Nummer 32

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

5. Mai 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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Er stieg ab, und Tim that dasselbe.

Beide begannen, den Platz in einem weiten Kreise zu umschreiten. Ein leiser Pfiff rief die Maultiere hinter ihnen her, welche ihren Herren wie Hunde folgten. Die Brüder trauten der Gesellschaft zu wenig, als daß sie ihre Tiere hatten zurücklassen mögen.

Die Diamond-Boys waren nach den ersten gewechselten Worten auch herangekommen und hatten der Unterredung schweigend zugehört. Jetzt, nachdem die Snuffles sich entfernt hatten, fragte Stewart:

»Ihr seid mit diesen zwei Nasenmenschen gekommen, scheint aber nicht zu ihnen zu gehören. Wollt ihr uns darüber eine Aufklärung geben?«

»Gern,« antwortete Gibson. »Wir trafen mit ihnen an der Leiche zusammen, doch hat ihr Betragen uns keineswegs veranlaßt, Freundschaft mit ihnen zu schließen.«

»Daran habt ihr recht gethan. Die Snuffles stehen keineswegs in gutem Rufe. Natürlich hüte ich mich, ihnen das ins Gesicht zu sagen. Man hat uns vor ihnen gewarnt. Sie sollen die Zubringer machen für die Raubgesellschaften, welche die Reisenden in der Llano überfallen. Erst kürzlich sind wieder vier Familien getötet und ausgeraubt worden, und zwar ganz hier in der Nähe. Daß die Snuffles sich hier herumtreiben, läßt sehr vermuten, daß sie an dieser Unthat beteiligt waren und nun nach neuen Opfern suchen. Uns aber sollen sie nicht bekommen!«

»Dachte es mir! Ich habe ihnen gleich vom ersten Augenblicke an nicht getraut. Sie wollten uns verlocken, mit ihnen zu reiten.«

»Wohin?«

»Nach Helmers Home und dann durch die Llano bis nach Arizona.«

»Das laßt ja bleiben, Sir! Ihr würdet nicht hinüber kommen. Geht ihr nach Arizona, um nach Diamanten zu suchen?«

»Kaufen wollen wir welche, suchen aber nicht.«

Stewart warf seinen Gefährten einen schnellen, bezeichnenden Blick zu und bemerkte dann in möglichst gleichgültigem Tone:

»Da werdet ihr keine großen Geschäfte machen, Sir. Ein Diamantenkäufer muß Geld haben, und zwar sehr viel Geld.«

»Das haben wir natürlich.«

»Aber die Verbindung zwischen Arizona und Frisco*)  ist sehr unzuverlässig. Ich nehme natürlich an, daß ihr euer Geld von Frisco aus geschickt bekommt. Da könnt ihr es sehr leicht gerade dann nicht haben, wenn ihr es am notwendigsten braucht. Auch wir haben bedeutende Summen für das angekaufte Land zu bezahlen; aber anstatt es uns von Frisco aus anweisen zu lassen, haben wir es lieber gleich bar mitgenommen. Das ist viel sicherer.«

»Nun, ihr seid nicht die einzigen, welche so klug gewesen sind. Auch wir tragen unser Geld bei uns.«

»Das ist sehr gescheit. Man muß es aber sehr gut verbergen, denn man weiß nicht, was geschehen kann. Wir haben es in unsere Kleider genäht; da soll es einmal ein Llano-Mann finden! Ich traue, wie bereits gesagt, diesen Snuffles nicht. Sie wissen, wohin wir wollen und werden sich beeilen, es ihren sauberen Kumpanen mitzuteilen, um uns auflauern zu lassen. Wir werden aber so klug sein, nun nicht nach Fort Chadburne zu reiten, sondern eine ganz andere Richtung einschlagen. Ich rate euch, dasselbe zu thun und euch einem tüchtigen und umsichtigen Führer anzuvertrauen.«

»Das haben wir bereits gethan. Er wartet in Helmers Home auf uns.«

»Wer ist er?«

»Er wird Juggle-Fred genannt.«

»Juggle-Fred?« rief Stewart in gut gespieltem Schreck. »Seid Ihr des Teufels, Sir?«

»Wieso des Teufels?«

»Weil dieser Mensch ein anerkannter Gauner ist. Sein Name muß es Euch ja schon sagen! Er treibt allerlei betrügerische Künste und ist als falscher Spieler weit und breit bekannt. Ich schwöre sogar darauf, daß er ein Verbündeter der beiden Snuffles ist.«

»Diese behaupten aber, ihn noch gar nicht gesehen zu haben!«

»Und das glaubt Ihr ihnen? Sir, nehmt es mir nicht übel, aber das ist kein Zeichen großer Klugheit von Euch! Natürlich verleugnen sie ihn; aber er befindet sich in Helmers Home, und sie wollen auch dorthin. Es ist doch klar, daß sie sich dort treffen wollen! Dann reitet ihr mit ihnen fort, und in der Llano estakata werdet ihr dann kalt gemacht. Ihr geht uns gar nichts an, aber ich will meine Pflicht thun und euch warnen.«

Er sagte das in so treuherziger und besorgter Weise, daß Gibson sich täuschen ließ. Der letztere schüttelte verlegen den Kopf und sagte:

»Das ist uns freilich unangenehm. Wir sind Euch dankbar für die Warnung und wollen auch glauben, daß dieselbe be-

*) San Francisco


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rechtigt sei; aber nun stehen wir ohne Führer da. Wo nehmen wir jetzt einen anderen und zuverlässigen her!«

»Das ist freilich schlimm. Ich begreife überhaupt nicht, daß ihr euch habt nach Helmers Home weisen lassen. Welcher Mensch legt seine Farm so nahe an die gefährliche Llano! Daß er es gethan hat, muß euch doch auf den Gedanken bringen, daß dieser Helmers mit den Bravos in Verbindung steht, welche die Llano unsicher machen! Er hat einen Laden. Er nimmt ihnen ihren Raub ab, und sie tauschen dafür bei ihm alles ein, was sie brauchen. Das ist doch selbstverständlich. Mich brächte kein Mensch nach diesem Hause, welches so gemütvoll und verlockend Helmers Home genannt worden ist. Hinter dieser hübschen Maske verbergen sich die Gesichter einer ganzen Mörderbande.«

»Zounds, Sir, von dieser Seite haben wir uns die Sache freilich nicht betrachtet. Es bleibt uns nichts übrig, als umzukehren und einen anderen Führer zu suchen, denn von diesem Juggle-Fred wollen wir nun freilich nichts mehr wissen. Aber sagt, habt denn ihr einen Führer?«

»Wir brauchen keinen, weil zwei meiner Gefährten da sehr gut Bescheid in der Llano wissen. Auf sie können wir uns verlassen.«

»Well! Könnten wir dann da nicht vielleicht mit euch reiten?«

»Das ginge wohl, aber ich mache euch darauf aufmerksam, daß das wieder eine Unvorsichtigkeit von euch ist. Ihr kennt uns nicht.«

»O, man sieht es euch doch sofort an, daß ihr es ehrlich meint, wenn auch die Snuffles uns weismachen wollten, daß ihr Räuber seiet.«

»Haben sie das?«

»Ja.«

»Aus welchem Grunde denn?«

»Sie haben den Ort, an welchem die Leiche lag, sehr genau untersucht. Sie sagten, ihr hättet die beiden Indsmen verfolgt; einer von ihnen sei ermordet worden; der andere habe dann euern Gefährten erschossen, und dieser letztere sei von euch im Gesicht unkenntlich gemacht worden.«

»Alle Teufel! Das sagten sie?« fragte Stewart betroffen. »Und uns machten sie weiß, sich gar nicht um die Leiche bekümmert zu haben. Da habt ihr den Beweis, daß diesen Lügnern nicht zu trauen ist! So versteckt und hinterlistig handelt kein ehrlicher Mann. Wir sind ganz zufälligerweise an dem Orte vorüber gekommen. Daß wir Sattel und Zaum an uns genommen haben, kann uns niemand verdenken; das ist das Recht der Prairie. Dann habt ihr gesehen, daß wir hier die Fährte untersuchten. Das thut man doch nur der Vorsicht halber. Würden wir es also thun, wenn wir die Mörder wären?«

»Nein, gewiß nicht. Ihr braucht euch gar keine Mühe zu geben, euch zu verteidigen. Wir sehen, daß ihr ehrliche Leute seid, und schenken euch unser vollstes Vertrauen. Sagt also, ob ihr uns erlauben wollt, mit euch zu reiten!«

»Hm!« brummte Stewart nachdenklich und die Achsel zuckend. »Ich will aufrichtig sein. Wir kennen euch ebensowenig wie ihr uns. Es ist nie geraten, hier im Westen so schnell und ohne vorherige Prüfung Bekanntschaft zu schließen. Es freut uns ja, daß ihr uns Vertrauen schenkt, aber besser ist es doch, wir bleiben für uns, und ihr bleibt für euch. Daraus mögt ihr abermals erkennen, daß wir keine Räuber sind, wie die Snuffies uns genannt haben. Wären wir wirklich solche Spitzbuben, so würden wir euch sehr willkommen heißen und euch mitnehmen, um zu euerm Gelde zu gelangen. Freilich ist mir eure Verlegenheit nicht gleichgültig. Ihr könnt sehr leicht abermals einem Schurken in die Hände fallen, und so will ich euch einen guten Rat erteilen. Wir trafen nämlich auf eine zahlreiche Gesellschaft Auswanderer, welche durch die Llano estakata wollen, um sich drüben anzukaufen. Es sind meist Deutsche aus Böhmen und Hessen. Sie sind bereits gestern von uns fort und wollten heut abend gar nicht weit von hier lagern, weil dann morgen früh an diesem Lagerplatze ihr Führer zu ihnen stoßen will. Es ist das der berühmteste und zuverlässigste Kenner der Llano, ein bescheidener und auch sehr frommer Mann, namens Tobias Preisegott Burton. Schließt euch dieser Karawane an, so seid ihr sicher aufgehoben. Dieselbe besteht aus so vielen wohl bewaffneten Leuten, daß niemand es wagen wird, sie zu überfallen.«

»Meint Ihr? Hm! Sehr gut! Aber wie finden wir diese Leute?«

»Sehr leicht. Wenn ihr von hier aus gerad nach Süden reitet und eure Pferde ein wenig anstrengt, so seht ihr nach ungefähr einer halben Stunde einen einzelnen Bergkegel vor euch liegen, von welchem ein Wässerchen niederläuft, um unten in


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der kleinen, ostwärts von ihm gelegenen Ebene im Sande zu versiechen. An diesem Wasser lagert die Karawane. Selbst wenn es unterdessen finster wird, könnt ihr sie nicht verfehlen, da ihr aus bedeutender Ferne ihre Lagerfeuer sehen müßt. Wenn ihr diesem Rate folgt so weiß ich euch in guten Händen.«

»Ich danke Euch, Sir! Ihr befreit uns aus einer bedeutenden Verlegenheit. Wir werden natürlich sofort aufbrechen, um uns diesen Deutschen anzuschließen. Der Deutsche pflegt zwar albern, aber auch ehrlich zu sein. Wir reiten auf der Stelle.«

»Was soll ich den Snuffies sagen, wenn sie mich fragen, wohin ihr seid?«

»Sagt, was Ihr wollt und was Euch grad' in den Sinn kommt!«

»Gut! Aber ich will euch darauf aufmerksam machen, daß ihr sie über die Richtung, welche ihr einschlagt, täuschen müßt. Thut ihr das nicht, so folgen sie euch nach, und ihr fallt ihnen doch noch in die Hände. Reitet also zum Scheine eine Strecke wieder zurück, bis sie euch nicht mehr sehen können; dann biegt ihr nach Süden um. Wenn sie mich fragen, warum ihr umgekehrt seid, so werde ich schon eine Antwort finden, welche sie zufriedenstellt.«

So war die Sache abgemacht. Die beiden Parteien nahmen so freundlich Abschied von einander, als ob sie alte, langjährige Bekannte seien. Die Diamond-Boys ritten auf ihrer eigenen Fährte zurück, ohne den beiden Snuffles noch ein Wort oder einen Blick zu gönnen. Als sie weit genug fort waren, um die Worte Stewarts nicht mehr hören zu können, wendete sich dieser höhnisch lachend zu seinen Gefährten:

»Die habe ich sehr gut instruiert; sie werden uns sicher in die Hände laufen. Diamanten kaufen! Dazu gehören wenigstens fünfzigtausend Dollars. Ein ganz hübsches Sümmchen, wenn wir es in unsere Taschen stecken! Und was sagt ihr zu diesen Snuffles?«

»Halunken!« antwortete einer.

»Ja. Was sie für scheinheilige Gesichter machten! Sie thaten ganz so, als ob sie nicht bis drei zählen könnten, und haben doch alles, alles erraten. Das heißt, tüchtige Kerle sind sie! Sie haben die ganze Geschichte auf das Deutlichste aus den Spuren gelesen. Sie wissen sogar, daß es zwei Indianer waren und daß wir unsern Kamerad unkenntlich gemacht haben. Ihr Scharfsinn ist uns sehr gefährlich. Wir müssen sie auf die Seite schaffen.«

»Aber wie, wann und wo? Es bleibt uns ja gar keine Zeit dazu. Wir müssen fort, um die Stangen umzustecken und die Karawane irre zu führen.«

»Hm, ja, viel Zeit haben wir nicht. Wenn wir uns die Beiden jetzt entkommen lassen, ist die schönste Gelegenheit vorüber. In Helmers Home treffen sie den Juggle-Fred und vielleicht gar auch zufälligerweise diesen immer und ewig unerreichbaren Bloody-fox, welcher unser größter und ärgster Gegner ist. Diese vier zusammen sind ganz wohl imstande, uns den Braten, auf den wir rechnen, noch im letzten Augenblicke aus der Pfanne zu nehmen.«

»Schießen wir sie ganz einfach nieder!«

»Das Beste wäre es freilich; aber - -«

Er brummte nachdenklich und unbestimmt vor sich hin.

»Was, aber?« fragte der Andere. »Meiner Ansicht nach können wir gar nichts Klügeres thun. Wir sind fünf Personen und sie nur zwei. Sie können sich ja überhaupt gar nicht wehren. Sie fallen von unseren Kugeln, ohne nur Zeit zu finden, ihre Gewehre auf uns anzulegen.«

»Meinst du? Da schau doch einmal hin zu ihnen, und sei so gut, auf sie zu schießen! Ich bin neugierig, wie du das anfangen willst.«

Er deutete auf die Brüder, welche noch immer sehr eifrig nach der Fährte zu suchen schienen, ohne sich um die ihnen so gefährliche Gruppe der Anderen zu kümmern. Auch dem Fortreiten der Diamond-Boys hatten sie scheinbar nicht die geringste Aufmerksamkeit zugewendet.

»Verteufelt!« fluchte der Mann. »Du hast recht. Ich beobachte es erst jetzt, wie schlau die Halunken es anfangen, um nicht von uns getroffen zu werden.«

»Ja, sie halten ihre Tiere Schritt um Schritt so genau zwischen sich und uns, daß wir nur die Bestien treffen müßten, wenn wir schössen. Sie sind in genau dieser Weise im Kreise herumgegangen. Und siehst du nicht, daß sie die rechte Hand stets am Gewehrschlosse haben, während sie mit der Linken die Büchsen zum Anschlage bereit halten? Es darf nur einer von uns auf sie zielen, so fällt er augenblicklich von ihren Kugeln. Das sind teufelsschlaue Kerls, Und ihre Maultiere haben ebenso hundert Satans im Leibe. Es ist, als ob die Tiere es wüßten, daß sie die Aufgabe haben, ihre Herren zu decken. Sie halten ganz von selbst gleichen Schritt mit ihnen und lassen uns


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keinen Augenblick aus ihren boshaften Augen.«

Es war genau so, wie sie sagten; sie konnten nicht zum Schusse kommen. Und als die beiden Snuffles jetzt ihre Kreissuche beendet hatten, hielten sie im langsamen Näherschreiten ihre Gewehre noch immer so, daß sie augenblicklich schießen konnten. Die Maultiere kamen, als ob sie darauf dressiert seien, was wohl auch der Fall war, hinter ihnen dreingelaufen.

»Was sehe ich? Die Boys sind ja fort!« rief Jim erstaunt, als ob er das Verschwinden derselben erst jetzt bemerke.

»Schon längst,« antwortete Stewart. »Da hinten sieht man sie noch reiten.«

»Wohin denn?«

»Zurück, wie Ihr seht.«

»Das sehe ich freilich. Aber sie wollten doch mit uns nach Helmers Home! Warum kehren sie denn um?«

»Weil sie dumme Kerls sind. So eine Unvorsichtigkeit sollte man doch nicht für möglich halten. Denkt Euch nur, sie haben ihr Geld verloren.«


Ende des vierzehnten Teils - Fortsetzung folgt.



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Karl May - Leben und Werk