Nummer 41

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

7. Juli 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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Darüber verging die Zeit, und die Nacht brach an. Es wurde so dunkel, daß man nicht fünf Schritte weit zu sehen vermochte. Nun kam Frank wieder herbei. Er wollte in solcher Finsternis und an solchem Orte nicht allein sein; aber sein Zorn war noch nicht vollständig verraucht. Er sprach kein Wort und streckte sich auch nicht neben den anderen, sondern in gewisser Entfernung von ihnen nieder, lauschte aber sehr aufmerksam auf ihre Reden. Sie hörten es seinen Bewegungen an, daß er zuweilen auffuhr, um einen Einwand loszulassen, wenn einer etwas geäußert hatte, was er besser zu wissen und zu verstehen vermeinte; aber er legte sich doch immer wieder nieder. Die Lust, zu schmollen, war bei ihm doch noch größer als der Hang, mit seinen eingebildeten Kenntnissen zu prahlen.

Die Luft war mittlerweile rein geworden und ließ sich leichter atmen als vorher. Eine leichte Prise hatte sich aus Südwest erhoben und war nach der Hitze des Tages von sehr angenehmer Wirkung. Einige Sterne standen am Himmel, welche den an der Erde Liegenden die Zeit andeuteten.

Sie sprachen nicht mehr miteinander. Sie gaben sich Mühe, einzuschlafen. Eine Störung durch irgend ein feindliches Wesen war nicht wahrscheinlich, und Old Shatterhand konnte jetzt noch nicht erwartet werden. Die Weißen schliefen auch wirklich ein; aber der Komantsche starrte mit offenen Augen gegen den Himmel, obgleich er während der letzten Nacht keine Minute lang geschlafen hatte. Der Tod oder vielmehr die Ermordung seines Vaters beschäftigte seine junge, nach Rache lechzende Seele.


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So verging Viertelstunde um Viertelstunde. Da plötzlich wurden die Schlafenden durch einen lauten Ausruf des Indianers geweckt. Sie fuhren in sitzende Stellung empor.

»Mava tuhschta - seht dorthin!« sagte er, nach Süden deutend.

Sie sahen trotz der Dunkelheit seinen ausgestreckten Arm und blickten in die angegebene Richtung. Dort, wo der Himmel am Horizonte auflag, zeigte sich in Gestalt eines schmalen, langen Kreisabschnittes eine dämmernd helle Stelle. Sie machte gar nicht den Eindruck von etwas Außergewöhnlichem, erregte aber doch die volle Aufmerksamkeit der Männer.

»Hm!« brummte Jim. »Wenn das im Osten wäre, so würde ich glauben, wir hätten so lange geschlafen, daß dort der Tag zu grauen beginne.«

»Nein,« meinte sein Bruder Tim. »Das Tagesgrauen ist ganz anders. Die Grenzlinien dieser hellen Stelle sind zu scharf.«

»Eben weil es dunkle Nacht ist.«

»Aber eben weil es dunkle Nacht ist, kann der Morgen noch nicht grauen. Tag und Nacht fließen ineinander; dort aber giebt es feste Konturen.«

»Es müßte ein Feuer sein?«

»Ein Feuer in der Llano, in welcher es kein Holz gibt? Hm! Was sollte da brennen? Der Sand etwa? Das wäre etwas mir ganz Neues.«

»Das ist freilich wahr. Wenn nun gar noch der Sand zu brennen anfangen wollte, das wäre für uns freilich das höchste der Gefühle. Da könnten wir uns nur schleunigst aufsetzen und davonreiten. Aber wie willst du dir die Sache sonst erklären?«

»Weiß es auch nicht. Uebrigens wird die helle Stelle immer größer. Und dabei dreht sich der Wind. Er kam aus Südwest.

Jetzt kommt er gerade aus West und wird stärker und kälter. Was hat das zu bedeuten?«

»Ein Nordlicht ist's auf keinen Fall,« sagte Fred. »Und von Südlichtern hat man hier ja wohl noch nichts wahrgenommen.«

Frank hatte bisher geschwiegen; nun aber mußte er reden, sonst hätte es ihm das Herz abgedrückt.

»Diese lichte Schtelle des Horizontes hat was zu bedeuten,« sagte er. »Sie hängt jedenfalls mit dem Avenging-ghost zusammen. Vorhin is er nach Süden geritten. Vielleicht hat er dort sein Wigwam und sitzt bei seinem Lagerfeuer.«

Die anderen hätten am liebsten wieder gelacht; sie bezwangen aber den Reiz dazu. Fred antwortete:

»Meinst du, daß ein Geist sich ein Lagerfeuer anbrennt?«

»Warum nich? Bei so eenem kalten Winde, wie er jetzt weht?«

Die Luft wurde allerdings schärfer. Sie folgte der Windrose immer weiter nach Norden. Und da unten im Süden stieg die Helligkeit höher und immer höher. Es war, als ob dort die Scheibe eines mächtig großen Gestirnes aufgehe. Sie bildete jetzt beinahe einen Halbkreis, welcher im Innern einen blutig roten Kern hatte, der sich nach außen hell und heller färbte und dann von einer Bogenlinie eingeschlossen wurde, an welcher sich dunkle Wolkenmassen und sprühende Feuerballen durcheinander zu wälzen schienen.

Das Ganze gewährte einen schaurig-prachtvollen Anblick. Die fünf Männer standen staunend. Sie wagten kaum zu sprechen.

Der Wind kam jetzt genau aus Norden. Er hatte sich in Zeit von einer Viertelstunde um den halben Horizont gedreht. Doch gab es dabei kein Sausen und Brausen; er strich vielmehr mit heimtückischer Stille nach der so großartig erleuchteten Himmelsgegend zu. Und dabei war er so kalt, daß man sich hätte in einen Pelz hüllen mögen.

»Das sollte Old Shatterhand sehen!« sagte der Juggle-Fred. »Leider kann er noch nicht zurück sein, denn es ist jetzt gerade Mitternacht.«

»Mitternacht!« stieß der Hobble-Frank hervor. »Das is die Geisterschtunde. Da wird gewiß dort, wo es brennt, was Grausiges passieren!«

»Was soll da, außer dem Feuer, Schreckliches geschehen?«

»Frag doch nich so verkehrt! Um Mitternacht öffnet sich der Orkus, und die Geschpenster schteigen heraus. Da treiben sie eene ganze Schtunde lang allerhand Unfug. Ich kenne das, denn ich habe sogar des Nachts die Oogen offen. Wie jedes Land und Volk seinen Charakter hat, so haben ooch die Geschpenster jeder Gegend ihr besonderes Temperament und ihre besonderen Liebhabereien. In der eenen Gegend drehen sie den Menschen den Hals um, und in der anderen würgen sie die Leute an den Kreuzwegen ab. Die Sachsen sind die gemütlichsten Leute, und darum gibt es dort die urgemütlichsten Geschpenster. Ueber das, was sie treiben, singt der Dichter des Elbgaues zu seiner Apolloharmonika:

>Am dunkeln Rabenschteen da drüben
   Bei Königschteen und Pärne,
Da thun die Geister Kegel schieben;
   Das sieht mer gar nich gerne.<

Wer aber weeß denn, was die hiesigen Geister für eene besondere Passion haben. Es können gerade die allergefährlichsten und allerschlimmsten sein, die es gibt. Darum wollen wir uns in acht nehmen und - - Herr Jemerschnee, habe ich nich recht gehabt? Guckt mal hin! Dort kommt er geritten!«

Er rief die letzteren Worte im Tone des Entsetzens aus. Und das, was jetzt geschah, konnte allerdings selbst dem furchtlosesten Menschen ein Grauen einjagen. Der Geist der Llano estakata erschien abermals.

Wie bereits gesagt, bildete die fremdartige Lichterscheinung jetzt einen gewaltigen Halbkreis am südlichen Himmel. Da, wo der Bogen dieses Halbkreises links auf dem Horizonte lag, erschien jetzt plötzlich die Gestalt eines riesigen Reiters. Das Pferd war schwarz, aber der Reiter war weiß. Er hatte die Gestalt eines Büffels. Man sah ganz deutlich den Kopf mit den beiden Hörnern, den Nacken mit der struppigen, halblangen Mähne, welche hinterher flatterte, und den Leib, welcher sich nach rückwärts mit dem Hinterteile des Pferdes vereinigte. Die Konturen dieses Bildes waren von lichtfunkelnden Linien eingefaßt.

Das Pferd befand sich in geradezu rasendem Galopp. Es bewegte sich nicht etwa auf einer ebenen Linie, also auf dem Durchmesser dieses lodernden Halbkreises, sondern es stieg innerhalb des Kreisbogens empor und galoppierte längs desselben weiter. Es hatte ein Stück Boden unter sich, der ihm auch stets unter den Füßen blieb.

So jagte es in runder Linie aufwärts bis zum höchsten Punkte und dann an der rechten Seite der glühenden Halbscheibe wieder herab bis da, wo der Kreisbogen den Horizont berührte. Dort verschwand es so plötzlich, wie es erschienen war.

Den Zuschauern war es trotz der kalten Luft, welche sie umwehte, glühend heiß geworden. War da an Täuschung zu denken? Nein, das war die reine, unbestrittene Wahrheit. Sie fanden keine Worte, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben. Selbst der bedächtige Komantsche ging aus sich heraus und rief ein »Uff« nach dem andern. Was sie sprachlos machte, das


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öffnete ihm den Mund zu diesen Ausrufungen.

Sie standen da und warteten, ob die Erscheinung sich vielleicht wiederholen werde - vergebens. Eine Zeitlang loderte der Halbkreis noch in gleicher Stärke fort; dann verlor sein Bogen die bisherige Schärfe und seine Lichter begannen zu verdunkeln.

Da ertönte hinter ihnen weicher Hufschlag im Sande. Reiter kamen, hielten bei ihnen an und sprangen von den Pferden. Der vorderste von ihnen war Old Shatterhand.

»Gott sei Dank, daß ihr noch lebt!« rief er aus. »Ich glaubte euch verloren und war vollständig überzeugt, eure Leichen aus dem Sande graben zu müssen.«

»So schlimm hat der Tornado uns denn doch nicht mitgespielt,« antwortete Fred. »Wir sind von ihm nur gestreift worden, Sir. Ihr müßt euch außerordentlich beeilt haben; wir konnten euch jetzt noch nicht erwarten.«

»Ja, wir haben einen wahren Parforceritt gehabt. Es galt, euch zu retten. Darum ist auch Master Helmers mit seinen Knechten mitgekommen, wie ihr seht. Wir hatten große Sorge um euch. Der Tornado ist hart an Helmers Home vorübergegangen. Wir sahen die Verwüstungen, welche er angerichtet hat, und mußten aus der Richtung, welche er zurückgelegt hatte, mit Bestimmtheit vermuten, daß er auch euch getroffen habe. Glücklicherweise ist er ziemlich gnädig mit euch umgesprungen.«

Auch die anderen gaben ihrer Freude Ausdruck. Es waren Jemmy, Davy, Bob und Helmers mit einigen Knechten. Die zwei Erstgenannten hatten von Old Shatterhand die Anwesenheit der beiden Snuffles erfahren. Sie freuten sich des Zusammentreffens mit ihnen, machten aber wenig Worte darüber, denn es gab Wichtigeres zu besprechen.

Fred berichtete in Kürze über das zweimalige Erscheinen des Geistes. Jemmy und Davy schüttelten still die Köpfe. Sie wollten den Erzähler nicht durch die Aeußerung eines Zweifels beleidigen. Helmers meinte:

»Was Ihr da berichtet, Sir, muß wahr sein, denn zehn Augen haben es gesehen; aber begreifen und erklären kann ich es nicht. Es wird wohl keinen Menschen geben, welcher unumstößlich nachzuweisen vermag, ob wir es mit einem Trugbilde oder einem wirklich existierenden Wesen zu thun haben.«

»O ja, diesen Menschen gibt es freilich, und der bin ich selber!« antwortete der Hobble-Frank. »Von eener trügerischen Kompression kann keene Rede sein, denn die Geschtalten sind von uns in perplexer Vollendung gesehen worden. Der Geist is een überirdisches Wesen, welches durch die Luft zu reiten vermag. Wir schtehen in diesem Oogenblicke mitten in der mitternächtigen Geschpensterschtunde, was der Yankee Ghostly-hour nennt; dieser Umschtand erklärt die ganze Erscheinung und is der sicherste Beweis, daß wir es mit eener abgeschiedenen Seele aus der jenseitigen Himmelsgegend zu thun haben. Ich gloobe nich, daß jemand es wagen wird, mir zu widerschprechen!«

Er hatte sich geirrt, denn Old Shatterhand klopfte ihm auf die Achsel und sagte, allerdings in freundlichem Tone:

»Was hätte man denn zu erwarten, wenn man einen Widerspruch wagte, lieber Frank?«

»Hm, das wäre verschieden, je nach der Persönlichkeet. Jeden anderen würde ich mit meinen Beweisen förmlich niederschmettern, so daß seine wissenschaftliche Existenz für immer und ewig vernichtet wäre. Aber wenn Sie selbst mal eene kleene, bescheidene Frage riskieren, so bin ich ausnahmsweise bereit, Ihnen den gewünschten Aufschluß in möglichster Freundlichkeet zu erteilen.«

»Einen Aufschluß fordere ich nicht von Ihnen. Daß die Erscheinung das zweite Mal in der Mitternachtsstunde stattgefunden hat, ist kein Beweis ihres überirdischen Ursprunges, denn vorher war sie ja am hellen Tage zu sehen. Wollen Sie mir eine ausführliche Beschreibung des ganzen Vorganges geben, so bin ich überzeugt, ihn zur Genüge erklären zu können.«

»Das möchte ich beschtreiten; aber da Sie es sind, so will ich Ihnen die Schilderung liefern, denn Sie sind von allen Anwesenden der eenzige, der mir komponieren kann.«

Der kleine Sachse gab eine ganz vorzügliche und sehr ausführliche Beschreibung der zweimaligen Geistererscheinung. Old Shatterhand warf zuweilen eine Frage dazwischen.

Indessen sank im Süden der Lichtschein immer tiefer und erbleichte mehr und mehr Er schien ganz verschwinden zu wollen. Einige Minuten lang lag er nur noch wie ein blasser Schimmer auf dem Horizonte; dann aber wurde er plötzlich wieder heller, stieg aber keineswegs zunächst wieder zur früheren Höhe empor, sondern lief wie an einer funkensprühenden Lunte immer weiter nach Wesen hinüber. Dort blieb er halten und bildete sich mit ungeheurer Schnelligkeit zu einem Flammenmeere aus, welches den halben Himmel erleuchtete.

»Alle Teufel!« rief Frank aus. »Da geht die Geschichte schon wieder los! So eene Geisterschtunde habe ich noch nich erlebt. Diese Feuer sind übernatürlichen Urschprunges, denn - - -«

»Unsinn!« unterbrach ihn Old Shatterhand. »Die Sache ist sehr leicht zu erklären. Das Feuer dort ist ein ganz natürliches.«

»Was sollte denn da brennen?«

»Verdorrtes Kaktus. Es gibt bekanntlich in der Llano meilenweite Strecken, welche so dicht mit Kaktus bedeckt sind, daß kein Reiter hindurchkommen kann. Sind die Pflanzen vertrocknet, so genügt ein einziger unvorsichtiger Funke, um in wenigen Augenblicken ein wahres Feuermeer zu erzeugen.«

»Das ist wahr,« stimmte Helmers bei, »und ich weiß ganz gewiß, daß im Süden und Westen von hier sehr bedeutende Kaktusstrecken liegen.«

»Nun, so haben wir also zunächst eine Erklärung für das Feuer, und die beiden vermeintlichen Gespenster werden wir auch bald beim Kragen nehmen.«

»Oho!« fiel der Hobble-Frank ein. »Vermeintliche Geschpenster? Es waren wirkliche. Und wie kommen Sie off die Idee, daß es zwee Geister waren?«

»Das ist aus den Gestalten zu ersehen. Das erste Gespenst, welches am Tage erschien, war der sogenannte Dragoneroffizier. Wer das zweite gewesen ist, kann ich freilich noch nicht sagen. Ich kenne niemand, der ein weißes Büffelfell trägt.«

»Jetzt lassen Sie mich mal in Ruhe, Herr Old Shatterhand! Ich habe zwar gesagt, daß Sie der eenzige sind, von dem ich mir komponieren lasse, aber doch nur eenigermaßen. Keen Mensch kann da oben am Himmel hinreiten, und das is doch geschehen, wie wir fünf mit deutlichen Oogen gesehen haben.«

»Ja, die Bilder haben sich in der Luft bewegt; die Originale aber sind unten auf der Erde geritten.«

»Die Bilder? Na, jetzt hört alles und verschiedenes off! Ich hab all mein Lebtage noch nich gehört, daß Bilder reiten können, noch dazu durch den sauern Stoff der Atmosphäre! Wie sollen denn diese Bilder eegentlich entschtanden sein?«


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»Durch mehrere verschieden erwärmte Luftströmungen, wie sie z. B. dort bei dem Feuer entstehen.«

»So! Also Bilder entschtehen durch Schtrömungen der Luft! Das is mir was ganz Neues. Bisher gloobte ich, sie könnten nur mit Hilfe des Bleischtiftes, des Kontramarineblau oder der Photographie entschtehen.«

»Nicht auch durch einen Spiegel?«

»Ja, das hatte ich vergessen.«

»Nun, die Luft wirkt unter Umständen gerade so wie ein Spiegel.«

»So! Ja, das leuchtet mir eher ein, denn in der Lehre von den Luftspiegelungen bin ich der bedeutendste unter den Meestern.«

»Schön! dann werden Sie auch zugeben, daß Ihre Geister nur Luftspiegelungen waren, gerade so, wie - - - -«

Er hielt inne. Seine Aufmerksamkeit wurde jetzt auf das Feuer gelenkt, welches in dunkelroter Glut am Horizonte stand, und eine Decke durcheinanderwogender Wolken über sich trug. Und höher noch als diese Wolken, aber diesseits des Feuers und frei schwebend im Luftraume entwickelte sich jetzt das verkehrte Bild einer ebenen, glühend rot erleuchteten Landschaft. Da, wo sie links begann, kam ein Reiter aus dem Dunkel hervor, ganz genau derselbe, welchen die Männer vorhin gesehen hatten, mit einem Büffelfelle, aber eben in verkehrter Stellung, mit dem Kopfe nach unten.

»Gerade so, wie diese dort!« fuhr Old Shatterhand fort, indem er auf die Spiegelung deutete.

Er hatte noch nicht ausgesprochen, so ließ sich ein zweiter Reiter sehen, welcher dem ersten nachjagte.

»Herrjemineh!« schrie der Hobble-Frank. »Das is doch der von heute Nachmittag, der beim Tormenado offtauchte!«

»So! Ist er es?« antwortete Old Shatterhand. »Sie werden mir nun recht geben, daß es sich um zwei ganz verschiedene Erscheinungen handelte. Und da kommen auch noch mehrere!«

Hinter der letzterwähnten Gestalt folgten jetzt noch fünf oder sechs Reiter, alle im Galopp, aber verkehrt, mit den Köpfen nach unten.

»Jetzt wird mir's bald zu bunt!« meinte der Hobble-Frank. »Befände ich mich alleene, so gloobe ich, ich ferchtete mich riesig. Ich danke och schäne für solche Ghostly-hours! Ich habe zwar von Geschpenstern gehört, welche durch die Nacht reiten und dabei ihren Kopp unterm Arm tragen; aber daß sie nun gleich gar alle off den Köppen reiten, das is mir denn doch zu bunt.«

»Das ist gar nichts so Schreckhaftes. Die vorigen Bilder wurden mehrere Male, das jetzige aber nur einmal gebrochen. Uebrigens werden wir sofort die Bekanntschaft dieser Geister machen. Schnell auf die Pferde, Mesch'schurs! Ganz gewiß ist der vorderste Reiter der sogenannte Geist der Llano estakata. Er wird von den anderen verfolgt, und da er ein braver Kerl ist, wollen wir uns seiner ein wenig annehmen.«

»Sind Sie toll!« rief Frank. »Das wäre die reene Versündigung an der Geisterwelt. Bedenken Sie doch nur, was der unschterbliche Goethe spricht:

Der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen
Die Geister mit ihren Kindern und Frauen!«

Aber die anderen hörten nicht auf ihn; sie gehorchten der Aufforderung Old Shatterhands. Ihr Vertrauen zu diesem Manne sagte ihnen, daß er weder etwas Gefährliches, noch etwas Lächerliches von ihnen verlangen werde.

»Nehmen wir auch die Packpferde mit?« fragte Helmers.

»Ja, wir werden wohl schwerlich alle nach hier zurückkehren. Ihr solltet uns allerdings nur bis hierher begleiten; unter den jetzigen Umständen aber werdet Ihr uns wohl gern noch eine Strecke begleiten.«

»Natürlich! Möchte doch gar zu gern ein Wort mit dem Avenging-ghost sprechen.«

Die zwei Packpferde, welche Helmers mitgebracht hatte, wurden von den Knechten an den Leitzügeln genommen. Auch Frank stieg auf. Es war nicht die Furcht, sondern nur sein alter Widerspruchsgeist, welcher ihn zu seinem Sträuben veranlaßt hatte. Die Truppe setzte sich in Bewegung und jagte in Karriere über die Ebene dahin.


Ende des dreiundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Geist der Llano estakata

Karl May - Leben und Werk