Nummer 18

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

30. April 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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»Es gibt ein Mittel,« sagte Martin Baumann, welcher neben ihm saß. »Such' dir Colt'sfoot und leg die Blätter desselben auf die Wunden.«

»Wo aber wachsen Colt'sfoot?«

»Besonders an Waldrändern. Vielleicht ist grad hier welcher zu finden.«

»Aber Massa Bob nicht kennen diese Pflanze. Wie können er sie da finden?«

»Komm! Ich will mit suchen.«

Die beiden wollten sich entfernen. Old Shatterhand hatte ihre Worte gehört und warnte:

»Nehmt euere Gewehre mit. Wir befinden uns hier nicht auf einem Marktplatz des Ostens. Man kann nie wissen, was der nächste Augenblick bringt.«

Martin griff still zum Gewehre, und auch der Neger schulterte seine Muskete.

»Yes!« sagte er. »Massa Bob mitnehmen auch seine Rifle. Wenn kommt Siou oder wildes Tier, er sogleich erschießen alles, um zu beschützen sein jung Massa Martin. Come on

Die beiden schritten langsam am Thalrande hin, um nach der erwähnten Pflanze zu suchen; aber es war kein Huflattich zu sehen. So entfernten sie sich weiter und weiter von dem Lagerplatze. Es war so still und sonnig im Thale. Schmetterlinge gaukelten um die Blumen; Käfer summten und brummten von Ort zu Ort; das Wasser plätscherte so friedlich, und die Wipfel der Bäume badeten sich im Sonnenscheine. Wer hätte da an eine Gefahr denken mögen!

Da blieb Martin, welcher voranschritt, halten und deutete auf eine Linie, welche sich in kurzer Entfernung schnurgerade von dem kleinen Bache durch das Gras nach der Thalwand zog, wo sie unter den Bäumen verschwand.

»Was das sein?« fragte Bob. »Ein Weg?«

»Ja, ein Weg ist es. Es scheint da jemand regelmäßig aus dem Walde zu kommen, um Wasser zu schöpfen.«

»Es sein also ein Westmann?«

»Hm! Ein Westmann? Hier in dieser Einsamkeit? Das ist unwahrscheinlich.«

»Oder ein Tier?«

»Das will ich eher glauben. Betrachten wir uns einmal die Spur!«

Sie gingen hinzu und nahmen die Fährte in Augenschein. Das Gras war vom Wasser an bis hinüber zu den Bäumen mehrere Fuß breit nicht nur nieder-, sondern so ausgetreten, daß der nackte Boden zum Vorschein gekommen war. Martin und Bob standen also vor einem wirklichen Pfade.

»Das sein kein Tier,« meinte der Neger. »Hier sein laufen ein Mann mit Stiefeln immer hin und her. Massa Martin werden recht geben Massa Bob.«

Der Jüngling aber schüttelte den Kopf. Er untersuchte den Pfad genau und antwortete:

»Die Sache ist jedenfalls befremdend. Man kann keine Huf- oder Krallenspur erkennen. Der Boden ist so festgetreten, daß man nicht einmal bestimmen kann, zu welcher Zeit diese Fährte zum letztenmal betreten worden ist. Ich möchte wetten, daß nur ein Huftier einen solchen Gang auszutreten vermag.«

»O schön, sehr schön!« sagte der Neger erfreut. »Vielleicht es sein ein Opossum. Das sein Massa Bob sehr willkommen.«

Das Opossum ist die virginische Beutelratte, welche bis einen halben Meter lang werden kann. Sie besitzt zwar ein zartes, weißes und fettes Fleisch, hat aber einen so eigentümlichen, widrigen Geruch, daß sie von Weißen niemals gegessen wird. Der Neger aber verschmäht sie nicht, und es gibt sogar manchen Schwarzen, welcher leidenschaftlich auf diesen unangenehm duftenden Braten versessen ist. Zu dieser Art von Gastronomen gehörte auch der brave Bob.

»Was fällt dir ein!« lachte Martin. »Ein Opossum hier! Gehört denn die Beutelratte zu den Huftieren?«

»Wohin Opossum gehören, das sein Massa Bob ganz egal. Opossum sein ein fein delikat Fleisch, und Massa Bob jetzt werden versuchen, ob Opossum sich werden lassen fangen.«

Er wollte fort, der Fährte nach, Martin aber hielt ihn zurück.

»Bleib, und mache dich nicht lächerlich! Von einem Opossum kann hier keine Rede sein; es ist ja viel zu klein, um eine solche Spur auszutreten. Hier handelt es sich um ein großes Tier, wohl gar um ein Elk.«

»Elk, o Elk!« rief Bob, indem er mit der Zunge schnalzte. »Elk geben viel, viel Fleisch und Talg und Haut. Elk sein gut, sein sehr gut! Bob werden Elk sogleich schießen.«

»Bleib, bleib! Es kann doch kein Elk sein, denn dann wäre hier das Gras abgeäst.«

»So werden Massa Bob nachsehen, was es sein. Vielleicht sein es doch ein Opossum. O! wenn Massa Bob ein Opossum finden, dann er machen einen großen Schmaus.«

Er lief fort, der Fährte nach, der mit Wald bedeckten Thalwand zu.

»Warte! So warte doch nur!« mahnte Martin. »Es kann doch wohl ein großes Raubtier sein!«

»Opossum sein Raubtier, fressen Vögel und andere kleine Viehzeug, Massa Bob es fangen.«

Er ließ sich nicht warnen und ging weiter. Der Gedanke an seinen Lieblingsbraten ließ ihn die hier so nötige Vorsicht vergessen. Martin folgte ihm nach, um im Falle einer unangenehmen Ueberraschung schnell bei der Hand zu sein; aber der Neger war dem jungen Manne immer eine Strecke voran.

So erreichten sie den Waldesrand, wo das Terrain auf dieser Seite des Thales gerade so wie auf der anderen ziemlich steil emporzusteigen begann.

Der Pfad lief schnurgerade zwischen die Bäume hinein und dann zwischen großen Felsenbrocken empor. Er war auch hier so fest, daß eine ausgesprochene Einzelspur gar nicht zu erkennen war.

Immer weit voran, kletterte der Neger die Höhe hinauf. Die Bäume standen ziemlich dicht beisammen, und zwischen ihren Stämmen hatte sich allerlei Unterholz breit gemacht, so daß man wirklich von einem Dickicht reden konnte, durch welches der Wildpfad führte. Da hörte Martin die jubelnde Stimme des Negers:

»Massa kommen, schnell kommen! Massa Bob haben funden das Nest von Opossum.«

Der Jüngling folgte so schnell wie möglich diesem Rufe. Von einem Opossum konnte keine Rede sein und so war zu befürchten, daß der gute Bob sich in eine Gefahr begab, von deren Größe er gar keine Ahnung hatte.

»Bleib stehen, bleib stehen!« warnte daher Martin mit lauter Stimme. »Unternimm nichts, bis ich komme.«

»O, hier sein schon Loch, die Hausthür zu Nest von Opossum. Massa Bob nun dem Opossum machen seine Visite.«

Jetzt erreichte Martin die Stelle, an welcher sich der Neger befand. Es gab da eine Anzahl übereinander getürmter Felsenstücke. Zwei derselben waren gegeneinander gelehnt und bildeten eine Höhle, vor welcher ein aus Haselnuß-, wilden Maulbeersträuchern, Him- und Brombeerdornen bestehendes Gestrüpp wucherte. In dieses Gestrüpp war ein Durchgang gebahnt. Die bisher verfolgte Fährte führte hinein, doch zeigten zahlreiche, nach rechts und links führende Fährten, daß der Bewohner der Höhle nicht nur zwischen dieser und dem Wasser verkehre, sondern auch noch anderweite Exkursionen unternehme.

Der Neger hatte sich zur Erde niedergekauert und befand sich bereits mit seinem Vorderleibe im Gestrüpp, um nach der Höhle zu kriechen. Jetzt erkannte Martin zu seinem Schreck, daß seine Befürchtung nicht grundlos gewesen sei. Aus den nun deutlichen Spuren sah er, mit welch einem Tiere er es zu thun habe.

»Um Gottes willen, zurück, zurück!« rief er. »Das ist die Höhle eines Bären!«

Zu gleicher Zeit faßte er Bob bei den Beinen, um ihn zurückzuziehen. Der Neger aber schien ihn nicht verstanden zu haben, denn er antwortete:

»Warum mich halten? Massa Bob sein


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tapfer. Er werden besiegen ganzes Nest voll Opossum.«

»Kein Opossum, sondern ein Bär, ein Bär!«

Er hielt den Schwarzen aus Leibeskräften fest. Da ließ sich ein tiefes, zorniges Brummen hören, und zu gleicher Zeit stieß Bob einen Schrei des Schreckens aus.

»Jessus! Ein Vieh, ein Ungetüm! O Massa Bob, o Massa Bob!«

Er schob sich blitzschnell aus dem Gestrüpp heraus und sprang empor. Martin sah trotz der dunklen Haut des Schwarzen, daß diesem vor Schreck das Blut aus dem Gesicht gewichen war.

»Ist er noch drin in der Höhle?« fragte der Knabe.

Bob fuhr mit den Armen in der Luft herum und bewegte die Lippen, brachte aber keine Antwort hervor. Er hatte sein Gewehr fallen lassen. Seine Augen verdrehten sich, und seine Zähne knirschten aneinander.

Da raschelte es im Gestrüpp - der Kopf eines Grizzly, eines grauen Bären, blickte aus demselben hervor. Das gab dem Neger die Sprache wieder.

»Fort, fort!« schrie er. »Massa Bob hinauf auf Baum!«

Er that einen gewaltigen Sprung vorwärts nach einer dünnen, schlanken Birke und fuhr mit der Schnelligkeit eines Eichhörnchens am Stamme derselben empor.

Martin war leichenblaß im Gesicht geworden, doch nicht aus Angst. Mit einem schnellen Griff raffte er das Gewehr des Negers auf und sprang dann hinter eine starke Blutbuche, welche in der Nähe stand. Er lehnte das Gewehr an den Stamm derselben und griff dann zu seiner eigenen Doppelbüchse, welche an seiner Schulter hing.

Der Bär war langsam zwischen dem Gedorn hervorgetreten. Seine kleinen Augen blickten erst nach dem Neger, welcher mit den Händen an den unteren Aesten der Birke hing, und sodann nach Martin, der ihm entfernter stand. Er senkte den Kopf, öffnete den geifernden Rachen und ließ die Zunge lang her-


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vorhängen. Er schien zu überlegen, gegen welchen der beiden Feinde er sich zunächst wenden solle. Dann richtete er sich langsam und wackelnd auf die Hinterpranken empor. Er war sicherlich acht Fuß hoch und verbreitete jenen penetranten Geruch, welcher den Raubtieren der Wildnis allen mehr oder weniger eigen ist.

Von dem Augenblicke an, an welchem Bob von der Erde aufgesprungen war, bis jetzt, war noch keine Minute vergangen. Als der Neger das riesige Tier in einer Entfernung von kaum vier Schritten von sich so drohend aufgerichtet sah, zeterte er:

»For gods sake! Der Bär wollen fressen Massa Bob! Hinauf, hinauf, schnell, schnell!«

Er turnte sich mit krampfhaften Bewegungen immer weiter hinauf. Leider aber war die Birke so schwach, daß sie sich unter der Last des riesigen Schwarzen bog. Er zog die Füße möglichst weit empor und klammerte sich mit Armen und Beinen möglichst fest an, konnte sich aber doch nicht in reitender Stellung erhalten. Der dünne Wipfel des Bäumchens neigte sich nieder, und Bob hing nun an allen Vieren von demselben hernieder wie eine riesige Fledermaus.

Der Bär schien zu begreifen, daß dieser Feind leichter zu besiegen sei als der andere; er wendete sich nach der Birke und bot dadurch Martin seine linke Seite dar. Der junge Mann, welcher halb noch Knabe war, hatte nach der Brust gegriffen. Dort hing unter dem Jagdhemde die kleine Puppy, das blutige Andenken an sein unglückliches Schwesterchen.

»Luddy, Luddy!« flüsterte er. »Ich räche dich!«

Er legte mit sicherer, nicht zitternder Hand seine Büchse an. Der Schuß krachte, noch einer - - -

Bob ließ vor Schreck los.

"Jessus, Jessus!" schrie er. "Massa Bob sein tot, quite dead!"

»Jessus, Jessus!« schrie er. »Massa Bob sein tot, quite dead

Er stürzte herab, und die Birke schnellte in ihre natürliche Lage zurück.

Der Bär hatte zusammengezuckt, als ob er einen Stoß oder Schlag erhalten hätte. Er sperrte den fürchterlichen, mit gelben Zähnen bewehrten Rachen auf und that noch zwei langsame Schritte weiter. Der Neger streckte ihm beide Arme entgegen und schrie, an der Erde liegen bleibend:

»Massa Bob haben dir nichts wollen thun, haben nur wollen Opossum fangen!«

In demselben Augenblicke stand der kühne Knabe zwischen ihm und der Bestie. Er hatte sein abgeschossenes Gewehr fortgeworfen und die Flinte des Schwarzen ergriffen, deren Lauf er nun auf den Bären richtete. Er und das Tier standen nicht zwei Ellen voneinander. Seine Augen blitzten kühn, und um seinen zusammengepreßten Mund lag jener unerbittliche Zug, welcher deutlich sagte: du oder ich!

Aber anstatt loszudrücken, ließ er das Gewehr sinken und sprang zurück. Er hatte mit scharfem Blicke erkannt, daß dieser dritte Schuß nicht nötig sei. Der Bär stand still. Ein röchelndes Brummen drang aus seiner Kehle, ein brüllendes Stöhnen folgte; ein Zittern durchlief den Körper, die Vorderpranken sanken nieder, ein dunkler Blutstrom quoll über die Zunge, dann brach das Tier zusammen - - ein konvulsivisches Zucken - der Körper wälzte sich halb zur Seite und blieb dann unbeweglich hart neben dem Neger liegen.

»Help, Help - Hilfe, Hilfe!« wimmerte der letztere, noch immer die Arme starr ausgestreckt haltend, als ob er ohne Bewegung und Gelenke sei.

»Mensch, Kerl, Bob!« zürnte Martin. »Was jammerst du, alter Feigling!«

»Der Bär, der Bär!«

»Er ist ja tot!«

Da zog der Schwarze die Arme an sich, richtete sich in sitzende Stellung auf, ließ seinen Blick in fragender Angst zwischen dem Tiere und Martin hin und her gleiten und wiederholte:

»Tot, tot! Sein das wahr?«

»Natürlich.«


Ende des siebzehnten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk