Nummer 46

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

11. August 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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Ein stechender Schmerz zog mir die Augen zu; ich war verloren; der Schuß fiel, oder vielmehr ein Schuß fiel, aber zu meinem Erstaunen wurde ich nicht getroffen. Ich wischte mir die Augen, riß sie mit Anstrengung auf - - ich sah den Kerl nicht; aber von jenseits des Wassers drüben ertönte eine Stimme, welche ein gebieterisches »Halt, Mörder!« rief. Darauf hörte ich den Hufschlag eines sich schnell entfernenden Pferdes. Der Halunke war zu seinem Pferde gesprungen, um mit der halben Brieftasche, in welcher sich auch ziemlich die Hälfte meines Geldes befand, zu entfliehen.«

»Sonderbar!« sagte Baumann. »Er ist also gestört worden?«

»Ja. Ein sehr bekannter Westläufer, der Juggle-Fred, hatte sich in der Nähe befunden und, als ich das Opossum erlegte, meinen Schuß gehört. Er war jenseits des Flüßchens dem Schalle nachgegangen und hatte uns gerade in dem Augenblicke gesehen, als der Halunke auf mich anlegte. Er schoß auf denselben und traf ihn in den Arm, infolgedessen der Spitz-


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bube die Büchse fallen ließ und nach seinem Pferde rannte, um schleunigst fortzujagen. Der Juggle-Fred holte sein Pferd und kam zu mir herüber. Sein rechtzeitiges Erscheinen hat mir das Leben gerettet. Von einer Verfolgung des Diebes konnte keine Rede sein, denn ich konnte nicht fort und Fred durfte mich nicht verlassen, denn mein Gesicht mußte Tag und Nacht mit Wasser gekühlt werden. Ueber eine Woche kampierten wir dort am Timpa-Fork. Ich hatte große Schmerzen auszustehen und eine bedeutende Summe verloren, war aber froh, das Augenlicht gerettet zu sehen.«

»Wie nannte sich denn der Mensch gegen Euch?«

»Weller. Aber als wir dann nach Fort Abrey kamen und ihn genau beschrieben, erfuhr ich, daß dies ein falscher Name sei. Es war der Stealing-Fox gewesen.«

»So hat er während Eurer Abwesenheit den Pfeifenkopf mit Pulver gefüllt?«

»Ja, und nur oben darauf, um mich zu täuschen, ein wenig Tabak gethan. Um Zeit dazu zu bekommen, machte er mir weiß, einen Turkey gehört zu haben. Er wußte, daß ich sofort nach demselben suchen werde, da ich ein besserer Jäger war als er. Er war ein langer, hagerer Mensch und hatte Gesichtszüge, die ich nie vergessen werde. Ich weiß, daß ich ihn sofort erkennen werde, falls ich ihm begegnen sollte.«

Die beiden Mexikaner waren dieser Unterhaltung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Sie hatten sich oft bedeutungsvoll angesehen, unbemerkt, wie sie meinten; aber es gab einen, der sie genau beobachtet hatte - Winnetou.

Scheinbar den Blick nach einer ganz anderen Richtung gewendet, hatte er sie doch keine Minute lang aus den Augen gelassen. Er sah ihre Blicke und erkannte infolge seines ausgebildeten Scharfsinnes aus denselben, daß sie zu demjenigen, von welchem die Rede war, in irgend einer Beziehung stehen müßten.

Und Winnetou wurde seinerseits wieder von Baumann, dem Bärenjäger, beobachtet. Dieser kannte seinen roten Freund, welcher ganz plötzlich und unerwartet zu Pferde am Feuer hinter ihnen gehalten hatte. Wie das zugegangen sei, das konnte Baumann sich leicht erklären. Der Apache war von seinem Rekognoszierungsritte zurückgekehrt und hatte seiner Gewohnheit gemäß das Pferd in einiger Entfernung stehen lassen, um sich heranzuschleichen. Wahrscheinlich hatte er sogar aus irgend einem Umstande geschlossen, daß sich jetzt Fremde hier befanden, und war infolgedessen heimlich herangekommen, um dieselben zu betrachten, bevor er sich von ihnen sehen ließ. Als er sie genügend beobachtet hatte, um sich ein Bild von ihrem Charakter machen zu können, hatte er sich leise entfernt, um nun zu Pferde zurückzukehren und zu thun, als ob er noch nichts von ihnen wisse. Während sie alle nach der einen Seite gegangen waren, um die Flämmchen zu sehen, wobei sie natürlich ein solches Geräusch gemacht hatten, daß die Tritte seines Pferdes von ihnen nicht gehört wurden, war er von der entgegengesetzten Seite her zum Lagerplatz gekommen.

Nun saß er da, die Augen scheinbar gleichgültig auf die schimmernde Wasserfläche des Weihers gerichtet; aber Baumann sah deutlich, daß von Zeit zu Zeit unter seinen langen, dichten Wimpern ein scharfer Blick auf die Mexikaner schoß. Der Apache mißtraute ihnen. Das war gewiß.

Der Sohn des Bärenjägers hatte vorhin Kaktusfeigen holen wollen, war aber aus Erstaunen über die wunderbaren Lichtbüschel nicht auf diesem Vorsatze stehen geblieben. Das war den Mexikanern lieb. Sie strebten danach, heimlich einige Worte miteinander sprechen zu können. Das war nur dann möglich, wenn sie sich vom Feuer entfernten. Darum stand Emilio Cortejo jetzt auf und sagte:

»Wir wollten noch Kaktusfrüchte haben; sie sind aber nicht geholt worden. Gehst du mit, Carlos? Wollen sehen, ob wir welche finden.«

»Natürlich gehe ich mit,« antwortete der Gefragte, indem er sich schnell erhob. »Komm!«

Baumann wollte Einspruch erheben. Er erriet, daß die beiden nur die Absicht verfolgten, sich heimlich zu verständigen. Das wollte er vereiteln. Schon schwebte das Wort auf seinen Lippen; da sah er eine gebieterische Handbewegung des Apachen, welche ihm zu schweigen befahl.

Die Brüder entfernten sich. Kaum hatten die Büsche sich hinter ihnen geschlossen, so sagte Winnetou leise:

»Diese weißen Männer haben keine ehrlichen Augen, und ihre Gedanken trachten nach Bösem; aber Winnetou wird erfahren, was sie wollen.«

Er huschte nach der entgegengesetzten Seite durch die Büsche.

»Traut auch dieser ihnen nicht?« fragte Porter. »Ich wette, daß es ehrliche Leute sind!«

»Du würdest die Wette wahrscheinlich verlieren,« antwortete Ben New-Moon. »Sie haben mir gleich vom ersten Augenblicke an nicht gefallen.«

»Darauf gebe ich nichts. Mißtrauen darf man einem Menschen nur erst dann, wenn man Beweise hat, daß er es verdient.«

»Diese zwei Männer verdienen es,« erklärte der Bärenjäger. »Kein Estanciero schickt seine zwei Oberknechte zugleich fort. Und betrachtet ihre Pferde, Sir! Sehen sie so aus, als ob sie einen Marsch von San Diego aus bis hierher hinter sich hätten. Das sind, wenn ich richtig schätze, wenigstens dreihundert englische Meilen. Pferde, welche eine solche Strecke durch eine fast ganz wilde Gegend zurückgelegt haben, sehen ganz anders aus. Ich vermute sehr, daß diese Tiere gar nicht weit von hier ihr eigentliches, ständiges Unterkommen haben, und möchte tausend Dollar setzen, daß diese beiden Kerls nichts sind als Zubringer für die Geier der Llano estakata.«

»Storm of thunder and lightning!« rief Porter. »Meint Ihr das wirklich, Sir?«

»Ja, das meine ich.«

»Da wären wir freilich in eine ganz vortreffliche Gesellschaft geraten! Diese Leute sollen uns durch die Llano führen.«

»Davon seht um Gotteswillen ab! Es würde ganz gewiß zu eurem Verderben sein. Glaubt es mir! Ich bin ein alter Bärenfex und habe gelernt, in den Gesichtern der Leute zu lesen.«

»Nun, ein Greenhorn bin ich auch nicht! Ich werde in demselben Alter stehen als Ihr und habe mich seit meiner Bubenzeit stets nur in der Prairie umhergetrieben. Doch ist es ja möglich, daß diese Männer unser Vertrauen nicht verdienen.«

Da ließ sich auch einmal die Stimme Martin Baumanns hören, welcher in Anbetracht seiner Jugend sich schweigsam verhalten hatte:

»Sie verdienen es wirklich nicht, Master Porter. Ich bin bereit, es ihnen ins Gesicht zu sagen.«

»So? Welchen Grund habt denn Ihr, so schlimm von ihnen zu denken, junger Mann?«

»Habt Ihr denn nicht die Blicke bemerkt, welche sie sich zuwarfen, als von dem Stealing-Fox erzählt wurde?«


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»Nein. Ich habe auf die Erzählung gehört, aber nicht auf diese Leute gesehen.«

»Man soll im Westen nicht nur hören, sondern auch sehen, denn es ist - - -«

»Good lack!« unterbrach ihn Porter. »Wollt Ihr mir altem Burschen etwa gute Lehren erteilen?«

»Nein, Sir! Ich wollte nur von mir, nicht aber von Euch sagen, daß ich während der Erzählung nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen offen gehabt habe. Da mein Vater mißtrauisch gegen sie war, habe ich sie scharf beobachtet. Das konnte ich leicht und unbemerkt thun, weil sie so einem jungen, unerfahrenen Kerl, wie ich doch bin, nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkten. Ich sah da Blicke, welche sie sich gegenseitig zuwarfen, aus denen zu schließen ist, daß sie den Stealing-Fox wohl kennen.«

»Meint Ihr? Hm! Dieser Fuchs soll sich jetzt hier aufhalten, um Leute in die Llano zu locken; diese Kerls sollen ihn kennen; daraus könnte man sich freilich einen Reim machen, wenn er auch nicht allzu schön klingen würde. Mir scheint, es sind Dinge im Anzuge, welche uns höchst fatal werden können. Die gespenstigen Flammen dort auf den Kaktussen sind mir auch nicht recht geheuer. Ich bin nicht abergläubisch; aber solche Erscheinungen kommen nicht von ungefähr; sie haben stets etwas zu bedeuten.«

»Natürlich haben sie etwas zu bedeuten«, meinte der Bärenjäger lächelnd.

»Was denn aber?«

»Daß die Atmosphäre sich in elektrischer Spannung befindet.«

»Elektrisch? Spannung? Das verstehe ich nicht. Das ist mir zu gelehrt. Ich weiß zwar, daß man sich elektrisieren lassen kann; aber Feuer, Flammen, noch dazu auf Kaktuspflanzen? Wollt Ihr das wirklich der Elektricität in die Schuhe schieben?«

»Allerdings, Master Porter.«

»O, die ist jedenfalls höchst unschuldig daran!«

»Ist der Blitz etwa nicht auch eine feurige Erscheinung!«

»Jedenfalls, und was für eine!«

»Nun, die Ursache des Blitzes ist die Elektricität, wie man wohl nicht zu erklären braucht. Was die Flämmchen betrifft, welche wir vorhin sahen, so werden dieselben sehr oft von den Seeleuten an den Masten, Raaen und Stengen der Schiffe bemerkt; man sieht sie an Kirchturmsspitzen, an den Wipfeln der Bäume, an den Spitzen der Blitzableiter. Man nennt diese Lichtbüschel Sankt Elmsfeuer oder auch Kastor und Pollux. Sie entstehen durch ausströmende Elektricität. Ihr habt doch wohl vom Geiste der Llano estakata gehört?«

»Mehr, als mir lieb ist.«

»Hat man Euch auch erzählt, daß des Nachts die Gestalt dieses geheimnisvollen Wesens zuweilen mit feurigen Flammen erscheint?«

»Ja, aber ich glaube es nicht.«

»Das könnt Ihr getrost glauben. Es ist mir einmal droben in Montana passiert, daß ich mich auf einer weiten Ebene befand, und zwar des Nachts. Es wetterleuchtete rundum, kam aber nicht zum wirklichen Gewitter. Da erschienen plötzlich an den Ohrenspitzen meines Pferdes kleine Flämmchen. Ich hielt die Hände empor, und siehe da, an meinen Fingerspitzen zeigten sich ähnliche Flämmchen, wobei ich ein ganz merkwürdiges Gefühl in denselben hatte. Ganz dasselbe ist es mit dem Avenging-Ghost. Wenn er durch die Llano reitet, so bildet sein Körper den höchsten Punkt derselben. Ist es Nacht und ist dabei eine bedeutende elektrische Spannung vorhanden, so zeigt sich das Sankt Elmsfeuer an seinem Körper.«

»Ihr glaubt also wirklich an die Existenz dieses Geistes der Estakata?«

»Ja.«

»Und haltet ihn für einen Menschen?«

»Für was anderes sonst?«

»Hm! Ich habe viel über ihn gehört, aber mir keine Mühe gegeben, darüber nachzudenken. Nun ich aber gegenwärtig die Llano vor mir habe, möchte ich freilich sehr gern wissen, was ich von ihm zu halten habe. Es ist ja sogar möglich, daß er einem während des Rittes erscheint. Was, hat man da zu thun?«

»Wenn er mir begegnete, würde ich ihm die Hand geben und ihn als einen ganz vortrefflichen Kerl behandeln. Es ist nämlich - - -«

Er wurde unterbrochen. Winnetou kehrte zurück. Er kam eilig, aber ganz geräuschlos, wie eine Schlange, herbeigehuscht, setzte sich auf seinen Platz und nahm da eine so unbefangene Miene an, als ob er denselben gar nicht verlassen habe.

Vorhin, während die Mexikaner langsam durch die Dunkelheit nach den Kaktussen schritten, hatte er, sich auf Händen und Füßen am Boden fortbewegend, sich erst eine kleine Strecke von ihnen entfernt und war dann, sich wieder aufrichtend, in eiligem Laufe nach der Pflanzengruppe gerannt. Infolge der Weichheit seiner Mokkassins und der großen Uebung, welche er besaß, waren seine Schritte nicht zu hören gewesen. Er kam noch vor den Mexikanern am Ziele an und versteckte sich so zwischen den hohen Pflanzenkandelabern, daß er nicht gesehen werden konnte. Es war überhaupt so dunkel, daß die beiden gezwungen waren, die Kaktusfeigen mit Hilfe des Tastsinnes zu sammeln. Die Flammenbüschel an den Leuchterarmen waren jetzt verschwunden.

Eben als er sich versteckt hatte, kamen die Brüder herbei. Sie sprachen miteinander, und zwar das reinste Amerikaenglisch. Daraus war zu ersehen, daß sie sich zwar für Mexikaner ausgaben, aber keine waren. Winnetou konnte jedes Wort hören. Jedenfalls hatten sie schon unterwegs miteinander verhandelt, denn was sie sich jetzt noch sagten, war die Fortsetzung eines bereits begonnenen Gespräches.

»Diesem sogenannten >Bärenjäger< werde ich seine Beleidigungen ehrlich bezahlen«, sagte Carlos. »Freilich werden wir schwerere Arbeit haben, als wir erst dachten. Das Erscheinen des Apachen gibt der Sache eine ganz andere Wendung.«

»Leider! Denn der läßt sich durch falsch gesteckte Stangen nicht in die Irre führen.«

»Hast du sein Pferd genau betrachtet?«

»Natürlich. Es ist das schönste, was ich bisher sah. Nur Old Shatterhand soll ein ebensolches haben. Wir müssen es unbedingt bekommen!«

»Das versteht sich ganz von selbst. Aber wie?«

»Das klügste ist, wir lassen die Kerls fest einschlafen und machen sie nachher kalt.«

»Denkst du, daß das möglich ist? Wir werden mit Mißtrauen betrachtet, und sie passen also auf. Ich glaube nicht, daß einer von uns beiden die Wache bekommen wird.«

»Da gebe ich dir freilich recht; sie werden sich hüten. Wollen aber dennoch sehen, ob es zu ermöglichen ist. Vorher läßt sich nichts bestimmen. Gelingt es uns, sie sicher zu machen, so dürfen wir nur mit den Messern arbeiten, still und geräuschlos, gerade nach dem Herzen stoßen.«

»Und wenn dieser Plan nicht auszuführen ist?«

»Das wäre dumm! Denke dir, sieben


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Pferde, dabei dasjenige des Apachen, dazu sämtliche Waffen und alles Geld! Nur wir beide hätten zu teilen. Das wäre ein Koup! Gelingt er aber nicht, so müssen wir die Kameraden zu Hilfe rufen. Im offenen Kampfe zögen wir beide die böseste Niete. Wir suchen irgend einen Vorwand, uns von ihnen zu trennen. Winnetou reitet mit den beiden Bärenjägern Old Shatterhand entgegen und die Yankees werden sich ihnen anschließen, weil sie in uns ihre Führer verloren haben.«


Ende des achtundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Geist der Llano estakata

Karl May - Leben und Werk