Nummer 29

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

16. Juli 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


// 441 //

Dieser aber zeigte denselben äußerlichen Gleichmut wie vorhin Winnetou.

»Du kannst beginnen,« forderte ihn der Upsaroca auf. »Ich werde dir den ersten Stoß erlauben. Drei Stöße werde ich nur abwehren, dann aber wirst du von meinem ersten Stoße fallen.«

Da lachte Old Shatterhand kurz auf. Er stieß sein Messer in den Stamm der Linde und antwortete:

»Und ich verzichte ganz auf diese Waffe. Dennoch wirst du gleich beim ersten Angriffe fallen. Wir haben keine Zeit zu einem langen Spiel. Sei also aufmerksam, denn ich beginne!«

Eine abermalige blitzschnelle Bewegung Old Shatterhands - seine Faust traf den Gegner an die Schläfe ...

Er erhob den Arm wie zum Schlage und sprang auf seinen Gegner ein. Dieser ließ sich durch die Finte täuschen und stieß nach ihm. Aber der Weiße war gedankenschnell wieder zurückgewichen, so daß der Stoß fehl ging. Eine abermalige blitzschnelle Bewegung Old Shatterhands - seine Faust traf den Gegner an die Schläfe; der Riesenleib desselben wankte einen Augenblick und krachte dann mit lautem Schlag auf die Erde nieder.

»Da liegt er, mit dem ganzen Körper am Boden! Wer hat gesiegt?« rief Old Shatterhand.

Hatten vorhin, als der »hundertfache Donner« besiegt worden war, die Upsarocas sich ruhig verhalten, so brachen sie jetzt in ein Geheul aus, welches klang, als ob es aus tierischen Kehlen käme. Die anderen erhoben ein lautes Freudengeschrei.

Hatte irgend einer vielleicht erwartet, daß die Krähenindianer im Falle ihres Unterliegens eine schleunige Flucht versuchen würden, so bewahrheitete sich dies jetzt nicht. Hielten sie sich wirklich durch ihren Schwur gebunden, oder waren sie viel zu bestürzt, um einen so schnellen Entschluß fassen zu können, keiner von ihnen machte eine Bewegung, welche auf die Absicht schließen ließ, sich dem Tode zu entziehen, der nach der vorausgegangenen Vereinbarung ihnen allen nun gewiß zu sein schien.

Old Shatterhand zog sein Messer aus dem Stamme und schnitt sich los. Die weißen Jäger traten zu ihm, um ihn und sich zu beglückwünschen. Auch die befreundeten Indianer priesen das Lob der beiden Sieger, waren aber auf das schleunigste bemüht, zu ihren Waffen zu kommen, um den Upsarocas jeden etwa beabsichtigten Widerstand und auch die Flucht zur Unmöglichkeit zu machen.

Diese aber hatten ihr Geheul eingestellt, gingen nach der Stelle, an welcher der »Donner« saß, und ließen sich still bei ihm nieder. Selbst derjenige von ihnen, welcher mit bei den Waffen gestanden hatte, schloß sich ihnen an, obgleich es ihm nicht schwer gewesen wäre, auf eines der Pferde zu springen und davonzureiten.

Old Shatterhand trat wieder zu dem »Tapferen, welcher Medizin sucht«. Derselbe kam eben aus seiner Betäubung wieder zu sich. Er öffnete die Augen und sah, daß der Sieger ihm den Riemen durchschnitt. Es bedurfte einiger Zeit, ehe er zum Verständnisse der Situation gelangte. Dann aber sprang er von der Erde auf. Er starrte Old Shatterhand mit einem ganz unbeschreiblichen Blicke an. Die Augen schienen ihm aus ihren Höhlen treten zu wollen, und seine Stimme klang heiser, als er stockend fragte:

»Ich - - lag - - am Boden! Hast du mich denn besiegt?«

»Ja! Oder hast du nicht selbst die Bedingung ausgesprochen, daß derjenige, welcher mit dem Körper zur Erde zu liegen kommt, für besiegt gelten solle?«

Der Rote betrachtete sich. Trotz seiner Größe bot er jetzt ein Bild des tiefsten Erschreckens.

»Ich bin doch nicht verwundet!« rief er aus.

»Weil ich dich nicht töten wollte. Ich steckte ja mein Messer in den Baum.«

»So hast du mich mit der bloßen Hand niedergeschlagen?«

»Ja,« lächelte Old Shatterhand. »Ich hoffe, daß du mir das nicht übel nehmen wirst. Es ist das für dich besser, als wenn ich dich niedergestochen hätte.«

Aber der Upsaroca war ganz und gar nicht im stande, jetzt mit zu scherzen. Es war ein Blick größter Ratlosigkeit, welchen er auf die Seinen warf. Dann nahmen seine scharfen Züge den Ausdruck starrer Resignation an.

»Besser wäre es, du hättest mich getötet!« klagte er. »Der große Geist hat uns verlassen, weil uns unsere Medizinen gestohlen worden sind. Der Krieger, welcher skalpiert wird, kann nie in die ewigen Jagdgründe gelangen. Warum sind die Squaws unserer Väter nicht gestorben, ehe wir geboren wurden!«

Der vorher so stolze und siegesgewisse Mann war jetzt kleinmütig und verzagt wie ein Kind. Er wankte dahin, wo die Seinen saßen, um sich zu ihnen zu setzen, drehte sich aber noch einmal um und fragte:

»Erlaubt ihr uns, das Sterbelied zu singen, bevor ihr uns tötet?«


// 442 //

»Bevor ich dir antworte, will ich dir eine Frage geben. Komm!«

Old Shatterhand führte ihn zu den Upsarocas, deutete auf den »hundertfachen Donner« und fragte:

»Willst du jetzt noch diesem Krieger zürnen?«

»Nein. Er konnte nicht anders. Der große Geist hat es so gewollt. Wir haben unsere Medizinen verloren.«

»Ihr werdet sie oder noch viel bessere wiedererhalten.«

Sie alle blickten erstaunt zu ihm empor.

»Wo sollen wir sie finden?« fragte ihr Anführer. »Hier, da wir sterben müssen? Oder in den ewigen Jagdgründen, in die wir nicht gelangen können, weil wir unsere Skalpe verlieren?«

»Ihr sollt euch Skalpe und euer Leben behalten. Ihr hättet uns getötet, wenn wir unterlegen wären; wir aber sind nur scheinbar auf euere Bedingungen eingegangen. Wir sind Christen und morden keinen unserer Brüder. Steht auf! Geht hin, nehmt eure Waffen und eure Pferde! Ihr seid frei und könnt reiten, wohin es euch beliebt!«

Aber keiner machte eine Miene, dieser Aufforderung Folge zu leisten.

»Du sagst das als Beginn der Qualen, mit denen ihr uns foltern werdet,« sagte der »Tapfere, welcher Medizin sucht«. »Wir werden dieselben ertragen, ohne daß du einen Laut der Klage aus unserem Munde vernimmst.«

»Du irrst dich. Ich spreche im Ernste. Zwischen den Upsarocas und den Kriegern der Schoschonen ist das Beil des Krieges vergraben.«

»Aber ihr wißt, daß wir euch töten wollten!«

»Es ist euch nicht gelungen, und darum dürsten wir nicht nach eurem Blute. Wir haben keinen von uns an euch zu rächen. Kanteh-pehta, der berühmte Medizinmann der Upsarocas ist unser Freund. Er kann mit den Seinen unangefochten in seine Wigwams zurückkehren.«

»Uff! Du kennst mich?« fragte der Genannte erstaunt.

»Dir fehlt das Ohr, und ich erblickte hier diese Narbe; daran habe ich dich erkannt.«

»Woher weißt du, daß ich diese Zeichen an mir trage?«

»Von deinem Bruder Schunka-schetscha, dem >großen Hunde<, der mir von dir erzählte.«

»Auch diesen kennst du also?«

»Ja. Ich bin einst mit ihm zusammen gewesen.«

»Wann? Wo?«

»Vor mehreren Sommern. Am Berge der Schildkröte haben wir uns getrennt.«

Da sprang der Medizinmann, der sich bereits niedergesetzt hatte, schnell wieder auf. Seine Züge nahmen einen ganz anderen Ausdruck an. Seine Augen verloren den starren, resignierten Blick und begannen zu leuchten.

»Täuscht mich dein Wort oder mein Ohr?« rief er aus. »Wenn du die Wahrheit sagst, so bis du Non-pay-klama, den die Weißen Old Shatterhand nennen!«

»Der bin ich allerdings.«

Beim Klange dieses Namens erhoben auch die anderen Upsarocas sich vom Boden. Sie schienen auf einmal ganz andere Menschen zu sein.

»Wenn du dieser berühmte Jäger bist,« rief ihr Anführer, »so hat der große Geist uns noch nicht verlassen. Ja, du mußt es sein, denn du hast mich mit der Faust niedergeschlagen. Von dir besiegt worden zu sein, ist keine Schande. Ich darf leben, ohne daß die Squaws auf mich deuten.«

»Und auch der >hundertfache Donner<,


// 443 //

der ein tapferer Krieger ist, braucht sich nicht zu schämen, besiegt worden zu sein, denn derjenige, gegen den er kämpfte, ist Winnetou, der Häuptling der Apachen.«

Die Augen der Upsarocas suchten mit wirklich ehrfurchtsvollem Blicke die Gestalt Winnetous. Dieser trat herbei, reichte dem »hundertfachen Donner« die Hand entgegen und sagte:

»Mein roter Bruder hat die Pfeife des Schwures mit mir geraucht; er wird nun auch das Calummet des Friedens mit uns rauchen, denn die Krieger der Upsarocas sind unsere Freunde. Howgh!«

Der »Donner« ergriff die Hand und antwortete:

»Der Fluch des bösen Geistes ist von uns gewichen. Old Shatterhand und Winnetou sind die Freunde der roten Männer. Sie werden unsere Skalpe nicht von uns fordern.«

»Nein, ihr seid frei,« wiederholte Old Shatterhand die bereits einmal gegebene Versicherung. »Wir werden euch geben anstatt euch etwas zu rauben. Wir kennen die Männer, welche euch eure Medizinen raubten. Wenn ihr uns folgen wollt, so werden wir euch zu ihnen führen.«

»Uff! Wer sind die Diebe?«

»Eine Schar der Sioux-Ogallala, deren Ziel die Berge des Gelbsteinflusses sind.«

Diese Nachricht regte die Beraubten gewaltig auf. Ihr Anführer rief in grimmigem Tone:

»Die Hunde der Ogallala sind es gewesen! Hong-peh-te-keh, der schwere Moccassin, ihr Häuptling, hat mich verwundet und mir das Ohr genommen, ohne daß ich mich rächen konnte. Ich habe den großen Geist gebeten, mich auf seine Fährte zu bringen, aber mein Wunsch ist nie in Erfüllung gegangen.«

Da trat Wohkadeh, welcher in der Nähe gestanden und alles gehört hatte, herbei und sagte:

»Du befindest dich auf seiner Fährte, denn Hong-peh-te-keh ist der Anführer der Ogallala, welche wir verfolgen.«

»So hat der große Geist ihn endlich in meine Hand gegeben. Wer aber ist dieser junge, rote Krieger, welcher mit dem >hundertfachen Donner< kämpfen wollte und jetzt so genaue Nachricht über die Sioux-Ogallala weiß?«

»Es ist Wohkadeh, ein wackerer Sohn der Numangkake,« antwortete Old Shatterhand. »Er wurde von den Ogallala gezwungen, mit ihnen zu reiten, und war auch dabei, als sie euch eure Medizinen raubten. Er wich dann von ihnen und hat uns bereits sehr große Dienste geleistet.«

»Und was wollen die Sioux in den Bergen des Gelbsteinflusses?«

»Wir werden es euch erzählen, wenn wir das Lagerfeuer angebrannt haben. Dann mögt ihr euch beraten, ob ihr mit uns reiten wollt.«

»Wenn ihr euch auf der Fährte der Ogallala befindet, um gegen sie zu kämpfen, so werden wir mit euch reiten. Sie haben uns unsere Medizinen gestohlen. Wohkadeh wird uns erzählen, wie das geschehen ist. Kanteh-pehta ist der berühmteste Medizinmann der Upsarocas. Daß er sich seine große Medizin hat rauben lassen, hat ihn in Schimpf und Schande gebracht, und er wird nicht eher ruhen, als bis es ihm gelungen ist, sich zu rächen. Meine Brüder mögen das Feuer der Beratung anbrennen. Wir dürfen keine Zeit verlieren, und meine Krieger wissen, welche große Ehre es für sie ist, mit so berühmten Männern reiten zu dürfen!«

So waren abermals Feinde in Freunde umgewandelt worden, und mit der Zahl der Teilnehmer wuchs die Hoffnung, daß das erst so schwierig scheinende Unternehmen gelingen werde. - -

_________

Viertes Kapitel.

Am P'a-wakon-tonka.

»Der Senat und das Haus der Repräsentanten der Vereinigten Staaten beschließen, daß der Landstrich in den Territorien Montana und Wyoming, nahe dem Ursprunge des Yellowstone-River liegend, hierdurch von jeder Besiedelung, Besitznahme oder Verkauf unter den Gesetzen der Vereinigten Staaten ausgenommen und als ein öffentlicher Park oder Lustplatz zum Wohle und Vergnügen des Volkes betrachtet werden soll. Jedermann, der sich diesen Bestimmungen zuwider dort niederläßt oder von irgend einem Teile Besitz ergreift, soll als Uebertreter des Gesetzes angesehen und ausgewiesen werden. Der Park soll unter die ausschließliche Kontrolle des Sekretärs des Inneren gestellt werden, dessen Aufgabe es sein wird, sobald als thunlich solche Vorschriften und Anordnungen zu erlassen, als er zur Pflege und Erhaltung desselben notwendig erachtet.«

So lautet ein vom Vereinigten Staatenkongreß am 1. März 1872 angenommenes Gesetz, durch welches den Bürgern der Vereinigten Staaten und den Bewohnern aller übrigen Länder ein Geschenk gemacht wurde, von dessen Größe man damals noch gar keine Ahnung hatte.

Ueber den erwähnten Landstrich, welcher heute der Nationalpark der Vereinigten Staaten genannt wird, durchzogen vor der angegebenen Zeit die allerseltsamsten Gerüchte die östlichen Staaten. Nur den wildesten Indianern bekannt und kaum in einzelnen Teilen von einem kühnen, einsamen Trapper gesehen, war diese Gegend in das tiefste Geheimnis gehüllt. Was einer dieser Fallensteller erzählte, das wurde, auf das phantastischste ausgeschmückt, weiter getragen. Brennende Prairien und Berge, kochende Quellen, Vulkane, welche flüssiges Metall auswürfen, Seen und Flüsse, mit Oel anstatt mit Wasser gefüllt, versteinerte Wälder mit versteinerten Indianern und Tieren sollten dort zu finden sein.

Erst Professor Hayden, welcher eine Expedition nach jener wunderbaren Region unternahm, brachte genaue Auskunft über dieselbe, und er wußte allerdings ganz Außerordentliches zu berichten. Ihm ist es zu danken, daß das oben angeführte Gesetz erlassen wurde.

Der Nationalpark umfaßt ein Gebiet von 9500 Quadratkilometern. Dort entspringen der Yellowstone-, Madison-, Gallatin- und der Schlangenfluß. Mächtige Gebirgsketten durchziehen das Gebiet. Eine reine und stärkende Luft umzieht die Höhen, und Hunderte von kalten und heißen, chemisch verschieden zusammengesetzten Quellen bieten durch ihre wunderbare Heilkraft den Kranken Genesung und Erneuerung der gesunkenen Lebenskraft. Geiser, mit denen diejenigen Islands kaum zu vergleichen sind, werfen ihre Wasserstrahlen mehrere hundert Fuß hoch empor; Berge, ganz aus natürlichem Glase bestehend und in allen Farben schillernd, glänzen in den Strahlen der Sonne. Schluchten, wie so schauerlich keine andere Gegend sie aufzuweisen hat, scheinen eingeschnitten zu sein, um einen Einblick in die Eingeweide der Erde zu gestatten. Der Erdboden bildet Blasen, welche sich heben und senken; oft scheint er nur zolldick zu sein, so daß der Reiter sein entsetztes Pferd nur mühsam vorwärts bringt. Riesige Löcher öffnen sich, gefüllt mit kochendem Schlamm, welcher langsam auf und nieder steigt. Es ist ganz unmöglich, nur eine Viertelstunde weit zu gehen, ohne auf irgend ein staunenswertes Naturwunder zu stoßen. Gibt es doch nur der Geiser und heißen Quellen über zweitausend. Während an einer Stelle siedendes Wasser dem Boden entströmt, perlt in nächster Nähe ein heller, kalter Quell hervor. Gute und böse Geister, Engel und Teufel scheinen unter der Oberfläche gegeneinander zu kämpfen. Staunt man jetzt das Erhabene an, so weicht man wenige Schritte weiter vor dem Schrecklichen zurück. Hat man an der einen Stelle eine Riesenfontäne bewundert, welche tausend Fuß hoch über dem Flußniveau an den Wänden des Cannons emporsteigt, so schreitet man dann über Felder von Karneolen, Moosachaten, Chalcedon, Opalen und anderen Halbedelsteinen, deren Wert ein geradezu ungeheuerer ist.

Und dort zwischen den Bergen des Felsengebirges schlummern herrliche Seen. Der größte und schönste derselben ist der Yellowstonesee, welcher mit Ausnahme des Titikakasees der höchstgelegene große See der Erde ist, denn er liegt fast achttausend Fuß hoch über dem Meeresspiegel.

Sein Wasser ist sehr schwefelhaltig, seine tiefen Einschnitte wimmeln von riesigen Forellen, deren Fleisch einen ganz eigenartigen, aber sehr guten Geschmack besitzt. Die ihn umgebenden Wälder sind reich an Hochwild, Elentieren, Bären. An den Ufern entspringen unzählige heiße Quellen, aus denen die Dämpfe der Unterwelt hervorpfeifen, laut und schrill, wie aus den Ventilen einer Lokomotive.

Ein ängstliches Gemüt kommt da sehr leicht auf den Gedanken, diesem Gebiete zu entweichen. Die im Inneren der Erde


// 444 //

ruhelos arbeitenden Gewalten machen sich hier gar zu sehr bemerklich. Man fühlt sich nicht mehr sicher auf der Erde. Es ist, als müsse die ganze meilenweite Gegend im nächsten Augenblicke entweder versinken oder als gigantischer, feuerspeiender Krater weit über die Spitzen der Rocky Mountains emporgehoben werden - beide Fälle gleich unangenehm für denjenigen, der mit versinken oder mit emporgeschleudert werden soll.

Da, wo der Yellowstonefluß aus dem See tritt und das Ufer des letzteren sich südwestlich nach der Stelle hinzieht, an welcher der Bridge-Creek einmündet, brannten einige Feuer. Man hatte sie angebrannt, weil es dunkel geworden war, nicht aber weil sie zur Bereitung des Abendessens gebraucht worden wären. In letzterer Beziehung hatte die Natur sehr freundlich Sorge getragen.

Ellenlange Forellen, im kalten Seewasser gefangen, wurden im heißen Wasser gesotten, welches nur wenige Fuß entfernt aus dem Boden hervorkochte. Der kleine Sachse bildete sich nicht wenig darauf ein, am Nachmittag ein wildes Schaf geschossen zu haben. Es gab infolgedessen gekochtes Schöpsenfleisch voran und Forellen als Dessert. Die heiße Quelle war von so geringem Umfang, daß sie geradezu als Kochtopf diente, und das abfließende Wasser hatte dadurch einen solchen Bouillongeschmack, daß es mit den wenigen vorhandenen Lederbechern geschöpft und mit großem Appetit getrunken wurde.

Die Gesellschaft war, ganz wie Old Shatterhand es vorhergesagt hatte, über den Pelikan- und den Yellowstonefluß herüber gekommen, wollte morgen vormittag über den Bridge-Creek und dann gerade westlich nach dem Feuerlochflusse reiten. Dort arbeitete der Geiser, welcher von den Indianern K'un-tui-temba, d. i. Höllenmaul genannt wird und in dessen Nähe das Häuptlingsgrab als Ziel des weiten Rittes lag.

Dieser war weit schneller von statten gegangen, als man vorher hatte denken können. Obgleich das Ziel sich bereits in ziemlicher Nähe befand, waren noch volle drei Tage bis zum Vollmonde, und Old Shatterhand war der Ueberzeugung, daß die Sioux-Ogallala unmöglich bereits hier sein könnten. Er bemerkte im Laufe des Gespräches:

»Sie können kaum Bottelers Range erreicht haben, und wir sind also vor ihnen sicher. Laßt immerhin die Feuer brennen, bis nachher der Mond hinter den Bergen aufsteigt. Andere menschliche Wesen als die Sioux haben wir nicht zu erwarten. Wir haben gar nichts zu befürchten.«

»Und wie ist von Bottelers Range sodann der Weg herauf, Sir?« fragte Martin Baumann.

»Wollt Ihr ihn vielleicht reiten, junger Freund?«

Martin bemerkte den forschenden Blick nicht, welchen Old Shatterhand bei dieser Frage auf ihn warf, antwortete aber dennoch mit einer kleinen, nicht ganz zu beherrschenden Verlegenheit:

»Ich interessiere mich natürlich für denselben, weil mein Vater ihn zu reiten hat. Ich habe gehört, daß er sehr gefährlich sein soll.«

»Das will ich nicht behaupten. Man hat natürlich die Nähe der Geiser und sodann diejenigen Stellen zu vermeiden, an welchen die Erdrinde so dünn ist, daß man beim Betreten derselben durchbrechen würde. Man reitet von Bottelers Range im Thale des Flusses aufwärts, an erloschenen Vulkanen vorüber. Nach vier bis fünf Stunden gelangt man in den unteren Cannon, welcher eine halbe Meile lang und wohl tausend Fuß tief in den Granit geschnitten ist. Nach abermals fünf Stunden erreicht man einen Berg, von dessen Spitze zwei parallele Felsenmauern fast dreitausend Fuß tief herniederlaufen. Das wird die Rutschbahn des Teufels genannt. Drei Stunden später gelangt man an die Mündung des Gardinerflusses, dem man nun aufwärts zu folgen hat, weil man am Yellowstone-River nicht mehr vorwärts kann. Dann reitet man an den Washburnebergen und dem Cascade-Creek entlang, welch letzterer wieder nach dem Yellowstone führt. Er mündet zwischen den oberen und unteren Fällen desselben, und man befindet sich somit an dem Rande des großen Cannon, welcher wohl das größte Wunder des Yellowstonebassins bildet.«

»Kennt Ihr dieses Wunder, Sir?« fragte der dicke Jemmy.

Auch diesem Frager warf Old Shatterhand einen heimlich forschenden Blick zu, bevor er antwortete:

»Ja. Er ist wohl über sieben deutsche Meilen lang und mehrere tausend Fuß tief. Die Wände fallen geradezu lotrecht in die Tiefe, und nur ein völlig schwindelfreier Mensch darf es wagen, nach dem Rande hinzukriechen, um in die schauerliche Tiefe zu blicken, in welcher der vorher zweihundert Fuß breite Fluß wie ein dünner Faden erscheint. Und doch ist es dieser Faden gewesen, welcher sich im Verlaufe von Jahrtausenden so tief in die Felsen eingeschnitten hat. Die Wogen brausen unten an den massiven Steinmauern mit fürchterlicher Schnelligkeit dahin, droben aber ist von ihrem Wüten nichts zu hören. Kein Sterblicher kann da hinab, und wenn er es könnte, er vermöchte doch nicht, nur eine Viertelstunde es auszuhalten. Es würde ihm an der Luft fehlen. Das Wasser des Flusses ist warm, sieht wie Oel aus, besitzt einen ekelhaften Schwefel- und Alaungeschmack und verbreitet einen Gestank, der nicht zu ertragen ist. Geht man am Cannon aufwärts, so erreicht man die unteren Fälle des Flusses, wo dieser sich aus einer Höhe von vierhundert Fuß in die grauenvolle Tiefe stürzt. Eine Viertelstunde weiter aufwärts fällt der Strom abermals weit über hundert Fuß herab. Von diesen oberen Fällen bis hierher würde ein Reiter ungefähr neun Stunden brauchen. Das macht also von Bottelers Range aus zwei tüchtige Tagesritte, welche wir den Sioux Ogallala voraus sind. Genau kann diese Rechnung allerdings nicht sein; aber einige Stunden mehr oder weniger sind ja nicht von Belang. Es genügt uns, zu wissen, daß unsere Feinde noch nicht hier sein können.«


Ende des achtundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk