Nummer 39

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

23. Juni 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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Er zog sich wieder zwischen die Büsche zurück. Als Old Shatterhand sich zu den anderen wandte, sah er die Augen der beiden Snuffies mit achtungsvollen Blicken auf sich gerichtet. Er gab beiden die Hand und sagte:

»Es scheint, daß ihr uns Interessantes zu erzählen habt. Feuerstern war einer meiner roten Freunde; ich muß wissen, wer ihn ermordet hat. Hier brennt die Sonne. Suchen wir den Schatten auf, in welchem ich euch vorhin sitzen sah. Dort könnt ihr mir berichten, was geschehen ist.«

Jim und Tim schritten direkt quer durch die Büsche. Die drei anderen führten ihre Pferde um das Gesträuch herum. Dort hatte der junge Komantsche sich bereits wieder niedergesetzt. Die Weißen thaten dasselbe und Jim begann das gestrige Erlebnis zu erzählen.

Es wurde englisch gesprochen. Aus diesem Grunde kam der Erzähler ohne Störung an das Ende seines Berichtes. Hätte er sich der deutschen Sprache bedient, so wäre der Hobble-Frank jedenfalls bemüht gewesen, hier und da eine seiner berühmten Bemerkungen anzubringen. Als Jim sein Zusammentreffen mit dem jungen Komantschen erzählt hatte, fuhr er fort:

»Als der Morgen anbrach, haben wir dem toten Häuptling ein interimistisches Grab bereitet, wo er liegen soll, bis seine Krieger kommen, ihm ein würdiges Mal zu errichten. Dann aber machten wir uns an die Verfolgung der Mörder.«

»Ich dachte, ihr wolltet nach Helmers Home!« bemerkte Old Shatterhand.

»Ja, das war unsere ursprüngliche Absicht. Aber es gab keinen Grund, welcher uns zwang, dieses Vorhaben auszuführen. Wir hatten mit Eisenherz, dem jungen, wackeren Krieger, Freundschaft geschlossen, und natürlich seine Sache zu der unsrigen gemacht; er brannte darauf, sich sofort auf die Fährte der Mörder zu legen, und so sahen wir von Helmers Home ab und ritten mit ihm.«

»Das kann ich nur loben. Ist es euch gelungen, der Fährte zu folgen?«


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»Ja. Es hatte freilich seine Schwierigkeiten. Die Kerls waren südwärts geritten, bis zu einer Stelle, an welcher sie sich geteilt hatten, um eine Art Postenkette zu bilden, welche den Zweck hatte, ein dort befindliches Lager zu bewachen.«

»Wer lagerte dort?«

»Das können wir nicht genau sagen. Vermutlich waren es Auswanderer. Wir sahen die Geleise von Ochsenwagen und vielen Pferden und schätzen die Zahl der Menschen, welche die Nacht dort zugebracht haben, auf ungefähr fünfzig.«

»Sie waren nicht mehr da? Nach welcher Richtung sind sie?«

»Nach Südwest.«

»Also nach der Llano? Mit Ochsenwagen? Alle Teufel! Sie sind entweder von außerordentlich tüchtigen Führern begleitet, oder man hat die Absicht, sie in eine entsetzliche Falle zu locken. Was denkt Ihr, Jim?«

»Das Letztere.«

»Warum?«

»Weil diese fünf Mörder Feuersterns die Hände dabei im Spiele haben. Auch die Diamondboys sind zu dieser Karawane gestoßen, welche, nach den Spuren zu beurteilen, bereits kurz nach Mitternacht aufgebrochen sein muß. Das ist auffällig. Man hat die Leute aus der Nähe von Helmers Home schnell entfernen wollen.«

»Hoffentlich seid ihr dieser Karawane gefolgt?«

»Nein, Sir. Wir hatten es nur mit den Mördern des Häuptlings zu thun. Diese aber hatten sich, wie aus den Spuren zu ersehen war, nicht der Karawane angeschlossen, sondern waren grad nach West geritten. Ihrer Fährte folgten wir natürlich. Uebrigens fanden wir die Spur eines einzelnen Reiters, welcher noch am Abend aus der Gegend von Helmers Home zu der Karawane gestoßen sein muß.«

»So! Noch am Abend? Das ist jedenfalls jener sehr ehrenwerte Mormonenmissionar Tobias Preisegott Burton gewesen. Die ganze Angelegenheit beginnt durchsichtiger zu werden. Weiter, Master Jim! wie wurde es mit eurer Fährte?«

»Die Kerls waren sehr schnell geritten, und darum war die Spur sehr lesbar. Dann aber machte uns der Umstand zu schaffen, daß einer der Fünf sich von den anderen vier getrennt hatte. Seine Spur führte grad nach Nord. Wir mußten ihr eine Strecke folgen, um unserer Sache gewiß zu sein.«

»Hm! Das gibt zu denken. Ich möchte vermuten, daß wir es hier mit dem Offizier zu thun haben.«

»Offizier?« fragte Jim. »Es war kein Offizier dabei.«

»Weiß schon! Aber vielleicht haben die Kerls eine Uniform bei sich gehabt. Wir werden schon noch Klarheit bekommen. Ihr habt mit diesen Leuten gesprochen. War nicht einer dabei von untersetzter Gestalt, das Gesicht von einem dunklen Vollbarte eingerahmt?«

»Diese Beschreibung paßt auf den Anführer.«

»Er hatte den Schnurrbart abwärts gestrichen, als ob er die Lippen verdecken wolle. Habt Ihr nicht vielleicht in Beziehung auf seinen Mund irgend eine Bemerkung gemacht?«

»Natürlich! Er hatte eine kleine Hasenscharte. Ich sah es sehr deutlich.«

»Schön! Da haben wir den Kerl! Er ist es! Er ist nach Helmers Home geritten, um zu erfahren, ob ihm und seinem Unternehmen von dort vielleicht Gefahr droht. Weiter!«

»Eigentlich möchte ich nicht weiter erzählen. Seine eigene Dummheit eingestehen zu müssen, ist keineswegs das höchste der Gefühle. Spinne lieber du die Geschichte weiter, alter Tim.«

»Danke!« meinte dieser. »Wer das gute Fleisch gegessen hat, der mag auch dann den harten Knochen beißen. Warum soll grad ich von da anfangen, wo die Dummheit beginnt?«

»Weil du so eine hübsche Art und Weise hast, auch das Mangelhafte als vortrefflich erscheinen zu lassen.«

»Weiß schon! Ich bin stets derjenige, welcher die Sünden der anderen zu büßen hat. Aber da du mein Bruder bist, will ich gutmütig sein und es einmal versuchen, ob es mir möglich ist, mich so ein wenig von außen her um die dumme Geschichte herum zu schlängeln. Wißt ihr, Mesch'schurs, die Sache ist nämlich die, daß uns später die Fährte verloren ging, und wir haben sie trotz alles Suchens auch nicht wieder gefunden.«

»Unmöglich!« rief Old Shatterhand.

»Ich sage Euch aber, daß es wahr ist, Sir!«

»Die beiden Snuffles hätten eine Fährte verloren? Wenn mir das ein anderer sagte, würde ich ihn unbedingt Lügen strafen.«

»Ich danke Euch, Sir! Aber da es Euch der Tim Snuffle selber sagt, so müßt Ihr es glauben!«

»Allerdings. Aber wie ist das denn eigentlich zugegangen?«

»Auf die einfachste Weise von der Welt. Da vorn, wo das Mezquitegesträuch aufhört, beginnt felsiger Boden, der sich meilenweit nach Ost und Süd erstreckt. Diesen Boden solltet Ihr sehen, Sir, um zu begreifen, daß einem eine Fährte verloren gehen kann.«

»Ich kenne ihn. Die Mexikaner, welche bekanntlich spanisch sprechen und zu deren Gebiet diese Gegend gehörte, nannten und nennen heute noch diese Gesteinsstrecke el plano del diablo, die Teufelsplatte.«

»Richtig! Ihr kennt sie? Ihr waret schon dort?«

»Zweimal sogar.«

»Nun, das beruhigt mich, denn da werdet Ihr uns nicht für Greenhorns halten, wenn ich Euch aufrichtig gestehe, daß die Spur für uns wie weggeblasen war.«

»Hm! Aber vier Reiter bläst doch niemand weg!«

»Nein. Doch wenn die Pferde auf diesem eisenharten, glatten Gestein keine Spuren machen, so ist eben keine Fährte zu sehen, Sir. Unser Komantsche ist trotz seiner Jugend ein famoser Fährtenleser; aber ich sage Euch, daß auch er am Ziele seiner Weisheit stand.«

»So möchte ich wissen, ob es mir auch so ergangen wäre wie Euch!«

»Ja, Ihr! Ihr seid denn doch ein ganz anderer Kerl als so ein Snuffle! Ihr und Winnetou würdet selbst dann die Fährte entdecken, wenn die Kerls durch die Luft geritten wären! Und fast möchte man glauben, daß dies geschehen sei. Ich sage Euch, es war nicht das kleinste ausgetretene Steinbröckchen und nicht das armseligste Ritzchen zu sehen, welches ein Hufeisen in den Fels geschnitten hätte.


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Natürlich haben wir genau dasselbe gethan, was jeder andere gute Westmann in diesem Falle unternommen hätte: wir sind längs der Gesteinsgrenze hingeritten, um die Stelle zu finden, an welcher die Kerls vom festen Fels wieder auf sandigen Boden gekommen sind. Das ging so langsam, daß wir bis jetzt noch nicht ganz fertig sind, obgleich wir uns jedenfalls bereits nördlich von dem Punkte befinden, an welchem der eine die vier anderen verlassen hatte, um nach Helmers Home zu reiten, wie Ihr sagt. Uebrigens sahen wir, als wir da drüben herüberkamen, einen einzelnen Reiter, welcher an unserem Horizonte südwärts galoppierte, und als wir dann dieses Gebüsch erreichten, bemerkten wir, daß er hier angehalten hatte.«

Old Shatterhand horchte auf. Er schien eine kleine Weile lang nachzudenken, dann erhob er sich von seinem Platze, untersuchte die verschiedenen Hufeindrücke, welche sich am Rande des Mezquitegebüsches befanden, und entfernte sich dabei eine ziemliche Strecke von den anderen. Dann hörten sie ihn rufen:

»Master Tim, seid Ihr oder Jim auch hier gewesen, wo ich jetzt stehe?«

»Nein, Sir,« antwortete der Gefragte.

»So kommt einmal alle her!«

Sie folgten seiner Aufforderung. Als sie zu ihm kamen, deutete er auf das Gebüsch und sagte:

»Hier seht ihr ganz deutlich, daß jemand in die Sträucher eingedrungen ist. Da ist ein Aestchen abgebrochen, und die Bruchfläche ist noch nicht vertrocknet. Es ist also vor noch nicht langer Zeit geschehen. Folgt mir nach, Mesch'schurs!«

Er schob sich, jedes Zweiglein und jeden Zollbreit des Bodens genau betrachtend, immer weiter in das dichte Gebüsch hinein, bis er vor einer sandigen Stelle stehen blieb. Sie war mehrere Schritte lang und breit und zeigte keine Spur von Vegetation. Nicht der kleinste, ärmste Halm war da zu sehen. Da kniete er nieder, und es schien, als ob er jedes Sandkörnchen einzeln untersuchen wolle. Endlich erhob er sich mit einem Lächeln der Befriedigung im Gesichte und betrachtete auch die übrigen Seiten des Gebüsches, welches das Plätzchen umgrenzte. Dann deutete er auf eine Stelle und sagte:

»Auch hier ist jemand herein in dieses Versteck gekommen; ich wette, daß der Betreffende da draußen vor den Büschen auf dem felsigen Boden vom Pferde gestiegen ist. Und nun sagt mir zweierlei, Master Tim: Südlich von hier ist es gewesen, wo sich der eine von den vier anderen trennte?«

»Südost, Sir.«

»Schön! Hatte der Mann, den Ihr dann von hier fortreiten sahet, Uniform an?«

»Nein.«

»So ist für mich folgendes gewiß: Der Anführer der Fünf ist, nachdem er die anderen verlassen hatte, hierher geritten, um sich die Uniform zu holen und als Offizier nach Helmers Home zu gehen. Dann, als er sich dort heimlich entfernt hatte, ritt er wieder hierher, um die Uniform ab- und seinen vorigen Anzug wieder anzulegen.«

»Was Ihr sagt, Sir! Haltet Ihr diesen Ort hier für einen Kleiderschrank?«

»Ja, wenigstens für ein Versteck, für eine >Cache<, wie bekanntlich der Biberjäger die Grube nennt, in welcher er seine Felle verbirgt. Nehmt eure Messer heraus und grabt gefälligst nach! Man sieht es dem Sande ganz deutlich an, daß er vor kurzem sehr sorgfältig geebnet worden ist.«

Die beiden Snuffles sahen ihm erstaunt in das Gesicht; der Hobble-Frank aber warf sich zu Boden und begann den Sand so eifrig gleich mit den bloßen Händen aufzuwühlen, als ob er alle Schätze von Golkonda da zu finden erwarte. Das eiferte die anderen an, seinem Beispiele zu folgen.

Der Sand flog nach allen Seiten davon. Noch war Frank kaum zehn Zoll tief gekommen, so rief er, und zwar deutsch:

»Ich hab's, Herr Shatterhand! Meine Finger sind off was Hartes geschtoßen.«

»Nur weiter, weiter!« mahnte Jim, auch in deutscher Sprache. »Das Harte kann auch Fels sein.«

»Was!« rief Frank. »Sie bedienen sich ooch des deutschen Mutterdialektes? Sind Sie etwa ooch zwischen dem Montblanc und Vegesack geboren?«

»Ich heiße Hofmann. Das genügt einstweilen. Grabt nur weiter!«

»Ich grabe ja wie een Maul- und Werwolf. Es is keen Fels, sondern Holz. Da habt Ihr's! Lauter dünne Schtangen.«

»Das sind jedenfalls Kaktusstangen,« erklärte Old Shatterhand, »welche so miteinander verbunden sind, daß sie eine breite Fläche und als solche die Decke des Versteckes bilden.«

Diese Ansicht erwies sich als richtig. Die linealgeraden Stengel waren mit Flechtwerk so verbunden, daß sie einen viereckigen Deckel bildeten, welcher ein tiefes, quadratisch gegrabenes Loch von oben vollständig verschloß. Dieses Loch war wohl über zwei Ellen lang und breit und bis an den Rand mit allerlei Gegenständen angefüllt.

Das erste, was man sah, war ein Säbel und eine - - Uniform, auf welcher ein altes, zusammengebrochenes Zeitungsblatt lag.

»Die Montur des Offiziers, und ooch sein Raubritterschildknappensäbel!« sagte Frank, indem er die Klinge aus der Scheide zog und mit derselben durch die Luft schlug. »Wenn der Halunke da wäre, würde ich ihm eene tüchtige Pfrieme off den Kopp versetzen.«

»Du meinst wohl eine Prime!« verbesserte der Juggle-Fred.

»Ich meene gar nichts, wenigstens für dich nichts, alter Offschneider und Besserwisser! Ich werde doch wohl wissen, was die fechtbaren Kunstausdrücke zu bedeuten haben. Ich habe mir schon als knabenähnlicher junge hölzerne Säbels geschnitzt und schpäter alle daroff bezüglichen Kunst- und Fachwörter, was der Lateiner thermopylus polytechnicus nennt, im Koppe auswendig gelernt. Een Hieb von oben heeßt Pfrieme, und eener von unten heeßt polnische Schwarte, weshalb man eben oft sagt: >er kriegt Schwarte< anstatt >er kriegt Prügel<. Ich als forschtamtlicher tempus passatus werde wohl besser wissen als du, was - - -«

»Bitte, lieber Frank, das Papier!« unterbrach ihn Old Shatterhand.

»Schön! Gleich! Ich kann dem Fred die Leviten ooch später lesen, wenn wir diese Mördergrube ausgeräumt haben.«

Er gab Old Shatterhand das Zeitungsblatt. Dieser öffnete dasselbe. Es enthielt einen mit Bleistift beschriebenen Zettel. Der Jäger las die Zeilen vor:

»Venid pronto en nuestro escondite! Precaution! OldShatterhand esta en casa de Helmers.«


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»Das heißt?« fragte Fred. »Nun, Frank, du bist ja Sprachkenner!«

»Jawohl,« antwortete der Angeredete. »Es is von Old Shatterhand und Helmers die Rede. Aber dieses Hebräisch is so mit indianischen Präflixen und Sufflixen verschimpfiert und von solchen indogermanischen Trichinen durchfressen, daß sich mir gleich beim erschten Wort das Herz im Leibe umdreht. Ich wasche meine Hände in Unschuld und beschäftige mich lieber da mit der Uniform.«

Er begann die Taschen der Uniform sehr angelegentlich zu untersuchen. Old Shatterhand übersetzte die spanischen Zeilen:

»Kommt rasch in unser Versteck! Vorsicht! Old Shatterhand befindet sich bei Helmers.«

Von einer Erklärung dieser Worte wurde zunächst abgesehen. Man wollte wissen, was alles sich in dem Loche befand. Dasselbe enthielt getragene, aber noch brauchbare Kleidungsstücke in verschiedenen Formen, Farben und Größen, Flinten, Pistolen, Messer, Blei, blecherne Schachteln mit Zündhütchen und endlich gar ein Fäßchen, welches noch halb voll Pulver war. Sämtliche Taschen der Anzüge waren leer.

»Die Kleider verbrennen wir,« sagte Old Shatterhand. »Das andere ist gute Beute, und jeder mag sich davon nehmen, was ihm beliebt. Das Uebrigbleibende wird mit zu Helmers genommen. Ich bin überzeugt, daß die Llanorunners noch mehrere solcher Verstecke haben, in denen sie ihre Vorräte aufbewahren. Die Uniform gehörte wahrscheinlich einem Offizier, welcher von ihnen ermordet worden ist. Von allen diesen Fundgegenständen hat für mich nur der Zettel Wert. Was würdet Ihr aus dem Inhalte desselben schließen, Master Jim?«

»Zweierlei,« antwortete der Gefragte. »Erstens, daß der Kerl einen Heidenrespekt vor Euch hat. Er wäre jedenfalls noch länger in Helmers Home geblieben, wenn er nicht Euch dort getroffen hätte. Zwar weiß ich nicht, was dort geschehen ist, aber ich denke so.«

»Und zweitens?«

»Zweitens sind noch Genossen hinter ihm, welche er durch diesen Zettel warnen will. Auch sie wollen in die Estakata; auch sie kommen hierher, um die Grube zu öffnen. Er bestellt sie an einen Ort, den er auch mit dem Namen Versteck bezeichnet. Wie mir scheint, ist damit ein Versammlungsort gemeint.«

»Eure Vermutung ist auch die meinige. Ihr erseht aus dem Stande der Dinge, daß Ihr die verlorene Fährte nun nicht aufzusuchen braucht. Dieser Mann stößt ganz gewiß wieder zu seinen vier Gefährten. Um zu ihnen zu kommen, braucht Ihr nur ihm zu folgen. Seine Spur wird von hier an sehr deutlich sein. Sie führt jedenfalls nach dem Verstecke, von welchem er in diesen Zeilen schreibt. Ihr könnt Euch doch wohl denken, weshalb er die Leute dorthin beordert?«

»Natürlich, Sir! Er will mit ihnen über die Auswanderer her.«

»Das vermute auch ich. Und zwar beabsichtigt er, dies sehr bald zu thun, wie seine Eile beweist. Er hat Angst vor mir. Er weiß, mit welchem Argwohn wir ihn behandelt haben. Er muß befürchten, daß wir hinter seine Schliche kommen und ihm dieselben vereiteln. Darum wird er die Ausführung seines Vorhabens so viel wie möglich beschleunigen.«

»So müssen auch wir uns beeilen, Sir! Ich darf doch annehmen, daß wir auf Euere Hilfe rechnen können?«

»Gewiß. Zunächst habe ich mit diesen Leuten wegen der Ermordung des Häuptlings ein Wort zu reden, und sodann gilt es, neues Unglück zu verhüten. Wie ist das anzufangen? Welchen Vorschlag macht Ihr uns?«

»Ich Euch? Hm! Jim Snuffle soll Old Shatterhand einen Vorschlag machen! Das ist wirklich das höchste der Gefühle! Wir haben uns nur nach Euch zu richten, Sir, nicht wahr, alter Tim?«

»Yes!« antwortete der Gefragte. »Old Shatterhand sitzt jedenfalls längst im richtigen Zentrum, während wir uns noch lange Zeit nur so von außen um dasselbe herumschlängeln. Oder möchtest du Vorschläge machen, Fred?«

»Nein,« antwortete dieser. »Dazu bin auch ich der Richtige nicht. Aber eine Meinung darf man haben. Wäre es nicht das Allerklügste, wir ritten dem Kerl gleich jetzt nach? Er ist der Anführer, die Seele des Unternehmens. Wenn wir ihn erwischen, unterbleibt die That.«

»Schwerlich!« meinte Old Shatterhand. »Er war der Wortführer unter fünf Genossen. Ob er aber wirklich das Oberhaupt aller Llanogeiers ist, das wissen wir nicht. Mit ihm sind auch die anderen unschädlich gemacht. Uebrigens glaube ich nicht, daß wir ihn einholen könnten. Unsere Pferde sind nicht die besten, und die Sonne neigt sich dem Untergange zu. Bevor wir ihn erreichen könnten, wird es Nacht. Nein, lassen wir ihn für heute reiten; seine Fährte ist morgen auch noch zu sehen. Ihr kampiert hier an dieser Stelle, ihr alle, um diejenigen, an welche dieser Zettel gerichtet war, festzunehmen, falls sie kommen. Ich reite mit den drei Pferden allein nach Helmers Home zurück und hole Jemmy, Davy und Bob. Mit Tagesgrauen brechen wir von hier auf, und ich denke, daß unser Ritt nicht vergeblich sein wird. Wir sind dann neun Mann, und ich hege die Ueberzeugung, daß wir es mit einer Bande von zwanzig bis dreißig Geiern recht wohl aufnehmen.«


Ende des einundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Geist der Llano estakata

Karl May - Leben und Werk