Nummer 25

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

18. Juni 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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Stille war es rundum. Nur ein zeitweiliges Hufstampfen oder das Schnauben eines Pferdes ließ sich hören. Die so unerwartet aus ihrer Sicherheit aufgeschreckten Männer hatten sich eng zusammengedrängt. Die Indianer sprachen kein Wort; die Weißen aber flüsterten einander leise Bemerkungen zu.

»Was ist denn los? Was ist denn geschehen, Herr Pfefferkorn?« fragte der Hobble-Frank. »Die zwee Beeden brauchten doch gar nich zu schießen. Wir hätten die Erklärung ooch ohne die Schüsse verschtanden. Oder sollten in Wirklichkeet sich feindselige Wesen in unserer Nähe befinden?«

»Ganz gewiß. Was Old Shatterhand als bloßes Beispiel darstellte, das fand in Wirklichkeit statt. Er hat einen oder wohl gar mehrere Kundschafter gesehen.«

»Alle Teufel! Das kann zuweilen für uns äußerscht gefährlich werden! Es müssen mehrere Kerls gewest sein, sonst hätte der Apache nich ooch mit geschossen. Was ist da zu thun?«

»Wir müssen ruhig warten, bis die beiden zurückkehren.«

»Hm! Die sind übers Wasser nüber! So eene unvorsichtige Verwegenheet! Wenn sie nun da drüben von den Kundschaftern erwischt und um ihr bißchen irdisches Dasein gebracht werden!«

»Pah! Diese zwei Männer wissen ganz genau, was sie thun. Zunächst ließ Old Shatterhand die Feuer auslöschen, damit niemand auf uns zielen könne, falls außer den beiden Erschossenen noch mehr Feinde vorhanden sein sollten.«

»So denken Sie also, daß die Kerls wirklich erschossen worden sind?«

»Ich will sogar mitwetten, daß die genau in die Stirne getroffen wurden.«

»Das wäre mehr als schtark! Das wäre sogar schtärker und am schtärksten! Was da für Oogen dazu gehören! Und nun suchen sie drüben wohl, ob der Feind in größerer Menge angezogen kommt?«

Ehe Jemmy antworten konnte, ertönte Old Shatterhands laute Stimme:

»Ein Feuer wieder anbrennen! Haltet euch aber fern von demselben, damit ihr nicht gesehen werdet.«

Jemmy und Davy knieten nieder, um diesen Befehl zu erfüllen, und zogen sich dann schleunigst in die Dunkelheit zurück.

»Erscht wird das Feuer ausgelöscht und nun wieder angebrannt. Wozu denn aber? Ich kann das nich begreifen!« flüsterte Frank dem Dicken zu.

»Das ist auch nicht notwendig,« antwortete dieser. »Darauf, daß gerade Sie es begreifen sollen, ist es wohl auch gar nicht angefangen.«

»Aber eenen Zweck muß es doch haben!«

»Allerdings. Unsere beiden Anführer haben das Terrain erst im Dunkel abgesucht und jedenfalls weiter nichts Verdächtiges gefunden. Nun wollen sie wohl tiefer in den Wald hinein. Da werden sie einen weiten Kreis um das Lager beschreiben, und indem sie auf dem Boden hinkriechen und dabei immer gegen das Feuer blicken, kann ihren scharfen, geübten Augen nichts Verdächtiges entgehen.«

»So also ist's gemeent! Hören Sie mal, mein lieber Herr Pfefferkorn, tüchtige Kerls sind diese zwee Beeden! Zu dem, was sie können und was sie wagen, gehört wirklich mehr als Zuckerwassertrinken! Ich gloobe nich, daß ich's zu schtande brächte. Aber wenn's zum Kampfe kommt, da schtelle ich meinen Mann; das können Sie mir gern und dreiste glooben!«

»Ich hoffe das, da Sie es jedenfalls gut verstehen, mit Ihrem Gewehre umzugehen.«

»Na, und ob und wie! Aber sehen Sie doch mal hin nach dem Teiche! Da sitzt der Bob noch immer. Er hat den Kopf so tief niedergezogen, daß ihm das Wasser bis an den Mund geht. Der will nich erschossen sein und doch ooch nich ertrinken.«

»Er mag allerdings keine geringe Besorgnis fühlen. Schau! Da kommen sie!«

Im Scheine des Feuers waren Winnetou und Old Shatterhand zu sehen, welche zurückkehrten, jeder mit einem Gewehre in der Hand und einem Indianer auf der Schulter. Die anderen wollten sich um sie drängen, aber Old Shatterhand sagte:

»Jetzt gibt es keine Zeit zu Auseinandersetzungen. Diese beiden Toten werden auf Reservepferde gebunden und dann brechen wir auf. Es sind zwar nur die beiden hier am Lager gewesen, aber man kann nicht wissen, wie viele hinter ihnen stehen. Also schnell.«

Beide Leichen hatten ein rundes Loch in der Stirn und auch ein solches im Hinterkopfe. Die Kugeln waren ihnen also durch den Kopf gegangen, ganz wie Old Shatterhand zu Winnetou gesagt hatte: »Tayassi - in die Stirn.«

Die anderen waren wohl auch vortreffliche Schützen, eine so unglaubliche Sicherheit des Schusses aber setzte sie in das größte Erstaunen, und die Schoschonen flüsterten heimlich miteinander und warfen abergläubische Blicke auf die beiden berühmten Männer.

Der Aufbruch wurde schnell und still vorbereitet. Natürlich mußte das Feuer wieder verlöscht werden; dann setzten Winnetou und Shatterhand sich an die Spitze des Zuges, und der nächtliche Ritt begann.

Wohin er gehen solle, das fragte niemand. Man verließ sich auf die beiden Führer. Das Thal wurde bald so eng, daß einer hinter dem anderen reiten mußte. Dieser Umstand und die gebotene Vorsicht ließen kein Gespräch aufkommen.

Natürlich hatte man den Neger nicht im Wasser sitzen lassen. Er saß ohne Kleidung auf seinem Gaule und mußte am Ende des Zuges reiten, weil er das duftende Vermächtnis des Stinktieres noch sehr merklich an sich trug. Er hatte vom langen Davy dessen alte, zerfetzte Santillodecke, welche demselben als Sattel diente, erhalten und sie sich wie einen Südseeinsulanerschurz um die Hüften gewickelt. Er war mit sich und seinem Schicksale zerfallen, und sein immerwährendes leises Vorsichhinbrummen ließ vermuten, daß er allerhand trüben und zornigen Gedanken Audienz gebe.

So ging es in möglichster Stille und möglichster Schnelligkeit stundenlang fort, erst durch das enge Thal, dann eine breite, kahle Berglehne empor, drüben wieder hinab, über eine vielfach gewundene, schmale Prairie, und als der Tag endlich zu grauen begann, stieg vor den Reitern ein steiler Paß zwischen hohe, dunkel bewaldete Berge hinein. Dort, am Fuße der letzteren, blieben die beiden Führer halten und stiegen von ihren Pferden. Die anderen folgten diesem Beispiele.

Die beiden Leichen wurden von den Pferden genommen und auf die Erde gelegt. Die Schoschonen bildeten einen weiten Kreis um die Stelle. Sie wußten, daß jetzt eine Untersuchung beginnen werde, deren Schwierigkeit sie sehr gut kannten. Hier durften zunächst nur die Häuptlinge sprechen; die gewöhnlichen Krieger mußten es abwarten, ob man sie mit zu Rate ziehen werde oder nicht.

Die Toten waren nach indianischer Weise teils in Zeug und teils in Leder gekleidet. Ihr Alter war kaum mehr als zwanzig Jahre.

»Das dachte ich mir,« sagte Old Shatterhand. »Nur unerfahrene Krieger öffnen, wenn sie ein feindliches Lager beschleichen, die Augen so vollständig, daß deren Leuchten so gut bemerkt werden kann. Ein schlauer Kundschafter aber versteckt das Auge halb unter Lid und Wimper. Dann ist es selbst für unsereinen schwer, seinem Blicke mit dem unserigen zu begegnen. Aber zu welchem Stamme gehören sie?«

Diese Frage war an Jemmy gerichtet.

»Hm!« brummte dieser. »Werdet Ihr glauben, Sir, daß Euere Frage mich verlegen macht?«

»Ich glaube es, denn ich kann sie in diesem Augenblicke selbst auch nicht beantworten. Auf einem Kriegszuge befinden sie sich; das ist sicher, denn die Kriegsfarben in ihren Gesichtern sind zwar ziemlich verwischt, aber doch vorhanden. Schwarz und rot! Die Farben der Ogallala. Aber die Kerls scheinen doch keine Sioux zu sein. Aus ihrer Kleidung ist nichts zu ersehen. Durchsuchen wir doch einmal ihre Taschen!«

Dieselben waren vollständig leer. Trotz sorgfältigsten Suchens war nicht die geringste Kleinigkeit zu finden. Bei jeder Leiche hatte gestern abend ein Gewehr gelegen. Auch diese wurden untersucht. Sie waren geladen, zeigten aber kein Merkmal, aus welchem man auf die Stammesangehörigen der Erschossenen hätte schließen können.

»Vielleicht sind sie ganz ungefährlich für uns gewesen,« bemerkte der lange


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Davy. »Sie sind zufällig in die Gegend gekommen, in welcher wir lagerten, und haben uns zu ihrer eigenen Sicherheit beschleichen müssen. In diesem Falle wären sie fortgegangen, ohne uns ein Leid zu thun, und dann bedaure ich sehr, daß sie ihr Leben haben geben müssen.«

Old Shatterhand schüttelte den Kopf und antwortete:

»Ihr wollt ein Westmann sein, Master Davy? Wenn Ihr wirklich einer seid, so kann man von Euch verlangen, daß Ihr gelernt habt, folgerichtig zu denken.«

»Nun, Sir, ich meine, daß ich meine fünf Sinne beisammen habe.«

»Wirklich? Na, ich will nicht daran zweifeln. Aber der Ort, an welchem wir lagerten, war so beschaffen, daß man nicht zufällig an ihn gelangt. Diese Leute hier sind unserer Spur gefolgt.«

»Das beweist noch nichts gegen sie!«

»Nein. Aber sie haben ganz vorsichtigerweise alles von sich gethan, was auf ihren Stamm schließen lassen könnte. Das ist verdächtig. Sie waren mit Gewehren, aber nicht mit Munition versehen. Das ist noch verdächtiger, denn ohne Pulver und Blei entfernt kein Indianer sich von seiner Horde. Sie gehören unbedingt zu einer Truppe, deren Kundschafter sie sind.«

»Hm! vielleicht haben sie nicht einmal Pferde gehabt.«

»Nicht? Seht Euch doch einmal die Lederhose dieses einen an. Sind nicht die Beine an den inneren Seiten aufgerieben? Wovon soll das sein, wenn nicht vom Reiten!«

»Von früher her vielleicht.«

Old Shatterhand kniete nieder und hielt seine Nase an die Hose. Dann sagte er, wieder aufstehend:

»Riecht einmal dieses Beinkleid an! Der Pferdegeruch ist nicht zu verkennen; da er aber in der Wildnis schnell vergeht, so will ich um viel mitwetten, daß diese beiden Roten noch gestern zu Pferde gesessen haben.«

Da trat Wohkadeh, welcher bisher in respektvoller Entfernung gestanden hatte, herbei und sagte:

»Die berühmten Männer mögen Wohkadeh erlauben, ein Wort zu sprechen, obwohl er noch jung und unerfahren ist!«

»Sprich immerhin,« nickte Old Shatterhand ihm wohlwollend zu.

»Wohkadeh kennt zwar nicht diese roten Krieger, aber er kennt das Jagdhemde des einen.« .

Er bückte sich nieder, hob den Saum des Jagdhemdes empor, deutete auf einen Schnitt, welcher sich in demselben befand, und erklärte:

»Wohkadeh hat sein Totem (Zeichen) hineingeschnitten, denn es sollte ihm gehören.«

»Ah! Das ist ein ganz wunderbares Zusammentreffen. Vielleicht erfahren wir nun Genaueres.«

»Wohkadeh kann nichts Sicheres sagen, aber er vermutet, daß diese beiden jungen Krieger zum Stamme der Upsarocas gehören.«

So nennen sich die Krähenindianer.

»Welchen Grund hat mein junger Bruder zu dieser Vermutung?« fragte Old Shatterhand.

»Wohkadeh war dabei, als die Upsarocas von den Sioux Ogallala bestohlen wurden. Wir kamen von dem langgestreckten Berge her, welchen die Bleichgesichter den Rücken des Fuchses nennen, und gingen über den nördlichen Arm des Cheyenneflusses, da, wo derselbe sich zwischen dem dreifachen und dem Inyancara-Berge hindurchwindet. Während wir zwischen dem Berge und dem Flusse hinritten, bogen wir um die Ecke eines Waldes und sahen viele rote Männer, welche im Wasser badeten. Es war ein heißer Tag. Die Ogallalas hielten eine kurze Beratung. Die Badenden waren Upsarocas, also Feinde von ihnen. Es wurde beschlossen, ihnen die größte Schande anzuthun, welche einem roten Krieger widerfahren kann - - -«

»Alle Teufel!« rief Old Shatterhand. »Sie haben ihnen doch nicht etwa die größten Heiligtümer, ihre Medizinbeutel, rauben wollen?«

»Mein weißer Bruder hat es erraten.«

»So weiß ich nun alles, was du erzählen willst. Aber sprich nur weiter!«

»Die Sioux-Ogallala ritten unter den Bäumen hin bis zur Stelle, an welcher die Pferde der Upsarocas weideten. Dort lagen deren Kleider und Waffen, dazu auch die Medizinen, die sonst kein Krieger vom Halse nimmt. Die Ogallala stiegen ab und schlichen sich hinzu. Da ein Gebüsch zwischen dem Orte und dem Flusse war, so gelang es ihnen leicht, den Diebstahl auszuführen, denn sie konnten von den Badenden nicht bemerkt werden.«

»Hatten diese denn keine Wache zurückgelassen?«

»Nein. Sie konnten nicht vermuten, daß ein Trupp feindlicher Ogallala dahin kommen könne, wo damals die Rosse der Upsarocas weideten. An den Waffen vergriffen die Sioux sich nicht, denn sie hatten ja selbst welche; aber die vorhandene Munition und einige Kleidungsstücke nahmen sie mit. -« Wohkadeh schwieg einen Augenblick.


Ende des vierundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk