Nummer 6

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

12. Februar 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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»Ja freilich war es schrecklich! Der Vater ist eine sehr lange Zeit krank gewesen, und der nächste Nachbar schickte einen Mann herüber, ihn zu pflegen und für mich zu sorgen. Dann aber, als er wieder gesund geworden war, haben wir jene Gegend verlassen und - sind Bärenjäger geworden. Wenn Vater hört, daß irgendwo sich ein Bär hat sehen lassen, so läßt es ihm keine Ruhe, bis er demselben eine Kugel oder die Klinge gegeben hat. Und ich - nun, ich kann euch sagen, daß ich auch bereits das meinige gethan habe, meine arme, kleine Luddy zu rächen. Erst wollte mir freilich das Herz laut schlagen, als ich den Lauf auf einen Bären hielt; aber ich besitze einen Talisman, welcher mich beschützt, so daß ich dem Grizzly gegenüber ebenso ruhig bin, als ob ich einen Waschbären schießen wollte.«

»Talisman?« fragte Davy. »Pah! giebt's nicht! junger Mann, glaubt nicht an solchen Unsinn. Das ist Sünde gegen das erste Gebot!«

»Nein, denn der Talisman, den ich meine, ist von anderer Art, als Ihr denkt. Seht ihn Euch an! Dort hängt er unter der Bibel.«

Er deutete nach der Wand, wo auf einem Brettchen eine große, alte Bibel lag. Unter derselben hing an einem Pflocke ein Stück Holz, anderthalb Finger lang und einen Finger dick. Man sah deutlich, daß der obere Teil desselben einen Kopf vorstellen solle.

»Hm!« brummte Davy, welcher wie alle Yankees streng auf seinen Glauben hielt. »Ich will nicht befürchten, daß dieses Ding ein Götzenbild vorstellen soll.«

»Nein; ich bin kein Heide sondern ein guter Christ. Ihr seht hier die hölzerne Puppy, welche ich damals dem Schwesterchen zum Spielen geschnitzt hatte. Ich habe dieses Andenken an jene schrecklichen Augenblicke aufbewahrt und hänge es stets um den Hals, wenn ich den Vater auf Bären begleiten muß. Erscheint mir ja einmal die Gefahr zu groß, so greife ich nach der Puppy und - der Bär ist verloren; darauf könnt Ihr Euch verlassen!«

Da legte Jemmy ihm in tiefer Rührung die Hand auf die Schulter und sagte:

»Martin, Ihr seid ein braver Boy. Nehmt an, daß ich Euer Freund bin, und Ihr werdet Euch nicht täuschen. So dick wie ich selber bin, so dick ist auch das Vertrauen, welches Ihr auf mich setzen könnt. Ich werde es Euch beweisen!« -

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Zweites Kapitel.

Tokvi-tey.

  
Es war am Nachmittage des darauffolgenden fünften Tages, als die sechs Reiter das Gebiet der Pulverflußquellen hinter sich hatten und nun den Bighornbergen zustrebten.

Die Strecken, die sich von Missouri nach dem Felsengebirge hinziehen, gehören noch heutigen Tages zu den wildesten Teilen der Vereinig-


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ten Staaten. Dieses Gebiet besteht fast ganz aus einsamer baumloser Prairie, in welcher der Jäger mehrere Tage lang zu reiten hat, ehe er einen Busch oder eine Wasserquelle findet. Das Land steigt nach Westen zu allmählich an; es bildet bald sanfte Erhöhungen, sodann Hügel, welche immer höher, schroffer und zerklüfteter werden, je weiter man nach Westen kommt; aber der Mangel an Holz und Wasser bleibt sich gleich. Darum wird diese Gegend von den Indianern »Mah-kosietscha« - und von den Weißen »Bad lands« genannt. Beide Ausdrücke bedeuten das Gleiche, nämlich soviel wie schlechtes Land.

Selbst bedeutende Flüsse, deren Gebiet ein großes ist, wie z.B. der Platte, führen im Sommer nur wenig Wasser mit sich. Weiter im Norden, wo die Quellgebiete des Cheyenne-, Powder-, Tongue- und Big-Horn-Flusses liegen, wird das Land besser. Das Gras ist saftiger; die Büsche treten zu ausgedehnteren Strauchwäldern zusammen, und endlich schreitet der Fuß des Westmannes sogar im Schatten hundert- und noch mehrjähriger Baumriesen dahin.

Dort befinden sich die Jagdgründe der Schoschonen oder Schlangenindianer, der Sioux, Cheyennes und der Arapahoes. Jeder dieser Stämme zerfällt wieder in Unterabteilungen, und da eine jede dieser Abteilungen ihre besonderen Interessen verfolgt, so ist es kein Wunder, daß es einen immerwährenden Wechsel von Krieg und Frieden zwischen ihnen gibt. Und ist der rote Mann ja einmal zu längerer Ruhe geneigt, so kommt Master Bleichgesicht und sticht ihn so lange, erst mit Nadeln, dann mit Messern, bis der Indianer das vergrabene Kriegsbeil wieder hervorsucht und von neuem zu kämpfen beginnt.

Unter diesen Umständen versteht es sich ganz von selbst, daß da, wo die Weidegründe so vieler und verschiedener Stämme und Abteilungen zusammenstoßen, die Sicherheit des Einzelnen eine sehr fragliche, ja höchst gefährdete ist. Die Schoschonen oder Schlangenindianer sind stets erbitterte Feinde der Sioux gewesen, und darum haben die Strecken, welche sich von Dakota aus südlich vom Yellowstoneflusse nach den Big-Hornbergen ziehen, sehr oft das Blut des roten - wohl auch des weißen Mannes getrunken.

Der dicke Jemmy und der lange Davy wußten das sehr genau, und aus diesem Grunde waren sie mit aller Sorge darauf bedacht, möglichst einem Zusammentreffen mit Indianern, gleichviel welchen Stammes, auszuweichen.

Wohkadeh ritt voran, da er ganz dieselbe Strecke bereits auf dem Herwege durcheilt hatte. Er war jetzt mit einer Büchse bewaffnet und trug an seinem Gürtel mehrere Beutel mit all den Kleinigkeiten, welche dem Prairiemanne unentbehrlich sind. Jemmy und Davy hatten ihr Aeußeres nicht verändert. Der erstere ritt selbstverständlich seinen hohen Klepper, und der zweite hing seine ewig langen Beine an den Seiten seines kleinen, störrigen Maultieres herab, welches alle fünf Minuten den bekannten Versuch, seinen Reiter abzuwerfen, vergeblich wiederholte. Davy brauchte nur den einen Schuh, rechts oder links, wo es gerade notwendig war, auf die Erde zu setzen, um festen Halt zu haben. Er glich auf seinem Tiere einem jener Bewohner der australischen Inseln, welche ihre an sich höchst gefährlichen Boote mit Auslegern versehen und aus diesem Grunde niemals umkippen können. Davys Ausleger aber waren seine beiden Beine.

Auch Frank trug ganz dieselbe Kleidung, in welcher er von den beiden Freunden zum erstenmal gesehen worden war: Mokassins, Leggins, blauen Frack und Amazonenhut mit langer, gelber Feder. Der kleine Sachse saß ganz ausgezeichnet zu Pferde und machte trotz seines sonderbaren Habits den Eindruck eines recht tüchtigen Westmannes.

Eine Lust war es, Martin Baumann im Sattel sitzen zu sehen. Er ritt wenigstens ebensogut wie Wohkadeh. Er war wie mit dem Pferde verwachsen und hatte jene weit vorgebeugte Haltung, welche dem Tiere die Last erleichtert und den Reiter befähigt, die Anstrengung eines monatelangen Rittes ohne Uebermüdung auszuhalten. Er trug einen echten ledernen Trapperanzug, wie überhaupt seine ganze Ausrüstung und Bewaffnung nichts zu wünschen übrig ließ. Er war mit ganzer Seele bei der Aufgabe, welche er zu lösen hatte. Wer ihm in sein frisches Gesicht und sein helles Auge blickte, mußte zu der Ueberzeugung kommen, daß er sich hier in der Prairie ganz in seinem Elemente befinde. Er machte ganz den Eindruck, daß er, obgleich noch halb ein Knabe, nötigenfalls doch als Mann zu handeln verstehen werde. Hätte die schwere Sorge um den gefangenen Vater nicht einen Schatten über ihn geworfen, so wäre er wohl das heiterste Glied des kleinen Trupps zu nennen gewesen.

Lustig war es, den schwarzen Bob zu betrachten. Das Reiten hatte niemals zu seiner Passion gehört, und so saß er in einer geradezu unbeschreiblichen Haltung zu Pferde. Er hatte seine liebe Not mit dem Tiere, und dieses aber auch wieder mit ihm, denn er vermochte es nicht, auch nur zehn Minuten lang einen festen Sitz zu bewahren. Hatte er sich einmal ganz an den Hals des Pferdes vorgeschoben, so brachte ihn jeder Schritt des Tieres um irgend einen Teil eines Zolles nach hinten. So rutschte und rutschte er, bis er sich in der Gefahr befand, hinten herunter zu fallen. Dann schob er sich möglichst weit vor, und die Rutschpartie begann von neuem, wobei er ganz unfreiwilligerweise in Stellungen geriet, welche der Spaßmacher eines Cirkus sich nicht lächerlicher hätte aussinnen können. Er hatte nämlich anstatt des Sattels nur eine Decke aufgeschnallt, weil er infolge früherer Proben wußte, daß es ihm unmöglich sei, sich in dem Sattel zu erhalten; er war bei einem einigermaßen schnellen Tempo immer hinter denselben zu sitzen gekommen. Er hielt die Beine weitab vom Pferde. Wurde ihm gesagt, daß er festen Schluß nehmen solle, so antwortete er stets:

»Warum soll Bob drücken mit den Beinen armes Pferd? Pferd ihm ja nichts zuleid gethan! Bobs Beine sind doch keine Kneipzange!«

Die Reiter hatten den Rand einer nicht sehr tiefen, fast kreisförmigen Bodensenkung erreicht, deren Durchmesser vielleicht sechs englische Meilen betragen mochte. An drei Seiten von kaum merklichen Terrainanschwellungen umgeben, wurde diese Senkung im Westen von einer ansehnlichen Höhe begrenzt, welche von Strauch- und Baumwuchs bestanden zu sein schien. Vielleicht hatte es früher hier eine seeartige Wasseransammlung gegeben. Der Boden bestand aus einem tiefen, unfruchtbaren Sande und zeigte außer wenigen harten Grasbüscheln nur jene grau schimmernde, nutzlose Mugwortvegetation, welche die sterilen Gegenden des fernen Westens kennzeichnet.

Wohkadeh trieb sein Pferd, ohne sich lange zu besinnen, in den Sand hinein. Er nahm die gerade Richtung nach der erwähnten Höhe zu.

»Was für eine Gegend ist dies hier?« fragte der dicke Jemmy. »Sie ist mir unbekannt.«

»Die Krieger der Schoschonen nennen diesen Ort Pa-are-pap,« antwortete der Indianer.

»Den >See des Blutes<. O weh! Da wollen wir ja nicht wünschen, Schoschonen zu begegnen.«

»Warum?« erkundigte sich Martin Baumann.

»Weil wir sonst verloren wären. Hier an dieser Stelle ist eine Jagdabteilung der Schoschonen von den Weißen bis auf den letzten Mann niedergemetzelt worden, ganz ohne alle Veranlassung. Obgleich seitdem wohl an die fünf Jahre vergangen sind, würden die Stammesangehörigen der Ermordeten doch einen jeden Weißen, welcher das Unglück hätte, in ihre Gewalt zu geraten, ohne Barmherzigkeit töten. Das Blut der Gefallenen schreit nach Rache.«

»Meint Ihr, daß sich Schoschonen in der Nähe befinden, Sir?«

»Ich will es nicht hoffen. Wie ich gehört habe, befinden sie sich jetzt weit nordwärts am Musselschell River in Montana. Ist dies wahr, so sind wir vor ihnen sicher. Wohkadeh wird uns sagen, ob sie indessen südwärts gezogen sind.«

Der Indianer hatte diese Worte gehört. Er antwortete:

»Als Wohkadeh vor sieben Tagen hier vorüber kam, gab es keinen einzigen Krieger der Schoschonen in der Nähe. Nur die Arapahoes hatten ein Lager da aufgeschlagen, wo der Fluß entspringt, welchen die Bleichgesichter den Tongue River nennen.«

»So sind wir sicher vor ihnen. Uebrigens ist die Gegend hier so eben und offen, daß wir auf über eine Meile weit jeden Reiter oder Fußgänger erkennen und also imstande sein würden, unsere Maßregeln zur rechten Zeit zu treffen. Vorwärts also!«

Sie mochten wohl eine halbe Stunde


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lang in gerader westlicher Richtung geritten sein, als Wohkadeh sein Pferd anhielt.

»Uff!« rief er aus.

Dieses Wort wird von den Indianern meist als Ausruf der Verwunderung gebraucht.

»Was gibt's?« fragte Jemmy.

»Schi-schi!«

Dieses Wort ist aus der Mandanersprache und heißt eigentlich »Füße«, hat aber auch die Bedeutung von Spur oder Fährte.

»Eine Fährte?« fragte der Dicke. »Von einem Menschen oder einem Tiere?«

»Wohkadeh weiß es nicht. Meine Brüder mögen sie selbst betrachten.«

»Good lack! Ein Indsman weiß nicht, ob die Spur von einem Menschen oder von einem Viehzeuge ist! Das ist mir noch niemals vorgekommen! Das muß ja eine ganz und gar eigentümliche Fährte sein. Wollen sie uns doch einmal betrachten. Aber steigt hübsch ab und reitet mir nicht darauf herum, ihr Leute, sonst ist sie dann nicht mehr zu erkennen.«

»Sie wird dann noch immer zu erkennen sein,« meinte der Indianer. »Sie ist groß und lang; sie kommt weit von Süden her und geht weit nach Norden.«

Die Reiter stiegen ab, um die sonderbare Fährte zu untersuchen.

Die Reiter stiegen ab, um die sonderbare Fährte zu untersuchen. Die Fußstapfen eines Menschen von der Fährte eines Tieres zu unterscheiden, versteht jeder dreijährige Indianerknabe. Daß Wohkadeh sich außer stande sah, diese Unterscheidung zu treffen, war geradezu eine Unbegreiflichkeit. Doch auch Jemmy, als er die Stapfen betrachtet hatte, schüttelte den Kopf, blickte nach links, woher die Fährte kam, dann nach rechts, wohin sie führte, schüttelte abermals den Kopf und sagte dann zu dem langen David Kroners:

»Nun, mein alter Davy hast du in deinem Leben bereits einmal so etwas gesehen?«

Der Gefragte schüttelte bedenklich den Kopf, blickte nach links und rechts, betrachtete die Eindrücke im Sande noch einmal, schüttelte abermals und antwortete dann:

»Nein, noch niemals.«

»Und Ihr, Master Frank?«

Der Sachse beguckte und beguckte die Spur, schüttelte auch und meinte:

»Aus diesen Stapfen werde der Teufel klug!«

Auch Martin und der Neger sprachen sich dahin aus, daß ihnen die Sache sehr rätselhaft vorkomme. Der lange Davy kratzte sich erst hinter dem rechten und sodann hinter dem linken Ohre, spuckte zweimal nacheinander aus, was stets ein Zeichen war, daß er sich in Verlegenheit befinde, und that dann den weisen Ausspruch:

»Aber irgend ein Geschöpf ist hier vorüber gekommen. Wenn das nicht wahr ist, so will ich verurteilt werden, binnen zwei Stunden den alten Mississippi mit samt seinen Nebenflüssen auszutrinken!«

»Schau, wie klug du bist, Alter!« lachte Jemmy. »Wenn du es nicht sagtest, so wüßten wir wirklich nicht, daß das eine Fährte ist. Also eine Kreatur ist auf alle Fälle hier vorübergelaufen. Aber was für eine? Wie viele Beine hat sie gehabt?«

»Vier,« antworteten außer dem Indianer die anderen alle.

»Ja, das sieht man genau. Also ist's ein Tier gewesen. Nun aber soll mir irgend einer sagen, mit welcher Art oder Gattung von Vierbeiner wir es zu thun haben!«

»Ein Hirsch ist's nicht,« meinte Frank.

»Gott behüte! Ein Hirsch macht Zeit seines Lebens nicht so riesige Eindrücke.«

»Etwa ein Bär?«

»Freilich läßt ein Bär in solchem Sande so große und deutliche Silben zurück, daß sogar ein Blinder sie mit den Fingern lesen könnte; aber diese Fährte stammt auch von keinem Bären. Die Eindrücke sind nicht lang und nach hinten ausgewischt, wie bei einem Sohlengänger, sondern beinahe kreisrund, über eine Handspanne im Durchmesser und gerade eingetreten, wie mit einem Petschaft gestempelt. Sie sind nur wenig nach hinten ausgeworfen und unten am Grunde vollständig eben. Das Tier hat also nicht Zehen oder Krallen, sondern Hufe gehabt.«

»Also ein Pferd?« meinte Frank.

»Hm!« brummte Jemmy. »Ein Pferd kanns aber auch nicht gewesen sein. Man müßte da doch wenigstens eine kleine Andeutung der Hufeisen oder, falls das Tier barfüßig gewesen wäre, des Tragrandes und des Strahles finden. Die Fährte ist im höchsten Falle zwei Stunden alt, eine zu kurze Zeit, als daß sich während derselben diese Andeutung hätte verlieren können. Und, was die Hauptsache ist, kann es jemals ein Pferd mit so außerordentlich großen Hufen geben? Wenn wir in Asien oder Afrika wären und nicht in dieser alten, gemütlichen Savanne, so würde ich behaupten, daß ein Elefantengroßvater hier vorübergestampft sei.«

»Ja, gerade so sieht es aus!« lachte der lange Davy.

»Was? Gerade so sähe es aus?« fragte Jemmy.

»Ja freilich! Du hast's ja selbst auch gesagt!«

»So laß dir nur dein Lehrgeld wieder geben! Hast du schon einmal einen Elefanten gesehen?«

»Zwei sogar.«

»Wo?«

»In Philadelphia bei Barnum und jetzt hier, nämlich dich, Dicker!«

»Wenn du einen Witz machen willst, so kaufe dir für zehn Dollars einen besseren, verstanden! Diese Fährte soll einer Elefantenspur ähnlich sehen! Groß genug wären die Stapfen; das gebe ich ja zu; aber ein Elefant würde eine ganz andere Schrittweite haben. Daran hast du nicht gedacht, Davy. Ein Kamel ist's auch nicht gewesen, sonst würde ich behaupten, du seist vor zwei Stunden hier vorbeigestiegen. Und nun will ich gestehen, daß ich mit meiner Weisheit zu Ende bin.«

Die Männer gingen eine Strecke vorwärts und auch wieder zurück, um die wunderbare Fährte ja ganz genau zu betrachten; aber keiner von ihnen konnte eine nur halbwegs glaubhafte Ansicht äußern.

»Was sagt mein roter Bruder dazu?« fragte Jemmy.

»Maho akono!« antwortete der Indianer, indem er mit der Hand eine Bewegung der Ehrfurcht machte.

»Der Geist der Prairie, meinst du?«

»Ja, denn es ist weder ein Mensch noch ein Tier gewesen.«

»Heigh-ho! Eure Geister scheinen entsetzlich große Füße zu haben. Oder leidet der Geist der Prairie auch einmal am Fußrheumatismus und hat Filzschuhe angezogen?«

»Mein weißer Bruder sollte nicht spotten. Der Geist der Prairie kann in allen Gestalten erscheinen. Wir müssen seine Spur mit Ehrfurcht betrachten und wollen still weiter reiten.«

»Nein, das werde ich nicht thun. Ich muß unbedingt wissen, woran ich bin. Ich habe noch niemals eine solche Fährte gesehen und werde ihr also folgen, bis ich weiß, wer sie hinterlassen hat.«

»Mein Bruder wird ins Verderben laufen. Der Geist duldet es nicht, daß man nach ihm forscht.«

»Madneß! Wenn später der dicke Jemmy von dieser Fährte erzählt und nicht sagen kann, von wem sie stammt, so wird er ausgelacht oder gar für einen Lügner erklärt. Für einen guten Westmann ist es geradezu eine Ehrensache, dies Geheimnis aufzuklären.«

»Wir haben nicht Zeit, solche Umwege zu machen.«

»Das verlange ich auch nicht von euch. Wir haben noch vier Stunden bis zum Abend; dann müssen wir lagern. Kennt mein roter Bruder vielleicht die Stelle, an welcher wir Rast machen werden?«

»Ja. Wenn wir geradeaus reiten, so kommen wir an eine Stelle, an welcher die Höhe dort eine Oeffnung hat. Es schneidet ein Thal in dieselbe ein, in welches zur linken Hand, wenn man eine Stunde lang geritten ist, eine Seitenschlucht mündet. In dieser werden wir ruhen, denn dort gibt es Büsche und Bäume, die unser Feuer unsichtbar machen, und auch einen Quell, welcher uns Wasser liefern wird für uns und unsere Tiere.«

»Das ist sehr leicht zu finden. Reitet also weiter! Ich werde dieser Fährte folgen und sodann am Lagerplatze wieder zu euch stoßen.«

»Mein weißer Bruder mag sich warnen lassen!«

»Ach was!« rief der lange Davy; »Hier ist eine Warnung ganz am unrechten Platze, Jemmy hat vollständig recht. Es wäre eine Schande für uns, diese gradezu unbegreifliche Fährte entdeckt zu haben, ohne zu erforschen, wem dieselbe zuzuschreiben ist. Man sagt, daß es vor der Erschaffung der Erde Tiere gegeben habe, gegen welche ein Büffel sich ausnehmen würde wie ein Regenwurm neben einem Mississippidampfer. Vielleicht ist so ein Untier von damals übrig geblieben und rennt nun hier im Sand herum, um an den Körnern auszuzählen, wie viele Jahrhunderte alt es ist. Ich glaube, Mamma heißt so ein Tier.«


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»Mammut!« verbesserte der Dicke.

»Kann auch sein! Also welche Schande für uns, wenn wir auf so eine vorweltliche Fährte träfen, und nicht wenigstens einer hätte versucht, das Tier zu Gesicht zu bekommen. Ich reite mit, Jemmy!«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil wir beide, ohne alle Ueberhebung zu sagen, die meiste Erfahrung besitzen und also gewissermaßen die Anführer sind. Miteinander zugleich dürfen wir uns nicht entfernen. Einer muß zurückbleiben. Lieber mag ein anderer mit mir reiten.«

»Master Jemmy hat recht,« meinte Martin. »Ich werde mit ihm gehen.«

»Nein, mein junger Freund,“ entgegnete Jemmy. »Ihr seid der allerletzte, den ich einladen möchte, mich zu begleiten.«

»Warum? Ich brenne ja vor Begierde, das unbekannte Tier mit zu entdecken!«

»Das glaube ich gar wohl. In Eurem Alter ist man zu solchen Abenteuern stets bereit. Aber der Ritt ist vielleicht nicht ungefährlich, und wir haben die stillschweigende Verpflichtung übernommen, über Euch zu wachen, um Euch unbeschädigt mit Eurem Vater zu vereinigen. Ich kann es also nicht mit meinem Gewissen vereinigen, Euch mit mir in eine unbekannte Gefahr zu ziehen. Nein, wenn ich nicht allein reiten soll, so mag ein anderer mich begleiten.«

»So gehe ich mit!« rief der lahme Frank.

»Ja, dagegen will ich nichts haben. Master Frank hat bereits damals in Moritzburg >mehrschtenteels< mit dem Hausknecht und dem Nachtwächter gekämpft und wird sich also wohl nicht vor einem Mammut fürchten.«

»Ich? Mich fürchten? Kann mir gar nicht einfallen.«

»Also bleibt es dabei. Die anderen reiten weiter, und wir beide schwenken rechts ab. Euer Pferd wird sich aus dem Umwege nicht viel machen, und für meinen Gaul ist das Laufen die größte Passion. Er muß früher, ehe er seine jetzige Pferdegestalt annahm, Schnelläufer oder Briefträger gewesen sein.«

Martin versuchte zwar einige Einwendungen, doch vergeblich. Der lange Davy warnte zur Vorsicht. Wohkadeh beschrieb nochmals die Lagerstelle genau und tadelte Jemmys Vorhaben, durch welches der Zorn des Geistes der Savanne herausgefordert werde. Dann setzten die übrigen den unterbrochenen Ritt fort, während der Dicke mit dem Sachsen nach Norden hin der Fährte folgte.

Da diese beiden einen Umweg vor sich hatten, spornten sie ihre Tiere zu größerer Eile an, und so kam es, daß sie bereits nach kurzer Zeit ihre Gefährten aus den Augen verloren hatten.

Später brach die Fährte von ihrer bisherigen Richtung ab und wendete sich nach Westen, der fernen Höhe zu, so daß nun Jemmy und Frank parallel mit ihren Freunden ritten, allerdings wohl über eine Stunde von ihnen entfernt.

Sie hatten sich bisher schweigend verhalten. Jemmys starkknochiger Gaul hatte seine langen Beine so emsig vor sich geworfen, daß Franks Pferd Mühe gehabt hatte, ihm in dem tiefen Sande zu folgen. Jetzt änderte der Dicke den anstrengenden Trab in langsamen Schritt, und so konnte Frank sich leicht an seiner Seite halten.

Es verstand sich ganz von selbst, daß die Teilnehmer der Expedition sich untereinander vorzugsweise der englischen Sprache bedienten. Jetzt befanden die beiden Deutschen sich allein, und so zogen sie die Muttersprache vor.

»Nicht wahr,« begann Frank, »das vorhin mit dem Mammut, das ist doch nur eegentlich Spaß gewesen?«

»Natürlich.«

»Ich hab' mir's gleich gedacht, denn solche Mammutersch gibt's ja heutzutage gar nich mehr.«

»Haben Sie denn schon einmal von diesen vorweltlichen Tieren gehört?«

»Ich? Na und ob! Und wenn Sie mir's nich zutrauen, da können Sie mich nur riesig dauern. Wissen Sie, der Moritzburger Schulmeester damals, der eegentlich meine geistige Mutter gewesen ist, der hatte was los, besonders in der Pflanzenzoologie. Der kannte jeden Boom, von der Fichte an bis zum Sauerampfer 'runter, und ooch jedes Tier, von der Seeschlange an bis zum kleensten Schwammb herab. Von dem hab' ich damals geradezu massenhaft profitiert.«

»Das freut mich ungemein,« lachte der Dicke. »Vielleicht kann ich von Ihnen profitieren.«

»Das verschteht sich mehrschtenteels ja ganz von selber. Zum Beischpiel grad übers Mammut kann ich Ihnen die beste authentische Auskunft geben.«

»Haben Sie etwa eins gesehen?«

»Nein, denn damals vor der Erschaffung der Welt bin ich noch gar nich bei der jetzigen Polizei angemeldet gewest; aber der Schulmeester hat das Mammut in alten Handschriften gefunden. Wie groß denken Sie wohl, daß das Ungetüm gewest ist?«

»Bedeutend größer als der Elefant.«

»Elefant? Das zieht noch lange nich! Wenn das Mammut 'mal über eenen Stein oder über einen Steen gestolpert ist, und es hat niedergeguckt, um den Steen zu betrachten, so ist dieser Stein oder dieser Steen mehrschtenteels eene ägyptische Pyramide gewest. Denken Sie sich nun die Höhe von so eenem Tier! Und wenn sich ihm 'mal eene Fliege off die Schwanzspitze gesetzt hat, so ist es das erscht nach vierzehn Tagen vorn im Verschtand gewahr geworden. Nun denken Sie sich 'mal die Länge von so eenem Geschöpf! Unsere jetzige Vernunft ist viel zu schwach für so eene damalige Menagerie. Jetzt, wenn wir was Großartiges sehen wollen, müssen wir ins Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr gucken. Da ist es wenigstens annähernd sowie damals um die Sündflut herum.«

Jemmy machte ein erstauntes Gesicht.

»Wie?« fragte er. »Wie heißt dieses Fernrohr?«

»Passen Sie doch auf! Wenn ich eenmal drin bin in der Belehrung, so ist mir jede Schtörung impertinent. Hinter-Ochsen-Klee-Gras-Fernrohr heeßt's. Können Sie sich das merken? Wenn Sie wirklich een Gymnasiast gewest sind, so müssen Sie doch ooch Unterricht über die Akustik der Fernrohre gehabt haben. Je dunkler der Brennpunkt ist, desto größer sind die Schterne, die man sieht, weil in der Wissenschaft mehrschtenteels das umgekehrte Verhältnis ausgerechnet werden muß. Verschtehen Sie das?«

»Ja,« nickte der Dicke, der sich Mühe


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gab, ein ernstes Gesicht zu machen. »Aber jetzt beginne ich zu ahnen, was für ein Fernrohr Sie gemeint haben.«

»Nun, was denn für eens?«

»Gar keins. Sie haben die Bezeichnungen verwechselt. Sie meinten nicht ein Fernrohr, sondern ein Mikroskop.«


Ende des sechsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk