Zur Geschichte des Karl-May-Museums,
seiner indianischen Sammlungsobjekte und deren Präsentation

von
Dr. Klaus Hoffmann

  
Seit dem 1. Dezember 1928 ist die Stadt Radebeul bei Dresden, wegen ihrer anmutigen Lage in der Elbtallandschaft als „Sächsisches Nizza“ gepriesen, um eine Attraktion reicher. An jenem Tag öffnete das Karl-May-Museum seine Pforten und zeigt seitdem seine inzwischen weltbekannte Ausstellung über die Indianer Nordamerikas.

Auf den ersten Blick scheint sich ein solches Museum so gar nicht in die Traditionslinie der Weinbau- und Gartenstadt Radebeul: oder überhaupt in die sächsische Kulturlandschaft einfügen zu wollen. Die Gründe für die Standortwahl des exotischen Museums sind einzig und allein bei dem Schriftsteller Karl May (1842-1912) zu suchen. Seine im Wilden Westen Nordamerikas und im Orient des 19. Jahrhunderts spielenden Abenteuererzählungen erfreuen sich seit Generationen ungebrochener Beliebtheit. Als Schöpfer der unvergänglichen Romangestalten Winnetou und Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar hat dieser sächsische Erzähler, der in Radebeul lebte, Weltruhm erlangt.

Literarischer Erfolg und Ruhm sind im allgemeinen nicht ausreichend, um ein ethnographisches Museum von internationaler Reputation zu begründen. Außer persönlicher Liebhaberei gehören dazu zielgerichtete Sammeltätigkeit, Sachverstand, entbehrungsreiche Studienreisen sowie ein ausgeprägter Sinn für die museale Nutzung des Gesammelten. Von all diesen Erfordernissen brachte Karl May zweifellos so manches ein, wie seine Biographie erhellt. Geht es jedoch um eine gerechte Würdigung von Verdiensten, dann ist der indianische Sammlungsbestand des Karl-May-Museums drei Personen zu danken: dem Schriftsteller Karl May, seiner zweiten Ehefrau Klara May (1864-1944) und Patty Frank (1876-1959), einem weitgereisten Artisten und Sammler von Ethnographica.

Bei der Aufdeckung und Bewertung solcher historischen Zusammenhänge wird auch eines klar: Die Geschichte des Karl-May-Museums, speziell seiner indianischen Sammlungsgegenstände, beginnt nicht mit jenem 1. Dezember 1928, sondern setzt wesentlich früher ein.

  
Bereits zu Lebzeiten Karl Mays ein Museum

Auf dem Höhepunkt seines Publikumserfolges - in den Jahren 1894 bis 1898 - behauptete May, Selbsterlebtes zu erzählen, und identifizierte sich vorübergehend mit den Helden seiner Reiseerzählungen: „Old Shatterhand - das bin ich!“ Äußeres Kennzeichen dieser Eitelkeit waren Fotographien, die zahlreiche Verehrer bekamen und die May im Kostüm seiner Romanhelden zeigten, die Silberbüchse Winnetous oder den Henrystutzen Old Shatterhands im Anschlag. Sein Wohnhaus in Radebeul, das er 1895 bezog und Villa „Shatterhand“ nannte, stattete der Schriftsteller mit exotischen „Reiseandenken“, Waffen und Jagdtrophäen aus: ein buntes, ungeordnetes Sammelsurium. Einiges davon besaß damals schon musealen Wert. Objekte aus dem Kultur- und Lebenskreis der nordamerikanischen Indianer befanden sich nur wenige darunter, wie zeitgenössische Abbildungen beweisen. Dazu zählen möglicherweise eine Halskette aus Zähnen und Krallen des Grizzly, ein Lasso, ein Calumet, ein Medizinbeutel und andere Utensilien Old Shatterhands, wie sein Jagdrock aus Elchleder. Über die Vorderfront seines Schreibtisches hatte Karl May eine „indianische Decke“ gebreitet, wie Besucher der Jahre 1896/97 registrierten. Sie war mit dunkelroten Mustern und seltsamen Zeichen versehen [1], dürfte aber aus Polynesien (Samoa) stammen.

Fotos aus dem Jahre 1896 zeigen Karl May im elchledernen Trapperanzug Old Shatterhands, um den Hals jene Kette aus Krallen und Zähnen des gefürchtetsten Raubtieres der Rocky Mountains, des Grizzlybären. So beschrieb es Karl May selbst. Die Jagdtrophäe befindet sich im Fundus des Museums und soll indianischen Ursprungs sein. Allerdings rühren die attraktiven großen Reißzähne nicht von dem Grauen Bären, sondern in Wirklichkeit von einem Alligator her ...

Einige Besucher der Villa „Shatterhand“ haben ihre Eindrücke in zeitgenössischen Presseberichten verewigt. „Schon das Vestibül bildete ein kleines Museum von Sehenswürdigkeiten aus aller Herren Länder“, wußte der Reiseschriftsteller Franz Sättler zu erzählen, der Karl May im Juli 1906 aufsuchte. „Ich sah hier kostbare Waffen, ein orientalisches Reitgeschirr, einen mexikanischen Lasso, Vorhänge mit gold- und sillbergewirkten Inschriften, einen mohammedanischen Rosenkranz mit sämtlichen Beinamen Allahs ...“

Im gegenüberliegenden Obstgarten hatte Klara May ein Gartenhaus in ein „Orientzelt“ verwandelt. Aber auch hier entdeckte Sättler - im Jahre 1906 - lediglich kunsthandwerkliche und museale Gegenstände aus dem Vorderen Orient, Souvenirs einer Weltreise Karl Mays der Jahre 1899/1900. Und doch ist dieses von Klara May gehegte Orientzelt die Keimzelle des späteren Karl-May-Museums gewesen, wie noch erläutert werden soll.

Eine 1908 unternommene Nordamerikareise, die erste und einzige in seinem Leben, nahm May zum Anlaß, sich dem Sammeln indianischer Kultur- und Gebrauchsgegenstände bewußt zuzuwenden. In seiner Frau Klara fand er eine eifrige Fürsprecherin. Am 16. September 1908 in New York angekommen, reiste das Ehepaar zunächst nach Albany, Pittsfield, Buffalo und zu den Niagara-Fällen. Dort machten beide in dem auf der kanadischen Seite befindlichen Clifton-Hotel Station. Von dort aus unternahmen Karl und Klara May in der Zeit vom 29. September bis 4. Oktober 1908 Ausflüge in die nähere Umgebung, darunter zur Reservation der Tuscarora-Indianer. Über Lawrence, Boston kehrten sie im November nach New York zurück, um die Heimreise anzutreten.

Klara Mays Reisenotizen ist zu entnehmen, daß sie von den Tuscaroras „viele schöne Sachen“ erwerben konnte, die später in der ethnographischen Sammlung des Karl-May-Museums ihren Platz finden sollten. Gewohnt, seinen schriftstellerischen Arbeiten auch auf Reisen nachzugehen, zog sich Karl May gern zurück und überließ seine Frau ihren Neigungen. „Meine Zeit füllte ich aus mit Suchen und Erhandeln wundervoller alter Indianersachen“, erinnerte sich Klara. „Noch heute weiß ich, daß ich vierzehn Mal die Brücke überschritten habe, die Kanada mit Amerika verbindet. Das Clifton House liegt in Kanada. Meine Einkäufe aber tätigte ich in Amerika. Es wurden so die Grundpfeiler zum Karl-May-Museum gelegt“[2].

  
Indianische Exponate ausgestellt

Gleich nach der Heimkehr (Anfang Dezember 1908) sorgte Klara May für eine geeignete Unterbringung und Präsentation der neuerworbenen indianischen Gegenstände. Sie waren so reichhaltig, daß selbst im „Orientzelt“, das seinem Namen nun kaum noch gerecht wurde, einige Exponate ein Obdach fanden.

„In einem besonderen Nebenhause hat May ein wahres völkerkundliches Museum aufgestellt“, berichtete ein Augenzeuge, Franz Franke, der seinen Lieblingsautor noch im Dezember 1908 aufsuchte. „Da ist ein schwerer, aus Elentierhaut gefertigter amerikanischer Trapperanzug neben dem Burnus (Mantel) eines Beduinen. Prachtvolle Adlerfedern, Kopfschmuck von Indianerhäuptlingen, sehen wir. Die türkische Wasserpfeife liegt neben der aus brauner Tonerde gefertigten Friedenspfeife des Indianers. ... Daneben sind indianische Kriegsbeile (Tomahawks) und indianische Schuhe (Mokassins) ...“[3]. Aus dem unmittelbaren Besitz Karl Mays stammen wenigstens 56 der insgesamt rund 1800 nachweisbaren indianischen Objekte des Museums: Kleidungsstücke, Mokassins, Perlstickereien, Calumets aus Catlinit, Tomahawks, Federhauben, Halsschmuck. Darunter sind ausgesprochen wertvolle alte Stücke.

Auf einer Fotographie aus dem Jahre 1909 ist Klara May in ihrem Orientzelt zu sehen. Auf dem Bild findet sich auch das Skalphemd wieder, das jetzt den Siouxhäuptling in der Indianerausstellung des Karl-May-Museums ziert. Der Völkerkundler Hermann Dengler, der die für das Karl-May-Museum bestimmten Objekte katalogisiert hat, vermerkte dazu auf der von ihm angelegten Karteikarte: „sehr gutes Stück“.

Ein namhafter Reporter, Egon Erwin Kisch (1885-1948), der Karl May am 9. Mai 1910 in Radebeul interviewte und auch dessen Sammlung zu sehen bekam, schrieb: „Im Garten steht ein alter Holzschuppen, der mit Hilfe orientalischer und amerikanischer Gegenstände in ein Raritätenkabinett verwandelt worden ist. Allerhand schöne Sachen sind echt“[4].

Im Sommer 1910 bestätigte ein anderer Besucher, Franz Fethke, daß es „ein sehenswertes ethnographisches Museum im kleinen“ wäre. In dem Zelte befanden sich zahlreiche orientalische und indianische Waffen ..., von Beduinen und Indianerfrauen angefertigte Decken, Gewänder usw.“[5]

Leider haben es Klara und Karl May später an der notwendigen Fürsorge für diese ethnographische Sammlung fehlen lassen. Äußere Zwänge, wie die erbarmungslosen Presse- und Gerichtsauseinandersetzungen, in die May verstrickt wurde, mögen für dieses erlahmende Interesse als Entschuldigung gelten.

Der Schriftsteller verstarb am 30. März 1912. Bis ins Gründungsjahr der Karl-May-Stiftung, 1913, geht der Gedanke zurück, ihm zu Ehren ein Museum zu errichten. Das ist aus der Korrespondenz Klara Mays und des Leiters des ebenfalls 1913 gegründeten Karl-May-Verlages Radebeul, Dr. Euchar A. Schmid (1884-1951), mit Ministerialdirektor Dr. Erich Wulffen (1862-1936) zu entnehmen. Zu diesem Zweck sollten Räumlichkeiten der Villa „Shatterhand“ museal ausgestaltet werden.

Einige Jahre später gewann dieser Plan an Profil. Denn 1920 äußerte Schmid die Absicht, „die Villa Shatterhand und Karl Mays Sammlungen sowie seine wertvolle Bücherei der Öffentlichkeit als eine Art Karl-May-Museum zu erhalten und zugänglich zu machen“[6]. Erwogen wurde sogar, die Villa Mays auf der Kirchstraße 5 der Stadt Radebeul zu schenken, und zwar mit der Auflage, ein Karl-May-Museum zu unterhalten. Aber der Gemeinderat lehnte dies auf seiner Sitzung vom 13. September 1922 ab[7].

Ein glücklicher Umstand sollte die ins Stocken geratenen Pläne befördern. Überraschend bot der weitgereiste Wiener Artist Ernst Tobis - bekanntgeworden unter seinem Künstlernamen Patty Frank - seine umfangreiche Sammlung zur Kultur und Lebensweise der nordamerikanischen Indianer zum Kauf an. Wer war dieser Patty Frank, dessen Name heute fast zur Legende geworden ist? Und woher rührte seine sprichwörtlich gewordene Indianerleidenschaft?

  
Völkerschauen, Buffalo Bill und Patty Frank

Um im 19. Jahrhundert die Ureinwohner Nordamerikas und ihre Lebensumstände kennenzulernen, mußten sich die Europäer nicht unbedingt selbst einer gefahrvollen Reise durch den Wilden Westen unterziehen. Es gab genügend ethnographisch-geographische Fachliteratur, die man zu Rate ziehen konnte, wie es beispielsweise Karl May bei seinen Quellenstudien tat. Weltberühmte Autoren, wie James Fenimore Cooper, Friedrich Gerstäcker, Thomas Mayne-Reid, Gabriel Ferry, Charles Sealsfield, Balduin Möllhausen und schließlich Karl May, sorgten darüber hinaus jährlich für neue Ausgaben der beliebten volkstümlichen Indianerliteratur.

Geschäftstüchtige Zirkusunternehmen taten ein weiteres. Sie brachten exotische Völkerschaften nach Europa, nach Deutschland, nach Sachsen und stellten sie dort zur Schau: wilde Naturvölker, gleichsam „zum Anfassen“ für jene, die von einer Reise in ferne Länder und zu fremden Menschen träumten, sich aber solche Träume nicht erfüllen konnten. Diese unternehmerische Idee geht auf den Hamburger Tierhändler und späteren Zirkusdirektor Carl Hagenbeck (1844-1913) zurück. Mit einer Lappländerfamilie, die er nach Deutschland brachte und in vielen Städten dem staunenden Publikum präsentierte, hob er im Jahre 1874 seine erste Völkerschau aus der Taufe. Andere griffen diesen Gedanken ebenfalls auf.

Erst neuerdings ist der Nachweis gelungen, daß es bereits 1879 im Zoologischen Garten von Dresden die ersten „echten“ Rothäute zu bewundern gab[8]: 7 Krieger und 1 Squaw vom Stamme der Irokesen aus Kanada. Das war zu einer Zeit, da Karl May seine ersten Indianererzählungen niederzuschreiben begann und die Auftritte eines Buffalo Bill in der sächsischen Residenz noch über ein Jahrzehnt auf sich warten ließen. Damals erlebten Tausende Dresdner die Vorstellungen der Irokesen „Die Anwesenheit der Indianer hat auf die Phantasie unserer Schuljugend mächtig eingewirkt“, bemerkten dazu die Dresdner Nachrichten vom 19. Juli 1879. „Bogen und Pfeil sind beliebte Waffen und Spielzeug geworden. Knaben und Mädchen tragen mit Vorliebe jetzt Federkronen als Kopfschmuck.“

Fast ohne Unterbrechung gastierten im Dresdner Zoologischen Garten alljährlich die verschiedensten Völkerschaften. Unter das Publikum mischte sich oft auch Karl May, der sich als Abenteuerschriftsteller einen Namen zu erwerben begann, und nachweislich von diesen Völkerschauen in Dresden berichtet hat.

Einige Jahre später, 1886, fielen die Sioux-Indianer ins Land ein. Engagiert hatte sie der Landschaftsmaler Rudolf Cronau (1855-1940), der als Berichterstatter den Wilden Westen durchquerte. Parallel zu Vorführungen, die auf der Völkerwiese im Dresdner Zoo vom 29. Juli bis 16. August 1886 stattfanden, stellte Cronau in einer ethnographischen Ausstellung Landschaft und Leben der nordamerikanischen Indianer in Exponaten und Originalzeichnungen vor[8].

Bevor Cronaus Sioux-Indianer Dresden eroberten, waren sie in der Rotunde des Wiener Praters aufgetreten. Dort faszinierte ihr Treiben auch einen 10jährigen Burschen namens Ernst Tobis, der zum ersten, doch längst nicht zum letzten Mal in seinem Leben wirkliche Indianer vor sich sah: Ein bleibendes Erlebnis für einen heranwachsenden Knaben, der bisher nur heimlich Coopers „Wildtöter“, Ferrys „Waldläufer“ und Mays in der Zeitschrift „Deutscher Hausschatz“ abgedruckte Abenteuererzählungen verschlungen hatte, wie er in seinen Erinnerungen „Ein Leben im Banne Karl Mays“[9] berichtete. Im darauffolgenden Jahr, 1887, neigte sich die Lesebegeisterung des Ernst Tobis endgültig Karl May zu. Ausschlaggebend war dafür dessen soeben in der Knabenzeitschrift „Der Gute Kamerad“ erstveröffentlichte Indianererzählung „Der Sohn des Bärenjägers“.

Familie Tobis zog von Wien nach Frankfurt/Main. Und dort hat Ernst sein zweites entscheidendes Erlebnis. Es war die Zeit, da der legendäre Buffalo Bill mit seiner Wildwest-Show auf donnernden Hufen und mit Kriegsgeheul quer durch Europa ritt: 200 Indianer auf wilden Mustangs, die noch Pulverdampf gerochen hatten, Cowboys, Hinterwäldler, Lassowerfer, Kunstschützen und eine Herde Büffel. Dresden erlebte die Show vom 1. bis 15. Juni 1890. Auch in Frankfurt/Main gab Oberst William Frederick Cody (1846-1917), der sich Buffalo Bill“ nannte, im Sommer 1890 ein Gastspiel. Ernst Tobis, der sich das Schauspiel mehrmals ansah, lief von zu Hause weg, als Buffalo Bill Frankfurt verließ, und verdingte sich bei ihm für sechs Monate als Pferdejunge.

Seitdem sollten für Tobis das Zirkusmilieu und die Artistenlaufbahn zum Lebensinhalt werden. „Eisenarm“ nannte man ihn wegen seiner beachtlichen Körperkräfte. „Isto Maza“, was das gleiche bedeutet, hieß er bei den Indianern, die Buffalo Bill begleiteten. Als diese 1891 nach den USA heimkehren mußten, schenkten sie dem zurückbleibenden Ernst ein Paar Mokassins: Nr. 1 seiner Sammlung nordamerikanischer Indianergegenstände.

Unter seinem Artistennamen „Patty Frank“ erwarb sich Tobis später als Akrobat einen guten Ruf und wurde zusammen mit der Montrose-Gruppe von bekannten Zirkus- und Varieteunternehmen engagiert. 1897 stellte er sein eigenes Akrobatenteam zusammen. Auch Buffalo Bill verpflichtete Patty Frank wieder. Codys letzte Tournee führte 1903 bis 1907 erneut durch Europa. Vom 17. bis 20. August 1906 war wiederum Dresden der triumphale Schauplatz. Diesmal hatte Oberst Cody 100 Indianer zu Pferd aus den Staaten mitgebracht, um die „Schlacht am Litte Bighorn oder Custers letzter Widerstand“ in einem Freilichtspektakel zu inszenieren.

„Ich bereiste die ganze Welt, zehnmal ging's über den Äquator“, erinnerte sich der Globetrotter Patty Frank. „Mit den größten Schaustellungen zog ich durch die fünf Erdteile: Buffalo Bill, Barnum & Bailey, Hagenbeck ...“[10]. Getrieben von Abenteuerlust, folgte er keineswegs immer zivilisierten Pfaden: „(Ich habe) mit Indianern Hundefleisch gegessen, mit Australnegern zusammengelebt, mit Chinesen Opium geraucht, Schießereien mit Cowboys gehabt, mit Singhalesen Betel gekaut, (mich) von Japanern tätowieren lassen und mit den Zulus gemeinsam gejagt...“[11]

Befragt nach den Gründen für seine Abenteuerlust und Sammelleidenschaft, benannte Patty Frank, der sich selbst gern als „Indianernarr“ bezeichnete, stets nur einen Namen: „Karl May ... prägte in mir durch seine Werke, die ich von Jugend an gelesen habe, die Liebe zur roten Rasse ein“[12]. Mit seinen Erzählungen wollte Karl May dem nach seiner Auffassung untergehenden Volk der Indianer ein literarisches Denkmal setzen. Patty Frank verfolgte mit seinem Sammeleifer ganz ähnliche Ziele: Er wollte die Erinnerung an den roten Mann und seine Kultur im Bewußtsein der Menschen wachhalten.

  
Patty Franks Sammlung: der erste Skalp

Zu den ersten Sammelstücken, den 1891 erworbenen Mokassins, gesellten sich im Lauf der Jahre attraktive und historisch bedeutsame Objekte. Zweifellos ist dazu eine prachtvoll verzierte Säbelscheide aus Bisonleder zu rechnen, gefertigt von Crows. Nachweislich sind davon nur wenige Exemplare erhalten geblieben. Zwei besaß der US-amerikanische Genre-Maler Charles Schreyvogel (1861-1912), der zahlreiche Bildwerke über das Leben im amerikanischen Westen geschaffen hat. Eine dieser Säbelscheiden Schreyvogels erhielt Patty Frank durch Tausch[13].

Aus dem Tipi des berühmten Oglala-Häuptlings und indianischen Redners American Horse (Tashunka washitshun; gestorben 1875) stammen Federstutz, Skalphemd, Hose und Mokassins sowie die Friedenspfeife. Kleidungsstücke eines anderen berühmten Sioux-Häuptlings, Red Cloud (1822-1909), den Patty Frank noch persönlich kennengelernt hat, konnte dieser ebenfalls in seinen Besitz bringen.

Ein von Patty Frank erworbener perlbestickter Wampumgürtel läßt sich sammlungsgeschichtlich bis zum Jahre 1901 zurückverfolgen. Zu dieser Zeit befand er sich im Besitz einer alten Ottawa-Indianerin im Staate Michigan, die alle Wampums ihres Stammes hütete.

Längere Jahre mußte sich Frank freilich gedulden, bis er endlich 1904 eines der begehrtesten Sammelstücke erbeuten konnte - einen Skalp! Bereits 1890, als Pferdejunge die Buffalo-Bill-Show miterlebend, hatte der 15jährige Ernst Tobis stets klopfenden Herzens der Schlußnummer entgegengefiebert: William Cody präsentierte, auf hohem Roß die Arena entlang reitend, den federgeschmückten Skalp des Cheyenne-Häuptlings Yellow Hand, den er einst im Zweikampf besiegt hatte ... Tobis: „Ich nahm mir vor, einen Skalp zu erwerben“. Diesen Vorsatz wollte er - koste es, was es wolle - realisieren, dünkte ihm doch ein solcher Skalp „für eine Indianersammlung dasselbe wie eine Mauritius für den Briefmarkensammler“[14].

Beim amerikanischen Zirkus Barnum & Bailey verpflichtet, kam Patty Frank bei einer Tournee durch die USA im Sommer 1904 in die Nähe der Indianerreservate. Seine Freizeit nutzte er für einen nächtlichen Ritt zu einer Indianersiedlung. Von Nachkommen des Dakota-Häuptlings Swift Hawk hoffte er, einen Skalp zu bekommen, den dieser einst im Zweikampf mit einem Ojibwa errungen hatte. Nach zähem Verhandeln brachte Patty Frank für zwei Flaschen Whisky, eine Flasche Apricot Brandy und 1100 Dollar die heißersehnte Trophäe in seinen Besitz: den auf einen Rahmen gespannten Skalp, dessen Haar mit Federn und einer perlbestickten Eidechsenfigur geschmückt ist, dazu das Skalpiermesser mit fünf Kerben im Griff (entsprechend der von Swift Hawk erkämpften Anzahl von Kopfhäuten seiner Feinde).

Der erste Skalp! Insgesamt sollte die Sammlung Patty Frank einmal 14 Skalpe umfassen, darunter 5 von weißen Siedlern bzw. Soldaten. Zu dieser Kollektion gehört auch die mit langem Haarschopf bewachsene Kopfhaut eines im Kampf getöteten Arapaho-Häuptlings, verziert mit Perlenanhängseln und einer riesigen Grizzlykralle.

  
Indianerkrieg auf einem Bisonfell

Eine lange Geschichte rankt sich um die „Erbeutung“ einer mit Indianernzeichnungen versehenen Bisonhaut. Nach Patty Franks Darstellung dauerte es 14 Jahre, bis der Erwerb dieser Rarität glückte und diese den Beständen des Karl-May-Museums einverleibt werden konnte.

„My Life in the Plains“, unter diesem Titel veröffentlichte der US-General George Armstrong Custer (1839-1876) im Jahre 1874 Aufzeichnungen über seine Indianerfeldzüge. In Bern erschien 1916 eine deutsche Übersetzung: „Erinnerungen aus dem Wilden Westen“. Custers 7. Kavallerie-Regiment wurde am 26. Juni 1876 in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Indianern am Little Bighorn River in Montana vollständig aufgerieben. Auf Seiten Custers überlebte niemand. Die Witwe, Elisabeth B. Custer, setzte die Biographie ihres Mannes mit dem Buch „In Boots and Saddles or Life in Dakota with General Custer“ fort. Auch hiervon erschien eine deutsche Ausgabe, die Premierleutnant Erich Kling übersetzt hatte und die er unter dem Titel „Dicht am Feinde“, Berlin 1887, herausgab.

Kling hatte sich längere Zeit in den Staaten aufgehalten und eine bemalte Bisondecke mit den Abmessungen 2,4 m x 1,9 m zum Geschenk erhalten. Darauf sind farbige Figuren gezeichnet, die Vernichtung General Custers durch die Sioux am Little Bighorn darstellend:

Indianer zu Pferde reiten die zu Fuß weiterkämpfenden Soldaten nieder, treiben ihre Pferde weg. Ein gefallener Kavallerist wird skalpiert, und ein Indianerhäuptling mit einer Hörnerhaube schwenkt einen erbeuteten Karabiner samt Patronengurt. Einige Soldaten verteidigen sich noch aus der Deckung heraus. Auf der Zeichnung sind nur ihre Köpfe und das Mündungsfeuer ihrer Gewehre zu sehen ...

Die Darstellung ist unvollendet geblieben. Kling fertigte davon eine freie Zeichnung an und fügte diese dem Buch „Dicht am Feinde“ als Illustration bei. Und in dieser Publikation aus dem Jahre 1887 entdeckte Patty Frank die Abbildung. Sein Jagdfieber erwachte. Professor Koch-Grünberg, Direktor des Völkerkundemuseums Stuttgart, unterstützte Frank bei seinen Nachforschungen: Kling war längst gestorben, auf einer Afrikaexpedition. Die bemalte Bisonhaut hatte er einem Oberstleutnant E. Winter vermacht. Dessen Witwe verwahrte diese noch, als Patty Frank sie 1921 in Ulm ausfindig machte. Erst am 15. September 1927 entschloß sich die Besitzerin zur Abgabe des wertvollen Souvenirs. Aber nicht Patty Frank, sondern Klara May tätigte den Kauf für 500 Reichsmark[15].

   
Wissenschaftliche Katalogisierung

Sein Leitbild, den Schriftsteller Karl May, hat Patty Frank persönlich nicht kennengelernt, dürfte jedoch gleich nach dessen Tod Kontakte zu Klara May geknüpft haben. Das läßt sich aus Grußkarten Patty Franks ableiten, die er von seinen Tourneereisen nach Radebeul sandte, wie im März 1913 aus Australien. Bei einem seiner ersten Besuche in der Villa „Shatterhand“ erfaßte Patty Frank mit Kennerblick die von Karl und Klara May gesammelten indianischen Gebrauchs- und Kulturgegenstände. Auf seine eigene Sammlung angesprochen, erklärte er, daß diese nach seinem Tode nach Radebeul kommen werde: „Ich vermache sie der Karl-May-Stiftung, denn Karl May hat mir die Anregung dazu gegeben“[16].

Der Erste Weltkrieg brach aus. Inflationsjahre überschatteten Deutschland und stürzten die Bevölkerung in Not, bewirkten auch einen Sinneswandel bei Patty Frank, dessen Artistenlaufbahn sich dem Ende zuneigte. Gegenüber Klara May verhehlte er nicht seine Sorgen, daß er gezwungen sei, seine Privatsammlung zu veräußern. Museen hätten sich bereits dafür interessiert, darunter eines in der Schweiz.

Sollte Patty Franks Indianersammlung, die er selbst mit 30 000 Goldmark bewertete, nicht außer Landes gehen, mußte gehandelt werden. Deshalb erklärte sich Klara May im Frühjahr 1925 prinzipiell mit Patty Franks Bedingungen einverstanden: Als Gegenleistung für die Übergabe seiner Sammlung erbat sich dieser kostenfreies Wohnrecht in Radebeul, Zahlung einer Lebensrente und die geeignete Unterbringung seiner Sammlungsobjekte, am besten in der Villa „Shatterhand“. Mit ihrem Gegenvorschlag, ein stilechtes Blockhaus auf hauseigenem Grundstück einrichten zu wollen stieß Klara May sofort auf Franks Beifall.

Bei der Umsetzung all dieser Pläne sollte sich Euchar A. Schmid, der Leiter des Karl-May-Verlages, als ideenreicher, tatkräftiger Förderer erweisen. Patty Franks Sympathie hatte Schmid gewonnen, als er ihn ermunterte, für das Karl-May-Jahrbuch 1926 einen Aufsatz über ein Indianer-Thema zu verfassen. Als Kenner nahm Patty die 50jährige Wiederkehr der Niederlage Custers zum Anlaß und lieferte - Juni 1925 - einen mit historischen Abbildungen belegten Beitrag über „Die Schlacht am Little Bighorn“[17]. Von Patty Frank darum gebeten, zeichnete der Ethnologe Dengler als Beigabe einen Plan.

Da Hermann Dengler (1890-1945) beträchtliche Verdienste beim Aufbau des Karl-May-Museums erworben hat, sei an dieser Stelle etwas zu seiner Person und seinem Werdegang gesagt. Wegweisend ist eine autobiographische Skizze, die Dengler 1933 unter dem Titel „Wie ich Indianer wurde“ veröffentlicht hat[18]. Ausgehend von den Karl-May-Leseerlebnissen seiner Jugend, kam er auf sein Vorbild Theodor Koch-Grünberg (1872-1924) zu sprechen, seit 1915 Wissenschaftlicher Leiter, später Direktor des Stuttgarter Museums für Völkerkunde (Linden-Museum).

„In Stuttgart hatte ich Professor Dr. Koch-Grünberg, den großen deutschen Südamerikaforscher, kennengelernt“, schrieb Dengler in seinen Erinnerungen. „Er war ein begeisterter Indianerfreund ... Mit Koch-Grünberg arbeitete ich viel in der Amerika-Sammlung des Lindenmuseums, und durch ihn lernte ich Patty Frank kennen. Er erzählte von seinen Reisen, seiner Sammeltätigkeit. Sooft ihn sein Weg nach Stuttgart führte, waren wir Abend für Abend beisammen. Was für fröhliche Stunden haben Koch-Grünberg und ich mit Patty Frank erlebt!

Im Lauf der Zeit fing ich an, seine erstaunlich reichhaltige Sammlung nordamerikanischer Indianersachen wissenschaftlich zu katalogisieren. Eine schwierige und langwierige Arbeit, aber eine Freude für mich. Er pflegte mir die Sachen in größeren Posten zuzusenden, und ich bearbeitete Stück um Stück ... Daß sich auch Koch-Grünberg für die kostbaren Sachen Patty Franks begeisterte, brauche ich kaum zu sagen. Er nahm lebhaften Anteil an meiner Arbeit, und manch wertvollen Hinweis verdanke ich ihm“[18].

Die Katalogkarten Denglers bilden heute noch die Grundlage für jedwede wissenschaftliche Bearbeitung der indianischen Sammlungsbestände des Karl-May-Museums. Sie bestechen durch akkurate zeichnerische Erfassung und gründliche fachwissenschaftliche Beschreibung einzelner Objekte und ihrer Details. Denglers Talent als Zeichner und Maler konnte sich dabei voll entfalten. Beispielhaft war sein Arbeitsfleiß. Wenn sich Dengler wegen der zeitraubenden Katalogisierung mehr und mehr aus dem Kreis der Kollegen zurückzog, spöttelten diese: „... hat sicher wieder eine Sendung von Patty bekommen und kniet nun anbetend davor“[18].

In seiner Publikation "Indianer. Die Indianerstämme des Ostens und der Prärien Nordamerikas nach Darstellungen aus der Zeit 1590 bis 1850", Stuttgart 1923, dankt Dengler Patty Frank, weil dieser ihm aus seiner Sammlung Illustrationen zur Verfügung gestellt habe.

Ein knappes Jahr mußte Dengler seine Katalogisierarbeiten für Patty Frank unterbrechen. Koch-Grünberg hatte ihn zu einer Südamerikaexpedition eingeladen. Am 6. Juni 1924 erfolgte die Abreise. Tragischerweise fand Koch-Grünberg bei dieser Forschungsreise den Tod. Er starb am 8. Oktober 1924 an Malaria. Erschüttert und selbst vom Fieber gezeichnet, wollte Dengler nach Europa zurück, schloß sich dann aber einer schwedischen Amazonas-Expedition an. Mehrere Monate lebte er unter südamerikanischen Indianern, wurde von ihnen als Stammesmitglied akzeptiert, bis er 1925 zurückkehrte. Seine wissenschaftliche Ausbeute und Zeichnungen sind in acht Südamerika-Tagebüchern niedergelegt.

Wieder in Deutschland, erwartete Dengler eine zusätzliche Aufgabe: Er sollte nicht nur Patty Franks Sammlung, sondern auch alle von Karl und Klara May zusammengetragenen indianischen Stücke erfassen, einordnen, deklarieren, gleichsam also den Gesamtbestand des zukünftigen Karl-May-Museums wissenschaftlich bearbeiten und dazu einen Museumsführer verfassen. Arbeit für mehrere Jahre.

Klara May hielt dies deshalb für vordringlich, weil sie den ursprünglichen Bestand von etwa 60 indianischen Objekten aus der Zeit Karl Mays inzwischen durch Neuerwerbungen beträchtlich hatte aufstocken können. In den Jahren 1925 bis 1930, d.h. vor ihrer zweiten USA-Reise, erwarb Klara May durch Ankauf weitere 310 Indianerobjekte, und zwar durch Übernahme aus privaten Sammlungen bzw. von Händlern. Wie aus Unterlagen hervorgeht, betraf es folgende Sammlungen: Knobelsdorff, Singer, Ullmann in Radebeul, Speyer in Berlin (u.a. das Jagdhemd des Oglala-Dakota Chief Red Leaf, Miniatur-Totempfähle, Skalpe), Winter in Ulm, Amann in München, Staley in Passau, J. F. G. Umlauff in Hamburg, K. F. Heyne, Lomer in Leipzig, Lenders in den USA.

„In der Sammlung des Karl-May-Museums gehe ich auf“, beschrieb Hermann Dengler voller Enthusiasmus seine Aufgabe. „Ich lebe zwischen den Kulturgütern meiner roten Freunde, wirke für sie, wirke für die gesamte rote Rasse auf dem Grundstück des Mannes, der wohl das meiste dazu beigetragen hat, Sinn und menschliches Verständnis für fremde Völker und besonders die Indianer in mir zu wecken“[18].

   
Ein Wild-West-Blockhaus entsteht

Während der wissenschaftliche Vorlauf für das zukünftige Indianer-Museum in Radebeul beizeiten erarbeitet wurde, ließ die praktische Umsetzung auf sich warten. Das betraf sowohl das Blockhaus als auch den gesonderten Ausstellungsraum. Über beide Standorte gab es lange Zeit auseinanderlaufende Meinungen. Frau May favorisierte - Juni/Juli 1925 - den über der Straße liegenden ehemaligen Obstgarten. „Was das Blockhaus anbelangt“, äußerte sich Patty Frank im August 1925, „so komme auch ich langsam zu der Überzeugung, daß man wohl das Blockhaus mit dem Museum verbinden müßte, denn in der Villa ist unmöglich Platz dafür. Das war ja schon 'mal Frau Mays Idee. Darin wäre es am besten, man baut alles zusammen auf dem Grundstück vis à vis“[19].

Für die Unterbringung der Sammlungsobjekte wollte Frank einen gesonderten, größeren Raum vorsehen, ausgestattet mit Oberlichtfenstern wie im Stuttgarter Linden-Museum. Dafür freilich sollte sich zunächst keine Lösung finden. Denn das Wild-West-Blockhaus war als Wohn-, nicht als Museumsgebäude konzipiert.

Zwei einheimische Architekten, die Herren Czopka und Rometzsch, stritten um die Gunst Patty Franks und legten ihm erste Entwürfe für sein künftiges Heim vor. Diese stellten jedoch eher treudeutsche Landhäuser als eine nordamerikanische Blockhütte dar. Frank mußte mehrfach korrigierend eingreifen, bis schließlich Max Czopka aus Radebeul mit seinem allerletzten Entwurf vom 11. Mai 1926 als Sieger aus dem Architektenwettstreit hervorging. Das Projekt wurde vom Stadtrat Radebeul am 17./20. Mai 1926 bedingt genehmigt. Es sah ein Blockhaus mit vier Kellerräumen vor, darunter - Pattys Wunsch folgend - einen Zechkeller, im Erdgeschoß Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Bad und einen originalen Wild-West-Raum. Dieser sollte die Attraktion des Hauses sein, stilgerecht mit Holzbohlen ausgekleidet und mit einem Kamin und - einer Falltür ausgestattet. Im Dachgeschoß würden zwei Fremdenzimmer und eine Bodenkammer Platz finden. Eine Frage blieb freilich unbeantwortet: Wo eigentlich sollte die Indianersammlung ausgestellt werden?

Einem Radebeuler Handwerker, dem Zimmermeister Hermann Hummig, übertrug Klara May den Blockhausbau. Bereits am 7. Mai 1926 wurde der Grundstein gelegt, Richtfest feierte man am 19. Juni 1926. Gärtnerische Arbeiten und Anpflanzungen erledigte die Firma Großbaumschulen Paul Hauberer, Dresden-Tolkewitz. Im November 1926 konnte Patty Frank seinen Wigwam beziehen.

Bei den Bauunterlagen befindet sich ein von Czopka am 29. September 1926 ausgefertigter, niemals realisierter Plan, wonach zwei Zimmer im Obergeschoß der Villa „Shatterhand“ und ein Veranda-Aufbau für die Indianerausstellung genutzt werden sollten, mit einer Ausstellungsfläche von insgesamt 63 qm.

   
„Ich möchte den Lesern Karl Mays Freude machen“

Es ist verständlich, daß die Übernahme einer so bedeutenden ethnographischen Sammlung vertraglicher Regelungen bedurfte. Ein Rechtsanwalt, der im Auftrag des Karl-May-Verlages seit Sommer 1925 mit der Textformulierung befaßt war, forderte dazu ein genaues Verzeichnis der Sammlungsgegenstände. Dieses Verlangen überforderte Patty Frank sichtlich, denn hierzu war wissenschaftliche Akribie nötig. Selbst über die Anzahl seiner Objekte war sich Patty nicht im klaren. „Im ganzen werden es 450 bis 500 Stück sein“, teilte er August 1925 brieflich mit[19]. „Es ist dies eine der größten Indianer-Privatsammlungen, die es gibt, und in Deutschland gibt es nur zwei Museen (Anm.: in Berlin und Stuttgart), die über größere Sammlungen Nordamerikas verfügen. Alle anderen haben von Nordamerika keine 50-60 Stück, siehe das Dresdner Museum.“

Da Dengler im Völkerkundemuseum Stuttgart mit der Katalogisierung noch längst nicht fertig war, konnte Frank im Dezember 1925 lediglich aus dem Gedächtnis die gewünschte Aufstellung vornehmen. Über 100 Fotos dienten ihm als Richtschnur. Außer indianischen Objekten listete er noch Ethnographica aus Afrika, China, Japan und der Südsee sowie „Curiositäten aus aller Herren Länder“ auf.

Mit Zustimmung der Karl-May-Stiftung wurde der Vertrag zwischen Klara May und Patty Frank am 30. Januar 1926 besiegelt. Er sah die Übereignung von Franks Sammlungen im Schätzwert von 30 000 RM an Frau May vor. Als Gegenleistung verpflichtete sie sich, für Patty Frank ein Blockhaus zu errichten und ihm darin lebenslanges unentgeltliches Wohnrecht einzuräumen. Außerdem erhielt Frank auf Lebenszeit eine Rente von monatlich 300 Goldmark zugesichert.

Zuletzt hatte Klara May von ihrem Rechtsberater, Dr. Erich Wulffen, juristischen Rat erbeten. Ihr Schreiben ist bemerkenswert, weil sie darin auf ihre schätzenswerten Beweggründe eingeht. „Sie dürfen bitte nicht außer Acht lassen“, schrieb sie am 24. Januar 1926 [20], „daß es sich um die Erwerbung einer bedeutenden Indianersammlung handelt, die einen Wert von über 100 000 M hat ... Das Ganze ist eine Illustration zu Mays Werken ... Weil die Museen kein Geld haben, derartige Sammlungen jetzt zu kaufen, deshalb habe ich die Möglichkeit (wahrgenommen), in einer Art Abzahlung die Sachen zu erwerben ... Ich möchte den Lesern Freude machen und die Phantasie, die May anzuregen wußte, durch die Sammlung eines seiner Leser in die Wirklichkeit hinüberleiten. Ich sah seiner Zeit in Amerika die wundervollen alten Indianerarbeiten, weiß, wie selten, ja fast unerreichbar sie sind, weil das Verständnis für diese eigenartige Kultur lange Zeit schlummerte. Ich bin überzeugt, lange nach meinem Tod wird man mir meinen Entschluß danken, denn ich weiß, wie arm die deutschen Museen an solchen Sachen sind.“

Am 26. Januar 1926 schloß Klara May einen Erbvertrag ab, der im engen Zusammenhang mit dem Erwerb der Sammlung Patty Frank zu sehen ist. Darin setzte sie die Karl-May-Stiftung, die nach Klara Mays Ableben die Villa und das Blockhaus samt Inventar und Sammlung übereignet bekommen würde, auch zum Erben ihres persönlichen Vermögens ein. Sie verband damit die Auflage, „die Villa Shatterhand und die dazugehörigen Liegenschaften und Sammlungen im Sinne von Karl Mays literarischen Schöpfungen zu einem Karl-May-Museum ... auszubauen.“

   
Erste Besucher in der „Villa Bärenfett“

Zunächst gab es noch kein Museum, sondern nur eine von Patty Frank bewohnte Blockhütte, die noch nicht einmal einen Namen hatte. Passend fand man schließlich „Villa Bärenfett“. In Karl Mays Werken schwärmt der Westmann Hobble Frank aus dem sächsischen Moritzburg von einer Villa am Strand der Elbe. In Mays Erzählung „Der Ölprinz“ (1893/94) wird zum ersten Mal der Name dieser Behausung genannt: Villa Bärenfett. Daß unser Blockhaus gleichen Namens in Radebeul eine getreue Nachbildung aus Mays Erzählung „Der Sohn des Bärenjägers“ („Unter Geiern“) sei - diese hübsche, oft kolportierte Version hat sich allerdings als unhaltbar erwiesen[2l]. Nach seinem Einzug im Spätherbst 1926 wurde der neue Blockhausbewohner freilich nicht müde, seinen Gästen zu erzählen, daß alles wie bei Karl May sei - nur daß nicht der Hobble Frank, sondern der Patty Frank die „Villa Bärenfett“ bewohne ... Und über Mangel an Besuchern konnte er sich wahrlich nicht beklagen. Der gern in Cowboy-Tracht auftretende Patty Frank und sein amerikanisches Blockhaus an der Elbe in Sachsen das war eine Novität in deutschen Landen, die viele Neugierige anlockte.

Erste Presseberichte und Fotos, die im Februar 1927 erschienen, schürten diese Neugier auf jenes originelle Stückchen Wild-West, dessen sich Radebeul von nun an rühmen konnte: „.. Plötzlich taucht zwischen hohen Tannen ein aus roh behauenen Stämmen zusammengefügtes Blockhaus auf. Wir schlagen mit dem eisernen Türklopfer dreimal an die Bohlentür, und eine übermuskulöse, sehnige Gestalt tat uns mit herzhaftem Indianergruß auf ... Patty Frank führte mit Stolz durch die einzelnen Räume, zeigt seine Sammlung indianischer Waffen und Kleider. An einer Wand prunkt die Skalpsammlung Franks, die mehr Skalpe zeigt als sämtliche deutsche Museen zusammen besitzen. Auf Tischen und in Ecken drängen sich ganze Stapel von bemalten Tierfellen, Waffen und indianischen Kriegsinsignien“[22].

Mit seinen Gästen plauderte Patty Frank im Wild-West-Raum vor prasselndem Kaminfeuer und ließ das Calumet und zu besonderen Anlässen eine Flasche Feuerwasser kreisen. Bärenfelle, über Holzklötze ausgebreitet, sorgten für anheimelnde Stimmung. An den Wänden präsentierten sich Jagdtrophäen, darunter ein mächtiger Bisonkopf, Tomahawks, Pfeil und Bogen, Messer, indianische Flecht- und Webarbeiten, Perlstickereien. Über den Kamin hatte er Pferdehaarskalpe wie Fledermäuse aneinandergereiht. Freilich, all diese indianischen Sammlungsstücke waren noch nicht geordnet, nicht sachkundig zusammengestellt. Aus dem Radebeuler Trapperheim war noch längst kein öffentliches Museum geworden.

Auf der Suche nach geeigneten Museumsräumlichkeiten strich ein Jahr ergebnislos dahin. Erst dann setzte sich die Überzeugung durch, daß ein Anbau ans Blockhaus die Sammlung aufnehmen müsse. Januar 1928 beantragte Klara May den Erweiterungsbau beim Rat der Stadt Radebeul. Nach Fertigstellung durch eine ortsansässige Baufirma konnte der neuhinzugewonnene 63,7 qm messende Raum ab August 1928 als Museum eingerichtet werden. Offizieller Eröffnungstermin: 1. Dezember 1928. Bei einer Vorbesichtigung Anfang November hatte sich der sächsische Kultusminister Dr. Kaiser in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der Karl-May-Stiftung anerkennend über das dem Andenken des Schriftstellers gewidmete Museum ausgesprochen.

  
Die Eröffnung des Karl-May-Museums

In- und ausländischen Pressevertretern wurde das neue Karl-May-Museum am 17. November 1928 vorgestellt. Zu besichtigen gab es einen größeren, mit einem Oberlichtfenster versehenen Raum, der von Hermann Dengler unter ethnologischen und museologischen Gesichtspunkten ausgestaltet worden war.

„In Glasschränken und überglasten langen Schautischen liegt die indianische Kultur erschlossen“, informierte das Radebeuler Tageblatt. „Indianertrachten in vielen einzelnen und seltenen Stücken, indianische Gebrauchsgegenstände, Kriegsschmuck, Lanzen, Bogen, Pfeile, herrlich befiederte Kriegsmützen, Schilde, Tomahawks usw., ferner eine kostbare Sammlung von Pfeifen und Tabaksbeuteln, Rasseln und Signalpfeifen, kultische Gegenstände und vor allem die Skalpsammlung, die in ihrem Wert unschätzbar ist ...“[23]

Beim Rundgang durch das neue Museum gab Hermann Dengler fachkundige Erläuterungen. Berichten zufolge soll Dengler bei diesen Führungen manch unrichtige landläufige Ansicht über die Indianer korrigiert haben. An sich bot der Ausstellungsraum von 4,9 m x 13,0 m = 63,7 Quadratmetern wenig Spielraum für Ausstellungsobjekte und Besucher. Dennoch hatte man eine Raumteilung und dadurch einen Rundgang durch sechs in der Raummitte aneinandergereihte Vitrinenschränke geschaffen. 10 Wand- und 9 Pultvitrinen gehörten außerdem zum Inventar. Hinzu kamen drei hohe Einzelvitrinen, die eine besondere Attraktion darboten: Indianer hinter Glas. Es handelte sich um drei in Lebensgröße modellierte Figuren eines Apachekriegers, eines Irokesenhäuptlings und einer Schwarzfußfrau, ausgestattet mit originalen Kleidungsstücken, Waffen, Gebrauchsgegenständen.

Der Rundgang begann bei einer Wandvitrine, die die vollständige Ausrüstung eines Prärieindianers zeigte. Dazu gehörte das Skalphemd aus Karl Mays Sammlung. Einige Jahre später, 1933, sollten diese Gegenstände die neugeschaffene Figur des Sioux-Häuptlings zieren.

Dengler bemühte sich, auf historisch wertvolle Stücke und deren Eigenart aufmerksam zu machen. Wer wußte schon, daß man mit Pfeil und Bogen einen Bison glatt durchlöchern und auch das Tier daneben tödlich treffen konnte? Als Besonderheit wußte Dengler den Irokesenhäuptling herauszustellen. Dessen Kleidungsstücke und Waffen stammen aus der Zeit, als die Franzosen mit verbündeten Indianern 1755-62 gegen die Engländer Krieg führten. Am Beispiel des Wampumgürtels, den der Irokese in der Hand hält, versuchte Dengler nachzuweisen, daß dieses Stück tatsächlich einmal, wie es seine Funktion ist, als Kriegserklärung gedient habe. Mit berechtigtem Stolz stellte Dengler bei seinen Führungen fest, daß nur die besten Stücke aus den Sammlungen Karl und Klara Mays und Patty Franks ausgestellt sind - jene nämlich, deren Echtheit und Herkunft sich haben nachweisen lassen. Daß genügend Nachahmungen auf dem Markt wären, erläuterte Dengler an Hand der ausgestellten Erzeugnisse einer florierenden Fremdenindustrie.

Führungen durch die Indianerausstellung sind in den Anfangsjahren ausschließlich von Dengler gemacht worden. Nur im Verhinderungsfall pflegte Patty Frank einzuspringen, glänzte dann weniger durch fachliche Ausführungen als vielmehr durch seine humorvolle, anekdotenhafte Erzählweise und die Originalität seiner Persönlichkeit.

„Das Museum ist eine lebendige, unübertroffene Illustrierung zu Karl Mays Schriften, von einem kulturellen Wert, der nicht annähernd zahlenmäßig ausgedrückt werden kann“, resümierte das Radebeuler Tageblatt. „Hierin liegt auch die Bedeutung des Museums für unsere Stadt, die damit in ihren Mauern eine Kostbarkeit umschließt, wie sie nirgends in der Welt, auch nicht in den großen amerikanischen Museen, in solcher Seltenheit und Echtheit vorhanden ist[23]. Bezüglich der letzten Aussage kann man geteilter Meinung sein.

Bei aller Begeisterung über das museale Kleinod ließ sich eines nicht übersehen: Das neue Museum war keinesfalls eine Gedenkstätte für seinen Namensträger. Das Karl-May-Museum des Jahres 1928, das die Villa „Shatterhand“ nicht mit einbezog, zeigte keine literarisch-biographische, sondern eine rein völkerkundliche Ausstellung.

  
Nordamerikareise 1930

Es ist das Verdienst von Klara May, die ethnographischen Bestände des Karl-May-Museums auch nach dessen Eröffnung mit wertvollen, zum Teil einmaligen Neuerwerbungen laufend ergänzt zu haben. Ertragreich in dieser Hinsicht war vor allem eine Reise durch die Vereinigten Staaten, die Frau May mit dem befreundeten Ehepaar Lucie und Richard Lieberknecht vom 27. August bis 18. Oktober 1930 unternahm. Stationen und Ergebnisse dieser Reise zu den Indianergebieten Nordamerikas hat Klara May in einem Reisetagebuch[24] und in ihrer Publikation „Mit Karl May durch Amerika“[25] niedergelegt.

Über New York und Chicago reisend, traf sie am 8. September 1930 in Mandan bei Bismarck am Missouri (Staat North Dakota) auf die ersten Indianer: Einen 20minütigen Aufenthalt der Burlington North Pacific Railroad nutzte sie, um mit einer Gruppe Indianer auf dem Bahnhof ins Gespräch zu kommen und eine indianische Handtrommel, für drei Dollar zu erwerben. Dann setzte Klara May ihre Fahrt fort, den Yellowstone River entlang über Livingstone bis Gardiner, dem nördlichen Einfallstor zum Yellowstone Nationalpark in Wyoming. Ausflüge per Auto unternahm sie zur Geysirlandschaft des Nationalparks und in die Windriver-Berge, wo man Winnetous „Grab“ suchte.

Eine dieser Fahrten führte Klara May am 11. September nach Cody (Wyoming), wo das Buffalo-Bill-Museum besucht wurde. In einem Store für alte Indianersachen kaufte sie 1 Chief Blanket (Tanzdecke) für 250 Dollar, 1 Sioux War Sonnet (Federhaube) mit weißen Adlerfedern für 100 Dollar, 1 indianisches Skalphemd für 100 Dollar und 1 Halskette für 45 Dollar. Einen Shoshonen-Korb schenkte ihr die Ladenbesitzerin dazu. Auch mit einem Büffelkopf liebäugelte Klara May, doch schreckte sie dessen Preis ab: 500 Dollar[24].

Von Cody fuhren Klara May und Lieberknechts weiter zum Custer Battle Field, das sie bereits von fern durch zahlreiche Grabkreuze ausmachten. Der Zug hielt extra dort: Zugeständnis an den Fremdenverkehr. Weiter ging die Eisenbahnfahrt über Cheyenne (Staat Wyoming), Denver und Colorado Springs (Staat Colorado) nach Las Vegas, Santa Fe und den Nachbarort Lamy (Staat New Mexico). Ausflüge in die Umgebung brachten Klara May zu alten Indianerdörfern und Felswohnungen und schließlich nach der für seine indianischen Töpferwaren bekannten Ortschaft Santa Clara sowie zur Pueblo-Siedlung El Taos (15./16. September 1930). Dort kaufte Frau May weitere „wundervolle Indianersachen, billiger als in Cody, vor allen Dingen die alte bemalte Büffelhaut (Old Buffalo Robe painted)“, die nach ihren Aufzeichnungen 10 000 Dollar wert sei, für nur 100 Dollar[24]. Auf dieser Bisondecke aus dem Jahre 1876 (alte Signatur: 170-1204) ist eine Kampfszene festgehalten: Dakota-Indianer verfolgen zu Pferde berittene gegnerische Indianer.

Von Taos ging es den Rio Grande entlang zurück nach Santa Fe und weiter über Albuquerque und Gallup nach Holbrook im Staate Arizona. Dort traf Frau May mit dem Händler und Unternehmer Julius Wetzler zusammen, gebürtig aus Frankfurt/Main, der seine Landsleute zu Fahrten mit seinem Auto einlud. Dank Wetzlers Vermittlung hatte Klara May bereits früher mehrere indianische Exponate für das Karl-May-Museum ankaufen können.

Von Holbrook und dem benachbarten Winslow aus unternahmen Wetzler, Klara May und die Lieberknechts Mehrtagesausflüge zum Grand Canyon, zur Hopi-, Navajo- und Zuñi Indian Reservation und zum Petrified Forest Nationalpark („Versteinerter Wald“). Von dort aus ging es über Saint Johns und Springerville zur Fort Apache Indian Reservation. Klara May hat von ihrer Nordamerikareise mehrere lederne Bekleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände der Apache-Indianer mitgebracht.

Zurückgekehrt nach Winslow, setzte man die Reise über die Stationen Flagstaff - Los Angeles (mit Besuch des Indianermuseums) - San Francisco in Californien fort, mit der Bahn und dem Auto. Zur Ostküste zurück benutzte man die transkontinentale Eisenbahn: San Francisco - Salt Lake City (Staat Utah) – Niagara-Fälle - New York und Washington. In der Bundeshauptstadt standen für Klara May der Besuch des Nationalmuseums (Indianer-Sammlung) und des Weißen Hauses auf dem Programm, wo sie von Präsident Herbert C. Hoover empfangen wurde.

An sich hatte Klara May auch eine Fahrt in die Pine Ridge Reservation in South Dakota geplant. Dort lebte damals Jack Red Cloud, der Sohn des 1909 verstorbenen Red Cloud. In Karl Mays Indianersammlung befindet sich ein mit Perlstickereien geschmückter Knabenanzug, der aus dem Familienbesitz des Häuptlings „Rote Wolke“ stammen soll. Aber dieser Teil ihres Reiseplanes ließ sich nicht realisieren: „Zu weit“ schrieb Klara May in ihr Reisetagebuch. Ebenso mußte sie auf den vorgesehenen Besuch des Malers und Sammlers E.W. Lenders in Oklahoma City und Tulsa verzichten.

Insgesamt hat Klara May von ihrer USA-Reise 192 indianische Sammlungsobjekte mitgebracht und dafür in summa 1757,55 Dollar bezahlt - der Dollar zu 4,20 Reichsmark.

Auch später konnte sie für das Karl-May-Museum bedeutende Sammlungsstücke in Besitz bringen: Dezember 1928 sandte ihr Wetzler einen Apache-Hochzeitskorb und vier prähistorische indianische Tongefäße. Von Fr. Harvey aus Albuquerque erhielt sie 1931 den großen Totempfahl für 100 Dollar sowie aus Taos 1 Trommel, 1 Decke und 1 Medizinbündel für zusammen 300 Dollar. Aufkäufe aus den Sammlungen Klubach, Vittorio Güttner und Elk Eber, beide München, und Geschenke von Lucie Lieberknecht - 1 Indianerdecke und 1 Toternpfahl - kamen hinzu. Belege für derartige Ankäufe und Erwerbungen datieren bis ins Jahr 1942.

Ethnographisch wertvolle Objekte der nördlichen Athapasken-Indianer und einiger Eskimostämme umfaßte eine Schenkung, die Frau Neubert-Harkort aus Elberfeld im Sommer 1936 dem Karl-May-Museum machte: Die Sammlung stammte aus dem Besitz ihres Mannes, des Naturforschers Dr. Carl Peter Harkort (1859-1927), die dieser auf einer Forschungsreise zusammengetragen hatte. Im Auftrag der US-Regierung vermaß Harkort seinerzeit die Grenze zwischen Alaska und Kanada[26]. -

Um einen Überblick über den Bestand des Museums an indianischen Gegenständen zu gewinnen, muß eine 1956 erfolgte Inventarisierung herangezogen werden[27]. Danach hat das Karl-May-Museum insgesamt 1914 Objekte indianischer Herkunft besessen. 109 sind durch Auslagerung, Wanderausstellungen, Leihgaben, Kriegswirren in Verlust geraten und nicht mehr nachweisbar, so daß ein Realbestand von 1805 Objekten zu Buche steht. Patty Franks Sammlungsanteil von maximal 540 Gegenständen[28] macht stückzahlmäßig 30 Prozent aus, dürfte wertmäßig indessen höher zu veranschlagen sein.

  
Ausstellungsneugestaltungen und Besucherzahlen

Bedingt durch jene umfangreichen Neuerwerbungen, platzte das Radebeuler Museum binnen drei Jahren sprichwörtlich aus allen Nähten. Es wurde versucht, den Wild-West-Raum (29 qm) museal stärker zu nutzen, ohne freilich der Überfüllung des eigentlichen, nur 64 qm messenden Museumsraumes Einhalt gebieten zu können. Eine Fachzeitschrift verteilte 1931 zwar Lob: „Daß man sich Hermann Dengler aussuchte, um die Sammlungen ... aufzustellen, sicherte dem Unternehmen wissenschaftliche Bedeutung ...“ Im gleichen Atemzug wurde jedoch bemängelt, der einzige Ausstellungsraum sei, „schon viel zu klein geworden, als daß die vielen Seltenheiten in das richtige Licht gestellt werden könnten. So mußte z.B. ein prachtvolles Rindenkanu oben auf einem Schrank untergebracht werden, und in vielen Spinden hängen die Gegenstände zu dicht aneinander“[29].

Auftragsgemäß legte Architekt Czopka bereits Anfang 1931 Pläne für einen zweiten Erweiterungsbau der „Villa Bärenfett“ vor. Aber das Projekt verzögerte sich. Realisiert wurden lediglich einige von Patty Franks Privatwünschen: die Goldgräberbar (Saloon „Zum grinsenden Präriehund“) in einem Nebenraum und eine „Schwarzbrennerei“ im Kellergewölbe des Blockhauses.

Als das Karl-May-Museum im Dezember 1933 auf sein 5jähriges Bestehen zurückblicken konnte, verfügte es immer noch nicht über zusätzliche Ausstellungsfläche. Die Zahl seiner Exponate aber hatte sich beträchtlich vermehrt und trug zu einer beängstigenden Überfüllung bei. Gesellschaft hatten die drei lebensgroßen Indianerfiguren (Irokese, Apache, Schwarzfußindianerin) bekommen: einen Tlingit, einen Comanche und den heute noch am meisten bewunderten Sioux-Häuptling, der seitdem das von Old Shatterhand 1908 „erbeutete“ Skalphemd trägt.

Eine Ursache, weshalb sich der geplante Erweiterungsbau hinzögerte, ist möglicherweise in Differenzen über die damit zwangsläufig verbundene Ausstellungsneugestaltung zu suchen. Dengler beharrte auf seiner ethnologisch einheitlichen, museologisch orientierten Konzeption, während Patty Frank und Klara May einer wissenschaftlich begründeten Präsentation nicht allzuviel Geschmack abgewinnen konnten. So kam es zur Trennung. Für die in Aussicht genommenen Umgestaltungspläne stand Dengler nicht mehr zur Verfügung: ein Verlust. Zuvor zeitweise vom Archiv für urgeschichtliche Funde in Sachsen bei Ausgrabungen beschäftigt, hatte Dengler erst Ende 1928 eine feste Anstellung im Dresdner Staatlichen Museum für Mineralogie, Geologie und Vorgeschichte gefunden, und zwar als wissenschaftlicher Zeichner für frühgeschichtliche Funde. Ein fast fertiggestelltes Manuskript mit zahlreichen Abbildungen zur Geschichte und Kultur der Indianer Nordamerikas, woran er bis zuletzt arbeitete, ging durch Kriegswirren verloren.

Am 19. Januar 1936 feierte Patty Frank seinen 60. Geburtstag und empfing Glückwünsche und Gäste aus aller Welt. Zirkusdirektor Hans Stosch-Sarrasani jun. (1897-1941) ließ sich sehen und seine argentinische Militärkapelle vor dem Blockhaus aufmarschieren. Elk Eber, ein Kunstmaler, stellte sein Indianergemälde „Heimkehr von der Schlacht“ vor, das für das Karl-May-Museum bestimmt war. Old Patty erläuterte die neuen Baupläne für die „Villa Bärenfett“ und verwies stolz auf die immer reichhaltiger werdende Sammlung: 19 Skalpe. Es sei dies die weltweit umfassendste Kollektion. Alle anderen Museen brächten es nur auf insgesamt 12 Stück.

Der Umbau des Gebäudes bedingte die Schließung des Museums im Monat Juni 1936. Danach wurde der ursprüngliche Museums- und der Wild-West-Raum für das Publikum wieder zugängig. Alle neugeschaffenen Räumlichkeiten blieben bis zum Februar 1937 gesperrt. Da sich 1936 die historische Indianerschlacht am Little Bighorn zum 60. Mal jährte, eröffnete das Museum in den Sommermonaten eine Sonderausstellung. Mit Dokumenten des U.S. War Departements sowie des Kommandanten von Fort Bliss (Texas) und eigenen Beständen ließ Patty Frank eine Informationsschau zusammenstellen, die an das Leben und Schicksal des US-Generals Custer erinnern sollte.

Zur Eröffnung des umgestalteten Museums wurde die Dresdner Presse am 19. Februar 1937 in die „Villa Bärenfett“ geladen, und man war allgemein von den attraktiven Neuheiten überrascht: Wildwest in Sachsen. Bereits äußerlich hatte das Blockhaus durch einen überdachten Vorbau mit einer Pferdetränke und einem Außenkamin hinzugewonnen. Zusätzlich zum alten Museumsraum von 64 qm waren zwei neue Räumlichkeiten von 9 m x 13 m = 117 qm und 4,4 m x 9 m = 40 qm Grundfläche geschaffen worden. Ein bisher von Patty Frank genutztes Zimmer von 15 qm wurde für das neue Diorama verwendet, so daß sich die Ausstellungsgrundfläche von 64 qm auf insgesamt 236 qm erweiterte, jeweils ohne Einbeziehung des 29 qm großen Wild-West-Raumes. Seine Wohnung verlegte Patty Frank ins Obergeschoß.

Damit wurde reichlich Platz für die Ausstellung selbst geschaffen. Allerdings gab man einer Präsentation „nach Gattung und Art“ den Vorzug vor der früher nach Stämmen aufgegliederten Konzeption Denglers. Das führte zu einem ethnologisch wenig tragfähigen Ordnungsprinzip mit folgenden Schwerpunkten:

Das Haus / Die Frau / Der Mann / Das Kind / Kopfbedeckungen / Medizin / Schuhe (Mokassins) / Sattelzeug / Schmuck / Indianische Musikinstrumente / Tabakspfeifen (Calumets) / Tomahawks / Kitsch (Erzeugnisse Fremdenindustrie) / Der Osten / Der hohe Norden / Der Südwesten / Der Nordwesten / Kalifornien u.a.m.

Als Neuheit fesselte jeden Besucher zuallererst das prächtige Diorama. Es setzt sich zusammen aus einem Wandgemälde, das die siegreiche Rückkehr berittener Sioux zeigt, und den im Vordergrund postierten lebensgroßen drei Figuren: Häuptling American Horse in Originalkleidung, eine Squaw und ihr Kind.

Für den kleineren der neueren Räume, der 40 qm mißt, hatte man sich zu Ehren des bevorstehenden 25. Todestages des Schriftstellers (30. März 1937) etwas Besonderes ausgedacht: einen Karl-May-Gedächtnisraum, bestückt mit biographischen und literarischen Ausstellungsobjekten. In den Folgejahren kamen dazu noch von Karl und Klara May gesammelte ethnographische Gegenstände aus dem Orient, Afrika und Ostasien. So sehr man sich mit den Gedanken anfreunden kann, daß ein Karl-May-Museum letztlich etwas über Leben und Werk jenes Schriftstellers bringen muß, dessen Namen es trägt, so wenig dienlich war diese Entscheidung für die museale Gesamtkonzeption der „Villa Bärenfett“. Zumal diese nichtständige Ausstellung zu Ehren Karl Mays häufigem Wechsel unterzogen war, wie beispielsweise 1942, anläßlich des 100. Geburtstages des Schriftstellers.

Weitere neue Schaustücke wurden 1938 gezeigt, anläßlich des 10jährigen Museumsjubiläums. Dazu zählen das Großgemälde „Indianerschlacht am Little Bighorn“, das 1944 durch zwei Bilder zur gleichen Thematik zu einem Triptychon ergänzt wurde. Anfang 1944 erhielten die lebensgroßen Indianerdarstellungen Zuwachs in Gestalt eines Medizinmannes der Schoschonen, eines Schwarzfußindianers in Wintertracht, eines Waldläufers und einer Prärieindianerfamilie. Alle diese Figuren waren wiederum mit originalen Kleidungsstücken bzw. Ausrüstungsgegenständen versehen.

Mitte der fünfziger Jahre wurde eine Ausstellungsneuorientierung aktuell. Es galt, zu einer klaren Ausstellungslinie zurückzufinden, entsprechend dem Sammlungsprofil und der Funktion des Museums. Auswärtige Besucher hatten die Indianerausstellung zuletzt als „chaotisch“ bezeichnet [30], ob in jedem Fall berechtigt, bleibt dahingestellt. Nach neuen Vorstellungen sollte für Gegenstände außerhalb Nordamerikas kein Platz mehr sein. Auch die bis zuletzt von Patty Frank favorisierten Erinnerungsstücke an General Custer und den Wild-West- und Zirkushelden Buffalo Bill mußten stark eingeschränkt werden. Mit der wissenschaftlichen Neuorientierung wurde 1955 der Ethnologe Dr. Peter Neumann (1928-1989), Leiter der Amerika-Abteilung und späterer Direktor des Völkerkundemuseums Dresden beauftragt in dessen Depot Objekte des Karl-May-Museums verwahrt werden.

Patty Frank erlebte die Neugestaltung nicht mehr. Er verstarb 1959 im 84. Lebensjahr. Zuletzt hatte er sich intensiv zwei Buchvorhaben gewidmet, die seinen Namen als Verfasser tragen und von seiner unverbrüchlichen Liebe zur roten Rasse zeugen: „Wilder Westen. Leben und Sterben der Indianer Nordamerikas“, Wien und Heidelberg 1951; „Die Indianerschlacht am Little Bighorn“, Berlin 1957.

Am 1. Mai 1962 wurde die neue, von Dr. Neumann zu verantwortende Ausstellungsgestaltung im Blockhaus „Villa Bärenfett“ vorgestellt, das seinen Namen beibehielt. Dieser Hinweis ist keineswegs abwegig, denn seit 1956 gab es kein „Karl-May-Museum“ mehr, sondern nur noch das „Indianer-Museum der Karl-May-Stiftung“. Aus seinem Bestand von 1800 indianischen Objekten zeigt das Museum seitdem rund 850 Exponate, gegliedert nach den Gruppen:

Vorkolumbische Zeit / Athapasken in Alaska / Indianer der Nordwestküste / Indianer Kaliforniens / Pueblo-Indianer / Indianer des Östlichen Waldlandes / Prärie-Indianer / Fremdenindustrie / Freiheitskampf und Geistertanzbewegung.

Diese Ausstellungskonzeption wurde bei nachfolgenden Modernisierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen der ethnologischen Schauräume prinzipiell beibehalten. Sie fanden ihren vorläufigen Abschluß mit der Neueröffnung des seit 1984 wieder so heißenden „Karl-May-Museums“ im Februar 1985. Modern und besucherfreundlich stellte sich nunmehr die Ausstellung „Indianer Nordamerikas“ in der „Villa Bärenfett“ vor. In der Villa „Shatterhand“, dem Wohnhaus des Schriftstellers, wird seit Februar 1985 die lange Zeit vermißte biographisch-literarische Exposition „Karl May - Leben und Werk“ gezeigt.

Nicht nur für Statistiken ist die Entwicklung des Besucherverkehrs eines Museums interessant. Zählte man 1929, im ersten Jahr des Bestehens des Karl-May-Museums, 2600 Gäste, deren Anzahl in den Vorkriegsjahren mit 14 500 (1943) ihren Höhepunkt erreichte, so stieg diese nach 1945 weiter an. Eine Ursache lag sicherlich in der schrittweisen Erweiterung der Öffnungszeiten bis zur heute täglichen Besuchszeit begründet. Ursprünglich war das Karl-May-Museum Dienstag, Freitag und Sonntag von 10 bis 13 Uhr geöffnet und jedesmal im Januar geschlossen.

Im Jahre 1965 wurde erstmals die Zahl von 100 000 Gästen überschritten, und 1985, als die Karl-May-Ausstellung hinzukam, verzeichnete das Museum die bisherige Rekordzahl von jährlich 356 900 Besuchern. Insgesamt zählte das 1928 eröffnete Museum bislang über 6,5 Millionen Gäste aus aller Welt (Stand 1990).

  
Künstler am Werk

Museale Objekte aus dem Lebens- und Kulturkreis der Indianer des 18. und 19. Jahrhunderts, wie sie das Karl-May-Museum sein eigen nennt, bestechen durch traditionelle kunsthandwerkliche und künstlerische Leistungen der nordamerikanischen Indianer. Auch europäische Künstler, vornehmlich deutsche, haben ihre Talente in den Dienst der indianischen Kultur gestellt. Glücklicherweise verfügt das Karl-May-Museum in seinem Fundus über solche Exponate zeitgenössischen in- und ausländischen Kunstschaffens. Da es sich vielfach um Auftragsarbeiten handelt, sind Beziehungen zwischen der Geschichte des Karl-May-Museums, seiner indianischen Sammlungsbestände bzw. Ausstellungen und zeitgenössischen Künstlern nachweisbar.

Wie historische Fotos belegen, besaß Karl May von dem Bildhauer und PorzellankünstIer Professor Erich Hösel (1869-1953) einige Indianerplastiken, darunter die Gruppe „Nordamerika“, 1907: Ein berittener Indianer mit wallender Federschleppe erlegt mit seinem Speer einen Büffel. Wir gehen kaum fehl in der Annahme, daß sich die Lebensläufe von Karl May und Hösel gekreuzt und sich beide in ihrem Schaffen zeitweise gefördert haben.

Wie May stammt Hösel aus dem sächsischen Erzgebirge. Er studierte an der Dresdner Kunstakademie, lehrte anschließend an der Kunstakademie Kassel, bevor er sich in Meißen (Sachsen) niederließ, wo er am 1. April 1903 zum Vorsteher der Gestaltungsabteilung der Meißner Porzellanmanufaktur berufen wurde. Studienreisen führten ihn 1898/99 in den Vorderen Orient (Kleinasien, Konstantinopel) und 1904 nach Nordamerika. Künstlerische Ausbeute dieser Fahrten waren Hösels figürliche Plastiken „Orientalische Studien“, „Türkenjunge“, „Türkenmädchen“ sowie seine 1907 entstandenen Indianer- und Tierfiguren „Nordamerika“, „Tanzender Indianer“ bzw. „Tanz des Medizinmannes“. In weißem, bemalten Meißner Porzellan ausgeformt, fanden diese ihre Käufer.

Das Karl-May-Museum besitzt die nordamerikanischen Arbeiten Hösels und darüber hinaus eine von ihm signierte Modellstudie dazu aus bemaltem Gips. Weiterhin existieren zwei Büsten von Dakota-Indianern, „nach dem Leben modelliert von Prof. E. Hösel, Meißen“, die seit 1928 ihre Heimstatt im Karl-May-Museum gefunden haben .

Vier Jahre früher als der Radebeuler Schriftsteller unternahm Erich Hösel seine USA-Reise. Im Auftrag der Porzellanmanufaktur besuchte er die Weltausstellung in St. Louis und hielt sich deshalb vom 25. August bis 18. Oktober 1904 in den Staaten auf. Im Gepäck führte er neben seiner Fotoausrüstung und dem Skizzenblock 80 Pfund Porzellan sowie - eine Winchester und reichlich Munition mit sich. Denn er hoffte auf den Spuren Old Shatterhands in den Rockies jagen zu können. New York - Buffalo - Niagara Fälle - Detroit - Chicago - St. Louis - Washington - Philadelphia - New York sind indessen die Stationen seiner Reise gewesen.

In St. Louis zur Weltausstellung hielt Hösel sich vorzugsweise im Indianerdorf auf, eine Fülle von exotischen Sujets mit Kamera und Zeichenstift festhaltend. Käuflich erwarb er mehrere indianische Sachen, darunter je einen kompletten Anzug für einen Indianer und dessen Squaw. Seinen Aufenthalt in Washington nutzte Hösel zum Besuch des National- und des Smithsonian-Museums, wo ihn die ausgestellten Indianergruppen und deren Kostümierung faszinierten. Eine reiche Informationsquelle fand er schließlich auch in New York, in der Indianerabteilung des Naturhistorischen Museums[31].

Zu jenen Künstlern, die Auftragswerke für das Karl-May-Museum geschaffen haben, gehören Vittorio Güttner, Elk Eber und Ernst Grämer.

Der aus Triest gebürtige Vittorio Güttner (1869-1937) wirkte als Bildhauer in München und modellierte 1928 jene ersten drei Indianerfiguren in Lebensgröße, die bei der Eröffnung des Karl-May-Museums vielbewundert wurden: den Irokesen, den Apachen und die Schwarzfuß-Indianerin. Frau May bezahlte ihm dafür insgesamt 1148 RM Honorar.

Selbst Kenner und Liebhaber, sammelte Güttner indianische Erzeugnisse. Lucie Lieberknecht vermittelte Klara May einiges, wovon sich Güttner trennte: 1 Comanche- und 1 Apache-Frauengewand, 1 Comanche-Tasche, 1 Schneemantel, 1 Calumet.

Im Auftrag Klara Mays schuf Güttner 1929 u.a. die Büsten der berühmten Indianerhäuptlinge Red Cloud und Sitting Bull (1834-1890), die seitdem zum Museumsinventar gehören, sowie eine bemalte Gipsplastik: Prärieindianer auf weidendem Mustang. 1933 erhielt das Museum seinen Tlingit-Häuptling. Auch die Figuren des Dioramas sind von Güttners Meisterhänden geformt: Sioux-Häuptling American Horse samt Squaw und Kind, 1936/37. Bei diesen seinen letzten Arbeiten überraschte ihn der Tod, so daß sie sein Sohn Bruno Güttner, der als Filmschauspieler bekannt wurde, vollenden mußte.

Ausgeprägter als bei V. Güttner paarten sich bei dessen Berufskollegen Elk Eber Sammelleidenschaft für indianische Kultur und eigenes künstlerisches Wirken. Elk Eber, eigentlich Emil Eber (1892-1941), bevorzugte wie Güttner die naturalistische Darstellung. Allerdings weisen seine Gemälde und Plastiken ausgeprägt dramatisch-kämpferische Akzente und heldische Posen auf. Seine Ausbildung genoß Elk Eber an der Kunstakademie in München, wo er auch lebte. Er besaß nach Patty Frank eine der wertvollsten privaten Indianersammlungen in Deutschland, die er auch der Öffentlichkeit vorstellte, z.B. 1940 als Sonderschau im Völkerkundemuseum München.

Im Besitz des Karl-May-Museums befinden sich mehrere Indianer-Bilder Elk Ebers, die zwischen 1927 und 1930 entstanden sind. Eine enge Zusammenarbeit, gekennzeichnet durch mehrere feste Aufträge, datiert aber erst seit 1930. Wer sich das Vergnügen und die Mühe macht, in den dickleibigen Gästebüchern des Museums zu blättern, findet darin Indianer-Skizzen von Elk Ebers Hand, die an seine Besuche im Radebeuler Wild-West-Blockhaus erinnern.

Im Auftrag Frau Mays restaurierte Elk Eber im September 1930 eine Indianer-Büste und bemalte sie neu, schuf 1932 Sitting Bull als Standfigur (bemalte Kleinplastik) und 1934 das Gemälde „Geistertanz“. Zwei jener 1933 im Museum neuaufgestellten lebensgroßen Indianerfiguren stammen aus Elk Ebers Atelier: der Sioux-Häuptling und der Comanche. 1935 schuf er das Gemälde „Heimkehr der Sioux-Indianer von der Schlacht“, das den Hintergrund für das Diorama im Karl-May-Museum abgibt. Ein Jahr später, 1936, vollendete Elk Eber sein 2,0 m x 1,75 m großes Wandgemälde „Die Indianerschlacht am Little Bighorn“ („Custer-Schlacht“), das einen zentralen Platz in der Radebeuler Indianer-Ausstellung zugewiesen bekam.

Möglicherweise wollte Elk Eber selbst dieses Schlachtengemälde durch zwei Seitenbilder zu einem Triptychon ausweiten, doch der Tod nahm ihm Pinsel und Palette aus den Händen. Beide Bilder, die General Custer bzw. den Sieger Sitting Bull zeigen, wurden von dem bekannten Pferdemaler A. Roloff geschaffen, vom Karl-May-Museum Anfang 1944 erworben und ausgestellt. -

Um die bildkünstlerischen Traditionen des Museums fortzuführen, beauftragte man nach dem Ableben von Güttner und Elk Eber den akademischen Bildhauer Ernst Grämer (1899-1966), Dresden, mit der Anfertigung weiterer lebensgroßer Indianerplastiken. Als das Museum im Februar 1944 nach der Winterschließung wiedereröffnet wurde, konnten die Besucher als Neuzugänge eine Prärieindianerfamilie, einen Medizinmann der Schoschonen, einen Schwarzfußindianer in Winterkleidung sowie einen Waldläufer bewundern.

Klara May und Patty Frank haben noch andere thementrächtige Kunstwerke für das Museum erworben, darunter bemalte Bronzeplastiken von Carl Kauba (1865-1922). Ferner kaufte Frau May 1931 aus dem Nachlaß von Carl Henckel (1862-1929) verschiedene Bilder und Skizzen. Henckels Biographie scheint ganz der Indianerwelt eines Karl May entsprungen zu sein. Nach seinem Studium an den Kunstakademien in Dresden, München und Stuttgart, reiste Henckel nach Nordamerika, wo er künstlerische Beschäftigung fand und bei der Weltausstellung in Chicago 1893 als Presseillustrator tätig war. Seine Vorliebe für Indianer und Wild-West hatten Buffalo Bills Tourneen geweckt, für den er als Reklamemaler eine zeitlang arbeitete. Im Besitz des Karl-May-Museums sind mehrere Aquarelle Henckels, die an diese Zeit erinnern: „Indianer zu Pferd“ (München, 1890), „Buffalo Bill“ (München, 1892) und die Skulptur „Indianer mit Tomahawk und Schild“, 1897.

Eine Besonderheit stellen zwei Gemälde dar, die dem Karl-May-Museum 1978 - zum 50. Jubiläum - aus den USA als Geschenk übermittelt worden sind. Es handelt sich um zwei Temperagemälde, die moderne indianische Kunstauffassung widerspiegeln: Das eine, „War Dancer“ (Kriegstänzer), schuf Glenn Ray Shakespeare, 1972. Und das beeindruckende Bild „The good Mother Angel watches over us: We do not die alone“ (Die gute Mutter Engel wacht über uns: Wir sterben nicht allein) stammt von dem Ponca-Indianer Mars Biggoose, 1976.

   
Nordamerikanische Indianer besuchen Radebeul

Welche Empfindungen mögen wohl Indianer haben, wenn sie in Europa ein Museum über ihre Kultur und Geschichte vorfinden? Interessanterweise läßt sich diese Fragestellung am Beispiel des Karl-May-Museums nachvollziehen. Denn während seines Bestehens haben Indianer aus Nordamerika mehrere Male das Blockhaus besucht.

Daß Indianer die Stadt Radebeul überhaupt heimgesucht haben, ist dem weltberühmten Zirkus Sarrasani zu verdanken. Indianer zu Gastspielen außerhalb der Vereinigten Staaten zu verpflichten, stellte sich damals als problematisch dar. Ihr „Export“ war stets mit harten Auflagen und hohen Kautionsforderungen seitens der US-Regierung verknüpft. Aber Sarrasani schaffte es. Erwähnenswert ist, daß der Gründer des Zirkus, Hans Stosch-Sarrasani sen. (1873-1934) seit 1901 in Radebeul gewohnt und sein Weltunternehmen mit einem Gastspiel im benachbarten Meißen Frühjahr 1902 aus der Taufe gehoben hat.

Erstmals trat 1906 ein Indianer im vollen Kriegsschmuck in Sarrasanis Zirkus auf: der Sioux Black Elk. Für 1913 konnte Sarrasani eine Gruppe Sioux aus der Pine Ridge Reservation unter Chief Two-Two (1851-1914) verpflichten. Begleitet wurden sie von einem ehemaligen Cowboy und nunmehrigen Manager, Clarence O. Shoultz, der ihre Sprache sprach. Two-Two vorstarb während seiner Deutschland-Tournee. Seinem Wunsche entsprechend, begrub man ihn in Dresden.

Shoultz vermittelte Sarrasani Jahre später erneut Sioux-Indianer, die Weihnachten 1925 in London gastierten und in Originaltracht unter viel Aufsehen 1926 in Bremerhaven landeten. Ab Februar traten sie in Dresden auf. Es waren „herrlich gewachsene Gestalten aus Lederstrumpfs Reich“, informierte die Presse Radebeuls, „die einzigen echten Indianer, die zur Zeit außerhalb Amerikas leben ..., mit lederartiger rotbrauner Haut, die sie zu bemalen pflegen. Häuptling der Truppe ist Black Horn, ein rüstiger Greis von 97 Jahren, ihn begleiten seine Krieger und Nachkommen, bis hinab zu entzückenden Indianerbabys“[32].

Dresdens Oberbürgermeister Blüher empfing die Rothäute zur Audienz. Man wechselte feierliche Ansprachen, und Black Horn überreichte Geschenke, die später im Stadtmuseum ausgestellt wurden: eine mit Ornamenten versehene Friedenspfeife aus rotem Catlinit, das Rohr buntfarben umflochten, und einen hirschledernen Tabaksbeutel, geschmückt mit Perlstickerei und Flechtwerk.

Drei Monate blieben die Indianer in Dresden. An ihren Umzügen und der Einweihung von Two-Two's Grab auf dem katholischen Friedhof nahm die Bevölkerung Dresdens lebhaften Anteil. Im Mittelpunkt stand stets die imposante Figur des greisen, aber erstaunlich rüstigen Black Horn. Patty Frank, der es wissen mußte, hatte zur Frage des oft biblischen Alters dieser Zirkusindianer seine eigene Meinung: „Das Alter der Häuptlinge wird meistens von Managern festgesetzt, und diese lassen gern mit sich handeln ...“[33].

Leicht verstimmt reagierten Radebeuls Einwohner auf Sarrasanis Indianerschau in der sächsischen Residenz, „Unser Vater hat gesagt, Herr Direktor Sarrasani wäre ein Radebeuler wie wir“, wandten sich zwei Jungen an das hiesige Tageblatt. „Warum hat er seinen Umzug nicht bis nach Radebeul gemacht?“ Auch der Redakteur, der diesen Leserbrief veröffentlichte, hielt seinen Unmut nicht zurück: „So erfreulich das ... ist, so vermisse ich doch, daß die Aufmerksamkeit der Sioux-Indianer nicht auf die Witwe ihres alten Freundes Old Shatterhand (Karl May) gelenkt worden ist, die sich darüber sicher gefreut hätte! Der Besuch würde auch ein Ereignis für unsere Lößnitz sein!“[34].

Sarrasanis Pressechef, der die Zeitung mit jenem kritischen Hinweis übersandt bekommen hatte, mußte bedauern: „Wir waren nicht in der Lage, die Indianer für einen weiteren Umzug nach Radebeul in Anspruch zu nehmen. Die Indianer sind voll beschäftigt gewesen zu Proben für das Schaustück ‚Wild-West', die täglich über acht Stunden in Anspruch nahmen“[35].

Black Horn reiste ein Jahr lang mit Sarrasani kreuz und quer durch Deutschland, ohne freilich nach Radebeul zu kommen. Zum Abschied wünschte er den gastfreundlichen Deutschen „das Korn ihres Ackers, das Wild ihrer Wälder, das Gold ihres Bodens und - die Skalpe aller ihrer Feinde“[36].

Jene „Indianer-Euphorie“, die den Kindern Manitous bei ihren Gastspielen in Dresden und anderen deutschen Städten entgegenschlug, spiegelte sich auch anderswo wieder, wie ein Blick ins Dresdner Kinoprogramm April/Mai 1927 ausweist. Spielfilme, wie „Bedrohte Grenzen - unter Rothäuten und Büffel“, oder gar „der größte Wildwest-Film“ mit dem Titel „Ein roter Gentleman“ liefen vor ausverkauften Häusern.

Als sich Zirkus Sarrasani 1927 mit neuem Programm vorstellte, befanden sich unter den Völkerschaften aller Herren Länder, die er präsentierte, auch wieder Indianer aus Nordamerika. Sie kamen erneut aus der Reservation der Pine Ridge Agency in South Dakota und feierten am 3. März 1927 mit einem Umzug in Berlin ihre Deutschland-Premiere. Angeführt wurden sie vom Siouxhäuptling Big Snake (Susetscha Tanka = Große Schlange). Zum Jahresende 1927 wollte man in Sachsen gastieren – in Leipzig, Chemnitz, Dresden. Stosch-Sarrasani, der vor Jahresfrist allen Einwohnern Radebeuls eine Absage erteilen mußte, entsann sich diesmal seiner Heimatstadt und schrieb Frau May am 4. Dezember 1927: „Es wird Sie sicher interessieren, daß meine Indianer die gleiche Begeisterung für die Werke Ihres Mannes empfinden, wie die deutsche Leserschaft und die übrige Welt. Die Rothäute haben den Wunsch geäußert, das Heim Ihres Mannes kennenzulernen, der ein so glühender und leidenschaftlicher Verehrer ihrer Rasse war. Voller Dankbarkeit wollen sie dem Grab des Mannes, der ihr temperamentvollster Bewunderer gewesen ist, huldigen ...“[37].

Indianerhuldigung in Radebeul, 17. Januar 1928. Bereits in Dresden, als die Sioux vor dem Zirkusbau „Sarrasani“ mehrere Kraftwagen bestiegen, hatte sich eine unübersehbare Menschenmenge angesammelt. Unterwegs wurde der Konvoi bejubelt. In Radebeul warteten Unzählige vor dem Friedhof. Pressevertreter hatten sich bereits im Innern des abgesperrten Friedhofes postiert, darunter auch ein Reporter der New York Times: „American Indians honor Karl May“ - unter dieser Schlagzeile sollte die Zeitung tags darauf seinen Kabelbericht veröffentlichen.

Voran marschierte die argentinische Gaucho-Kapelle Sarrasanis, einen Choral anstimmend. Feierlich bewegte sich der Zug dem Grabmal Karl Mays zu, einer Nachahmung eines altgriechischen Niketempels. Unter den Gästen befanden sich der Dresdner Generalkonsul der Vereinigten Staaten, Arminius T. Haeberle, Zirkusdirektor Stosch-Sarrasani, E. A. Schmid als Leiter des Karl-May-Verlages, Patty Frank.

„Wir stehen hier am Grabe eines Mannes, der der größte Freund der Indianer war“, begann Patty Frank seine Begrüßungsansprache auf englisch. „All sein Denken, all sein Tun war das eines Indianers. In mehr als dreißig Büchern, die in der ganzen Welt verbreitet sind, erzählt er, wie er seine roten Freunde verehrt. Seine Haut war weiß, sein Gesicht war weiß, aber sein Herz war rot wie jenes der roten Männer ...“[37].

Unter Trommelschlag näherten sich einige Indianer der Gruft, stimmten ein Klagelied an, legten zwei Kränze nieder. Big Snake stellte sich auf die Stufen des Grabmals und hielt eine gestenreiche Rede in der Sprache der Lakota, die Mr. Shoultz übersetzte: „Du großer toter Freund! ... Du hast unserem sterbenden Volk im Herzen der Jugend aller Nationen ein bleibendes Denkmal errichtet. Wir möchten Dir Totempfähle in jedem Indianerdorf aufstellen. In jedem Wigwam sollte Dein Bild hängen, denn nie hat der rote Mann einen besseren Freund gehabt als Dich ...“[37].

Vor der „Villa Bärenfett“ begrüßte Klara May auf englisch ihre Gäste. Mit einem Tanz dankten es ihr die Indianer. Patty zeigte ihnen die im Blockhaus angehäuften Schätze indianischer Kultur.

Daß es gerade Sioux gewesen sind, die Karl May ehrten, fand dessen Witwe des Wunderns wert: „Die Sioux waren (Anm.: in Mays Erzählungen) von jeher die Todfeinde der Apatschen, also auch Winnetous und Old Shatterhands. Hier scheint eine eigenartige Laune des Schicksals gewaltet zu haben. Nicht Apatschen sind es gewesen, auch nicht die befreundeten Navajo oder Schoschonen, die dem toten Freund der Indianer eine Huldigung an seinem Grab in Radebeul bereiteten, sondern seine früheren Feinde ...“[38].

Als Big Snakes Nachfolger bei Sarrasani kam Häuptling White Buffalo Man nach Deutschland. Zusammen mit zwanzig seiner Stammesgenossen hatte man ihn für die Saison 1928 engagiert. Aber nach Radebeul kam er nicht, obwohl Sarrasani mit 41 Völkerschaften im Nachbarstädtchen Meißen im November 1928 seine Wild-West-Show aufführte. -

April 1929 landete der angeblich 107 Jahre alte Osage-Indianer Big Chief White Horse Eagle in der Alten Welt und ließ sich in Berlin nieder. Dort wollte er ein Buch über Indianerkriege herausgeben und Vorträge halten. Begleitet wurde er von seiner weißen Ehefrau, die sich Queen Wa-Te-Na nannte.

Stosch-Sarrasani abonnierte dieses verwitterte Idol längst entschwundener Indianerherrlichkeit für seinen Zirkus. White Horse Eagle wurde zum Liebling des Publikums und Helden der Manege, obwohl er eigentlich nichts weiter tat, als sich zu präsentieren und Prominente scharenweise zu Häuptlingen mit klangvollen Namen schlug. Kraft seiner Würde konnte er das, denn er bezeichnete sich selbst als Oberhäuptling aller Indianerstämme. Anläßlich des US-amerikanischen Unabhängigkeitstages inszenierte Sarrasani mit ihm am 4. Juli 1929 eine monumentale Schau in Nürnberg.

Zuvor aber besuchte der „Indianerfürst“ am 18. Juni des Jahres Radebeul. Im reichen Adlerfedernschmuck schritt er gemeinsam mit US-Konsul George P. Waller die von Schaulustigen umsäumte Friedhofsallee entlang, die zum Grab Karl Mays führt. Waller trug die Friedenspfeife voran. Zum Geleit gehörte auch Professor Brandes, Direktor des Zoologischen Gartens Dresden.

An der Gruft hielt White Horse Eagle eine kurze englische Ansprache, die er mit „Hau Kola“ beendete, hob das Calumet wie segnend empor und hinterlegte einen Kranz. Man war beeindruckt, zumal er Klara May ehrerbietig die Hand küßte. Patty Frank und Dr. Schmid dankten mit einigen Worten.

Ins Gästebuch des Karl-May-Museums trug sich der honorige Gast mit markigen Lettern ein: „Hon. Big Chief White Horse Eagle. Worlds famous Chief. Born 1822, age 107“. Bereitwillig ließ er sich vor seinen Ahnen, den lebensgroßen Indianerfiguren in der „Villa Bärenfett“, abfotografieren. Meinungsbekundungen über die Exponate des Museums sind aus seinem Mund nicht überliefert. Bevor sich der große Häuptling verabschiedete, schlug er Klara May zur Prinzessin Sha-Lu-Wa, „was von allen Stämmen anerkannt wird“, wie die indianische Urkunde ausdrücklich bestätigt.

Später geriet dieser Indianerimport aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten in Verruf. Seine Stammesbrüder monierten, daß er kein Wort ihrer Muttersprache sprechen könne, nichts von indianischer Kultur und Religion verstünde und nur dem Alkohol als Gottheit fröne. Schließlich bestätigte sich gar, daß er kein reinrassiger Indianer gewesen ist, weil Neger zu seinen Vorfahren zählten. Sein Alter hatte man ihm ohnehin nicht geglaubt.

Als sich Sha-Lu-Wa in Vorbereitung ihrer USA-Reise im Juli 1930 an den „Big Chief“ wandte, um zu erfahren, wo sie den Indianerstamm finden könne, dessen „Prinzessin“ sie sei, erhielt sie zwar ein Antwortschreiben, wird aber über dessen Inhalt nicht glücklich gewesen sein.

Letztmalig brachte Sarrasani am 17. Oktober 1937 Indianer nach Radebeul. Es handelte sich um 10 Männer und 3 Frauen von den Seneca-Irokesen aus dem Reservat bei Buffalo. Anführer waren die Häuptlinge Black. Horn II, 75 Jahre, und Red Eye, 78 Jahre alt. Red Eye galt als Freund des verstorbenen Hans Stosch-Sarrasani sen. Wie üblich verlief das Ritual: Kranzniederlegung und Gebet der Häuptlinge, schließlich Besuch des Karl-May-Museums. Hier freilich gab es ein Novum: Black Horn bat sich aus, mit seinem Stamm allein die Ausstellung ansehen zu dürfen, nicht in Gegenwart der Weißen. Nach den Gründen befragt, erzählte er Klara May, daß er noch niemals derart viele Heiligtümer der indianischen Nation beisammen gesehen habe. Dieses tiefinnerliche Erlebnis wollten sich die Irokesen nicht durch die Anwesenheit von Vertretern der weißen Rasse, ihrer alten Feinde, zerstören lassen[39].

    
Indianer urteilen über das Karl-May-Museum

Gäste indianischer Abstammung konnte das Radebeuler Museum auch in jüngster Zeit begrüßen. 1983 besuchte Archie Fire Lame Deer, ein Lakota-Indianer, die Ausstellung zur Geschichte und Kultur seines Volkes. „Die Sammlung ist eine der besten, die ich auf meinen Reisen durch die Welt gesehen habe“, schrieb er ins Gästebuch. „Als Medizinmann und Häuptling würde ich es schätzen, wenn diese für künftige Generationen erhalten bliebe.“

Auch Robert Smith, Direktor des Oneida Nation Museums in Wisconsin (sein indianischer Name lautet Sago-Sa-Lonta) zeigte sich 1987 „sehr glücklich und überrascht, eine solch wunderbare Ausstellung im Karl-May-Museum zu sehen“, weil er „nie daran dachte, daß in diesem Land solch ein Interesse für den amerikanischen Indianer besteht.“

George P. Lee, ein Navajo und im Reservat aufgewachsen, später mit einer Comanche-Indianerin verheiratet, vertraute dem Museumsgästebuch 1987 seine Eindrücke an: „Als Indianer sind wir sehr stolz auf unser Erbe und unsere Kultur ... Mir gefiel das Karl-May-Museum außerordentlich. Ich bin sicher, jeder Indianer, der durch Ihr Museum geht, würde Stolz empfinden und sich an dem erfreuen, was er sieht.“

1989 konnte das Museum einen Choctaw-Indianer aus Ohio, James B. Williston (Little Eagle) bei sich begrüßen. Ich weiß die Ehre zu würdigen, dieses Museum zu besuchen und schreibe diese Worte mit großem Respekt nieder“, lautet sein Gästebucheintrag. „Meine Frau und ich finden es gut, daß Karl May den Weg des Verstehens eröffnete und meinen indianischen Brüdern und Schwestern Achtung entgegenbrachte.“

Ähnlich anerkennend äußerten sich US-Amerikaner indianischer Abstammung, die selbst Museen vorstehen und im Jahre 1990 Radebeul aufsuchten: George P. Horse Capture, Leiter des Buffalo Bill Museums in Cody (Wyoming), und Rick West, Direktor des National Museums of the American Indians, das 1992 in Washington eröffnet werden soll. Mit rund 1 Million Ausstellungsobjekten wird es das größte seiner Art in der Welt sein. Dagegen nehmen sich die Bestände unseres Museums zahlenmäßig bescheiden aus. Kommentar von Rick West nach seiner Besichtigung des Karl-May-Museums am 2. Oktober 1990 [40]: „Es zählt weniger der Umfang als vielmehr die Qualität des Gezeigten. Und die ist in Radebeul, wie gesagt, sehr hoch.“    (K. H.)


Quellen und Anmerkungen

  
[1] Arminius T. Haeberle, Zirkusdirektor Stosch-Sarrasani, E. A. Schmid als Leiter des Karl-May-Verlages, Patty Frank.

[2] Niederschriften Klara Mays über die Nordamerikareise 1908, o. J. (ca. 1932), unveröffentlicht.

[3] Franz Franke, Ein Besuch bei Karl May, in: Bamberger Volksblatt, 18. September 1909.

[4] Egon Erwin Kisch, In der Villa “Shatterhand“, Ein Interview mit Karl May, in: Bohemia, Prag, 15. Mai 1910.

[5] Franz Fethke, Meine Erinnerungen an Karl May, in: Karl-May-Jahrbuch 1922, Radebeul, S. 312-323; Zitat S. 322.

[6] Euchar A. Schmid, Das vierte Jahr, in: Karl-May-Jahrbuch 1921, Radebeul 1920, S. 14.

[7] Radebeuler Tageblatt, Nr. 216, 15. September 1922, S. 2.

[8] Klaus Hoffmann, Circensische Völkerschauen und exotische Abenteuerliteratur in Dresden, in Dresdner Hefte 7 (1989), H. 5, S. 68-76.

[9] Patty Frank, Ein Leben im Banne Karl Mays. Radebeul-Dresden 1935.

[10] Patty Frank, Karl Mays letzter „Gefangener“, in: Karl-May-Jahrbuch 1932, Radebeul, S. 53.

[11] Aus einem Brief Patty Franks, 21. April 1925 (Archiv Dr. Peter Neumann, Dresden).

[12] Patty Frank, Ein Überfall auf das Blockhaus, in: Karl-May-Jahrbuch 1930, Radebeul, S. 292.

[13] Hermann Dengler, Zwei seltene Prachtstücke der Sammlung Patty Frank, in: Karl-May-Jahrbuch 1927, Radebeul, S.115/116.

[14] Patty Frank, Wie ich meinen ersten Skalp erwarb, in: Karl-May-Jahrbuch 1929, Radebeul, S. 25-30; Zitat S. 26.

[15] Nach: Patty Frank, Die Jagd nach der Büffelhaut, in: Karl-May-Jahrbuch 1931, Radebeul, S. 112-116; berichtigt und ergänzt.

[16] Euchar A. Schmid, Vorwort zu: Hermann Dengler, Führer durch das Karl-May-Museum, Radebeul 1928, S. 4.

[17] Patty Frank, Die Indianerschlacht am Little Bighorn, 25. Juni 1876, in: Karl-May-Jahrbuch 1926, Radebeul, S. 32-52.

[18] Hermann Dengler, Wie ich Indianer wurde, in: Karl-May-Jahrbuch 1933, Radebeul, S. 450-462; Zitate S. 457/458 bzw. 462.

[19] Patty Frank an Dr. E. A, Schmid Radebeul, o. Datum (Anfang August 1925; Archiv Dr. Peter Neumann, Dresden).

[20] Korrespondenz Klara May - Dr. Erich Wulffen, Dresden (Archiv Dr. Klaus Hoffmann, Radebeul).

[21] Vgl. Klaus Hoffmann, Karl May - Leben und Werk. Ausstellung in der Villa „Shatterhand“, Radebeul 1988, S. 76-78.

[22] A. F. Stenzel, Im Wigwam Old Shatterhands, in: Dresdner Nachrichten, 13. Februar 1927.

[23] Das Karl-May-Museum in Radebeul. Eine kostbare nordamerikanische Indianersammlung, in: Radebeuler Tageblatt, Nr. 270, 19. November 1928.

[24] Klara Mays Aufzeichnungen über Vorbereitung und Ausführung ihrer USA-Reise (für den Zeitraum 16. Juli bis 21. August 1930), handschriftliches Fragment, 1930.

[25] Klara May, Mit Karl May durch Amerika, Radebeul 1931.

[26] Bei Karl May zu Gast, in: Hohenstein - Ernstthaler Tageblatt und Anzeiger, Nr. 43, 20. Februar 1937, Beilage.

[27] Peter Neumann, Wissenschaftliche Bearbeitung des Karl-May-Museums. Dresden-Radebeul 1956, ungedrucktes Manuskript, Abschnitt: Katalog der Gegenstände des Karl-May-Museums.

[28] Peter Neumann, 50 Jahre Indianermuseum Radebeul, in: Abhandlungen und Berichte des Staatlichen Museums für Völkerkunde Dresden, Bd. 38,1980, S. 154-164; Bestandsübersicht, S. 158, Fußnote 15.

[29] E. H. Snethlage, Das Karl-May-Museum in Radebeul bei Dresden, in: Der Weltkreis. Zeitschrift für Völkerkunde, Kulturgeschichte und Volkskunde, Berlin 2 (1931), H. 1-2, S. 29.

[30] Wilhelm Szewczyk, Radebeul und seine Kultur, in: Die Vorschau, Radebeul, H. 11, November 1955.

[31] Angaben über E. Hösels Nordamerikareise lt. Reisetagebuch (Archiv Porzellanmanufaktur Meißen).

[32] Radebeuler Tageblatt vom 4. und 10. Februar 1926.

[33] Patty Frank, Die Indianerschlacht in Stuttgart, in: Karl-May-Jahrbuch 1933, Radebeul, S. 469-476; Zitat S. 470.

[34] Radebeuler Tageblatt, 27. Februar 1926.

[35] Radebeuler Tageblatt, 18. März 1926.

[36] General-Anzeiger, Kötzschenbroda, 15. Februar 1927.

[37] Die Indianerhuldigung in Radebeul, in: Karl-May-Jahrbuch 1929, Radebeul, S. 7-33; Zitate S. 7, 11-13.

[38] Wie Anm. 25, S. 22-23.

[39] Nach Berichten in Ortszeitungen: Radebeuler Tageblatt bzw. General-Anzeiger, Kötzschenbroda, 18. Oktober 1937.

[40] Sächsische Zeitung, Dresden, 25. Oktober 1990., 1. Aufl. 1992.


Zeittafel

Indianer Nordamerikas

Karl-May-Museum Radebeul