Nummer 12 / 13

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

26. März 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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Ein guter Anschleicher wird auch die Zehenspitze seiner Fußbekleidung ganz genau auf die Stelle setzen, welche er vorher mit den Fingerspitzen berührt hat, weil dadurch eine weniger sichtbare Spur entsteht, deren Verwischung sich leichter und bedeutend schneller bewerkstelligen läßt, als wenn sie aus zahlreicheren und auch größeren Eindrücken besteht.

Es ist nämlich sehr häufig notwendig, die Fährte zu verwischen. Der Westmann bedient sich des Ausdruckes »auslöschen«. Hat man sich an ein Lager geschlichen, so beginnt bei der Rückkehr erst der anstrengendste und schwierigste Teil des Unternehmens. Niemand soll erfahren, daß man hier gewesen ist. Darum muß man, indem man sich auf allen Vieren, und mit den Füßen voran, rückwärts bewegt, jeden Eindruck auslöschen, welchen man hervorgebracht hat. Dies geschieht mit der rechten Hand, indem man auf den beiden Fuß- und auf den Fingerspitzen der linken Hand das Gleichgewicht erhält. Wer es einmal versucht, in dieser schwierigen Stellung auch nur eine Minute lang zu verharren, der wird bald einsehen, welche fürchterliche Anstrengung es dem Jäger verursacht, vielleicht stundenlang in derselben zu verbleiben.

So war es auch hier.

Old Shatterhand voran und Winnetou hinter ihm, bewegten sich die beiden langsam in der beschriebenen Weise vorwärts. Der Weiße hatte den Boden Zoll für Zoll tastend zu untersuchen, und


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der Indianer hatte sich zu bemühen, sich ganz genau in den Eindrücken, welche der erstere hervorgebracht hatte, zu halten. Darum kamen sie nur äußerst langsam vorwärts.

Das Gras war ziemlich hoch, fast ellenhoch. Dies war einesteils gut, weil es den Körper verbarg, anderenteils aber von Nachteil, weil im hohen Grase eine jede Fährte leichter sichtbar ist.

Je weiter sie kamen, desto deutlicher erkannten sie die Einzelheiten des Lagers. Zwischen demselben und ihnen patrouillierte eine Wache langsam hin und her. Wie war es da möglich, unbemerkt an das Zelt zu gelangen?

Die beiden erfahrenen Männer waren in dieser Beziehung gar nicht verlegen.

»Soll Winnetou den Wächter nehmen?« flüsterte der Häuptling der Apachen.

»Nein,« antwortete Shatterhand. »Ich kenne meinen Hieb, auf den ich mich verlassen kann.«

Leise, leise wie Schlangen, wandten sie sich durch das Gras, und näher, immer näher kamen sie der Wache. Diese hatte keine Ahnung, daß zwei solche Feinde ihr so nahe seien. Diese letzteren konnten den Mann gegen den Schein des Feuers ziemlich deutlich sehen. Er schien noch jung zu sein und hatte keine andere Waffe bei sich als das Messer in seinem Gürtel und ein Gewehr, welches er bequem geschultert hielt. Er war in Büffelfell gekleidet. Seine Züge konnte man nicht erkennen, da sein Gesicht mit abwechselnd roten und schwarzen Querstrichen - den Kriegsfarben - bemalt war.

Er blickte gar nicht nach den beiden herüber, sondern schien seine Aufmerksamkeit vorzugsweise auf das Lager gerichtet zu haben. Vielleicht interessierte ihn der Duft des Fleisches, welches über dem Feuer briet, mehr, als es für einen Wachtposten geraten ist.

Doch selbst wenn er seinen Blick nach der Stelle, an welcher sich die beiden befanden, gerichtet hätte, so wäre es für ihn unmöglich gewesen, sie zu bemerken, da ihre dunklen Leiber von der ebenso dunklen Grasfläche nicht zu unterscheiden waren. Sie bewegten sich nämlich schlauerweise nur in dem Schatten, welchen das Zelt nach der dem Feuer entgegengesetzten Seite warf.

Und doch waren sie ihm bereits auf acht Schritte nahe!

Er hatte, genau auf derselben Linie hin und her schreitend, in einem geraden Striche das Gras niedergetreten. Ein Angriff auf ihn mußte auf dieser Linie erfolgen, wenn die Spuren davon nicht zu bemerken sein sollten.

Jetzt hatte er sich am äußersten Punkte der Linie umgedreht und kam langsam wieder zurück, von rechts nach links gehend - von dem Punkte aus, an welchem sich die beiden befanden, gerechnet. Sie hatten natürlich ihre Gewehre zurückgelassen, um nicht in ihren Bewegungen gehindert zu sein. Er schritt an ihnen vorüber und befand sich nun im Schatten, gerade wie sie.

»Schnell!« flüsterte Winnetou.

Old Shatterhand richtete sich empor; zwei riesige Sprünge brachten ihn hinter den Indianer, welcher das Geräusch hörte und sich rasch umdrehte. Aber bereits schwebte Shatterhands Faust über ihm. Ein Hieb an die Schläfe, und er brach zusammen.

Mit zwei gleichen Sprüngen stand Winnetou bei ihm.

»Ist er tot?« fragte er.

»Nein, sondern bloß besinnungslos.«

»Mein Bruder mag ihn binden. Winnetou wird an seine Stelle treten.«

Die Flinte des Schoschonen vom Boden aufnehmend und schulternd, schritt er davon, ganz in der Haltung, welche vorher der Schoschone innegehabt hatte. Von weitem mußte er für denselben gehalten werden. So patrouillierte nun er auf und ab. Das war sehr verwegen, aber gewiß notwendig. Unterdessen war Shatterhand bis zum Zelte des Häuptlings vorgedrungen; der Jäger versuchte die Leinwand ein wenig emporzuschieben, um in das Innere zu schauen; da dies die scharf angespannte Leinwand verhinderte, mußte er erst die Schnur, welche jene mit einer Stange verband, lösen.

Aber das mußte mit äußerster Vorsicht geschehen. Es konnte ja von innen bemerkt werden, und in diesem Falle war alles ver-


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loren. Sich fest auf die Erde legend, brachte er die Augen so nahe wie möglich an den Boden. Leise, leise schob er den Rand der Leinwand empor. Jetzt konnte er hineinblicken.

Was er sah, mußte ihn überraschen. Die Gefangenen befanden sich nämlich nicht darin, auch keine der Schoschonen. Nur allein der Häuptling saß auf einem Büffelfelle, rauchte scharf duftenden Kinnikkinnik, welcher aus Tabak und Weidenschale oder Blättern des wilden Hanfes zusammengesetzt wird, und blickte zum halb offenen Zelte hinaus, die belebte Scene, welche um das Lagerfeuer spielte, still betrachtend. Er kehrte Old Shatterhand den Rücken zu.

Dieser wußte gar wohl, was hier zu thun sei, wollte aber doch nicht ohne Einwilligung des Apachen handeln. Darum ließ er die Leinwand wieder nieder, wendete sich vom Zelte ab, raufte einen Grashalm aus und nahm denselben in der vorhin beschriebenen Weise zwischen die beiden Daumen.

Ein leises, einmaliges Zirpen ließ sich hören.

»Tho-ing-kai - die Grille singt!« erklang die Stimme eines Schoschonen vom Lager her.

Wenn er gewußt hätte, welch eine Grille es war! Das Zirpen war für Winnetou das Zeichen, herbei zu kommen. Der Apache behielt seine langsame, würdevolle Bewegung bei, bis er in den Schatten des Zeltes trat und nun von den Schoschonen nicht mehr gesehen werden konnte. Da legte er das Gewehr ins Gras, ließ sich nieder und schlich sich möglichst rasch zum Zelte hin. Dort angekommen, flüsterte er:

»Warum ruft mich mein Bruder?«

»Weil ich Deine Einwilligung erhalten möchte,« antwortete Shatterhand ebenso leise. »Die Gefangenen befinden sich nicht in dem Zelte.«

»Das ist nicht gut, denn nun müssen wir zurück und von der anderen Seite nach den anderen Zelten schleichen. Das dauert so lange Zeit, daß es indessen Morgen werden kann.«

»Vielleicht ist das gar nicht nötig, denn Tokvi-tey, der schwarze Hirsch, sitzt drin.«

»Uff! Der Häuptling selbst! Ist er allein?«

»Ja.«

»So brauchen wir die Gefangenen ja nicht zu holen!«

»Das dachte auch ich. Wenn wir ihren Häuptling gefangennehmen, können wir die Schoschonen zwingen, den dicken Jemmy und den Hobble-Frank frei zu geben.«

»Mein Bruder hat recht. Aber können die Schoschonen vom Feuer aus in das Zelt blicken?«

»Ja! Aber der Schein des Feuers geht nicht bis zu der Stelle des Zeltes, an welcher wir uns befinden.«

»Sie werden aber doch gleich bemerken, daß ihr Häuptling nicht mehr dort sitzt.«

»So werden sie denken, daß er sich in den Schatten zurückgezogen hat. Mein Bruder Winnetou mag bereit sein, mir zu helfen, falls mein erster Griff nicht glücken sollte.«

Das war so leise geflüstert, daß kein Hauch davon im Innern des Zeltes zu hören war.

Jetzt schob Winnetou die Leinwand leise und langsam empor, so weit, daß Old Shatterhand, welcher sich fest an den Boden schmiegte, hineinkriechen konnte. Dies that der kühne Jäger so geräuschlos, daß der »schwarze Hirsch« unmöglich von der ihm nahenden Gefahr etwas bemerken konnte.

Nun befand Shatterhand sich in dem Zelte, vollständig, mit dem ganzen Körper. Der Apache kroch mit dem halben Körper nach, um nötigenfalls augenblickliche Hilfe bringen zu können. Shatterhand streckte die Rechte aus. Er konnte den Schoschonen gerade erreichen. Ein schneller, kraftvoller Griff nach dem Halse desselben - der schwarze Hirsch ließ die Pfeife fallen und schlug ein-, zweimal mit den Armen in der Luft herum; dann sanken sie ihm herab; der Atem war ihm ausgegangen.

Der schwarze Hirsch ließ seine Pfeife fallen und schlug ein-, zweimal mit den Armen in der Luft herum.

Old Shatterhand zog ihn aus dem Lichtkreise zurück ins Zeltdunkel, legte ihn da nieder und kroch, ihn nach sich ziehend, wieder zum Zelt hinaus.

»Gelungen!« flüsterte Winnetou. »Mein weißer Bruder hat die Kraft des Bären in seiner Hand. Wie aber bringen wir ihn fort? Wir müssen ihn tragen und doch dabei unsere Spur auslöschen.«

»Das ist freilich ungeheuer schwierig.«

»Und was thun wir mit dem Wächter, welchen wir gefesselt haben?«

»Den nehmen wir auch mit. Je mehr Schoschonen sich in unserer Hand befinden, desto eher geben die Roten ihre beiden Gefangenen frei.«

»So wird mein Bruder den Häuptling tragen, und Winnetou trägt den anderen. Dabei können wir aber die Spuren nicht auslöschen, und darum müssen wir noch einmal zurück.«

»Leider! Es wird dabei viel kostbare Zeit verstreichen, und wir -«

Er hielt inne. Es trat etwas ein, wodurch all ihren Bedenken ein schnelles Ende bereitet wurde. Es war ein lauter, schriller Schrei erklungen.

»Tiguw-ih, tiguw-ih!« rief eine Stimme. »Feinde, Feinde!«

»Der Wachtposten ist erwacht. Schnell fort!« sagte Shatterhand. »Wir nehmen ihn mit!«

Schon flog Winnetou in langen Sätzen nach der Stelle hin, an welcher der gefesselte Schoschone lag, riß ihn empor, und rannte mit ihm davon.

Old Shatterhand zeigte hier, welch ein Westmann er war. Die Gefahr lag in seiner größten Nähe, dennoch blieb er noch einige Augenblicke hinter dem Zelte. Er zog die kleinen Aestchen hervor, welche er abgeschnitten hatte, hob die Zeltleinwand nochmals empor und steckte die ersteren in der Weise in den Boden, daß sie sich wie spanische Reiter kreuzten. Erst dann nahm er den Häuptling auf und eilte mit ihm von dannen.


Ende des zwölften Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk