Professor Dr. Klaus Ludwig

Die Karl-May-Höhle bei Hohenstein-Ernstthal - Karl Mays Zufluchtsort im Mai 1869


Nach seiner am 2. November 1868 "in Folge Allerhöchster Gnade" erfolgten vorzeitigen Entlassung aus dem Landesgefängnis Schloß Osterstein in Zwickau (Sachsen) und der Rückkehr in das Elternhaus in Ernstthal verfiel Karl May - nicht zuletzt bedingt durch den Verlust seiner materiellen Existenzgrundlagen - erneut in jene psychischen Zustände, die ihn zu weiteren verhängnisvollen Straftaten trieben.

Nach seinen Auftritten als "Falschgeldfahnder" in Wiederau bei Burgstädt und Ponitz bei Meerane, als Pferdedieb in Bräunsdorf bei Hohenstein und vor dem Diebstahl der Billardkugeln im Restaurant von Viktor Reinhard Wünschmann in Limbach (Sachsen) sowie dem Auftritt im Hause des Bäckermeisters Wappler in Mülsen Sankt Jacob bei Zwickau, die nach seiner Aufgreifung am 4. Januar 1870 in Niederalgersdorf in Nordböhmen zu seiner Verurteilung durch das Bezirksgericht Mittweida am 13. April 1870 führten, suchte und fand Karl May Unterschlupf und Versteck in der im Oberwald nördlich von Hohenstein-Ernstthal gelegenen "Eisenhöhle", um der Suche der Hohensteiner Polizei und ihren zivilen Helfern zu entgehen.

Die "Eisenhöhle", die zu Ehren Karl Mays seit 1936 den Namen "Karl-May-Höhle" trägt, ist ein um 1620 im Verlaufe bergmännischer Erkundungsarbeiten entstandener Stollen, der unweit des Serpentinitsteinbruches in den Kieferberg hineingetrieben wurde.

Unmittelbar am Zugang des seit einigen Jahren stillgelegten Serpentinitsteinbruches öffnet sich zur Linken ein anmutiges stilles Tal, das Tal des Pechgrabens, der - aus dem Einzugsgebiet des Hohensteiner Wasserwerkes kommend - dieses romantische Tal durcheilt und schließlich nach Vereinigung mit den Wassern des Schindelgrabens dem Chursbach in Langenberg zustrebt. Nach etwa siebenhundert Metern Weges durch die Einsamkeit des Oberwaldes am Fuße des 370 m hohen Kiefernberges erreicht der Wanderer "Auf den Spuren Karl Mays" an der Vereinigung von Pech- und Schindelgraben die Karl-May-Höhle. Dieses alte Bergbaudenkmal aus dem 17. Jahrhundert ist durch Zufall menschlichen Schicksals zu einem steinernen Sachzeugen der Literaturgeschichte geworden.

Zum Zeitpunkt ihrer Erschließung und Namensgebung (1936) war der Zugang zu diesem Stollen vollständig freigelegt, durch einen Hohlweg war das fast mannshohe Mundloch erreichbar, Vorderhöhle, Hauptstollen und die beiden Seitenstollen waren von allem Geröll gesäubert und alle Teile des Stollens in ihrer ganzen Ausdehnung mit stabilen Lattenrosten ausgelegt, so daß ein jeder trockenen Fußes die Stollenenden erreichen konnte. Die Vorderhöhle war ebenfalls beräumt und über dem Eingang bezeichnete eine der Umgebung gut angepaßte Natursteinplatte mit der Inschrift "K.-May-Höhle" den historischen Ort.

In den fast siebzig Jahren, die seit Erschließung der Karl-May-Höhle vergangen sind, hat sich das Antlitz dieses Stollens im "stillen, geheimnisvollen Wald" - so Karl May 1874 in seiner Erzählung "Die Rose von Ernstthal" - mehrfach verändert. Bedingt durch geomechanische und durch die Witterung ausgelöste erosive Vorgänge sowie durch Krieg und Nachkrieg verursachte Vernachlässigungen begann die Karl-May-Höhle seit den vierziger Jahren immer mehr zu verfallen - ihr Zugang wurde immer kleiner und unauffälliger. Da der Abfluß des natürlichen Grundwassers durch die zunehmende Ansammlung von Erdreich und Geröll verhindert wurde, war der Stollen trotz der noch vorhandenen Lattenroste schließlich unbegehbar geworden. Auch die Vorderhöhle füllte sich immer mehr mit beträchtlichen Mengen Gesteinsschutt, so daß die berechtigte Sorge bestand, daß dieser steinerne Sachzeuge zum Leben Karl Mays bald ganz vom Antlitz der Erde verschwinden würde.

In den neunziger Jahren konnten sich jedoch Karl-May-Freunde aus Hohenstein-Ernstthal dieses historischen Stollens annehmen, ihn von Schutt und Geröll säubern und den zum Mundloch führenden Hohlweg wieder freilegen. Damit stellt sich die Karl-May-Höhle im Oberwald wieder in ihrer ursprünglichen Schönheit dar und ist auch künftig für ungezählte Karl-May-Freunde ein markanter Punkt von hohem Rang auf ihren "Wanderungen auf den Spuren Karl Mays".


Literatur: Hans Zesewitz, "Die Karl-May-Höhle bei Hohenstein-Erstthal", in: Festschrift "75 Jahre Karl-May-Verlag", Bamberg 1988.



Karl May - Leben und Werk

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