Endlich Wohlgschaft Biographie erschienen

Waukel
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Beitrag von Waukel » 27.8.2007, 8:20

Guten Morgen!
Zum Thema Glaubensbekenntnis gibt es eine Stelle in seinem "Repertorium C. May", das er, wie man vermutet, in der Zeit seines Aufenthaltes im Arbeitshaus Schloss Osterstein, angelegt hat.

********Zitat:
Eine Liebe, welche ewig zürnt, ist teuflisch. - Ein Gott, welcher das absolut Böse anerkennt und duldet, ist ein - Teufel. - Giebt es also einen Gott, so giebt es keinen Teufel. -

Das Böse ist nicht als absolute Aggregation an einen persönlichen Träger, den Teufel, gebunden. -

Konnte ein Engel fallen, so mußte die ewige Liebe ihm Hoffnung auf Versöhnung lassen; denn sie schuf ihn ja fallibel.

Mein Glaubensbekenntnis ist darum so:

Ich glaube wohl an ein Gericht, aber nicht an eine ewige Verdammniß, an den Irrthum, aber nicht an das absolut Böse, an die göttliche Liebe, aber nicht an eine nothwendige Gnade, an einen leiblichen Tod, an ein ewiges Leben, aber nie an ein Auferstehen, an einen Gott, aber nimmermehr an einen Teufel. -

Der Gott, den ich über mir fühle und glaube, konnte und durfte den Menschen nicht fallen lassen; sondern wie man die Sonne nur auf audern Sternen leuchten sehen kann, so sandte Gott seine zeitlichen Gedanken auf die Erde, damit sie sich ins Lichte ihres Urquells sonnen und, in der Räumlichkeit verkörpert, ihm frei und selbstbestimmend wieder nahen könnten. -

Die Freiheit schwingt vom Irrthum sich zur Wahrheit, und das Böse ist der einzge Weg zum Guten. Kann dieser Weg anders heißen als: Leben? Wie nun der einzelne Mensch nur lebt, um sich zum Schauen zu erheben, so ringt die Menschheit als ein Ganzes sich durch Zweifel, Trug und Irrthum zur Wahrheit und Erkenntniß, und diese Idee ist es, welche einen Teufel schuf. Dieser ist nicht ein von Gott verstoßener Engel, sondern der Geist der Erde, welcher sie durch die Sphären leitet und immer näher zu der Sonne führt. Er blickt durch Wolken, die den Himmel decken; er wandelt durch die Nacht im zweifelhaften Licht; er spricht in Schlachten aus deu Feuerschlünden und wohnt auf Gräbern, die das Glück bedecken. Und sieht das Auge ihn in drohender Gestalt, so will es ihn nicht wieder kennen, wenn er die Blumen auf den Gräbern pflegt und Segen aus dem Wolken niederträufelt. Der Aberglaube hat sein Bild verzerrt, und Undank lohnt ihm mit der Teufelsfrazze.

Wie er in wechselnden Gestalten den weiten Erdenkreis regiert und mit geheimnißvollem Walten die Menschheit zu dem Lichte führt; wie er als Wahrheit aus den Wirren, als Sonne durch die Nebel blickt; wie er an halbverfallne Mauern empor den grünen Epheu rankt; wie er der Hoffnung stilles Lächeln noch auf des Todten Antlitz haucht, das soll dieses Buch zeigen. Es soll zeigen den Menschen in seinem Kampfe mit dem Leben, beschirmt, beschützt, bewacht von dem, den wir den Satan nennen, soll zeigen die Gottheit im Teufel, die Wahrheit im Irrthume, das Gute im Böseu, die Liebe im Hasse, die Ewigkeit in der Zeit, das Leben im Tode und den Himmel auf Erden und in - der Hölle. Es soll begleiten den Menschen in seiner Entwickelung, den goldnen Faden um die Erde ziehen, den wir Glauben nennen und Gott in seiner wahren Gestalt, als die allmächtige Liebe zeigen.
Zitat Ende******

Er war damals 26 Jahre alt.
Da wäre es jetzt interessant, daneben das Glaubensbekenntnis Mays in der Passauer Donauzeitung, welches dann 40 Jahre später verfasst wurde, allerdings in einer wohl katholischen Zeitung? - ich fürchte mich ein bisschen - zu lesen.

Gruß Sylvia
Hermann Wohlgschaft
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Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 27.8.2007, 11:56

›Mein Glaubensbekenntnis‹ (1906/07) von Karl May habe ich wiedergegeben und ausführlich kommentiert im 3. Band der Biographie (S. 1554 – 1576). Nicht ganz so ausführlich und nicht ganz so differenziert findet sich die Interpretation auch in der – digital aufrufbaren – Erstfassung (S. 674 – 681).

Der von Waukel zitierte frühe May-Text ist ebenfalls interessant. Einige dieser Positionen hat May auch in späterer Zeit vertreten, andere hingegen nicht mehr oder nicht mehr so pointiert. Manche Formulierungen Karl Mays erscheinen mir ziemlich unklar und interpretationsbedürftig. Aber das ist ein weites Feld. Darüber könnte man endlos diskutieren.

Mit herzlichem Gruß an die Runde
Hermann
marlies

Beitrag von marlies » 27.8.2007, 15:46

Hallo Hermann
Vielen Dank fuer den Hinweis ... und den Text (ich nehme an es ist verbatim?)

Nur ein Schlusskommentar (und bitte, bitte - lassen wir jedem das seine und mir etwas Spass zum Schluss!) und dann lass ich die Finger vom Ganzen - weil wir haben jetzt Vollmond und bei Vollmond wachsen mir die Faenge, die Nase wird feucht und ich fange an zu heulen:

May:
Nur dadurch, daß er Mensch wurde, konnte er uns den Vater offenbaren.

Ich:
Ohne Schoepfung existiert der Schoepfer nicht.

Andere (nicht-katholische) Worte - gleiche Idee ... wir wurden 'nach seinem Ebenbilde' gebaut, oder? (Wenigstens der Adam, soviel ich mich noch erinnern kann, damals im Paradies, ich nicht, ich kam spaeter von der Rippe ... ) Damit sich der liebe Gott selber auch mal ansehen kann, denke ich mir, weil er keinen Spiegel hatte. Also wenn wir ein Photo vom Adam haetten koennten wir auch sehen wie ... aber nein ... so logisch ist das ganze auch wieder nicht.

Dies zeigt doch dass der Mayster ein guter 'Wordsmith' war: schnip>>>Für May ist, wie sein Gesamtwerk belegt, vor allem wichtig: Gott lebt!<<<schnap

Wenn der liebe Gott nicht leben taete waeren wir schlimm dran ...

:wink:

Goodnight!

Ach ... faellt mir noch ein Witz ein ... "If you want to give God a chuckle, tell him your plans!" :lol:

shut up Marlies ...
Nscho-tschi
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Beitrag von Nscho-tschi » 28.8.2007, 18:44

Hallo Marlies,

zum Thema "Glaubensbekenntnis" möchte ich auch noch einen Beitrag abgeben. Auch heute gibt es viele Texte dazu, z. B.

Mein Credo nach Wilhelm Lammers

Ich glaube
an Gott, unseren Vater und unsere Mutter,
Ursprung – Urhalt und Urziel
aller sichtbaren und unsichtbaren Wirklichkeit.

Alles ist durch Gott und auf Gott hin geworden,
um in Freiheit als Lernprozess
des Sinn des Kosmos
und des eigenen Lebens
in Gott zu finden.

Ich glaube
an Jesus von Nazareth,
der uns die Wirklichkeit Gottes erschlossen
und den Sinn unseres Lebens
und des Weltalls in Gott aufgezeigt hat.

Ich glaube
an den Auftrag Gottes,
die Natur zu erhalten und zu pflegen,
weil der Kosmos wie ein Biotop ist,
in dem alles voneinander abhängig ist.

Ich glaube
an die Unsterblichkeit des Lebens,
weil Gott Leben ist,
und an die Vollendung aller Lebenserwartungen in Gott
als den neuen Himmel und der neuen Erde.


Einen schönen Tag
Nscho-tschi
marlies

Beitrag von marlies » 29.8.2007, 2:37

Hallo Nscho-tschi

Vielen Dank! :!: So schoen hab ich's noch nie geschrieben gesehen - und in solcher Freiheit. Ich atme auf!
(Kannst du mir bitte einen Wilhelm Lammers link anzeigen (oder den Mittelnamen) - es gibt beim googeln viele Wilhelm X Lammers)

Love, light and happiness to all! :)
Nscho-tschi
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Beitrag von Nscho-tschi » 30.8.2007, 20:46

Hallo Marlies,
habe leider auch keinen Link von Wilhelm Lammers gefunden.
Wilhelm Lammers (24. März 1925 - 16. Juli 2004) war Pfarrer an St. Peter in Waltrop von 1968-1993.
Viele sonnige Grüße und
einen schönen Tag
Nscho-tschi
marlies

Beitrag von marlies » 31.8.2007, 3:33

Hallo Nscho-tschi

Na also! ...

um in Freiheit als Lernprozess
des Sinn des Kosmos
und des eigenen Lebens
in Gott zu finden.

(hizugefuegt von mir: ... und es auch frei auszudruecken koennen)

... es geht auch ohne die Plakette 'religioes'.

@ Hermann:
Der Sinn des Griechischen 'Stamm'- wortes 'katholikos' = 'universal', ist, wie du auch geschrieben hast (da gehe ich 100%ig einig mit dir) - was Karl May mit: '...die einzige, alles umfassende katholische Gemeinde...' ansprach; mit Vorsicht hat er den vollen Wortlaut des 'Kirchlichen' Credos 'umgangen'; e.g. sich die Freiheit genommen es 'nicht-dogmatisch' auszudruecken so viel wie er es sich erlauben konnte im damaligen 'Kulturklima' (in welchem er sich rechtfertigen musste von wegen ausgelassener 'Nottaufe' Winnetous - die jedoch in der 'unauthorised' Amerikanischen Version hineingefuegt wurde).

Somit hat sich der Kreis schoen geschlossen - danke Nscho-tschi.

_____________________________________________________

Nachtrag zu obigem Vollmond:
3-Stuendige Mondfinsternis (in der 2ten Nacht), dies Bild bei starkem Wind und etwa 8 Sekunden Belichtung etwas 'verwackelt' doch zeigt es die spektaculaeren Farben (gegen ende der Finsternis).
Bild
weil der Kosmos wie ein Biotop ist,
in dem alles voneinander abhängig ist.
Zuletzt geändert von marlies am 2.11.2007, 5:50, insgesamt 1-mal geändert.
Hermann Wohlgschaft
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Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 31.8.2007, 17:44

Hallo Marlies,

die ›Nottaufe Winnetous‹ ist in erster Linie im Kontext der ›Old Shatterhand-Legende‹ zu verstehen: In den 1890er Jahren trat unser Autor bekanntlich als Old Shatterhand auf, provozierte damit entsprechende Publikumsfragen und verfing sich in einem Netz von ›Notlügen‹. Mays ›Glaubensbekenntnis‹ in der Passauer ›Donau-Zeitung‹ (Anfang Januar 1907) hingegen gehört – biographisch – in einen ganz anderen Zusammenhang. Dass May in diesem Bekenntnis ohne jede Einschränkung seine persönliche Überzeugung zum Ausdruck brachte, ist nicht zu bezweifeln.

Nochmals zum Begriff ›religiös‹: Ich verwende dieses Wort synonym mit ›spirituell‹, du hingegen siehst – vermute ich – in diesen beiden Begriffen einen Gegensatz. Unsere ›Differenzen‹ liegen lediglich in der Sprachregelung, nicht in der gemeinten Sache.

Mit besten Wünschen
Hermann
marlies

Beitrag von marlies » 1.9.2007, 3:51

Hallo Hermann

:lol: schnip>>>verfing sich in einem Netz von ›Notlügen‹<<<schnap ... und wie. Und obwohl das eine mit dem anderen nicht viel zu tun hat, beides widerspiegelt die 'Religionskultur' seiner era (Religion als Institution).

schnip>>>in diesen beiden Begriffen einen Gegensatz<<<schnap ... sehr sogar - wobei ich sehr wohl weiss dass 'man' 'religioes' mit 'spirituell' austauschen kann und vice versa (dumm bin ich nicht). Auch mein Chambers gibt mir 2 verschiedene Definitionen wobei eine der 2 Definitionen fuer 'spiritual' auch 'religious' ist (im glaubenssinn, nicht 'institutions' sinn).

May hatten einen 'deep trust and belief in the creator' ... ein tiefes Vertrauen und einen tiefen Glauben in den Schoepfer - ohne dass er religioes war (im institutions sinn). Dass das wort 'religioes' auch synonymous mit 'Religion' (der Institution) ist, ist ein ungluecklicher Zufall (?) den viele 'religious leaders' ausnuetzen, und ausgenuetzt haben in der Vergangenheit wie auch jetzt wieder. Kriege haben meistens religioese Hintergruende (Religion als Institution) wie zum Beispiel die fundamentalist Islam Gruende die zu vielem gegenwaertigen Leid beisteuern. Und darf ich auf die Christlichen Hexenverbrennungen und andere 'atrocities' der 'dark and middle ages' hinweisen, direkted vom 'Thron Petri'. (Da ist mehr, und es ist auch nicht so schwarz und weiss, aber ich bin kein Tolstoy).

So kommen zuerst misinterpretationen auf, dann misverstaendnisse, dann ablehnung, dann hass, dann krieg. Den May als 'religioes' zu bezeichnen muss vorsichtig angewendet werden. Ich denke schon lange nicht mehr als Europaer, und 'religious' wird so langsam mit 'spiritual' 'devout' und anderen Worten ersetzt. Sogar das Wort 'Religion' wird mit 'Belief System' 'Glaubenssystem' ersetzt. Wie gesagt, jedem das seine, jeder Menschen Gedanke ist genau gleich viel Wert wie der seines Mitmenschen ... bis es zur Ausfuehrung kommt (an den Fruechten sollt ihr sie erkennen). Die Ausfuehrung eines jeden Gedanken soll nur zum Guten aller Schoepfung (und des Schoepfers) sein - niemals zum Nachteil auch nur eines einzigen fuehlenden Wesens (auch ein Kaefer fuehlt Schmerz wenn man ihm einen Grashalm durch den Koerper steckt und ihn wegfliegen laesst (!) - auch er ist ein Teil der Schoepfung; u.s.w.).

Ja - in der 'gemeinten Sache' haben wir 'common ground' - hab ich schon mal ein paar Seiten frueher gesagt. Es liegt in der 'Wortregelung' - genau - religioes ist kein gutes Wort fuer May, auf internationaler Ebene.
marlies

Beitrag von marlies » 2.9.2007, 9:53

...hab ich grad jetzt bemerkt ... manchmal drueck ich mich ganz verheerend aus ... >>>Ich denke schon lange nicht mehr als Europaer<<< natuerlich denke ich wie jeder andere Mensch auch - was damit gesagt werden sollte war: dass die gegenwaertigen kulturellen Verhaeltnisse in Europa mir schon lange nicht mehr gelaeufig sind so dass ich mich kaum mehr da hineindenken kann ... (hab ich doch tatsaechlich noch nie einen Euro gesehen ... :lol: ) (kommt davon wenn man zuviele Sachen auf einmal machen will ...tztztztz).

back to the drawing board ... literally

:lol:
Rene Grießbach
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Beitrag von Rene Grießbach » 4.9.2007, 20:06

Hallo,
an dieser Stelle möchte ich mich doch auch mal in die Diskussion einbringen, allerdings möchte ich mich nicht dazu äußern, ob Karl May nun religiös oder spirituell war oder ob beides identisch ist. Damit habe ich mich als Atheist bisher zu wenig befasst.
Wichtig allerdings erscheint mir in dem Zusammenhang noch eine andere Frage. Karl May war, wie wir wissen, ein ausgesprochen gläubiger Mensch, der sich aber offensichtlich nicht oder nur ungern einer Konfession zuordnen ließ. Das ist wohl auch EIN Grund, warum er sich gegenüber seinen Lesern mal als Katholik, mal als Protestant ausgab - weil es für ihn nicht wirklich eine Rolle spielte. Er glaubte an seinen Gott, darum ging es ihm. Und er dachte gar nicht daran, sich den leidlichen konfessionellen Unterscheidungen anzupassen. Nein, in Glaubensfragen war er ein ausgesprochen toleranter Mensch. Egal, ob jemand einer der zahlreichen christlichen Konfessionen angehörte, ob er Moslem war - egal ob Sunnit oder Schiit - oder ob er einer der fernöstlichen Religionen angehörte, Karl May achtete sie alle, wenn sie gute Menschen waren und war damit in seiner Toleranz andern gegenüber weiter, als es heutzutage manch einer ist.
Das wissen wir aus seinem Glaubensbekenntnis, aber auch - und noch mehr - aus seinen Reiseerzählungen, wobei ich hier vor allem den Old Surehand hervorheben will. Was er da schreibt, ist seine Auffassung als Mensch, ist ein wesentlicher Teil seiner Charakteristik.
Nur gegenüber einer Menschengruppe war er total intolerant, gegenüber denen, die nicht gläubig sind. So sagt er in Surehand I während des berühmten nächtlichen Wüstenritts, NACHDEM er von Old Wabbles Unglauben erfährt, dass ihm gerade deswegen vor ihm graut. "...jetzt widerte und ekelte es mich an und ich fühlte, dass auch er selbst sich um meine ganze Zuneigung gebracht hatte..." (Weltbildausgabe, Seite 375)
Und auffallenderweise entwickelt sich Old Wabble erst, als er sich als Atheist "outet", zum Bösewicht und ebenso auffällig ist, dass Karl May ihn erst dann wieder achtet, als Wabble (sterbend) beginnt, an Gott zu glauben.
An einer andern Stelle, die mir jetzt entfallen ist, sagt Kalr May auch sinngemäß, dass er mit Menschen, die nicht an einen Gott glauben, nichts zu tun haben mag, mögen sie auch ansonsten noch so gute Menschen sein.
Ich meine, diese vollkommene Intoleranz in Mays Lebensanschauung sollte noch genauer als es bisher geschah, in seine Charakterisierung einfließen.
Im übrigen spielt hierbei auch die Frage der politischen Entwicklung jener Zeit eine Rolle. Es war die Zeit der verbreitung der Lehren von Marx und Engels, es war die Zeit, in der Bebel und Wilhelm Liebknecht die Sozialdemokratie aufbauten, es war die Zeit, in der immer mehr Menschenaus niederen Verhältnissen begannen ihre Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen und sich nicht auf ein höheres Wesen verlassen wollten. Es war die Zeit einer besonders stark ausgeprägten Verbreitung des Atheismus. Mit der sich Karl May nicht anfreunden wollte. Aber das gründlicher zu untersuchen, ist hier im Forum wohl kaum der Platz.
Übrigens, obwohl ich selbst Atheist bin, habe ich geradezu Hochachtung vor jedem ehrlich überzeugten Christen bzw. Gläubigen überhaupt, der sich auch für seinen Glauben einsetzt. Nicht achten kann ich aber, übrigens hier wie auch May, jene, die sich nur dem Namen nach Christen nennen, um des eignen Vorteils willen. Und gerade auch mit denen rechnet Kalr May ja auch im Surehand wunderbar ab.
Herzliche Grüße
René Grießbach
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rodger
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Beitrag von rodger » 4.9.2007, 20:31

Willkommen im Forum.
Nur gegenüber einer Menschengruppe war er total intolerant, gegenüber denen, die nicht gläubig sind. So sagt er in Surehand I während des berühmten nächtlichen Wüstenritts, NACHDEM er von Old Wabbles Unglauben erfährt, dass ihm gerade deswegen vor ihm graut. "...jetzt widerte und ekelte es mich an und ich fühlte, dass auch er selbst sich um meine ganze Zuneigung gebracht hatte..." (Weltbildausgabe, Seite 375)
Und auffallenderweise entwickelt sich Old Wabble erst, als er sich als Atheist "outet", zum Bösewicht und ebenso auffällig ist, dass Karl May ihn erst dann wieder achtet, als Wabble (sterbend) beginnt, an Gott zu glauben.
An einer andern Stelle, die mir jetzt entfallen ist, sagt Kalr May auch sinngemäß, dass er mit Menschen, die nicht an einen Gott glauben, nichts zu tun haben mag, mögen sie auch ansonsten noch so gute Menschen sein.
Ich meine, diese vollkommene Intoleranz in Mays Lebensanschauung sollte noch genauer als es bisher geschah, in seine Charakterisierung einfließen.
Ich sehe das so: besonders streng geht man mit Dingen um, mit denen man selber etwas "am Hut hat", da wird einem etwas gespiegelt, was man an sich selber nicht mag (oft ist der Betreffende sich dessen gar nicht bewußt bzw. will es nicht wahrhaben). Karl May kannte den blanken Nicht-Glauben außerordentlich gut, ich denke an frühe Schriften wie "Ange et diable" oder auch etliche Stellen im "Verlornen Sohn", und er wird auch zu späteren, vermutlich gläubigeren Zeiten zumindest nicht vergessen haben, wie das war.

Ich glaube nicht, daß das, diese Nichtachtung Nichtgläubiger, wirklich seine ganz private, ehrliche Überzeugung war. Aber es macht sich natürlich gut (was freilich auch Ansichtssache ist ...).

Ich glaube bzw. bin recht überzeugt, daß Karl May gläubig war. Ich glaube aber nicht an diese radikale und Andersdenkende ausgrenzende Form, wie er sie (siehe Ihr Beispiel aus dem "Surehand") an einigen Stellen in seinem Werk vertritt. Das erscheint mir aufgesetzt.

Was sein "Glaubensbekenntnis" in der Zeitung betrifft, sehe ich es so wie Herr Wohlgschaft: es ist ehrlich, entspricht der Wahrheit. Zusätzlich habe ich schon das Empfinden, daß er das, was er mitteilen wollte, sehr bewußt in Worte gekleidet hat, die "ankommen" sollten, bei ganz verschiedenen Adressaten. Die Fähigkeit des Lavierens bzw. geschickt und diplomatisch vorzugehen, auch sprachlich, hatte er durchaus.
Hermann Wohlgschaft
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Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 4.9.2007, 21:29

Dass Mays Bösewichte praktisch immer auch Atheisten (oder heuchlerische Pseudo-Religiöse) sind, das scheint mir schon bemerkenswert. So auf Anhieb fällt mir jetzt kein positiv gezeichneter Atheist in Mays Erzählwerk ein.

Mit Rüdiger Wick bin ich aber der Auffassung, dass der private Karl May kein Atheistenhasser war. Der beste Beweis dafür ist Mays große Freundschaft mit dem Maler Sascha Schneider, der ja erklärter Atheist war.

Mit herzlichem Gruß an die Runde
Hermann Wohlgschaft
Kurt Altherr
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Beitrag von Kurt Altherr » 4.9.2007, 21:42

Mormonen wurden von Karl May stets negativ geschildert, da war der Autor keineswegs von religiöser Toleranz geprägt.

Umso interessanter die Tatsache, das diesbezüglich noch heute - besonders die evangelisch-lutherische Kirche - gegen diese in jeder Beziehung bemerkenswerte Kirche hetzt, schlimmer als es Karl May jemals tat.
marlies

Beitrag von marlies » 5.9.2007, 4:01

@ Rene Griessbach ... schnip>>>Übrigens, obwohl ich selbst Atheist bin, habe ich geradezu Hochachtung vor jedem ehrlich überzeugten Christen bzw. Gläubigen überhaupt, der sich auch für seinen Glauben einsetzt. Nicht achten kann ich aber, übrigens hier wie auch May, jene, die sich nur dem Namen nach Christen nennen, um des eignen Vorteils willen.<<<schnap

[bold is mine]

und

@ rodger ... schnip>>>daß er das, was er mitteilen wollte, sehr bewußt in Worte gekleidet hat, die "ankommen" sollten, bei ganz verschiedenen Adressaten. Die Fähigkeit des Lavierens bzw. geschickt und diplomatisch vorzugehen, auch sprachlich, hatte er durchaus.<<<schnap

Vielen Dank an beide
(und welcome in the forum to Rene Griessbach)

@ Kurt Altherr ... schnip>>>da war der Autor keineswegs von religiöser Toleranz geprägt. <<<schnap

...richtig... May konnte sehr wohl unterscheiden zwischen der sogenannten Pharisaer Religion (wie definiert by Hermann) und Freiem Glauben ohne Zwangsverhalten wie May's Gebrauch des Wortes 'katholisch' (wie im Griechischen original definiert) anzeigt.
Antworten
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