Heft 26

Feierstunden am häuslichen Heerde

24. Februar 1877

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


// 401 //

»Wo hat man ihn denn einstweilen hingesteckt?«

»Er sitzt open in der Kammer, in welcher die peiden Wenden wohnen, und die kauern nun pei ihm und lassen ihn nicht aus den Augen.«

»Wen wird man mit seiner späteren Bewachung betrauen?«

»Mordelement, wen denn anders als mich? Der Wachtmeister Caspar Liepenow pesitzt auf Garlosen epen so viel Vertrauen wie pei Eurem Herrn Vater, und da wird man den armen Deiwel in keine anderen Hände gepen, als in die meinigen.«

»Das wollen wir Dir gern glauben, Caspar, denn Du und der Schwalbe, Ihr seid doch stets die treuesten und zuverlässigsten von allen unseren Mannen gewesen, und so werden die Boldewins und der Vetter Claus Euren Werth wohl auch zu schätzen wissen. Aber grad aus dem angegebenen Grunde hoffen wir, daß Ihr uns treu bleiben und in allen Stücken zu uns halten werdet, in denen wir Eures Beistandes und Eurer Hülfe bedürfen!«

»Wat Diesesjenige betreffen thut,« fiel hier Schwalbe eifrig ein, »so mögt Ihr Euch immer auf uns verlassen dürfen!« Er bemerkte in seinem Diensteifer gar nicht, daß in dem Ansinnen des Junkers eigentlich eine Verführung zur Untreue gegen seine jetzigen Herren liege. Dies entging auch dem Wachtmeister, welcher sich breitspurig vor Dietz hinstellte und, an den langen Degen klopfend, ausrief:

»Mohrenplitz, wer daran zweifeln wollte, dem sollte es gar nicht sehr wohl pekommen. Ich hackte ihn in so viel Stücke, daß er sie selper nicht mehr zählen könnte! Sagt uns nur, mein lieper Junker, was wir machen sollen, und das Ueprige wird sich dann schon finden!«

»Es ist nichts Großes, was wir uns jetzt von Euch wünschen. Wir wollen nur den Klosterbruder einmal sehen und sprechen, welcher nach Garlosen geschafft werden soll.«

»Das ist nicht schwer; Ihr dürft Euch nur hinaufpegepen zu den Wenden; die werden wohl Nichts dagegen hapen, daß Ihr den Mann einmal in Augenschein nehmt.«

»Nein, so nicht; es soll Niemand wissen, daß wir mit ihm sprechen.«

»Ach so,« meinte er nachdenklich. »Das ist etwas Anderes. Aber wie soll das angestellt werden?«

»Wer wird ihn heut Abend nach Garlosen geleiten?«

»Wäre es ein gewöhnlicher Gefangener, so würde ich ihn fortzuschaffen hapen: hier aper muß Etwas dahinter stecken, was mir noch nicht pekannt geworden ist. Darum denke ich, daß Herr Claus ihn den peiden Wenden üpergepen wird.«

»Jedoch seine Bewachung auf Garlosen wirst Du trotzdem zu besorgen haben?«

»Das will ich wohl meinen! Und wenn Ihr pis dahin warten wollt, so werde ich Euch gern in seine Zelle führen, wo Ihr mit ihm sprechen könnt, so viel es Euch peliept.«

»Bis dahin kann gar Manches passiren, was man nicht vorhersehen kann. Ist es denn nicht möglich zu machen, daß die Wenden an dem Geleite verhindert werden?«

»Hm!« machte Liebenow, indem er sich die Stirne rieb. »Da müßt Ihr Euch selper Etwas aussinnen; ich will lieper drei Riesen oder ein halpes Dutzend Löpen todtschlagen, als meine zwei armen Gedanken in eine so große Verlegenheit pringen! Pruder Schwalpe, weißt Du es nicht, was hier zu machen ist? Du pist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen und weißt in solchen Sachen immer guten Pescheid!«


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»Ja, dat is wahr; wenn Du nich mehr fortkönnen thust, so muß allemal ich herhalten wollen. Aber wat ich mich bei diese Sache denken thue, dat is Folgendes: Heut is eene große Feierlichkeit von wegen dem Geburtstage des Herrn Claus; da thut man nich blos essen, sondern da thut man ganz besonders auch gehörig trinken. Bei dieser Gelegenheit werden die Wenden herunter in die Mannenstube kommen mögen, und wenn sie dat Ihrige genossen haben, so thun wir sie wilde machen und fangen eene Prügelei an. Dat Uebrige is nachher Deine Sache, Caspar; denn wo Du hinhauen thust, da braucht een Anderer niemals nich nachhelfen zu können.«

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper, Pruder Schwalpe, wenn sonst Niemand helfen kann, Du weißt doch immer den pesten Rath. Ja, das wird gehen. Mohrenplitz« - hierbei streckte er seine gewaltigen Fäuste nach vorn und besah sie sich mit liebevollen Augen - »diese peiden Hände hapen seit langer Zeit nichts Rechtes mehr zu thun gehapt. Ich werde den Wenden einmal zeigen, was ein Hiep von dem Wachtmeister Caspar Liepenow zu bedeuten hat!«

»Nein, so nicht,« warnte Cuno, welcher bisher geschwiegen hatte. »Durch ein solches Verhalten könnten wir uns die Sache nur verderben. Wenn Herr Claus das Geleite einmal Niemandem weiter, als den Wenden, anvertrauen will, so wird er auch dabei verharren und den Mönch so lange auf Stavenow behalten, bis sie sich von den Schlägen wieder erholt hätten. Es wird wohl das Beste sein, zu warten, bis wir einmal nach Garlosen kommen.«

»Ich muß Dir beistimmen,« antwortete der Bruder, »obgleich ich eine eigenthümliche Ahnung in mir trage, welche mir keine Ruhe läßt. Es ist mir, als risse mich eine geheimnißvolle, innere Macht hin zu dem Mönche, und als dürfe ich keine Zeit versäumen, mit ihm zu sprechen. Und dabei fühle ich doch, daß ich nichts Gutes von ihm zu erwarten habe, sondern daß die Begegnung mit ihm uns Etwas bringen werde, was uns zum Unsegen gereichen mag. Durch Dreinschlagen ist hier allerdings Nichts zu erlangen, und darum wollen wir lieber warten. Trotzdem aber können wir immer die Augen offen halten, ob sich nicht vielleicht eine unvermuthete Gelegenheit findet, zum Ziele zu gelangen.«

Damit war die Unterredung beendet. Schwalbe und Liebenow entfernten sich und die beiden Brüder befanden sich wieder allein. Die Worte Dietzens hatten auf den sonst weniger nachdenklichen Cuno doch einen sichtbaren Eindruck hervorgebracht, und es war, als ob auch in ihm Ahnungen und Gedanken aufstiegen, durch welche er ernst und zur Schweigsamkeit gestimmt wurde. Es giebt ja im Leben Augenblicke, die auch ohne äußere Begebenheiten inhaltsschwer für den Menschen sind und sein Herz mit dunklen Bildern beleben, welche ihm die Zukunft als wirkliche, dem Leben angehörende Gestalten später hell und klar auch vor das körperliche Auge stellt.

So saßen sie längere Zeit bei einander, in tiefes Sinnen versunken, aus welchem sie erst durch die Nachricht geweckt wurden, daß Herr Claus sie zu sprechen wünsche.

Als sie sein Gemach betraten, fanden sie ihn allein. Der dicke Herr hatte es sich bequem gemacht und alle nur einigermaßen entbehrlichen Kleidungsstücke von sich gelegt. So saß er in einem hochgepolsterten Lehnsessel am flackernden Kaminfeuer und ließ die kleinen, listigen Aeuglein neugierig über die jungen Vettern gleiten.

»Hrrr! Hm!« empfing er sie, indem er die fetten Hände sorgfältig um den wohlgerathenen Vorderleib legte. »Da sind wir nun auf Stavenow und wollen zunächst einmal sehen, was Euch zu dem Ritter geführt hat, der sich schon längst von Euch vornehmen Leuten ganz vergessen glaubte.«

»Vergessen seid Ihr uns nie gewesen,« antwortete Dietz, indem er mit dem Bruder neben Herrn Claus Platz nahm; »vielmehr haben wir Eurer immer in Liebe und Freundschaft gedacht, obgleich die Zeitläufte uns nicht erlaubten, Euch einmal heimzusuchen. Ihr wißt doch, daß unser Vater sogar auf Eure Hilfe gegen den Markgrafen rechnete und Euch deshalb zu mehreren Malen zu einer Besprechung einlud. Selbst zu Euch zu kommen, war ihm unmöglich; einen Boten zu Euch zu senden, um durch denselben die nothwendigsten kriegerischen Verhandlungen abzuschließen, dazu war die Sache zu wichtig, und da Ihr auch nicht selbst kamet, so glaubten wir mehr als Ihr Ursache zu haben, uns von Euch vergessen zu meinen.«

»Hrrr! Hm! Ja!« machte Herr Claus, indem es finster über sein rundes und sonst so helles Gesicht zog. »Ihr wißt es jedenfalls nicht, was zwischen mir und Eurem stolzen Herrn Vater gelegen hat, so daß ich es darauf ankommen ließ, ihn bei mir auf Stavenow zu sehen. Habt Ihr jemals Etwas von dem »schwarzen Dietrich« gehört?«

»Warum sollen wir nicht! Mutter hat uns immer mit ihm gedroht, wenn wir als Knaben einer Einschüchterung bedurften. Warum fragt Ihr nach ihm?«

»Weil er der Grund zu einer Entzweiung ist, die zwischen mir und Herrn Dietrich von Quitzow stattgefunden hat.«

Sowohl bei seiner vorhergehenden Frage, als auch bei der jetzt erfolgenden Antwort hatte er den Namen Dietrich mit einer gewissen Betonung ausgesprochen, welche die Jünglinge hätte aufmerksam machen müssen, wenn sie auch nur die leiseste Ahnung von der Identität des gefürchteten Räubers gehabt hätten. Aber der scharfe Blick, mit welchem er sie dabei in das Auge nahm, entdeckte nicht die Veränderung in ihren Zügen, vielmehr meinte Cuno erstaunt:

»Ihr seid mit dem Vater entzweit gewesen? Davon haben wir nicht ein Wörtlein vernommen! Und wie konnte ein solcher Mensch, wie der schwarze Dietrich, der Grund dazu sein?«

»Hrrr! Hm! Wenn Ihr noch Nichts darüber erfahren habt, so hatte Herr Dietrich wohl seine gewichtigen Gründe, es zu verschweigen, und ich würde also gegen seinen Willen handeln, wenn ich seinem Beispiele nicht folgte. Aber Ihr dürft mir wohl glauben, daß ich dem Markgrafen nicht gar wohlgesinnet bin. Ich hätte also gern nach besten Kräften zu Eurem Vater gestanden, wenn er in der rechten Weise zu mir gekommen wäre, und die Ritter und Mannen, welche ich ihm zuführen konnte, wären gar wohl geeignet gewesen, ihm eine gute Hülfe zu leisten. Doch, das ist nun vorüber. Wißt Ihr vielleicht, wo er sich hingewandt hat?«

»Wir meinen, daß er zu den Herzögen von Pommern gegangen sein wird, um die Hülfe derselben in Anspruch zu nehmen.«


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»Hrrr! Hm! So! Und wo befindet sich Frau Elisabeth, Eure Mutter?«

»Sie ist von Schloß Teupitz, auf welchem wir eine erste Zufluchtsstätte fanden, mit uns zu dem Großvater und Oheim nach Burg Seida gezogen. Von dorther kommen wir zu Euch, Vetter. Wir haben nur ungern die trauernde Mutter verlassen; aber sie selbst schickte uns fort, weil sie meinte, daß die Einsamkeit auf Seida nicht vortheilhaft für uns sei, die wir uns doch in allen ritterlichen Künsten üben und ausbilden sollen. Sie glaubte, daß uns dazu bei Euch die beste Gelegenheit geboten werde und hat uns befohlen, Euch Ihren freundlichen Gruß zu bringen.«

»Hrrr! Hm! Die Zeiten sind schlecht, und gar mancher wackere Rittersmann muß sich jetzt auf seiner Burg verstecken, wie der Dachs im Baue, wenn er nicht den Pelz verlieren will. Trotzdem aber könntet Ihr wohl noch Manches bei mir erfahren und lernen. Es giebt einen guten Trunk auf Garlosen und Stavenow, und selten vergeht eine Woche, die uns nicht einen Strauß oder sonst ein fröhliches Abenteuer bringt. Es ziehen immer Vögel mit guten Federn vorüber, welche gerupft werden müssen, und da könnt Ihr recht gut zeigen, wie Ihr mit dem Schwerte umzugehen versteht.«

Dietz schüttelte nachdenklich mit dem Kopfe, und über das jugendlich frische Gesicht Cuno's zog eine brennende Röthe.

»Verzeiht, Vetter!« bemerkte der Erstere etwas verlegen, aber doch mit sicherer Stimme. »Zu solchen Dingen werden wir unser Schwert Niemandem leihen. Es ist Ritterpflicht, dem Bedrängten beizustehen und Recht und Gerechtigkeit zu üben gegen Jedermann; nicht aber ziemt es uns, die Wehrlosen zu überfallen und den Reisenden seiner wohlerworbenen Habe zu berauben. In jeder guten und gerechten Sache wollen wir lustig mit dreinschlagen, und Ihr sollt Eure Freude an uns erleben, denn der Vater hat dafür gesorgt, daß wir uns seiner Lehre nicht zu schämen brauchen. Unter die Zahl der Strauchritter und Wegelagerer aber wollen wir uns niemals rechnen lassen; das ist unser festes und unerschütterliches Sinnen!«

Bei diesen Worten hatte sich Claus von Quitzow halb in seinem Sessel erhoben. Sein Mund öffnete sich vor Erstaunen und seine kleinen Aeuglein begannen zu funkeln.

»Hrrr! Hm! Das sagst Du mir!« rief er. »Einen Strauchritter und Wegelagerer nennst Du mich? Du wagst es, mich, Deinen eigenen Vetter, also zu beschimpfen? Wärst Du nicht ein dummer Knabe und befändest Du Dich nicht als Gast in meinem Hause, so würde dieses Wort das letzte sein, welches Du sprichst! Ich könnte Dir Dinge sagen, die Dich auf der Stelle verstummen machten, aber ich mag mir die Mühe gar nicht geben, Deine Naseweisheit klüger zu machen. Du sollst trotz Deiner beleidigenden Rede unangefochten bleiben; aber erlaube Dir nicht ferner Bemerkungen, die Dich in Schaden bringen könnten!«

»Halt, Vetter,« fiel Dietz hier in die Strafrede ein; »es ist mit nichten meine Absicht gewesen, Euch zu beleidigen oder gar Euch über das zur Rede zu stellen, was Ihr zu thun für gut befindet. Wie könnte ich es wagen, Euch über Euer Thun und Treiben Belehrung ertheilen zu wollen, da ich doch selbst gar sehr der Zurechtsetzung bedarf; wenn ich bei Euch bleiben soll, so könnt Ihr verlangen, daß ich Euch meine Gedanken und Gefühle nicht vorenthalte, sondern über dieselben aufrichtig mit Euch rede. Nur wenn ich so thue, ist es möglich, daß ich von Euch lerne und wir in Liebe und Freundschaft bei einander wohnen.«

»Hrrr! Hm! Du magst da nicht ganz unrecht haben, und wer weiß, von wem Dir so ein Floh in das Ohr gesetzt worden ist. Ich bin ein wenig schnellhitzig; aber Du wirst auch nicht leicht einen Andern finden, der zu solchen Reden schweigen mag. Du scheinst nicht auf den Kopf gefallen zu sein und wirst einsehen und wissen, daß der Mensch leben muß. Und wir Ritter sind doch eigentlich die richtigen und einzigen Menschen. Man nimmt uns in diesen schlechten Zeiten Alles, was wir besessen haben; man raubt uns unsere alten Rechte und Zukömmnisse; sollen wir etwa unsere Ringmauern verspeisen und unsere Rüstungen als Zugabe hinunterschlucken? Wenn die Fürsten und Herren uns das Unsrige nehmen, so sind wir gezwungen, dem Volke das Seinige zu nehmen, wenn wir nicht verhungern oder gar verdursten wollen, und Durst, ja Durst, hrrr! hm! den hat ein wackerer Rittersmann ja zu aller Zeit. Der Markgraf hat Euch Eure Schlösser und Burgen genommen. Was sollt Ihr nun thun? Wollt Ihr ihm etwa vor die Füße fallen, daß er Euch ein Stückchen trockenes Brod gebe? Eine solche Schande wird kein Quitzow auf sich laden! Oder wollt Ihr bei Eurer Frau Mutter bleiben und für immer von der Güte des Großvaters leben? Dann hättet Ihr alle Ehre verloren und müßtet Euch schamvoll vor jedermann verkriechen. Oder wollt Ihr in ein Kloster gehen und den Rosenkranz fingern und die Augen verdrehen? Dann würde Euch eine Glatze geschoren und der Herrgott müßte den Kopf zu Eurer Faulheit schütteln. Nein, das Alles und noch vieles Andere mögt Ihr nicht thun, und darum seid Ihr zu mir gekommen, um Euer Band mit Ehren zu verdienen, indem Ihr mit dem Schwerte dreinschlagt in all' das große und kleine Gesindel, welches sich im Lande herumtreibt und von dem lebt, was uns genommen worden ist. Und nun ich Euch bei mir willkommen heiße, kommt Ihr mir mit Vorstellungen, daß der Ritter Unrecht thue, wenn er sich ein Fäßlein Weines oder eine Ladung Roggen von der Straße wegnimmt, weil er sonst trotz seiner Tapferkeit und seiner Ahnen elendiglich verhungern müßte? Bleibt mir vom Leibe mit solch' unnützem Gewäsches laßt es Euch vielmehr bei mir gefallen und greift wacker mit zu, wenn es Etwas zu holen giebt. Nur auf diese Weise bleiben wir bei den nöthigen Kräften, um Euren Markgrafen wieder dahin zu jagen, wo er hergekommen ist!«

Der ehrsame Herr hatte sich so in Eifer geredet, daß er gar nicht bemerkt hatte, daß ihm der Athem schon längst ausgegangen war. Während seiner ganzen Lebenszeit hatte er noch keine so lange Rede gehalten, und nun er glücklich mit ihr zu Ende gekommen war, sank er erschöpft in seinen Sessel zurück, legte den Kopf hintenüber und schloß die Augen. Das wohlgepflegte Bäuchlein hob und senkte sich, in Mitleidenschaft gezogen von den kräftigen Zügen, mit denen die angestrengte Lunge nach Odem schnappte, und es dauerte eine sehr lange Zeit, ehe sich die kleinen Augen wieder öffneten, um zu sehen, welchen Eindruck die Rede auf die beiden Jünglinge hervorgebracht hatte.

Diese hatten schweigend dagesessen. Sie mußten sich


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gestehen, daß in den Worten des Vetters ein Etwas enthalten sei, welches zu widerlegen sie die nöthige Erfahrung und Reife noch nicht besaßen. Doch versuchte Dietz sein Glück mit einer Bemerkung, welche seiner innersten Ueberzeugung entsprang:

»Ich bin zu jung, um mit Euch rechten zu können, Vetter; doch nehmt es mir nicht übel, wenn ich Euch frage, ob es gut zu heißen ist, daß wir Andern Unrecht thun, weil auch uns Unrecht gethan worden ist!«

»Unrecht thun? Hrrr! Hm! Wem thun wir denn Unrecht? Der Kaiser nimmt seinen Schoß, der Pfaffe holt sich seinen Zehnten, und wir? Nun, wir holen uns auch den Zoll, der uns gebührt. Und dieser Zoll ist kein Unrecht, denn er ist gesetzlich.«

»Gesetzlich? Davon hat uns noch Niemand Etwas mitgetheilt!«

»Hrrr! Hm! Das glaube ich wohl!« lachte Claus. »Der Kaiser macht sich seine Gesetze; der Pfaffe macht sich seine Gesetze; so machen wir uns unsere Gesetze auch. Wir nehmen, was wir bekommen, und thun damit, was uns beliebt; denn der Kaiser darf zum Beispiel auch die Marken nehmen und verschenken, verleihen oder verkaufen ganz nach Gutdünken und Wohlgefallen. Sie sind immer aus einer Hand in die andere gegangen; die Ritterschaft hat gar Vieles darunter leiden müssen, und nun Euch gar noch dieser Burggraf von Zollern über den Hals geschickt worden ist, könnt Ihr Ach und Weh schreien in alle Ewigkeit, wenn es Euch nicht gelingt, das Joch, welches er auf Euch gelegt hat, wieder abzuschütteln.«

»Das wird uns wohl nimmermehr gerathen. Wir haben seine Macht gesehen und schwer empfinden müssen, und auf unserer Wanderung ist uns gar mancher verständige Mann begegnet, welcher von ihm gesprochen hat, als von einem Herrn, der nur das Rechte und Gute wolle und dieses auch kräftig durchzuführen verstehe. Ich glaube, wir hätten nicht so starr sein und ihm bei seinem löblichen Bestreben mit unserer Hülfe dienen sollen, statt daß wir uns gegen ihn auflehnten und nun dafür so arg zu Schaden gekommen sind!«

Claus sah ihn fast erschrocken an, denn eine solche Meinung hatte er bei einem Quitzow nicht erwartet.

»Was sagst Du da?« frug er. »Hrrr! Hm! Ich erlebe immer neue Wunder an Dir! Du sprichst dem Manne das Wort, dessen grimmigster Feind Du sein solltest?«

»Kann ich mich zwingen, ihn zu hassen? Ich habe früher auch so gedacht wie Ihr; aber das Unglück hat mich unterwiesen, den Sinn auf Besseres zu richten. Die Armuth ist ein arges Uebel, und ich weiß nun, wie es dem Volke zu Muthe sein muß, wenn es den Angriffen der Ritter preisgegeben wird und den Lohn seiner sauren Arbeit mit Gewalt sich entreißen sieht. Wo Mord und Raub im Lande herrschen, da muß einmal ein Mann kommen, der sich des Schutzlosen kräftig annimmt.«

»Mord und Raub? Hrrr! Hm! Knabe, wahre Dich, daß mir der Zorn nicht wiederkehrt! Erst nanntest Du uns Strauchritter und Wegelagerer, und jetzt machst Du uns gar zu Räubern und Mördern. Wer, wie Ihr, selbst solch Werg am Rocken hat, der sollte doch wohl anders sprechen!«

»Das ist eine Unwahrheit, Vetter,« entgegnete Dietz, seine jugendliche Unüberlegtheit gar nicht bemerkend. »Wer da sagt, daß auch wir dergleichen thun, dem schlage ich die Lüge aus dem Gesichte. Unser Name ist berühmt im weiten Kreise, und niemals hat einer der Unsrigen so gehandelt, wie es auf Garlosen geschieht, nach dem, was wir in den letzten Tagen darüber gehört haben. Garlosen ist ein Raubnest, und es thut uns leid, daß auch Ihr dort verkehrt.«

»Hrrrrrrrr! Hmmmm!« schnaubte jetzt Herr Claus, indem er sich mit möglichster Schnelligkeit von dem Sessel erhob. »Jetzt ist meine Geduld alle, denn ich sehe, daß Du ein ebenso hitziger und rücksichtsloser Kopf bist wie Dein Vater. Keiner von den Eurigen hätte das gethan, was wir auf Garlosen thun, sagst Du? Weißt Du denn, daß es keinen größeren Räuber und Mörder, keinen schlimmeren Dieb und Buschklepper gegeben hat, als grad Euren berühmten Vater?«

Er stand mit vor Zorn geballten Fäusten vor den Jünglingen. Das heißgewordene Blut überzog sein Gesicht mit einer dunklen Röthe, und in seinen erregten Zügen sprach sich ein Haß aus, der lange in seinem Herzen verborgen gewesen sein mußte, um das sonst helle und immer lächelnde Gesicht auf solche Weise zu entstellen. Dietz konnte anfänglich gar nicht glauben, daß die Worte, die er gehört hatte, wirklich gesprochen worden seien; als er aber sich überzeugen mußte, daß er sich nicht getäuscht habe, rief er im heiligen Eifer der Kindesliebe:

»Wagt es nicht, das noch einmal zu behaupten, Vetter! Ihr nennt mich einen Knaben, und es mag sein, daß ich nicht vorsichtig gesprochen habe; aber wenn Ihr die Ehre meines Vaters antastet, so steht der Knabe als Mann vor Euch und wird Rechenschaft fordern über jedes einzelne Eurer Worte. Ihr seid ein wackerer Kämpe und versteht, mit dem Schwerte umzugehen, das wissen wir; doch habe auch ich nie gelernt, mich zu fürchten, und bedeute Euch also, Eure Rede zurückzunehmen!«

»Zurücknehmen? Hrrr! Hm! Was fällt Dir ein? Du wirst mich nicht der Lüge zeihen: der »schwarze Dietrich« ist kein Anderer gewesen, als Dein Herr Vater, welcher schnöden Gewinnes wegen das ruchlose Gesindel gegen seine Nächsten losgelassen hat. Widerlege es mir, wenn Du kannst!«

Cuno hatte bisher nur wenig Theil an dem Gespräche genommen; bei der letzten Behauptung aber sprang er mit erhobener Faust auf denselben zu. Es war ihm noch nicht möglich gewesen, die Ansichten des Bruders in allen Stücken theilen zu können; aber was jetzt von seinem Vater gesagt wurde, das war zu entsetzlich, zu fürchterlich, als daß in ihm nicht der helle Grimm darüber hätte auflodern sollen.

»Elender Verleumder!« rief er empört, »ich schlage Dich nieder, obgleich ich nur ein schwacher Bube bin!«

»Halt, Cuno!« wehrte Dietz ihn ab, indem er den zum Schlage bereiten Arm ergriff. »Er ist unser Vetter und nicht werth, daß ihn Deine Hand berührt. Komm, laß uns gehen! Stavenow mit seinem Ungeziefer ist kein Ort für ehrliche Leute!«

»Ungeziefer? Hrrr! Hm! Ich brauchte nur ein Wort zu sagen, um Euch zu verderben; aber ich habe Mitleid mit Euch und will Euch nicht entgelten lassen, was Euer Vater an mir verschuldet hat. Wartet nur einen Augenblick, so sollt Ihr sehen, ob ich die Wahrheit rede oder nicht!«

Er öffnete die Thür und rief mit schallender Stimme


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den Namen Wratislaw den Corridor hinunter. Nach wenigen Minuten erschien der Wende, demüthig fragend, was der Ritter von ihm begehre.

»Hrrr! Hm! Diese beiden Leute wollen wissen, wer der »schwarze Dietrich« gewesen ist. Ich befehle Dir, nichts als die lautere Wahrheit zu sagen!«

Das häßliche Gesicht des Mannes verzog sich zu einem widerlichen Grinsen, als er, das heimtückische Auge schadenfroh auf die Brüder werfend, die Antwort gab:

»Wenn Ihr es befehlt, Herr, so muß ich gehorsam sein, obgleich es sonst niemals über meine Lippen gekommen wäre. Der Ritter Dietrich von Quitzow war unser Hauptmann, als wir in der Wendenburg unser Lager hatten. Es waren nur Wenige, die es wußten, und zu diesen gehörte auch ich.«

»Gut, ein Mehreres ist nicht nothwendig, und Du kannst wieder gehen!«

Wratislaw verließ das Gemach, und Claus kehrte zu seinem Sessel zurück. Die Jünglinge blickten sich einander stumm in die Augen; es kam ihnen vor, als ob sie träumten und als ob irgend Etwas geschehen müsse, sie aus diesem Traume aufzuwecken. Zwar hatte die Aussage des Wenden keineswegs eine unumstößliche Giltigkeit für sie; aber es war doch wohl unmöglich, daß die Sache so ganz und gar aus der Luft gegriffen sein konnte, und die Ueberzeugung, mit welcher Claus gesprochen und gehandelt hatte, war gar wohl geeignet, Ihre Meinung zu erschüttern.

»Hrrr! Hm! Was sagt Ihr nun? Der Wratislaw könnte Euch viel erzählen von dem »schwarzen Dietrich«. Er ist oft zwischen dem Räuberlager und Plaue oder Friesack hin- und hergelaufen, um die Befehle des Herrn Dietrich von Quitzow zu holen oder auszuführen. Und wenn Ihr ihm keinen Glauben schenken wollt, so will ich Euch nur noch sagen, daß ich einst so unvorsichtig gewesen bin, mich von Eurem Vater zur Theilnahme verlocken zu lassen. Es standen mehrere Banden unter seiner Leitung, und ich ließ mich von ihm bewegen, eine derselben zu befehligen. Ich habe ihm geholfen, schwere Dinge auszuführen und bösen Undank von ihm dafür gehabt. Am Ende mußte ich noch froh sein, ohne Schaden für meinen ritterlichen Ruf zurücktreten zu können, der selbst jetzt noch sehr gefährdet ist. So haben sich die zwei Schlimmsten von den Leuten des »schwarzen Dietrich«, nämlich Wratislaw und Gieljuschken, nach dem Untergange der Bande zu mir gemacht, und ich muß sie nun bei mir dulden, weil sie sonst aus Rache meine Theilnahme an den räuberischen Thaten Eures Vaters verrathen würden. Und diese beiden Männer haben erst heut einen verkleideten Gegner von mir und Herrn Dietrich aufgegriffen, welcher die Absicht hatte, ein großes Unglück über uns zu bringen. Hrrr! Hm! Das ist Alles, was ich Euch sagen kann, denn mehr würde Euch nicht dienlich sein. Und nun nennt mich wieder einen Strauchdieb und Buschklepper, wenn Ihr den Muth und das Recht dazu habt!«

Das war zu viel für die Brüder. Es war ihnen zu Muthe, als habe jemand ihnen das Allerheiligste ihres innern Lebens entweiht und zertreten; wie zerschmettert standen sie vor dem Vetter und sannen vergebens auf Worte, ihren Gefühlen den richtigen Ausdruck zu geben. Endlich brachte Dietz mühsam hervor:

»Verzeiht, Herr Claus, wenn ich Euch zu viel gethan habe, und erlaubt uns, Euch jetzt zu verlassen! Was Ihr uns mitgetheilt habt, ist zu schwer, als daß wir es sogleich fassen und tragen könnten, und wir müssen zuerst das Gräßliche zu überwinden suchen, ehe wir Euch eine feste und richtige Antwort geben können.«

»Ja, geht jetzt,« meinte der Ritter, und sein vorhin so zorniges Angesicht nahm jetzt den froheren milden Ausdruck an. Es war ihm anzusehen, daß er es fast bereute, ihnen die furchtbare Mittheilung gemacht zu haben, und seine Stimme klang weicher noch, als gewöhnlich, als er hinzufügte: »Ich bin wahrlich nicht so schlimm, als Ihr von mir dachtet, nur hättet Ihr mich nicht in Aerger bringen sollen, denn dann wäre Euch diese traurige Erfahrung erspart geblieben. Hrrr! Hm! Nun es aber einmal geschehen ist, so müßt Ihr es muthig auf Euch nehmen und zu überwinden suchen. Thut, was Ihr wollt. Euer Vater hat mich zu Dingen beredet, die ich ohne sein Verlocken nicht gethan hätte, und sein Undank, mit welchem er mir lohnte, hat mich ihm entfremdet. Aber Ihr könnt ja nichts dafür und sollt es nicht entgelten. Darum habe ich Euch willkommen geheißen und werde diesen Gruß auch nicht zu schanden machen. Bleibt bei mir, so lange es Euch gefällt, nur laßt mich ungestört meine Wege gehen!«

»Können wir nicht noch erfahren, welches große Unglück es ist, welches heut' über Euch und unsern Vater gebracht werden sollte?«

»Hrrr! Hm! Es ist Mehreres, von dem ich Euch nur das Eine sagen will, daß ein Mann, der den »schwarzen Dietrich« besser gekannt hat, als sogar Ihr ihn kennt, und den ich längst gestorben oder verschollen glaubte, aus der Ferne herbeigekommen ist, um sich an ihm und wohl auch an mir für ein Leid zu rächen, welches ihm von Eurem Großvater und dann später auch von dem Herrn Dietrich angethan worden ist.«

»Von dem Großvater? Welches Leid war dies?«

»Laßt es gut sein! Es ist besser für Euch, wenn Ihr von solchen Dingen nimmer Etwas vernehmt!«

»Aber es ist doch unsere Pflicht, dieses Leid nach Kräften zu sühnen oder gut zu machen!«

»Sühnen? Gut machen? Hrrr! Hm! Das ist längst zu spät und nie mehr möglich, vielmehr gebietet es mir die Sorge für mich und Euch, den Mann durch Gewalt an - Hrrr! Hm! wollte sagen, den Mann zur Schweigsamkeit zu vermögen.«

Er hatte etwas Anderes sagen wollen und den angefangenen Satz vorsichtig unterbrochen. Dietz aber errieth die Worte, welche unausgesprochen geblieben waren, und faßte den Vetter bei der Hand.

»Fügt dem früheren Unrechte nicht ein neues bei,« bat er. »Ich weiß nicht, um was es sich handelt, aber ich will es nicht haben, daß unsertwegen etwas Ungutes geschehe!«

»Was ich zu thun habe, das geht Dich nichts an. Wer einen Feind und Verräther schont, der reißt sich selbst die Mauern ein. Nun aber geht; das viele Reden hat mich ganz von Kräften gebracht. Hrrr! Hm! Ich denke, daß mir ein tüchtiger Schluck ganz von Nöthen sein wird; meine Kehle ist mir so heiß und trocken geworden wie eine Feueresse; also macht, daß Ihr von hinnen kommt, sonst klebe ich inwendig vor lauter Durst zusammen!«

Es blieb ihnen nichts übrig, als seinem Willen Ge-


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horsam zu erweisen, obgleich das Gespräch noch zuletzt eine Wendung genommen hatte, die ihnen eine Fortsetzung desselben wünschenswerth machte. Wieder auf ihrer Stube angekommen, fielen sie einander sprachlos und weinend in die Arme. Der Schlag, welcher sie getroffen hatte, war zu groß, daß sie sich schwacher Worte hätten bedienen sollen, und der Schmerz über den Verlust ihres besten, ihres heiligsten Ideales machte sich nur in heißen Thränen Luft. So hielten sie sich lange umschlungen, und erst dann löste sich die treue Umarmung auf, als ihr Auge keine Thränen mehr fand.

»Weißt Du, welchen Mann der Vetter meint?« frug endlich Cuno.

»Wohl keinen Andern, als den Mönch,« antwortete Dietz. »Du hast mit gehört, daß er nur verkleidet sein soll; er ist kein Klosterbruder, und es droht ihm Gefahr. Der Vetter sagt, daß ihm ein Leid geschehen sei; wir dürfen nicht zugeben, daß ihm ein zweites und größeres zugefügt werde. Willst Du ihn mit retten?«

»Wie darfst Du fragen, ob ich will! Ist es nicht eine heilige Verpflichtung für uns, ihn in unsern Schutz zu nehmen?«

»Gewiß ist es das! Und dann werden wir von ihm vielleicht auch alles erfahren, was der Vetter uns verschwiegen hat.«

Er wurde verhindert, mehr zu sagen, denn Schwalbe trat ein. Das geheimnißvoll pfiffige Gesicht, welches er machte, schien auf eine Neuigkeit zu deuten, die er den jungen Männern bringen wolle.

»Wenn der Schwalbe sich eenmal Etwas vorgenommen haben thut,« meinte er, »so thut es ihm auch keene Ruhe lassen, bis er es fertig gebracht haben werden wird.«

»Wie meinst Du das?«

»Wie ich dat meenen thue? Nun, ich habe mir off die Lauer begeben und Etwas erfahren, was für Euch gut sein können werden thut.«

»Schön! daß Du ein schlauer Bursche bist, das wissen wir. Sage an, was es giebt.«

»Wat es giebt. Nun, es giebt eene Neuigkeit, die ich erlauscht haben thue. Herr Claus that sich nämlich zu die beeden Wenden begeben, und weil dat off etwas Ungewöhnliches schließen dürfen ließ, so schlich ich mir hinter ihm her und that mein Ohr leise an die Thür legen. Wat ich da gehört habe, dat is im Betreff off den Klosterbruder, von welchem Ihr vorhin gesprochen haben thut.«

»So sprich, und stelle uns nicht so lange auf die Probe.«

»Erzählen? Ich thue ja schon längst damit angefangen haben! Ich habe mich die Geschichte nicht richtig zurecht legen können, weil ich Vieles nicht verstehen that; aber es is eenmal eene große Räuberburg gewesen an der Spree, wo der richtige Dietrich von Quitzow gefangen gehalten werden that. Dort is der falsche Dietrich von Quitzow Anführer gewesen, und der Graf Günther von Lindow hat mit den Berliner Bürgern dat Nest erstürmt, wobei der Richtige todtgeschlagen worden is. Dieser Richtige hat eenen Vater gehabt, welchem Euer Großvater, der Ritter Cuno von Quitzow, die Braut weggenommen haben that, von der seit diesen Zeiten der Falsche abstammen thut. Sie is dann als Amme auf Schloß Quitzhövel gekommen und hat aus Rache den Richtigen mit dem Falschen umgetauscht. Ihr Mann, welcher der Jäger Günther sein that, that darauf nach Lübeck gehen und hat sich jetzt verkleidet auf Stavenow eingestellt, weil er Etwas thun will, wat ich nich verstehen thun konnte. Es thaten noch mehrere Personen bei der Geschichte sein, een wendischer Priester, eene Hexe Macha, een Bürgermeister von Lübeck, een alter Graf aus Schwaben, den der falsche Ritter Dietrich mit seinem Sohne in das Verließ hatte stecken lassen gehabt, der Wratislaw, dem Gieljuschken sein Vater, die den Richtigen bewachen mußten, und eene Schrift, die darüber abgefaßt werden that. Aber die Thür is so dick, und die Drei thaten so leise sprechen, daß ich nich verstehen konnte, wat alle diese Leute dabei zu thun gehabt haben wurden. Auch der Ritter Claus thut mit in die Räuberburg und in dem Richtigen seine Gefangenschaft mit verwickelt gewesen sein, und nun soll der Jäger Günther heut' Abend fortgeschafft werden.«

»Nach Garlosen in's Gefängniß?«

»Dat hat erst werden sollen; aber dann meente Herr Claus, een Todter thäte nich mehr sprechen können, und im Walde thäte viel Platz zu eenem Grabe sein. So, dat is es, wat ich gehört haben thue; dann mußte ich mir schnell von die Thür wegmachen, weil ich hören that, daß die Unterredung een Ende nehmen wollen werde.«

Der Bericht Schwalbe's war höchst mangelhaft, und bei seiner eigenthümlichen Art und Weise, sich auszudrücken, gesellte sich zu dieser Mangelhaftigkeit noch eine Unklarheit, die es den Jünglingen fast unmöglich machte, sich über die Verhältnisse zu orientiren, welche dem belauschten Gespräche zum Gegenstande gedient hatten. Doch erkannten sie wenigstens so viel, daß unter dem »Falschen« ihr Vater und unter dem »Richtigen« jener ermordete Gefangene zu verstehen sei, daß es sich also um die gesetzlich richtige Abstammung ihres Vaters handle. Die einzige befriedigende Aufklärung konnte ihnen nur der Mönch geben, der nach dem Gehörten in der größten Gefahr schwebte, den ihnen unbekannten Zweck seines Kommens mit dem Tode zu büßen. Hier in Stavenow oder gar in Garlosen war ihres Bleibens nicht länger, das erkannten Beide, ohne daß sie sich eine Mittheilung davon machten. Und wenn sie, die Söhne des Geächteten, nun auch nicht hatten, wo sie ihr Haupt zur Ruhe legen konnten, so war diese Armuth doch besser als aller Reichthum, der seine Wurzel in das Unrecht gründet und seine Nahrung aus der Vergewaltigung zieht.

»Du hast Deine Sache gut gemacht,« belobte Dietz den treuen Diener, »und wir möchten Dir gern alle Liebe und Güte für Deine Aufmerksamkeit erweisen; aber dies ist uns nicht möglich, denn wir haben selbst nichts, gar nichts von dem, was wir bedürfen, und müssen noch heut wieder von hier fortgehen, ohne daß wir wissen, wohin der Weg uns führen wird.«

»Fortgehen?« fragte er erstaunt. »Dat is mich noch nich einleuchtend; habt Ihr doch Euren Vetter, den Ritter Claus hier und auch uns - ich thue nämlich mir und den Caspar Liebenow meenen. Wat Ihr hier auf Stavenow gewollt haben thut, dat thue ich allerdings nich wissen, und ob Ihr Eure Sache hier schon abgemacht haben werdet, dat thue ich erst recht auch nich wissen, aber, Gott straf mir, wenn ich fluche, wie der Wachtmeister immer sagen thut, Mordelement und Mohrenblitz, wenn Ihr off alle Fälle fort wollen thun werdet, so bleibe auch ich keene Minute länger in diesem alten Winkelneste, son-


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dern ich thue mit Euch gehen, wohin Ihr mir nur immer führen thun werdet!«

»Nein, Schwalbe, das geht nicht! Hier hast Du Alles, was Du verlangen kannst, und bei uns findest Du gar nichts von dem, was Du als Diener zu fordern hast, denn wir sind so arm und elend, daß wir nicht einmal ein Stücklein Brodes für uns selbst haben. Auch giebt es keinen Ort, den wir unser eigen nennen dürfen, und wir wissen noch gar nicht einmal, wohin wir uns wenden werden.«

»Dat is es ja eben, weshalb ich mit Euch gehen werden will! Ich thue Euch nich brauchen, das is wahr; aber Ihr thut mir nothwendigkeiter Weise gebrauchen, und dat is ebenso auch wahr. Ich thue mit Euch gehen werden, und wenn Ihr mir nich mitnehmen wollt, so werde ich immer hinter Euch herlaufen, bis Ihr mir aus Gnade und Barmherzigkeit erlauben müßt, mitzukommen. Dann will ich vor den Klosterthüren für Euch betteln und bei den Bauern für Euch einbrechen, und wer Euch etwas zu Leide thun mögen will, den thue ich todtschlagen. Und wenn dat Alles gar nicht mehr gehen und helfen will, so thut Ihr meinetwegen mir selbst schlachten und braten und aufessen. Und der Caspar Liebenow, der Wachtmeister, der wird auch nich hier bleiben, sondern - - erlaubt, Herr Junker, daß ich schnell zu ihm laufen thue!«

Dieser Entschluß kam so rasch und wurde so schnell ausgeführt, daß der Sprecher verschwunden war, noch ehe einer der beiden Brüder den geringsten Einwand hatte machen können. Und ebenso schnell wurde die Thür wieder geöffnet, und Schwalbe brachte den Kameraden beim Arme hereingezogen. Es war offenbar, daß derselbe sich in der Nähe aufgehalten hatte; jedenfalls aus demselben Grunde, der auch Schwalbe die Veranlassung geworden war, seine Augen und Ohren offen zu haben.

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche,« rief er, indem er sich dem kräftigen Griffe zu entziehen suchte, »aper, Pruder Schwalpe, was ist denn eigentlich für ein Deiwel in Dich hineingefahren, daß Du mich draußen üperfällst und hereinschleppst, als sollte ich hier auf der Stelle gekocht und gepraten werden!«

»Dat thust Du gleich hören werden! Komm nur eenmal her, Caspar. Die Herren Junker werden Dich Etwas sagen, worüber Du Dir wundern wirst.« '

»Wundern? Das thue ich schon sehr genugsam üper Dich, denn es ist mir seit der Nacht, wo Du mit Deinem Kopfe die Hütte pei Garlosen einranntest, gar nicht vorgekommen, daß Du Kraft in Deinen alten Knochen hast. Was ist es denn eigentlich, was ich erfahren soll?«

»Dat will ich Dich selber sagen: Die Junker thun nich mehr hier bleiben wollen, sondern werden schon heut wieder fortzugehen beginnen!«

»Was? Nicht länger hier pleipen? Schon heut wieder fort zu gehen peginnen? Da schlage doch der Plitz in die Geschichte! Da hape ich mich gefreut wie ein König, daß Ihr hier so schön pei uns seid, und nun wollt Ihr schon wieder gehen?«

»Ja, mein guter Liebenow, es wird wohl nicht anders werden!«

»Gut, wenn es nicht anders sein kann! Aper wo werden wir denn hingehen?«

»Wir? Davon ist wohl keine Rede! Ihr werdet auf Garlosen zurückbleiben, bis einmal die Zeit gekommen ist, wo wir Eurer mehr bedürfen als jetzt.«

»Mehr pedürfen? Mord und Todtschlag, wann werdet Ihr uns denn mehr prauchen und pedürfen als grad jetzt? Nein, entweder pleipt Ihr hier, und wir mit Euch, oder Ihr geht fort, und wir auch mit Euch! Glaupt Ihr denn etwa, daß wir es nur eine einzige Stunde ohne Euch hier aushalten könnten, nun wir Euch einmal hier gehapt hapen? Nein, daraus wird nichts! Nicht wahr, Pruder Schwalpe, wir verlassen unsere liegen kleinen Junker nicht?«

»Wat denkst Du denn eigentlich von mich, daß Du mir noch fragen kannst? Ich thue Dir ja dieserwegen hereingeschleppt haben, um damit Du mich beistehen sollst gegen die Junker, die uns nich mitgehen lassen wollen thun!«

»Nicht? Mordplitz und Mohrenelement! Gott straf mich, wenn ich fluche, aper davon kann ja niemals und nimmer nicht die Rede sein, daß wir uns hier noch länger auf den Straßen herumprügeln, damit die Poldewins und der dicke Claus ihren gewohnten Humpen hinunterspülen können! Ich hape die Puschklepperei von ganzem Herzen satt, und ganz Stapenow sammt Garlosen ist mir so üperdrüssig, als hätte ich siepzig Jahre lang Steine davon zu kauen gehapt. Wir gehen mit, Pruder Schwalpe, und wer Etwas dagegen hat, der mag alleine gehen, wir aper laufen dahinter her!«

»Da thut Ihr es ja hören, Herr Junker! Der Liebenow läßt sich nich halten, und da thue ich auch nich anders können!«

Nun erhob sich ein Wettstreit zwischen den Brüdern und den beiden treuen Leuten, der schließlich so laut und leidenschaftlich wurde, daß Dietz allen Ernstes zur Ruhe mahnen mußte. Und da weder Bitten noch Vorstellungen Etwas halfen, so war er endlich gezwungen, seine Hülfe zu den Befehlen zu nehmen. Da mußten sich nun allerdings die zwei Widerspenstigen nothgedrungen fügen. Mit wahren Armensünder-Gesichtern standen sie da, und die tiefste Niedergeschlagenheit klang aus der Stimme des Wachtmeisters, als er, sich in das Unvermeidliche ergebend, sprach:

»Gut, so wollen wir dapleipen; aper wenn ich schon morgen oder üpermorgen vor Sehnsucht nach Euch in die Grupe fahre, so hapt Ihr das auf Eurem Gewissen! Niemand wird sich so sehr darüper freuen, daß wir nicht mit dürfen, wie der Pruder Steckelpein mit seinem Stapenopelopowitsch. Ich möchte nur wissen, was die Peiden gesagt hätten, wenn wir auf einmal fortgewollt hätten. Ich glaupe, sie wären auch mitgegangen!«

»Da siehst Du ja,« meinte Cuno, »daß es hier noch Leute giebt, denen Ihr lieb und werth seid! Und überdies hättet Ihr Euch ja erst die Erlaubniß Eurer Ritter holen müssen, und ich glaube, daß dieselbe Euch verweigert worden wäre.«


Ende des siebzehnten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk