Heft 25

Feierstunden am häuslichen Heerde

17. Februar 1877

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


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»Tragt keine Sorge um mich. Wer zu später Stunde nach Garlosen geht, der sorgt gewiß dafür, daß er nicht da zu bleiben braucht. Es steht mir schon noch eine gute Herberge offen.«

»Hrrr, hm! Wenn Ihr mit Euren Worten uns vielleicht beleidigen wollt, so werden wir für eine sichere Herberge sorgen. Wer zu uns kommt, der mag fein hübsch manierlich sein, sonst wird ihm das Fortgehen schwerer als das Herkommen!«

Wieprecht war klug und vorsichtig genug, zu schweigen. Er entfernte sich und verließ das Schloß.

Natürlich gab dieses Ereigniß Stoff zu einer lebendigen Unterhaltung, welche wohl bis tief in die Nacht hinein gewährt hätte, wenn die Ritter nicht gezwungen gewesen wären, zeitiger als gewöhnlich die Ruhestätte zu suchen. Morgen war nämlich der Geburtstag des Herrn Claus, und derselbe sollte nach altem Brauche festlich auf Stavenow begangen werden. Er kehrte heute gar nicht dahin zurück, sondern zog es vor, auf Garlosen zu nächtigen, um am frühen Morgen aufzubrechen und die Gäste gleich mit sich zu nehmen.

Er lag in seinem Gemache und war in Folge des genossenen Weines gar bald eingeschlafen. Da wurde sanft die Thür geöffnet und es schlich sich Jemand leise an sein Lager. Es wurde jenes Geräusch vernehmbar, welches durch das An- oder Ablegen von Kleidungsstücken verursacht wird, und dann entfernte sich der heimliche Gast mit unhörbaren Schritten wieder. Es war der lange Balthasar, der die Geisterstunde des heiligen Ambrosiustages nicht vorübergehen lassen wollte, ohne das ihm von Schwalbe gegebene Rezept in Anwendung zu bringen.

»So, also!« dachte er, indem er seine unendliche Figur über den stillen Schloßhof schob. »Wenn das der Ritter wußte, daß ich in seinem Wammse stecke! Na, der wacht nicht auf; ich habe meine Anzahl Krüge leer gemacht, der aber noch viel mehr. Und wenn er ja einmal sich regen sollte und nach dem Kleiderhäuflein fühlt, so liegen meine alten Hosen dort und das Uebrige auch, und so wird es ihm also gar nicht in den Sinn kommen, Verdacht zu schöpfen. Oel habe ich geholt, und im Keller bin ich auch nach Wein gewesen; so ist denn nun Alles beisammen. So, also! Es wird dem Fettwerden doch nicht etwa Schaden bringen, daß ich da unten den Mund ein wenig lange an das Loch gehalten habe?«

Er hatte eine kleine Ausfallspforte erreicht und bückte sich, um den Krug aufzunehmen, den er sich hier bereit gestellt hatte. Dann öffnete er, trat hinaus und zog die Pforte, ohne sie zu verschließen, hinter sich zu.

»So, also! Nun kann es fortgehen. Der Wein hat mich doch ein wenig wackelig gemacht, und ich bin neugierig, was mein alter Kopf sich wundern wird, wenn ich anfange, verkehrt Wache zu stehen. Habe das Kunststück all' meine Lebtage noch nicht probirt. Ob es wohl Herr Claus spüren wird, wenn derselbe ihm durch die Gurgel und in den Leib hinunterfährt! Es soll mich nur verlangen, ob der Geist bei ihm genug Platz findet, denn er muß bei mir doch ganz außerordentlich in die Länge gewachsen sein. Also in einem Jahre bin ich ausgewachsen; dann bin ich aber meinem Gregorimanorosewitsch zu schwer, und ich muß mich entweder nach einem anderen Gaul umsehen, oder auch ihn zum nächsten Ambrosiustage auf einem Kreuzwege auf den Kopf stellen, denn bei den Thieren ist es ebenso, hat Schwalbe gesagt.«

Er kletterte über den leeren Graben und stieg ziemlich wankenden Schrittes die Anhöhe hinab, dem Walde zu.


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Jetzt traten zwei Männer von der Seite herbei, von denen der Eine die Pforte von innen verriegelte.

»Na, wat sagst Du nun daderzu? Du thatest es nich glauben, daß er wirklich gehen thäte, jetzt aber siehst Du, daß ich Recht gehabt haben thue.«

»Mordelement, Gott straf' mich, wenn ich fluche, aper, Pruder Schwalpe, Du pist ein schlechter Kerl. Ich wollte, er hätte wirklich den Knochengeist, und der führe Dir in den Leip!«

»Dat is nichts weiter nich, als een Spaß, und wer dumm sein thut, der muß den Prügel zum Lehrmeister bekommen.«

»Da will ich Dir nicht ganz Unrecht gepen, aper Du mußt doch auch pedenken, was Wein und Oel zusammen für einen Mordspectakel in einem Manne machen müssen, der auf dem Kopfe steht. Ich glaupe, seine paar Gepeine fallen ihm vollends aus der Haut heraus, und wenn er dapei den Geist aufgiept, so hast Du den Knochengeist richtig pei ihm ausgetriepen.

»So schlimm thut dat wohl nich werden, denn der und sein Ewiglangebeinewitsch sind nich todt zu machen. Weißt Du, wat für een Habit er anhaben thut?«

»Op das auch ein Hapit gewesen ist, das möchte ich doch wohl pezweifeln. Er stak ja drin wie, wie, na, das ist gar nicht zu peschreipen, wie; ich pin wirklich pegierig, zu wissen, wo er die Sachen hergenommen hat.«

»Dat sin dem Herrn Claus seine gewesen. Jetzt aber komm, damit wir nun endlich einmal schlafen thun.«

»Ja, wie kommt denn der Palthasar wieder in die Purg? Du hast doch die Riegel vorgeschopen!«

»Dat is seine Sache; mache Dich nur darum keene Sorge nich!«

Die beiden Männer verschwanden im Eingange zum Schloßgebäude. - -

Es war Morgen, das Zeichen zum Erwachen war gegeben worden und ein Jeder ging an die ihm zukommende Arbeit. Auch die Ritter erhoben sich aus den Federn und fanden sich zum Morgentrunke im Saale zusammen. Nur Einer fehlte, nämlich Herr Claus von Quitzow. Die Anderen warteten eine geraume Weile auf ihn, und ein jeder von ihnen suchte sich die nöthigen Worte zusammen, wie sie zu einem kräftigen Glückwunsche gut und schicklich waren; als er aber selbst nach längerem Harren nicht erschien, machte sich Thomas von dem Kruge auf, um nachzusehen, welchen Grund die ungewöhnliche Verzögerung habe.

Er fand die Thür zu dem Gemache Clausens unverschlossen und klopfte an.

»Hrrr! Hm! Wer pocht da draußen?« frug es von innen.

»Ich bin es! Werdet Ihr bald kommen?«

»Ihr seid es, Herr Thomas? Hrrr! Hm! Tretet doch einmal zu mir herein!«

Thomas folgte diesem Wunsche und fand seinen dicken Kampfgefährten in größter Verlegenheit im Bette sitzen. Die Haare hingen ihm wirr um das zornig rothe Angesicht, und die kleinen Aeuglein, welche kaum über die Backen hinwegsehen konnten, blitzten gar unruhig unter den buschigen Brauen hervor.

»Ihr habt das Lager noch gar nicht verlassen?« frug Thomas. »Ist Euch vielleicht irgend ein Gebreste zugestoßen, oder hat der gestrige Trunk ein Wenig zu viel nachgehalten?«

»Wie könnt Ihr mir so Etwas zumuthen?« brauste Claus auf. »Habt Ihr mich jemals betrunken gesehen?«

»Niemals, mein werther Ritter, aber da Ihr noch der Ruhe pflegt, während wir Anderen uns längst erhoben haben, weil der Ritt bei Zeiten nach Stavenow gehen soll, so dachte ich, daß Euch auch einmal etwas Menschliches widerfahren könnte.«

»Etwas Menschliches? Hrrr! Hm! Ja, das ist mir auch widerfahren, etwas sehr Menschliches. Habt Ihr meinen Knecht, den Balthasar vielleicht gesehen?«

»Er ist mir noch nicht vor die Augen gekommen. Warum fragt Ihr nach ihm? Soll ich ihn Euch senden?«

»Hrrr! Hm! Ja, aber so bald wie möglich. Da seht Euch doch einmal diese langen Fetzen an!«

»Das sind ja des Balthasars Kleider! Wie kommen die an Euer Lager?«

»Das ist es ja eben, was auch ich gern wissen möchte, zumalen die meinigen vollständig verschwunden sind. Wie kann ich denn meine Beine in diesen schmutzigen Gänsedarm stecken!« rief er empört, indem er Balthasars lederne Hosen dem Freunde vor die Nase hielt. »Schafft mir den Menschen zur Stelle, wenn Ihr mir einen Gefallen thun wollt!«

»Gern will ich Euch diese Liebe erweisen!« versicherte Thomas und eilte davon. Leider war Balthasar nirgends zu finden, und auch Niemand wollte über sein Verschwinden etwas Näheres wissen. Das spurlose Wegbleiben des treuen und sonst so aufmerksamen Dieners erregte nicht geringes Aufsehen; man suchte ihn an allen Ecken und Enden, und selbst die Ritter wurden unruhig und nahmen Theil an der Nachforschung, die lange eine vergebliche war, bis endlich einer der Knechte auf die Ringmauer stieg, um über dieselbe hinab in den Graben zu schauen.

»Dort kommt er!« rief derselbe, und die Anwesenden eilten auf die Mauer; sie konnten nicht begreifen, wie der Gesuchte außerhalb der Burg gekommen sei.

Bei seinem Anblicke brachen sie alle in ein lautschallendes Gelächter aus. Er bot in den Kleidern seines Herrn, die ihm um ein Beträchtliches zu kurz waren und dreifach zu weit um seine magere Gestalt schlappten, einen zu komischen Anblick, als daß es jemandem hätte gelingen können, ernst zu bleiben. Er hatte das Ausfallspförtchen verschlossen gefunden und sah sich nun gezwungen, durch das Hauptthor seinen ruhmreichen Einzug zu halten.

Die Brücke wurde niedergelassen und das Thor geöffnet. Alles drängte sich mit Fragen herbei, und jeder wollte zuerst den Grund der seltsamen Begebenheit erfahren. Da aber erscholl eine laute Stimme von oben herab durch all' das Rufen und Fragen. Herr Claus hatte den Lärm vernommen, sich erhoben und war an das Fenster getreten. Den Knecht in seinen eigenen Kleidern erkennend, ballte er ihm die Faust herab und befahl:

»Herauf mit Dir, Gesell! Hrrr! Hm! Damit ich Dir das Koller anmessen kann!«

Mit wachsbleichen Zügen und zusammengesunkener Gestalt entzog sich der angsterfüllte Knecht den Leuten und ging nach oben.

»Mordelement, Gott straf' mich, wenn ich fluche, aper der arme Kerl kann mich dauern, Pruder Schwalpe! Ganz


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gewiß ist es ihm da draußen von dem Oele so üpel geworden, daß er nicht zurück hat laufen können!«

»Ja, wer Geister austreiben wollen thut, der muß eine sehr feste Natur haben, dat versteht sich ganz von selber. Ich möchte nur hören, wat ihm der Claus für eene lustige Rede halten werden thut. Komm, laß uns doch 'mal hören, wie es klingen mögen wird!« - -

Zwei Jünglinge zogen gegen Stavenow zu. Wer sie nur oberflächlich betrachtete, der hielt sie vielleicht für reisende Gesellen, welche die Wanderlust und Wißbegierde hinausgetrieben hatte in die weite Welt, und die nun fröhlich und wohlgemuth, ohne Gram und Sorge, von einem Orte zum andern gingen und sich wenig um das kümmerten, was weniger lebensfrohen Leuten Noth und Sorge bereitet.

Ihre Kleidung war einfach und bescheiden, und zu ihr paßte sehr gut das Ränzel, welches jeder von Beiden auf dem Rücken, und der Knotenstock, den er in der Hand trug.

Der aufmerksamere Beobachter hätte außer diesen äußeren Dingen allerdings den Zug tiefer Schwermuth bemerkt, welcher auf ihren jugendfrischen Gesichtern lagerte, und ebenso wäre ihm wohl die tiefe Stille und Wortlosigkeit aufgefallen, mit welcher sie nebeneinander einherschritten. Die theilnehmenden Blicke, mit denen sie sich einander suchten, bewiesen, daß sie mit Liebe an einander hingen, und diese Liebe mußte, nach der Aehnlichkeit ihrer Gesichtszüge zu schließen, eine geschwisterliche sein.

»Wie weit haben wir wohl noch bis Stavenow, mein lieber Dietz?« frug der Jüngere den Aelteren.

»In einer Stunde werden wir es erreicht haben, wie ich meine. Bist Du schon müde?«

»Nein, vielmehr bin ich gar frisch und munter, aber es verlangt mich, zu wissen, ob der Vetter uns willkommen heißen wird, und das verlängert mir den Weg.«

»Ich denke, daß er sich unserer Ankunft freuen wird. Er ist ja stets ein guter Freund des Vaters gewesen und steht noch heut' von ganzem Herzen zu ihm, wie mir die Mutter sagte.

»So wird er nicht thun wie die Anderen, die uns verlassen, weil sie sehen, daß das Geschick unserem Namen nicht mehr hold zu sein scheint?«

»Der Vetter ist ein starrer Kopf, der nicht leicht seine Gedanken ändert. Obgleich seine Besitzungen außerhalb der Marken liegen und ihm darum der Markgraf so lange, als die jetzigen Grenzen bleiben, gleichgiltig sein könnte, widmet er demselben doch die feindseligsten Gesinnungen und ein jeder Gegner des Zollern'schen Hauses findet bei ihm eine gastliche Aufnahme, wie ich vernommen habe. Wir brauchen uns also erst recht kein Bedenken um das Willkommen zu machen, welches wir uns wünschen.«

»Ich meine, daß er gar wohl eine gute Ursache habe, den Markgrafen nicht zu lieben, denn dieser ist ein Widersacher des selbstständigen, kraftvollen Ritterthums und trachtet sichtbarlich darnach, seinen Fuß auch über die Grenzen der Marken hinauszusetzen. Es juckt und zuckt mir in der Faust, wenn ich an ihn denke, und ich wünsche mir von ganzem Herzen die Gelegenheit herbei, ihm alle Unbill mit heimzahlen zu können, welche er uns bereitet hat. Wäre nur mein Arm stärker und mein Alter nicht so jugendlich, so würde ich weder ruhen noch rasten, bis diese Aufgabe erfüllt ist!«

Ueber das ernste Gesicht des Anderen zog ein Schatten, der längere Zeit auf seinen nachdenklichen Zügen liegen blieb.

»Glaubst Du, daß ich den Vater liebe und achte und die Ehre unseres Namens heilig halte?« frug er endlich.

»Ja, das glaube ich,« ertönte die schnelle und zuversichtliche Antwort. »Du hast es ja bewiesen, mein Dietz, und ich habe Dich oft beneidet um das schöne Vorrecht, als der Aeltere von uns Beiden berufen zu sein, dem kühnen Sinne des Vaters als Hand und Hilfe zu dienen.«

»Und doch that ich es nur aus kindlichem Gehorsam und nicht aus freiem, fröhlichem Triebe meines Herzens. Ihr habt dies nicht geahnt, Cuno, denn ich schloß all' meine Gedanken tief in mein Inneres hinein; aber ich gäbe viel, sehr viel darum, wenn mir das Schicksal erlaubte, der Sache des Zollern meine Dienste zu leihen!«

»Was sagst Du!« rief Cuno erschrocken. »Willst Du ein Abtrünniger werden an uns und Allen, die treu zu uns gehalten haben, so lange die Zeit unseres Lebens währt?«

»Da sei Gott vor! Aber ich habe in den schlaflosen Nächten der letzten, schweren Zeiten nachgesonnen über gar Vieles, worüber ich mir früher keine Gedanken machte, und es ist mir dabei oft gar Eigenthümliches in den Sinn gekommen. Ich habe viele dieser Gedanken noch nicht vollständig ausgedacht, trotzdem aber ist es mir gewesen, als müsse Vieles anders werden und als werde eine neue, bessere Zeit kommen mit anderen Gesetzen und anderen Menschen, denen der Friede und die Eintracht mehr werth sind, als die Fehde mit ihrem unersättlichen Hunger nach Menschenblut und nichtigen, vergänglichen Gütern. Die Zeit ist unüberwindlich, und wer sich gegen ihren Willen stemmt, den wirft sie in den Staub und vernichtet ihn!«

»Nie hätte ich Dir solche Gesinnungen zugemuthet! Glaubst Du klüger und verständiger zu sein, als der Vater, der Ohm, der Putlitz und all' die Herren, gegen welche Deine Worte gerichtet sind? Haben sie etwas Anderes gethan, als ihre heiligsten Rechte verfochten, welche ihnen der Zoller entreißen wollte? Du bist nicht blos tapfer, sondern auch klug, das weiß ich, aber diese Männer sind es noch mehr, als Du es jetzt schon sein kannst. War Vater nicht als Landeshauptmann der Oberste in den Marken, und Herr Caspar Gans von Putlitz ist dasselbe in der Altmark und der Priegnitz gewesen. Wen der Kaiser mit solch' einem hohen Amte betraut, der darf sich wohl von uns Jünglingen nicht belehren lassen. Und wie ist es ihnen ergangen? Dietrich von Quitzow ist vogelfrei; die Seinen wissen von ihm weder Weg noch Weile, und der Gans von Putlitz sitzt auf Ziesar in einer Grube, die für den Schlimmsten noch zu gräßlich wäre. Mit welchem Rechte darf der Burggraf kommen und ihn aus seinen Zustehnissen drängen?«

»Du sprichst, wie es Dein feuriges Gemüth Dir gebietet. Könntest Du die Urkunde lesen, welche der Kaiser dem Putlitz über seine Bestallung wohl ausgefertigt haben wird, so würdest Du vielleicht erkennen, daß der Zoller ein gutes Recht dazu hat. Herr Friedrich verfährt gar vorsichtiglich und unternimmt nichts ohne Grund und triftigen Beleg.«

»Diese Urkunde kenne ich; ich habe sie mit meinen Gespielen Balthasar und Otto von Putlitz auf Wolfshagen so oft zur Uebung durchstudiret, daß ich sie Dir ganz und genau aufsagen kann.«


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»So thut es einmal!«

Cuno kam der Bitte des Bruders nach und citirte aus dem Gedächtnisse:

          »Wir, Siegmund von Gottes Gnaden, römischer König ec. ec. ec.
Bekennen und thun kund mit diesem Briefe allen denen, die ihn sehen oder lesen hören, daß wir den Edlen Caspar Gans von Putlitz, unsern lieben Getreuen, unseren Landen und Städten der Priegnitz, als einen Amtmann von Unsertwegen vorzustehen und zu verwesen befohlen haben, befehlen ihm dies mit Kraft dieses Unseres Briefes also, daß er das ehegenannte Unser Land getreulich versehen, beschützen und beschirmen soll gegen allermänniglich, niemanden ausgenommen. Dazu soll er haben alle Unsere Renten, Zinsen und Nutzen, die Wir in der Priegnitz haben; dazu sollen Wir ihm alle Jahre hundert Schock böhmische Groschen aus Unserer Kammer geben, und darüber soll er ehegenannte Unsere Lande versehen und verwesen, ohne allerlei Rechnung und Aufschläge.
   Wenn der ehegenannte Caspar Gans von Putlitz Unser Land, die Priegnitz, ein ganzes Jahr, nach Gebung dieses Briefes, vorgestanden und verwaltet hätte, und nicht länger ferner vorstehen wollte, das soll er Uns ausgehenden Jahres, darnach ein Vierteljahr zuvor verkündigen und zu wissen thun, daß Wir dann die ehegenannten Unsere Lande mit anders Jemanden bestellen mögen. Auch sollen Wir ihn des vorgenannten Unseres Landes Verwesung nicht entwältigen noch entsetzen, Wir haben ihm denn die vorgenannten hundert Schock böhmischer Groschen, oder was im Brauch da wäre, ganz und gar bezahlet, und wann Wir ihm die hundert Schock ganz bezahlet haben, so soll er Uns, Unsern Erben und Nachkommen, den Markgrafen zu Brandenburg, des ehegenannten Unseres Landes Verwesung unverpfändet, unbekümmert, frei und ledig abtreten, ohne alle Widerrede.
   Sollte der ehegenannte Caspar in Verwesung Unserer beider Lande Ueber-Elbe und in der Priegnitz in Unseren Diensten und Geschäften gefangen werden, da Gott vor sei, so stehen Wir ihm für solche Beschatzung, die er von wegen seines eigenen Leibes geben möchte, nach redlicher Gutachtung. Was er auch von Hauptleuten fangen würde, die soll er in Unsere Hand bringen und Uns zu Gute kehren, davon soll er doch seinen Theil haben, nach Anzahl gewappneter Leute, die er auf eigene Kosten oder Schaden dazu geführet hätte.
   Mit Urkund dieses Briefes versiegelt und mit Unserem Römischen Königlichen anhangenden Insiegel gegeben zu Ofen.«

»Nun sag',« meinte Cuno nach einer Pause des Nachdenkens, »wie dies zusammenstimmt mit dem traurigen Schicksale, welches dem edlen Herrn Caspar widerfahren ist!«

»Das ist nicht schwer zu finden; heißt es doch in der Urkunde: »So soll er Uns, Unsern Erben und Nachkommen, den Markgrafen zu Brandenburg, des ehegenannten Unseres Landes Verwesung unverpfändet, unbekümmert, frei und ledig abtreten, ohne alle Widerrede.« Dagegen wirst Du nimmer Etwas sagen können. Wir haben den Markgrafen als Feind betrachtet und auf unsre Rechte gepocht; er hat uns ebenso als Feinde ansehen müssen und auf seine Rechte gepocht. Wo nun ist die Feindschaft gehässiger und wo sind die Rechte größer? Das Schwert ist eine gute Waffe, aber ein schlechter und unbesonnener Fürsprech; es kämpft gern für den augenblicklichen Vortheil und stellt sich lieber in den Dienst des starren Zornes, als daß es durch weise Nachsicht sich Vortheile für die Zukunft spart.«

Cuno antwortete nicht. Die Worte des Bruders waren nicht inhaltslos; sie gaben ihm vielmehr Grund zum Denken und wiesen seinen Sinn auf Punkte, die er bisher unberücksichtigt liegen gelassen hatte. So schritten sie längere Zeit schweigend neben einander her, bis sie bei einer Biegung des Weges drei Männer vor sich erblickten, durch deren Erscheinen ihren Gedanken eine andere Richtung gegeben wurde.

Der Eine von ihnen trug die Kleidung eines Bettelmönches. Er war lang und hager, und groß mußte die Anzahl der Jahre sein, welche seine Gestalt gebeugt und den dünnen Kranz seiner Haare so schneeweiß gebleicht hatten. Die beiden Anderen waren wie gewöhnliche Knechte gekleidet. Sie hatten den Mönch erfaßt und zogen ihn unter wüsten Drohungen an den Armen hin und her.

»Ja, Deine Sünden sollst Du uns beichten, frommer Vater!« lachte der Größere der zwei Strolche, welcher eine wahrhaft abschreckende Häßlichkeit zur Schau trug. Er schien ein Sclave zu sein, und sein Gesicht zeigte nicht allein alle Mängel und nicht einen einzigen Vorzug dieser Race, eine breite Nase, dicke, aufgeworfene Lippen, kleine, schiefgeschlitzte, schielende Augen und weit vorstehende Backenknochen, sondern es war in den widerlichen Zügen auch ein Ausdruck geistiger Verkommenheit mit thierischer Sinnlichkeit zu bemerken, welcher Abscheu erregen mußte. »Dann sollst Du auch die unsrigen zu hören bekommen, und wir wollen sehen, wen der Teufel am sichersten holen wird!« fügte er seiner Aufforderung bei.

»Uns nicht, uns nicht,« gröhlte der Kleinere, dessen Aussehen nicht im Mindesten liebenswürdiger erschien, als dasjenige seines Kameraden. »Knie nieder und beichte, sonst holt er Dich auf der Stelle!«

»Laßt mich gehen, Ihr Männer!« bat der Bedrängte. »Was habe ich Euch gethan, daß Ihr mich anfallt und peiniget wie einen Missethäter, von dem Euch Uebles widerfahren ist?«

Es lag bei diesen Worten keine Spur von Angst und Furcht in dem Wesen des Mönches, vielmehr blitzten seine dunklen Augen muthig unter den dichten, grauen Brauen hervor, und der Ruck, mit welchem er sich aus ihren Händen befreite, war ein so kräftiger, wie man es seinem Alter gar nicht zugetraut hätte.

»Was Du uns gethan hast? Nichts, o gar nichts! Nur gefällt es uns nicht, daß Du Einer von Denen bist, denen die Götter der Wenden haben weichen und vor ihnen sich zurückziehen müssen in die Verborgenheit der Wälder. Wir haben Manchen von Euch dem fürchterlichen Triglaff geopfert, als Ystralowe, unser großer Priester noch lebte, und wir hätten gar wohl Lust, Dir ein Gleiches zu thun, wenn wir durch ein so mageres Opfer nicht den Zorn des Gottes auf uns lüden.«

»Ystralowe?« rief der Mönch, und seine Gestalt erhob sich aus ihrer gebeugten Stellung, als hätte dieser Name die Macht, den Einfluß der Jahre zu besiegen. »Ystralowe, habt Ihr den gekannt?«

Die beiden Männer erstaunten über diese Frage.


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»Was fragst Du uns! Sage vielmehr, woher Du seinen Namen erfahren hast!«

»Er war mein Freund, und Macha, die Hexe, hat mich oft bei sich gesehen.«

»Macha, das Weib unseres obersten Priesters, nennst Du eine Hexe? So lügst Du und bist sein Freund niemals gewesen. Wo hast Du mit ihm gesprochen?«

»In der Ruine der Wendenburg,« antwortete er, sie mit einem Ausdrucke von Spannung beobachtend, den sie nicht bemerkten.

»In der Wendenburg? Wie bist Du durch den Sumpf gekommen? Kannst Du uns das Zeichen sagen?«

»Welches Recht habt Ihr, dieses von mir zu fordern?«

»Das wirst Du vielleicht erfahren! Also, das Zeichen!«

Er schwieg, geringschätzig die Achsel zuckend.

»So mußt Du sterben oder mit uns kommen!«

»Wohin?«

»Dahin, wohin wir Dich führen. Folgest Du uns gutwillig, so werden wir Dein Leben vielleicht schonen.«

Er besann sich ein kleines Weilchen, wobei er die Männer mit prüfendem Blicke musterte. Dann entschied er sich:

»Wohlan, ich gehe mit!«

Sie nahmen ihn in ihre Mitte und schritten mit ihm von dannen.

Die beiden Jünglinge hatten dem Vorgange zugesehen und auch jedes der Worte gehört, ohne selbst bemerkt zu werden. Unentschlossen blickten sie einander an. Daß ein Geheimniß hier vorwalte, das hatten sie sofort erkannt, und ebenso begriffen sie, daß dieses Geheimniß nichts Gutes in sich verberge. Wer waren die zwei Strolche, und was hatten sie mit dem Mönche vor? War es nicht Pflicht, ihm gegen sie beizustehen? Aber er hatte ja nicht die geringste Furcht gezeigt, ja, es war bei dem Fortgehen sogar eine gewisse Befriedigung in seinem Gesichte zu lesen gewesen. Und zudem war es zu jener Zeit noch gefährlicher als jetzt, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen, gar nicht gerechnet, daß sie außer ihren Stöcken keinerlei Waffen bei sich trugen.

Noch standen sie und beriethen, was zu thun sei, als sie Pferdegetrappel hinter sich vernahmen. Sich umblickend, bemerkten sie einen einzelnen Reiter, welcher langsam dahergetrabt kam. Er bildete mit seinem Thiere eine eigenthümliche, groteske Figur, über die sich die Brüder eines fröhlichen Lachens nicht enthalten konnten. Das Pferd war so dürr, daß das grobwollige Fell in Falten um die spitzen Knochen hing; die langen Ohren spielten hin und her und auf und nieder, als ob sie von dem Winde bewegt würden, und die langen Spinnenbeine quirlten auf der Straße daher, daß es Einem fast ängstlich zu Muthe werden konnte. Und dazu hing der Reiter auf dem spitzen Rücken seines Rosses in einer Weise, die ihn in Gefahr brachte, aus der eigenen Haut zu fallen. Er war wenigstens ebenso hager, wie sein unglückseliger Klepper, und seine spitzen, wachsbleichen Züge sahen grad' so aus, als habe er soeben erst eine gefährliche und langwierige Krankheit überwunden. Er hielt vor den Jünglingen an.

»So, also! Was habt Ihr denn da zu lachen? Ich will nicht glauben, daß Ihr etwa gar Euch über mich lustig macht. Der Balthasar mit seinem Gregorimanorosewitsch ist das ganz und gar nicht gewohnt!«

»Nicht? Dann müssen wir allerdings ernst zu bleiben suchen! Also Balthasar heißest Du. Bei welchem Herrn stehest Du in Diensten?«

»Bei dem Herrn Claus von Quitzow auf Stavenow. Und wer seid Ihr?«

»Wir sind zwei wandernde Gesellen, die auf Stavenow ein wenig Einkehr halten wollen. Ist ein Imbiß dort zu bekommen?«

»So, also! Das seid Ihr! Und einen Imbiß wollt Ihr? Warum denn nicht? Heut ist der Geburtstag unseres Ritters, und Ihr werdet da wohl genug vorfinden, um Euern Hunger und Durst zu stillen. Wenn Ihr mit mir kommen wollt, so werde ich meinen Gregorimanorosewitsch ein wenig straffer in die Zügel nehmen. Wenn er aus dem Stalle ist, so bekommt er Feuer und läßt sich nicht gut halten.«

»Damit wird es wohl nicht zu große Noth haben!«

»Meint Ihr! So also! Das könnt Ihr nehmen, wie es Euch beliebt. Also kommt!«

»Wenn Du nicht vielleicht noch ein Weilchen verschnaufen willst, so werden wir zwei Männer ereilen, die einen Mönch davongeschleppt haben.«

»Zwei Männer? Einen Mönch? So, also!«

»Sie waren Wenden.«

»Wenden? So also! Ob es nicht der schöne Wratislaw gewesen ist! Wie sahen die Kerle aus?«

Die Gefragten gaben eine möglichst genaue Beschreibung der beiden Persönlichkeiten, und Balthasar nickte bejahend mit dem Kopfe.

»Er ist es. Wie kamen sie mit dem Pfaffen zusammen?«

Diese Frage wurde so genau wie möglich beantwortet. Balthasar hörte aufmerksam zu und meinte dann, lebhafter werdend:

»Das ist nichts für Euch! Geht langsam weiter, wenn Ihr keinen Schaden leiden wollt; ich werde voranreiten. Wenn Ihr Euch nicht gar zu sehr beeilt, so wird Euch Herr Claus bald einholen, der hinter uns herkommt. Er kommt von Garlosen und hat mich vorausgesandt, um seine Ankunft zu melden.«

Ohne eine Einrede abzuwarten, gab er seinem Pferde die Sporen; das Thier machte einen ellenhohen Katzenbuckel, warf alle Viere in die Luft und schüttelte sich dann mit einer Eile davon, die Roß und Reiter bald aus den Augen der Nachblickenden verschwinden ließ.

Diese blickten einander an. Sie mußten nach dem Gehörten annehmen, daß die beiden Wenden auch im Dienste des Herrn Claus von Quitzow standen und dieser also mit in das Geheimniß verflochten sei. Daß dieses kein ungefährliches genannt werden konnte, ging aus der Aeußerung Balthasars, »wenn Ihr keinen Schaden leiden wollt«, von Neuem hervor. Nachdenklich und langsam schritten sie weiter; so kam es, daß sie die Vorangegangenen nicht einholten, dagegen aber nach einiger Zeit das Geräusch von Nahenden hinter sich vernahmen. Es waren die drei Ritter von dem Kruge und Herr Claus auf seinem dicken Schimmel. Die ihnen folgenden Reisigen und Knappen waren noch nicht zu bemerken, da sie, um sich einer ungezwungenen Unterhaltung hingeben zu können,


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eine größere Entfernung als gewöhnlich zwischen sich und ihre Herren gelegt hatten.

Die zwei jungen Leute warteten, bis die Ritter sie erreichten, und schickten sich dann zu einem ehrerbietigen Gruße an. Herr Claus erwiderte denselben leichthin und frug sodann:

»Hrrr! Hm! Ich sehe, daß Ihr auf uns wartet. Wer seid Ihr denn?«

»Wir sind zwei arme, heimathslose Gesellen aus den Landen an der Spree und Havel und wünschen, in Stavenow auf ein Stündchen Einkehr halten zu dürfen!« antwortete Dietz.

»Das könnt Ihr,« lautete die Genehmigung, während der Ritter sein Pferd wieder in Gang versetzte. »Von der Havel seid Ihr her? Seid Ihr bekannt in den dortigen Gegenden?«

»Wir sind es. Habt Ihr eine Erkundigung auszusprechen, so wollen wir dieselbe gern und willig beantworten.«

»Das soll Euch keinen Schaden bringen! Hrrr! Hm! Habt Ihr von dem Händel zwischen dem Markgrafen und den Quitzows vernommen?«

»Warum sollten wir nicht davon gehört haben? Ist doch das ganze Land voll von den Gerüchten und Erzählungen, welche darüber im Schwunge gehen. Es ist ein gar Trauriges um diese Sache, bei der mehr als Einer großen Schaden genommen hat, weil sie ein anderes Ende fand, als man zu Anfang derselben glaubte. Der Ritter Dietrich von Quitzow hat der Heimath den Rücken kehren müssen; sein Bruder Johann schmachtet in Gefangenschaft, ebenso Herr Gans von Putlitz nebst mehreren Anderen, und groß ist das Elend und die Verwüstung, welche die Fehde über Land und Leute gebracht hat.«

»Hrrr! Hm! Das ist der Segen, welchen Ihr von Eurem gnädigen Herrn Markgrafen zu erwarten habt. Jagt ihn zum Lande hinaus; dann wird es wieder besser!«

»Verzeiht, Herr Ritter; mit dem Hinausjagen wird es wohl für immer gute Weile haben. Herr Friedrich von Zollern ist nicht der Mann, der Etwas angreift, ohne es auch zu Ende zu führen, und ich glaube, daß die Zeiten der Vergangenheit wohl nimmer wiederkehren werden.«

»So? Glaubst Du das? Hrrr! Hm! Da bist Du wohl auch einer von den jungen Büblein, die den Krampf in die Hand bekommen, wenn sie ein Schwert anfassen sollen?«

»Nein, zu diesen gehöre ich nicht,« antwortete Dietz bescheiden; »aber ich habe es mit diesen meinen Augen mit angesehen, wie der Wille des Markgrafen die stärksten Mauern zerbrochen und die kühnsten Männer zu Boden geworfen hat. Und dabei ist er von einer Leutseligkeit und Milde, die ihm mit der Zeit selbst den ärgsten Feind gewonnen machen. Er wird die Marken behaupten und Alle vernichten, die sich seinem Rechte entgegenstellen.«

»Seinem Rechte? Hrrr! Hm! Nimm Dich in Acht, Knabe, daß Dir Deine Worte nicht etwa an den Kopf geworfen werden. Wer von einem Rechte des Markgrafen spricht, der ist ein Verräther und wird bei den Ohren genommen. Ueberhaupt kommt Ihr Beide mir etwas sonderlich vor, und ich muß Euch wohl noch etwas genauer vornehmen. Dort kommen unsere Knechte; sie mögen dafür sorgen, daß Ihr auch wirklich mit nach Stavenow geht!«

»Soll das etwa heißen, daß Ihr uns zwingen wollt, mit Euch zu gehen, daß wir Eure Gefangenen sind?«

»Zwingen? Hrrr! Hm! So kleine Leute zwingt man nicht; die laufen aus Angst recht gern und willig mit.«

»Meint Ihr, Herr Ritter?«

Er nahm bei dieser kurz und herausfordernd ausgesprochenen Frage den Knotenstock fester in die Hand und trat einige Schritte zurück. Der Gefährte folgte seinem Beispiele. Herr Claus hielt den Schimmel an und warf einen erstaunten Blick auf die Beiden; dann wandte er sich an das mittlerweile herbeigekommene Gefolge:

»Schließt mir diese zwei Männlein doch einmal in Eure Mitte! Hrrr! Hm! Caspar, was giebt es denn zu gaffen?«

Der ehrliche Wachtmeister staunte mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen die jungen Männer an und rief dann hoch erfreut:

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der Deiwel soll mich auf der Stelle als Gänsepraten fressen, wenn das nicht meine liepen peiden Junker sind! Pruder Schwalpe, was pesinnst Du - - -«

Die beabsichtigte Aufforderung an Schwalbe kam zu spät, denn dieser hatte die Jünglinge schon bei den Händen ergriffen und jauchzte:

»Nee, wat ich verschrocken bin vor lauter Freude! Ich kann mich gar nich zu denken vorstellen, wo Ihr so plötzlich hergekommen sein thut. Dat is een blaues Wunder, wieso Eure Frau Mutter Euch fortgelassen haben wird.«

Herr Claus von Quitzow schien höchlichst überrascht zu sein. Er hörte aus den Worten der beiden Diener, wen er vor sich habe; seine strenge Miene klärte sich langsam auf, und nachdem er die Jünglinge einer eingehenden Musterung unterzogen hatte, rief er, ihnen die Hände entgegenstreckend:

»Hrrr! Hm! Das ist etwas Anderes! Warum sagt Ihr Blitzbuben denn nicht gleich, wem Ihr eigentlich angehört? Seid willkommen bei Eurem alten Vetter, der sich freut, Euch bei sich zu sehen. Hrrr! Hm! Ihr Herren von dem Kruge, hier seht Ihr die Söhne des Herrn Dietrich von Quitzow; ich habe sie selbst noch nicht gekannt, aber ich denke, daß wir uns gut zusammenfinden werden!«

Die Ritter gaben ihre Freude über diese Begegnung zu erkennen und hatten tausend Fragen nach den verschiedensten Dingen auf den Lippen; doch machte Claus dem Forschen ein Ende, indem er mahnte:

»Hrrr! Hm! Laßt es jetzt sein; dazu haben wir auf Stavenow noch genugsam Zeit; jetzt aber wollen wir sehen, daß wir weiter kommen!«

Da sprang Caspar Liebenow vom Pferde und führte es Dietz entgegen.

»Wollt Ihr nicht aufsteigen, mein lieper Junker? Meine Peine sind länger als die Eurigen, und Ihr hapt vielleicht schon einen weiten Weg gemacht. Pruder Schwalpe, steige doch herunter von Deinem alten Ziegenpocke, daß Herr Cuno ihn pei den Hörnern nehmen kann!«

»Wat geht Dir mein Ziegenbock an?« antwortete Schwalbe, indem er vom Pferde sprang. »Bekümmere Dir doch nich so viel um Deinesgleichen! Ich thue auch noch


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wissen, wat ich unsern jungen Herrn schuldig sein werde. Steigt auf, lieber Junker; der Schwalbe is auch een Kerl, der zu leben verstehen gelernt haben thut!«

Auf diese Weise sahen sich die Fußwanderer beritten gemacht, und nun ging es von Neuem und bei reger Unterhaltung auf Stavenow los, welches man baldigst erreichte. Dort angekommen, suchten die Ritter zunächst ihre gewohnten Gemächer auf, und auch Dietz und Cuno bekamen eine Stube angewiesen, welche ihnen für die Zeit ihres Aufenthaltes bei dem Vetter als Wohnung dienen sollte.

Dort blieben sie für einige Zeit sich selbst überlassen und fanden also Gelegenheit, sich ungestört die Eindrücke mitzutheilen, welche die heutige Begegnung auf sie hervorgebracht hatte. Ihre Theilnahme wurde ganz besonders von dem Geheimnisse angeregt, welchem sie auf die Spur gekommen zu sein glaubten, und sie beschlossen in jugendlicher Unternehmungslust, es so viel wie möglich bis auf seinen Ursprung zu verfolgen. Das konnte aber ohne Hülfe nicht gut geschehen, und so kamen sie auf die jedenfalls nicht unglückliche Idee, sich ihren beiden treuen Bekannten anzuvertrauen. Die Ausführung dieses Vorhabens fiel ihnen nicht schwer, denn kaum hatten sie den Entschluß gefaßt, so nahten sich Schritte ihrer Thür, und das breite, ehrliche Gesicht Liebenow's ließ sich sehen.

»Erlaupt, meine jungen Herrn,« sprach er, »daß ich einmal zuspreche. Gott straf mich, wenn ich fluche, aper ich hape mich noch immer nicht zurecht gefunden von wegen Euch in Stapenow. Mohrenputz, ein pesseres Vergnügen hätte mir nicht widerfahren können, als daß ich Euch hierher pekomme!«

»Na,« rief es hinter ihm, »thust Du denn bald fertig sein mit Deiner Rede? Dat is eene Lamentirerei von Deiner Freude, daß unser Eener bald gar nich mehr zu Worte kommen mögen thun wird. So, da bin ich, und wenn es wat zu thun giebt, wo Ihr mir gebrauchen könnt, so thut Euch nur immer auf mir verlassen, wie auf keenen Andern nich!«

»Auf keinen Andern?« rief Liebenow mit seiner grimmigsten Miene. »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper, Pruder Schwalpe, wenn Du mich peleidigen willst, so wirst Du pald erfahren, was es heißt, den Caspar Liepenow in Zorn zu pringen. Wir können uns wohl denken, daß unsere liepen Junkers nicht nach Stapenow kommen, ohne eine Apsicht zu hapen, und pei dieser Apsicht, da machen wir mit, nämlich ich und der Schwalpe hier.«

»Wir sind von Eurem guten Willen, uns zu dienen, überzeugt,« sprach Dietz. »Doch sagt vor allen Dingen, wie Ihr in diese Gegend kommt. Wir wollten nicht glauben, daß Ihr uns verlassen hättet, und dachten Euch daher todt oder gefangen.«

»Todt? Gefangen? Verlassen?« riefen Beide wie aus einem Munde. Der Wachtmeister zögerte, weiter zu sprechen, da er sich den Inhalt der drei Worte erst zurechtlegen mußte, und mit einer solchen Arbeit ging er immer sehr gründlich zu Werke. Schwalbe aber fuhr fort:

»Nee, gefangen thun wir nich sein, und todt nun vollends gar niemals nich, sondern wir haben alle beide geglaubt, daß Euer Herr Vater sich zu dem Vetter nach Stavenow gemacht haben thäte, und so sind wir zu den Boldewins gerathen und haben da Dienste genommen, bis wir etwas Sicheres über Herrn Dietrich erfahren haben thun würden.«

»Gut, so betrachtet Ihr Euch also immer noch als unsere Mannen?«

»Dat versteht sich ganz von selber. Ich und der Liebenow thun in alle Ewigkeit nun und nimmer nicht von Euch weichen und wanken.«

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Bruder Schwalpe, da hast Du ein Wort gesagt, mit welchem ich von ganzem Herzen einverstanden pin.«

»Wir danken Euch für Eure Treue. Es wird die Zeit schon noch kommen, in welcher wir sie Euch belohnen können. Doch sagt einmal, wer ist wohl der lange, dürre Mensch gewesen, den Herr Claus nach Stavenow vorausgeschickt hat, um seine Ankunft zu melden?«

»Der lange, dürre Mensch? Dat, dat is Niemand nich gewesen, als blos der Balthasar.«

»Ja, ja, das ist der Pruder Steckelpein gewesen mit seinem Wirfdielangenbeinewitsch.«

Die Junker sahen den Sprecher fragend an, und Schwalbe fuhr erklärend fort:

»Der Balthasar thut nämlich der Leibknappe des Herrn Claus von Quitzow sein, und sein Klepper hat so eenen verdeiwelten Namen, daß es Einem angst und bange dabei werden thut, wenn man ihn aussprechen sollen will.«

»So! Giebt es auf Stavenow einen Knecht, welcher Wratislaw heißt?«

»Wratislaw? Ja, den giept es, mein lieper Junker; aper dieser Mensch ist ein Kerl, dem wir so viel wie möglich fern pleipen; er gehört zu den wendischen Heiden, und ich glaupe, daß ihm der Galgen noch einmal wohl pekommen wird.«

»Wir sahen noch einen Andern bei ihm, der auch zu den Wenden gehören mag.«

»Dat is Gieljuschken, der Deiwelsracker, der voller Ränke und Schliche sein thut wie der Pudelhund voller Ungezieferlichkeiten. Wat diese beeden Menschen auf die Erde gesollt haben, dat is mich noch heutigen Tages een unklares Geheimniß. Wenn man sie irgendwo sehen oder treffen thut, so is es ganz gewiß nur über irgend eenem schlechten Streiche.«

»Warum jagt sie denn da Herr Claus nicht von dannen?«

»Ja, wer dat so richtig wissen thäte! Gemeinschaft will er nich mit ihnen haben mögen, dat sehen wir Alle, denn er thut sich nie nich um sie bekümmern oder ihnen eenen Befehl geben; und doch dürfen sie dableiben und allerhand Dinge vornehmen, die ein Anderer sich gar nich wagen dürfen thäte.«

»Das ist richtig, Pruder Schwalpe, und deshalp ist ihnen auch keiner von den Leuten grün und wohlgesinnt. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper ich wollte, daß ich ihnen einmal einen Stich am Zeuge flicken könnte! Da hapen sie vorhin einen armen Klosterpruder pei den Haaren von der Straße hereingeschleppt, Keiner weiß weshalp, und den hat Herr Claus einsperren lassen, opgleich er Niemandem von uns Etwas gethan hat. Ich glaupe, er soll heut Apend, wenn es finster geworden ist, nach Garlosen geschafft werden, weil es hier auf Stapenow kein festes Verließ giept, in welchem man Jemanden sicher halten kann.«


Ende des sechszehnten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk