Nummer 38

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

16. Juni 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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»So sagt mir wenigstens, in welcher Absicht er zu mir gekommen ist!«

»Ihr scheint mich für allwissend zu halten. Ich kann eben auch nichts anderes als nur Vermutungen hegen. Für mich steht so viel fest, daß er hierher gekommen ist, um sich über irgend etwas zu unterrichten, um irgend etwas zu erfahren. Was kann das sein? Euer Home ist für viele der Ausgangspunkt der Reise durch die Llano. Ich vermute, daß er hat nachschauen wollen, ob es gegenwärtig hier bei Euch Leute gibt, welche diese Reise unternehmen wollen. Er muß ein Interesse für solche Leute haben, einen Nutzen von ihnen erwarten. Nun sagt einmal, welcher Art dieses Interesse, dieser Nutzen sein könnte.«

»Hm!« brummte Helmers. »Ich weiß, Ihr haltet den Mann für einen Savannengeier.«

»Allerdings thue ich das.«

»So hätten wir ihn nicht fort lassen, sondern unschädlich machen sollen. Aber freilich war das ohne Beweise gegen ihn unmöglich. Er hat erfahren, daß Juggle-Fred die Diamond-Boys erwartet. Vielleicht ist er jetzt fort, um die Vorbereitungen zum Ueberfalle derselben zu treffen.«

»Das erscheint mir nicht nur als wahrscheinlich, sondern als gewiß. Dieser Mann befindet sich nicht allein in dieser Gegend. Er hat jedenfalls noch andere bei sich, welche irgendwo auf seine Rückkehr warten. Wir haben ihm nichts thun dürfen; ich durfte ihn nicht halten, obgleich ich wußte, daß er sich fortschleichen werde. Nun er aber fort ist, werde ich mich wenigstens überzeugen, ob ich richtig oder falsch vermute. Ich werde jetzt einmal seiner Spur folgen. Seit wann ist er fort?«

»Es sein eine Stunde und eine halbe vielleicht,« antwortete der Neger, an welchen diese Frage gerichtet war.

»So muß man sich sputen. Hat jemand Lust, mitzureiten?«

Sie meldeten sich alle. Old Shatterhand wählte sich den Juggle-Fred aus, jedenfalls um ihn besser kennen zu lernen. Während eines solchen Rittes mußte es Gelegenheit geben, ihn einer kleinen Prüfung zu unterwerfen. Mit dieser Entscheidung war Frank sehr unzufrieden. Er sagte zu dem berühmten Westmanne:

»Aber, Verehrtester, eenen andern mitzunehmen, das is keene große Offmerksamkeet für eenen Mann von meinen Meriten! Oder haben Sie etwa die Ansicht, daß ich mich bei der Beurteelung eener Schpur nich ooch nützlich machen könnte? Wenn ich mitreiten dürfte, so würde ich das als eene ganz besondere geographische Gratifikation betrachten.«

»So?« fragte Old Shatterhand lächelnd. »Womit haben Sie sich denn diese Gratifikation wohl verdient?«

»Zunächst im allgemeinen durch meine irdische Existenz überhaupt. Zweetens durch den Umschtand, daß ich nich weniger neugierig bin als andere. Und drittens dadurch, daß ich vielleicht doch noch etwas lernen könnte, wenn Sie die Gewogenheet haben wollten, mich mitzunehmen.«

»Meinen Sie wirklich, noch etwas lernen zu können? Das ist eine Bescheidenheit, welche belohnt werden muß. Sie sollen also mit.«

»Schön!« nickte Frank. »Ich widme Ihnen hiermit meinen geneigtesten >Merci Monsieur!< Mit meiner anerkennenswerten Bescheidenheet habe ich den anderen een leuchtendes Beischpiel zur geduldigen Nachahmung geben wollen, quod Eduard demonschtrandus!«

Er stieg mit stolzen Schritten davon, um sich nach dem Stalle zu seinem Pferde zu begeben. Helmers machte Old Shatterhand darauf aufmerksam, daß er ihm zu diesem Ritte einige gute und ausgeruhte Pferde zur Verfügung stellen könne, und der letztere nahm dies Anerbieten gern an. Die beiden Schwarzen mußten drei Tiere von der Weide holen, um sie zu satteln, und dann ritten Old Shatterhand, Fred und Frank davon, gleich vom Stalle aus der Spur des Offiziers folgend.

Diese führte allerdings nach Norden, aber nur eine kurze Strecke; dann bog sie über Osten nach Süden um und nahm endlich gar eine südwestliche Richtung an. Auf diese Weise war Stewart fast drei Vierteile eines Kreises geritten, und zwar hatte dieser Kreis einen auffällig kleinen Durchmesser.

Old Shatterhand ritt voran, weit nach vorn gebeugt, um die Spuren fest im Auge zu haben. Als er sich überzeugt hatte, daß dieselben nicht mehr aus der Richtung wichen, sondern von nun an eine schnurgerade Linie bildeten, hielt er sein Pferd an und fragte:

»Master Fred, was sagt Ihr zu dieser Fährte? Werden wir ihr trauen dürfen?«

»Jedenfalls, Sir,« antwortete der Gefragte, welcher wohl merkte, daß Old Shatterhand ihn ein wenig ins Examen nehmen wolle. »Von hier an bekennt der Kerl Farbe. Er reitet schnurstracks nach der Llano, und - - -«

Er hielt bedenklich inne.

»Nun, und - - -?«

»Es scheint, daß er es sehr eilig hat. Der Kreisbogen, den er um Helmers Home geschlagen hat, ist sehr eng; er hat sich nicht Zeit genommen, einen größeren Umweg zu machen. Auch ist er in gestrecktem Galopp geritten. Es muß ihn irgend etwas sehr schnell vorwärts treiben.«

»Und was mag das sein?«

»Ja, wenn ich das sagen könnte, Sir. Da bin ich aber leider mit meinen Kenntnissen zu Ende. Vielleicht erratet Ihr es leichter als ich.«

»Aufs Erraten will ich mich nicht einlassen. Es ist besser, wir gehen sicher. Wir haben ja Zeit und können einige Stunden riskieren. Folgen wir der Fährte möglichst schnell.«

Sie setzten ihre Pferde nun auch in Galopp. Das konnten sie sehr wohl, da die Spur so deutlich war, daß das Lesen derselben nicht den geringsten Aufenthalt machte.

Es war sehr bald zu sehen, daß Helmers Home sich auf der Grenze des kulturfähigen Landes befand. Die Gegend veränderte sehr schnell ihren Charakter,

Nördlich von der Niederlassung hatte es noch Wald gegeben. Südlich von ihr sah man nur noch einzelne Bäume, welche auch verschwanden. Das Gesträuch wurde dünner und seltener; das Büffelgras hörte auf, und an seine Stelle trat Bärengras, ein untrügliches Zeichen, daß der Boden an Sterilität zunahm. Dann zeigte sich immer häufiger der nackte, trockene Sand, und die bisher wellenförmige Oberfläche der Steppe ging in die Form der ununterbrochenen Ebene über.

Nun gab es Sand und überall Sand, nur zuweilen unterbrochen von einer Bärengrasinsel, überragt von den dunkelbraunen Kolben der Blütenstengel.


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Später gab es selbst dieses Gras nicht mehr, und an die Stelle desselben traten dichter Stachelrasenkaktus und lang gestreckte, schlangenartig kriechende Cereusarten. Stewart hatte diese mit Kaktus bewachsene Stellen vermieden, da die Stacheln dieser Pflanzen den Pferden leicht gefährlich werden können. Er hatte nur zuweilen seinem Tiere eine kurze Zeit zum Verschnaufen gegeben; dann war es, wie die tief eingegrabenen Tapfen zeigten, wieder gezwungen worden, in Galopp zu fallen.

So ging es weiter und weiter. Ueber zwei Stunden waren vergangen, seit die drei Reiter Helmers Home verlassen hatten. Es waren von ihnen wenigstens fünfzehn englische Meilen zurückgelegt worden, und doch wollte es ihnen nicht gelingen, den Reiter zu sehen, welchem sie folgten. Helmers Pferde waren nicht im stande, den Vorsprung, welchen er hatte, einzuholen.

Da bemerkten sie einen dunklen Streifen, welcher sich von links her spitz in die sandige Ebene schob. Es war eine Erderhöhung, welche aus fruchtbarerem Boden bestand, aber doch nur anspruchslose Mezquitesträucher trug. Die Spur zog sich nach dieser zungenartigen Einschiebung hin, welche die drei Reiter in weniger als zwei Minuten erreichen mußten. Da aber hielt Old Shatterhand sein Pferd an, deutete vorwärts und sagte:

»Vorsicht! Dort hinter den Sträuchern scheinen Menschen zu sein. Habt ihr nichts gesehen?«

»Nein,« antwortete Fred.

»Mir aber war es ganz so, als ob sich Wer oder Was bewegte. Wollen uns nach links halten, um das Mezquitegebüsch dazwischen zu bringen.«

Sie schlugen einen Bogen und trieben ihre Pferde an, um die offene Strecke, auf welcher sie so deutlich gesehen werden konnten, möglichst schnell hinter sich zu legen. Als sie dann das Gebüsch erreichten, stieg Old Shatterhand ab.

»Bleibt hier zurück und haltet mein Pferd!« sagte er. »Ich will rekognoszieren. Nehmt aber die Waffen zur Hand und seid vorsichtig. Sollte ich schießen müssen, so kommet schnell nach!«

Er bückte sich nieder und schob sich zwischen die Büsche, hinter denen er verschwand. Noch waren kaum drei Minuten vergangen, so kehrte er zurück. Ein vergnügtes Lächeln spielte um seine Lippen.

»Der Offizier ist es nicht,« sagte er. »Auch sind es nicht Kumpane desselben, welche sich da jenseits der Sträucher befinden. Ich glaube, wir machen eine sehr interessante Bekanntschaft. Master Fred, habt Ihr vielleicht einmal von den beiden Snuffles gehört?«

»Von denen? Nicht bloß gehört habe ich von ihnen, sondern ich kenne sie sogar.«

»Wirklich? Nun, so steigt einmal ab und kommt mit! Ich habe sie noch nie gesehen, aber den Nasen nach müssen sie es sein.«

»Wie sind sie denn gekleidet?«

»Wollene Hosen und Oberhemden, Schnürschuhe und Biberhüte, Gürtel aus Klapperschlangenhaut, und die Decken haben sie wie Mäntels von den Schultern hängen.«

»Das sind sie! Habt Ihr ihre Pferde gesehen?«

»Es sind nicht Pferde, sondern Maultiere.«

»So ist es gar kein Zweifel; sie sind es, Jim und Tim mit Polly und Molly. Hei, wird das eine Ueberraschung geben! Ich habe - - -«

»Leise, leise!« warnte Old Shatterhand. »Sie sind nicht allein. Es ist ein junger Indsman bei ihnen.«

»Thut nichts, Sir! Wer bei den beiden Snuffles ist, der ist mir nicht gefährlich. Ich war mit ihnen monatelang droben in den schwarzen Bergen, um Biber zu fangen. Wir hatten ein Zeichen verabredet, um uns schon aus größerer Ferne zu erkennen. Ich werde es ihnen jetzt hören lassen und will sehen, wie sie sich dabei benehmen. Was machen sie denn?«

»Sie sitzen im Schatten des Gebüsches und ruhen sich aus.«

»Und ihre Maultiere?«

»Knappern sich die wenigen Blätter von den Zweigen.«

»Sind nicht angehängt?«

»Nein.«

»So werdet Ihr gleich erfahren, daß Polly und Molly ebenso klug sind wie Jim und Tim. Ich wette, daß die beiden Maultiere ebenso schnell hier bei mir sind wie ihre Herren. Paßt einmal auf, Sir!«

Er steckte zwei Finger in den Mund und ließ einen lang gezogenen, trillernden Pfiff hören. Es ertönte keine Antwort.

»Sie sind zu überrascht,« meinte Fred. »Also noch einmal!«

Er wiederholte den Pfiff, und kaum war das geschehen, so ließen zwei Tierstimmen ein schmetterndes, trompetenartiges Eselsgeschrei hören; es prasselte in den Büschen, und alles, was ihnen im Wege stand, niederreißend, kamen die beiden Maultiere quer durch die Sträucher herbeigesprungen. Hinter ihnen ertönte eine laute Stimme:

»Hallo! Was ist denn da los! Dieser Pfiff in der einsamen Llano! Sollte es möglich sein? Fred, der Juggle-Fred!«

»Ja, der Juggler! Kein anderer ist's!« rief eine andere Stimme. »Mach voran! Ich komme auch. Er ist's, denn das Viehzeug hat ihn schon erkannt und sich zu ihm hinübergeschlängelt.«

Es prasselte abermals in den Büschen und dann brachen die beiden Brüder aus denselben hervor, Jim voran und Tim hinter ihm her. Als sie Fred sahen, eilten sie, ohne auf die anderen zu achten, auf ihn zu und umarmten ihn, einer von vorn, der andere von hinten.

»Halt, Kerls, drückt mich nicht tot!« wehrte der einstige Kunstreiter sie von sich ab. »Ich will mich wohl gern umärmeln lassen, aber einzeln, einzeln, nicht von zwei solchen Bären, wie ihr seid, zu gleicher Zeit!«

»Keine Sorge! Wir erdrücken dich nicht!« meinte Jim. »Nein, der Juggle-Fred so unerwartet hier! Das ist wahrhaftig das höchste der Gefühle! Aber wie kommst du denn auf den Gedanken, zu pfeifen? Wußtest du, daß wir da hinter dem Gebüsche steckten?«

»Jawohl. Ihr seid mir die richtigen Westmänner! Laßt euch beschleichen und betrachten und beobachten, ohne das Geringste zu bemerken! Hoffentlich seid ihr ganz erstaunt, mich hier an der Llano zu sehen?«


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»Gar so sehr nicht, alter Freund. Zwar überrascht es uns, dich hier zu treffen; aber daß du dich in der Nähe befindest, haben wir gewußt.«

»Gewußt? Wie denn, von wem denn?«

»Ah, nicht wahr, da wunderst du dich? Sind dir nicht sechs Männer bekannt, deren Anführer Gibson heißt und ein Lawyer ist?«

»Ja. Ich erwarte sie in Helmers Home, denn ich soll sie durch die Llano führen. Seid ihr etwa mit ihnen zusammengetroffen?«

»Freilich. Sie nannten uns deinen Namen. Wir hielten es nicht für nötig, ihnen zu sagen, daß wir dich so genau kennen, sondern wir teilten ihnen nur mit, daß wir von dir gehört hätten.«

»So verleugnet ihr mich, ihr Schlingels! Wo stecken die Kerls denn? Und was treibt ihr hier hinter diesen Büschen?«

»Davon später. Jetzt möchten wir vor allen Dingen wissen, wer die beiden Masters sind, welche du bei dir hast.«

»Das könnt ihr sofort erfahren. Dieser berühmte Sir mit dem Amazonenhute auf dem Kopfe heißt Hobble-Frank und ist - - -«

»Doch nicht etwa der große deutsche Gelehrte, welcher sich mit Winnetou und Old Shatterhand damals um den Yellowstonepark herumgeschlängelt hat?« fiel Tim ihm in die Rede. »Der hat doch wohl Hobble-Frank geheißen.«

Der »große deutsche Gelehrte«, das hatte Tim scherzhaft gemeint; aber Frank nahm es sehr ernst und antwortete infolge dessen selbst:

»Ja, der Hobble-Frank bin ich, Sir. Woher kennt Ihr mich denn?«

»Wir haben droben im Blackbird-River von Euren Erlebnissen gehört, Sir, und Eure Thaten sehr bewundert. Und der andere Herr, Fred, wer ist er?«

Der Blick des Fragers war auf Old Shatterhand gerichtet.

»Dieser Sir?« antwortete Fred. »Seht ihn euch einmal an! Wer mag der wohl sein?«

Sie brauchten nicht zu raten; es wurde ihnen gesagt. Eisenherz, der junge Komantsche, war auch herbeigekommen.

Eben trat er zwischen den Sträuchern hervor. Er sah Old Shatterhand stehen, hörte die Worte Freds und sagte:

»Nina-nonton, die >zerschmetternde Hand<! Shiba-bigk, der Sohn der Komantschen, ist zu jung, einem so berühmten Krieger in das Antlitz schauen zu dürfen.«

Er wendete sich nach indianischer Sitte zur Seite. Old Shatterhand aber trat rasch auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Ich erkenne dich, obgleich mehrere Winter vergangen sind und du größer geworden bist, seit ich dich sah. Du bist der Sohn meines Freundes Tevua-shohe, des Häuptlings der Komantschen, mit welchem ich die Pfeife des Friedens rauchte. Er war ein tapferer Krieger und ein Freund der Weißen. Wo hat er sein Zelt jetzt aufgeschlagen?«

»Sein Geist ist unterwegs nach den ewigen Jagdgründen, welche er erst dann betreten darf, wenn ich seinen Mördern die Skalpe genommen habe.«

»Tot? Feuerstern ist tot? Ermordet?« rief Old Shatterhand. »Sag, von wem?«

»Shiba-bigk spricht nicht davon. Frage meine beiden weißen Freunde, welche seine Leiche gesehen und heute früh mit begraben haben!«


Ende des zwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Geist der Llano estakata

Karl May - Leben und Werk