Nummer 14

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

2. April 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


// 203 //

Die Schoschonen hatten nahe um das Feuer gesessen; ihre an die Helligkeit desselben gewöhnten Augen konnten, wie Shatterhand ganz wohl vermutet hatte, sich nicht augenblicklich an das nächtliche Dunkel gewöhnen. Sie waren aufgesprungen und starrten zwar in die Nacht hinaus, konnten aber nichts sehen. Zudem hatten sie nicht unterscheiden können, von welcher Seite der Hilferuf erklungen war. So kam es, daß Winnetou und Old Shatterhand der gefährliche Rückzug vollständig gelang.

Der Apache hatte sogar unterwegs einmal stehen bleiben müssen. Es war ihm unmöglich gewesen, dem Schoschonen mit der Hand den Mund vollständig zu verschließen. Es war dem Gefangenen zwar nicht gelungen, abermals um Hilfe zu rufen, aber er hatte doch ein so lautes Stöhnen hervorbringen können, daß der Apache einen Augenblick stillhalten mußte, um ihm mit der Hand die Gurgel zuzudrücken.

»Alle Wetter, wen bringt ihr da?« fragte der lange Davy, als die beiden ihre Gefangenen zu Boden geworfen hatten.

»Geiseln,« antwortete Shatterhand. »Gebt ihnen nur schnell Knebel in den Mund, und der Häuptling muß gefesselt werden.«

»Der Häuptling? Macht Ihr Spaß, Sir?«

»Nein, er ist's.«

»Heavens! Welch ein Streich! Davon wird man noch lange Zeit erzählen! Den >schwarzen Hirsch< mitten unter seinen Roten herauszuholen! Das können eben nur Old Shatterhand und Winnetou fertig bringen!«

»Jetzt keine unnötigen Reden! Wir müssen fort, hinauf zur Höhe, wo unsere Pferde sind.«

»Mein Bruder braucht sich nicht zu beeilen,« sagte der Apache. »Wir können hier besser sehen als da oben, was die Schoschonen beginnen werden.«

»Ja, Winnetou hat recht,« gestand Shatterhand ein. »Es kann den Schoschonen nicht einfallen, hierher zu kommen. Sie wissen nicht, mit wem und mit wie vielen sie es zu thun haben. Sie werden sich darauf beschränken müssen, ihr Lager zu sichern. Erst mit Anbruch des Tages ist es ihnen möglich, etwas zu unternehmen.«

»Winnetou wird ihnen eine Warnung sagen, die ihnen den Mut benimmt, ihr Lager zu verlassen.«

Der Apache nahm seinen Revolver und hielt die Mündung desselben ganz nahe an die Erde. Shatterhand verstand ihn sogleich.

»Halt!« sagte er. »Sie dürfen den Blitz des Schusses nicht sehen, damit sie nicht wissen, wo wir uns befinden. Ich denke, es wird ein Echo geben, durch welches sie getäuscht werden. Gebt eure Jacken und Röcke her, Mesch'schurs!«

Der lange Davy nahm seinen famosen Gummimantel von der Schulter; auch die anderen befolgten Shatterhands Gebot. Die Kleidungsstücke wurden vorgehalten, und dann drückte Winnetou zweimal ab. Die Schüsse krachten. Sie hallten von den Thalwänden wider, und da der Blitz nicht zu sehen gewesen war, konnten die Schoschonen allerdings nicht wissen, an welcher Stelle geschossen worden war. Sie antworteten mit einem durchdringenden Geheul.

Als sie den Ruf »Tiguw-ih, tiguw-ih - Feinde, Feinde!« gehört hatten, waren sie, wie bereits erwähnt, vom Feuer aufgesprungen und hatten sich bemüht, nach den Feinden auszuschauen. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, und dann befanden Shatterhand und Winnetou sich bereits in Sicherheit. Die Roten konnten also niemand sehen.

Es fiel ihnen auf, daß sie nicht angegriffen wurden. Wenn wirklich Feinde vorhanden waren, so hätten diese doch wohl nicht gezögert, über das Lager herzufallen. Der Alarmruf beruhte also wohl auf einem Irrtum. Wer aber hatte ihn ausgestoßen? Jedenfalls einer der Wächter. Er mußte gefragt werden. Ihn herbeizurufen, war Sache des Häuptlings. Wie aber kam es, daß dieser so ruhig in seinem Zelte sitzen blieb?

Mehrere der roten Krieger traten an den Eingang des Zeltes. Sie blickten hinein und fanden es leer.

»Der >schwarze Hirsch< ist bereits fort, die Wache zu befragen,« sagte einer von ihnen.

»Mein Bruder irrt sich,« entgegnete ein anderer. »Der Häuptling konnte das Zelt nicht verlassen, ohne von uns gesehen zu werden.«

»Er ist aber nicht hier!«

»Und er kann auch nicht fort sein!«

»So hat ihn Wakon-tonka, der böse Geist, verschwinden lassen!«

Da schob ein alter Krieger die anderen beiseite und sagte:

»Der böse Geist kann töten und Unglück bringen, aber verschwinden lassen kann er keinen Krieger. Wenn der Häuptling nicht aus dem Zelte getreten und dennoch verschwunden ist, so kann er dasselbe nur auf die Weise verlassen haben, daß - - -«

Er hielt inne. Vorher war nur ein Teil des Tuches, welches die Thür bildete, geöffnet gewesen; jetzt hatte man es ganz entfernt, und nun beleuchtete der Schein des Feuers das ganze Innere.

Der Alte trat hinein und bückte sich nieder.

»Uff!« rief er aus. »Der Häuptling ist geraubt worden!«

Keiner antwortete. Das, was der Alte sagte, war zu unglaublich, und doch durften sie einem so erfahrenen Krieger nicht widersprechen.

»Meine Brüder glauben es nicht?« sagte er. »Sie mögen herblicken. Hier ist die Leinwand des Zeltes gelockert, und hier stecken die Zweige in der Erde. Ich kenne dieses Zeichen. Es ist das Zeichen von Nonpay-klama, den die Bleichgesichter Old Shatterhand nennen. Er ist hier gewesen und hat uns den schwarzen Hirsch geraubt.«

Da ertönten die zwei Schüsse des Apachen. Das löste die Zungen der Schoschonen. Sie stießen das bereits erwähnte Geheul aus.

»Löscht schnell das Feuer aus!« gebot der Alte. »Den Feinden darf kein sicheres Ziel geboten werden.«

Man gehorchte ihm, indem man die brennenden Aeste schnell auseinanderriß und das Feuer austrat. Da der Häuptling ver-


// 204 //

schwunden war, so ordneten sich die Schoschonen ganz freiwillig dem ältesten Krieger unter. Es wurde also dunkel im Lager. Ein jeder hatte nach seinen Waffen gegriffen, und auf Befehl des Alten bildeten die Krieger rund um die Zelte einen Kreis, um den Feind zu empfangen, von welcher Seite er nur kommen möge.

Es waren vier Posten ausgestellt worden, um das Lager nach den vier Himmelsgegenden zu bewachen. Drei von ihnen hatten sich, als die Schüsse fielen, schleunigst auf die Ihrigen zurückgezogen; der vierte hingegen fehlte. Und dieser war gerade der angesehenste von ihnen, Moh-aw, der Sohn des Häuptlings. Dieses Schoschonenwort bedeutet soviel wie Moskito. Der junge Indianer hatte also schon bewiesen, daß er tapfer sei, daß er stechen könne.

Einer der Waghalsigsten erbot sich, nach ihm zu forschen, und erhielt die Erlaubnis dazu. Er legte sich ins Gras und schlich sich in die Nacht hinaus, in der Richtung, in welcher der Vermißte gesucht werden mußte. Nach einiger Zeit kehrte er mit dem Gewehre des >Moskito< zurück. Das war ein sicherer Beweis, daß dem Sohne des Häuptlings ein Unglück widerfahren sei.

Der Alte hielt eine kurze Beratung mit den hervorragendsten Kriegern. Es wurde beschlossen, das Zelt, in welchem sich die Gefangenen befanden, ganz besonders zu bewachen, die Pferde in der unmittelbaren Nähe des Lagers anzupflocken und dann den Anbruch des Tages zu erwarten. Dann mußte es sich zeigen, mit wem man es zu thun hatte.

Indessen hatten die Jäger dafür gesorgt, daß die beiden Gefangenen, von denen auch der Häuptling wieder zum Bewußtsein gekommen war, nicht laut werden konnten, und sich dann selbst still und beobachtend verhalten. Es war nichts zu hören als nach einiger Zeit der vom Grase gedämpfte Schritt der Pferde.

»Meine Brüder mögen hören, daß die Schoschonen ihre Pferde zusammensuchen. Sie werden sie nahe bei den Zelten anbinden und dann nicht eher etwas unternehmen, als bis der Tag anbricht,« sagte Winnetou. »Wir können gehen.«

»Ja, ziehen wir uns zurück,« stimmte Old Shatterhand bei. »Wir freilich werden nicht bis zum Morgen warten. Der >schwarze Hirsch< soll baldigst erfahren, was wir von ihm verlangen.«

Er trat zu den Gefangenen, welche entfernt von den anderen gelegen hatten, damit sie nicht hören konnten, was gesprochen wurde. Noch wußte er nicht, daß der gemachte Fang noch wertvoller sei, als er bisher vermutet hatte. Er hob den >schwarzen Hirsch< vom Boden auf, nahm ihn auf die Schulter und begann, bergan zu steigen. Die anderen folgten ihm, Winnetou den >Moskito< tragend.

Es wäre für jeden anderen fast unmöglich gewesen, mit einer solchen Last in tiefer Dunkelheit den dicht bewaldeten Bergeshang zu ersteigen. Den beiden schien es ganz und gar nicht beschwerlich zu sein.

Oben angekommen, fanden sie alles in Ordnung. Wohkadeh hatte seine Pflicht gethan.

Der lange Davy wand seinen Lasso los und sagte:

»Gebt her die Kerls! Wir wollen sie bei den anderen anbinden.«


// 205 //

»Nein!« entgegnete Old Shatterhand. »Wir verlassen diese Stelle.«

»Warum? Meint Ihr, daß wir hier nicht sicher sind?«

»Ja, das meine ich.«

»O, die Schoschonen werden uns gern in Ruhe lassen. Sie sind froh, wenn ihnen nichts geschieht.«

»Das weiß ich ebensogut wie Ihr, Master Davy. Aber wir müssen mit dem Häuptling sprechen, vielleicht auch mit den anderen. Es ist also nötig, ihnen die Knebel abzunehmen, und wenn wir das hier thun, so können sie leicht auf den Gedanken kommen, durch irgend einen Ruf den Ihrigen ein Signal zu geben, welches von hier aus ganz deutlich da unten gehört werden kann.«

»Mein Bruder hat recht,« sagte der Apache. »Winnetou war heute hier, um die Schoschonen zu beobachten. Er kennt einen Ort, wo er mit seinen Brüdern und den Gefangenen lagern kann.«

»Wir müssen ein Feuer haben,« bemerkte Old Shatterhand. »Ist das dort möglich?«

»Ja. Man binde die Gefangenen auf die Pferde!«

"Man binde die Gefangenen auf die Pferde!" Dies geschah, und dann setzte sich der kleine Zug in Bewegung.

Dies geschah, und dann setzte sich der kleine Zug in Bewegung, bei Nacht, durch den dichten Wald, Winnetou als Führer voran.

Es versteht sich ganz von selbst, daß dieser Marsch nur höchst langsam vorwärts ging, Schritt um Schritt. Nach einer halben Stunde war eine Strecke zurückgelegt, zu welcher am Tage wohl nur fünf Minuten nötig gewesen wären. Da hielt der Apache an.

Die Gefangenen wußten natürlich nicht, in wessen Hände sie geraten seien, und waren auch über sich selbst im unklaren. Die beiden Kundschafter hatten wegen der Dunkelheit gar nicht sehen können, daß noch zwei Gefangene gemacht worden seien; hinwieder wußten die letzteren von den ersteren nichts, und der Häuptling hatte keine Ahnung, daß er mit seinem Sohne, und dieser vermutete nicht, daß er mit seinem Vater ergriffen worden sei. Aus diesem Grunde wurden sie, als jetzt gehalten wurde, voneinander getrennt, nachdem man sie wieder von den Pferden genommen hatte.

Old Shatterhand befolgte die Politik, dem >schwarzen Hirsch< nicht merken zu lassen, wie stark der Feind sei, dem er in die Hände gefallen war. Darum traf er die Maßregel, mit dem Häuptling zunächst allein zu verhandeln.

Die übrigen mußten sich zurückziehen. Dann raffte er das am Boden liegende dürre Geäst zusammen, um ein Feuer anzumachen.

Er befand sich mit dem Schoschonen auf einer nur wenige Schritte breiten freien Stelle. Der Apache hatte heute am Tage gesehen, wie gut sie sich zu einem verborgenen Lagerplatze eigne, und sein Ortssinn war ein so außerordentlicher, daß es ihm selbst in dieser Dunkelheit gelungen war, sie aufzufinden.

Sie war natürlich rings von Bäumen umgeben, unter denen Farnkräuter und Dorngesträuch eine ziemlich dichte Einfassung bildeten, welche den Schein des Feuers hinderte, weit zu dringen. Mit Hilfe seines Punks (Prairiefeuerzeug) steckte Old Shatterhand das dürre Zeug leicht in Brand und hieb sich dann mit dem Tomahawk von den rundum stehenden Bäumen die unteren, dürr gewordenen Aeste ab, um mit ihnen das Feuer zu unterhalten. Dasselbe hatte nur den Zweck, die Stelle zu beleuchten und brauchte also nicht groß zu sein.

Der Schoschone lag am Boden und beobachtete das Thun des weißen Jägers mit finsteren Blicken. Als Old Shatterhand mit seinen Vorbereitungen zu Ende war, zog er den Gefangenen an das Feuer, richtete ihn in sitzende Stellung empor und nahm ihm den Knebel ab. Der Indianer verriet mit keiner Miene und keinem Atemzuge, daß er sich jetzt erleichtert fühle. Für einen indianischen Krieger wäre es eine Schande, äußerlich merken zu lassen, was er denkt und empfindet. Old Shatterhand setzte sich ihm an der anderen Seite des Feuers gegenüber und betrachtete sich zunächst seinen Feind.

Dieser war sehr kräftig gebaut und trug einen Büffelanzug von indianischem Schnitt, ohne alle Verzierung. Nur die Nähte waren mit Skalphaaren versehen, und am Gürtel trug er wohl gegen zwanzig Skalpe, nicht etwa vollständige Kopfhäute, welche zuviel Platz beansprucht hätten, sondern nur die wie ein Fünfmarkstück großen, wohlpräparierten Wirbelstellen. In dem Gürtel steckte noch das Messer, welches ihm nicht abgenommen worden war.

Sein Gesicht war nicht bemalt, so daß die drei roten Narben auf den Wangen deutlich gesehen werden konnten. Mit unbewegten Zügen saß er da und starrte in das Feuer, dem Weißen keinen Blick gönnend.

»Tokvi-tey trägt nicht die Farben des Krieges,« begann Old Shatterhand. »Warum tritt er da gegen friedliche Leute feindlich auf?«

Er erhielt keine Antwort und auch keinen Blick. Darum fuhr er fort:

»Der Häuptling der Schoschonen ist wohl vor Angst stumm geworden, da er mir kein Wort auf meine Frage entgegnen kann?«

Der Jäger wußte recht gut, wie ein Indianer behandelt werden muß. Der Erfolg zeigte sich sogleich, denn der Gefangene warf ihm einen zornblitzenden Blick zu und antwortete:

»Tokvi-tey weiß nicht, was Angst ist. Er fürchtet nicht den Feind und nicht den Tod!«

»Und dennoch verhält er sich gerade so, als ob er sich fürchte. Ein mutiger Krieger malt sich die Farben des Krieges in das Gesicht, bevor er zum Angriff schreitet. Das ist ehrlich, das ist mutig; denn da weiß der Gegner, daß er sich zu verteidigen hat. Die Krieger der Schoschonen aber sind ohne Farbe gewesen; sie haben die Gesichter des Friedens gehabt und dennoch die Weißen angegriffen. So handelt nur ein Feigling! Oder habe ich nicht recht? Findet der >schwarze Hirsch< ein Wort zu seiner Verteidigung?«

Der Indianer senkte den Blick und sagte:

»Der >schwarze Hirsch< war nicht bei ihnen, als sie den Bleichgesichtern nachjagten.«

»Das ist keine Entschuldigung. Wäre er ein ehrlicher und mutiger Mann, so hätte er die Bleichgesichter sofort, als sie zu ihm gebracht worden, wieder freigelassen. Ich habe überhaupt noch gar nicht vernommen, daß die Krieger der Schoschonen den Tomahawk des Krieges ausgegraben haben. Sie weiden ihre Herden wie im tiefen Frieden an den Tongue- und Bighorngewässern; sie verkehren in den Wohnungen der Weißen, und doch fällt der >schwarze Hirsch< Männer an, welche ihn niemals beleidigt haben. Kann er etwas dagegen sagen, wenn ein Tapferer meint, daß nur ein Feigling in dieser Weise handeln könne?«

Es war nur ein halber Blick, welchen der Rote auf den Weißen warf; aber dieser Blick bewies, daß er grimmig erzürnt sei. Dennoch klang seine Stimme ruhig, als er antwortete:

»Bist du vielleicht so ein Tapferer?«

»Ja,« antwortete der Gefragte gleichmütig, als ob dieses Selbstlob sich eben auch von selbst verstehe.

»So mußt du einen Namen haben!«

»Siehst du nicht, daß ich Waffen trage? So muß ich auch einen Namen haben.«


Ende des dreizehnten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk