der Karl-May-Szene mal wieder mächtig durch.:roll: :lol:
karmaqueen
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Beitrag von karmaqueen » 4.8.2005, 14:10

hätte er dann nicht eher "selbstgespräch" geschrieben?
Ramnicul

Beitrag von Ramnicul » 4.8.2005, 15:59

giesbert hat geschrieben:
K.A. hat geschrieben:Das schöne Beispiel von Giesbert zeigt, dass die Bearbeitungen nicht so gravierend und dramatisch sind, wie in diesem Forum oftmals an anderer Stelle geschildert.
Nur damit da keine Missverständnisse aufkommen: Ich halte diese Eingriffe -- die es, wohlgemerkt, auf praktisch jeder Seite gibt -- sehr wohl für "gravierend".
Nun, hier haben wir dann die Quintessenz des Puristenlagers.
Folglich müste auch der Punkt bestritten werden, dass Karl May selbst von der notwendigen Überarbeitung seiner Werke überzeugt war.
Diese Überarbeitung (Stichwort: letzter Hand) fand jedoch leider nicht mehr statt. Folglich liegen die Werke Mays in einer Fassung vor, die selbst er als ungenügend und verbesserungwürdig ansah.
Natürlich wäre es schöner gewesen, er selbst hätte diesen Schliff seines Diamanten vornehmen können, doch das hat nicht sollen sein.
Der KMV (Dr. Schmid) beruft sich nun auf seine Gespräche mit May, von denen es nun aber leider keinerlei beweiskräftige Aufzeichnungen gibt, und nimmt selbst diese- angeblich vom Mayster autorisierten- Änderungen vor. Das Ergebnis war von vornherein anfechtbar.
Hier liegt denn auch der eigentliche Knackpunkt!
Doch für mich bleibt nach wie vor die Frage bestehen, wie authentisch denn nun wircklich die Münchmeyer- Romane (wohlgemerkt in der HKA) sind, von denen May selbst sagt, dass sie mit seinem Einverständnis von fremder Hand lektoriert wurden. Er selbst befand sich in einer Phase seines Schaffens, welche Korrekturarbeiten nicht zugelassen hätte.
Nun sind also sowohl seine Kolportage- Romane, mit seinem Stillschweigen, als auch seine Reise- und Jugenderzählungen, aufgrund seines Todes, nachhaltig bearbeitet worden. In all diesen Fällen war May nicht beweisbar daran beteiligt.
Wie sieht nun der einzig wahre und orginale May aus und wie schwer wiegt Mays Absicht, dass seine Werke einer Verbesserung bedürfen, die er selbst nicht mehr vornehmen konnte?
Auch sein Verhältnis zu Dr. E. A. Schmid wird häufig so ausgelegt, das letzterer- und seine legitimen Nachfolger- Mays Werk lediglich vergewaltigt haben.
Es bleibt wohl für immer eine Streitfrage, ob das Werk eines Autors nach seinem Tod von anderen bearbeitet werden darf.
Hieraus ergibt sich denn auch eine Antwort auf meine eingangs gestellte Frage, wie man Karl May denn richtig lesen sollte.
Die Antwort lautet, dass man ihn nicht richtig lesen kann. Man kann und sollte ihn einfach lesen. Die Frage der passenden Edition bleibt dabei letztlich belanglos und eine Sache individueller Gesichtspunkte, die jeder für sich selbst beantworten muss.
Zuletzt geändert von Ramnicul am 4.8.2005, 16:07, insgesamt 3-mal geändert.
Ramnicul

Beitrag von Ramnicul » 4.8.2005, 16:03

K.A. hat geschrieben:Scheindiskussion?

Soll heißen, Ramnicul ist K.A. und K.A. ist Ramnicul?

Meine Güte, da geht ja die Fantasie des Grandseigneur der Karl-May-Szene mal wieder mächtig durch.:roll: :lol:
Sorry, aber es ist durchaus möglich, dass- selbst in diesem Forum- zwei User nicht der Meinung sein könnten, dass man Karl May nur auf die Art lesen kann, wie sie überwiegend propagiert wird. :roll:
K.A.

Beitrag von K.A. » 4.8.2005, 16:23

Hallo Ramnicul,

nun, zwischen den Bearbeitungen der Reise- und Jugenderzählungen Karl Mays und den Kolportageromane des "Phantasten aus Sachsen" gibt es für mich schon sehr große Unterschiede.

Während für mich die Bearbeitungen der Reise- und Jugenderzählungen des Autors durch den KMV durchaus akzeptiert werden können und mit meinen Augen gesehen nicht so gravierend sind, so vertrete ich ich aber die Auffassung, dass die fünf Kolportageromane Mays vom KMV doch regelrecht vergewaltigt wurden. Da muß man wirklich sehr, sehr differenzieren, Ramnicul.

Die Bearbeitungen der Kolportageromane Mays durch Staberov für den Münchmeyer-Verlag vor gut 100 Jahren sind wiederum eine gänzlich andere Geschichte und bedürfen einer gesonderten Diskussion.

Viele Grüße
Kurt
Thomas Schwettmann

Beitrag von Thomas Schwettmann » 4.8.2005, 16:55

Märchen gehören eigentlich in Märchenbücher.

Karl May hat sich - jedenfalls soweit mir bekannt - nie geäußert, daß die 33 Fehsenfeldbände einer Bearbeitung bedürfen, wobei er natürlich selber ein paar Jahre vor seinem Tode in der illustrierten Ausgabe noch Korrekturen (insb. zum Erscheinungsbild Marah Durimehs sowie die Hinzufügung der zweiten 'Ave Maria'-Strophe) angebracht hat. Drastische Veränderungen wie die Umwandlung von "Old Surehand II" in "Kapitän Kaiman", von "Winnetou IV" in die "Winnetous Erben"-Version mit Hammerdull+Holbers, von demAustausch den Eisenbahnüberfalls in den Fortüberfall in "Winnetou II" aber auch derartige kleinen Abänderungen wie sie Giesbert anhand der Beschreibung von Hadschi Halef Omar aufgezeigt hat, sind in keinster Weise von May jemals gewünscht worden.

Die Einkürzungen der Jugendromane - vorallem auch aufgrund der Beschränkungen, den der Textumfang der "Gesammelten" auferlegt, sind von May durchaus angesprochen, dabei ging es aber um Kürzungen, wie May sie exemplarisch schon für die Buchausgabe von "Der Sohn des Bärenjägers" vollzog, aber keineswegs um eine vollständige sprachliche Überarbeitung des gesamten Textes nebst Verhängung von "Todesstrafen"für einige Schurken.

Fest steht nur, daß May seine Kolportageromane weder in Form der Münchmeyer- noch der gemäßigteren Fischer-Ausgaben veröffentlicht sehen wollte, ob die KMV-Bearbeitungen dann freilich "im Sinne" Mays ausfielen, kann man auch nur vermuten, der rege Schriftverkehr der Bearbeiter, wie man denn nun die Texte zu bearbeiteten hätte, zeigt jedenfalls überdeutlich, daß May eben keine konkreten Hinweise dazu hinterlassen hat.

Jeder ist natürlich so frei, sich aus den unterschiedlichen KMV-Bearbeitungsversionen diejenigen herauszupicken, die ihm den meisten Lesespaß bereiten, und die er infolgedessen für besser als Mays ursprügliche Texte hält, nur sollte man - quasi als Entschuldigung - nicht auch noch immer unsinnigerweise behaupten, diese Bearbeitungen seien sozusagen immer im Sinne Mays entstanden.
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