Nummer 11

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

19. März 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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»Nun, so wollen wir auch keine Zeit verlieren und schnell hinab, Sir!«

»Das müssen wir freilich, leise und vorsichtig, einer immer hinter dem anderen. Einer muß aber bei den Pferden und Gefangenen zurückbleiben, einer, auf den wir uns verlassen können. Das ist Wohkadeh!«

»Uff!« stieß der junge Indianer hervor, ganz entzückt über das große Vertrauen, welches Shatterhand ihm schenkte.

Weil dieser ihn heute zum erstenmal gesehen hatte, war es wohl eigentlich ein Wagnis, den jugendlichen Indsman allein bei den Gefangenen und Pferden, welche die ganze Habe ihrer Reiter trugen, zurückzulassen; aber die Aufrichtigkeit, mit welcher Wohkadeh Old Shatterhand gesagt hatte, daß sein Leben ihm gehöre, hatte dem ersteren das Herz des letzteren gewonnen. Uebrigens traute Shatterhand dem roten Jünglinge die Kaltblütigkeit zu, welche zu diesem verantwortlichen Posten gehörte.

»Mein junger roter Bruder wird bei den Gefangenen sitzen, das Messer in der Hand,« sagte er ihm, »und wenn einer der Schoschonen einen Fluchtversuch machen oder nur ein Geräusch verursachen wollte, so wird er ihm das Messer sogleich in das Herz stoßen!«

»Wohkadeh wird es thun!«

»Er wird hier bleiben, bis wir zurückkehren, und den Ort auf keinen Fall verlassen!«

»Wohkadeh würde hier sitzen und verhungern, wenn seine Brüder nicht zurückkehrten!«

Das sagte er in einem Tone, welchem man anhörte, wie sehr ernst es ihm mit diesem Versprechen sei. Er zog sein Bowiemesser hervor und setzte sich zwischen den Gefangenen nieder. Old Shatterhand


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erklärte diesen, was ihrer warte, wenn sie sich nicht vollständig ruhig verhalten würden, und dann begannen die fünf den beschwerlichen Abstieg.

Die Senkung war, wie bereits erwähnt, eine ziemlich steile. Die Bäume standen eng beisammen, und zwischen ihnen gab es so viel Unterholz, daß die kühnen Leute bei der Vorsicht, welche so nötig war, nur sehr langsam vorwärts kamen. Es durfte kein Geräusch gemacht werden. Das Knicken eines Astes konnte ihre Annäherung verraten.

Winnetou stieg voran. Er war derjenige, dessen Augen bei Nacht am schärfsten waren. Hinter ihm befand sich Martin Baumann. Dann kam der lange Davy, nachher der Neger, Shatterhand machte den letzten.

Ueber drei Viertelstunden waren vergangen, ehe eine Strecke, zu welcher am Tage höchstens fünf Minuten gebraucht worden wären, zurückgelegt worden war. Jetzt befanden sie sich unten im Thalkessel, am Rande des Waldes, denn die Sohle des Thales bestand aus baumlosem Grasboden. Nur hier und da erhob sich ein einzelner Strauch.

Das Feuer brannte hell, gar nicht auf indianische Weise geschürt. Das war ein Zeichen, daß die Schoschonen sich sehr sicher fühlten.

Während nämlich die Weißen das Holz aufeinander legen, so daß es vom Feuer ganz angegriffen wird, und eine hoch emporlodernde, weithin sichtbare und viel Rauch verbreitende Flamme entsteht, legen die Indianer die Holzscheite so, daß sie wie Halbmesser eines Kreises im Mittelpunkte zusammenstoßen. In diesem Centrum brennt die kleine Flamme, welche dadurch genährt wird, daß die Scheite, je nachdem sie verbrennen, nachgeschoben werden. Das gibt ein Feuer, welches allen Zwecken der Roten genügt, eine kleine, leicht zu verbergende Flamme bildet und so wenig Rauch erzeugt, daß er in einiger Entfernung kaum bemerkt werden kann. Dazu verstehen sie die Art des Holzes so auszuwählen, daß dasselbe beim Verbrennen möglichst wenig Geruch verbreitet. Der Geruch des Rauches ist im Westen außerordentlich gefährlich. Die scharfe Nase des Indsman bemerkt ihn bereits aus sehr, sehr weiter Entfernung.

Das Feuer hier war nach Art der Weißen genährt, und der Geruch gebratenen Fleisches hatte sich über das ganze Thal verbreitet. Winnetou sog die Luft prüfend ein und flüsterte:

»Mokasschi-si-tscheh - Büffelrücken.«

Sein Geruchsinn war so fein, daß er sogar den Körperteil des Tieres, von welchem das Fleisch geschnitten war, bestimmen konnte.

Man sah drei große Zelte stehen. Sie bildeten die Ecken eines spitzwinkeligen Dreieckes, dessen Höhe gerade nach den fünf Lauschern lag. Das ihnen am nächsten stehende Zelt war mit Adlerfedern geschmückt, also dasjenige, welches der Häuptling mit bewohnte. Im Mittelpunkte des Dreieckes brannte das Feuer.

Die Krieger saßen am Feuer und schnitten sich ihre Portionen von dem Braten, welcher an einem Aste über der Flamme briet.

Die Pferde der Roten weideten frei und ungefesselt im Grase. Die Krieger saßen am Feuer und schnitten sich ihre Portionen von dem Braten, welcher an einem Aste über der Flamme briet. Sie waren, ganz der indianischen Sitte entgegen, sehr laut. Der Umstand, zwei Gefangene gemacht zu haben, hatte sie in diese vortreffliche Stimmung versetzt. Trotz der Sicherheit, in welcher sie sich fühlten, hatten sie einige Wachen ausgestellt, welche langsam auf und ab patrouillierten, es aber ihrer Haltung nach für sehr unrecht zu halten schienen, daß sie nicht mit den übrigen am Feuer sitzen durften.

»Eine verteufelte Geschichte!« brummte Davy »Wie bekommen wir unsere Kameraden heraus? Was meint ihr, Mesch'schurs?«

»Zunächst möchten wir Eure eigene Meinung vernehmen, Master Davy,« antwortete Shatterhand.

»Die meinige? Zounds! Ich habe gar keine.«

»So habt die Gewogenheit, ein wenig nachzudenken!«

»Wird auch nichts helfen. Ich habe mir die Sache so ziemlich anders gedacht. Diese roten Schlingels haben keinen Verstand. Da hocken sie alle inmitten der Zelte um das Feuer, so daß es gar nicht möglich ist, in eins derselben zu gelangen! Das konnten sie unterlassen!«

»Ihr scheint Bequemlichkeit zu lieben, Sir! Wünscht Ihr vielleicht, daß die Indsmen von den Zelten bis hierher eine Pferdebahn anlegen, um Euch Eueren dicken Jemmy per Achse herzuschicken? Ja, dann dürft Ihr nicht nach dem Westen gehen!«

»Sehr richtig! Und ergreifen lassen darf man sich auch nicht. Wenn man nur wenigstens wüßte, in welchem Zelte die beiden stecken!«

»Natürlich in demjenigen des Häuptlings.«

»So will ich einen Vorschlag machen.«

»Nun?«

»Wir schleichen uns so nahe wie möglich hinan und fallen, sobald sie uns bemerken, über sie her. Dabei erheben wir ein solches Geschrei und machen einen so entsetzlichen Spektakel, daß sie denken, wir seien hundert Personen. Sie werden vor Schrecken davonlaufen. Wir holen die Gefangenen aus dem Zelte und laufen auch davon, natürlich so schnell wie möglich.«

»Das ist Euer Vorschlag?«

»Ja.«

»Habt Ihr noch etwas hinzuzufügen?«

»Nein. Nicht wahr, er gefällt Euch?«

»Ganz und gar nicht.«

»Oho! Meint Ihr, daß Ihr Euch etwas Besseres ausdenken werdet?«

»Ob etwas Besseres, das will ich nicht behaupten, etwas Unverständigeres aber jedenfalls nicht.«

»Sir! Soll das eine Beleidigung sein? Ich bin nämlich der lange Davy!«

»Das weiß ich seit einiger Zeit. Von einer Beleidigung ist keine Rede. Ihr seht von hier aus, daß die Indsmen ihre Waffen handgerecht haben. Sie werden nicht so dumm sein, unsere Zahl so zu überschätzen, wie Ihr es wünscht. Fallen wir über sie her, so werden sie wohl für einen Augenblick verblüfft sein, aber eben nur für einen Augenblick; dann haben wir eine zehnfache Uebermacht gegen uns.«

»Ich denke, Ihr fürchtet Euch nicht!«

»Gerade weil ich keinen Angriff riskiere, dessen Ausgang unser sicherer Untergang sein würde, brauche ich mich nicht zu fürchten. Und selbst wenn wir siegten, würde viel, sehr viel Blut fließen, und das kann man vermeiden. Was habt Ihr davon, wenn wir die Gefangenen befreien, und Ihr werdet dabei erschossen? Ist's nicht besser, einen Weg zu finden, welcher uns ganz ohne Blutvergießen zum Ziele führt?«

»Ja, Sir, wenn Ihr einen solchen Weg fändet, so würde ich Euch freilich loben.«

»Vielleicht ist er bereits gefunden.«

»Dann erklärt Euch schnell. Ich werde mein möglichstes thun.«

»Es kann sein, daß wir Euch gar nicht mitbelästigen. Ich will hören, was der Apache zu meinem Plane sagt.«

Er sprach eine kurze Weile mit dem Häuptlinge, und zwar in der Mundart der Apachen, welche die anderen nicht verstanden; dann wendete er sich wieder an den langen Davy:

»Ja, ich werde mit Winnetou den Streich allein ausführen. Ihr bleibt ganz ruhig hier, sobald wir uns entfernt haben. Selbst wenn wir binnen zwei Stunden uns nicht sehen lassen, geht Ihr nicht von der Stelle und hütet Euch, etwas zu unternehmen. Nur in dem Falle, daß Ihr eine Grille dreimal laut zirpen hört, habt Ihr miteinzugreifen.«

»In welcher Weise?«

»Indem Ihr schnell, aber möglichst leise und unbemerkt nach dem Zelte kommt, welches uns am nächsten liegt. Ich werde mich mit Winnetou zu demselben anschleichen. Im Falle Ihr da von uns gebraucht werdet, werde ich das erwähnte Zeichen abgeben.«

»Könnt Ihr denn das Zirpen der Grille nachahmen?«

»Natürlich! Es ist von sehr großem Vorteile, wenn Jäger die Stimmen gewisser Tiere einstudiert haben. Nur müssen es eben Tiere sein, deren Stimmen gerade zu der Zeit zu hören sind, in welcher man sich der Nachahmung bedienen will. Die Grille zirpt bekanntlich auch des Nachts, also wird es den Schoschonen gar nicht auffallen, wenn sie mein Zirpen hören.«

»Wie aber bringt Ihr dasselbe fertig?«

»Auf sehr einfache Weise, nämlich mit einem Grashalme. Man faltet die Hände in der Weise zusammen, daß die Daumen nebeneinander zu liegen kommen, und klemmt zwischen die letzteren einen Grashalm so ein, daß er straff angespannt ist. Zwischen den beiden unteren Gliedern der Daumen befindet sich eine schmale Lücke, in welcher der Grashalm fibrieren kann. Dadurch wird eine Art Zungeninstrument gebildet. Bläst man nun mit einem kurzen »Frr-frr-frr« auf den Halm, indem man den Mund fest an die Daumen legt, so entsteht ein Zirpen, welches dem der Grille außerordentlich ähnlich ist. Eine längere Uebung gehört freilich dazu.«


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Da sagte Winnetou:

»Mein weißer Bruder mag diese Dinge später erklären. Jetzt haben wir keine Zeit dazu. Wir wollen beginnen.«

»Gut! Nehmen wir vielleicht unsere Zeichen mit?«

»Ja! Die Schoschonen sollen erfahren, wer bei ihnen gewesen ist.«

Viele Westmänner und auch hervorragende Indianer bedienen sich nämlich eines Zeichens, an welchem man erkennen kann, um wen es sich handelt. Mancher Indianer schneidet sein Zeichen in das Ohr, in die Wange, in die Stirn oder Hand des von ihm Getöteten. Wer dann später die Leiche findet und das Zeichen kennt, der weiß, wer den Toten besiegt und skalpiert hat.

Winnetou und Old Shatterhand schnitten sich einige kurze Zweige von dem nächsten Strauche und steckten sie in ihre Gürtel; sie konnten mit denselben die Zeichen herstellen, welche einem jeden Roten als die ihrigen bekannt waren.

Sodann brachen sie auf, indem sie sich lang auf die Erde legten und sich nun vorwärts bewegten, dem erwähnten Zelte entgegen, welches in einer Entfernung von ungefähr achtzig Schritten vor ihnen lag.

Dieses Anschleichen ist keineswegs eine leichte Sache. Wenn keine bedeutende Gefahr vorhanden ist, und man nicht Ursache hat, keine Spur zurückzulassen, so kann man ja auf Händen und Knieen vorwärts kriechen. Das gibt freilich eine sehr erkennbare Fährte, besonders im Grase. Ist man aber gezwungen, diese zu vermeiden, so geschieht die Fortbewegung nur mittels der Fingerspitzen und Zehen. Da man dabei die Arme und Beine lang ausstrecken muß, damit der Körper ganz nahe an den Erdboden, den er aber ja nicht berühren darf, gehalten werde, so ruht die ganze Last desselben eben nur auf den Finger- und Zehenspitzen. Dies auch nur für eine kurze Zeit auszuhalten, dazu gehört eine ungewöhnliche Körperkraft, Gewandtheit und langjährige Uebung. Wie die Schwimmer von einem Schwimmkrampfe sprechen, so reden die Westmänner von einem Anschleichekrampfe, welcher gar nicht weniger gefährlich ist als der erstere.

Er kann ja die Entdeckung und den sicheren Tod zur Folge haben.

Während der Westmann sich auf diese Weise an den Feind schleicht, hat er das betreffende Terrain auf das genaueste zu berücksichtigen und darf keine Hand und keine Fußspitze eher auf den Boden setzen, als bis er die betreffende Stelle genau untersucht hat. Wenn z. B. Hand oder Fuß auf einen kleinen, unbemerkten Zweig trifft, welcher dürr ist und knickt, so kann dieses leise Knicken die schlimmsten Folgen nach sich ziehen. Es gibt geübte Jäger, welche es demselben sofort anhören, ob es von einem Tiere oder einem Menschen verursacht worden ist. Die Sinne des Westmannes werden gezwungenerweise mit der Zeit so außerordentlich scharf, daß er, an der Erde liegend, sogar das Geräusch vernimmt, welches ein laufender Käfer verursacht. Ob ein dürres Blatt freiwillig abgefallen oder von einem verborgenen Feinde unachtsam abgestreift worden ist, das hört er ganz gewiß.


Ende des elften Teils - Fortsetzung folgt.

In derselben Nummer: Ein Prairiebrand aufgrund einer vorgefertigten Illustration.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk