Nummer 24

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

11. Juni 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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»Nun gut! Doch ooch deine Kleeder dürfen nich an die meinigen kommen, sonst duften wir zu zweet, und ich will dir dieses ehrenvolle Recht doch lieber alleene überlassen.«

»Massa Frank nur kommen! Massa Bob sich ganz sehr in acht nehmen!«

Es war wirklich eine Art von Heldentum zu nennen, daß der kleine Sachse jetzt zu dem Schwarzen trat. Winnetou, Old Shatterhand, Jemmy und Davy, die sonst so kühnen Männer, wagten es nicht. Streifte Frank nur leise eine Stelle an Bobs Kleidung, welche von der Flüssigkeit getroffen war, so verfiel er dem Schicksal eines Ausgestoßenen, wenn er es nicht vorzog, sich für immer seiner Kleidung zu entäußern.

Je näher er kam, desto stärker und widerlicher wurde der Gestank, welcher ihm fast den Atem nahm. Aber er hielt tapfer aus.

»Nun, schtreck mir mal den Arm entgegen, Schwarzer!« gebot er. »Gar zu nahe an dich heran will ich mich doch nich wagen.«

Bob gehorchte diesem Befehle, und der Sachse faßte mit der einen Hand die obere und mit der anderen die untere Kinnlade des Tieres, um den Neger zu befreien. Es gelang ihm das nur durch Aufbietung aller seiner Kräfte. Er mußte das Maul des Skunks geradezu aufbrechen und sprang dann eiligst wieder zurück. Es war ihm ganz schwindelig, als ob er umfallen müsse, so infernalisch roch der Neger.

Dieser war sehr froh, nun befreit zu sein. Seine Hand blutete zwar, aber er achtete nicht sogleich darauf, sondern rief:

»So, jetzt Massa Bob zeigt haben, wie mutig er sein. Glauben nun alle weiß und rot Massers, daß schwarzer Neger sich nicht fürchten?«

Er kam während dieser Worte auf die anderen zu. Da aber hob Old Shatterhand sein Gewehr empor, richtete es auf Bobs Brust und befahl:

»Bleib' stehen, sonst schieße ich dich nieder!«

»O Himmel! Warum wollen totschießen arm gut Massa Bob?«

»Weil du uns ansteckst, wenn du uns berührst. Lauf schnell fort, am Wasser abwärts hin, möglichst weit, und wirf alle deine Kleider von dir ab.«

»Kleider abwerfen? Massa Bob soll hergeben sein schön Kalikorock und schön Hosen und Weste?«

»Alles, alles! Dann kommst du zurück und setzest dich da in den Teich, so daß dir das Wasser bis an den Hals geht. Also schnell! Je länger du zögerst, desto länger behältst du den Gestank an dir.«

»Welch ein Unglück! Mein schön Anzug! Massa Bob ihn waschen, und dann nicht mehr riechen!«

»Nein, Massa Bob wird mir gehorchen, sonst schieße ich ihn augenblicklich nieder. Also - eins - zwei - und - drrrr - - -!«

Er schritt mit erhobenem Gewehr auf den Neger zu.

»Nein, nein!« schrie dieser. »Nicht totschießen! Massa Bob laufen fort, schnell, sehr schnell!«

Er verschwand eiligst im Dunkel der Nacht. Natürlich war die Drohung Old Shatterhands nicht ernst gemeint gewesen; sie bildete aber das beste Mittel, den Neger zum schnellen Gehorsam zu bringen. Er kehrte bald zurück und mußte sich in das Wasser des Teiches setzen, um sich unaufhörlich abzuwaschen. Als Seife erhielt er dazu ein dickes Gemengsel von Bärenfett und Holzasche, welche letztere ja bei den Feuern überflüssig vorhanden war.

»Wie schade um schön Fett vom Bären!« klagte er. »Massa Bob konnten einreiben sein Haar mit diesem Fett und sich machen viel schöne Löckchen. Massa Bob sein ein fein ringlet-man, aber doch kein geborener Nigger, denn er können Löckchen flechten, so lang, so sehr lang!«

»Wasch dich nur!« lachte Jemmy. »Denke jetzt nicht an deine Schönheiten, sondern an unsere Nasen!«

Der Schwarze verbreitete nämlich, trotzdem er sich seines Anzuges entledigt hatte und obgleich er im Wasser saß, einen penetranten Geruch.

"Aber", fragte er, "wie lange müssen Massa Bob hier sitzen und waschen?"

»Aber,« fragte er, »wie lange müssen Massa Bob hier sitzen und waschen?«

»Solange wir hier bleiben, also bis morgen früh.«

»Das können Massa Bob nicht aushalten!«

»Du wirst gezwungen werden, es auszuhalten. Eine andere Frage ist, ob die


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übrig gebliebenen Forellen es aushalten werden. Ich weiß nicht, ob die Fische Geruchsnerven besitzen, aber wenn es der Fall ist, so werden sie über den Besuch, den du ihnen jetzt machst, nicht sehr erfreut sein.«

»Und wann darf Massa Bob seinen Anzug holen, um auch ihn zu waschen?«

»Gar nicht. Der bleibt liegen, wo er liegt, denn er ist unbrauchbar geworden.«

»Aber was wird da arm Massa Bob nun anziehen?«

»Ja, das ist freilich eine schlimme Angelegenheit! Es gibt keinen Ersatz für dein Habit. Du wirst also wohl dich in das Grizzlyfell wickeln müssen, welches Martin heute erbeutet hat. Vielleicht finden wir droben zwischen den Felsengebirgen das übrig gebliebene Magazin eines urweltlichen marchand tailleur, woraus du dich mit Strümpfen und einem Havelock versehen kannst. Bis dahin aber wirst du in unserem Zuge aber die Nachhut bilden, denn wenigstens während der nächsten acht Tage darfst du uns nicht sehr nahe kommen. Also wasch nur fleißig, wasch! Denn je mehr du reibst, desto eher verliert sich der Geruch.«

Und Bob rieb aus Leibeskräften. Nur sein Kopf ragte aus dem Wasser hervor, und es war wirklich lustig zuzusehen, was für Grimassen er schnitt.

Die anderen waren indessen an das Lagerfeuer, an welchem sie vorher gesessen hatten, zurückgekehrt. Natürlich bildete zunächst das so tragikomisch abgelaufene Abenteuer den Gegenstand der Unterhaltung. Dann wurde der lange Davy gebeten, eines seiner Erlebnisse zu erzählen. Er gab diesem Wunsche Folge und berichtete von einer Zusammenkunft mit einem alten Trapper, welcher als Schießvirtuos bekannt gewesen war. Nachdem er einige Kunststücke dieses Mannes beschrieben hatte, fügte er die Bemerkung hinzu:

»Aber das ist alles nichts. Es gibt noch weit bessere Schützen. Ich kenne zwei, welche von niemand übertroffen werden, und diese beiden sitzen hier bei uns. Ich meine Winnetou und Old Shatterhand. Bitte, Sir, wollt Ihr uns nicht irgend einen von Euch ausgeführten Kapitalstreich erzählen? Ihr habt ja so viel erlebt, daß Ihr nur mit dem Aermel zu schütteln braucht, so fallen die Abenteuer zu Hunderten heraus.«

Diese letzten Worte waren an Old Shatterhand gerichtet. Dieser antwortete nicht sofort. Er holte tief Atem, als ob er etwas in der Luft Liegendes durch den Geruchssinn prüfen wolle.

»Ja, der Kerl dort im Wasser duftet noch ganz gehörig,« sagte Jemmy.

»O, ihm galt mein Atemzug nicht,« antwortete Old Shatterhand, indem er einen prüfenden Blick seitwärts auf sein Pferd richtete, welches aufgehört hatte zu grasen und die Luft prüfend durch die Nüstern sog.

»So riecht Ihr etwas anderes?« fragte Davy.

»Nein; aber ich denke, daß ich vielleicht verhindert sein werde, euch ein Abenteuer von mir bis zu Ende zu erzählen.«

»Warum?«

Anstatt direkt zu antworten, wandte Old Shatterhand sich zunächst halblaut zu Winnetou:

»Teschi-ini!«

Das heißt auf deutsch »paß auf!« Da die anderen die Sprache der Apachen nicht verstanden, so wußten sie nicht, was er meinte. Winnetou nickte und griff nach seiner Büchse, welche er neben sich liegen hatte. Er zog sie ganz nahe an sich heran.

Old Shatterhands Pferd wendete den Kopf schnaubend nach dem Feuer. Seine Augen funkelten.

»Isch-hosch-ni!« rief er dem Tiere zu, und es legte sich sofort in das Gras nieder, ohne ferner ein Zeichen von Unruhe merken zu lassen.

Da auch Old Shatterhand jetzt seinen Stutzen ganz an sich heranzog, so fragte Jemmy, welchem das Verhalten dieser beiden Männer aufgefallen war:

»Was habt Ihr, Sir? Euer Pferd scheint etwas zu wittern?«

»Es riecht den Duft des Negers, weiter nichts,« versuchte der Gefragte ihn zu beruhigen.

»Aber ihr beide greift zu den Waffen!«

»Weil ich mit Euch von dem Hüftenschusse sprechen will. Ihr habt doch wohl bereits von demselben gehört?«

»Natürlich!«

Aber Frank meinte, obgleich jetzt englisch gesprochen worden war, in seinem sächsischen Deutsch:

»Hören Sie, Master Shatterhand, da werden Sie sich wohl mehrschtenteels eenes falschen Ausdruckes bedient haben!«

»Wieso?«

»Das heeßt nämlich nich Hüftenschuß, sondern Hexenschuß. Wer den bekommt, der geht sehre gebückt und lahm, denn es liegt ihm jämmerlich im Kreuze und in den Hüften, aber trotzdem ist der Ausdruck Hüftenschuß een orthographisch-medizinisch ganz falscher.«

Old Shatterhand ließ es sich, während Frank sprach, nicht merken, daß er ebenso wie Winnetou den jenseits des Baches und Teiches liegenden Waldesrand und die wirr unter- und übereinanderliegenden Trümmer des Windbruches mit scharfem Blicke absuchte. Er hatte seinen Hut so weit in die Stirn gezogen, daß die Augen tief im Schatten lagen und man nicht genau zu sehen vermochte, nach welcher Richtung und auf welchen Gegenstand sie gerichtet waren. Dennoch antwortete er im unbefangensten Tone:

»Bitte, mein bester Frank, ich weiß gar wohl, was Hexenschuß ist. Es war aber ein anderer Schuß von mir gemeint.«

»Ach so! Nun, welcher denn?«

»Der Hüftenschuß, wie ich sagte. Damit meine ich den Schuß, bei welchem man das Gewehr nicht wie gewöhnlich anlegt, sondern es nur bis an die Hüfte erhebt.«


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»Da kann man doch gar nicht zielen!«

»Es ist allerdings schwierig, sich die dazu nötige Fertigkeit anzueignen, und es gibt gar manchen guten Westmann, welcher sein Ziel niemals fehlt, aber beim Hüftenschuß regelmäßig vorüberschießt.«

»Wozu hat man da den Hüftenschuß erfunden? Es ist doch besser, man zielt in der gewöhnlichen Weise, in der man des Treffens sicher ist.«

»Nein! Es gibt Lagen, in denen man ohne die erwähnte Fertigkeit des Todes sein würde.«

»Das ist mir aber unbegreiflich.«

»So will ich es Euch erklären.«

Sein Auge fuhr nochmals mit scharfem Bücke nach der bereits erwähnten Gegend hinüber; dann fuhr er fort:

»Der Hüftenschuß wird nämlich bloß vorgenommen, wenn man sitzt oder am Boden liegt, um den Gegner nicht wissen zu lassen, daß man überhaupt zu schießen beabsichtigt; denkt Euch einmal, es befänden sich feindliche Indianer in der Nähe, welche die Absicht hätten, uns zu überfallen. Sie senden ihre Kundschafter aus, welche sich anschleichen, um zu erfahren, wie stark wir sind, ob unser Lagerplatz ihren Absichten günstig sei, und ob wir die nötige Vorsicht nicht aus dem Auge lassen. Diese Kundschafter kommen auf Händen und Füßen herbeigekrochen -«

»Aber sie müssen doch von unseren ausgestellten Posten bemerkt und entdeckt werden!« warf Frank ein.

»Das ist nicht so gewiß, wie Ihr denkt. Ich zum Beispiel habe mich bis in das Zelt Tokvi-teys geschlichen, obgleich er Posten ausgestellt hatte und trotzdem das Terrain aus einer flachen Grasebene bestand. Hier aber stehen rundum Bäume, welche das Anschleichen außerordentlich erleichtern, und unsere Posten sind, wie Ihr ja gehört habt, in dem Wahne, daß es hier gar keine Feinde geben könne. Sie werden also wohl nicht gar zu aufmerksam sein. Doch weiter! Die Kundschafter haben sich an unseren Posten vorübergeschlichen. Sie liegen am Rande des Waldes, hinter oder zwischen dem vom Windbruche aufgehäuften Holzgewirr, und beobachten uns. Gelingt es ihnen, zu den Ihrigen zurückzukehren, so sind wir vielleicht verloren; wir werden angegriffen, ohne es geahnt zu haben, und also vernichtet. Das beste Gegenmittel ist, die Kundschafter unschädlich zu machen -«

»Also sie erschießen?«

»Ja! Im Princip bin ich gegen alles Blutvergießen; aber in einem solchen Falle wäre es ja Selbstmord, wenn man den Feind schonen wollte. Man muß ihm die Kugel geben und zwar so, daß sie tötet.«

»Tkih akan - sie sind nahe,« flüsterte der Häuptling der Apachen.

»Teschi-schi-tkih - ich sehe sie,« antwortete Old Shatterhand.

»Naki - zwei!«

»Ha-oh - ja!«

»Schi-ntsage, ni-akaya - nimm du diesen, und ich nehme jenen!«

Dabei ließ der Apache seine Hand von links nach rechts gleiten.

»Tayassi - in die Stirn,« nickte Old Shatterhand.

»Sagt uns doch, Sir, was für Heimlichkeiten ihr miteinander habt?« fragte der lange Davy.

»Nichts Ungewöhnliches! Ich sagte dem Häuptling in der Sprache der Apachen, daß er mir beistehen solle, Euch zu erklären, was es mit dem Hüftenschuß für eine Bewandtnis hat.«

»Na, das weiß ich schon. Mir ist er freilich nie gelungen, so sehr ich mich geübt habe. Und um auf Eure vorigen Worte zurückzukommen, so müßte man doch die Kundschafter gesehen haben, bevor man sie erschießen kann.«

»Natürlich!«

»In der Dunkelheit des Dickichts da drüben?«

»Ja!«

»Sie werden sich aber hüten, so weit aus demselben herauszukommen, daß man sie sehen kann!«

»Hm! Ich wundere mich über Eure Worte, denn ich habe Euch für einen tüchtigen Westmann gehalten.«

»Na, hoffentlich bin ich auch kein Grünschnabel!«

»So müßt Ihr wissen, daß die Kundschafter nicht hinter dem Dickicht versteckt bleiben können. Wenn sie uns sehen und beobachten wollen, so müssen sie doch wenigstens die Augen, also einen Teil des Gesichtes, hervorstrecken.«

»Und das wollt Ihr sehen?«

»Gewiß.«

»Alle Wetter! Ich habe freilich gehört, daß es Westmänner gebe, welche die Augen eines anschleichenden Feindes in dunkler Nacht zu entdecken vermögen. Da unser dicker Jemmy zum Beispiel behauptet es auch zu können; aber er hat noch keine Gelegenheit gehabt, es mir zu beweisen.«

»Nun, was das betrifft, so kann ganz unerwartet die Gelegenheit kommen, diesen Beweis zu liefern.«

»Sollte mich freuen! Ich habe die Sache für unmöglich gehalten; aber wenn Ihr mir sagt, daß es wahr sei, so glaube ich es.«

Shatterhand musterte den Waldesrand abermals, nickte befriedigt vor sich hin und antwortete:

»Habt Ihr vielleicht einmal des Nachts im Meere die Augen einer Tintorera, eines Haifisches, glänzen sehen?«

»Nein!«

»Nun, diese Augen sieht man ganz deutlich. Sie haben einen phosphoreszierenden Glanz. Jedes andere, auch das Menschenauge, besitzt denselben Glanz, allerdings nicht in dieser Stärke. Und je mehr des Nachts die Sehkraft eines Auges angestrengt ist, desto deutlicher ist dasselbe trotz der Dunkelheit zu bemerken. Befände sich zum Beispiel jetzt da drüben in dem Gebüsch ein Kundschafter, welcher uns beobachtete, ich würde seine Augen sehen und Winnetou ebenso.«

»Das wäre stark!« meinte Davy. »Was sagst du dazu, mein alter Jemmy?«

»Ich denke, daß ich auch nicht blind bin,« antwortete der Gefragte. »Zum Glück sind wir hier vor einem solchen Besuche sicher. Es ist immerhin eine heikle Sache, in die Lage zu kommen, in welcher ein guter Hüftenschuß notwendig ist. Nicht wahr, Sir?«

»Ja,« nickte Old Shatterhand. »Schaut her, Master Frank! Also gesetzt, da drüben befindet sich ein feindlicher Kundschafter, dessen Augen ich zwischen den Blättern glänzen sehe. Ich muß ihn natürlich töten, sonst riskiere ich mein eigenes Leben. Aber wenn ich, wie man es gewöhnlich macht, das Gewehr an die Wange lege, so sieht er doch, daß ich schießen will, und zieht sich augenblicklich zurück. Vielleicht hat er gar bereits seinen Lauf auf mich gerichtet und feuert seinen Schuß eher ab, als ich den meinigen. Das muß ich vermeiden, indem ich eben den Hüftenschuß in Anwendung bringe. Bei demselben sitzt man ruhig und scheinbar unbefangen da, wie ich jetzt. Man greift zur Büchse, welche eng an der rechten Seite liegt, und hebt sie langsam ein wenig empor, als ob man etwas nachsehen oder nur mit ihr spielen wolle. Man senkt, so wie ich jetzt, den Kopf, als ob man abwärts blicke, hat aber das Auge im Schatten der Hutkrämpe und hält den Blick scharf auf das Ziel gerichtet, wie gesagt, geradeso wie Winnetou und ich jetzt.«

So wie er in Worten erklärte, so that er auch, und der Apache ebenso.

»Man drückt den Kolben mit der rechten Hand fest an die Hüfte und den Lauf an das Knie, greift mit der linken nach rechts hinüber und legt sie oberhalb des Schlosses an das Gewehr, welches dadurch eine höchst sichere Lage erhält, legt den Zeigefinger der rechten Hand an den Drücker, richtet den Lauf so, daß die Kugel nahe über den Augen, also in die Stirn des Kundschafters einschlagen muß, ein Zielen, welches allerdings gelernt sein will, und drückt los - - da!«


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Sein Schuß blitzte auf, und in demselben Augenblicke krachte auch derjenige des Apachen. Beide sprangen dann blitzschnell vom Boden auf. Winnetou schnellte, sein Gewehr von sich werfend und das Messer aus dem Gürtel reißend, wie ein Panther über den Bach hinüber und in das Dickicht hinein.

»Uhvai k'unun! Uhvai pa-ave! Uhvai umpare! - die Feuer aus! Nicht bewegen! Nicht sprechen!« rief Old Shatterhand im Utahdialekte der Schoschonen.

Zugleich warf er, indem er mit dem bestiefelten Fuße in das Feuer, an welchem er gesessen hatte, fuhr, die Brände desselben in den Teich. Dann sprang er dem Apachen nach.

Die Schoschonen waren ebenso wie die Weißen bei dem Knall der beiden Schüsse emporgesprungen. Die geistesgegenwärtigen roten Krieger befolgten, als sie Old Shatterhands Ruf hörten, im Augenblicke seinen Befehl, indem sie die Brände ins Wasser schleuderten. Im Nu herrschte tiefe Dunkelheit, und doch waren seit den Schüssen kaum vier oder fünf Sekunden vergangen.

Auch das Gebot, still zu sein, wurde berücksichtigt, nur von einem nicht, nämlich von dem im Wasser sitzenden Neger, um dessen Kopf die Feuerbrände flogen und zischend in der Flut verlöschten.

»Jessus, Jessus!« schrie er auf. »Wer haben da schießen? Warum werfen Feuer auf arm Massa Bob? Soll Massa Bob verbrennen und versaufen? Soll er werden gekocht wie Karpfen? Warum es dunkel werden? Oh, oh, Massa Bob sehen gar niemand mehr!«

»Schweig, Dummkopf!« rief Jemmy ihm zu.

»Warum soll Massa Bob schweigen? Warum jetzt nicht - -«

»Still! Sonst wirst du erschossen! Es sind Feinde hier!«

Von diesem Augenblicke an war »Massa Bobs« Stimme nicht mehr zu hören. Er saß bewegungslos im Wasser, um seine teure Gegenwart dem Feinde ja nicht zu verraten.


Ende des dreiundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk