Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Hermann Wohlgschaft
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von Hermann Wohlgschaft » 22.8.2010, 21:11

›Nahtod-Erlebnisse‹ ist ein gängiges Wort in der Sterbeforschung. Gemeint sind Erlebnisse von Personen, die klinisch schon tot waren und - z. B. durch Reanimation - ins irdische Leben zurückkehrten. Im weiteren Sinne können auch Erfahrungen gemeint sein, die tatsächlich Verstorbene in den letzten Tagen oder Stunden vor Eintritt des Todes hatten.

Karl May hat solche Erfahrungen des öfteren geschildert, z. B. in der Selbstbiographie (mit Bezug auf Erzählungen der Märchengroßmutter).
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Wolfgang Sämmer
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von Wolfgang Sämmer » 23.8.2010, 18:26

Vielen Dank, lieber Herr Wohlgschaft, für Ihre Erläuterungen. Der Hinweis auf den Talmud scheint in die richtige Richtung zu weisen. Ich hatte auch schon daran gedacht und werde die Spur weiterverfolgen. Wenn ich an’s Ziel gekommen bin, rühre ich mich wieder. – Sie stören sich, lieber Herr Wick, am Wort „betrauern“ und haben mit Ihrem Einwand natürlich vollkommen Recht. Genau genommen geht es ja gar nicht, die Geburt zu betrauern und den Tod zu feiern. Denn ohne die Geburt gäbe es auch keinen Tod. Die Geburt zu betrauern hieße also, auch den Tod zu betrauern. Oder umgekehrt: Wenn schon der Tod gefeiert werden soll, dann müßte logischerweise auch die Geburt gefeiert werden.
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rodger
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von rodger » 23.8.2010, 19:02

Um abstrakte, scheinbar logische Erwägungen in Sachen Reihenfolge, Kausalität usw. ging es mir nicht, sondern um die negative 'Besetztheit' des Ausdrucks 'Betrauern' ... Ich meinte, wenn einer sagt, der Eintritt in die Hölle ist kein Anlaß zum Feiern, dann folgt daraus nicht zwangsläufig, daß er Anlaß zum Trauern sieht ... Stellen Sie sich vor, sie sind in Köln auf die Autobahn gefahren und werden Sie in Würzburg verlassen, dann können Sie ja auch während der Fahrt in aller Entspanntheit feststellen, daß die Fahrerei, so reizvoll sie zwischenzeitlich auch erscheinen mag, auf Dauer doch sozusagen kein Zustand ist und Sie eigentlich ganz froh sein können, wenn das Spektakel in Würzburg vorbei sein wird, obwohl Fahren freilich auch Spaß machen kann, aber es ist halt schon auch recht anstrengend für alle Beteiligten und immer wieder mal gibt es Ärger aller Art auf der Betonpiste ... außerdem, wenn sie an Dinge wie Benzinverbrauch, Umwelt, Lärm oder sonstnochwas denken ... oder diese Unfälle ... Fahren ist ab und zu ganz schön, aber ankommen auch ... Sie werden, wenn nun unterwegs ein Hinweisschild "Köln" auftaucht, nicht jubeln, aber auch nicht trauern, sondern vielleicht lediglich wertfrei reflektieren, daß in Köln die Angelegenheit halt anfing ...

:D
Zuletzt geändert von rodger am 23.8.2010, 19:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Rene Grießbach
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von Rene Grießbach » 23.8.2010, 19:13

Wilhelm Busch hat sich übrigens auch zum Thema "Trauern" geäußert:
Wilhelm Busch zum Sterben

Wirklich, er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah
uu dem Wohle der Gemeinde,
er war tätig, er war da.
Schützenfest, Kasinobälle,
Pferderennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spritzenprobe,
Ohne ihn, da ging es nicht.
Ohne ihn war nichts zu machen,
keine Stunde hatt’ er frei.
Gestern, als sie ihn begruben,
war er richtig auch dabei.
Quelle: http://www.sprueche-klopfer.de/2008/02/ ... m-sterben/
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rodger
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von rodger » 24.8.2010, 9:26

Zwar hat sich Wilhelm Busch in der Tat auch zum Thema Trauern geäußert, aber in den zitierten Zeilen an keiner Stelle ...

:wink:

Die sehr empfehlenswerte Gesamtausgabe (gebunden; > 2200 Seiten) bekommt man übrigens bei Amazon für weniger als 20 € ... (gebrauchte oder Mängelexemplare in sehr gutem Zustand, oder halt neu für 34.-)

http://www.amazon.de/die-Moral-von-Gesc ... 568&sr=8-3
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Wolfgang Sämmer
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von Wolfgang Sämmer » 20.9.2010, 22:17

Zur „Leben-Tod“-Thematik möchte ich eine Passage aus Mays Ardistan und Dschinnistan zitieren:
„Welch ein Duft! Ich glaube, nur noch ein Wenig mehr, so kommt die Ekstase; man wird Dichter und Prophet und verfällt in Vision. Darf man den Namen dieses Wohlgeruches erfahren?“
„Kommt er Dir unbekannt vor?“ fragte der Dschirbani, indem er das Fläschchen sorgfältig einwickelte und in die Tasche steckte.
„Vollständig unbekannt!“ versicherte der Hadschi.
„Du hast es aber schon oft genug gerochen!“ versicherte der Dschirbani.
„Unmöglich!“
„Es stinkt sogar! Du hast Dir die Nase zugehalten!“
„Nein! Sag mir den Namen!“
„So erschrick aber nicht! Es ist - - - der Tod!“
„Der - - - Tod - - - ?“ fragte Halef. Dann war er still, ich auch.
„Ja, der Tod!“ fuhr der Sohn des Dschinnistani in ernstem Tone fort. „Untersucht das Land, in dem wir wohnen! Was findet ihr weiter als Moder, Verwesung, Schimmel und Gestank? Und was findet ihr weiter als Leben, Schönheit, Kraft, Unsterblichkeit und Duft? Heut sage ich: Das Leben duftet, der Tod aber stinkt! Und morgen sage ich: Der Tod duftet, das Leben aber stinkt. Was von Beiden ist richtig? Ich sage, beides! Denn Leben und Tod sind Eins. Man kann nicht leben, ohne immerfort zu sterben. Und man kann nicht sterben, ohne dabei das Leben zu erneuern. Merke Dir es, o Hadschi Halef Omar, daß Du nicht an Deinem letzten, sondern an Deinem ersten Athemzuge stirbst! Und Du hast dafür zu sorgen, daß nicht etwa beide stinken, Dein Leben sowohl wie Dein Tod, sondern daß beide duften. Du lebst, indem Du ohne Unterlaß verwesest. Du hast den Gestank dieser Verwesung in Duft zu verwandeln, wie es dort in der Phiole und hier in diesem winzigen Fläschchen geschehen ist. (...)“

Karl May: Ardistan und Dschinnistan. Erster Band. Manuskriptfassung: Der Mir von Dschinnistan. Reiseerzählung. Karl May: Das Alterswerk. Kritische Ausgabe nach den Manuskripten. Hrsg. v. Hans Wollschläger unter Mitarbeit von Franziska Schmitt. Karl-May-Verlag, Bamberg und Radebeul 2005, S. 297f.
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rodger
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von rodger » 20.9.2010, 22:27

Sehr schön.

Übrigens gleichlautend in der Buchausgabe F31. (Dort gibt es ja ansonsten teilweise beträchtliche Unterschiede zur Manuskriptfassung.)
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von rodger » 20.9.2010, 23:30

Nachtgedanken

Denkanstöße sind doch was Feines ... Dankeschön, lieber Herr Sämmer.
Von Karl May über Hemingway zu Goethe und zurück ...
Daß man das Abfressen des Fisches durch die Haie auch positiv sehen kann, ist mir erstmals aufgefallen ... "Uns bleibt ein Erdenrest ..." Geisterschmiede ...

Gute Nacht.

:D
Zwockel

Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von Zwockel » 20.9.2010, 23:36

rodger hat geschrieben:Nachtgedanken

Denkanstöße sind doch was Feines ... Dankeschön, lieber Herr Sämmer.
Von Karl May über Hemingway zu Goethe und zurück ...
Daß man das Abfressen des Fisches durch die Haie auch positiv sehen kann, ist mir erstmals aufgefallen ... "Uns bleibt ein Erdenrest ..." Geisterschmiede ...

Gute Nacht.

:D
Die Gedankengänge von Herrn Sämmer sind alle Male sehr lesenswert, dass er allerdings den literarischen Schwerverbrecher Gustav Frenssen zitiert, der zu den größten geistigen Brandstiftern des 3. Reiches gehört, scheint mir unsensibel und nicht nachvollziehbar. :twisted:
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von rodger » 20.9.2010, 23:41

Es waren in diesem Fall Karl Mays Gedankengänge ...

:wink:

Das Frenssen-Zitat ist doch gut. Unabhängig davon, was er sonst noch so getrieben haben mag ... (ich schrieb z.B. dieser Tage, Thomas Mann sei ein A........, aber halt genial ... das kann man doch trennen, auseinanderhalten ...)
Zwockel

Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von Zwockel » 20.9.2010, 23:46

rodger hat geschrieben:Es waren in diesem Fall Karl Mays Gedankengänge ...

:wink:

Das Frenssen-Zitat ist doch gut. Unabhängig davon, was er sonst noch so getrieben haben mag ... (ich schrieb z.B. dieser Tage, Thomas Mann sei ein A........, aber halt genial ... das kann man doch trennen, auseinanderhalten ...)
Der Vergleich hinkt, Herr Wick. Ein genialer Ar.... wie Thomas Mann, sie sehen das ja so, ist etwas ganz anderes als der Halunke Gustav Frenssen, da mag er das noch so schön geschrieben haben, was von Herrn Sämmer da zitiert wird.
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von markus » 21.9.2010, 0:08

rodger hat geschrieben:Daß man das Abfressen des Fisches durch die Haie auch positiv sehen kann, ist mir erstmals aufgefallen ...
Natürlich war das positiv, was soll er sich mit dem Ballast abmühen, darum gings auch gar nicht. Er hat den Fisch gefangen, das reicht, weiter kommt da nichts. Kein Empfang, kein Jubel und hochleben lassen, was er sich eh nicht gewünscht hätte. Es ging nur um den Kampf und er, der Fischer, hat ihn gewonnen. Gegen sich selber vermutlich, das ist wohl die Symbolik, ich weiß es nicht. Habe bisher aber leider nur den Film mit Tracy gesehen, nicht das Buch gelesen. Einen Hemingway sollte man mal gelesen haben.
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von rodger » 21.9.2010, 9:28

Zwockel hat geschrieben: Der Vergleich hinkt, Herr Wick. Ein genialer Ar.... wie Thomas Mann, sie sehen das ja so, ist etwas ganz anderes als der Halunke Gustav Frenssen, da mag er das noch so schön geschrieben haben, was von Herrn Sämmer da zitiert wird.
Es mag sein, daß die (vorausgesetzte) Halunkigkeit Frenssens anders gelagert war als die Manns, das kann ich nicht beurteilen, da ich von Frenssen nur besagten Spruch kenne und das, was in der Wikipedia steht. Unser aller Halunkigkeiten sind halt unterschiedlich.
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von rodger » 21.9.2010, 9:36

markus hat geschrieben:was soll er sich mit dem Ballast abmühen, darum gings auch gar nicht.
Doch, darum ging's. Im Buch wie im Film. Aber auf einer höheren Ebene, sozusagen, hast Du schon Recht ...
Markus hat geschrieben:Er hat den Fisch gefangen, das reicht, weiter kommt da nichts.
Auch das ist richtig.
Markus hat geschrieben:was er sich eh nicht gewünscht hätte.
Doch, hätte er ... es ist ja nicht jeder so weit wie Karl May, der da (in den "Himmelsgedanken") schrieb "Geh nicht, geh nicht zurück zur Welt nachdem du glücklich ihr entstiegen" ... Er war ja selber persönlich nicht immer so weit wie in seinen Zeilen ...
Markus hat geschrieben:Einen Hemingway sollte man mal gelesen haben.
Ja, da ist einmal wieder eines meiner Lieblingsworte fällg: durchaus. :wink: Ich empfehle für den Anfang die Kurzgeschichten. Und den "alten Mann". Der hat mich seinerzeit, da war ich 18, sozusagen von den Socken geholt.
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Doro
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Re: Karl May, Wilhelm Busch und die Engländer

Beitrag von Doro » 28.9.2010, 12:49

Ich fand 'Schnee am Kilimandscharo' klasse, übrigens auch den Film.

Hier passt doch glatt der liebe Arthur auch her, nämlich schrieb der:
Das Leben kann als ein Traum angesehen werden und der Tod als Erwachen
Irgendwie kommt mir das sehr harmonisch zum Mayster und seiner Geisterschmiede, Suche und Vollendung ... jepp!
8)
People may hate you for being different and not living by society’s standards, but deep down they wish they had the courage to do the same. (Kevin Hart)
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