Nummer 3

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

22. Januar 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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Er wollte sich dem Gefangenen nähern, aber der Anführer stellte sich ihm entgegen und sagte:

»Bleibt weg von ihm! Er geht Euch gar nichts an. Uebrigens muß ich Euch nun endlich fragen, wer ihr seid und was ihr hier bei uns wollt.«

»Das könnt Ihr sofort erfahren. Mein Kamerad heißt Kroners, und mein Name ist Pfefferkorn. Wir - - -«

»Pfefferkorn?« wurde er unterbrochen. »Ist das nicht ein deutscher Name?«

»Mit Eurer Erlaubnis, ja.«

»So hole Euch der Teufel! Ich kann Leute Eures Gelichters nicht erriechen.«

»Das liegt jedenfalls nur an Eurer Nase, welche an Feineres nicht gewöhnt ist. Und wenn Ihr von Gelichter sprecht, so meßt Ihr mich wohl mit Eurer eigenen Elle.«

Er hatte das in einem ganz anderen als dem bisherigen leichten Tone gesprochen. Der andere zog die Brauen zornig empor und fragte beinahe drohend:

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Die Wahrheit, weiter nichts.«

»Für was haltet Ihr uns? Heraus damit!«

Er griff nach dem Messer, welches er im Gürtel stecken hatte. Jemmy machte eine verächtliche Handbewegung und antwortete ihm:

"Laßt Euren Kneif stecken, Master; mit ihm imponiert Ihr uns nicht."

»Laßt Euren Kneif stecken, Master; mit ihm imponiert Ihr uns nicht. Ihr seid grob gegen mich gewesen und durftet nicht erwarten, daß ich Euch mit Eau de Cologne anspritze. Ein solches Herzeleid will ich der Firma Farina zu Köln am Rhein nicht anthun. Ich kann nicht dafür, daß ich Euch nicht gefalle, und es kommt mir auch gar nicht in den Sinn, Euch zuliebe hier im fernen Westen einen Frack anzuziehen, die Schöße nach vorn, und zwölfreihige Glacéhandschuhe an die Beine. Wenn Ihr uns nach unserem Habitus beurteilt, so fahrt Ihr durch Eure eigene Schuld in einen falschen Aermel. Hier gilt nicht der Rock, sondern der Mann, und der kann vor allen Dingen Höflichkeit verlangen. Ich habe Eure Frage beantwortet und nun kann ich auch Auskunft von Euch erwarten, wenn ich erfahren will, wer ihr seid.«

Die Leute machten große Augen, als der Kleine in einem solchen Tone zu ihnen sprach. Zwar griffen noch einige andere Hände in die Gürtel, aber das resolute Auftreten des dicken Männchens hatte doch zur Folge, daß der Anführer antwortete:

»Ich heiße Walker; das genügt. Die acht anderen Namen könntet Ihr Euch doch nicht merken.«

»Merken gar wohl; aber wenn Ihr meint, daß ich sie nicht zu wissen brauche, so habt Ihr sehr recht. Der Eurige genügt vollständig, denn wer Euch ansieht, der weiß auch ganz genau, wes Geistes Kind die anderen sind.«

»Mann! Ist das eine Beleidigung?« fuhr Walker auf. »Wollt Ihr, daß wir zu den Waffen greifen sollen?«

»Das rate ich euch nicht. Wir haben vierundzwanzig Revolverschüsse, und wenigstens die Hälfte würdet ihr bekommen, ehe es euch gelänge, eure Schießhölzer auf uns zu richten. Ihr haltet uns für Neulinge, aber diese sind wir nicht. Wollt ihr es auf eine Probe ankommen lassen, so haben wir nichts dagegen.«

Er hatte blitzschnell seine beiden Revolver gezogen, und der lange Davy hielt auch die seinigen bereits in den Händen, und als Walker nach seinem am Boden liegenden Gewehre greifen wollte, warnte Jemmy:

»Laßt die Flinte liegen! Sobald Ihr sie berührt, habt Ihr meine Kugel. Das ist das Gesetz der Prairie. Wer zuerst losdrückt, hat das Recht und ist der Sieger!«


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Die Leute waren beim Erscheinen der beiden so unvorsichtig gewesen, ihre Gewehre im Grase liegen zu lassen. Jetzt wagten sie nun nicht, nach denselben zu greifen.

»'sdeath!« meinte Walker. »Ihr thut ja ganz genau so, als ob ihr uns alle verschlingen wolltet!«

»Das fällt uns nicht ein, dazu seid ihr uns nicht appetitlich genug. Wir wollen von euch weiter gar nichts wissen, als was euch dieser Indianer gethan hat.«

»Geht das euch etwas an?«

»Ja. Wenn ihr euch ohne Grund an ihm vergreift, so befindet sich dann jeder andere Weiße ohne Schuld in der Gefahr, von der Rache der Seinigen getroffen zu werden. Also, warum habt ihr ihn gefangen genommen?«

»Weil es uns so gefiel. Er ist ein roter Schurke; das ist Grund genug. Eine weitere Antwort werdet ihr nicht bekommen. Ihr seid nicht unsere Richter, und wir sind keine Knaben, welche dem ersten besten Bescheid geben.«

»Diese Antwort genügt vollständig für uns. Wir wissen nun, daß euch der Mann keinen Grund zur Feindseligkeit gegeben hat. Ganz überflüssigerweise will ich ihn auch selbst noch fragen.«

»Den, fragen?« lachte Walker höhnisch und seine Gefährten stimmten in das Gelächter ein. »Der versteht kein Wort englisch und hat uns mit keiner Silbe geantwortet.«

»Ein Indianer antwortet seinen Feinden nicht, wenn er gefesselt ist und vielleicht habt ihr ihn so behandelt, daß er euch selbst dann, wenn ihr ihm die Banden abnehmt, kein Wort hören ließe.«

»Prügel hat er bekommen; das ist richtig.«

»Prügel?« rief Jemmy. »Seid ihr von Sinnen! Einen Indianer prügeln! Wißt ihr nicht, daß dies eine Beleidigung ist, welche nur mit Blut gesühnt werden kann?«

»Er mag sich unser Blut holen; nur bin ich neugierig, wie er das anfangen wird.«

»Sobald er frei ist, wird er es euch zeigen.«

»Frei wird er niemals wieder sein.«

»Wollt ihr ihn töten?«

»Was wir mit ihm thun werden, das geht euch nichts an, verstanden! Die Rothäute muß man zertreten, wo man sie nur immer findet. Jetzt habt ihr unseren Bescheid. Wollt ihr, bevor ihr euch von dannen macht, mit dem Kerl einmal sprechen, so habe ich nichts dagegen. Er versteht euch nicht und ihr seht beide nicht so aus, als ob man euch für Professoren der Indianersprachen halten müsse. Ich bin also sehr begierig, der Unterhaltung beizuwohnen.«

Jemmy zuckte verächtlich die Achsel und wendete sich zu dem Indianer.

Dieser hatte mit halbgeschlossenen Augen dagelegen und mit keinem Blicke, keiner Miene verraten, ob er von dem Gespräch ein Wort verstehe. Er war noch jung, ganz so, wie der Dicke gesagt hatte, vielleicht achtzehn Jahre alt. Sein dunkles, schlichtes Haar war lang; keine Frisur zeigte an, zu welchem Stamme er gehöre. Das Gesicht war nicht bemalt, und sogar die Scheitellinie seines Kopfes war nicht mit Ocker oder Zinnober gefärbt. Er trug ein weichledernes Jagdhemd und hirschlederne Leggins, beide an den Nähten ausgefranst. Zwischen diesen Fransen war kein einziges Menschenhaar zu sehen, ein Zeichen, daß der junge Mann noch keinen Feind getötet habe. Die zierlichen Mokassins waren mit Stachelschweinsborsten geschmückt, ganz wie Jemmy vermutet hatte. In dem roten Zeugstücke, welches er als Gürtel um die Hüften geschlungen hatte, war keine Waffe zu sehen; aber drüben am jenseitigen Ufer, wo das Pferd sich jetzt wieder aufgerichtet hatte und das Wasser des Baches mit Begierde zu schlürfen begann, lag ein langes Jagdmesser und am Sattel hing ein mit Klapperschlangenhaut überzogener Köcher und ein Bogen, welcher aus den Hörnern des Bergschafes verfertigt war und vielleicht den Preis von zwei oder drei Mustangs hatte.

Diese einfache Bewaffnung war ein sicherer Beweis, daß der Indianer nicht in feindlicher Absicht in diese Gegend gekommen war. Sein Gesicht war in diesem Augenblicke ohne allen Ausdruck. Der Indsman ist zu stolz, vor Fremden oder gar Feinden seine Gefühle merken zu lassen. Seine Züge waren noch jugendlich weich. Die Backenknochen traten zwar ein klein wenig hervor, doch that dies der Physiognomie nicht den mindesten Eintrag. Als Jemmy jetzt zu ihm trat, öffnete er zum erstenmal die Augen vollständig. Sie waren schwarz wie glänzende Kohle, und ein freundlicher Blick aus ihnen traf den Jäger.

»Mein junger roter Bruder versteht die Sprache der Bleichgesichter?« fragte der Jäger.

»Ja,« antwortete der Gefragte. »Woher weiß dies mein älterer weißer Bruder?«

»Ich sah an dem Blicke deines Auges, daß du uns verstanden hast.«

»Ich habe gehört, daß du ein Freund der roten Männer bist. Ich bin dein Bruder.«

»Will mir mein junger Bruder sagen, ob er einen Namen hat?«

Eine solche Frage ist für einen älteren Indianer eine schwere Beleidigung, denn wer noch keinen Namen hat, der hat noch nicht durch irgend eine That seinen Mut bewiesen und wird nicht zu den Kriegern gerechnet. Bei der Jugend dieses Gefangenen aber konnte Jemmy sich diese Frage erlauben. Dennoch antwortete der Jüngling:

»Meint mein guter Bruder, daß ich feig bin?«

»Nein, doch bist du ja noch zu jung, als daß du ein Krieger sein könntest.«

»Die Bleichgesichter haben den roten Männern gelehrt, bereits jung zu sterben. Mein Bruder mag mir das Jagdhemd auf der Brust öffnen, um zu erfahren, daß ich einen Namen besitze.«

Jemmy bückte sich nieder und nestelte das Jagdhemd auf. Er zog drei rotgefärbte Federn des Kriegsadlers hervor.

»Ist's möglich!« rief er aus. »Ein Häuptling kannst du doch nicht sein!«

»Nein,« lächelte der Jüngling. »Ich darf die Federn des Mah-sisch tragen, weil ich Wohkadeh heiße.«

Diese beiden Worte gehören der Mandanersprache an, das erstere heißt Kriegsadler, und das letztere ist der Name für die Haut eines weißen Büffels. Da die weißen Büffel aber höchst selten sind, so gilt das Erlegen eines solchen bei manchen Stämmen mehr als das Töten mehrerer Feinde und berechtigt sogar zum Tragen der Federn des Kriegsadlers. Der junge Indianer hatte einen solchen Büffel erlegt und infolgedessen den Namen Wohkadeh erhalten.

Das war an und für sich nichts Seltsames; nur erstaunten Davy und Jemmy darüber, daß der Name der Mandanersprache entnommen war. Die Mandans gelten für ausgestorben. Darum fragte der Kleine:

»Welchem Stamme gehört mein roter Bruder an?«

»Ich bin ein Numangkake und zugleich ein Dakota.«

Numangkake nannten sich die Mandans selbst, und Dakota ist der Sammelname aller Siouxstämme.

»So bist du von den Dakota angenommen worden?«

»So, wie mein weißer Bruder sagt. Der Bruder meiner Mutter war der große Häuptling Mah-to-toh-pah. Er trug diesen Namen, weil er vier Bären auf einmal getötet hatte. Die weißen Männer kamen und brachten uns die Blattern. Mein ganzer Stamm erlag denselben bis auf wenige, welche, um den vorangegangenen nach den ewigen Jagdgründen zu folgen, die Sioux reizten und von denselben erschlagen wurden. Mein Vater, der tapfere Wah-kih (Schild), wurde nur verwundet und später gezwungen, ein Sohn der Sioux zu werden. So bin ich ein Dakota, aber mein Herz gedenkt der Ahnen, welche der Große Geist zu sich gerufen hat.«

»Die Sioux befinden sich jetzt jenseits der Berge. Wie kommst du über dieselben herüber?«

»Ich komme nicht von den Bergen, welche mein Bruder meint, sondern vom hohen Gebirge im Westen herab und habe einem kleinen weißen Bruder eine wichtige Botschaft zu bringen.«

»Dieser weiße Bruder wohnt hier in der Nähe?«

»Ja. Woher weiß mein älterer weißer Bruder das?«

»Ich folgte deiner Spur und hab' gesehen, daß du dein Pferd antriebst wie einer, der sich nahe am Ziele befindet.«

»Du hast richtig gedacht. Ich wäre nun jetzt am Ziele; aber diese Bleichgesichter verfolgten mich; mein Pferd war zu abgemattet und konnte den Sprung über dieses Wasser nicht thun; es stürzte. Wohkadeh kam unter dasselbe zu liegen


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und verlor die Besinnung; als er erwachte, war er mit Riemen gebunden.«

Und in der Siouxsprache fügte er knirschend hinzu:

»Es sind Feiglinge. Neun Männer fesseln einen Knaben, dessen Seele von ihm gewichen ist! Hätte ich mit ihnen kämpfen können, so gehörten jetzt ihre Skalpe mir.«

»Sie haben dich sogar geschlagen!«

»Sprich nicht davon, denn jedes dieser Worte riecht nach Blut. Mein weißer Bruder wird mir die Fesseln abnehmen, und dann wird Wohkadeh als Mann an ihnen handeln.«

Er sagte das mit solcher Zuversichtlichkeit, daß der dicke Jemmy lächelnd fragte:

»Hast du nicht gehört, daß ich ihnen nichts zu befehlen habe?«

»O, mein weißer Bruder fürchtet sich vor hundert solchen Männern nicht. Ein jeder von ihnen ist Wakon kaneh (ein altes Weib).«

»Meinst du? Woher kannst du wissen, daß ich mich vor ihnen nicht fürchte?«

»Wokadeh hat offene Augen. Er hörte von den beiden berühmten weißen Kriegern oft sprechen, welche Davy-honskeh und Jemmy-petahtscheh1) genannt werden, und hat sie an ihren Gestalten und Worten erkannt.«

Der kleine Jäger wollte antworten, wurde aber von Walker unterbrochen:

»Halt, Mann! So haben wir nicht gewettet! Ich habe Euch zwar erlaubt, mit dem Kerl zu reden; aber das muß in englischer Sprache geschehen. Euer Kauderwelsch kann ich nicht dulden; denn ich muß da gewärtig sein, daß ihr miteinander gegen uns Pläne schmiedet. Uebrigens genügt es uns, erfahren zu haben, daß er des Englischen mächtig ist. Wir brauchen euch nun nicht mehr, und ihr könnt also dahin gehen, woher ihr gekommen seid. Und wenn das nicht schnell geschieht, so werde ich euch Beine machen!«

Jemmys Blick flog zu Davy hinüber, und dieser gab ihm mit einer Wimper einen Wink, den niemand bemerkte. Für den Dicken aber war dieses blitzschnelle Zucken des Auges verständlich genug. Der Lange hatte ihn auf die Büsche aufmerksam gemacht, welche seitwärts von ihm standen. Jemmy richtete einen kurzen, aber scharf forschenden Blick hinüber und bemerkte, daß nahe am Boden die Läufe zweier Doppelgewehre ein wenig zwischen den Zweigen hervorragten. Dort lagen also zwei Männer im Anschlage. Wer waren sie? Freunde oder Feinde? Die Sorglosigkeit, welche Davy zeigte, beruhigte ihn. Er antwortete Walker:

»Die Beine, welche Ihr mir machen wollt, möchte ich wohl sehen! Ich habe keine solche Veranlassung zum schnellen Davonlaufen wie ihr.«

»Wie wir? Wem sollten wir davonlaufen?«

»Demjenigen, dem gestern noch diese beiden Pferde gehört haben. Verstanden?«

Er deutete bei diesen Worten auf zwei braune Wallachen, welche eng nebeneinander standen, als ob sie wüßten, daß sie zusammen gehörten.

»Was?« rief Walker. »Wofür haltet Ihr uns? Wir sind ehrliche Prospekters, welche hinüber nach Idaho wollen, wo jetzt neue Goldlager entdeckt worden sind.«

»Und weil es euch zu dieser Reise an den nötigen Pferden mangelt, so seid ihr nebenbei auch eben so ehrliche Horse-pilfers. Uns täuscht ihr nicht!«

»Mann, sag noch ein Wort, so schieße ich dich nieder! Wir haben alle diese Pferde gekauft und bezahlt.«

»Wo denn, mein ehrlicher Master Walker?«

»Bereits unten in Omaha.«

»So! Und da habt ihr euch dort wohl auch gleich einen Vorrat von Hufschwärze mitgenommen? Warum sind denn die beiden Braunen so frisch, wie aus der Fenz heraus? Warum haben sie frisch geschwärzte Hufe, während eure anderen Gäule abgetrieben sind und in den verwahrlosesten Pantoffeln laufen? Ich sage euch, daß die Braunen noch gestern einen anderen Herrn gehabt haben und daß der Diebstahl von Pferden hier im fernen Westen mit dem schönen Tode durch den Strang bestraft wird.«

»Lügner! Verleumder!« brüllte Walker, sich nach seinem Gewehre bückend.

»Nein, er hat recht!« ertönte eine Stimme zwischen den Büschen hervor. »Ihr seid elende Pferdediebe und sollt euren Lohn haben. Schießen wir sie nieder, Martin!«

"Nicht schießen!" rief der lange Davy. "Nehmt die Kolben ..."

»Nicht schießen!« rief der lange Davy. »Nehmt die Kolben! Eine Kugel sind sie nicht wert.«

Er holte mit dem umgekehrten Gewehre aus und versetzte Walker einen Hieb, daß er besinnungslos zu Boden stürzte. Aus den Büschen sprangen zwei Gestalten, ein kräftiger Knabe und ein älterer Mann, mit hoch erhobenen Gewehren hervor und warfen sich auf die angeblichen Prospekters.

Jemmy hatte sich niedergebückt und mit zwei schnellen Schnitten die Fesseln Wohkadehs gelöst. Dieser schnellte empor, sprang auf einen der Feinde zu, ergriff ihm beim Genick, riß ihn nieder und schleuderte ihn über das Wasser hinüber, wo sein Skalpmesser lag. Kein Mensch hätte ihm eine solche Körperstärke zugetraut. Ihm nachspringen, das Messer mit der Rechten ergreifen, auf den Feind knieen und dessen Haarschopf mit der Linken erfassen, das war das Werk eines Augenblickes.

»Help - help - for Gods sake - help!« kreischte der Mann in höchster Todesangst auf.

Wohkadeh hatte das Messer zum tödlichen Stoße erhoben. Sein blitzendes Auge fiel auf das vor Entsetzen verzerrte Gesicht des Feindes - und seine Hand sank mit dem Messer nieder.

»Hast du Angst?« fragte er.

»Ja, o Gnade, Gnade!«

»Sag', daß du ein Hund bist!«

»Gern, sehr gern! Ich bin ein Hund!«

»So bleib' zu deiner Schande leben; ein Indianer stirbt mutig und ohne Klage, du aber wimmerst um Barmherzigkeit. Wohkadeh kann den Skalp eines Hundes nicht tragen. Du hast mich geschlagen; dafür gehörte deine Kopfhaut mir; aber ein räudiger Hund kann keinen roten Mann beleidigen. Lauf fort; es ekelt Wohkadeh vor dir!«

Er gab ihm einen Tritt mit dem Fuße. Im nächsten Augenblicke war der Mann verschwunden.

Das alles war viel, viel schneller geschehen, als man es zu erzählen vermag. Walker lag am Boden, ein anderer neben ihm; die übrigen hatten sich schleunigst aus dem Staube gemacht. Ihre Pferde waren ihnen nachgelaufen; die beiden Braunen standen noch da und rieben ihre Köpfe an den Schultern der beiden Helfer, welche sich so unerwartet eingestellt hatten.

Der Knabe mochte ungefähr das sechzehnte Jahr zurückgelegt haben, doch war sein Körper über dies Alter hinaus entwickelt. Heller Teint, blondes Haar und blaugraue Augen wiesen auf germanische Abstammung hin. Er war barhäuptig und ganz in blaues Leinen gekleidet. In seinem Gürtel steckte ein Messer, dessen Griff von seltener indianischer Arbeit war, und das Doppelgewehr, welches er in der Hand hielt, schien für ihn fast zu schwer zu sein. Seine Wangen hatten sich im Kampfe hoch gerötet, aber er stand doch so ruhig da, als ob es etwas für ihn ganz Gewöhnliches gegeben hätte. Wer ihn jetzt betrachtete, war jedenfalls geneigt, anzunehmen, daß solche Scenen, wie die eben vergangene, für ihn nichts Seltenes seien.

Einen eigentümlichen Anblick bot sein Begleiter. Dieser war ein kleiner, schmächtiger Mann, dessen Gesicht von einem dichten, schwarzen Vollbarte umrahmt war. Er trug indianische Schuhe und Lederhosen und dazu einen dunkelblauen Frack, welcher mit hohen Achselbuffen, Batten und blank geputzten Messingknöpfen versehen war. Dieses letztere Kleidungsstück stammte wohl aus dem ersten Viertel des gegenwärtigen Jahrhunderts. Damals wurde ja ein Tuch fabriziert, welches für eine Ewigkeit gemacht zu sein schien.

Freilich war der Frack außerordentlich verschossen und an den Nähten fleißig mit Tinte aufgefärbt, aber es war noch kein einziges Löchlein darin zu bemerken. Solchen alten Kleidungsstücken begegnet man im »far West« sehr oft. Dort geniert es keinen, ein altmodisches Habit zu tragen, denn bei den dortigen Verhältnissen gilt der Mann mehr als das Kleid.

Auf dem Kopfe trug der kleine Mann einen riesigen schwarzen Amazonenhut, den eine große, gelb gefärbte, unechte Straußenfeder schmückte. Dieses Prachtstück hatte jedenfalls vor Jahren irgend einer Lady des Ostens gehört und war dann durch ein launenhaftes Schicksal nach dem fernen Westen verschlagen worden. Da seine außerordentlich breite Krämpe sehr gut gegen Sonne und Regen schützte, so hatte sich der jetzige Besitzer gar keine Skrupel ge-
  

1) In der Siouxsprache s. v. w. »der lange Davy und der kurze Jemmy«.


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macht, ihm die gegenwärtige Bestimmung zu geben.

Bewaffnet war das Männchen nur mit Büchse und Messer. Selbst der Gürtel fehlte, ein sicheres Zeichen, daß der Kleine sich jetzt nicht auf einem weiten Jagdzuge befand.

Er schritt auf der kleinen Walstatt hin und her und betrachtete sich einige Gegenstände, welche von den Besiegten in der Eile der Flucht zurückgelassen worden waren, dabei konnte man bemerken, daß er mit dem linken Fuße hinkte; Wohkadeh war der erste, welchem dieser Umstand auffiel. Er trat zu ihm, legte ihm die Hand an den Arm und fragte:

»Ist mein weißer Bruder vielleicht der Jäger, welchen die Bleichgesichter den Hobbel-Frank nennen?«

Der Kleine nickte ein wenig überrascht und antwortete bejahend in englischer Sprache. Da deutete der Indianer auf den jungen Weißen und erkundigte sich weiter:

»Und dieser hier ist Martin Baumann, der Sohn des berühmten Mato-poka?«

Mato-poka ist ein aus der Sioux- und Utahsprache zusammengetragenes Wort und bedeutet »Bärentöter«.

»Ja,« antwortete der Gefragte.

»So seid ihr es, die ich suche.«

»Zu uns willst du? Willst du vielleicht etwas kaufen? Wir haben nämlich ein Store und handeln mit allem, was einem Jäger von nöten ist.«

»Nein. Ich habe eine Botschaft an euch auszurichten.«

»Von wem?«

Der Indianer dachte eine kurze Weile nach, warf einen forschenden Blick rundum und antwortete dann:

»Hier ist nicht der Ort dazu, euer Wigwam liegt nicht weit von hier an diesem Wasser?«

»Ja. In einer Stunde können wir dort sein.«

»So laßt uns dahin gehen. Wenn wir an eurem Feuer sitzen, werde ich euch mitteilen, was ich euch zu sagen habe. Kommt!«

Er sprang über das Wasser, holte sein Pferd herüber, welches ihn nun wohl die kurze Strecke noch zu tragen vermochte, stieg auf und ritt davon, ohne sich umzusehen, ob die andern ihm auch folgten.

»Der macht kurzen Prozeß!« meinte der Kleine.

»Soll er Euch etwa eine Rede halten, welche noch dünner und länger ist, als ich bin?« lachte der lange Davy »So ein Roter weiß sehr genau, was er thut, und ich rate Euch, ihm augenblicklich zu folgen.«

»Und ihr? Was werdet ihr thun?«

»Wir reiten mit. Wenn Euer Palast sich in so großer Nähe befindet, so wäre es ja die niederträchtigste Unhöflichkeit von Euch, wenn Ihr uns nicht auf einen Schluck und zwei Bissen einladen wolltet. Und da Ihr einen Kramladen habt, so können wir Euch vielleicht einige Dollars zu verdienen geben.«

»So! Habt ihr denn einige Dollars bei euch?« fragte der Kleine in einem Tone, welcher hören ließ, daß er die beiden Jäger nicht gerade für Millionäre halte.

»Das geht Euch erst dann etwas an, wenn wir kaufen wollen. Verstanden?«

»Hm, ja freilich! Aber wenn wir jetzt fortgehen, was soll dann mit den Kerls werden, die uns die zwei Pferde gestohlen haben? Wollen wir nicht wenigstens ihrem Anführer, diesem Walker, ein Andenken hinterlassen, welches ihn an uns erinnert?«

»Nein. Laßt sie laufen, Mann. Sie sind feige Diebe, die vor einem Bowiemesser davonlaufen. Es macht Euch keine Ehre, wenn Ihr Euch noch länger mit ihnen beschäftigt. Die Pferde habt Ihr ja wieder. Damit basta!«

»Hättet Ihr nur besser ausgeholt, als Ihr ihn niederschlugt. Der Kerl hat nur das Bewußtsein verloren.«

»Ich habe das mit Absicht gethan. Es ist kein sehr angenehmes Gefühl, einen Menschen erschlagen zu haben, den man auf andere Weise unschädlich machen kann.«

»Na, recht mögt ihr haben. Kommt also zu euren Pferden!«

»Wie? Ihr wißt, wo unsere Pferde sind?«

»Freilich. Wir müßten sehr schlechte Westmänner sein, wenn wir nicht vorher rekognosciert hätten, bevor wir euch unsere Anwesenheit merken ließen. Als wir entdeckten, daß uns zwei Pferde gestohlen worden seien, folgten wir der Spur der Diebe. Leider machten wir diese Entdeckung so spät, daß wir die Kerls erst hier einzuholen vermochten. Die Pferde weideten im Freien, und wir pflegen uns erst am Abend um sie zu bekümmern. Kommt!«


Ende des dritten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk