Leserunde: "Weihnacht!"

sciurus
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Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von sciurus » 21.12.2009, 20:27

Leserunde über "Weihnacht!" von Karl May

markus liest die Weltbild-Ausgabe von "Weihnacht!", die im Bereich der Rechtschreibung überarbeitet wurde, ich lese "Weihnacht im Wilden Westen", die Taschenbuchausgabe des Carl-Ueberreuter-Verlags Wien-Heidelberg, bezeichnet als "ungekürzt".
Zuletzt geändert von sciurus am 21.12.2009, 21:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 21.12.2009, 20:36

Die Weltbild-Ausgabe ist nicht "v.a.", sondern ausschließlich im Bereich der Rechtschreibung überarbeitet, und das auch nur in Fällen wie vielleicht "Tür" statt "Thür" oder "Tier" statt "Thier" usw., wobei ich mir nicht einmal da sicher bin (muß ich zuhause nachgucken.) Jedenfalls so abstruse Dinge wie die seit einigen Jahren existente und meinerseits nebenbei bemerkt völlig ignorierte "neue Rechtschreibung" blieben gottlob unberücksichtigt.

(Nachtrag: Dieser Absatz bezog sich auf eine Formulierung im Beitrag davor, die dort mittlerweile nicht mehr enthalten ist.)

Das famose "ungekürzt" bezieht sich auf den Grünen Band, also darauf, daß die Taschenbuchausgabe gegenüber dem im Grünen Band abgedruckten Text nicht gekürzt ist bzw. war (sie ist nicht mehr auf dem Markt).
Zuletzt geändert von rodger am 23.12.2009, 10:20, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von sciurus » 21.12.2009, 20:56

Ich dachte mir halt, dass noch ganz alte Wörter ausgetauscht worden sind. Stimmt nicht?
(Solche Sachen sollten doch in den anderen Thread.)
Ok, danke für die Erklärung. :)
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von markus » 22.12.2009, 1:44

Erstes Statement: Carpio hat eine schusselige Schwester. Was es aber umso interessanter macht, als daß es sich um eines dieser typischen "running gags" handelt, von denen es viele ähnliche im Werk Mays gibt.

Später mehr. Gute nacht :wink: .
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 22.12.2009, 12:36

markus hat geschrieben:Carpio hat eine schusselige Schwester.
Und die ist er selbst, wie sich herausstellt ... Will sagen, die Schusseligkeit, das ist seine eigene, auf sie projiziert. In dem Fall ganz ohne Gleichnis und Interpretation, sondern das steht ja Schwarz auf Weiß im Text (wie übrigens auch in Sachen Old Firehand, also das neulich, daß es sich eben bei gewissen Beobachtungen nicht um Interpretationen handelt sondern um Dinge die unzweideutig im Text stehen). Da (jetzt sind wir wieder bei Carpio und dessen Schwester) haben wir dann das Thema Projizieren eigener Anteile nach Außen in augenzwinkernder Form (seitens des Autors. Seitens Carpio unbewußt.)

(Carpio soll, einem ungeschriebenen Sequel zufolge, übrigens seinerzeit einen Schulaufsatz mit dem Titel „Frau Lachner tut konzentriert“ geschrieben haben ...)

:lol:

(Dem Lehrerkollegium hat das gefallen. Die sahen nur, daß die arme Schwester in der Tat vielleicht nicht immer die konzentrierteste war, ihre Meriten, die sahen sie [für den Moment oder in dem Zusammenhang] nicht, und auch nicht, daß es einem Carpio eigentlich nicht zustünde, sich so zu äußern, es sich auf solch recht plump wirkende Weise so einfach zu machen mit dem Herabsetzen und Sich-überlegen-dünken-wollen ... aber bevor ich jetzt noch anfange darüber nachzudenken bzw. aufzuschreiben daß solch Tun natürlich auch wiederum verständlich ist, weil die Carpios sich halt auch irgendwie schützen und etwas für ihr Selbstwertgefühl tun müssen, und daß das allerdings beim einen deutlicher wird als beim andern und insofern das entsprechende Verständnis schon mal unterschiedlich leicht oder schwer fallen kann, halte ich lieber allmählich ein, es wird sonst vormittagfüllend ... aber eins eben noch: der Carpio des Sequels war übrigens ein anderer als der des Originals. Der Carpio des Sequels war tatsächlich konzentrierter als seine Schwester und hatte mit seiner Überschrift prinzipiell nicht Unrecht, hatte sie nur für ein ganz unpassendes Beispiel angewandt. Darüberhinaus zeugt es nicht von eigener Größe & Noblesse, gewisse Schwächen eines / einer anderen in einer Überschrift plakativ herauszustellen ...)

Zurück zur Leserunde.

Dieser erste Satz ... Bei May steht (nach „Weihnacht!“): „Welch ein liebes, liebes, inhaltsreiches Wort!“. In der Bearbeitung steht: „Welch liebes, inhaltsreiches Wort“. Bumm.

Wenn ich an so exponierter Stelle (Romananfang) sehe, daß ein Autor ein Wort zweimal hintereinander schreibt, dann werde ich aufmerksam, dann wird er sich doch wohl etwas dabei gedacht haben, oder auch, etwas empfunden haben was ihn dazu veranlaßt hat ... Und wir wissen ja, daß May mit Weihnachten so seine „liebe Not“ hatte, wie wir vielleicht mehr oder weniger alle, aber er halt besonders ... Verhaftung, Weggeschicktwerden, Weihnachten in der Zelle ... wer weiß was der Traumata noch mehr waren. Und daß dann einer dennoch ein Gegengewicht setzt und die Angelegenheit mit „liebes, liebes“ bezeichnet, ist doch interessant ... Nun könnte man interpretieren, er versucht, sich wider besseres Wissen sozusagen die Welt schönzuschreiben, das hat er gelegentlich sicher auch schon mal getan, in diesem Fall bin ich aber der Meinung, daß etwas anderes dahintersteckt: sie (Behörden, Polizei, Eltern, „Freunde“ und Bekannte, Partner, wer immer ...) können einem unter Umständen dieses Fest nach Kräften kaputtmachen (man selber natürlich auch, na klar), indes, es gelingt ihnen letzten Endes nicht wirklich, eben nur „nach Kräften“, aber da bleibt halt eine Substanz, die stärker ist ... und ein gewisses Geborgenheitsgefühl ist auch stärker als Eis, Schnee, Kälte, Einsamkeit und sonstnochwas, wie sich später in Form des „Heißen Wassers“ da oben in der Unwirtlichkeit zeigt ... (Das alles ist natürlich vom Datum 24. Dezember eigentlich völlig unabhängig, auch wenn May offenbar Wert legt auf diese Formalität, vielleicht auch der Einfachheit halber ...)

Das war jetzt Interpretation, sischer datt, das in Sachen Old Firehand neulich nicht, s.o.

Bei Mays Satz denk’ ich halt an sowas, bei der Formulierung der Bearbeitung eher an Omas Plätzchen und Kaffee und Kuchen. Aber das ist ja auch was Nettes, und insofern eine Alternative.

:lol:

(Falls die Sache mit besagtem Satz als übertrieben empfunden wird: Übertreiben (oder als Übertrieben empfundenes ...) veranschaulicht (Oder auch nicht ...))
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von sciurus » 22.12.2009, 16:40

rodger hat geschrieben: Dieser erste Satz ... Bei May steht (nach „Weihnacht!“): „Welch ein liebes, liebes, inhaltsreiches Wort!“. In der Bearbeitung steht: „Welch liebes, inhaltsreiches Wort“. Bumm.
Wenn ich an so exponierter Stelle (Romananfang) sehe, daß ein Autor ein Wort zweimal hintereinander schreibt, dann werde ich aufmerksam, dann wird er sich doch wohl etwas dabei gedacht haben, oder auch, etwas empfunden haben was ihn dazu veranlaßt hat ... Und wir wissen ja, daß May mit Weihnachten so seine „liebe Not“ hatte, wie wir vielleicht mehr oder weniger alle, aber er halt besonders ... Verhaftung, Weggeschicktwerden, Weihnachten in der Zelle ... wer weiß was der Traumata noch mehr waren. Und daß dann einer dennoch ein Gegengewicht setzt und die Angelegenheit mit „liebes, liebes“ bezeichnet, ist doch interessant ... Nun könnte man interpretieren, er versucht, sich wider besseres Wissen sozusagen die Welt schönzuschreiben, das hat er gelegentlich sicher auch schon mal getan, in diesem Fall bin ich aber der Meinung, daß etwas anderes dahintersteckt: sie (Behörden, Polizei, Eltern, „Freunde“ und Bekannte, Partner, wer immer ...) können einem unter Umständen dieses Fest nach Kräften kaputtmachen (man selber natürlich auch, na klar), indes, es gelingt ihnen letzten Endes nicht wirklich, eben nur „nach Kräften“, aber da bleibt halt eine Substanz, die stärker ist ...
Also, May war ja offensichtlich überzeugter Christ. Ich bin das auch (was nicht heißt, dass ich nicht an manchen (aber wenigen) Stellen, in der er über den Glauben schreibt, gezögert und den Kopf geschüttelt hätte) und ich kenne auch viele andere. Ich habe zwar nicht das, was Karl May so durchmachen musste, auch erlebt, aber ich bin mir ganz sicher, dass, wenn es so wäre, Weihnachten an sich für mich (und andere) immer noch etwas anderes wäre, das mit "der Welt da draußen", also auch mit Gefängnissen, Verhaftungen, anderen Dingen, die am 24. Dezember passierten usw. nicht viel zu tun hat. Ich denke, die Substanz war sein Glaube. Sonst hätte er kaum selbst gesagt, dass er sich daran festgehalten hat und ihn so überzeugt verfechtet, oder?
(Falls die Sache mit besagtem Satz als übertrieben empfunden wird: Übertreiben (oder als Übertrieben empfundenes ...) veranschaulicht (Oder auch nicht ...))
[/quote]
Nee, gar nicht. (Also von mir halt. :mrgreen: ) Und ich sehe das auch so.
Die Dialoge mit Carpio finde ich größtenteil echt lustig, aber teileise wird es für meinen Geschmack schon zu stark, z.B. als er seinen Pass anzündet.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 22.12.2009, 17:02

sciurus hat geschrieben:Weihnachten an sich für mich (und andere) immer noch etwas anderes wäre, das mit "der Welt da draußen", also auch mit Gefängnissen, Verhaftungen, anderen Dingen, die am 24. Dezember passierten usw. nicht viel zu tun hat.
Warum denn dieses ? Das ist ja gerade der „Witz“, drei wesentliche Weihnachtsfeste in Karl Mays Werk finden statt: a.) im Gefängnis (im „Waldröschen“) b.) in der Einsamkeit in Eis und Schnee mit einem Sterbenden und c.) bei den Aussätzigen in der gleichnamigen Erzählung.

Also nicht etwa böse Welt da draußen außen vor, gemütliches Weihnachten in Saus und Braus hier, sondern Erleben der (ja wie nennen wir das Kind beim Namen, Heilserfahrung ?) inmitten scheinbar unerfreulichster Umstände ... (Das ist wie in der Fishermans Friend-Werbung, sind sie (die Umstände) zu stark bist du zu schwach ...)

Karl May hat sich, trotz aller Zertrümmerungsaktionen die das Leben so bereitzuhalten pflegt (und bei ihm war es in der Hinsicht sehr freigiebig ...), seinen Glauben und seine Zuversicht bewahrt, auch seine kindliche Freude an schönen (von ihm so empfundenen) Dingen. Und so gesehen ist die Sache mit seinen Weihnachstbäumen in der Wildnis oder beim Mir von Ardistan auch keineswegs kitschig.
Zuletzt geändert von rodger am 22.12.2009, 17:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 22.12.2009, 17:42

aber teileise wird es für meinen Geschmack schon zu stark, z.B. als er seinen Pass anzündet.
Das gibt es halt alles ... ich kenne einen, der hat mal erzählt, er habe Brot geschnitten, und angesichts des Ergebnisses habe seine Mutter gesagt, er solle doch bitte die Schneidemaschine benutzen ... er hatte sie indes bereits benutzt ... und von mir selber könnte ich in der Hinsicht auch allerhand "zum Besten" geben. Beschränken wir uns darauf, daß, wenn die 38 Fahrstunden, die ich seinerzeit im zarten Alter von 33 Jahren zum Erwerb des Führerscheins absolvierte, für RTL gefilmt worden wären, das gewiß einen Quotenknüller gegeben hätte ... "Für Tote zahlst Du mir Zoll" fällt mir gerade ein, wäre auch ein hübscher Fahrlehrer-Satz ... :lol:
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von sciurus » 22.12.2009, 19:34

Oh, das mit dem Brot ist "traurig" (kennst du den -Jugendsprachen- Ausdruck? Mir fällt nix besseres ein)... :mrgreen:
Also nicht etwa böse Welt da draußen außen vor, gemütliches Weihnachten in Saus und Braus hier, sondern Erleben der (ja wie nennen wir das Kind beim Namen, Heilserfahrung ?) inmitten scheinbar unerfreulichster Umstände ...
Ach ,ich kann mich einfach nicht so gut ausdrücken... ich meinte ungefähr, ich würde Weihnachten nicht hassen / ihm aus dem Weg gehen (wie es bei K M hätte sein können), sondern die guten Seiten noch sehen.
(Das ist wie in der Fishermans Friend-Werbung, sind sie (die Umstände) zu stark bist du zu schwach ...)
Sollte ich das kennen...?
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 22.12.2009, 19:45

sciurus hat geschrieben:kennst du den -Jugendsprachen- Ausdruck?
Nein ...
sciurus hat geschrieben:Ach ,ich kann mich einfach nicht so gut ausdrücken... ich meinte ungefähr, ich würde Weihnachten nicht hassen / ihm aus dem Weg gehen (wie es bei K M hätte sein können), sondern die guten Seiten noch sehen.
Das hatte ich schon in etwa verstanden. Und ich meinte in etwa, daß das bei Karl May auch so war. Oder etwas anders ausgedrückt bzw. ergänzend: das 'Negative', den Schatten, nicht ausklammern, sondern integrieren.
sciurus hat geschrieben: Sollte ich das kennen...?
Was weiß ich was Du kennst ... Da gibt es halt in einer Werbung diesen Satz. Und der fiel mir im Zusammenhang mit dem Thema ein. Daß es auch auf einen selber ankommt, ob man sich von den Umständen, wie immer sie sein mögen, umhauen läßt. So ein Karl May läßt sich nicht unterkriegen. Hat auch Hans Albers gesungen, pfeift dir der Wind auch manchmal um die Ohren, laß ihn toben und halte dich fest.

:wink:
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von markus » 22.12.2009, 22:37

Das mit der "schusseligen Schwester" erwähnte ich halt nur wegen des "Running Gags" (wörtlich "rennender Witz", sinngemäß besser "Dauerwitz", also ein Witz oder Gag der sich dauernd wiederholt, jedoch meist in abgewandelter Form), ein Stilmittel des Humors den man in sehr vielen Werken Mays finden kann. Klassisch sind da z.B. die üblichen Floskeln verschiedener skuriler Figuren, wie das "...wenn ich mich nicht irre." des Sam Hawkens, das "ob ... oder ... das bleibt sich gleich, ...Pitt Holbers, altes Coon" des Dick Hammerdulls oder das "wenn du meinst, lieber Dick,..." seines Freundes Pitt Holbers. Sehr putzig ist auch das Ehepaar Alimpo aus dem "Waldröschen". Beide haben eigentlich immer den gleichen Satz gemeinsam, jedoch sagt der Mann immer "Meine Elvira sagt das auch.", während seine Frau immer sagt "Mein Juan sagt das auch.".

Ob die "schusselige Schwester" in Wirklichkeit Carpio selber ist, darum gings mir also gar nicht. Im übrigen bin ich erst auf Seite 40 als daß ich das schon wüßte. Daß hier aber mal wieder zu beobachten ist, daß hier der Carpio in Wirklichkeit Karl May ist und der Ich-Erzähler derjenige der May gerne gewesen wäre ist, ist gar keine Frage. Es ist wie so oft, andere werden Karl May, Karl May wird "Ich". Dabei soll das aber keinesfalls eine Wertung sein.

Was mir noch auffällt ist, daß er seine Kerzen- und auch Uhrengeschichte in den ersten paar Seiten aufarbeitet. Indem er den, der seine Komposition stahl um ihn zu blamieren, nicht damit durchkommen läßt und derjenige nun die Strafe bekommt und nicht wie seinerzeit May durch den Kerzendiebstahl von jemanden verpfiffen wurde und dafür vom Lehrerseminar flog.
Das mit der Uhr könnte man noch hineininterpretieren da wo er einen Großteil der Summe die er durch den Gedichtswettbewerb gewann nach Hause schickte um zu zeigen wie weit ers gebracht hat und diesmal nicht verhaftet zu werden. Aber das könnt ihr meinetwegen auch anders interpretieren oder auch gar nicht, ihr macht ja eh was ihr wollt :mrgreen: .

Und für alle Mathematiker bekommen wir noch groß und breit erklärt wie man beim Geldwechsel zwischen sächsischen Thalern und österreichischen Gulden durch die kluge Taktik und richtiges hin und her wandern Gewinn einstreichen kann.

:D
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 23.12.2009, 0:15

markus hat geschrieben:Ob die "schusselige Schwester" in Wirklichkeit Carpio selber ist, darum gings mir also gar nicht. Im übrigen bin ich erst auf Seite 40 als daß ich das schon wüßte.
Das ist aber praktisch von dem Moment an klar, wo die Schwester erstmals erwähnt wird.
Karl May hat geschrieben:Zwei Landkarten hatte Carpio auch besorgt, eine von Sachsen und eine von Böhmen, weil wir doch zwischen beiden lust- und schneewandeln wollten; aber schon am ersten Tage stellte es sich heraus, daß sie, wie er behauptete, von seiner Schwester verwechselt worden waren; die eine war von Schweden und Norwegen, die andere von Algier, Tunis und Tripolis. Wir beschlossen einstimmig, sie nicht wegzuwerfen, sondern für spätere Reisen nach diesen Ländern aufzubewahren. Auch Nähzeug war da. Man braucht das auf Reisen, der abgerissenen Knöpfe wegen; aber was eine Häkelnadel dabei wollte, das war mir ein Rätsel.

Mit Cigarren waren wir sehr gut versehen. Jeder hatte zwei Stück … drei Pfennige. Sie waren nur für ganz besonders festliche Gelegenheiten bestimmt, und wir faßten den kühnen Plan, sie nicht zu verzollen, sondern nach Österreich einzuschmuggeln. Wir steckten sie also in die Stiefelschäfte. Als wir sie am Abende hervorholen wollten, waren sie zu Mehl zerrieben; sic transit gloria mundi!

Die übrigen Ausrüstungsgegenstände waren mehr intimer Natur, je nach den individuellen Passionen des Besitzers: Bindfaden, Feuerschwamm; ein Eissporn Carpios, zum abwechselnden Gebrauch für beide Beine; ein Fläschchen Fischthran als Stiefelschmiere; er, oder vielmehr seine Schwester wieder, hatte aber Terpentin erwischt; ein Brennglas, welches ein Erbstück von seinem Großoheim war. Als ich ihn fragte, zu was es jetzt im Winter dienen solle, warf er alle meine Kenntnisse durch die herablassende Bemerkung über den Haufen, daß man im Winter ebenso wie im Sommer den Meridian von Komotau berechnen könne. Noch andere Dinge anzuführen, würde indiskret sein. Höchstens darf ich noch erwähnen, daß Carpio ein hölzernes Sicherheitsschloß eigener Erfindung bei sich trug. Es sollte zur Sicherstellung unsers Lebens und mehr noch unserer Kapitalien dienen, falls wir gezwungen sein sollten, in einem fragwürdigen Hause zu übernachten. Als er es gleich im ersten Quartier an die Thür befestigen wollte, hatte er, oder vielmehr seine Schwester wie er behauptete, die dazu nötigen vier Schrauben daheim gelassen.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von markus » 23.12.2009, 0:41

Mir immer noch nicht (dir vielleicht weil du den Roman schon kennst), aber egal, wir wollens nicht wieder so weit treiben wie damals beim Krumir. Deswegen geb ich dir jetzt schon mal recht :wink: . Gute nacht.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von rodger » 23.12.2009, 10:08

Jetzt hast Du der Häme- & Animositätsfraktion und ihrem Ehrenpräsidenten eine ca. mindestens mittelgroße Freude bereitet, die freuen sich immer, wenn so ein Statement in der Art daherkommt, ich sehe sie bzw. ihn geradezu vor mir, mit ausgestrecktem Zeigefinger, realiter oder virtuell schenkelklopfend, und so etwas in der Art wie "Das mußte mal [wieder] gesagt werden, daß der blöde Typ rechthaberisch ist und nur daherredet, hahahihihihoho". Es geht dann in solchen Fällen bekanntlich nicht mehr um die Sache oder gar um die Stichhaltigkeit oder Nichtstichhaltigkeit von Argumentationen (das Wort ist in diesem Fall geradezu zuvorkommend höflich ...), sondern um Häme und Herabsetzung.

Davon abgesehen (wir wollen doch allen ihre kleinen Freuden gönnen) wirst Du auf eine Stelle in "Weihnacht!", wo es noch deutlicher gesagt wird, daß Carpio natürlich selber seine Schusseleien angerichtet hat, vergeblich warten, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht. Deutlicher als in den zitierten Stellen muß es ja auch nicht mehr gesagt werden.
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Re: Leserunde: "Weihnacht!"

Beitrag von markus » 23.12.2009, 12:25

Moin,

mir ging es nicht darum daß wieder mal was gesagt werden mußte (Einbildung ist auch eine Bildung :mrgreen: .), ich sag etwas wenn mir danach ist und ich sag nichts wenn mir nicht danach ist etwas zu sagen. OK? :mrgreen:

Inzwischen habe ich auch selber rausgefunden daß Carpio der vergessliche ist und nicht seine Schwester. Ich hätte nach Seite 40 einfach weiterlesen sollen. Zweimal wird drauf hingewiesen. Einmal auf Seite 41 (Wir sprechen immer noch von der Weltbildausgabe): "Eine andere und zwar seine hervorragendste Eigentümlichkeit war eine Zerstreutheit, welcher man bei seinem jetzigen Alter zwar nur die heitere Seite abzugewinnen brauchte, die aber doch schon versprach, später für ihn verhängnisvoll zu werden.".
Auf Seite 45 erfährt man dann wie Carpio ein Stück Papier als Schuheinlage benutzte um die Schmerzen eines durch die Stiefelsohle eingedrungen Nagels abzumildern. Im Gasthof stellt sich dann herraus daß es sich bei diesem Papier um seinen Schülerausweis handelt und damit ist seine Schwester aus dem Schneider. Er wird darafhin vom Ich-Erzähler noch gerüffelt weil er seine Schwester verdächtigte.

*
Karl May hat geschrieben:Trinketit
Karl May hat geschrieben:Lateineleien
Großartig Herr May, kolossal, very well. :D.

*

Wie May es immer wieder schafft von einer heiteren, fröhlichen und unbesorgten Stimmung im nächsten Moment gleich in eine traurige, trübe und auch ergreifende Stimmung zu kommen, das bleibt wohl sein Geheimnis, das kann nur May so herstellen. Das ist die Stelle wo alle im Schankraum des Gasthofes sitzen und es einigermaßen heiter zur Sache geht, Carpio und Sappho (Ich-Erzähler) mit ihren Reimen, der Wirt als Möchtegern-Lateiner, Carpio mit seiner Zigarre die ihm laufend ausgeht...als dann plötzlich neue Gäste eintraten. Man merkt sofort, jetzt wirds etwas anders. Das heißt aber nicht daß die Stimmung von nun an den Nullpunkt erreicht, das wäre vermutlich geschehen wenn alle so gewesen wären wie die Wirtin. Denn hatte die vorherige heitere ausgelassene Stimmung viel Wärme und Menschlichkeit, so ist diese Wärme und Menschlichkeit auch in der neuen sehr ergreifenden Szene zu beobachten. Bei May schließt sich eben heiteres und ergreifendes nie aus, wie ich hier schon oft genug gelernt habe und jetzt auch selber erfahren habe.

Allein schon der erste Satz der Frau erinnert stark, schon weil der Band "Weihnacht!" heißt, an Maria und Josef wie sie in Bethlehem eine Bleibe suchten: "Haben Sie vielleicht einen Platz für uns im Stalle?". Und der würde, wenn es nach der Wirtin ginge, nicht mal gewährt. Heutzutage wäre das nicht anders, eher schlimmer.

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