Nummer 40

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

30. Juni 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Jeder suchte sich von den vorgefundenen Waffen und der Munition aus, was ihm beliebte. Die Kleider wurden heraus auf das freie Terrain geschafft und mit Hilfe dürrer Mezquitezweige verbrannt. Dieser Scheiterhaufen qualmte noch, als Old Shatterhand das Pferd bestieg. Er versprach, für Proviant und auch einen kleinen Wasservorrat zu sorgen, und bemerkte im Davonreiten, nach Westen deutend:

»Mir scheint, von dorther kommt etwas, Sturm oder ähnliches. Das ist ein Wetterloch, welches aber der Llano leider niemals Regen bringt.«

Er trabte mit seinen drei Pferden davon, nach Norden zu. Die anderen betrachteten, von ihm aufmerksam gemacht, den westlichen Himmel, an welchem sich über der Sonne ein leichtes Gewölk zeigte, rötlichgrau gefärbt und eine Art Ring bildend, in dessen Mitte sich goldene Reflexe sammelten. Das sah gar nicht gefährlich aus, und Old Shatterhands Worte wurden als eine Bemerkung hingenommen, welche wohl keine weitere Bedeutung hatte. Nur der Komantsche hielt den Blick bedenklich auf das Wölkchen gerichtet und murmelte für sich hin:

»Temb metan, der Mund des Blitzes!«

Die Männer setzten sich wieder nieder und erzählten den beiden Snuffles, was in Helmers Home geschehen war. Das wurde natürlich auf das ausführlichste behandelt. Die Zeit verging wie im Fluge, und die Männer achteten nicht auf den Himmel, welcher jetzt eine ganz andere Färbung angenommen hatte. Nur der Komantsche, welcher schweigend seitwärts saß, achtete genau auf diese Veränderung.

Der kleine Wolkenring hatte sich unten geöffnet und also die Form eines Hufeisens angenommen, dessen Schenkel sich zusehends verlängerten, so daß sie zwei langgestreckte, schmale Schichten bildeten, welche fast den mitternächtigen Horizont erreichten. Zwischen ihnen sah man den reinen, klaren Himmel. Die eine, näherliegende Schichte senkte sich, und da färbte sich der südliche Horizont mit einem staubigen Orangerot. Es sah ganz so aus, als ob dort ein Sturm wüte, welcher den feinen Sand bis empor zum Himmel wirbele.

Im Osten wurde es dunkel wie von schweren Wolken, und doch waren keine Wolken zu sehen. Da plötzlich sprang der Komantsche auf und schrie, die höchste Tugend des Indianers, die Selbstbeherrschung ganz vergessend, indem er nach der im Osten liegenden schwarzen Wand deutete:

»Maho-timb-yuavah - der Geist der Llano!«

Die anderen sprangen erschrocken auf. Sie bemerkten erst jetzt die Veränderung des Himmels; aber der Schreck erstarrte ihre Blicke, als sie dieselben dahin richteten, wohin Eisenherz zeigte.

Wohl drei scheinbare Manneshöhen über der Linie des Horizontes jagte ein Reiter am Himmel dahin. Die schwarze Wand zeigte da, wo die Gestalt sich befand, einen runden, hell erleuchteten Fleck, welcher sich mit dem Reiter in ganz gleicher Geschwindigkeit fortbewegte, so daß der letztere wie eine dunkle aber sich bewegende Silhouette in lichtem Rahmen erschien. Seine Gestalt und ebenso diejenige des Pferdes war übermenschlich groß. Alle seine Glieder waren deutlich zu erkennen. Er hielt mit der Rechten die Zügel und mit der Linken den Hut an der Krempe fest. Das auf seinem Rücken hängende Gewehr schlug auf und nieder. Mähnenhaar und Schweif des Pferdes wehten wie im Sturme hinterwärts. Das gespenstische Tier flog dahin, als ob es von der Hölle gehetzt werde.

Und das geschah am hellen Tage, eine volle Stunde vor Untergang der Sonne! Es machte einen unbeschreiblich grauenhaften Eindruck auf die Beschauer. Keiner von ihnen ließ ein Wort, einen Laut hören.

Die schwarze Wand brach im Süden fast schroff und senkrecht ab. Dieser Stelle jagte der Reiter zu. Er näherte sich ihr mehr und mehr. Noch zehn Sprünge des Pferdes, noch fünf, noch drei, noch einer - das Tier schoß hinaus in die Leere und war mit samt dem Reiter verschwunden. Auch der lichte Rahmen war nicht mehr zu sehen.

Die Männer standen noch immer wortlos bei einander. Bald blickten sie dorthin, wo das Phänomen erschienen und verschwunden war, bald sahen sie einander an. Da schüttelte sich Jim, als ob er friere, und sagte:

»Alle guten Geister! Wenn das nicht der Geist der Llano estakata war, so will ich mich niemals wieder Snuffle heißen lassen! Habe wirklich immer geglaubt, daß es ein Unsinn sei; jetzt aber wäre man ja geradezu verrückt, wenn man noch zweifeln wollte. Mir ist innerlich ganz unreell zu Mute. Wie befindest du dich, alter Tim?«

»Grad so, als ob ich ein alter Geld-


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beutel wär', in welchem auch nicht ein einziger armer Cent zu finden ist. Ich bin leer, ganz leer, vollständig nur Haut und Luft! Und seht nur, wie schnell sich der Himmel verändert! Das ist ja noch nie dagewesen!«

Die obere Kante der erwähnten schwarzen Wand färbte sich blutrot; Flammenbüschel zuckten auf und nieder. Der eine Schenkel des noch hoch am Himmel sichtbaren Hufeisens senkte sich nieder. Und je tiefer er herabstieg, desto breiter und dunkler wurde er. Im Süden wirbelte es wie ein vom Sturme gepeitschtes Meer von Staub und Rauch. Es kam näher und näher. Ueber die Sonne legte sich ein düsterer Vorhang, welcher von Sekunde zu Sekunde immer höher und breiter wurde. Der dunkle Wolkenstreifen schien jetzt förmlich vom Himmel zu fallen. Mit einem Male wurden die entsetzten Männer von einer ganz ungewöhnlichen Kälte ergriffen. Ein schrilles Heulen ließ sich in der Ferne hören.

»Um Gotteswillen, zu den Pferden!« schrie Juggle-Fred. »Schnell! Sonst gehen sie durch! Reißt sie nieder! Sie müssen sich legen. Haltet sie fest, aber legt auch euch selbst ganz platt auf die Erde!«

Alle fünf sprangen zu den drei Pferden, welche angstvoll schnauften, und sich gar nicht weigerten, als sie niedergezerrt wurden. Sie lagen hart am Gebüsch und steckten die Köpfe unter die Zweige. Und kaum lagen auch die Männer da, so brach es los. Das war ein Pfeifen, Stöhnen, Heulen, Sausen, Brausen, Krachen und Brüllen, welches jeder Beschreibung spottet. Die Männer hatten das Gefühl, als ob eine zentnerschwere Decke plötzlich auf sie geworfen werde. Sie wurden mit solcher Gewalt zu Boden gedrückt, daß es ihnen unmöglich gewesen wäre, sich jetzt zu erheben, selbst wenn sie den Versuch dazu hätten wagen wollen. Eiseskälte strich ihnen durch die Gebeine. Alle Oeffnungen, Augen, Nase, Mund und Ohren wurden ihnen wie mit erstarrendem Wasser geschlossen. Sie vermochten nicht zu atmen, sie waren dem Ersticken nahe. Und da plötzlich strich es wieder glühend heiß über sie hin, und die heulenden Stimmen der Llano estakata verklangen in der Ferne. Die Pferde sprangen auf und wieherten laut. Der plötzlich hereingebrochenen, tief dunklen und erstarrend kalten Nacht folgte heller Sonnenschein und belebende Wärme. Man konnte den Mund öffnen; man vermochte wieder zu atmen. Die fünf Gestalten begannen sich zu bewegen. Sie befreiten ihre Augen von dem hindernden Sande und sahen um sich.

Sie waren von einer fußhohen Schicht kalten Sandes bedeckt. Das war die Decke, welche der Tornado über sie geworfen hatte.

Ja, ein Tornado war es gewesen, einer jener mittelamerikanischen Cyklone, welche von einer Kraftentwicklung sind, die kaum anderswo ein Seitenstück findet. Die Zerstörungen, welche so ein Tornado anrichtet, sind ganz furchtbarer, fast unglaublicher Art. Er erreicht eine Geschwindigkeit von bis hundert Kilometer in der Stunde und ist meist von elektrischen Erscheinungen begleitet, welche oft noch lange nachhalten. Selbst der Samum der afrikanischen Wüste ist nicht von solcher Wucht, und nur der entsetzliche Sand- oder Schneesturm der wilden Gobi entwickelt eine elementare Macht, welche sich mit derjenigen eines Tornado vergleichen läßt.

Die fünf Männer erhoben sich und schüttelten den Sand von ihren Gewändern. Das Gesträuch hatte dem Flugsande ein Hindernis geboten, so daß er wie eine zwei Ellen hohe Sandwehe vor demselben aufgeschichtet lag.

»Gott sei Dank, daß es so gnädig vorübergegangen ist!« sagte Jim. »Wehe denen, welche sich während dieses Tornado in der offenen Llano befunden haben! Sie sind verloren.«

»Nicht so unbedingt, wie Ihr meint,« entgegnete Fred. »Diese schrecklichen Winde haben zum Glücke oft nur eine Breite von einer halben englischen Meile; um so größer aber ist ihre Gewalt. Dieser wütende Luftstrom hat uns nur mit seinen Seitenwellen überflutet. Hätten wir uns in seiner Mitte befunden, so wären wir mit samt den Pferden wer weiß wie weit mit fortgerissen und irgendwo zerschellt worden.«

»Ganz richtig!« nickte Tim. »Ich kenne das. Habe drüben am Rio Contschos mal die Verwüstungen angesehen, welche so ein Tornado dort anrichtete. Er hatte sich so von außen herum in einen Urwald hineingeschlängelt und durch denselben sozusagen eine schnurgerade Straße gerissen. Baumriesen von einem Durchmesser, welcher bei einigen wohl an die zwei Meter betrug, waren entwurzelt worden und lagen wirr über und durch einander. Diese Straße, welche aber natürlich vollständig unpassierbar war und auf welcher kein einziger Baum sich stehend erhalten hatte, besaß eine so scharfe Seitenabgrenzung, daß rechts und links die Bäume nur ganz leicht verletzt waren. Der Yankee nennt diese Art Stürme Hurricane und gibt auch den von ihnen niedergeschmetterten Waldesstrecken ganz denselben Namen.«

»Schrecklich genug war's!« meinte der Hobble-Frank. »Der Atem war mir so vollschtändig ausgegangen, daß meine Klarinette beinahe nur noch off dem letzten Loche pfiff. Wir haben in Sachsen doch ooch zuweilen unsere Schtürme gehabt, aber so wilde und unkultiviert wie hier, sind sie nich. So een sächsischer Hauptorkan is gegen eenen amerikanischen Tormenado das reene Kinderschpiel, das reene Mailüftchen, grad zureichend, den heeßen Kaffee kalt zu blasen. Und dazu haben mich eure Maulesel halb tot geschtrampelt. Sie wollten zuletzt nich mehr liegen bleiben und hielten meine edle Geschtalt sonderbarerweise für - - -«

»Maultiere, wollen Sie wohl sagen,« unterbrach ihn Jim.

»Nee, Maulesel sage ich! Wenn sie so in dieser Weise off mir herumstampfen, sind sie eben die größten Esel, die es nur geben kann. Sie haben mir die ganze künstlerische Konschtruktion meines ostgotischen Körperbaues auseenander getreten. Ich sollte euch eegentlich off Schadenersatz verklagen; aber wer so eenzig in der Welt daschteht wie ich, der is doch gar nich zu ersetzen. Deshalb will ich dieses Mal Gnade für Recht ergehen lassen, muß mir aberst für das zukünftige Futurum solche Mauleselei off das allerschtrengste verbitten. Fixi et salvavi animal!«

»Dixi heißt es, und animam!« rief Fred.

»Schweigste schtille! Wenn ich arabisch schpreche, so is mir deine Meenung vollschtändig schnuppe,« schrie Frank ihn zornig an. »Das fehlte grade noch, daß so een verflossener Taschenschpieler, wie du bist, sich solche Randbemerkungen erlooben dürfte! Lerne was, so kannste was! Ich will ja gerne alle Freundschaft mit dir halten; aber wennste mich in dieser Weise offbläsest,


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so zerplatze ich und werfe dich ins Weltall hinaus, daß du in alle Ewigkeet als Lichtputze unter den Schternschnuppen herumfliegst! Fixi und noch dreimal fixi, das heeßt: Ich hab's gesagt, ich, der Hobble-Frank. Merke dir's!«

Er warf sein Gewehr über und schritt würdevoll von dannen - ein zürnender Achilleus. Die anderen nickten sich lächelnd zu und sagten kein Wort, ihn zu versöhnen. Fred wußte, daß der kleine Sachse sehr bald wiederkommen werde.

Die Sonne, welche vorhin vollständig verdunkelt worden war, warf jetzt wieder ihre Strahlen hernieder. Dieselben waren ganz eigentümlich gefärbt, fast safrangelb, hätte man sagen können. Der Horizont verschwamm in dieser Färbung, und die Erde schien gegen ihn hin sich rundum zu erheben. Das hatte ganz das Aussehen, als ob die fünf Männer sich am tiefsten Punkte des Innern einer großen Hohlkugel befänden.

Die drei Reittiere waren noch keineswegs beruhigt. Sie schnauften ängstlich und stampften den Boden. Sie wollten fort und mußten fest angebunden werden. Es lag etwas in der Luft, was einzuatmen die Lunge sich sträubte. Das waren nicht mikroskopisch feine Sandteilchen, welche die Atmosphäre noch schwängerten, sondern es war etwas nicht zu Bestimmendes, nicht zu Bezeichnendes.

Der Komantsche hatte seine Decke über den Sand gebreitet und sich darauf niedergestreckt. Selbst jetzt, nach einem solchen Naturereignisse, bewahrte er die schweigsame Zurückhaltung, welche ein Charakterzug des Indianers ist. Die drei Weißen setzten sich in seine Nähe, und Jim fragte ihn:

»Hat mein junger, roter Bruder bereits einmal so einen Sturm mit erlebt?«

»Mehrere,« antwortete der Gefragte. »Eisenherz ist von dem Nina-yandan*) weit fortgerissen und dann im Sande begraben worden; aber die Krieger der Komantschen haben ihn doch gefunden. Er hat ausgerissene Bäume gesehen, deren Stamm von sechs Männern kaum umspannt werden konnte.«

»Aber den Geist der Llano estakata sahst du wohl noch nicht?«

»Eisenherz hat auch diesen gesehen, vor drei Wintern, als er mit seinem Vater durch die Llano ritt. Sie hörten einen Schuß. Als sie sich der Stelle näherten, an welcher er gefallen war, sahen sie den Geist auf einem schwarzen Pferde davonjagen. An dem Orte aber lag ein Bleichgesicht, in dessen Stirn sich das Loch der Kugel befand. Der Häuptling der Komantschen kannte diesen Toten, der ein gefürchteter Mörder gewesen war.«

»Welches Aussehen hatte der Geist?«

»Er hatte den Kopf und den Leib des weißen Büffels, um dessen Hals sich die zottige Mähne sträubte. Es war schrecklich anzusehen. Aber dennoch ist er ein guter Geist, sonst würde er nicht die Gestalt dieses heiligen Tieres annehmen. Auch wissen die Komantschen sehr gut, daß er nur böse Männer tötet, während alle guten unter seinem Schutze stehen. Eisenherz kennt zwei Komantschen, welche sich in der Llano verirrt hatten und dem Verschmachten nahe waren. Der Geist ist des Nachts zu ihnen gekommen, hat ihnen Fleisch und Wasser gegeben und sie dann auf den rechten Weg gewiesen.«

»Sprach er auch mit ihnen?«

»Er redete mit ihnen in ihrer Sprache. Ein guter Geist spricht alle Sprachen, denn der große Geist hat sie ihm gelehrt, Howgh!«

Er wendete sich ab. Mit dem letzteren Worte deutete er an, daß er nun genug gesprochen habe und jetzt schweigen wolle.

Frank hatte abseits gestanden und, als er bemerkte, daß die beiden miteinander sprachen, sehnsüchtig zu ihnen herüber geschielt. Es war ihm ganz unmöglich, in der Ferne zu schmollen, während andere so glücklich waren, miteinander reden zu können. Darum kam er jetzt langsam herbeigeschritten und sagte zu Fred:

»Ich habe dir Zeit gegeben, an deinen Busen zu schlagen und dich zu bessern. Hoffentlich hast du eingesehen, daß du dich sehr schwer an dem Schpektrum meiner pomologischen Methode versündigt hast. Willst du das offrichtig eingeschtehen?«

»Ja,« antwortete Fred in künstlichem Ernste. »Wir gestehen ja gern zu, daß du uns allen weit überlegen bist.«

»So halte in Zukunft ergebenst an dich, und laß dich nich so oft von deinem hemisphärischen Temperamente hinreißen. Dieses Mal will ich dir noch verzeihen, denn nach solchen Erlebnissen wie das soeben überschtandene is der Mensch doppelt zur Versöhnung subdominiert. Am hellen Tage een leibhaftiges Geschpenst zu erblicken, das geht beinahe an Kopf und Kragen. Meine Gänsehaut is mir angeschwollen wie een Luftballon!«

Er setzte sich zu Fred. Dieser meinte lächelnd:

»So groß braucht dein Entsetzen nicht zu sein. Die Erscheinung, welche wir hatten, läßt sich vielleicht auf ganz natürlichem Wege erklären. Denke doch nur an das Brockengespenst, dessen Entstehung der Brockenwirt Nehse so überzeugend nachgewiesen hat!«

»Nehse? Den kenne ich ooch. Sein Sohn is een berühmter Civilingenieur und wohnt in Blasewitz. Er hatte die Ehre, mich off eener Landpartie nach Moritzburg zu treffen und mir grad über das Brockengeschpenst seinen achtungsvollsten Vortrag zu halten. Das is eene harzreiche Lufterscheinung, halb Ozon und halb Sauerschtoff, die sich in der Atmosphäre niederschlägt und dann vom Nebel in glühende Hagelkörner offgelöst wird. Hier aber in der Llano haben wir es mit eenem wirklichen Geiste zu thun. Wir sahen ihn am Himmel hinreiten; es war keene Luft, es war ooch keen Nebel, sondern es war die greifbare Geschtalt eenes wirklichen übernatürlichen Wesens. Wie kann da eene optische Täuschung vorliegen?«

»Hm! Ich selbst habe früher als Taschenspieler künstliche Gespenster produziert.«

»Davon magste nur lieber schweigen, denn künstliche Geschpenster herzuschtellen, das is die reene Schwindelhaftigkeeterei! Off welche Weise hast du das denn fertig gebracht?«

»Entweder durch eine schief liegende Glasscheibe oder durch die Camera.«

»Das kann ich ooch. Ich habe mir ja selbst mal so eene Camera obscuriosa gebaut; sie war mir so weit ooch ganz gut gelungen, aber leider hatte ich vergessen, das Loch anzubringen, wo die Okularlinsen hineingeschüttet werden. Uebrigens konnte ich von keenem Gemüsehändler diese Sorte von Linsen bekommen, und so habe ich die Sache bis off weiteres einstweilen liegen lassen.«

*) Mordwind.


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Da brachen Fred und die beiden Snuffles in ein so schallendes Gelächter aus, daß der ernste Komantsche sich schnell herumwendete und sie erstaunt ansah. Frank aber machte sein zornigstes Gesicht und rief:

»Silicium! Schweigt schtille! Hört euer Hohngelächter nich sofort off, so richte ich unter euch Semmelbrüdern een Blutbad an, wie Muhammed der Zweete unter den Karthagern! Ihr haltet euch wohl für klug und weise? Ich sage euch, an eurer fadenscheinigen Philosophie sind ooch schon die Knopplöcher offgerissen, und eure ganze Klugheet schmeckt nach Rizinusölpomade! Ihr habt über meine Camera procura gar nichts zu lachen! Sie war ganz richtig konsterniert, und ich als Forschtbeamter hatte keene Zeit, mir die Linsen selber zu erbauen. Ich habe euch zwar längst durchschaut, aber eure mangelhafte Frequenz mit Großmut ertragen, weil ich hoffte, aus euch doch noch was Ordentliches machen zu können; aber jetzt kommt mir die Ueberzeugung, daß an euch Hopfen und Malz verloren ist. Ich verlasse euch abermals und schüttle den Schtoob von meinen Füßen. Euer Hohn erfordert Rache. Ich gehe, aber - manus manum lavendat, zu deutsch: Meine Hand wäscht euch schon noch die Köpfe mit Lavendel. Wartet es nur ab! Ho-ho-ho-howgh!«

Er hatte sich in den größten Grimm hineingesprochen, stampfte sich den Sand von den Füßen, warf ihnen das letzte, indianische Wort mit wütender Gebärde zu und eilte dann fort, um hinter dem Gebüsch zu verschwinden und sie auf diese Weise durch die Entziehung seines Anblickes exemplarisch zu bestrafen.

In einen solchen Zorn war er noch nie geraten. Das Gelächter schwieg, und Fred meinte in bedauerndem Tone:

»Ich dachte nicht, daß er es gar so übelnehmen würde. Das müssen wir durch ganz besondere Höflichkeit ausgleichen.

Er ist eine Seele von einem Menschen, und sein famoses Sophistisieren macht ja nur Spaß und keinen Schaden.«

Er erzählte den beiden Snuffles alles, was er über den Hobble-Frank wußte, und stimmte dieselben günstig für den kleinen Sonderling. Dann kam die Rede natürlich wieder auf den Tornado und die demselben vorhergehende Erscheinung des Geistes der Llano. Die Drei waren keineswegs ungebildete Männer; besonders besaß Fred mehr als gewöhnliche naturwissenschaftliche Kenntnisse; sie waren überzeugt, es nur mit einer optischen Erscheinung zu thun zu haben, aber sie verstanden es nicht, dieselbe wissenschaftlich genau zu erklären.


Ende des zweiundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Geist der Llano estakata

Karl May - Leben und Werk