Nummer 7

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

19. Februar 1887

Der Sohn des Bärenjägers.

Von
K. May


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»Mikroskop! Ja, ja, richtig! Weil mir das richtige Wort oogenblicklich abwesend war, habe ich derweile das Fernrohr zum Behelf genommen, denn geistesgegenwärtig bin ich allezeit gewest.«

»Und zwar meinten Sie das Hydrooxygengasmikroskop!«

»Natürlich! Das verschteht sich ganz von selber. Aber warum soll ich dänisch reden, wenn ich der deutschen Schprache vollschtändig mächtig bin? Wenn ich sage Hinterochsenkleegrasmikroskop, so verschteht mich ooch een Ungelehrter. Der Schulmeester sagte immer: Man muß sich herablassen zum kindlichen Gemüt, dann erntet man Palmen off sandigem Boden. Sie sehn, ich werfe mit Metafferbeischpielen nur so um mich herum. Das haben Sie davon, daß ich schtets een fleißiger Autopetrefakt gewest bin. Wäre damals nich der Schreit wegen dem Vater Wrangel seinem Leibwort ausgebrochen, so hätt' ich's Nolens Coblenz bis zur Tharandter Forschtakademie gebracht und hätte jetzt nich nötig, mich im wilden Westen herumzutreiben und von den Sioux lahm schießen zu lassen!«

»Ah, Sie sind nicht lahm geboren?«

Frank blickte den Dicken fast zornig an.

»Lahm geboren? Wie könnte das bei eener Persönlichkeit von meiner Ambutation möglich sein! Een lahmer Mensch kann doch nie nich als Forschtläufer een Beamter werden! Nee, ich habe meine gesunden Beene gehabt, so lange ich mich off mich selber besinnen kann. Aber als ich damals mit dem Baumann in die schwarzen Berge kam, um unter den Goldsuchern den Krämerladen zu eröffnen, da kamen zuweilen ooch die Indianer, um ihre Einkäufe zu effektuieren. Mehrschtentheels waren Sioux dabei. Das sind die schlimmsten anthropologischen Wilden, die es nur geben kann, zumal sie bei der geringsten Miene, die man zieht, gleich schtechen oder schießen. Am allerbesten ist, man gibt sich gar nich weiter mit ihnen ab. Guten Tag und guten Weg, adieu, leb wohl! Diesem Passus bin ich schtets getreu gewest, weil ich een Freund von Principern bin; aber eenmal hab' ich doch im Charakter eene schwache Schtunde gehabt, und daran hab' ich nun eben heute noch zu hinken.«

»Wie ist denn das gekommen?«

»Ganz unverhofft, wie alles kommt, was man vorher nich weeß. Es ist, als wärsch heute, so leibhaftig schteht der betreffende Tag vor meinem geistigen Angesicht. Die Schterne funkelten, und die Bullfrösche brüllten laut im nahen Sumpfe, denn es war leider nich bei Tage, sondern bei Nacht. Baumann war abwesend, um sich in Fort Fettermann mit neuen Vorräten zu versehen; Martin schlief, und der Neger Bob, welcher fortgeritten war, um Schulden einzukassieren, hatte sich noch nich wieder sehen lassen. Nur sein Pferd war ohne ihn ins traute Heim zurückgekehrt. Am anderen Morgen kam er nachgehinkt, mit verschtauchten Gliedern und ohne eenen Pfennig Geld. Er war von unseren sämtlichen Schuldnern hinaus- und nachher vom Pferde ooch noch abgeworfen worden. Das nennt man des Lebens Unverschtand aus erschter Hand genießen. Sie sehen, daß ich sogar in Jamben erzählen kann! Nicht?«

»Ja. Sie sind ein kleines Genie.«

»Das habe ich mir sehr oft selber gesagt, anderen Leuten aber niemals, weil's niemand glooben wollt. Also die Schterne schtrahlten vom Himmel herab, da klopfte es an unsere Thür. Hier im Westen muß man vorsichtig sein; darum machte ich nich sogleich auf, sondern ich fragte von innen, wer von außen herein wolle. Um die Sache kurz zu machen, es waren fünf Siouxindianer, welche Felle gegen Pulver umtauschen wollten.«

»Sie haben sie doch nicht etwa hereingelassen?«

»Warum nich?«

»Sioux, und mitten in der Nacht!«

»O bitte! Wenn wir eene Uhr gehabt hätten, so wäre es ungefähr halbzwölf gewest. Das war noch nich zu schpät. Ich als Westmann weeß sehr gut, saß man nich allemal zur Visitenschtunde am Platze sein kann, und daß die Zeit unter Umschtänden ungeheuer kostbar sein kann. Die Roten sagten, daß sie noch die ganze Nacht hindurch marschieren müßten, und so appellierte mein gutes, sächsisches Herz an mich - ich ließ sie herein.«

»Welch eine Unvorsichtigkeit!«

»Warum? Furcht habe ich nie gekannt, und ehe ich die Thür öffnete, machte ich die Bedingung, daß sie alle Waffen draußen ablegen müßten. Ich muß zu ihrer Ehre geschtehen, daß sie diesem Verlangen redlich nachgekommen sind. Natürlich aber hatte ich, während ich sie bediente, den Revolver in der Hand, was sie als Wilde mir nich übelnehmen konnten. Ich machte wirklich ein brillantes Geschäft mit ihnen: schlechtes Pulver gegen gute Biberfelle. Wenn Rote und Weiße miteinander handeln, so sind die Roten allemal die Betrogenen. Das thut mir zwar leid, aber ich alleene kanns leider nich ändern. Neben der Thür hingen drei geladene Gewehre. Als die Indsmen gingen, blieb der letzte unter der Thür schtehen, drehte sich nochmals um und fragte mich, ob ich nich vielleicht eenen Schluck Feuerwasser zugeben wolle. Nun ist's zwar verboten, den Indianern Branntwein zu verabreichen, aber ich hatte, wie gesagt, eenen guten Profit gemacht und war infolgedessen bereit, ihnen den Gefallen zu thun. Ich wandte mich also um und ging nach der hinteren Ecke, in welcher eine Flasche Brandy schtand. In dem Moment, als ich mich mit derselben umdrehte, sah ich den Menschen mit eenem der Gewehre, welches er vom Pflocke gerissen hatte, verschwinden. Natürlich setzte ich schnell die Flasche nieder, ergriff die nächste Büchse und sprang zur Thür hinaus. Selbstverschtändlich trat ich sofort zur Seite, denn im Scheine des Lichtes hätte ich unter der Thür das sicherste Ziel geboten. Da ich so schnell aus dem Lichten in das Dunkel gekommen war, konnte ich nich sofort scharf sehen. Ich hörte rasche Schritte, und dann blitzte es drüben an der Fenz hell auf. Ein Schuß krachte, und ich hatte das Gefühl, als ob


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jemand mich auf den Fuß geschlagen habe. Jetzt sah ich den Roten, welcher sich über die Fenz schwingen wollte. Ich legte an und drückte ab, fühlte aber zu gleicher Zeit eenen so schtechenden Schmerz im Fuße, daß ich zusammenknickte. Die Kugel ging fehl, und das Gewehr war verloren. Nur mit Mühe kam ich in die Hütte zurück. Der Schuß des Indianers war mir in den linken Fuß gegangen. War es wegen der Dunkelheit oder weil der Sioux een fremdes Gewehr gehabt hatte, ich kann heut noch nicht begreifen, wie er diesen Blasrohrschuß hat thun können. Erscht nach Monaten habe ich den Fuß wieder gebrauchen können, aber der Hobble-Frank bin ich geworden. Den Roten aber habe ich mir genau gemerkt. Ich werde sein Gesicht niemals vergessen, und wehe ihm, wenn er mir irgendwo und irgendwann begegnen sollte! Wir Sachsen sind als die urgemütlichsten Germanen bekannt, aber unsere nationalen Vorzüge können uns doch nimmermehr verpflichten, uns nächtlicher Weile, wenn die Schterne vom Himmel schtrahlen, ungeschtraft bestehlen und lahm schießen zu lassen. Ich glaube, der Sioux gehörte zu den Ogallalla, und wenn - - - Was haben Sie denn?«

Er unterbrach sich mit dieser Frage, denn der dicke Jemmy hatte sein Pferd angehalten und einen Ruf der Ueberraschung ausgestoßen. Sie hatten die größte Breite der sandigen Einsenkung hinter sich. Hier gab es eine Stelle mit felsigem Boden, und da, wo dieselbe wieder in den Sand verlief, war Jemmy halten geblieben.

»Was ich habe?« antwortete er. »Das möchte ich selbst auch fragen. Habe ich denn eigentlich Augen?«

Er blickte ganz verwundert vom Pferde herab auf den Sand hernieder. Jetzt sah auch Frank, was sein Gefährte meinte.

»Ist's denn möglich!« rief er aus, »die Fährte ist ja plötzlich ganz anders!«

»Freilich! Erst war es die reine Elefantenspur, und jetzt sind's die deutlichsten Pferdestapfen. Das Tier ist beschlagen gewesen, und zwar mit neuen Eisen, denn die Eindrücke sind außerordentlich scharf, und sowohl der Griff wie auch die Stollen nicht im mindesten abgelaufen.«

»Aber diese Fährte ist ja verkehrt!«

»Das ist's ja eben, was ich nicht begreifen kann! Bis jetzt lief die Spur vor uns her, und jetzt kommt sie uns direkt entgegen!«

»Ist's denn auch wirklich dieselbe Fährte?«

»Natürlich! Da hinter uns tritt der Fels zu Tage; aber die Stelle ist kaum zwanzig Fuß breit. Auf dem Felsen ist die Spur unsichtbar. Jenseits desselben kommt sie als Elefantenstapfen von Osten und diesseits kommt sie als deutlicher Pferdehufabdruck von Westen. Blicken Sie um sich! Gibt es etwa noch eine andere Fährte?«

»Nein.«

»Also müssen diese Eindrücke trotz ihrer Verschiedenheit von einem und demselben Tiere stammen. Ich will auch überflüssigerweise absteigen, um mich zu überzeugen, daß kein Irrtum vorliegt.«

Beide stiegen ab. Die genaueste Untersuchung des Bodens ergab dasselbe Resultat: die Elefantenspur hatte sich auf der schmalen, felsigen Stelle in eine Pferdespur verwandelt. Mußte bereits das höchst befremdlich erscheinen, so war der Umstand, daß die beiden Spuren gegeneinander liefen und auf dem Fels zusammenstießen, geradezu verblüffend. Die beiden Männer blickten einander ratlos an und schüttelten die Köpfe.

»Wenn das keine Zauberei ist, so vexiert uns einer,« sagte Jemmy.

»Vexieren? Wie denn?«

»Ja, das kann ich nicht begreifen!«

»Aber Zauberei gibt's ja nicht!«

»Nein; abergläubisch bin ich nicht.«

»Das kommt mir vor wie beim Zauberer Philadelphia, der eenen Zwirnknäuel in die Luft geworfen haben und dann an dem Zwirn emporgestiegen sein soll!«

»Da der Elefant von Osten und das Pferd von Westen hierhergekommen ist und beider Spuren hier aufhören, so müßten beide Tiere hier an dieser Stelle an dem Faden emporgeklettert und oben in der Luft verschwunden sein! Das erkläre, wer's vermag; ich aber bring' es nicht fertig!«

»Jetzt möcht' ich wohl wissen, was der Moritzburger Lehrer sagen würde, wenn er mit hier wäre!«

»Der würde kein klügeres Gesicht machen, als Sie und ich!«

»Hm! Mit Erlaubnis, geistreich sieht das Ihrige grad' nich aus, Herr Jemmy.«

»Und Ihnen sieht man es in diesem Augenblicke auch nicht an, daß Sie ein so talentvoller Autopetrefakt sind. Ich möchte überhaupt den Menschen sehen, welcher dieses Rätsel zu lösen vermag.«

»Aber zu lösen muß es sein, denn der berühmte Archidiakonus hat gesagt: Gebt mir einen festen Punkt in der Luft, so hebe ich jede Thür aus ihren Angeln!«

»Archimedes, meinen Sie!«

»Ja, aber Diakonus war er nebenbei, denn als am Sonnabend nachmittag die feindlichen Soldaten kamen, lernte er grad' die Predigt für morgen auswendig und rief ihnen entgegen: >Schtört mich nich, und macht leise!< Da schlugen sie ihn tot. Darum ist der Punkt in der Luft wieder verloren gegangen.«

»Vielleicht finden Sie ihn wieder. Ich aber fühle mich nicht befähigt dazu, da ich nicht einmal hier diesen Widerspruch zu lösen vermag.«

»Etwas aber müssen wir doch thun!«

»Natürlich! Umgekehrt wird nicht. Wenn es überhaupt eine Erklärung gibt, so liegt sie vor uns, nicht aber hinter uns. Steigen wir also auf, und dann wieder vorwärts!«

Sie ritten weiter, der Pferdespur entgegen. Diese war immerfort ganz deutlich zu erkennen und führte nach ungefähr einer halben Stunde aus dem sandigen Terrain heraus auf besseren Boden. Dort gab es Gras und vereinzeltes Strauchwerk. Der Höhenzug lag nahe. Ein dichter Wald zog sich an ihm empor, unten mit einzelnen Bäumen beginnend und je höher aufsteigend, desto geschlossener werdend. Auch hier war die Spur deutlich zu erkennen; nach einiger Zeit aber gab es einen mit klarem Steingries bedeckten Boden; da hörte sie plötzlich und vollständig auf.

»Das ist die Lösung!« brummte Frank.

»Unbegreiflich!« erklärte Jemmy. »Das Pferd muß aus der Luft gekommen und wieder in der Luft verschwunden sein. Oder ist es wirklich der Geist der Savanne gewesen? Dann wollte ich, er käme auf den guten Gedanken, sich einmal sehen zu lassen. Ich möchte doch gar zu gern wissen, wie ein Geist aussieht.«

»Der Wunsch kann erfüllt werden. Sehen Sie sich ihn gefälligst an, meine Herren!«

Diese Worte erklangen in deutscher Sprache hinter dem Busch hervor, an welchem sie halten geblieben waren. Einen Ruf des Schreckens ausstoßend, fuhren die beiden herum. Der, welcher gesprochen hatte, verließ das Gesträuch, welches ihm als Deckung gedient hatte.

Er war von nicht sehr hoher und nicht sehr breiter Gestalt. Ein dunkelblonder Vollbart umrahmte sein sonnverbranntes Gesicht. Er trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten ausgefranstes Jagdhemd, lange Stiefel, welche er bis über die Knie emporgezogen hatte, und einen breitkrämpigen Filzhut, in dessen Schnur rundum die Ohrenspitzen des grauen Bären steckten. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser; er schien rundum mit Patronen gefüllt zu sein. An ihm hingen außer mehreren Lederbeuteln zwei Paar Schraubenhufeisen und vier fast kreisrunde, dicke Stroh- oder Schilfgeflechte, welche mit Riemen und Schnallen versehen waren. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte trug er einen aus mehrfachen Riemen geflochtenen Lasso und um den Hals an einer starken Seidenschnur eine mit Kolibribälgen verzierte Friedenspfeife, in deren Kopf indianische Charaktere eingegraben waren. In der Rechten hielt er ein kurzläufiges Gewehr, dessen Schloß von ganz eigenartiger Konstruktion zu sein schien, und in der Linken eine - - - brennende Cigarre, an welcher er soeben einen kräftigen Zug that, um den Rauch mit sichtlichem Behagen von sich zu blasen.

Der echte Prairiejäger gibt nichts auf Glanz und Sauberkeit. Je mitgenommener er aussieht, desto mehr hat er mitgemacht. Er betrachtet einen jeden, der auf sein Aeußeres etwas gibt, mit souveräner Geringschätzung. Der größte Greuel ist ihm ein blankgeputztes Gewehr. Nach seiner festen Ueberzeugung hat kein Westläufer Zeit, sich mit solchem Schnickschnack zu befassen.

Nun sah an diesem jungen fremden Manne alles so sauber aus, als sei er erst gestern von St. Louis aus nach dem Westen aufgebrochen. Sein Gewehr schien vor einer Stunde aus der Hand des Büchsenmachers


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hervorgegangen zu sein. Seine Stiefel waren makellos eingefettet und die Sporen ohne eine Spur von Rost. Seinem Anzuge war kaum eine Strapaze anzusehen, und wahrhaftig, er hatte sogar seine Hände rein gewaschen.

Die beiden starrten ihn an und vergaßen vor Ueberraschung, ihm zu antworten.

»Nun,« fuhr er lächelnd fort, »ich denke, Sie wünschen den Flats-ghost zu sehen? Wenn Sie den meinen, dessen Spur Sie gefolgt sind, so steht er vor Ihnen.«

»Alle Wetter! Da bleibt mir mehrschtentheels gleich sofort der Verschtand schtille schtehn!« rief Frank aus.

»Ah, ein Sachse! Nicht?«

»Sogar een geborener! Und off alle Fälle sind Sie een reener, unvermischter Deutscher?«

»Ja, ich habe die Ehre. Und der andere Herr?«

»Ooh, aus derselbigen schönen Gegend. Der freudige Schreck ist ihm off die Schprache gefallen. Lange dauern thut's aber bei ihm nich, so kann er wieder reden.«

Er hatte recht, denn jetzt sprang Jemmy aus dem Sattel und streckte dem Fremden die Hand entgegen.

"Ist's möglich!" rief Jemmy, "hier am Devils Head einen Deutschen zu treffen!"

»Ist's möglich!« rief er aus. »Hier am Devils Head einen Deutschen zu treffen! Kaum sollte man es glauben!«

»Meine Ueberraschung muß doppelt groß sein, denn ich treffe ihrer ja zwei. Und irre ich mich nicht, so ist Ihr Name Jakob Pfefferkorn?«

»Was! Meinen Namen kennen Sie!«

»Ihnen ist's ja leicht anzusehen, daß Sie der »dicke Jemmy« sind. Und könnte ich es da nicht erraten, so brauchte ich nur Ihren Klepper anzusehen. Trifft man einen dicken Jäger auf einem solchen Kamelgaule, so ist's der Jemmy. Und zufälligerweise habe ich erfahren, daß dieser bekannte Westmann eigentlich Jakob Pfefferkorn heißt. Aber wo Sie sind, da kann der lange Davy mit seinem Maultiere nicht fern sein. Oder irre ich mich da vielleicht?«

»Nein; er ist wirklich in der Nähe, gar nicht weit von hier nach Süden, wo das Thal in die Berge geht.«

»Ah! Lagern Sie heut da?«

»Gewiß. Mein Gefährte hier heißt Frank.«

Frank war auch abgestiegen. Er gab dem Fremden die Hand. Dieser betrachtete ihn scharf, nickte ihm dann zu und fragte:

»Wohl gar der Hobble-Frank?«

»Herr Jemineh! Ooch meinen Namen wissen Sie?«

»Ich sehe, daß Sie hinken, und Frank heißen Sie. Da lag die Frage nahe. Sie hausen mit Baumann, dem Bärentöter, zusammen?«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Er selbst. Ich kam mit ihm vor einigen Jahren ein weniges zusammen. Wo befindet er sich jetzt? Daheim? Ich glaube, das ist ungefähr drei Tagesritte von hier?«

»Ganz genau. Aber er ist nich daheim. Er ist den Ogallalla in die Hände gefallen, und wir sind unterwegs, um zu sehen, was wir für ihn thun können.«

»Sie erschrecken mich. Wo ist das geschehen?«

»Gar nich weit von hier, am Devils Head. Sie schleppen ihn mit noch fünf Gefährten hinauf nach dem Yellowstone, um ihn am Grabe des >tapferen Büffel< zu töten.«

Der Fremde horchte auf.

»Aus Rache jedenfalls?« fragte er.

»Ja freilich. Haben Sie vielleicht 'mal von Old Shatterhand gehört?«

»Ich glaube, mich zu besinnen, ja.«

Es spielte dabei ein eigenartiges Lächeln um die Lippen des Sprechers.

»Nun, der hat den >tapfern Büffel<, den >böses Feuer< und noch eenen dritten Sioux getötet. Nun sind die Ogallalla unterwegs, um das Grab dieser drei zu besuchen, und dabei ist Baumann ihnen in die Hände gefallen.«

»Wie haben Sie das erfahren?«

Frank erzählte von Wohkadeh und von allem, was seit dem Erscheinen dieses jungen Indianers geschehen war. Der Fremde hörte ihm sehr aufmerksam und sehr ernst zu. Nur manchmal, wenn der Hinkende allzusehr in seinen heimatlichen Dialekt verfiel, flog ein schnelles Lächeln über sein Gesicht. Als der Bericht beendet war, sagte er:

»So trägt also Old Shatterhand eigentlich die Schuld an dem Unglücke, welches dem Bärentöter widerfahren ist. Er hat es auf dem Gewissen.«

»Nein. Was kann der dafür, daß Baumann die Vorsicht außer acht gelassen hat?«

»Nun, streiten wir uns darüber nicht. Es ist sehr brav von Ihnen, daß Sie die Gefahren und Anstrengungen, denen Sie unbedingt entgegengehen, nicht scheuen, um die Gefangenen zu befreien. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Gelingen. Besonders interessiere ich mich für den jungen Martin Baumann. Vielleicht bekomme ich ihn einmal zu sehen.«

»Das kann sehr leicht geschehen,« sagte Jemmy. »Sie brauchen ja nur mit uns zu gehen oder vielmehr mit uns zu reiten. Wo haben Sie Ihr Pferd?«

»Woher wissen Sie, daß ich kein Waldläufer, sondern beritten bin?«

»Na, Sie tragen ja Sporen!«

»Ach so, das verrät es Ihnen. Mein Pferd befindet sich hier in der Nähe. Ich habe es für die wenigen Augenblicke verlassen, um Sie vorüberreiten zu sehen.«

»Haben Sie denn unser Kommen bemerkt?«

»Freilich. Ich sah Sie bereits vor einer halben Stunde da draußen halten, um sich über die Verschiedenheit der Fährte zu beraten.«

»Wie? Was wissen sie davon?«

»Weiter nichts, als daß es meine eigene Spur ist.«

»Was, die Ihrige?«

»Ja.«

»Alle Teufel! So sind Sie es, der uns vexiert hat?«

»Haben Sie sich wirklich täuschen lassen? Nun das ist ja eine große Genugthuung für mich, einem Westmanne, wie dem dicken Jemmy, ein Schnippchen geschlagen zu haben. Freilich galt das nicht Ihnen, sondern ganz anderen Leuten.«

Der Dicke schien nicht zu wissen, was er von dem Sprecher denken solle. Er betrachtete ihn kopfschüttelnd vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte sodann:

»Aber wer sind Sie denn eigentlich?«

Der andere lachte belustigt auf und antwortete:

»Nicht wahr, Sie bemerken sofort, daß ich hier im fernen Westen ein Neuling bin?«

»Ja. Den Greenfinch sieht man Ihnen sofort an. Mit Ihrem Sonntagsgewehr können Sie getrost auf Sperlinge gehen, und Ihre Ausrüstung tragen Sie erst seit Tagen auf dem Leibe. Sie müssen in zahlreicher Gesellschaft hier sein und gehören jedenfalls zu einem Trupp Touristenschützen. Wo haben Sie die Eisenbahn verlassen?«

»In St. Louis.«

»Was? So weit im Osten? Unmöglich! Wie lange Zeit befinden Sie sich hier im Westen?«

»Dieses Mal seit acht Monaten.«

»O bitte, nehmen Sie es mir nicht übel! Aber das wollen Sie mir doch nicht etwa im Ernste weismachen!«

»Es kann mir nicht einfallen, Ihnen eine Unwahrheit zu sagen.«

»Pshaw! Und getäuscht wollen Sie uns auch haben?«

»Ja; die Fährte war von mir.«

»Das glaubt kein Gendarm! Ich mache eine Wette, Sie sind Lehrer oder Professor und reiten mit etlichen Kollegen hier herum, um Pflanzen, Steine und Schmetterlinge zu sammeln. Da lassen Sie sich einen guten Rat geben. Machen Sie sich schleunigst aus dem Staube! Hier diese Gegend ist kein Feld für Sie. Das Leben hängt hier nicht stündlich, sondern in jeder Minute an einem Haar. Sie wissen gar nicht, in welcher Gefahr Sie da schweben.«

»O, das weiß ich ganz genau. Hier in der Nähe z. B. lagern über vierzig Schoschonen.«

»Heavens! Ist's wahr?«

»Ja; ich weiß es ganz genau.«

»Und das sagen Sie so in aller Ruhe!«

»Wie soll ich es anders sagen? Meinen Sie, daß die paar Schoschonen zu fürchten seien?«

»Mann, Sie haben keine Ahnung, auf welch einem gefährlichen Gebiete Sie sich befinden!«

»O doch! Da draußen liegt der See des Blutes, und die Schoschonen würden sich freuen, uns oder einen von uns ergreifen zu können.«

»Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich von Ihnen denken soll!«

»Denken Sie, daß ich diesen Roten ebensogut wie Ihnen eine Nase drehen kann. Ich habe schon manchen tüchtigen Westmann getroffen, welcher sich in mir geirrt hat, weil er den landläufigen Maßstab an mich legte. Bitte, kommen Sie!«


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Er drehte sich um und schritt langsam zwischen die Büsche hinein. Die beiden folgten, ihre Pferde an den Zügeln führend. Nach ganz kurzer Zeit kamen sie an ein wahres Prachtexemplar von Schierlingstanne, welche wohl über dreißig Meter hoch war, bei diesem Baume eine große Seltenheit. Neben derselben stand ein Pferd, ein prächtiger Rapphengst mit roten Nüstern und jenem Haarwirbel in der langen Mähne, welcher bei den Indianern als sicheres Kennzeichen vorzüglicher Eigenschaften gilt. Sattel und Riemenzeug war von indianischer Arbeit. Hinter dem ersteren war ein Gummimantel aufgeschnallt. Aus einer der Seitentaschen ragte das Futteral eines Fernrohres hervor. An der Erde lag ein schwerer, doppelläufiger Bärentöter vom stärksten Kaliber. Als Jemmy dieses Gewehr erblickte, that er einige rasche Schritte, hob es auf, betrachtete es und rief:

»Dieses Gewehr ist - - es ist - - ah, ich habe es noch nie gesehen, aber ich erkenne es sofort. Die Silberbüchse des Apachenhäuptlings Winnetou und dieser Bärentöter sind die berühmtesten Gewehre des Westens. Der Bärentöter gehört - - -«

Er hielt inne und starrte den Besitzer ganz fassungslos an; dann fuhr er fort:

»Jetzt, jetzt, ah, jetzt geht mir ein Licht auf! Old Shatterhand ist von jedem, der ihn zum erstenmal sah, für ein Greenhorn gehalten worden. Ihm gehört dieses Gewehr, und der Stutzen in Ihrer Hand ist keine Feiertagsrifle, sondern einer von den elf Henrystutzen, die es gegeben hat. Frank, Frank, wissen Sie, wer dieser Mann hier ist?«

»Nein. Ich habe weder sein Taufzeugnis noch seinen Impfschein gelesen.«

»Mensch, lassen Sie den Spaß! Sie stehen jetzt vor Old Shatterhand!«

»Old Shat - - -«

Der Hinkende fuhr um einige Schritte zurück.

»Alle guten Geister!« stieß er hervor. »Old Shatterhand! Den habe ich mir freilich ganz anders vorgestellt!«

»Ich mir ja auch!«

»Wie denn, Mesch'schurs?« fragte der Jäger lächelnd.

»Lang und breit wie den Koloß zu Varus!« antwortete der gelehrte Sachse.

»Ja, von riesenhafter Gestalt,« stimmte der Dicke bei.


Ende des siebten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Sohn des Bärenjägers

Karl May - Leben und Werk