Nummer 26

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

25. Juni 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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»Dann?« - frug Old Shatterhand.

»Dann,« fuhr Wohkadeh fort, »stiegen sie wieder auf ihre Pferde, ergriffen ihre Tiere und galoppierten mit denselben davon. Später gaben sie die schlechten frei und behielten die guten für sich. Als die Beute geteilt wurde, bekam Wohkadeh dieses Jagdhemd für sich. Er aber wollte kein Dieb sein, sondern er schnitt sein Totem hinein und warf es dann heimlich weg.«

»Wann war das?«

»Zwei Tage vorher, ehe ich von den Ogallala als Kundschafter gegen die Krieger der Schoschonen ausgesandt wurde.«

»Also ganz kürzlich erst. Sechs Tage später trafst du mit Jemmy und Davy zusammen. Jetzt ist mir alles klar, und es ist für uns ein großes Glück, daß wir diese beiden Upsaroca bemerkt und getötet haben. Hat Wohkadeh die Badenden gezählt?«

»Nein, aber es waren weit mehr als zehn.«

»Sie haben sich möglichst schnell mit neuen Pferden und neuer Munition versehen und sind den Dieben nach. Dabei wurde von ihnen dieses weggeworfene Jagdhemd gefunden, welches der rechtmäßige Eigentümer wieder an sich nahm.«

»Es kann aber auch anders sein,« warf Jemmy ein. »Kann nicht irgend ein ganz unbeteiligter Mensch das Hemd gefunden und angezogen haben?«

»Nein, denn in diesem Falle hatte er sein eigenes Kleidungsstück darunter. Dieser Tote hier aber hat unter demselben eine alte, zerfetzte Jacke auf dem Leibe, der man es wohl ansieht, daß sie nur als Aushilfe dienen mußte. Es gibt keine größere Schande für einen Indsman, als wenn ihm sein Heiligtum gestohlen wird. Er darf sich nicht eher wieder bei den Seinen sehen lassen, als bis er es sich wiedergeholt oder an seiner Stelle ein anderes geraubt und also den Besitzer desselben getötet hat. Der Indianer, welcher auszieht, um einen verlorenen Medizinsack zu ersetzen, entwickelt eine beinahe wahnsinnige Verwegenheit. Es ist ihm ganz gleich, ob er einen Freund oder einen Feind tötet, und so bin ich vollständig überzeugt, daß wir gestern abend einer außerordentlichen Gefahr entgangen sind. Wie nun, bester Jemmy, wenn wir uns auf Eure Augen hätten verlassen müssen?«

»Hm!« antwortete der Dicke, indem er mit der Hand unter den Hut fuhr, um sich verlegen zu kratzen. »In diesem Falle lägen wir irgendwo in aller Ruhe, aber ohne Skalp und Leben. Ich verstehe zwar auch, des Nachts ein Auge zu erkennen, aber gestern war ich so überzeugt, daß kein feindliches Wesen in der Nähe sei, und habe mich also um dergleichen gar nicht bekümmert. Ihr meint also wohl, daß die Upsarocas hinter uns her sind?«

»Jedenfalls folgen sie uns. Jetzt nun erst recht, da wir zwei der Ihrigen getötet haben.«

»Das wissen sie wohl nicht genau.«

»Sie werden jedenfalls das Blut finden. Es mag zwar wenig aus den Wunden geflossen sein, aber doch so viel, daß es heute am Tage bemerkt wird.«

»So müssen wir also für heute abend auf einen Ueberfall vorbereitet sein.«

»Sie mögen kommen,« meinte der lange Davy. »Wohkadeh sagt, sie seien über zehn gewesen; sagen wir zwanzig, so sind wir ihnen mehr als doppelt überlegen.«

»So rechne ich nicht,« entgegnete Old Shatterhand. »Wenn wir es zu einem nächtlichen Ueberfalle kommen lassen, so fließt Blut, mag das nun das unserige oder das ihrige sein. Siegen würden wir sicher, aber einige von uns müßten doch wohl diesen Sieg mit dem Leben bezahlen. Das können wir vermeiden. Was sagt mein roter Bruder dazu?«

Diese Worte waren an Tokvi-tey, den Häuptling der Schoschonen gerichtet. Er blickte eine Weile sinnend vor sich nieder und fragte dann:

»Wollen meine weißen Brüder nicht eine Beratung halten? Die roten Krieger beginnen nichts, bevor sie nicht die Meinung der Erfahrenen gehört haben.«

»Das werden wir ja auch; aber zu einer Beratung, wie die roten Krieger sie gewöhnt sind, haben wir keine Zeit. Sind die Upsarocas jetzt Feinde der Schoschonen?«

»Nein. Sie sind die Feinde der Sioux-Ogallala, welche auch unsere Feinde sind. Wir haben gegen sie nicht das Beil des Krieges ausgegraben; aber ein Krieger, welcher eine Medizin sucht, ist der Feind aller Menschen. Man muß sich gegen ihn verwahren wie gegen ein wildes Tier. Meine weißen Brüder mögen klug sein und Vorkehrungen zu unserer Sicherheit treffen!«

Jetzt warf Old Shatterhand einen fragenden Blick auf Winnetou, welcher bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte. Es war wirklich zum Verwundern, wie gut sich diese beiden verstanden. Ohne daß Old Shatterhand irgend einem Plane Worte gegeben hatte, erriet Winnetou seine Gedanken, denn der Apache antwortete:

»Mein Bruder beabsichtigt das Richtige.«

»Einen Bogen rückwärts reiten?«

»Ja. Winnetou stimmt bei.«

»Das freut mich. In diesem Falle sind wir nicht die Angegriffenen, sondern die Angreifer, und da es am Tage geschieht, so werden die Upsarocas sehen, wie sehr wir ihnen überlegen sind. Vielleicht ergeben sie sich uns freiwillig.«

»Werden sich hüten!« meinte Jemmy.

»Ich hoffe es dennoch. Es kommt ganz darauf an, wie wir es anfangen. Wenn ich mich nicht irre, so erreicht man von, hier aus in zwei Stunden einen Ort, welcher sich ganz ausgezeichnet zur Ausführung meines Planes eignet.«

»So wollen wir hier nicht unnötig die Zeit versäumen. Je länger wir hier bleiben, desto weniger Muße haben wir dort, uns vorzubereiten. Was aber fangen wir mit diesen Toten an?«

»Die Skalpe dieser beiden Krieger gehören Old Shatterhand und dem Häuptling der Apachen, von denen sie getötet wurden,« antwortete Tokvi-tey.

»Ich bin ein Christ. Ich skalpiere nicht,« sagte der erstere.

Und Winnetou antwortete mit einer abweisenden Handbewegung:

»Der Häuptling bedarf nicht des Skalpes dieses Knaben, um seinen Namen berühmt zu machen. Diese Toten sind unglücklich genug, da sie ohne ihr Heiligtum nach den ewigen Jagdgründen gegangen sind. Man soll nicht auch noch ihre Seelen töten, indem man ihnen die Skalplocke nimmt. Sie mögen ruhen unter Steinen, mit ihren Gewehren, denn sie sind als Krieger gestorben, welche den Mut gehabt haben, sich an das Lager ihres Feindes zu wagen.«

Das hatte der Anführer der Schoschonen nicht erwartet. Er fragte mit allen Zeichen des Erstaunens:

»Meine Brüder wollen denen, welche nach ihrem Leben trachteten, ein Begräbnis geben?«

»Ja,« antwortete Old Shatterhand. »Wir werden ihnen ihre Gewehre in die Hand geben, sie aufrecht setzen, mit den Gesichtern nach der Gegend der heiligen Steinbrüche, und dann Steine auf sie legen. So ehret man die Krieger. Wenn dann ihre Brüder kommen, um uns zu verfolgen, so werden sie erkennen, daß wir nicht ihre Feinde, sondern ihre Freunde sind.«

»Meine beiden berühmten Brüder thun, was ich nicht begreife!«

»Würdest du dich nicht freuen, wenn du die Deinen so begraben fändest?«

»Tokvi-tey würde sich sehr freuen und daraus erkennen, daß die Feinde edle Krieger seien.«

»So zeig', daß auch du ein edler Krieger bist, und gebiete deinen Männern, Steine zu holen, mit denen wir die Hügel errichten!«

Das Begriffsvermögen der Schoschonen reichte nicht aus, sich in die Ansichten der beiden Männer hineinzudenken, doch hegten sie vor ihnen eine solche achtungsvolle Scheu, daß sie sich nicht weigerten, dem ausgesprochenen Wunsche zu entsprechen.

Die beiden Gefallenen wurden in sitzende Stellung aufgerichtet, einer rechts und der andere links vom Eingange des Passes, mit den Gesichtern nach Nordost gerichtet.


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Sie erhielten ihre Gewehre in die Hände und wurden dann mit Steinen bedeckt. Als diese Arbeit beendet war, wurde wieder aufgebrochen. Vorher aber sagte Winnetou zu Old Shatterhand:

»Der Häuptling der Apachen wird hier zurückbleiben, um die Ankunft der Upsarocas zu beobachten. Der junge Sohn des Bärentöters mag an seiner Seite sein.«

Das war eine Auszeichnung für Martin Baumann, welche dieser sehr wohl zu würdigen verstand. Es erfüllte ihn mit freudigem Stolz, zu dieser Bevorzugung auserwählt worden zu sein. Diese beiden blieben also zurück, und die anderen ritten unter Old Shatterhands Führung weiter.

Jetzt, da es Tag war, ging der Ritt bedeutend schneller vor sich als während der vergangenen Nacht. Zuweilen eben, meist aber bergan, führte der Paß tief zwischen langgezogene Höhen hinein. Nach Verlauf von zwei Stunden, also der angegebenen Zeit, traten die Höhen zu einem Cannon zusammen, eng, hoch, und fast lotrecht emporsteigend. Der Paß war nur so breit, daß drei Reiter nebeneinander Platz finden konnten. Es war ganz unmöglich, zu Fuße, viel weniger aber zu Pferde, an den Seiten emporzuklimmen. Da blieb Old Shatterhand halten. Er deutete in den schnurgerade fortlaufenden Cannon hinein und erklärte:

»Wenn die Upsarocas kommen, werden wir sie hier eindringen lassen. Die Hälfte von uns bleibt unter der Anführung Tokvi-teys und Winnetous hier versteckt zurück und bricht, sobald ich mein Gewehr abschieße, hinter dem Feinde in die Enge ein. Die andere Hälfte postiert sich mit mir an den Ausgang des Passes. Auf diese Weise wird der Feind vollständig eingeschlossen und hat nur die Wahl, entweder elend niedergeschossen zu werden oder sich freiwillig zu ergeben.«

Das leuchtete allen ein. Das Terrain war ganz zur Ausführung dieses Planes geeignet.

»Die Upsarocas müßten aber doch geradezu mit Ruten gepeitscht werden, wenn sie so dumm wären, in die Falle zu gehen,« sagte der dicke Jemmy.

»Sie werden natürlich nicht sofort hineinschlüpfen,« antwortete Old Shatterhand. »Sie werden hier halten und sich beraten. Da ist nun freilich die Hauptsache, daß sie durch nichts auf die Anwesenheit unserer Krieger aufmerksam gemacht werden. Diese müssen sich also hier so gut verstecken, daß es unmöglich ist, sie zu bemerken. Tokvi-tey ist ein tapferer und auch kluger Krieger. Er wird seine Befehle geben. Und wenn nachher Winnetou kommt, welcher ja auch mit hierbleiben soll, so führen zwei Männer, auf welche ich mich wohl verlassen kann, den Befehl.«

Das schmeichelte dem Häuptling der Schoschonen. Es stand zu erwarten, daß er sehr besorgt sein werde, das auf ihn gesetzte Vertrauen nicht zu täuschen. Er blieb mit dreißig seiner Leute zurück und begann sofort, das Terrain zu rekognoszieren, um die geeigneten Maßregeln zu ergreifen. Glücklicherweise war der Boden so felsig, daß an eine erkennbare Fährte gar nicht gedacht werden konnte, und rückwärts des Cannons stand der Wald so dicht, daß es nicht schwer erschien, ein gutes Versteck zu finden.

Old Shatterhand durchritt mit den anderen den Cannon. Dieser war so kurz, daß man, am Eingange desselben stehend, den Ausgang recht wohl sehen konnte. Dort, wo er plötzlich wieder zum breiten Passe wurde, bestand der Boden aus Humuserde, aus welcher riesige Bäume zum Himmel ragten. Zwischen den Stämmen derselben lagen zahlreiche zerstreute Felsstücke.

Hatten die Leute erwartet, daß Old Shatterhand hier sofort anhalten werde, so hatten sie sich getäuscht. Er ritt vielmehr weiter und ließ dabei sein Pferd kurbettieren, um eine recht deutliche, auffällige Fährte zurückzulassen.

»Aber, Sir,« sagte der dicke Jemmy, »ich denke, wir sollen hier am Ausgange der Schlucht bleiben!«

»Ja, das werden wir freilich. Aber folgt nur vorher noch eine Strecke, und sorgt dafür, daß wir eine gute Spur machen! Eigentlich solltet Ihr gar nicht fragen, Master Jemmy. Was ich thue, das ist ja ganz selbstverständlich.«

Er ritt wohl noch eine ziemliche Viertelstunde weiter. Dann hielt er an, wendete sich zu den anderen um und fragte.

»Nun, Mesch'schurs, wißt ihr, warum ich so weit vorgeritten bin?«

»Etwa wegen wahrscheinlicher Kundschafter?« antwortete Jemmy.

»Ja. Die Upsarocas werden sich nicht eher in den Paß wagen, als bis sie sich durch Kundschafter überzeugt haben, daß das vor ihnen liegende Terrain sicher ist. Ich vermute, daß diese Kundschafter an einen Hinterhalt denken und also äußerst vorsichtig sein werden. Wir lassen unsere Gegenwart nicht merken, stellen ihnen auch kein Hindernis, welches nicht ganz notwendig ist, in den Weg, und warten dann das übrige ruhig ab.«

»Und was thun wir jetzt?«

»Jetzt kehren wir zum Ausgange des Cannons zurück, natürlich aber nicht auf dieser Fährte, sondern wir biegen hier zur Seite in den Wald hinein. Folgt mir nur!«

Die Seitenwände des Passes bildeten hier eine nicht sehr steile Böschung, welche von den Pferden unschwer erklommen werden konnte. Old Shatterhand ritt den Seinigen voran, ein gutes Stück der Steilung hinan, und dann bog er nach dem Ausgange des Cannons zurück. Als er sein Pferd anhielt, befand sich seine Schar parallel mit dem Ende der Schlucht auf halber Höhe oben. Von hier aus konnte man selbst zu Pferde in wenigen Sekunden hinunter gelangen und den Ausgang besetzen.

Die Reiter stiegen von den Pferden und banden dieselben an die Bäume. Sie selbst nahmen in Gruppen, wie die Personen sich beliebig zusammenfanden, in dem weichen Moose Platz. Natürlich waren es die Weißen, welche zunächst beieinander saßen. Nur Wohkadeh hatte sich ihnen angeschlossen; von den Schoschonen wagte sich keiner in ihre unmittelbare Nähe.

»Ob wir lange werden warten müssen?« meinte Jemmy.

»Das können wir uns so ziemlich sicher ausrechnen,« antwortete der Anführer. »Die Upsarocas werden bei Anbruch des Tages nach ihren beiden Kundschaftern geforscht haben. Bis sie entdecken, was am Lager geschehen ist, können sie wohl zwei Stunden zubringen. Da angekommen, wo wir die beiden Grabhügeln errichtet haben, werden sie dieselben öffnen und untersuchen. Nehmen wir an, sie brauchen dazu und zur Beratung, die sie dann sicher halten werden, eine Stunde, so haben wir in Summa drei Stunden. Wir haben von dem Lagerplatze bis hierher fünf Stunden gebraucht. Wenn die Feinde ebenso schnell oder ebenso langsam reiten wie wir, werden sie also acht Stunden nach Tagesanbruch hier sein. Wir haben also von jetzt an noch ungefähr fünf Stunden Zeit.«

»O weh! Was fangen wir während dieser kleinen Ewigkeit nur an?«

»Da brauchen Sie gar nich erst zu fragen!« antwortete der Hobble-Frank. »Wir schprechen een bißchen von der Kunscht und von den Wissenschaften. Das ist das beschte, was man thun kann.


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Das bildet den Kopf, veredelt das Herz, macht das Temperamente sanft und gibt dem natürlichen Charakter diejenige Festigkeet, welche notwendig ist, wenn man in den Schtürmen des Lebens nich mit allen Winden davonfliegen will. Off die Kunscht und off die Wissenschaft lasse ich eemal nichts kommen. Diese beeden sind mein tägliches Brot, mein Anfang und mein Ende, mein - - brrr! Was ist denn das hier eegentlich für een infamer Geruch? Das riecht doch noch viel schlimmer, als ob hier eene geschtorbene Leiche nich richtig eingescharrt worden wäre! Oder - - hm!«

Er blickte sich um und gewahrte den Schwarzen, welcher hinter dem Baume lehnte, unter welchem der Sachse saß.

»Willst du gleich fort, du Sakkerment!« schrie er ihn an. »Wie kannst du dich da an meinen Boom randrücken! Denkst du etwa, ich habe meine Nase vom Maskenverleiher geborgt? Geh fort, Zuave, und konzentriere dich nach Afrika! Unsere Nerven aber sind zu sehre kultiviert für dich. Nelken, Reseda und Blümelein Vergißmeinnicht, das lass' ich mir gefallen. Aber Skunk mag ich selbst der feinsten Dame nich ins smelling-bottle raten!«

»Massa Bob riechen gut, sehr gut!« verteidigte sich der Neger. »Massa Bob nicht stinken. Massa Bob haben sich waschen in Wasser, mit Asche und Fett vom Bären. Massa Bob sein ein fein, nobel Gentleman!«

»Was? Du willst e Mann von hoher, wohlriechender Geburt sein! Wart, Bursche, meine Atmosphäre sollst du mir nich verrealinjurieren!«

Er ergriff seine Büchse, legte auf Bob an und drohte:

»Wenn du nich gleich verschwindest, so schieße ich dir beede Kugeln fünfmal um den schwarzen Leib herum!«

»Jessus, Jessus! Nicht schießen, nicht schießen!« schrie der Schwarze. »Massa Bob gehen bereits fort. Massa Bob setzen sich weit fort!«

Er zog sich schleunigst nach einem entfernten Ort zurück, wo er sich schmollend und leise räsonnierend niedersetzte.

Der kleine Sachse brachte seinen Vorschlag, über Kunst und Wissenschaft zu reden, nochmals zu Gehör; aber Old Shatterhand antwortete ihm:

»Ich glaube, wir können unsere Zeit auf eine heilsamere Weise benutzen. Wir haben in der vergangenen Nacht nicht geschlafen. Legt euch alle aufs Ohr und versucht, ein Nickerchen zu halten. Ich werde wachen.«

»Sie? Warum denn grad Sie? Sie haben doch ebensowenig wie wir sich in Mosjeh Orpheus' seinen Armen gewiegt.«

»Morpheus heißt es!« verbesserte Jemmy.

»Kommen Sie mir schon wieder so! Warum verdefendiert mich denn keen anderer nich, als nur immer Sie alleene! Was Sie nur mit Ihrem Morpheus wollen! Ich weeß es ganz genau, wie es heeßen muß. Ich war ja Mitglied vom Gesangverein, der Orpheus hieß. Wenn man sich da mal so richtig ausgesungen hatte, besonders wenn nich viele Pausen bei den Noten waren, da schlief sich's hinterher ganz wunderbar. So een Gesangverein ist das beste Mittel gegen schlaflose Nachtgedanken, und darum muß es eben Orpheus heeßen.«

»Gut, lassen wir's dabei!« lachte der Dicke, indem er sich lang ins Moos streckte. »Ich will lieber schlafen, als mit ihnen solche gelehrte Nüsse aufknacken.«

»Dazu fehlen Ihnen eben die Haare off den Zähnen. Wer nichts gelernt hat, der kann ooch nichts. Schlafen Sie also immer fort; die Weltgeschichte erleidet keene Einbuße dabei.«

Und als er nun keinen anderen fand, den er von seiner geistigen Ueberlegenheit überzeugen konnte, machte er es sich auch bequem und versuchte ein Schlummerchen zu thun. Von Old Shatterhand aufgefordert, folgten die Schoschonen diesem Beispiele, und bald schliefen alle außer dem Anführer. Sogar die Pferde legten sich oder ließen müde die Köpfe hängen. Das hatte nicht das Aussehen, als ob nach wenigen Stunden sich hier eine blutige Scene abspielen könne.

Old Shatterhand stieg von der Höhe hinab, durchschritt langsam den Cannon und blickte sich jenseits desselben forschend um. Er lächelte befriedigt, denn es war hier keine Spur zu bemerken, welche angedeutet hätte, wo Tokvi-tey sich mit seinen Leuten befand. Der Schoschone hatte also seine Maßregeln sehr gut getroffen.

Nun kehrte er wieder zurück und setzte sich am Ausgange der Schlucht auf einen Stein. Mit auf die Brust gesenktem Kopf saß er stundenlang unbeweglich da. Woran dachte der berühmte Jäger? Vielleicht ließ er die Tage seines vielbewegten Lebens wie ein hochinteressantes Panorama an sich vorüberziehen.

Da ließ sich der Hufschlag eines Pferdes vernehmen. Old Shatterhand stand auf und lauschte um die Ecke des Felsens. Martin Baumann kam geritten; da konnte Shatterhand sich zeigen.

»Ist Winnetou auch da?« fragte er.

»Ja. Er wurde von Tokvi-tey angerufen und ist bei ihm geblieben, da Sie es so gewünscht haben. Auch ich soll zu ihnen zurückkehren.«

»Das ist mir recht. Der Apache scheint Ihnen sein Wohlwollen zu widmen. Nehmen Sie das in acht, junger Freund! Es gibt keinen zweiten, der Ihnen hier im Westen so zu nützen vermag wie der Häuptling, dem auch ich so viel verdanke.«


Ende des fünfundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk