In unberührtes Land

     
Im Jahre 1900 waren drei Fünftel von Milwaukee und 34 Prozent der Bevölkerung des Staates Wiskonsin deutsch. Cincinnati war 1830 zu 41 Prozent deutsch, 1900 zu zwei Drittel, und St. Louis im Jahre 1900 etwa zur Hälfte. In Pennsylvanien, Ohio und Missouri waren bis 1837 die englischen und deutschen Schulen gleichberechtigt.
     Wo sich die Deutschen in größerer Zahl niederließen, führten sie die Gesellschaftsstruktur ihrer Heimat ein. Anfänglich isolierten sie sich auch kulturell von ihren Nachbarn. Ihre Organisationen waren in der Mehrzahl den Alteingesessenen unbekannt. Es entstanden Gesangvereine, Wohltätigkeitsgesellschaften, Kegel- und Kartenclubs, Biergärten, Scharfschützen und Lesevereine, Arbeiterorganisationen, Militär- und Feuerwehrkompanien, politische Clubs und Freidenkergemeinschaften und vor allem Turnvereine, die einen gesellschaftlichen Mittelpunkt darstellten und beachtliches Niveau hatten. In den zwanziger Jahren richtete Carl Beck die erste Gymnastikschule, Franz Lieber die erste Schwimmschule in den Vereinigten Staaten ein.
     So nahmen die Deutschen ihr Kulturgut mit in die Neue Welt, sie behielten ihre Gewohnheiten bei, ihre Art, den Sonntag zu begehen, ihre Tischsitten. Im Frühling und Sommer veranstalteten sie Picknicks und Vergnügungstouren, im Winter trafen sie sich auf Maskenbällen, im Theater oder beim Turnen. Sie verbanden anfangs Laien-Theater und Biergarten mit Tanzkapelle und brachten ins puritanische Amerika Lebensfreude. Das Deutsche Theater in New York, 1840 gegründet, wurde weithin berühmt.
     Das wichtigste Instrument bei der Eingewöhnung der Auswanderer in die neuen Verhältnisse war das Zeitungswesen, das unter keinen Emigrantengruppen so einflußreich, so gut und so groß war wie unter den Deutschen. Die Presse bewahrte einerseits kulturelle Eigenheiten und die Sprache der Einwanderer, sie war ihre Stimme, sie stellte eine Verbindung zur Heimat her und half anfänglich, die Trennung zu überwinden. Auf der anderen Seite machte sie den Einwanderer mit den Verhältnissen der neuen Heimat vertraut und trug damit zur Amerikanisierung bei. Schon 1848 gab es 70 deutschamerikanische Zeitungen. In Philadelphia erschien seit 1834 die »Alte und Neue Welt«, die einen Meilenstein in der Geschichte deutschamerikanischer Zeitungen bildete. Im selben Jahr kam in New York die »New Yorker Staatszeitung« heraus, die sich bis zum heutigen Tage hielt und wohl die bedeutendste deutschamerikanische Zeitung war. Sie erreichte schon 1854 eine Auflage von 14.000. Der »Anzeiger des Westens« in St. Louis wurde weit bekannt, ebenso die in Milwaukee erscheinende Zeitung »Wiskonsin Banner«.
     Trotz ihrer vielfältigen Errungenschaften standen die Deutschen in Amerika in keinem sehr hohen Ruf. Ihre Bereitschaft, sich so schnell wie möglich zu assimilieren, machte sie in den Augen der Nachbarn verachtenswert. Zwar kämpften die Politiker um die deutschen Stimmen, aber die Masse wurde als »Hansworst« verlacht oder als »damned Dutch« beschimpft. Während die Pennsylvanien-Deutschen bis in unsere Zeit hinein an ihrem Dialekt festhielten, im 19. Jahrhundert lange gegen das öffentliche Schulsystem ankämpften und sogar hervorragende Dialekt-Dichter hervorbrachten - wie den »pennsylvanien-deutschen Hebel« Henry Harbaugh -, vergaßen die Deutschen, die seit 1820 nach Amerika kamen, rasch ihre Muttersprache oder verständigten sich in einem kuriosen Kauderwelsch. Als Zeichen der Deutschen galt bei ihren Nachbarn Bierkrug mit Pfeife. Natürlich war hier auch manch einwanderfeindliches Vorurteil maßgeblich in der Beurteilung der Deutschen, aber so ganz falsch war sie doch nicht.
     Schwieriger als für das einfache Volk war es für die Intellektuellen, sich in einem Land zurecht zu finden, das damals in dem Ruf stand, ein »zivilisiertes Barbarentum« zu beherbergen. Wie heute war auch damals viel von der »geistigen Leere« in den Staaten die Rede. Manche Schriftsteller setzten mit scharfer Kritik an den Vereinigten Staaten ein. Der Dichter Nikolaus Lenau, der 1832 europamüde nach Amerika ging, kehrte enttäuscht nach Hause. Otto Ruppius, der in den fünfziger Jahren in Amerika lebte, stellte in seinen Romanen deutsche Ehrlichkeit gegen Egoismus, Gemüt gegen Kälte, Bildung gegen Kulturlosigkeit und sah in der »Verlassenheit der deutschen Seele« das eigentliche Auswandererproblem. Doch ließ die Vereinsamung der Intellektuellen mit der Zeit wegen des zunehmenden Vereinswesens nach. Viele wandten sich dem Journalismus zu. Eine Reihe hat Hervorragendes für die neue Heimat als Ärzte, Lehrer, Hochschulprofessoren, Wissenschaftler, Richter und Industrielle, im Kirchen- und Bibliothekswesen geleistet. Einige gingen in die Politik.
     Friedrich List, der bedeutende Nationalökonom, der in Deutschland eine Zollunion und ein wehgespanntes Eisenbahnnetz forderte, lange, bevor sie verwirklicht wurden, lebte von 1826 bis 1831 als Hochschullehrer, Journalist und Politiker in Amerika. Gustav Philipp Körner aus Frankfurt am Main kam 1833 in die USA, machte als Historiker, Jurist und Staatsmann in Illinois Karriere und ging als Gesandter nach Spanien.
     Georg Engelmann war gleichbedeutend als Arzt, Botaniker und Meteorologe. Er gehörte zu den ersten, die Chinin gegen Malaria verwandten. Die von ihm 1856 organisierte St. Louis Academy of Science war die erste Einrichtung dieser Art westlich der Alleghanies. Der Geistliche Karl Walther, der 1839 auswanderte, wurde in St. Louis so einflußreich, daß er den Beinamen »Papst der Protestanten« erhielt. Einer der bedeutendsten Deutschen in Amerika vor der großen Einwanderungswelle von 1848 war der Mühlhausener Johann A. Roebling, der es zu einem der berühmtesten Brückenkonstrukteure der USA brachte.
     Auf Anhieb konnte der Schmelztiegel den Zustrom der Neuankömmlinge nicht verkraften. Viele Einwanderer mußten sich bescheiden und mit geringem Fortkommen zufrieden sein. Andere allerdings drängten weiter nach Westen, wo es Land in Überfülle gab. In Texas suchten sie ihr Glück.

Zur spanischen Kolonie Mexiko gehörten einst weite Gebiete der USA: Arizona, Neu Mexiko, Kalifornien und Texas. Freiheitliche Strömungen, die in Mexiko wie anderswo in Lateinamerika zu Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, gewannen schließlich die Oberhand, und 1821 errang Mexiko die Unabhängigkeit. Die Abgrenzung gegenüber den Vereinigten Staaten, wie sie vordem bestanden hatte, wurde dadurch beträchtlich gemildert, und bald ließen sich in Texas die ersten dreihundert Familien aus den Staaten nieder. Doch Scherereien zwischen den mexikanischen Behörden und den amerikanischen Siedlern ließen nicht lange auf sich warten; jene betrachteten die Neuankömmlinge mit Mißtrauen, und diese faßten schon früh die Unabhängigkeit von Texas ins Auge.

Im Jahre 1824 stellten die mexikanischen Behörden einen Besiedlungsplan auf, mit dem sie ein Gegengewicht gegen die angloamerikanischen Siedler schaffen wollten, indem sie auch Europäern die Niederlassung in Texas ermöglichten. Sie boten »Impressarios« ein großes Stück Land als Besitztum, wenn es diesen gelang, innerhalb von sechs Jahren 100 Familien darauf anzusiedeln. Zu den Impressarios gehörte der Deutsche Joseph Vehlein, der in Mexico-City lebte und dem ein beträchtliches Gebiet im Hinterland von Galveston zugewiesen wurde. Hier sollte er deutsche Einwanderer ansiedeln, die Texas als Ziel ansahen, seitdem deutsche Bergleute mehrfach in Texas tätig gewesen waren und begeistert über das Land berichtet hatten.

1825 erhielt der Amerikaner Hayden Edwards von den mexikanischen Behörden einen wertvollen Landstrich bei der Stadt Nacogdoches. Es kam zum Streit, weil Hayden und sein Bruder Benjamin die ansehnliche Summe Geldes, die die Mexikaner dafür forderten, nicht bezahlen konnten - von den Siedlern hatten sie noch kein Geld erhalten. Daraufhin zogen die Mexikaner die Landzuweisung - den »Grant« - zurück, und die Brüder, die den Streit unnötig provoziert hatten, ritten wutentbrannt nach Nacogdoches, wo sie am 15. Dezember 1826 mit fünf Siedlern einen unabhängigen Staat proklamierten, dem sie den Namen »Fredonia« gaben. Eine der farbenprächtigsten und abenteuerlichsten Gestalten während der »Fredonia-Revolte« war der Kölner Adolphus Sterne, der 1817 mit 16 Jahren von zu Hause weggelaufen war, um dem Militärdienst zu entgehen, und 1824 über New Orleans nach Texas gekommen war.

Natürlich verlief die Revolte ohne Erfolg, auch wenn mehrere Indianerstämme überredet wurden, Hilfe zu leisten. Im kritischen Augenblick wartete man auf ihre Unterstützung vergeblich. Am 4. Januar 1827 stießen dann sechzig Mann, vornehmlich Mexikaner, die der Yankee Samuel Norris führte, in Nacogdoches mit den Verteidigern von Fredonia - elf Weißen und neun Indianern - zusammen und wurden in einer heißen Straßenschlacht besiegt. Ein Drittel von Norris' Leuten kam ums Leben, der Rest stürzte in wilder Flucht davon. Daraufhin rückten mexikanische Reguläre in Nacogdoches ein und beendeten die Revolte. Die Anstifter, unter ihnen Sterne, der eine wesentliche Rolle gespielt hatte, wurden zum Tode verurteilt. Durch eine Amnestie kam Sterne allerdings bald wieder frei. Er studierte nun Jura und ließ sich in Nacogdoches nieder. Als Gerichtsdolmetscher wurde er eine bekannte Persönlichkeit im östlichen Texas.

Immer mehr Amerikaner strömten nach Texas. Sie brachten die Baumwolle und die Sklaverei mit, sie gelangten zu Wohlstand, und der Streit mit den Mexikanern nahm immer heftigere Formen an. Schließlich griff Mexiko auf die alte Abgrenzungspolitik zurück, doch es war zu spät. Die Texaner, die eine Einheit mit den Vereinigten Staaten anstrebten, erfochten sich 1836 unter der Führung von Samuel Houston die Unabhängigkeit. Von Alamo, der »Wiege der texanischen Freiheit«, wo etwa 200 Mann der Ehre halber ihr Leben verloren, führte die Texaner der Weg zur Schlacht am Jacinto, in der nach Angaben Sealsfields, der mit Teilnehmern an der Schlacht sprach, in zehn Minuten etwa 800 Mexikaner getötet wurden.

Unter den Helden des Krieges waren so berühmte Gestalten wie der Abenteurer Jim Bowie oder der Westmann David Crockett - beide fielen in Alamo. Unter den weniger berühmten Toten befand sich der Deutsche Georg Bunsen, der erst 1834 nach Amerika emigriert war. Auch sein Landsmann Albert Emmanuel, der 1828 nach New Orleans gekommen war und in Nacogdoches als Kaufmann und Rechtsanwalt lebte, nahm an dem Krieg teil.

Die Jahre der Unabhängigkeit, die folgten, bis Texas nach dem Krieg von Mexiko 1848 endgültig an die USA fiel, waren für die Erschließung und Besiedlung des Landes von großer Bedeutung. Sterne wurde Mitglied des oberen und unteren Kongreß-Hauses, Bürgermeister in Nacogdoches und ein Freund von Samuel Houston. Er starb 1852 in New Orleans. Der deutsche Jude David Kaufmann wurde »Speaker« des texanischen Abgeordnetenhauses.

Die erste Welle deutscher Emigranten nach Texas stellten deutsche Juden. Simon Weiss suchte sich 1836 am Neches Fluß eine neue Heimstatt - »Weiss Bluff«, wie die Stelle später genannt wurde. Unter dem Dach von Isidore Dyer, der sich 1840 in Galveston niederließ, fanden die ersten jüdischen Gottesdienste dieser Gegend statt. Zum Pionier der Gebiete, die sich westlich von San Antonio erstreckten, wurde der französische Jude Henry Castro, der die große deutsch-jüdische Auswanderung nach Texas initiierte. Houston, der Präsident des unabhängigen Texas, ernannte ihn zum Generalkonsul in Frankreich, und von dort sandte er in den Jahren 1843 bis 1846 5000 Deutsche, fast ausschließlich solche jüdischer Abstammung, nach Texas, die sich in Castroville und in drei anderen Gemeinden niederließen. Castro war der Urheber des ersten Planes zur Besiedlung der Republik Texas.

Nach 1836 nahm die Bevölkerung von Texas stark zu. 1847 lebten dort schon rund 100.000 Weiße und 40.000 Neger. 1860 war die Zahl der Siedler auf 602 432 angewachsen, davon 12.443 Mexikaner und 20.553 Deutsche. Die Feststellung früher Reisender, daß die Deutschen die wertvollsten der fremdgeborenen Siedler waren, ist immerhin bemerkenswert. Das Zentrum ihrer Niederlassungen bildete Neu Braunfels.

1844 war in Mainz der »Deutsche Fürstenverein« (Mainzer Verein) gegründet worden, der den Ankauf weiter Gebiete in Texas und deren Besiedlung mit Deutschen vorsah und die Auswanderer unterstützen und geleiten wollte. Die Initiatoren dieser »Gesellschaft zum Schutze deutscher Immigranten« gaben sich dem extravaganten Wahn hin, in Amerika einen rein deutschen Musterstaat verwirklichen, d.h. sich eine Scheibe von Amerika abschneiden zu können, um den deutschen Einfluß gehörig zur Geltung zu bringen. Ähnliche Vorhaben finden sich auch bei Gruppen anderer Nationen, mit dem gleichen Erfolg: die Führer betrieben bald amerikanische Politik, und der Plan scheiterte durch das Assimilationsbestreben der Auswanderer.

Der Agent des Adelsvereins, Prinz Carl von Solms-Braunfels, warb für die Auswanderung, finanzielle Hilfe wurde nur wenig gewährt. 1845 landete Baron Ottfried Hans von Meusebach mit 4000 Deutschen in Nassau in Matagorda. Ihr Kapital betrug nur etwa 40.000 Mark. Unter Führung des Barons zogen die Deutschen am Colorado entlang nach Norden. Aber es fehlte ihnen eine fachmännische und landeskundige Leitung und Betreuung. Niemand sorgte für Unterkunft, Nahrung und Vorsichtsmaßnahmen bei dem plötzlichen Klimawechsel. Etwa tausend starben an Malaria, Dysenterie und anderen Krankheiten. Verzweifelt versuchten die Deutschen Fuß zu fassen. Es gelang ihnen u.a., als ein Landsmann sich ihrer annahm, der lange in Texas gelebt hatte und später als Schriftsteller Karriere machte, auch wenn dieser seine Leistungen später weit übertrieben hat.

Friedrich Armand Strubberg, 1806 in Kassel geboren, war der Sohn eines führenden Tabakhändlers in Deutschland, ein selbstbewußter, romantischer junger Mann, dem es vor allem wichtig war, reiten und schießen zu lernen. 1822 trat er in ein großes Bremer Handelshaus als Volontär ein und errang sich neben einer Vertrauensstellung auch die Liebe der reichen Prinzipalstochter. Leider war der Vetter des Mädchens eifersüchtig und zwang Strubberg zum Duell; zwar schoß Strubberg seinen Gegner nieder, aber er selbst mußte fliehen. Als Ziel gab es nur eine Möglichkeit: Amerika. Hier hielt er sich von 1826 bis 1829 auf und unternahm weite Reisen im Auftrag deutscher Handelshäuser. 1833 fuhr er erneut nach Amerika, wo er wiederum als Kommissionär die Interessen von Handelshäusern der Alten Welt vertrat. Als er sich mit einer jungen Amerikanerin verlobte, gab es ein neues Duell mit einem eifersüchtigen Vetter. Strubberg erschoß seinen Gegner, und wieder mußte er fliehen - diesmal nach Westen. Als Mr. Schubbert begab er sich in die Südstaaten, um als Zwischenhändler nach den Indianerterritorien neu zu beginnen. Der Dampfer, mit dem er unterwegs war, sank vor Louisville, Kentucky; aber es gelang ihm, sich und seine Habe zu retten. Gezwungen, einige Zeit in der Stadt zu bleiben, lernte er einen Professor der dortigen Medizinschule kennen, einen Deutschen, der ihn zum Studium der Medizin bewog. Nach zwei Jahren schloß er ab und begab sich ins unruhige Texas.

An der äußersten Grenze des Staates ließ er sich in unberührtem Land nieder. Das nächste Settlement lag achtzig Reitstunden entfernt. Mit drei Landsleuten baute er sich mitten im Indianerland ein Blockhaus und umgab es auf drei Seiten mit über vier Meter hohen Palisaden. Noch kein Hauch zerstörerischer Zivilisation war hier zu spüren, und Strubberg verlebte hier am Leona einige ruhige und glückliche Jahre. Wie einst Daniel Boone wurde es ihm allerdings zu eng, als sich Siedler, von der Kunde vom Strubbergschen Paradies angelockt, in seiner Nachbarschaft niederließen. In dieser Zeit erhielt er Nachricht von den Leiden der deutschen Auswanderer in Texas.

Als Koloniedirektor und Arzt unter den Deutschen verbrachte Strubberg seine interessantesten Jahre in Amerika. Er half die Krankheiten zu beseitigen und die bald blühenden Städte Neu Braunfels und ein Jahr später (1846) 170 Kilometer weiter nordwestlich im Indianergebiet am Perdinales Friedrichsburg (Fredericksburg) anzulegen.

Als der Krieg gegen Mexiko ausbrach, machte ihn Strubberg mit, um auf diese Weise das Land kennenzulernen. Bei der Rückkehr und Landung in New Orleans im Frühling 1848 hörte er, daß in Arkansas Cholera, Pocken und Sumpffieber wüteten und dort dringend Ärzte gebraucht würden. Daraufhin ließ er sich am oberen Washita nieder und stellte seine Fähigkeiten ganz in den Dienst an den Kranken. Schließlich baute er sich ein schönes Haus, und auch einer Heirat mit einer reichen Plantagenbesitzerin hätte nichts mehr im Wege gestanden. Doch während einer Bärenjagd stach ihn ein giftiges Insekt ins rechte Auge, und um das Auge zu retten, reiste Strubberg 1854 nach Europa. Erst nach langem Suchen fand er den richtigen Arzt, aber ganz erhielt er die frühere Sehkraft nicht zurück. In Amerika brach bald danach der Bürgerkrieg aus, in dessen Flammen auch Strubbergs Habe unterging. Seine Braut starb, er kehrte nicht mehr nach Amerika zurück. Wie viel an der Geschichte übertrieben ist, ist bis heute nicht ganz klar.

Strubberg lebte erst in Hannover, seit 1860 in Kassel, meist bei seiner Schwester. Sie und Freunde veranlaßten ihn, seine Abenteuer aufzuschreiben. Mit seinen Büchern hatte er bald ungeahnten Erfolg. Bis Ende 1868 hatte er - unter dem Pseudonym »Armand« - etwa 40 Bände Romane und Jugendschriften verfaßt, am bekanntesten wurden seine Romane »Karl Scharnhorst« und »Amerikanische Jagd- und Reiseabenteuer«.

Zu seiner Zeit war Strubberg so bekannt wie Friedrich Gerstäcker, der ebenfalls lange Zeit - von 1837 bis 1843 - in den Vereinigten Staaten gelebt hatte. Gerstäckers Abenteuer an der Grenze der Zivilisation von Ohio bis New Orleans - kein anderer Erzähler Europas hat so lange, ausgedehnte und aufreibende Wanderungen unternommen wie er - und seine späteren Reisen nach Südamerika, Afrika und Australien bildeten die Grundlage für seine Schilderungen glutvollen Lebens, farbenprächtiger Gestalten und exotischer Landschaften, die an Spannung kaum überboten worden sind. Während seine »Regulatoren von Arkansas« oder »Flußpiraten des Mississippi« noch immer zur Lektüre der Jugend gehören, sind Strubbergs Werke allmählich in Vergessenheit geraten. Strubberg starb 1889 in Gelnhausen in Hessen.

Friedrichsburg lag im Gebiet der Indianer. Von den zahlreichen Stämmen, die in Texas lebten, waren die Kiowa und Komanchen am bedeutendsten. Beide waren gerissene und gefürchtete Pferdediebe und stellten wie die Dakota weiter im Norden eine bewegliche und gefährliche »Kavallerie«, die die weißen Offiziere in Erstaunen versetzte - sie gehörten zu den besten Reitern der Welt. Während die Komanchen ein verhältnismäßig derbes Volk waren, hatten die Kiowa ihre Kultur hoch entwickelt und blickten auf eine reiche Tradition zurück. Trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit wurden sie von den Komanchen beherrscht.

1837 schlossen Kiowa, Komanchen und andere Stämme mit den Weißen einen Vertrag ab. Oberst Henry Dodge, der die Stämme aufsuchte, hatte schon mehrere Expeditionen in das Gebiet dieser Indianer unternommen. 1835 hatte ihn neben dem Maler George Catlin auch der preußische Botaniker Beyrich begleitet, der in Fort Gibson wie viele andere am Fieber starb, dem auch Catlin beinahe erlegen wäre.

Die Kiowa, die sich um ein Auskommen mit den Weißen bemühten, konnten auf die Dauer den Krieg mit den in Scharen nach Texas strömenden Siedlern, Farmern, Viehzüchtern und Baumwollpflanzern nicht verhindern. Die Komanchen gruben früh das Kriegsbeil aus; der langwierige, tragische Kampf der freien Indianerstämme um ihre Existenz hatte schon lange begonnen, als Friedrichsburg erbaut wurde. Und auch die Niederlassungen der Deutschen blieben von den Unruhen nicht unbehelligt. Immer wieder kam es zu Zwischenfällen. Bei einer Gelegenheit kurz vor Ostern - so erfuhr der Reisende Peter Groma - hatten feindliche Krieger die Stadt eingeschlossen, die in einem Hügelland unweit einer größeren Anhöhe, des Bärenberges, gelegen ist. Auf den Hügeln rund um die Stadt brannten die Feuer der Indianer. Um die Kinder zu beruhigen, erzählte man ihnen, da droben färbten die Osterhasen ihre Eier. Es gelang bald, die Indianer zu vertreiben; die Erinnerung an den Tag hat sich bewahrt, und alljährlich werden am Palmsonntag die sogenannten Osterfeuer in der Stadt entzündet.

Im März 1847 zog Baron Meusebach, der hervorragende Leiter der Kolonie, zum Lager der Peneteka-Komanchen am San Saba Fluß. Niemand rechnete damit, ihn und seine Begleiter jemals wiederzusehen. Aber Meusebach schloß mit den Peneteka einen Vertrag, den ersten in dieser Gegend, in dem den Deutschen das Recht auf das schon besiedelte Land zuerkannt wurde. Dann kehrte er wohlbehalten zurück. Drei Millionen Morgen Landes fielen den Siedlern durch den Vertrag für 3000 Dollar zu. Meusebach gründete die Ortschaften Meerholz, Leiningen, Castell und Schönberg. Andere deutsche Siedlungen in Texas waren Schulenburg, Kaufmann und Krebs. Einmütig gründeten Deutsche und Polen Halletsville, nach 1840 siedelten viele Deutsche bei Victoria, das 1824 entstanden war. 1838 baute Friedrich Ernst den Ort Industry im Austin County und versuchte den Anbau von Indigo-Pflanzen.

Die deutschen Siedler waren fleißig und brachten es zu Wohlstand. Sie besaßen große Baumwollfelder, führten Tabak- und Reisanbau in Texas ein, aber betrieben bemerkenswerterweise keine Sklavenwirtschaft. Sie lehrten ihre Kinder lesen und schreiben und ein Handwerk auszuüben und gingen ihren Nachbarn mit gutem Beispiel voran. Frühe Reisende in Texas wiesen auf die Deutschen hin, auf ihr gutes Land, die bei ihnen übliche Handelsfreiheit und ihre Gesellschaftsform. Bei ihnen gab es keine Stände oder Gilden, sondern ein Mann betätigte sich gleichzeitig als Bäcker, Metzger, Farmer, Pferdehändler und, wenn es sein mußte, als Doktor. Amerikanische Soldaten kauften als erste die Erzeugnisse der Deutschen, und daher ging es vor allem seit der Gründung von Fort Austin in der Nähe mit Friedrichsburg aufwärts. Die Indianerüberfälle wurden seltener und hörten schließlich ganz auf.

Friedrichsburg hatte 1850 754 Einwohner. Mit der Ankunft der Soldaten erhielt der Ort eine Schlüsselstellung im ganzen Gebiet. Eine Reihe von Forschern, die in die texanischen »badlands«, in den Llano Estacado oder nach Neu Mexiko zogen, benutzten den Ort als Durchgangsstation oder sogar als Ausgangspunkt für ihre Expeditionen. Friedrichsburg wurde daraufhin sogar als Zentrum für Eisenbahnlinien und Verbindungsstraßen vorgeschlagen. Bedeutende Forschungen in Texas unternahm z B. der Offizier Nathaniel Michler, dessen Vorfahr 1743 als Bischof der Mährischen Brüder aus Württemberg nach Amerika ausgewandert war. Die Kenntnis der texanischen Pflanzenwelt verdanken wir zum Gutteil dem Frankfurter Jakob Lindheimer, der wegen angeblicher revolutionärer Machenschaften aus Deutschland fliehen mußte und am texanischen Unabhängigkeitskrieg teilnahm. Angeregt von seinem Freund und ehemaligen Studienkollegen Georg Engelmann begann er danach, die texanischen Pflanzen zu erforschen. Neun Jahre verbrachte der unerschrockene Mann in unberührter Wildnis, oft monatelang ohne einem Weißen zu begegnen. Aber die Indianer, auf die er stieß, ließen ihn ungeschoren, weil sie ihn als »Zaubermann« mit scheuer Verehrung betrachteten.

1847 schloß sich Lindheimer der von Meusebach gegründeten Darmstädter Kolonie an, die das Land zwischen den Flüssen Llano und San Saba besiedelte. Nach sechs Monaten gaben die Pioniere allerdings auf, und Lindheimer ging nach Neu Braunfels, wo er 1852 die »Neu Braunfelser Zeitung« gründete. Sie hielt sich bis zum Ersten Weltkrieg. 1870 gab er die Redaktion der Zeitung ab, seine letzten Lebensjahre - er starb 1879 im Alter von 74 Jahren - verbrachte er als Superintendent und Friedensrichter.

Lindheimer war ein politischer Flüchtling der dreißiger Jahre. Nach 1848 kam ein Schub deutscher Einwanderer nach Texas, die ebenfalls aus Deutschland hatten fliehen müssen, weil sie sich an der Revolution von 1848 beteiligt hatten. Der größere Teil waren Realisten, teilweise waren es aber auch romantische Idealisten, die zu den »Lateinbauern« wurden. Sie waren die ersten, die in den »Wilden Westen« von Texas Bildung brachten. Sie hießen »Lateinbauern«, weil sie von Latein und Griechisch mehr verstanden als vom Ackerbau. Sie waren Utopisten, vom Geiste Rousseaus beseelt, sehnten sich nach dem einfachen Leben und wollten ihre sozialen Vorstellungen und Wünsche verwirklichen. Manche hatten einen »Staat im Staat« im Sinn, manche wünschten sich kulturelle Isolation. Aber alle wollten den Traum von Freiheit und Glück in dem Blockhaus an der Indianergrenze verwirklichen. Sie träumten von einem Amerika, das nur in ihrer Einbildung oder ihren Büchern bestand, einem Garten Eden, in dem vor allem die Freiheit des Individuums gewährleistet sein sollte. Ihre Nachbarn verstanden sie nicht, lachten sie aus und blieben auch ihrerseits den »Lateinbauern« stets fremd.

Frederick Olmsted, ein Landschaftsarchitekt und Reisender in Texas, suchte diese Deutschen auf und beschrieb sie und ihre Wunderlichkeiten. Danach hatten sie wertvolle Madonnen an Holzwänden, tranken Kaffee aus Zinntassen, die auf Untertassen aus wertvollem Dresdner Porzellan standen, sie spielten Klavier und hatten Truhen, die halb mit Büchern und halb mit Kartoffeln gefüllt waren. Nach dem Abendessen kamen sie meilenweit zu einem Treffpunkt in einem Blockhaus, wo sie sangen, spielten und tanzten. Aber der Versuch dieser Utopisten mußte scheitern, zur Farce entarten. Es stellte sich bald heraus, daß sie nicht wirklich glücklich waren, auch wenn sie mit niemandem tauschen wollten, sondern arm. Der deutschamerikanische Schriftsteller Friedrich Kapp traf 1867 auf seiner Reise nach Texas einen alten Studienkollegen, der ihn über seine Situation aufklärte: »Ich bin nicht glücklich im wahrsten Sinn des Wortes, aber auch nicht unglücklich, denn ich lebe frei und ungezwungen. Ich bin von nichts abhängig, außer von meinen Ochsen und dem Wetter. Nichts hindert mich an meinen Plänen und Vorhaben, außer daß ich kein Geld habe. Nichts hält mich ab, meine revolutionären Gefühle auszudrücken, außer daß ich keine Zuhörer habe.«

Am Abend nach der Begegnung nahm Kapp an einem Treffen der »Lateinbauern« teil. Die Zusammenkunft begann als der Versuch, die alte Heidelberger Studentenzeit, ihre Gebräuche, ihre Lieder und ihre Gelage zu neuem Leben zu erwecken, aber sie endete mit nichtsnutzigen Gesprächen: »Unser Leben hier wäre ganz erträglich, wenn wir nur eine Kegelbahn hätten.« Dennoch waren auch diese kuriosen Achtundvierziger von Bedeutung, gerade im Westen; denn sie bildeten den Sauerteig für die kulturelle Entfaltung an der Grenze.

Vor dem Bürgerkrieg entstand schon eine Deutsche Theatergesellschaft in Neu Braunfels, der erste Gesangverein in diesem Ort wurde im März 1850 ins Leben gerufen und erhielt den Namen Germania. Der bedeutende Achtundvierziger Carl Douai aus Altenburg, einer der ersten Marxisten in Amerika, gründete den San Antonio Gesangverein, den er auch leitete und dessen Mitglieder er 1853 nach Neu Braunfels führte, als dort das erste Sängerfest an der westlichen Frontier stattfand. In dem Dreieck zwischen Houston, San Antonio und Neu Braunfels entstand eine Reihe deutscher Gesangvereine, Schützenvereine, Turnvereine und anderer gesellschaftlicher und kultureller Organisationen. In der Grafschaft Comal unterstützten deutsche Farmer die Acker- und Gartenbaugesellschaft von 1852; ein Reformverein wurde 1854 in Friedrichsburg gegründet, der über Ackerbaumethoden beriet. Schon 1852 entstand der »Freie Verein« in Sisterdale, eine Freidenkergemeinschaft, zu deren Treffen die Deutschen dreißig Meilen weit aus der Umgebung kamen. Ihr Präsident war viele Jahre Ernst Kapp, der seinen Doktor in Bonn gemacht hatte und sechzehn Jahre lang - bis 1865 - auf einer fünfzig acre umfassenden Farm in Texas lebte. Er rodete den Wald selbst, wurde Wagenmacher, Schmied und daneben einer der frühen Geographen in Texas.

Schon bald entstand auch eine ganze Anzahl deutscher Zeitungen in Texas, denen hier wie anderswo eine Vermittlerrolle zwischen alter und neuer Heimat zukam; Lindheimers »Neu Braunfelser Zeitung« war wohl die bedeutendste davon. Als sie zum ersten Mal erschien, war das Papier so rar, daß Lindheimer gelegentlich Tapeten und Einwickelpapier vom Metzger hernehmen mußte. Douai gründete die »San Antonio Zeitung«, doch mußte er 1856 wieder einmal flüchten, diesmal in die Nordstaaten der USA, weil er gegen die Sklaverei geschrieben hatte.

Neun deutsche Zeitungen gab es vor dem Bürgerkrieg in Texas, aber nur vier überlebten ihn. Der Bürgerkrieg veränderte die Lage für die Deutschen in Texas erheblich. Einige Deutsche waren Verfolgungen ausgesetzt, weil sie mit den Nordstaaten sympathisierten. Waren Verordnungen und Erlasse eine Zeitlang in Deutsch und Englisch erschienen, so nahm nun die Assimilierung der Deutschen zu. Der erste Deutsche, der Texas im US-Kongreß vertrat, war Eduard Degener, der auch in beide Häuser des texanischen Parlaments gewählt wurde.

Fredericksburg in der Grafschaft Gillespie und New Braunfels im Comal County hatten sich zu blühenden Ansiedlungen entwickelt. Das alte Friedrichsburg wurde ein Handelszentrum des umliegenden Farmlandes und ein beliebter Ferienort. Die Deutschen - etwa 5000 - kennen ihre alte Heimat kaum, aber sie pflegen noch immer deutsches Brauchtum. Die Menschen sind wie alle anderen Texaner gekleidet, aber erinnern nach Gromas Meinung irgendwie an altdeutsche Bauern. So ähnelt der Ort, in dem es auch einen »German Gesangverein« gibt, einer alten deutschen Kleinstadt mit amerikanischem Einschlag.
    


Jenseits des Felsengebirges

Karl Mays Väter