Nummer 31

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

30. Juli 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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»Meinswegen,« antwortete Frank. »Aber wir wissen noch gar nich, ob der Kerl, der da drin wohnt, vielleicht een schlechter Mensch ist.«

»Pshaw! Wir haben uns getäuscht; von einem Menschen ist hier gar keine Rede. Zum Ueberflusse will ich auch vorher einmal rekognoszieren.«

Er ritt, die Büchse schußfertig haltend, langsam durch das Thor und blickte sich im Hofe um. Dann drehte er sich um und winkte.

»Kommt herein! Es ist keine Seele hier.«

»Das will ich ooch hoffen,« meinte Frank. »Mit abgeschiedenen Seelen, die ooch een geisterhaftes Dasein off der Erde fristen, habe ich keeneswegs gern was zu thun.«

Davy, Martin und Frank folgten Jemmys Aufforderung. Wohkadeh aber blieb noch vorsichtig halten.

»Warum kommt mein roter Bruder nicht?« fragte der Sohn des Bärentöters.

Der Indianer zog die Luft bedächtig durch die Nase und antwortete:

»Bemerken meine Brüder nicht, daß es hier sehr nach Pferden riecht?«

»Natürlich muß es nach ihnen riechen. Wir haben ja die unserigen mit.«

»Dieser Geruch kam bereits aus der Thür, als wir noch vor ihr hielten.«

»Es ist hier weder ein Mensch noch ein Tier zu sehen, auch keine Spur von beiden.«

»Weil der Boden aus hartem Stein besteht. Meine Brüder mögen vorsichtig sein.«

»Es gibt hier keinen Grund zu irgend einer Befürchtung,« erklärte Jemmy. »Kommt, wir wollen uns erst auch noch weiter hinten umsehen.«


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Anstatt ihn das allein thun zu lassen und sich dadurch den Rückzug offen zu halten, folgten sie ihm, eng nebeneinander reitend, nach den hintersten Felsenabteilungen.

... Eine ganz bedeutende Anzahl von Indianern brach aus dem Hintergrunde hervor ...

Da erscholl plötzlich ein Geheul, daß es schien, als ob die Erde bebe. Eine ganz bedeutende Anzahl von Indianern brach aus dem Hintergrunde hervor, und im Nu waren die vier unvorsichtigen Männer umzingelt.

Die Roten waren nicht zu Pferde, aber außerordentlich gut bewaffnet. Ein langer, hagerer, aber sehniger Kerl, durch den Kopfputz als Häuptling gekennzeichnet, rief den Weißen in gebrochenem Englisch zu:

»Ergebt euch, sonst nehmen wir euch die Skalpe!«

Es waren ganz gewiß wenigstens fünfzig Indianer. Die vier Ueberraschten sahen ein, daß jede Gegenwehr nur verderblich sein könne.

»Alle Teufel!« stieß Jemmy in deutscher Sprache hervor. »Da sind wir ihnen gerade in die Hände geritten. Es sind Sioux, jedenfalls diejenigen, welche wir belauschen wollten. Aber noch gebe ich nichts verloren. Vielleicht ist durch List etwas zu erreichen.«

Und zu dem Häuptlinge gewendet, fuhr er in englischer Sprache fort:

»Ergeben sollen wir uns? Wir haben euch ja nichts gethan. Wir sind Freunde der roten Männer.«

»Das Kriegsbeil der Sioux-Ogallala ist gegen die Bleichgesichter gerichtet,« antwortete der Lange. »Steigt ab und legt eure Waffen von euch! Wir warten nicht.«

Fünfzig Paar Augen waren finster auf die Weißen gerichtet, und fünfzig rotbraune Hände lagen an den Messern. Old Shatterhand und Winnetou hätten sich wohl nicht ergeben; aber der lange Davy war der Erste, der von seinem Maultiere stieg.

»Thut ihm den Willen,« sagte er zu seinen Gefährten. »Wir müssen Zeit gewinnen. Die Unsrigen kommen ganz gewiß, um uns zu befreien.«

Da stiegen die anderen auch ab und übergaben ihre Waffen. Dabei nahm der Hobble-Frank Gelegenheit, dem dicken Jemmy einen Rippenstoß zu versetzen und ihm zornig zuzurufen:

»Das kommt davon, wenn man off dem Gymnasium nich mal gelernt hat, wie das Wort Hostiz geschrieben wird! Warum reiten Sie denn da herein! Wären Sie doch draußen geblieben. Nun haben uns die Kanallgen bei der Parabel!«

Da bekam er selbst von einem Indianer einen noch viel derberen Rippenstoß. Der Rote hielt ihm das Messer vor das Gesicht und gebot:

»Schweig! Sonst - - -!«

Er machte die Bewegung des Stechens. Frank hielt sich sofort die Hand vor den Mund, zum Zeichen, daß er keine Lust habe, mit dem Messer Bekanntschaft zu machen.

Wohkadeh war nicht mit hereingekommen, wie bereits erwähnt wurde. Er sah von draußen, daß seine Gefährten umzingelt wurden, und trieb sofort sein Pferd zur Seite, um nicht durch die Eingangsöffnung gesehen zu werden. Dann sprang er ab, legte sich auf den Boden und schob den Kopf nur so weit vor, daß die Augen Freiheit bekamen, in den Hof zu blicken.

Was er sah, erfüllte ihn mit Bestürzung. Er erkannte den Häuptling. Es war Hong-peh-te-keh, der schwere Mokassin, der Anführer der Sioux-Ogallala. Er erkannte auch die anderen. Es waren die sechsundfünfzig Ogallala, zu denen er gehört hatte und denen er entflohen war. Der Weiße, der ihnen hier in die Hände fiel, in der Nähe des Häuptlingsgrabes, war sicherlich verloren, wenn ihm nicht von außen her Rettung wurde.

Was sollte er thun? So fragte sich der wackere Wohkadeh. Schnell nach dem See zurückreiten, um Old Shatterhand mit den Seinen zu holen? Nein. Es kam ihm ein besserer Gedanke. Derselbe war zwar außerordentlich kühn, gab aber doch wenigstens eine kleine Hoffnung auf Erfolg. Er wollte hinein zu den Ogallala; er wollte riskieren, von ihnen in Stücke zerrissen zu werden. Er mußte sie belügen. Begriffen die Weißen seine Absicht, ohne daß er sie ihnen zu erklären brauchte, und richteten sie ihre Aussagen danach ein, so war es möglich, einen Erfolg zu erzielen.

Er bedachte sich nicht länger. Es war ein wahres Heldenstück, welches auszuführen er sich vorgenommen hatte; aber was würden Winnetou und Old Shatterhand, seine beiden Ideale, sagen, wenn sie davon hörten!

Dieser Gedanke verdoppelte seine Kühnheit. Er stieg auf sein Pferd und ritt in den Hof, die unbefangenste Miene zeigend, die es nur geben kann.

Soeben sollten die vier Gefangenen gefesselt werden. Zwei, drei Lançaden seines Pferdes, und er hielt vor ihnen.

»Uff!« rief er mit lauter Stimme. »Seit wann schlingen die Krieger der Sioux-Ogallala Fesseln um die Hände ihrer besten Freunde? Diese Bleichgesichter sind die Brüder Wohkadehs!«

Sein plötzliches Erscheinen erregte allgemeines Staunen. Doch machte sich das letztere nur durch einige halblaute, kurze Ausrufe Luft. Der »schwere Mokassin« zog die Brauen finster zusammen, musterte mit stechendem Blicke die ganze Erscheinung des jungen Kriegers und antwortete:

»Seit wann sind die weißen Hunde die Brüder der Ogallala?«

»Seit sie Wohkadeh das Leben gerettet haben.«

Der Häuptling bohrte seinen Blick förmlich in denjenigen Wohkadehs. Dann fragte er:

»Wo ist Wohkadeh bisher gewesen? Warum ist er nicht zurückgekehrt zur richtigen Zeit, als er ausgesendet wurde, nach den Kriegern der Schoschonen zu spähen?«

»Weil er gefangen wurde von den Hunden der Schoschonen. Diese vier Bleichgesichter aber haben für ihn gekämpft und ihn gerettet. Sie haben ihm einen Weg gezeigt, welcher schnell und leicht nach dem Yellowstone führt, und sind mit ihm gekommen, die Pfeife des Friedens mit dem >schweren Mokassin< zu rauchen.«

Die Lippen des Häuptlings umzuckte ein höhnisches Lächeln.

»Steig vom Pferde und tritt zu deinen weißen Brüdern!« gebot er. »Du bist unser Gefangener, gerade wie sie.«

Der kühne rote Knabe machte ein sehr erstauntes Gesicht. Er antwortete:

»Wohkadeh der Gefangene seines eigenen Stammes? Wer gibt dem >schweren Mokassin< das Recht, einen Krieger seiner Nation gefangen zu nehmen?«

»Er nimmt sich dieses Recht selbst. Er ist der Anführer dieses Kriegszuges und kann thun, was ihm beliebt.«

Da nahm Wohkadeh sein Pferd hoch in die Zügel, gab ihm die Fersen in die Weichen und zwang es, eine volle, schnelle Kreiswendung auf den Hinterbeinen zu machen. Da es dabei mit den Vorderhufen ausschlug, mußten diejenigen Sioux-Ogallala, welche sich zu nahe an ihn herangedrängt hatten, von ihm zurückweichen. Er bekam Platz. Jetzt legte er die Zügel auf den Hals des Pferdes, so daß er auch die linke Hand frei bekam, ergriff seine Büchse, so daß er sie schußfertig in den Händen hielt, und sagte:

»Seit welcher Zeit dürfen die Häuptlinge der Sioux-Ogallala thun, was ihnen beliebt? Wozu sind die Versammlungen der alten Väter da? Wer gibt den Häuptlingen ihre Macht? Wer will einen tapferen Krieger der Ogallala zwingen, einem Häuptling zu gehorchen, welcher die Söhne seines eigenen Stammes wie Nigger behandelt? Wohkadeh ist ein junger Mann. Es gibt tapferere, weisere und berühmtere Krieger in seinem Stamm; aber er hat den weißen Büffel getötet und trägt die Adlerfedern in seinem Schopfe. Er ist kein Sklave. Er läßt sich nicht gefangen nehmen, und wer ihn beleidigt, der wird mit ihm kämpfen müssen!«

Das waren stolze Worte, und sie gingen nicht verloren. Die Häuptlinge der Indianer besitzen keineswegs eine erbliche Macht. Ihnen ist nicht die Gewalt eines europäischen Fürsten gegeben. Sie können keine Gesetze machen und keine Verordnungen erlassen. Sie sind aus der Reihe der Krieger gewählt, weil sie sich entweder durch Tapferkeit oder Klugheit oder irgend eine andere Eigenschaft vor den übrigen ausgezeichnet haben. Niemand ist wirklich gezwungen, ihnen zu gehorchen. Selbst wenn ein Häuptling einen Kriegszug veranstalten will, ist die Heeresfolge eine ganz freiwillige. Jeder, dem es beliebt, kann daheim bleiben, wodurch er freilich das Mißfallen der anderen erregt. Auch während des Kriegszuges kann ein jeder zu jeder Zeit zurücktreten. Der Einfluß und die Macht des Häuptlings beruht nur allein auf dem Eindrucke, welchen seine Persönlichkeit macht. Er kann beliebig abgesetzt werden.

Der »schwere Mokassin«, welcher seinen Namen dem Umstande verdankte, daß er sehr große Füße hatte und also eine große Spur trat, war als ein strenger, eigen-


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williger Mann bekannt. Zwar hatte er sich bedeutende Verdienste um den Stamm erworben, aber seine Hartnäckigkeit, sein Stolz hatten demselben auch sehr oft geschadet. Er war hart, grausam und blutdürstig. In Beziehung auf den Anhang, welchen er besaß, zerfiel der Stamm in zwei Abteilungen, in solche, welche seine Anhänger waren, und solche, welche entweder offen oder heimlich gegen ihn agitierten.

Dieser Zwiespalt wurde auch jetzt offenbar, als Wohkadeh gesprochen hatte. Mehrere der Sioux ließen anerkennende, zustimmende Ausrufe hören. Der Häuptling warf ihnen einen grimmigen Blick zu, gab einigen seiner treuen Anhänger ein Zeichen, auf welches sie sofort nach dem Eingang eilten, um denselben zu besetzen, damit Wohkadeh nicht entfliehen könne, und antwortete sodann:

»Jeder Sioux-Ogallala ist ein freier Mann. Er kann thun, was ihm beliebt. Da hat Wohkadeh ganz recht. Aber sobald ein Krieger zum Verräter an seinen Brüdern wird, hat er das Recht verloren, ein freier Mann zu sein.«

»Meinst du, daß ich ein Verräter bin?«

»Ich meine es!«

»Beweise es!«

»Ich werde es beweisen vor der Versammlung dieser Krieger.«

»Und ich werde vor dieselbe treten als freier Mann, mit den Waffen in der Hand, und mich verteidigen. Und wenn ich bewiesen habe, daß der >schwere Mokassin< mich ohne Ursache beleidigt hat, wird er mit mir kämpfen müssen.«

»Ein Verräter tritt nicht vor die Versammlung mit den Waffen in der Hand. Wohkadeh wird die seinigen abgeben. Ist er unschuldig, so erhält er sie wieder.«

»Uff! Wer will sie mir nehmen?«

Der junge Mann warf einen kühnen, herausfordernden Blick rund umher. Er sah, daß mehrere Gesichter Teilnahme für ihn zeigten. Die meisten aber blieben kalt.

»Niemand wird sie dir nehmen,« antwortete der Häuptling. »Du selbst wirst sie ablegen. Und wenn du das nicht thust, so wirst du eine Kugel erhalten.«

»Ich habe zwei Kugeln in meinem Gewehre.«

Er schlug bei diesen Worten mit der Hand an den Kolben seiner Büchse.

»Wohkadeh hat, als er von uns ging, kein Gewehr besessen. Wo hat er diese Flinte her? Sie wurde ihm von den Bleichgesichtern geschenkt, und diese verschenken nur dann etwas, wenn sie Nutzen davon haben. Wohkadeh hat ihnen also Dienste geleistet und nicht sie ihm. Wohkadeh ist ein Mandane. Es hat ihn keine Squaw der Sioux geboren. Wer unter diesen tapferen Kriegern will für ihn sprechen, bevor er auf meine Anklage geantwortet hat?«

Keiner regte sich. Der »schwere Mokassin« warf dem Jüngling einen triumphierenden Blick zu und gebot ihm:

»Steig also vom Pferde und gib die Waffen ab! Du sollst dich verteidigen und dann werden wir das Urteil fällen. Durch deinen Widerstand beweisest du nur, daß du nicht unschuldig bist.«

Wohkadeh sah recht wohl ein, daß er sich fügen müsse. Er hatte sich bis jetzt geweigert, um Eindruck auf diejenigen zu machen, welche dem Häuptlinge nicht wohlgesinnt waren.

»Wenn du das meinst, so will ich mich fügen,« sagte er. »Meine Sache ist gerecht. Ich kann Eurem Spruch in Ruhe entgegensehen und ergebe mich also bis dahin in Eure Hände.«

Er stieg ab und legte seine Waffen zu den Füßen des Häuptlings nieder. Dieser sagte einigen der ihm Nahestehenden ein leises Wort, und sogleich zogen sie Riemen hervor, um Wohkadeh zu binden.

»Uff!« rief er zornig. »Habe ich gesagt, daß ich Euch die Erlaubnis auch dazu gebe?«

»Diese Erlaubnis nehme ich mir,« antwortete der Häuptling. »Bindet ihn und legt ihn in eine Ecke ganz allein, damit er nicht mit diesen Bleichgesichtern sprechen oder ihnen winken kann!«

Was hätte Widerstand geholfen? Er hätte die Sache nur verschlimmert; darum ergab sich Wohkadeh in sein Schicksal. Er wurde an Händen und Füßen gefesselt, so daß er sich nicht bewegen konnte, und in eine Ecke niedergelegt. Damit ihm ja nicht etwa der Gedanke an Flucht beikomme, mußten zwei Sioux sich bei ihm niedersetzen.

Ein alter Krieger trat zu dem Häuptling und sagte zu ihm:

»Es gingen der Winter viel mehr über mein Haupt als über das deinige; darum darfst du mir nicht zürnen, wenn ich dich frage, ob du wirklich Gründe hast, Wohkadeh für einen Verräter zu halten.«

»Ich will dir antworten, weil du der älteste der Krieger bist, die bei mir sind. Ich habe keinen eigentlichen Grund als nur den einen, daß eines dieser gefangenen Bleichgesichter, nämlich das jüngste, dem Bärentöter, welcher da hinten bei den Pferden liegt, sehr ähnlich sieht.«

»Kann das ein Grund sein?«

»Ja. Ich werde es dir beweisen.«

Er trat zu den Gefangenen, welche, ohne ihm helfen zu können, gesehen und gehört hatten, was Wohkadeh so nutzlos für sie wagte. Leider verstand weder Jemmy noch Davy die Sprache der Sioux in der Weise, daß sie alles, was Wohkadeh vorgebracht hatte, wußten.

Der schlaue Häuptling nahm eine weniger harte Miene an und sagte:

»Wohkadeh hat, bevor er von uns ging, eine That begangen, über welche wir beraten müssen. Daher ist er einstweilen gefangen genommen worden. Zeigt es sich, daß die Bleichgesichter ihn damals noch nicht gekannt haben, so werden sie ihre Freiheit wieder erhalten. Welche Namen tragen die weißen Männer?«

»Wollen wir sie ihm sagen?« fragte Davy seinen dicken Freund.

»Ja,« antwortete Jemmy. »Vielleicht bekommen sie da ein wenig Respekt vor uns.«

Und sich an den Häuptling wendend, fuhr er fort:

»Ich heiße Jemmy-petahtscheh, und dieser lange Krieger ist Davy-honskeh. Du wirst diese Namen bereits gehört haben.«

»Uff!« erklang es im Kreise der dabeistehenden Sioux.

Der Häuptling warf ihnen einen strafenden Blick zu. Auch er war überrascht, diese so viel genannten Jäger in seiner Gewalt zu haben, ließ sich aber nicht das Geringste davon merken.

»Der >schwere Mokassin< kennt eure Namen nicht,« antwortete er. »Und wer sind diese beiden Männer?«

Er hatte sich mit seiner Frage, welche Frank und Martin betraf, wieder an Jemmy gewendet. Davy flüsterte diesem zu:

»Um Gottes willen, nenne die Namen nicht!«

»Was hat das Bleichgesicht dem anderen zu sagen?« fragte der Häuptling in strengem Tone. »Es mag derjenige antworten, den ich gefragt habe!«

Jemmy mußte sich zu einer Unwahrheit entschließen. Er nannte den ersten besten Namen, der ihm einfiel und gab Frank und Martin für Vater und Sohn aus.

Der Blick des Häuptlings glitt forschend von dem einen der Genannten zu dem anderen, und ein höhnisches Lächeln ging über sein Gesicht. Doch sagte er in ziemlich freundlichem Tone:

»Die Bleichgesichter mögen mir folgen.«

Er schritt nach dem hinteren Teile des Hofes zu.

Das scheinbare Haus war jedenfalls früher ein ungeheueres Felsenstück gewesen, aus Feldspat bestehend und von weicheren Teilen durchsetzt. Diese letzteren waren vom Regen ausgewaschen worden, und während der Spat diesem und dem Wetter widerstanden hatte, war ein Gebilde entstanden, welches einem langen, von hohen Mauern umschlossenen Hofe glich, der durch Querwände in mehrere Abteilungen zerlegt wurde.

Die hinterste derselben war die größte. Sie bot so viel Raum, daß sämtliche Pferde der Ogallala darin Platz gefunden hatten. In einem Winkel lagen sechs Weiße, auch an Händen und Füßen gebunden. Sie befanden sich in einem höchst bedauerlichen Zustande. Die Kleider hingen ihnen in Fetzen von dem Leibe. Die Handgelenke waren von den Fesseln wund gescheuert. Die Gesichter starrten von Schmutz, und Haar und Bart hing in einem ganz unbeschreiblichen Zustande um den Kopf. Die Wangen waren eingefallen, und die Augen lagen tief in den Höhlen, eine Folge von Hunger und Durst und von erlittenen anderen Qualen.


Ende des dreißigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk