Nummer 31

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

28. April 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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»Woher denn?«

»Wir haben davon gehört und auch darüber gelesen.«

»So, so! Hm, hm! Gehört und gelesen! Das ist grad' so, wie wenn einer gehört und gelesen hat, daß Arsenik giftig sei, und dann glaubt, ohne Schaden ein ganzes Pfund davon verschlingen zu können. Seid ihr denn nicht wenigstens auf den klugen Gedanken gekommen, euch einen Führer zu nehmen, weicher mit den Plains und ihren Gefahren vertraut ist?«

Jim meinte es sehr gut mit den Fremden; dennoch rief Gibson zornig:

»Ich bitte Euch sehr, uns nicht in dieser Weise schulmeistern zu wollen! Wir sind Männer, verstanden! Uebrigens haben wir einen Führer.«

»Ach so! Wo denn?«

»Er ist uns vorausgeritten.«

»Das ist freilich eine ganz eigenartige Weise, jemanden zu führen. Wo wartet dieser Mann denn auf euch?«

»In Helmers Home.«

»So! Wenn das der Fall ist, so mag es ja sein. Helmers Home werdet ihr sehr leicht finden. Und wenn es euch recht ist, so könnt ihr euch uns anschließen, denn auch wir wollen dort hin. Dürfen wir vielleicht erfahren, wer dieser euer Führer ist?«

»Er ist ein sehr berühmter Westmann, wie uns versichert wurde, und hat die Llano bereits mehrere Male durchkreuzt. Seinen eigentlichen Namen hat er uns nicht gesagt; er wird gewöhnlich nur der Juggle-Fred genannt.«

»Good lack, der Juggle-Fred!« rief Jim. »Ist das wahr, Sir?«

»Gewiß! Kennt Ihr ihn?«

»Persönlich nicht, aber gehört haben wir sehr oft und sehr viel von ihm.«

»Was ist er für ein Mann?«

»Ein höchst tüchtiger Kerl, dessen Führung ihr euch ruhig anvertrauen könnt. Ich freue mich darauf, ihn endlich einmal von Angesicht zu Angesicht sehen zu können. Jedenfalls reiten wir dann zusammen, denn auch wir beide wollen hinüber nach Arizona.«

»Auch ihr? Weshalb?«

»In einer Privatangelegenheit,« antwortete Jim zurückhaltend.

»Bezieht sich diese Angelegenheit etwa auf die Diamanten, welche jetzt dort gefunden werden?«

»Vielleicht.«

»So passen wir nicht zusammen.«

»Wieso?«

»Weil wir in derselben Angelegenheit hinüber wollen. Ihr seid also unsere Konkurrenten.«

»Folglich wollt ihr nichts von uns wissen?«

»So ist es!«

Er sagte dies in einem sehr bestimmten Tone und betrachtete die Brüder dabei mit einem beinahe feindseligen Blicke. Jim lachte laut auf und rief:

»Das ist lustig! Ihr seid eifersüchtig auf uns? Das ist wieder ein sehr klarer Beweis, daß ihr grün im Westen seid. Meint ihr denn, die Diamanten liegen in Arizona nur so auf der Erde herum, daß man nichts zu thun hat als sich zu bücken, um sie aufzuheben? Schon die Goldsucher müssen sich zusammenthun, wenn sie gute Erfolge erzielen wollen, und die Diamond-Boys haben es noch viel nötiger, sich zusammenzuschließen. Ein einzelner geht zu Grunde.«

»Wir sind bereits sechs und haben genug Geld bei uns, um nicht zu Grunde zu gehen.«

»Hört, sagt das keinem anderen! Wir sind ehrliche Leute, von denen ihr nichts zu fürchten habt. Andere aber würden wohl dafür sorgen, daß ihr euer vieles Geld nicht weit zu schleppen braucht. Wenn ihr aber meint, es sei das höchste der Gefühle, mit leeren Taschen umkehren zu müssen, so erzählt es in Gottes Namen weiter; ich habe nichts dagegen. Daß ihr nichts von unserer Begleitung wissen wollt, ist uns sehr gleichgültig. Wir wollen es euch anheimstellen, uns wenigstens bis nach Helmers Home Gesellschaft zu leisten. Ihr könnt diesen Ort heute nicht erreichen und müßt also im Freien übernachten. Da ist es gut, Leute bei sich zu haben, welche im wilden Westen zu Hause sind.«

»Wann brecht ihr hier auf?«

»Sofort natürlich.«

»Ich will meine Kameraden fragen.«

»Das ist eigentlich eine Beleidigung für uns, gleichviel, ob ihr es aus Mißtrauen oder aus geschäftlicher Eifersucht thut. Doch mögt ihr immerhin eine heimliche Konferenz halten; wir werden euch nicht stören. Macht, was ihr wollt.«

Er ging langsam zu seinem Maultiere und stieg auf. Tim that dasselbe; dann ritten sie in ruhigem Schritte fort, den Spuren nach, welche nach Westen führten.

Die anderen blieben eine kurze Weile zurück, um zu beraten, dann folgten sie den beiden nach. Als sie diese erreicht hatten, drehte Jim sich nach ihnen um und fragte:

»Nun, was habt ihr beschlossen?«

»Wir reiten bis Helmers Home mit euch, aber auch nur bis dorthin.«

»Sehr gütig von euch. Mit so herablassenden Leuten zu reiten, ist das höchste der Gefühle.«

Er wendete sich wieder ab, und von jetzt an thaten die Brüder ganz so, als ob sie gar niemand hinter sich hätten.

Sie ließen ihre Pferde schneller ausgreifen und hingen dabei nach echter Westmannsart im Sattel, vornüber gebeugt, scheinbar schläfrig und laß, als ob sie gar nicht reiten könnten. Die sechs anderen Reiter hingegen befleißigten sich einer so regelrechten Haltung, als ob sie Schulpferde einzureiten hätten.

»Seht nur die beiden Kerls!« sagte Gibson zu seinen Begleitern. »Sie können nicht reiten; das sieht man doch deutlich genug. Und da wollen sie Westmänner sein? Ich mag es nicht glauben.«

»Ich auch nicht,« stimmte ein anderer bei. »Wer so im Sattel sitzt wie sie, der darf mir nicht weismachen, daß er den Westen kennt. Die Geschichte von dem Spurenlesen, welche sie uns vormachten, war jedenfalls nur Schwindel. Seht nur ihre Gesichter an! Diese Nasen! Ich habe noch nie so abstoßende Physiognomien gesehen. Und da soll man diesen Kerls Vertrauen schenken?«

»Davon ist keine Rede! Und nun gar sie mit uns nach Arizona nehmen! Daß


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wir dumm wären! Der Kerl fuhr förmlich auf, als ich von unserem Gelde sprach. Er stellte sich so unendlich ehrlich, jedenfalls nur, weil wir sechs sind und sie zwei. Wollen uns beim Schlafen in acht nehmen, damit sie nicht etwa früh mit unserem Gelde fortreiten, und wir als Leichen liegen bleiben. Ihr ganzes Auftreten läßt ja vermuten, daß sie vor nichts zurückschrecken.«

»Vielleicht ist's doch besser, wir reiten auch nicht einmal bis Helmers Home mit ihnen. Warum wollen wir uns in eine Gefahr begeben, wenn wir das gar nicht nötig haben?«

»Ganz richtig! Wenn es zu dunkeln beginnt, bleiben wir zurück. Des Nachts wachen wir dann abwechselnd, um nicht überfallen zu werden. Das wird das allerbeste sein. Es war geradezu eine Frechheit von ihnen, uns >grün< zu nennen. Wir sind es unserer Ehre schuldig, ihnen zu zeigen, daß wir nichts mit ihnen zu thun haben wollen.«

Indessen traten die bereits erwähnten Höhen immer näher. Der Boden wurde steinigt, und Jim und Tim beugten sich immer tiefer, weil die Fährte nun nicht mehr leicht zu erkennen war. Da plötzlich hielt der erstere sein Pferd an, deutete mit der Hand vorwärts und sagte:

»Schau einmal dort, alter Tim! Was für Geschöpfe mögen die wohl sein, welche da beisammenstehen?«

Tim beschattete seine Augen mit der Hand, obgleich die Sonne ihn nicht blenden konnte, denn sie war hinter dem westlichen Horizonte verschwunden. Nachdem er den betreffenden Punkt eine Zeit lang scharf fixiert hatte, antwortete er:

»Das sind zwei sehr bekannte Arten von Kreaturen, nämlich fünf Pferde und ein Mensch, welche ersteren wohl mehr wert sind als der letztere.«

»Ja, ja, fünf Pferde. Dazu gehören natürlich auch fünf Reiter, und da nur einer zu sehen ist, möchte ich gerne wissen, wo die anderen vier stecken.«

»Ich rechne, daß sie wohl nicht weit entfernt sein werden. Wenn wir noch ein Stück weiter reiten, können wir sie vielleicht sehen. Jetzt ist die Entfernung noch zu groß, einen einzelnen Menschen genau und deutlich zu erkennen.«

»Ja, machen wir also noch ein Stückchen vorwärts!« Und indem er sein Pferd wieder in Bewegung setzte, fügte er hinzu: »Daß es gerade fünf Pferde sind, gibt uns zu denken. Meinst du nicht auch?«

»Natürlich! haben mich meine Augen nicht getäuscht, so sind es jene Fünf, welche die Indianer verfolgen. Wir haben also wohl die Weißen vor uns, von denen einer erschossen wurde. Und jetzt ist es mir auch ganz so, als ob ich da draußen und da drüben so etwas Menschliches am Boden umherkrabbeln sähe. Betrachte einmal die sich bewegenden Punkte dort!«

Was er Punkte nannte, waren vier Männer, welche, in gleichmäßigen Distanzen voneinander entfernt, eine gerade Linie bildeten und sich langsam nach derselben Richtung fortbewegten.

»Das sind die anderen Vier, welche zu den Pferden gehören,« meinte Jim. »Sie befinden sich auf felsigem Boden und suchen die Spur der Indianer, welche ihnen ausgegangen ist. Nach dem Vorsprunge zu urteilen, welchen sie vor uns hatten, müssen sie schon längere Zeit damit beschäftigt sein. Das ist ein sicheres Zeichen, daß sie keine allzu guten Fährtenleser sind. Jetzt haben sie uns gesehen. Siehst du, daß sie nach ihren Pferden rennen? Es sollte mich freuen, wenn die Indianer ihnen entkämen. Was ich dazu beitragen kann, wird gern geschehen.«

»Und wie verhalten wir uns gegen sie?«

»Hm! Schurken sind sie; das ist sicher und gewiß; wir müssen ihnen um unserer eigenen Sicherheit willen ein wenig auf die Finger sehen; doch scheint es mir nicht geraten zu sein, uns gar zu eifrig um ihre Angelegenheit zu kümmern. Es ist besser, wir lassen es ihnen gar nicht merken, was wir von ihnen denken. Solange sie sich uns nicht feindlich zeigen, können auch wir friedfertige Gesichter machen. Vorwärts also! Sie erwarten uns.«

Auch die sechs Diamond-Boys hatten jetzt die Pferdegruppe gesehen und hielten sich infolgedessen nun wieder nahe zu den beiden Brüdern. Sie fühlten sich also doch in Gesellschaft derselben sicherer als allein.

Die fünf fremden Männer standen bei ihren Pferden und hielten die Gewehre schußfertig in den Händen. Einer von ihnen rief den Nahenden, als dieselben auf vielleicht sechzig Schritte herbeigekommen waren, in gebieterischem Tone zu:

»Halt, sonst schießen wir!«

Jim und Tim ritten trotzdem weiter; die sechs anderen aber hielten gehorsam an.

»Halt, sage ich!« wiederholte der Mann. »Noch einen Schritt, so bekommt ihr unsere Kugeln!«

»Unsinn!« lachte Jim. »Ihr werdet euch doch nicht vor zwei friedfertigen Menschen fürchten. Behaltet eure Kugeln! Wir haben auch welche in unseren Läufen.«

Die Fünf schossen nicht, vielleicht weil sie wirklich keine Besorgnis hatten und mit ihrer Drohung nur bramarbasieren wollten, vielleicht aber auch weil die ruhige, sichere Haltung der beiden Brüder einen imponierenden Eindruck auf sie machte. Sie ließen die beiden herankommen, legten aber ihre Gewehre nicht ab.

Derjenige von ihnen, welcher den Befehl ausgesprochen hatte, war eine breitschulterige, untersetzte Gestalt. Ein dichter, schwarzer Vollbart bedeckte den unteren Teil seines Gesichtes, so daß die Lippen nicht gesehen werden konnten; doch war seiner Aussprache anzuhören, daß er eine Hasenscharte haben müsse.

Als die Snuffles nun vor ihm anhielten, sagte er in zornigem Tone:

»Wißt ihr nicht, was hier im Westen Regel und Sitte ist? Wer angerufen wird, hat stehen zu bleiben, verstanden! Ihr verdankt es nur unserer Nachsicht, daß ihr noch lebt.«

»Schneide nicht so auf, Mann!« antwortete Jim. »Wem habt denn ihr es zu verdanken, daß ihr noch lebt? Auch wir haben Gewehre. Die Sitte des Westens kennen wir sehr genau; sie lautet: Schieße jeden, der das Gewehr auf dich anlegt, sofort nieder! Ihr habt eure Schießhölzer gegen uns erhoben, und wir haben euch nur deshalb nicht nach der Regel geantwortet, weil wir gleich gesehen haben, daß ihr nicht die Leute seid, denen man einen guten, sicheren Schuß zutrauen kann. Eure Kugeln wären ganz gewiß meilenweit an uns vorüber geflogen.«

»Thunder-storm! Da irrt ihr euch gewaltig. Wir schießen auf hundert Schritte einer Fliege den Kopf vom Rumpfe; das laßt euch gesagt sein! In welcher Absicht treibt ihr euch denn eigentlich in dieser Gegend herum?«

»Das könnt ihr euch doch denken! Wir wollen die nächste Sonnenfinsternis sehen, welche hier am besten zu beobachten sein soll.«

Der Bärtige wußte nicht, wie er diese in sehr ernstem Tone vorgebrachte Antwort aufzunehmen habe. Er machte ein sehr zweifelhaftes Gesicht und fragte:

»Wann soll sie denn sein?«

»Heute abend zwölf Uhr fünf Minuten elf Sekunden. Ich sage euch, so eine Sonnenfinsternis um Mitternacht ist das höchste der Gefühle!«


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»Mann, wollt ihr uns foppen?« brauste der andere auf. »Wir werden euch die Lust dazu sehr schnell vertreiben. Wir stehen nicht hier, um uns von euch an den Nasen ziehen zu lassen. Die eurigen sind geeigneter dazu als die unserigen. Nehmt euch in acht, daß wir euch nicht daran fassen!«

»O,« lachte Jim, »das mögt ihr immerhin thun. Wir haben nichts dagegen. Nur muß ich euch da warnen: Unsere Nasen sind nämlich geladen, wie ihr ihnen leicht ansehen werdet. Sie gehen bei der geringsten Berührung los und sind in dieser Beziehung weit und breit gefürchtet. Oder solltet Ihr noch nichts von den beiden Snuffles gehört haben, Sir?«

»Snuffles? Die beiden Snuffles seid ihr?« rief er aus. »Alle Teufel! Ja, wir haben viel von euch gehört. Jim und Tim, Tim und Jim, das sollen ein paar so verteufelt drollige Burschen sein, daß ich mich immer gesehnt habe, ihnen einmal zu begegnen. Es freut mich ungemein, diesen Wunsch jetzt in Erfüllung gehen zu sehen. Eure Nasen sollen die allerschönsten Affensprünge machen können. Hoffentlich macht ihr uns den Spaß, uns hier eine Komikervorstellung zu geben. Ihr werdet an uns ein aufmerksames und dankbares Publikum finden. Wir bezahlen gut, fünf Cents pro Mann und einen Cent pro Pferd.«

»Das läßt sich hören! So eine Einnahme konnten wir hier in diesem Zirkus kaum erwarten. Wir produzieren uns aber stets nur bei Sonnenfinsternis. Ihr werdet also wohl bis zwölf Uhr nachts zu warten haben. Wollt ihr euch aber nicht bis dahin gedulden, so schlagt euch selbst einige Purzelbäume. Das dazu gehörige Talent besitzt ihr sicher, denn euer Aussehen läßt vermuten, daß ihr erst ganz kürzlich aus einem Affenhause entsprungen seid.«

»Mann, wagt nicht zu viel! Einen Spaß machen wir uns zwar gern, uns selbst aber geben wir nicht dazu her!«

»So, dann gehört ihr also zu den feineren Pavians. Das sieht man euch aber leider nicht an, und ihr werdet mich also wohl entschuldigen. Darf man vielleicht erfahren, welche Namen ihr von euern geehrten Eltern erhalten habt?«

Diese Worte wurden mit so herzgewinnender Freundlichkeit gesprochen, daß der Bärtige darauf verzichtete, noch gröber als bisher zu werden. Er antwortete:

»Ich heiße Stewart. Die Namen meiner Genossen mögen ungenannt bleiben. Ihr würdet sie Euch doch nicht merken können, da Euer Kopf in einer sehr traurigen Verfassung zu sein scheint. Wo kommt ihr denn eigentlich her?«

»Aus der Gegend, welche hinter uns liegt.«

»Und wo wollt ihr hin?«

»Nach der Gegend, welche vor uns liegt.«

»So! Das ist sehr geistreich geantwortet. Ich habe mich also in Beziehung auf Euer armes Gehirn nicht geirrt. Wie es scheint, wollt ihr nach Helmers Home reiten?«

»Ja, da es nicht zu uns kommt, müssen wir zu ihm. Wollt ihr mit?«

»Danke sehr! Es wäre sehr unvorsichtig von uns, mit euch zu reiten, da Dummheit ansteckend sein soll.«

»Nur dann steckt sie an, wenn die Anlage dazu bereits vorhanden ist, was ich bei euch ganz und gar nicht bezweifle. Wir sahen von weitem, daß ihr euch den Erdboden so genau betrachtetet. Was habt ihr denn gesucht? Sind hier vielleicht Hundertdollarsnoten zu finden?«

»Das nicht. Wir suchten Esels und haben nun in euch zwei ganz riesige gefunden. Denn nur ein Esel kann in der Weise fragen wie ihr. Habt ihr denn die Fährte nicht gesehen, welche immer gerade vor euren Nasen hergelaufen ist?«

»Was geht uns diese Fährte an! Wir haben nichts mit ihr zu schaffen. Sie stammt jedenfalls von Leuten, welche nach Helmers Home geritten sind. Wir werden diesen Ort auch ohne die Spuren finden.«

»Seid ihr an der Leiche vorüber gekommen, welche dort hinten liegt?«

»Ja.«

»Was denkt ihr über diesen Fall?«

»Daß sie tot ist. Und was tot ist, das beißt uns nicht. Wenn andere sich die Hälse brechen, so mögen sie es immerhin thun; uns stört das nicht.«

Stewart warf einen langen, forschenden Blick auf Jim und Tim. Er schien der Gleichgültigkeit, welche der erstere in Beziehung auf die Leiche zeigte, doch nicht recht zu trauen. Die Snuffles waren als sehr tüchtige Westmänner bekannt; sollten sie wirklich an dem Toten vorüber geritten sein, ohne denselben genau untersucht zu haben und ohne dann Mißtrauen und Verdacht zu hegen? Als er in ihren offenen, ehrlichen Gesichtern auch nicht die leiseste Spur einer üblen Meinung bemerkte, sagte er:

»Auch wir haben den Mann und sein Pferd liegen sehen. Es wäre schade um den Sattel und das Zaumzeug des Pferdes gewesen, es hegen und verfaulen zu lassen. Darum haben wir beides mitgenommen. Ihr werdet das wohl nicht für einen Diebstahl erklären?«

»Fällt uns gar nicht ein! Wären wir vor euch gekommen, so hätten wir ganz dasselbe gethan.«

»Ganz recht. Wir folgten dann der Pferdespur, obgleich sie nicht nach unserer Richtung führte. Hier haben wir sie verloren und uns bisher vergeblich bemüht, sie wieder zu finden.«

»Das wundert mich. Ein Westmann muß doch eine verlorengegangene Fährte wieder finden können!«

»Das ist freilich wahr. Wäre der Felsboden von geringerem Umfange, so könnte man ihn umreiten und müßte die Spur da finden, wo sie wieder weiche Erde berührt; aber der Stein erstreckt sich von hier aus stundenweit nach Süd, West und Nord. Die Untersuchung würde mehrere Stunden erfordern, und dazu gibt es jetzt nicht mehr die Zeit, da die Nacht bald hereinbrechen wird. Wir haben uns also entschlossen, die Nachforschung aufzugeben und werden unseren früheren Weg einschlagen.«

»Wohin führt euch derselbe?«

»Wir wollen hinunter nach Fort Chadburne.«

»Das liegt am Rande der Llano. Wollt ihr dann vielleicht hinüber?«

»Ja. Wir möchten nach El Paso und dann weiter ins Arizona.«

»Um Diamanten zu holen?«

»O nein. Von diesem Fieber lassen wir uns nicht ergreifen. Wir sind ehrliche und bescheidene Farmer und haben Verwandte drüben, welche bemüht gewesen sind, uns gutes Land zu besorgen. Das werden wir bebauen; die Edelsteine mögen andere suchen. Eine Farm bringt langsamer aber desto sicherer Früchte.«

»Jedem nach seinem Belieben! Da ihr nur Farmer seid, so wundert es mich nicht, daß ihr die Fährte nicht wiederfindet. Ein tüchtiger Scout würde wohl nicht lange vergeblich nach ihr suchen.«

»Nun, ihr seid ja als Scouts bekannt. Sucht doch einmal! Ich bin neugierig, zu sehen, ob ihr sie finden werdet.«

Er sagte das in höhnischem Tone; aber Jim antwortete ruhig:

»Das können wir leicht thun, obgleich wir uns für die Sache sonst gar nicht interessieren. Ihr sollt nur den Beweis bekommen, daß wir finden, was wir suchen.«


Ende des dreizehnten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Geist der Llano estakata

Karl May - Leben und Werk