Nummer 37

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

9. Juni 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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Dieser Ruf galt der Hausfrau, welche am Fenster erschienen war, um nach den Gästen zu sehen. Der Teller wurde gebracht, und der Offizier setzte sich mit zum Essen nieder. Er erschrak nicht wenig, als er die Namen der drei zuletzt Gekommenen hörte, gab sich aber alle Mühe, seinen Schreck nicht bemerken zu lassen. Nichts konnte ihm so unwillkommen wie die Anwesenheit Old Shatterhands sein. Er musterte denselben mit scharfem Blicke; der berühmte Jäger sah das sehr wohl, that aber ganz so, als ob er es nicht bemerke, und gab sich den Anschein, als ob er der Person des Offiziers nur eine ganz gewöhnliche Aufmerksamkeit widme.

Dieser letztere wiederholte seinen Bericht, den er bei seiner Ankunft gegeben hatte. Es entging ihm dabei, daß Old Shatterhand seinen Hut tiefer in das Gesicht zog und unter der Krempe desselben hervor den Sprecher heimlich betrachtete. Als dieser geendet hatte, fragte der Jäger in sehr harmlosem Tone:

»Und wo sagt Ihr, daß Eure Truppe liege, Sir?«

»Bei Fort Sill da oben.«

»Von dort aus habt Ihr Eure Rekognoszierung begonnen?«

»Ja!«

»Also seid Ihr in Fort Sill gewesen und kennt die Gegend und die dortigen Verhältnisse genau?«

»Natürlich!«

»Ich war bereits vor längeren Jahren einmal dort, als Colonel Olmers dort kommandierte. Wie heißt der jetzige Kommandant?«

»Es ist Colonel Blaine.«

»Kenne den Mann nicht. Habt Ihr ihn gesehen und mit ihm gesprochen?«

»Das versteht sich ja ganz von selbst.«

»Und Eure Dragoner werden dieser Tage hier ankommen? Wie schade, daß sie nicht bereits heute oder morgen kommen! Wir könnten mit ihnen durch die Llano reiten, was wegen unserer Sicherheit von sehr großem Vorteile für uns wäre.«

»So wartet doch ihre Ankunft ab!«

»Dazu habe ich leider weder Zeit noch Lust.«

»Nun, einen Tag könnt Ihr doch wohl versäumen. Dieser Zeitverlust wird jedenfalls reichlich aufgewogen durch den Vorteil, den Euch eine solche Bedeckung bietet.«

»Einen Tag? Hm! Meint Ihr wirklich, daß es sich um nur einen Tag handeln würde?«

»Ja, allerhöchstens um zwei Tage.«

»Da sind wir freilich sehr verschiedener Meinung!«

»Wieso?«

»Weil ich überzeugt bin, daß Eure Dragoner niemals hier ankommen werden.«

»Wie kommt Ihr auf diesen eigentümlichen Gedanken, Sir?«

»Ich weiß sehr genau, daß in oder bei Fort Sill sich keine Truppe befindet, welche die Aufgabe hat, sich in die Llano zu begeben.«

»Oho! Soll ich etwa annehmen, daß Ihr mich Lügen strafen wollt?« fragte der Offizier in aufbrausendem Tone.

»Ja, das sollt Ihr! Ich erkläre allerdings, daß Ihr ein Lügner seid,« antwortete Old Shatterhand ebenso ruhig wie bisher.

»Alle Teufel! Wißt Ihr, daß dies eine Beleidigung ist, welche nur mit rotem Blute abgewaschen werden kann?«

»Ja, eigentlich müßten wir uns schlagen; das ist wahr, nämlich wenn Ihr wirklich ein Offizier der Vereinigten Staaten Truppen wäret, was aber keineswegs der Fall ist.«

»Auch das noch!« rief Stewart, indem er sich drohend erhob. »Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß ich es bin, und übrigens muß Euch meine Uniform beweisen, daß Ihr einen militärischen Gentleman vor Euch habt. Glaubt Ihr es aber selbst nun noch nicht, so muß ich Euch ersuchen, zur Waffe zu greifen!«

Old Shatterhand blickte ihm lächelnd in das Gesicht und antwortete.

»Regt Euch nicht auf, Sir! Wenn Ihr jemals meinen Namen gehört habt, so werdet Ihr wissen, daß ich ein Mann bin, der nur sehr schwer zu täuschen ist. Ich schlage mich mit keinem Schurken, und wenn Ihr es dennoch auf einen Kampf ankommen lassen wollt, so bin ich bereit, Euch mit einem einzigen Griffe den Hals umzudrehen.«

»Mensch!« schrie Stewart, indem er eine seiner beiden Pistolen aus dem Gürtel riß. »Sagt noch ein solches Wort, so schieße ich Euch über den Haufen!«

Er hatte diese Drohung noch nicht ganz ausgesprochen, so stand Old Shatterhand schon vor ihm, riß ihm die Pistole aus der Hand und zugleich die andere aus dem Gürtel und sagte, dieses Mal aber in einem ganz anderen Tone:

»Nicht so vorwitzig, Mann! Gewöhnlich pflegt derjenige, welcher eine Waffe auf mich anlegt, verloren zu sein; für dieses Mal aber will ich Euch noch schonen, da ich keinen direkten, sondern nur einen indirekten Beweis gegen Euch habe. Zunächst will ich Eure Schießdinger unschädlich machen.«

Er schoß beide Pistolen ab und fuhr fort:

»Und sodann will ich Euch sagen, daß ich von Fort Sill komme und den Kommandanten sehr genau kenne. Der vorige hieß allerdings Blaine, ist aber vor drei Wochen abberufen und durch Major Owens ersetzt worden, was Ihr noch nicht zu wissen scheint. Ihr wollt vor noch nicht ganz einer Woche von Fort Sill weggeritten sein und müßtet, wenn dies wahr wäre, Major Owens kennen. Da dies nicht der Fall ist, so seid Ihr also nicht dort gewesen, und die Geschichte von Euren Dragonern und ihrem Zuge in die Llano estakata ist Schwindel!«

Stewart befand sich in größter Verlegenheit; er versuchte, dieselbe zu verbergen, und sagte:

»Nun gut, so will ich zugeben, daß meine Truppe nicht bei Fort Sill steht. Aber ist das hinreichend, die Sache für Schwindel zu halten? Ich bin zur Vorsicht genötigt und darf den eigentlichen Aufenthaltsort meiner Leute nicht verraten.«

»Schwatzt mir nicht solches Zeug vor! Gegen mich braucht Ihr nicht so verschwiegen zu sein. Ich denke, daß jeder Offizier froh sein würde, Old Shatterhand zum Vertrauten zu haben. Uebrigens


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sehe ich Euch jetzt nicht zum erstenmal. Seid Ihr nicht einmal in Los Animas wegen Ueberfall eines Bahnzuges in Untersuchung gewesen? Es gelang Euch, mit Hilfe einiger Schurken ein Alibi beizubringen; schuldig waret Ihr aber doch. Ihr wurdet zwar freigesprochen, entginget aber nur durch schleunige Flucht dem Richter Lynch.«

»Das war ich nicht!«

»Leugnet es nicht! Euer Name war damals Stuart oder Stewart oder so ähnlich. Wie Ihr Euch jetzt nennt, und welchen Zweck Eure gegenwärtige Maskerade hat, das weiß ich nicht und will es auch nicht untersuchen. Hebt einmal Euren Schnurrbart empor! Ich bin überzeugt, daß da ein kleines Hasenschärtchen zu sehen sein wird.«

»Wer berechtigt Euch, ein solches Verhör mit mir anzustellen?« fragte Stewart in ohnmächtigem Zorne.

»Ich selbst. Uebrigens brauche ich Euren Mund nicht zu sehen. Ich weiß ohnedies, woran ich mit Euch bin. Hier habt Ihr Eure Waffen. Trollt Euch aber schleunigst von dannen und seid froh, für dieses Mal noch so leicht weggekommen zu sein! Hütet Euch aber, mir wieder in den Weg zu kommen! Die nächste Begegnung könnte unangenehmer für Euch ablaufen.«

Er warf ihm die abgeschossenen Pistolen vor die Füße. Stewart hob sie auf, steckte sie zu sich und sagte:

»Das, was Ihr gegen mich vorbringt, ist einfach lächerlich. jedenfalls verwechselt Ihr mich mit einem anderen. Darum will ich es Euch verzeihen. Ich habe meine Papiere oben in der Stube und werde sie Euch herabbringen. Ich bin überzeugt, daß Ihr mich um Verzeihung bitten werdet.«

»Das bildet Euch nicht ein! Ein Westmann lacht Eurer Papiere, welche höchst wahrscheinlich gestohlen sind. Macht es Euch aber Spaß, so holt sie herab und zeigt sie diesen anderen. Ich brauche sie nicht zu sehen.«

Stewart ging.

»Welch ein Auftritt!« sagte Helmers. »Seid Ihr Eurer Sache wirklich gewiß, Sir?«

»Ganz und gar,« antwortete Old Shatterhand.

»Habe ich es mir nich gleich gedacht!« fiel der Hobble-Frank ein. »Der Kerl hat een vollschtändig ehrenbürgerrechtswidriges Angesicht. Ich hab' ihm ooch schon meine Meenung successive beigebracht; aber er zog sich mit eleganter Präterpropter aus der Schlinge. Unsereener ist doch ooch in Arkadien gewesen und hat den Hippokrates beschtiegen, um in den dichterischen Menschenkenntnissen seinen wichtigen - -«

»Hippogryph, Hippogryph, und nicht Hippokrates!« rief ihm Jemmy zu.

»Schweig, altes, dickes Hippedrom! Siehste, kaum biste da, so geht der Schtreit wieder los! Du kannst's eben nich lassen, dich dadrüber zu ärgern, daß ich gescheiter bin als du. Alle Wörter, die mit Hippo anfangen, schtammen aus dem Sanskrit, und in diesem bin ich dir weit und breit über.«

»Nein! Hippo ist griechisch!«

»Griechisch? Haben Sie die Güte, Herr Jemmy Pfefferkorn! Was verschtehst denn du vom Griechischen! Du weeßt vielleicht nich mal, wie Alexander dem Großen sein Schimmel geheeßen hat.«

»Nun, wie denn?«

»Minotaurus natürlich!«

»Ach so! Ich denke Bukephalos!«

»Da biste freilich schief gewickelt. Das mit dem Bukephalos ist eene euphemistische Konjugation der olympischen Gebirge mit der karthageniensischen Justiz. Bukephalos war derjenige Besitzer eener Nähmaschinenfabrik in Karthago, welcher seinem Kassierer, als dieser ihm mit dem feuerfesten Geldschrank durchgegangen war, die telegraphische Depesche nach Cincinnati nachschickte: »Carus, Carus, gib mir meine Millionen wieder! Nee, der Schimmel hieß Minotaurus. Es ist das ganz derselbige Schimmel, off welchem kurze Zeit schpäter in der Schlacht bei Cannä der Stallmeester Froben erschossen wurde.«

»Aber, Frank, das geschah doch in der Schlacht bei Fehrbellin!«

»Unsinn! In der Schlacht bei Fehrbellin besiegte Andreas Hofer die Westgoten, weshalb es in dem schönen Hoferliede heeßt:

>Den Tod, den er so manches Mal
Von Fehrbellin gesandt ins Thal;
Kanonen sind schtets hohl,
Leb' wohl, mein Land Tirol!<

Und wenn du meiner inklusiven Intelligenz keen Vertrauen schenken willst, so frage unseren Herrn Old Shatterhand. Der ist in allen Künsten und Wissenschaften au plaid und mag entscheiden, wer recht hat, du oder ich.«

»Beschäftigen wir uns nicht mit solchen wissenschaftlichen Dingen,« lächelte der Genannte. »Es gibt jetzt andere Sachen, welche unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.«

»Ganz richtig! Die Schlacht von Fehrbellin ist zwar von ziemlicher Wichtigkeet, aber hier an der Llano estakata hat sie doch nich die Bedeutung allererschter Hofrangsordnung höchsten Grades. Wir schtehen hier off derjenigen teleskopischen Peripherie, von welcher die Geistesfunken unterirdischer Gedankenblitze ganz genau nach dem bekannten Gesetze abprallen müssen, daß der Einfaltspinsel genau gleich dem Ausfaltspinsel ist, was jeder Billardschpieler an seinen Bällen ersehen kann. Wir als Westmänner dürfen nich in eener höheren epileptischen Sphäre schwärmen. Wir müssen uns den Grausamkeeten des schwefel- und salpetersauren Erdenlebens anbequemen und dürfen ja nich denken, daß uns jede Schtunde een Sonett vom alten Dessauer oder gar eenen Monolog der Gebrüder Toussaint-Langenscheidt bringen muß. Wir müssen vielmehr die Gelegenheet bei den Hörnern ergreifen. Wir sind fürs praktische Leben beschtimmt, wie Schiller in seinem Nokturne vom Moskauer Glockenturme sagt:

>Der Mann schtürzt sich blind ins feindliche Leben,
Muß schtoßen und schtreben,
Erraffen und gaffen,
Um Geld anzuschaffen,
Muß wetten und wagen
Mit hungrigem Magen
Und schticht mit der häuslich schnurrenden Schpindel
Zu Tod alles Mord- und Galgengesindel!<

Grad so, wie wir es mit den Geiern der Llano estakata machen werden.«

Vielleicht hätte er noch mehrere dieser schauderhaften Reime verbrochen, wenn ihm nicht der dicke Jemmy zugerufen hätte:

»Halt ein, halt ein! Willst du uns alle dem Verderben weihen! Gönne dem armen Dichter die ewige Ruhe; wir haben von ganz anderen Dingen zu reden, wie du gehört hast.«

Frank rüstete sich zu einer zornigen Erwiderung, doch Old Shatterhand schnitt ihm das Wort ab:

»Ganz richtig! Unser guter Hobble-Frank hat sich zwar wieder einmal als ausgezeichneter Kenner der deutschen Nationallitteratur bewährt; aber so bedeutend die in seinem Gedächtnisse aufgespeicherten Schätze sind, in unserer gegenwärtigen Lage können wir nicht aus ihnen schöpfen. Wir haben keine Zeit dazu, sondern wir sind gezwungen, alle schönwissenschaftlichen Betrachtungen aufzugeben, um uns mit den Notwendigkeiten der gegenwärtigen Lage zu beschäftigen.«

So wurde nun die Unterhaltung auf ernstere Gegenstände geleitet. Old Shatterhand erkundigte sich eingehender nach dem Geschehenen, besonders nach Bloody-Fox, für den er sich sehr zu interessieren schien.


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Er fragte auch nach den Diamond-Boys, welche der Juggle-Fred erwartete, um sie durch die Llano zu führen. Sodann wurde von dieser letzteren ausführlich gesprochen. Jeder hatte Schreckliches von ihr erfahren, und so hätte sich die Unterhaltung wohl noch lange hingezogen, wenn nicht der Neger Bob mit Helmers' Schwarzen erschienen wäre und mit demselben eine Unterbrechung gebracht hätte. Dieser letztere erkundigte sich nämlich bei seinem Herrn:

»Massa Helmers fragen, wohin thun viel Pferde, wenn nachher kommen?«

»Welche Pferde?« fragte der Wirt.

»Pferde von Soldaten, welche Offizier fortreiten und holen.«

»Ah! Er ist fortgeritten?«

»Ja, sein fort. Haben vorher sagen, daß will holen viele Reiter nach Helmers Home.«

»Er hat sich also heimlich entfernt! Das beweist, daß er kein gutes Gewissen hat. Wo hinaus ist er denn?«

»Haben legen Sattel auf Pferd, Pferd aus Stall ziehen, sich aufsetzen, um Stall hinum reiten und dann fort, dahin.«

Beim letzten Worte deutete der Neger nach Norden.

»Das ist verdächtig. Man sollte ihm nachreiten. Er sagt, daß sie gewiß kommen werden, daß er sie hier erwarten soll, und reitet ihnen doch entgegen. Ich habe große Lust, ihn einzuholen, um ihn zu fragen, warum er es uns nicht vorher gesagt hat, daß er fort will.«

»Thut es immerhin,« sprach lächelnd Old Shatterhand. »Ihr würdet nicht weit nach Norden kommen!«

»Warum?«

»Weil diese Richtung jedenfalls nur eine Finte von ihm ist. Der Mann ist kein Offizier und trägt doch die Uniform eines solchen. Er führt also nichts Gutes im Schilde. Da er sich durchschaut sah, so hielt er es für geraten, zu verschwinden, und schlägt natürlich eine ganz andere Richtung ein, als diejenige ist, nach welcher er eigentlich will.«

»Aber wohin sollte er wollen? Im Westen und Südwesten liegt die Llano; im Süden ist er gewesen, denn dort kam er her; im Osten hat er nichts zu suchen, also bleibt nur der Norden übrig, wohin er auch geritten ist.«

»Master Helmers, nehmt es mir nicht übel, wenn ich behaupte, daß Ihr Euch irrt. Ich nehme das gerade Gegenteil von dem an, was dieser Mensch gesagt hat. Er ist aus dem Süden gekommen und reitet nach Norden; gut, so bin ich überzeugt, daß er nach dem Süden will. Ich wette, wenn wir seiner Fährte folgen, so werden wir sehr bald bemerken, daß sie die Richtung in die entgegengesetzte ändert. Das, was er vom Militär erzählte, war Schwindel.«

»Das glaube ich nun selbst auch. Aber warum habt Ihr ihn denn fortgelassen?«

»Weil ich ihm ganz und gar nichts zu befehlen habe, und weil ich ihm nichts Unrechtes beweisen kann.«


Ende des neunzehnten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Geist der Llano estakata

Karl May - Leben und Werk