Nummer 48

Der
Gute Kamerad

Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung.

25. August 1888

Der Geist der Llano estakata.

Von K. May, Verfasser von »Der Sohn des Bärenjägers«.


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»Windig genug klingt diese Erklärung freilich; aber ich will auch da nicht mit Euch streiten. Glaubt ihr, was Ihr wollt, und ich denke auch, was mir beliebt.«

»Der Bärenjäger hat recht,« sagte Winnetou. »Es gibt viele Thäler, in denen solche Töne klingen, und der Häuptling der Apachen hat auch schon Steine gesehen, welche der Große Geist vom Himmel geworfen hat. Der gute Manitou hat jedem Sterne seine Bahn gegeben, und wenn die Feuerkugel die ihrige verläßt, so muß sie zerschellen. Ich werde versuchen, die Spur des Steines im Wasser zu entdecken.«

Er hatte das mit eigentümlich erhobener Stimme gesprochen. Dann entfernte er sich, indem er am Wasser hinschritt und dann im Dunkel der Nacht verschwand.

Die anderen setzten sich wieder nieder und warteten auf seine Rückkehr. Keiner sprach ein Wort. Nur Martin Baumann flüsterte seinem Vater leise zu:


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»Was hat Winnetou? Er sprach so eigentümlich laut, als ob noch jemand außer uns seine Worte hören solle. Daß er nach dem Steine suchen will, war jedenfalls nur eine Finte.«

»Natürlich!« antwortete der Bärenjäger. »Ich wette, es befindet sich irgendwer, der uns belauscht, hier in der Nähe. Wie ich den Apatschen kenne, hat er ihn bemerkt und ist gegangen, sich an ihn zu schleichen und ihn festzunehmen. Warten wir es ab!«

Sie hatten nicht lange zu warten. Schon nach wenigen Minuten entstand ganz nahe hinter ihnen in den Büschen ein Geräusch, als ob ein Tier durch die Sträucher breche; ein kurzer, ängstlicher Ruf folgte, und dann ertönte die Stimme Winnetous:

»Der Bärenjäger mag hierher kommen. Ein Kundschafter hat uns belauscht.«

Baumann verschwand, dem Rufe schnell folgend, in den Büschen, und wenige Augenblicke später brachten die beiden einen dritten herausgezogen, welcher an seiner Kleidung sogleich als Indianer erkannt wurde.

Welch ein Blick gehörte dazu, in dunkler Nacht einen im Buschwerke verborgenen Lauscher zu entdecken! Und nur einem Manne wie Winnetou konnte es gelingen, ihn zu beschleichen und auch so zu fassen, daß ein Widerstand unmöglich war.

Die drei Personen wurden von den anderen umringt. Der Gefangene war nur mit einem Messer bewaffnet gewesen, welches Winnetou ihm entrissen hatte. Seine Gestalt war klein und schmächtig, sein Gesicht konnte wegen der Dunkelheit nicht deutlich erkannt werden.

Winnetous Augen aber waren an die Nacht gewöhnt; er sah, wen er vor sich hatte.

»Warum ist mein junger roter Bruder nicht offen zu uns gekommen?« fragte er. »Wir hätten ihn freundlich empfangen.«

Der Gefangene antwortete nicht. Darum fuhr der Apache fort:

»Mein Bruder ist also selbst schuld daran, daß er gefangen genommen worden ist. Aber es soll ihm nichts geschehen. Hier gebe ich ihm sein Messer wieder; er mag zu den Seinigen zurückkehren und ihnen sagen, daß sie uns willkommen sind und bei uns ruhen können.«

»Uff!« rief der Gefangene erstaunt, indem er sein Messer zurücknahm. »Woher weißt du, daß unsere Krieger sich in der Nähe befinden?«

»Winnetou müßte ein kleiner Knabe sein, wenn er sich das nicht sagte.«

»Winnetou, der Häuptling der Apachen!« klang es im Tone höchster Verwunderung. »Und du gibst mir mein Messer zurück? Hältst du mich für einen Apachen?«

»Nein. Mein junger Bruder trägt nicht die Farben des Krieges; aber dennoch vermute ich, daß er ein Sohn der Komantschen ist. Haben deine Krieger den Tomahawk gegen die Apachen ausgegraben?«

»Nein. Die Spitzen der Kriegspfeile sind in die Erde gesteckt; aber es herrscht keine Liebe zwischen euch und uns.«

»Winnetou liebt alle Menschen, ohne nach ihren Namen und ihrer Farbe zu fragen. Er ist bereit, hier ein Feuer anzuzünden und die Pfeife des Friedens mit euch zu rauchen. Er fragt nicht, weshalb deine Brüder in das >Singende Thal< gekommen sind. Sie wissen, daß jeder, welcher dasselbe betritt, hier an diesem Wasser lagert. Darum sind sie abwärts von hier halten geblieben und haben dich ausgesandt, um nachzuforschen, ob sich jemand hier befindet. Ist es so?«

»Ja,« bestätigte der Komantsche.

»Wenn du wieder einmal unter den Büschen liegst, um fremde Krieger zu erkunden, so laß die Lider auf den Augen liegen, denn deine Augen waren es, welche dich mir verraten haben! Wie groß ist die Zahl deiner Brüder?«

»Zweimal zehn.«

»So gehe zu ihnen und sage ihnen, daß Winnetou und acht Bleichgesichter sie erwarten und als Freunde behandeln werden, auch ohne daß sie wissen, in welcher Absicht ihr gekommen seid. Daß ich dich ergriffen habe, kannst du ihnen verschweigen; ich werde es nicht erwähnen.«

»Die Güte des großen Häuptlings erfreut mein Herz. Ich werde nichts verschweigen, sondern die Wahrheit sagen, damit meine Brüder überzeugt seien, daß sie freundlich von euch empfangen werden. Von dem Auge Winnetous entdeckt zu werden, ist keine Schande, aber ich werde des Rates gedenken, den er mir gegeben hat.«

Der ihn umgebende Kreis öffnete sich, und er eilte davon.

Die Weißen, und zwar besonders die beiden Mexikaner waren der Ansicht, daß es doch gewagt sei, einer Schar von zwanzig Komantschen so ohne weiteres die Annäherung zu gestatten. Der Apache aber erklärte in sehr entschiedenem Tone:

»Winnetou weiß stets, was er thut. Wenn die Krieger der Komantschen nach dem >Singenden Thale< reiten, so kann ihr Ritt nicht einem Kampfe gegen die Apachen gelten. Jenseits dieses Thales liegt das hohe Grab eines ihrer größten Häuptlinge. Sie werden dasselbe besuchen wollen, um den jährlichen Totengesang dort anzustimmen. Wir aber werden ein Feuer anzünden, damit wir ihre Gesichter deutlich sehen. Um ganz sicher zu sein, empfangen wir sie nicht hier, sondern draußen vor dem Gebüsch.«

Das Feuer wurde von neuem angebrannt. Während dies geschah, zog Winnetou den Bärenjäger und dessen Sohn hinaus vor die Sträucher und sagte ihnen leise:

»Die beiden Bleichgesichter sind nicht das, für was sie sich ausgeben. Sie


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sprechen die Sprache der Yankees und wollen uns hier ermorden. Sie gehören zu den Geiern der Llano estakata. Winnetou vermutet, daß die Komantschen nach der Llano wollen. Die beiden dürfen das nicht wissen. Darum hat er ihnen gesagt, daß jenseits dieses Thales ein Grab sei, was aber nicht wahr ist.«

Er konnte nicht weiter sprechen, weil jetzt auch die anderen kamen, welche ein so großes Feuer angefacht hatten, daß der Schein desselben selbst durch und über die Büsche drang und das vor demselben liegende Terrain zur Genüge erleuchtete. Natürlich hatten sie ihre Waffen bei sich, um sich ihrer zu bedienen, wenn die Komantschen je, den Erwartungen Winnetous entgegen, sich nicht friedlich verhalten sollten.

Bald vernahm man den Hufschlag von Pferden. Die Erwarteten nahten sich. Sie blieben in kurzer Entfernung halten. Ihr Anführer stieg vom Pferde und kam langsam herbeigeschritten. Winnetou ging ihm entgegen und bot ihm die Hand.

»Die Krieger der Komantschen sind uns willkommen,« sagte er. »Winnetou fragt nicht, was sie hier wollen; er weiß, daß sie das Grab ihres Häuptlings besuchen werden, um dann friedlich nach ihren Wigwams zurückzukehren.«

Das hatte er laut gesagt, leise aber fügte er schnell hinzu:

»Mein Bruder mag das bestätigen. Ich spreche dann mit ihm heimlich!«

Infolgedessen antwortete der Komantsche laut:

»Meine Hand drückt mit Freuden diejenige Winnetous, welcher der größte Krieger der Apachen und doch stets ein Häuptling des Friedens ist. Wir sind bereit, das Kalummet mit ihm zu rauchen, denn wir befinden uns nicht auf dem Pfade des Krieges und wollen nur die Medizin des toten Häuptlings verehren.«

»Winnetou glaubt dieser Versicherung seines Bruders und ladet ihn und seine Krieger ein, mit zum Feuer der Friedenspfeife zu kommen.«

Die beiden Häuptlinge hatten sich die Hände gedrückt. Das genügte einstweilen als Beweis, daß die Komantschen nichts Böses beabsichtigten. Ihr Anführer ließ sich von Winnetou zum Feuer führen, und seine Leute folgten nach.

Sie verteilten sich zunächst rings auf dem Grasrande des kleinen Weihers, um ihre Pferde da anzupflocken, daß sie weiden und trinken konnten; dann traten auch sie einzeln zum Feuer.

An demselben ging es nun ziemlich eng zu, da der zwischen den Büschen und dem Wasser liegende freie Saum nicht breit war. Man mußte sich Schulter an Schulter niedersetzen, um einen Kreis zu bilden, innerhalb dessen Winnetou und der Anführer der Komantschen Platz nahmen.

Einer der letzteren hatte sich länger als die anderen mit seinem Pferde beschäftigen müssen; er kam nun auch herbei. Bevor er sich niedersetzte, blickte er im Kreise umher. Als sein Blick die Brüder Cortejo traf, was aber von ihnen nicht bemerkt wurde, zuckte es blitzartig über sein dunkles Gesicht, und er rief:

»Uff! Aletehlkua ekkvan mava - welche Hunde sitzen da!«

Da der Kreis noch nicht geordnet und jeder noch mit seinem Sitze beschäftigt war, so wurde dieser Ausruf nicht von allen gehört. Der Anführer der Komantschen aber hatte ihn vernommen. Er richtete sich rasch auf und fragte den Mann:

»Hang tuhschtaha-nai - wen siehst du?«

»He-ehlbak, enko-ola uah-tuhvua - sie, die Geier der Llano estakata.«

»He-ehlbak hetetscha enuka - wo sind sie?«

»Mava he-ehlbak kenklah - dort sitzen sie!«

Bei diesen Worten deutete er auf die beiden angeblichen Mexikaner.

Da diese Fragen und Antworten laut und im Tone zorniger Betroffenheit ausgesprochen worden waren, so hatten sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden erregt. Bei den Worten, »enko-ola uah-tuhvua - die Geier der Llano estakata« waren die Komanschen alle wieder aufgesprungen. Sie griffen drohend nach ihren Messern. Die Scene sah gar nicht mehr so friedlich aus wie vorher.

Die Weißen hatten die Worte nicht verstanden, da sie weder des Komantsche- noch des Tonkawah- oder Moquidialektes mächtig waren; da sie aber die drohenden Mienen der Roten sahen, erhoben auch sie sich und griffen zu ihren Waffen.

Nur Winnetou blieb ruhig sitzen. Er sagte in gebietendem Tone:

»Meine Brüder mögen sich nicht erregen. Sehen die roten Männer zwei ihrer Feinde unter uns, so versichere ich, daß wir mit diesen Männern nichts zu schaffen haben. Es soll wegen derselben kein einziger Tropfen Blutes unter uns vergossen werden. Was hat der Krieger der Komantschen gegen sie vorzubringen?«

Er sprach in dem in jener Gegend gebräuchlichen Jargon, welcher aus Spanisch, Englisch und Indianisch zusammengesetzt ist. Der gefragte Komantsche antwortete in derselben Mundart, welche alle verstanden:

»Ich jagte droben am Wasser Tovi-tschuna, welches die Weißen den Fliegenfluß nennen, und sah die Fährte zweier Reiter, welcher ich folgte. Ich sah sie dann unter den Bäumen sitzen und kroch zu ihnen heran, um ihre Worte zu hören. Sie sprachen von der Llano estakata, durch welche in einigen Tagen ein großer Zug weißer Männer kommen werde. Die Geier der Llano wollen sich versammeln, um diesen Zug zu überfallen. Ich hörte aus den Worten der beiden Männer, daß sie zu den Geiern gehören, und fragte meine Seele, ob ich sie töten solle. Die Klugheit gebot mir, sie leben zu lassen, denn nur dadurch war es möglich, zu - -«

Er wollte etwas sagen, wovon Winnetou nicht wünschte, daß die Mexikaner es hören möchten. Darum fiel er dem Sprechenden schnell in die Rede:

»Ich weiß, was mein Bruder weiter sagen will, und habe genug gehört. Hast


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du die Männer jetzt so genau erkannt, daß kein Irrtum möglich ist?«

»Sie sind es!«

»Was sagen die beiden Bleichgesichter zu dieser Anschuldigung?«

»Daß sie eine ganz dumme Lüge ist,« antwortete Carlos Cortejo. »Wir sind gar nicht am Fliegenflusse gewesen.«

»Sie sind es!« rief der Anführer der Komantschen, »denn wir haben - - -«

»Mein Bruder mag mich sprechen lassen,« unterbrach ihn Winnetou eifrig, um ihn nichts sagen zu lassen, was die beiden nicht erfahren sollten.

Der Komantsche aber ärgerte sich über die Unterbrechung, welche ganz gegen die indianische Rücksicht und Höflichkeit verstieß. Er war nicht klug genug, den Grund derselben zu erkennen, und rief zornig:

»Warum soll ich nicht sprechen? Wer Mörder bei sich hat, ist selbst ein Mörder! Hat der Häuptling der Apachen uns herbeigelockt, um Verrat an uns zu üben?«

Da legte Winnetou alle seine Waffen von sich, stand auf und sagte:

»Hat mein Bruder jemals gehört, daß Winnetou ein Verräter sei? Das Wort des Apachen ist wie der Fels, auf dem man sicher wohnt. Mein Bruder mag mich begleiten und seine Waffen behalten. Howgh!«

Er verließ den Kreis und schritt langsam durch die Büsche hinaus ins Freie. Der Komantsche besann sich einen Augenblick und folgte ihm sodann, gab aber vorher seinen Leuten einen Wink, welcher sie bedeutete, scharf acht auf die Mexikaner zu haben. Draußen nahm Winnetou ihn beim Arm, führte ihn eine kurze Strecke fort, blieb dann stehen und sagte:

»Mein Bruder hat mich nicht verstanden. Winnetou lagerte bereits hier, als die Weißen kamen. Er beobachtete sie und erfuhr, daß die beiden Männer Geier der Llano sind. Er stimmt also den Kriegern der Komantschen bei. Aber warum sollen diese giftigen Schlangen erfahren, daß sie durchschaut worden sind? Dann müßten wir sie töten, und es ist doch klüger, wenn wir sie einstweilen noch leben lassen! Sie mögen glauben, daß die Komantschen zum Grabe ihres Häuptlings wollen. Mir aber mag mein Bruder sagen, warum er ihnen gefolgt ist.«

Der Komantsche fühlte sich beschämt. Er antwortete:

»Feuerstern, der Häuptling der Komantschen, ritt mit Eisenherz, seinem Sohne, nach Osten zu den Wohnungen der Weißen. Sie kehren durch die Llano zurück und werden sich jetzt in derselben befinden. Sie müssen wohl auf den Zug der Weißen stoßen und also von den Geiern angefallen werden.«


Ende des dreißigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Geist der Llano estakata

Karl May - Leben und Werk