Nummer 4

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

29. Januar 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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Er stieg auf das eine der wiedererlangten Tiere. Sein junger Begleiter sprang auf das andere. Beide lenkten ihre Pferde genau nach der Stelle hin, wo Jemmy und Davy die ihrigen in den Sträuchern versteckt hatten. Die beiden Letztgenannten machten sich auch beritten, und nun folgten die Vier der Fährte des Indianers, welchen sie bald vor sich erblickten. Doch ließ er sie nicht ganz an sich herankommen, sondern er ritt immer vor ihnen her, als ob er ganz genau die Richtung wisse, welche er einzuschlagen habe, um das Ziel zu erreichen.

Der Hobbel-Frank hielt sich an der Seite des dicken Jemmy, an welchem er Wohlgefallen zu finden schien.

»Wollt Ihr mir wohl sagen, Mister, was ihr eigentlich in dieser Gegend wollt?« meinte er.

»Wir wollten eigentlich ein wenig hinauf ins Montana, wo es eine viel bessere Jagd gibt als diesseits. Dort findet man noch verständige Waldläufer und Savannenmänner, welche die Jagd eben um der Jagd willen betreiben. Hier aber schlachtet man die Tiere förmlich ab. Die Sonntagsbüchse wütet unter den armen Büffeln, welche zum Beispiel zu Tausenden getötet werden, nur weil ihre Häute sich besser zu Treibriemen eignen als gewöhnliches Rindsleder. Es ist eine Sünde und eine Schande! Nicht?«

»Da habt Ihr sehr recht, Master. Das ist früher ganz anders gewesen. Da hieß es: Mann gegen Mann; das heißt, der Jäger stellte sich dem Wilde ehrlich gegenüber, um sich das Fleisch, welches er brauchte, mit Gefahr seines Lebens zu erkämpfen. Jetzt aber ist die Jagd fast nur ein feiges Morden aus dem Hinterhalte, und die Jäger von altem Schrot und Korn sterben nachgerade aus. Leute, wie ihr


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beide, sind jetzt selten. Geld traue ich euch freilich nicht viel zu, aber einen guten Klang haben eure Namen; das muß man gern gestehen!«

»Kennt Ihr denn unsere Namen?«

»Will's meinen.«

»Woher?«

»Dieser Wohkadeh hat sie ja genannt, als ich mit dem Martin im Busche lag und euch belauschte. Eigentlich habt Ihr gar nicht so die richtige Gestalt für einen Westmann. Eure Taille ist mehr geeignet für einen deutschen Bäckermeister oder Kommunalgardehauptmann; aber - - -«

»Was?« fiel der Dicke schnell ein. »Ihr redet da von Deutschland. Kennt Ihr es vielleicht?«

»Na, und ob! Ich bin ein Deutscher mit Haut und Haar!«

»Und ich mit Leib und Seele!«

»Ist's wahr?« fragte Frank, indem er sein Pferd anhielt. »Na, es ist wahr, ich konnte es mir eigentlich gleich denken. Einen Yankee von Eurem Körperumfang kann es ja gar nicht geben. Ich aber freue mich königlich, einen Landsmann getroffen zu haben. Her mit Eurer Hand, Mann! Ihr seid mir herzlich willkommen!«

Sie schlugen ein, daß beiden die Hände schmerzten. Der Dicke aber meinte:

»Treibt nur Euer Pferd wieder an. Wir brauchen ja trotzdem nicht hier halten zu bleiben. Wie lange seid Ihr denn nun bereits hier in den Staaten?«

»Einige zwanzig Jahre.«

»So habt Ihr wohl indessen Euer Deutsch verlernt?«

Beide hatten bisher englisch gesprochen. Bei der letzten Frage richtete Frank seine kleine Gestalt möglichst hoch im Sattel empor und antwortete in beleidigtem Tone:

»Ich? Meine Schprache verlernt? Da kommen Sie bei mir merschtenteels verkehrt an! Ich bin een Deutscher und bleib een Deutscher, zumal wir jetzt nu eenen Kaiser haben. Wissen Sie ungefähr, wo dazumal meine Wiege geschtanden hat?«

»Nein. Ich war ja nicht dabei.«

»Wenn ooch! Sie müssen ja gleich an meiner Ausschprache merken, daß ich aus der Provinz schtamme, in der man das reinste Deutsch spricht.«

»So! Welche wäre das?«

»Allemal nur Sachsen! Verschtehen Sie? Ich hab' schon noch mit anderen Deutschen geschprochen, aberst ich hab' so einen niemals nicht so gut verschtanden, als wenn er eben in Sachsen geboren gewest wäre. Sachsen ist das Herz von Deutschland. Dresden ist klassisch; die Elbe ist klassisch; Leipzig ist klassisch; die sächsische Schweiz ist klassisch, und der Sonnenstein ooch. Das schönste und reinste Deutsch hört man auf der Schtrecke zwischen Pirna und Meißen, und grad so ziemlich zwischen diesen beiden Schtädten hab' ich mein erschtes Licht der Welt erblickt. Und nachhero schpäter hab' ich ganz in derselbigen Gegend meine Karriere angefangen. Ich war nämlich Forschtgehilfe in Moritzburg, was een sehr berühmtes königliches Jagdschloß ist mit eener famosten Bildergalerie und großen Karpfenteichen. Sie sehen also, daß ich een wirklich angeschtellter Beamter gewest bin mit zwanzig Thaler Monatsgage. Mein bester Freund war der dortige Schulmeister, mit dem ich alle Abende Sechsundsechzig geschpielt und nachhero von den Künsten und Wissenschaften geschprochen habe. Dort hab' ich mir eene ganz besondre allgemeine Bildung angeeignet und auch zum erschtenmale erfahren, wo Amerika liegt. In der deutschen Schprache waren wir einander sehr überlegen, und darum weiß ich ganz genau, daß in Sachsen ohne alle Umschtände der allerschönste Syntax geschprochen wird. Oder zweifeln Sie etwa daran? Sie machen mir so een verbohrtes Gesicht!«

»Ich mag nicht darüber streiten, obgleich ich früher Gymnasiast gewesen bin.«

»Wie? Ist's wahr? Auf dem Gymnasium haben Sie schtudiert?«

»Ja, ich hab' auch mensa dekliniert.«

Der Kleine warf ihm von der Seite einen pfiffigen Blick zu und sagte:

»Mensa dekliniert? Da haben Sie sich wohl verschprochen?«

»Nein.«

»Na, dann ist's mit Ihrem Gymnasium ooch nicht sehr weit her. Es heißt nicht dekliniert, sondern deklamiert, und auch nicht Mensa, sondern Pensa. Sie haben Ihre Pensa deklamiert, vielleicht des Sängers Fluch von Hufeland oder den Freischütz von Frau Maria Leineweber. Aberst deshalb keine Feindschaft nicht. Es hat eben jeder so viel gelernt, wie er kann, mehr nicht, und wenn ich eenen Deutschen sehe, so freue mich drüber, ooch wenn er nicht grad een gescheiter Kerl ist oder gar een Sachse. Also, wie schtehts? Wolln wir gute Freunde sein?«

»Das versteht sich ganz von selbst!« lachte der Dicke. »Ich hab' immer gehört, daß die Sachsen die gemütlichsten Kerle sind.«

»Das sind wir, ja! Da dran beißt keine Maus keinen Faden. Das ist angeborene Intelligenz.«

»Warum aber haben Sie Ihre schöne Heimat verlassen?«

»Eben wegen der Kunst und Wissenschaft.«

»Wieso?«

»Das kam ganz plötzlich und folgendermaßen: Wir schprachen von der Politik und Weltgeschichte, abends in der Restauration. Wir waren ihrer drei am Tische, nämlich ich, der Hausknecht und der Nachtwächter. Der Schulmeister saß am anderen Tische bei den Vornehmen. Weil ich aber schtets een sehr leutseliger Mensch gewest bin, hatte ich mich zu den Zween gesetzt, die ooch ganz glücklich waren über diese Art von loyaler Herablassung. Bei der Weltgeschichte nun kamen wir ooch auf den alten Papa Wrangel zu schprechen, und daß der sich das Zeitwort >merschtenteels< so angewöhnt gehabt hatte, daß er es bei jeder Gelegenheit um Vorscheine brachte. Bei dieser Gelegenheit nun fingen die beiden Kerls an, sich mit mir über die richtige orthographische Konterpunktion und Ausschprache dieses Wortes zu schtreiten. Jeder hatte eene andre Ansicht von seiner Meinung. Ich sagte, es müsse geschprochen werden mehrschtenteels; der Hausknecht meinte aberst mehrschtenteils, und der Nachtwächter sagte gar meistenteels. Bei diesem Schtreite kam ich nach und nach in die Wolle, und endlich wurde es mir so warm, daß ich am allerliebsten mit allen Beinen dreingeschprungen wäre; aberst als gebildeter Beamter und Schtaatsbürger bewahrte ich mir die Kraft, meine Selbstüberwindung zu beherrschen, und wendete mich an meinen Freund, den Schulmeister. Natürlich hatte ich recht, aber er mochte schlechte Laune haben oder so een bischen Anflug von gelehrtem Uebermut, kurz und gut, er gab mir nicht recht und sagte, wir hätten alle Drei unrecht. Er behauptete, in dem Worte mehrschtentheels müßten zwei >ei< stehen. Weil ich nun aberst ganz gewiß weiß, daß es nur een einziges Wort mit zwei >ei< gibt, nämlich Reisbrei, so wurde ich unangenehm. Ich will zwar keinem anderen seinen Dialekt verderben, aberst den meinigen soll man auch respektieren, zumal wenn er der richtige ist. Aberst das wollte der Nachtwächter nicht einsehen; er sagte, ich könne auch nicht richtig schprechen, und da that ich denn, was jeder Ehrenmann gethan haben würde: ich warf ihm mein beleidigtes Ehrgefühl an den Kopf und das Bierglas dazu. Jetzt freilich gab es verschiedene Scenen ohne Kulissen, und das Ende war, daß ich wegen Schtörung der öffentlichen Unruhe und wegen Verletzung eines beabsichtigten Körpers in Anklagezuschtand versetzt wurde. Ich sollte beschtraft und abgesetzt werden. Die Beschtrafung und Absetzung hätte ich mir wohl gefallen gelassen, aberst daß ich auch meine Anschtellung verlieren sollte, das war mir zu viel; das konnte ich nicht verwinden. Als ich die Schtrafe und die Absetzung überschtanden hatte, ging ich auf und davon. Und weil ich alles, was ich einmal mache, ooch gleich ordentlich mache, so ging ich gleich nach Amerika. Also ist eigentlich nur der alte Wrangel schuld, daß Sie mich heut hier getroffen haben.«

»Ich bin ihm sehr dankbar dafür, denn Sie gefallen mir,« versicherte der Dicke, indem er dem Kleinen freundlich zunickte.

»So? Ist das wahr? Nun, ich habe auch gleich so eine Art von heimlicher Zuneigung für Sie empfunden, und das hat natürlich seinen guten Grund. Erschtens sind Sie kein übler Kerl; zweitens bin ich auch nicht ganz ohne, und so können wir drittens recht gute Freunde werden. Beigeschtanden haben wir auch schon einander, und so ischt eigentlich das Band schon fertig, welches uns lieblich umschlingen soll. Sie werden gütigst bemerken, daß ich mich schtets in gewählten Ausdrücken bewege, und daraus können Sie schließen, daß ich mich Ihren Freundschaftsempfindungen nicht unwürdig erweisen werde. Der Sachse ist immer nobel, und wenn mich heut ein Indianer schkalpieren wollte, so würde ich höflich zu ihm sagen: >Bitte, bemühen Sie sich freundlichst! Hier haben Sie meine Schkalplocke!<«

Da meinte Jemmy lachend:

»Wollte er


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dann ebenso höflich sein, so müßte er Ihnen Ihre Kopfhaut lassen. Aber, um nun auch von einem anderen zu sprechen, ist Ihr Begleiter wirklich der Sohn des bekannten Bärenjägers Baumann?«

»Ja. Baumann ist mein Compagnon, und sein Sohn, der Martin, nennt mich Onkel, obgleich ich das einzige Kind meiner Eltern gewest bin und auch nie verheiratet war. Wir trafen uns drunten in St. Louis, damals, als das Goldfieber die Diggers nach den schwarzen Hügeln zog. Wir hatten uns beide ein Sümmchen geschpart und beschlossen, hier oben ein Store anzulegen. Das war jedenfalls vorteilhafter, als mit nach Gold zu graben. Die Sache gelang recht gut. Ich übernahm den Laden, und Baumann ging auf die Jagd, um für Proviant zu sorgen. Später aber schtellte sich's heraus, daß hier am Orte kein Gold zu finden sei. Die Diggers zogen fort, und nun wohnten wir allein da mit unseren Vorräten, die wir nicht verkauften, weil wir keine Bezahlung erhalten hätten. Nur nach und nach wurden wir sie an Jäger los, welche ganz zufällig hier vorüberkamen. Das letzte Geschäft machten wir vor zwei Wochen. Da suchte uns eine kleine Gesellschaft auf, welche meinen Compagnon engagieren wollte, sie hinauf nach dem Yellowstone zu begleiten. Dort sollen nämlich Halbedelsteine in Massen zu finden sein, und diese Leute waren Steinschleifer. Baumann ließ sich bereit finden, machte sich ein ansehnliches Honorar aus, verkaufte ihnen eine bedeutende Quantität Munition und anderes Brauchbare und ging dann mit ihnen fort. Jetzt nun bin ich mit seinem Sohne und einem alten Neger, den wir von St. Louis mitgenommen haben, ganz allein im Blockhause.«

Während dieses trockenen Berichtes hatte er sich kaum bemerkbar seines heimatlichen Dialektes bedient, was dem dicken Jemmy, welcher gewohnt war, auf alles zu achten, auffiel. Er blickte den Kleinen forschend von der Seite an und fragte:

»Kennt denn Baumann den Yellowstone-River?«

»Er ist früher eene ziemliche Schtrecke an demselben hinaufgegangen.«

»Das ist aber höchst gefährlich.«

»Jetzt wohl nicht mehr.«

»Meinen Sie? Ja, seit die Wunder jener Gegend entdeckt worden sind, hat der Vereinigten-Staaten-Kongreß mehrere Expeditionen hinaufgesandt, um die Gegend zu vermessen. Das Gebiet ist zum Nationalpark erklärt worden; aber daraus machen sich die Indianer nichts. Zwischen hier und dort jagen jetzt die Schlangenindianer.«

»Sie haben das Kriegsbeil vergraben.«

»Und ich hörte, daß sie es in neuester Zeit wieder ausgegraben haben sollen. Ihr Freund befindet sich ganz gewiß in Gefahr. Dazu der Bote, welcher heute zu Ihnen kommt. Ich ahne nichts Gutes.«

»Dieser Indianer ist ein Sioux.«

»Aber er zögerte, seine Botschaft auszurichten. Das ist nie ein gutes Zeichen. Mit einer frohen Nachricht braucht man nie zurückzuhalten, und er sagte mir ja auch, daß er vom Yellowstone komme.«

»So will ich schnell zu ihm.«

Er spornte sein Pferd an, um Wohkadeh zu erreichen. Sobald dieser dies bemerkte, stieß er dem seinigen die Fersen in die Weichen und eilte voran. Wenn der Hobbel-Frank nicht ein Wettrennen unternehmen wollte, mußte er darauf verzichten, jetzt bereits mit dem Indianer zu sprechen.

Indessen hatte sich der Sohn des Bärenjägers zu dem langen Davy gehalten. Diesem letzteren lag natürlich auch daran, etwas über die Verhältnisse seines Vaters zu erfahren; er erhielt zwar Auskunft, aber nicht so ausführlich, wie es sein Wunsch gewesen war. Der Knabe war sehr zurückhaltend und einsilbig.

Endlich machte der Bach eine Krümmung um eine Anhöhe, und auf derselben erblickten die Nahenden eine Blockhütte, deren Lage sie zu einem kleinen Fort machte, welches sicheren Schutz gegen einen Indianerangriff bot.

Die Höhe fiel an drei Seiten so steil ab, daß man sie nicht erklimmen konnte. Die vierte Seite war mit einer doppelten Fenz versehen. Unten gab es ein Maisfeld und ein kleines, mit Tabak bebautes Land. In der Nähe desselben weideten zwei Pferde. Martin deutete auf dieselben und erklärte:

»Von dort weg haben uns die Männer unsere Pferde gestohlen, als wir nicht daheim waren. Wo mag Bob, unser Neger sein?«

Er steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Da lugte ein schwarzer Kopf hinter den hohen Maispflanzen hervor; zwischen den breit gezogenen, wulstigen Lippen waren zwei Reihen von Zähnen zu sehen, auf welche ein Jaguar hätte stolz sein können; dann trat die herkulische Gestalt des Negers hervor. Er hatte einen schweren, dicken Pfahl in der Hand und sagte unter einem grinsenden Lachen:

»Bob sich verstecken und aufpassen. Wenn Spitzbuben wiederkommen und auch noch zwei andere Pferde stehlen wollen, dann ihnen mit diesem Stock die Köpfe einschlagen.«

Er schwang den Pfahl mit einer Leichtigkeit in der Hand, als ob derselbe eine leichte Weidenrute sei.

Der Indianer bekümmerte sich gar nicht um ihn. Er ritt an ihm vorüber, die vierte, zugängliche Seite der Höhe bis zur Doppelfenz empor, sprang vorn Rücken seines Pferdes über dieselbe hinweg und verschwand dann hinter der Einzäunung.

»Was sein Redman für ein grob Kerl!« zürnte der Neger. »Reiten an Masser Bob vorüber, ohne sagen: good day! Springen über Fenz und gar nicht warten, bis Massa Martin ihm erlauben, einzutreten. Masser Bob ihn werden höflich machen!«

Der gute Schwarze gab sich also selbst den Titel Masser Bob, also Master oder Herr Bob. Er war ein freier Neger und fühlte sich sehr beleidigt, von dem Indianer nicht begrüßt worden zu sein.

»Du wirst ihn nicht beleidigen,« warnte Martin. »Er ist unser Freund.«

»Das sein ein ander Sachen. Wenn Redman sein Freund von Massa, so sein auch Freund von Masser Bob. Massa Pferde wieder haben? Spitzbuben tot gemacht?«

»Nein. Sie sind entflohen. Oeffne die Fenz!«

Bob stieg mit langen Schritten voran und schob oben die beiden schweren Teile des Thores auseinander, als ob sie aus Papier geschnitten seien. Dann ritten die anderen in den Raum, welcher von der Fenz umschlossen wurde.

In der Mitte stand die viereckige Blockhütte, aber eigentlich nicht Blockhütte, da sie nicht von ineinandergefügten Holzstämmen errichtet war. Das Material, welches man zu ihrer Errichtung verwendet hatte, bestand aus Steinen, Lehm und Stangen, welche aus den Büschen geschnitten worden waren. Die Schindeln zu dem Dache waren jedenfalls von weit herbeigeholt worden.

Die Thür stand offen. Als die Männer eintraten, sahen sie den Indianer in der Mitte des einen Raumes sitzen, welchen das Innere der Hütte bildete. Wo sein Pferd sich befand, das schien ihn gar nicht zu kümmern. Es war mit den anderen in die Umfriedigung herein gekommen.

Jetzt nun begrüßten Martin und der Hobbel-Frank die beiden Gäste mit herzlichen Handschlägen. Die letzteren blickten sich in dem Raume um. Im hinteren Teile desselben hatte sich der Laden befunden, dessen Vorräte aber sehr auf die Neige gegangen waren. Einige auf Pfähle geschlagene Kistendeckel bildeten die Tische. Die Sessel waren aus demselben Materiale zusammengenagelt. In einer Ecke befanden sich die Lagerstätten; sie waren so kostbar, daß man die Bewohner des Blockhauses hätte um dieselben beneiden mögen, denn sie bestanden aus einer ganzen Anzahl übereinandergelegter Felle des fürchterlichen grauen Bären, welcher das gefährlichste Raubtier Amerikas ist. Richtet sich ein solcher ausgewachsener Grizzly auf den Hinterpranken empor, so ist er leicht zwei Fuß höher als ein Mann von guter Körperlänge. Einen solchen Bären erlegt zu haben, gilt bei den Indianern als größtes Heldenstück, und selbst der viel besser bewaffnete Weiße geht diesem Tiere lieber aus dem Wege, als daß er sich ohne Not in einen Kampf mit demselben einläßt.

Verschiedene Waffen, Kriegs- und Jagdtrophäen hingen an den Wänden, und in der Nähe des Kamins waren mächtige Stücke Rauchfleisches an hölzernen Pflöcken befestigt.

Der Nachmittag hatte sich zur Rüste geneigt, und da das Dämmerlicht nur spärlich durch die kleinen, nicht mit Fenstern, sondern nur mit Läden versehenen Maueröffnungen einzudringen vermochte, so war es in der Hütte ziemlich dunkel.


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»Masser Bob Feuer anbrennen,« sagte daher der Neger.

Er brachte eine Lage trockenen Buschholzes herbeigeschleppt und machte mittelst seines »Punks« (Prairiefeuerzeug) ein Feuer auf dem Herde an. Der Zunder zu diesem Feuerzeuge besteht aus dem trockenen, sehr leicht glimmenden Moder, welcher aus der Höhlung verfaulter Bäume gewonnen wird.

Die riesige Gestalt des Negers wurde während der erwähnten Beschäftigung von der Flamme grell beleuchtet. Er trug einen weiten Anzug aus dem einfachsten Kaliko und war nicht mit einer Kopfbedeckung versehen. Das hatte seinen Grund. Der gute Bob war nämlich ein wenig eitel; er wollte nicht als reiner Afrikaner gelten. Leider aber war sein Kopf mit einem dichten Walde kurzer, krauser Locken versehen, und da grad diese Wolle seine Abstammung auf das überzeugendste verriet, so hatte er sich alle Mühe gegeben, glauben zu machen, daß er keine Wolle, sondern schlichtes Haar besitze. Er hatte darum den Kopf sehr fett mit Hirschtalg eingerieben und das kurze, unbändige Wollgewirr in unzählige dünne Zöpfchen geflochten, welche wie die Stacheln eines Igels nach allen Richtungen von seinem Kopfe abstanden. Das gab bei der Beleuchtung durch das Herdfeuer einen wirklich grotesken Anblick.

Bis jetzt waren nur wenige Worte gewechselt worden. Nun aber meinte der Hobbel-Frank in englischer Sprache zu dem Indianer:

»Mein roter Bruder befindet sich in unserem Hause. Er ist uns willkommen und mag seine Botschaft ausrichten.«

Der Rote warf einen forschenden Blick rund umher und antwortete:

»Wie kann Wohkadeh sprechen, wenn er noch nicht den Rauch des Friedens hat schmecken dürfen?«

Da nahm Martin, der Sohn des Bärenjägers, ein indianisches Calummet von der Wand und stopfte Tabak in den Kopf desselben. Als die anderen sich nun in die Nähe des Roten gesetzt hatten, steckte er den Tabak in Brand, that sechs Züge, blies den Rauch nach oben, nach unten und nach den vier Hauptrichtungen des Himmels und sagte dann:

"Wohkadeh ist unser Freund. Er mag mit uns die Pfeife des Friedens rauchen!"

»Wohkadeh ist unser Freund, und wir sind seine Brüder. Er mag mit uns die Pfeife des Friedens rauchen und uns nachher seine Botschaft sagen.«

Darauf reichte er dem Indianer die Pfeife. Dieser nahm sie in Empfang, erhob sich, that ganz dieselben sechs Züge und antwortete sodann:

»Wohkadeh hat die Bleichgesichter und den Schwarzen noch nie gesehen. Er wurde zu ihnen gesandt und sie erretteten ihn aus der Gefangenschaft. Ihre Feinde sind auch seine Feinde, und seine Freunde mögen auch die ihrigen sein. Hau!«

Dieses Hau heißt bei den Indianern so viel wie: ja, jawohl, ganz gewiß. Es wird als Zeichen der Bekräftigung oder der Zustimmung gebraucht, besonders in den Pausen oder am Schlusse einer Rede.

Er gab die Pfeife weiter. Während dieselbe nun weiter die Runde machte, setzte er sich wieder nieder und wartete, bis Bob als der letzte die Brüderschaft durch den Rauch des Tabakes bestätigt hatte. Er benahm sich bei dieser Begrüßung wie ein alter, erfahrener Häuptling, und auch Martin, der noch ein halber Knabe war, zeigte einen Ernst, welcher seine Ueberzeugung, daß er in Abwesenheit seines Vaters der eigentliche Wirt dieses Hauses sei, erkennen ließ.

Als nun Bob die Pfeife weggelegt hatte, begann Wohkadeh:

»Kennen meine weißen Brüder das große Bleichgesicht, welches von den Sioux Nou-pay-klama 1) genannt wird?«

»Du meinst Old Shatterhand?« antwortete der lange Davy; »Gesehen habe ich ihn noch nicht, aber gehört hat wohl ein jeder von ihm. Was ist's mit ihm?«

»Er liebt die roten Männer, trotzdem er ein Bleichgesicht ist. Er ist der berühmteste Pfadfinder; seine Kugel geht nie fehl, und mit der unbewaffneten Faust fällt er den stärksten Feind. Darum wird er Old Shatterhand genannt. Er schont das Blut und das Leben seiner Feinde; er verwundet sie bloß, um sie kampfunfähig zu machen, und nur, wenn es sein eigenes Leben gilt, tötet er den Gegner. Er hat vor mehreren Wintern droben am Yellowstone gejagt als das erste Bleichgesicht, welches jene Gegend betrat. Da wurde er von den Sioux-Ogallalla überfallen und hat mit ihnen gekämpft, er allein gegen viele. Er stand auf einem Felsen. Sie konnten ihn mit ihren Kugeln nicht erreichen; er aber schoß nicht auf sie, weil er meinte, daß alle Menschen Brüder seien. Zwei Tage und zwei Nächte lang belagerten sie ihn. Da trat er hervor und erbot sich, mit dreien von ihnen zu kämpfen, sie mit dem Tomahawk und er ohne Waffe. Er hat sie alle drei mit der Faust erschlagen, obgleich Oihtka-petay 1[b]), der niemals besiegte Häuptling, und Schi-tscha-pah-tah 2), der stärkste Mann des Stammes, sich dabei befanden. Da erhob sich ein großes Wehegeheul in den Bergen und ein Klagen in den Wigwams der Ogallalla. Es ist bis heute noch nicht verstummt, sondern es erhebt sich am Todestage der drei Krieger stets von neuem. Jetzt ist ein Shakoh 3) vorüber, und die tapfersten Krieger des Stammes sind aufgebrochen nach dem Yellowstone, um an den Gräbern der drei Erschlagenen ihre Todesgesänge ertönen zu lassen. Der Weiße, welcher ihnen während dieses Zuges begegnet, ist verloren; er wird auf den Gräbern der von Shatterhand Getöteten an den Marterpfahl gebunden und muß unter langsamen Qualen sterben, damit seine Seele die Geister der drei Toten in den ewigen Jagdgründen bediene.«

Er machte jetzt eine Pause. Martin sprang von seinem Sitze auf und rief:

»Bob, sattle schleunigst die Pferde! Frank, du magst schnell Munition und Proviant einpacken, und ich will indessen die Gewehre ölen und die Messer schleifen!«
  

1) Die Hand, welche zerschmettert, engl. Shatterhand - Schmetterhand.
1[b]) Tapferer Büffel.
2) Böses Feuer.
3) Zeitraum von sieben Jahren.


Ende des vierten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk