Heft 28

Feierstunden am häuslichen Heerde

10. März 1877

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


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»Beweisen? Gut, welche Beweise verlangst Du?«

»Wer ist der »Schwarze« eigentlich gewesen?«

»Das hat er selbst Euch Allen verschwiegen und wir haben von ihm nicht die Erlaubniß bekommen, es Euch zu sagen. Frage weiter!«

»Ja, was soll ich Euch fragen! Ich weiß ja gar nicht, welche Beweise er Euch mitgegeben hat.«

»Wir haben einen Beweis, den Ihr schon anerkennen werdet, und der hängt hier an unserer Seite,« meinte Cuno, indem er mit der Linken an das Schwert schlug.

Hörst Du es, Jobst?« fügte Dietz hinzu. »Und wer diesem Beweise keinen Glauben schenkt, dem geht es wie Wratislaw und Gieljuschken von der Wendenburg, die wir beide niedergestoßen haben!«

»Ihr kennt Wratislaw und Gieljuschken und sprecht von der Wendenburg? Mehr bedarf es nicht, und ich kann Euch Glauben schenken. Willkommen, Ihr Herren. Nun werde ich mit meinen Kameraden auch nicht fortgehen, wenn wir sie noch am Leben treffen, sondern Euch gern Gehorsam und Treue leisten in allen Stücken, die Ihr von mir verlangt!«

»Wehe den Mannen, wenn sie diese Leute und die beiden Uchtenhagen gemordet haben! Wir werden ein strenges Gericht halten. Nun brauchst Du keine andere Hülfe zu holen, denn wir selbst werden den Bedrohten Rettung bringen. Vorwärts zur Ruine!«

Es war ein verwegener Entschluß, verwegen in des Wortes kühnster Bedeutung; aber es galt die Rettung Vieler, es galt eine ganze Schaar von Bösewichtern wo möglich zum Guten zurück zu führen, es galt, eine Sühne für den Mann zu leisten, der nach dem, was sie erfahren hatten, kein Anderer als ihr Vater sein konnte.

»Ja, vorwärts,« stimmte Cuno bei, welcher sich jetzt überlegter zeigte, als der von seinem Vorhaben begeisterte Bruder.

»Zuvor aber wollen wir Alles bei Seite schaffen, was die Vorgänge verrathen könnte, welche hier geschehen sind.«

»Damit, Herr,« meinte Jobst, »zeigt Ihr mir deutlich, daß Ihr wirklich auf das bedacht seid, was unsern Leuten frommt und Nutzen bringt. Kommt, laßt uns schnell zugreifen, damit wir die Bedrohten bald aus ihrer Angst erlösen!«

Man beseitigte das Seil und verbarg sowohl die Menschen-, als auch die Thierleiche an einem versteckten Orte, sodaß wenigstens kein während dieser Nacht vielleicht noch Vorüberkommender eine Ahnung von den geschehenen Dingen haben konnte. Dann aber schlugen die Männer, Jobst an der Spitze, den Weg nach der Ruine ein.

Nach einer so viel wie möglich beschleunigten Wanderung gelangten sie an das Ufer des See's, dessen glatte Eisfläche in matter Helle vor ihnen lag, so daß einem scharfen Auge jede Bewegung auf demselben zu erkennen möglich war. Jobst hemmte seine Schritte und erhob den Arm, um die Richtung anzudeuten, in welche die ihm Folgenden blicken sollten.

»Seht Ihr dort den runden, schwarzen Flecken, der Landzunge gegenüber?«

»Ja. Es ist wohl eine Insel?«

»Dieselbe, von der ich Euch sagte, daß wir da eingekerkert gewesen sind. Und seht Ihr die kleinen, dunklen Punkte, welche sich von dem Lande auf sie zu bewegen?«

»Auch diese sehe ich,« antwortete Dietz. »Das sind entweder Thiere oder Menschen. Vielleicht ein Rudel Hirsche oder eine Familie von Wildschweinen, die dort ihre Aesung suchen.«


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»Nein, das sind die Leute, welche aus der Ruine abgeschickt sind, um sich meiner armen Genossen zu bemächtigen. Wir sind grad noch zur rechten Zeit gekommen, um sie an ihrem bösen Werke zu verhindern. Kommt! Sobald sie die Insel erreicht haben, werden wir ihnen folgen. Die Anderen werden wohl nach dem Geschehenen mit der größten Vorsicht verfahren und doppelte Wachen ausgestellt haben. Ich glaube, daß wir jedenfalls auf eine solche stoßen, ehe wir das Eis betreten.«

Diese Voraussetzung zeigte sich bald als richtig, denn sie waren noch keine weite Strecke längs des Ufers hingegangen, so erhoben sich plötzlich grad vor ihnen zwei Männer, von denen sie laut und barsch angerufen wurden:

»Wer seid Ihr, und was habt Ihr hier zu suchen?«

Sie waren von ihnen leicht bemerkt worden, da sie sich keinerlei Mühe gegeben hatten, ihren Weg in so vorsichtiger Weise zu verfolgen, daß sie unentdeckt bleiben konnten.

»Gehört Ihr zu den Leuten, welche der »Schwarze« hier in die Ruine gelegt hat?« frug Dietz, indem er furchtlos auf sie zutrat.

Eine solche Frage hatten sie nicht erwartet; sie kam ihnen vielmehr so unverhofft, daß sie, nicht wissend, was sie antworten sollten, einander verdutzt ansahen.

»Nun, bekomme ich bald eine Auskunft? Ich habe keine Zeit, lange auf Eure Rede zu warten!«

»So sagt uns erst, wie Ihr zu solchen Worten kommt!«

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Ihr hapt weiter Nichts zu thun, als dem jungen Herrn Eure Antwort zu gepen!« klang es ihnen da aus dem Munde des entschlossenen Wachtmeisters entgegen. Er trat vor sie, packte mit je einer Hand einen von ihnen bei der Brust und schüttelte sie in einer Weise gegen einander, daß sie wohl erkannten, gegen eine solche körperliche Stärke sei von ihrer Seite gar nicht aufzukommen. »Nun, Ihr Deiwelspraten, wir kommen von dem »schwarzen Dietrich« und wollen wissen, op Ihr zu seinen Leuten gehört. Wenn Ihr nicht pald eine Antwort gept, so schlage ich Euch mit den Köpfen zusammen, daß die Stücke davon üper den See hinüperfliegen!«

»So laßt doch nur los! Ja, wir gehören zu ihnen.«

»Gut. Sind noch Andere von Euch hier in der Nähe?« frug Dietz weiter.

»Ja; wir haben eine Wächterreihe um die ganze Ruine gezogen, weil uns heut' eine schlimme Gefahr droht.«

»Ich kenne diese Gefahr und habe sie bereits von Euch abgewendet. Euer jetziger Anführer, der »Reiter«, welcher Euch von dem »Schwarzen« gegeben wurde, ist todt. Wer ist einstweilen an seine Stelle getreten?«

»Der lange Thomas.«

Jobst war zurückgetreten, sodaß die beiden Männer ihn nicht zu erkennen vermochten. Die Worte Dietzens zeugten von einer solchen Bekanntschaft mit ihren Verhältnissen, daß sie gar nicht auf den Gedanken kamen, irgend einen Zweifel an seiner Behauptung, daß er ein Abgesandter ihres berühmten oder vielmehr berüchtigten und gefürchteten Hauptmanns sei, zu hegen. Er kannte sogar schon die Gefahr, in welcher sie standen, und versicherte, dieselbe bereits von ihnen abgewendet zu haben; das imponirte ihnen, und so war ein Widerstand von ihrer Seite gar nicht zu befürchten.

»So geht, und ruft die Leute alle zusammen! Ich habe Euch gute Botschaft zu bringen und werde zunächst selbst nach der Insel gehen, um Diejenigen, welche sich jetzt dort befinden, herbei zu holen.«

Diese Worte wiesen auf eine Vertrauen erweckende Lokalkenntniß hin, und waren so kurz und bestimmt ausgesprochen, daß sie auf der Stelle ohne alle Gegenrede befolgt wurden. Der Anfang war also gemacht und zeigte sich so befriedigend, daß es den beiden Jünglingen etwas leichter um das Herz wurde, als es ihnen trotz allen Muthes bisher um dasselbe gewesen war.

Jetzt schritten sie nach der Insel zu und wurden, auf derselben angekommen, von Schwalbe nach dem Brunnenschachte geführt. Hier fanden sie keine Wache aufgestellt, sondern die Männer, welche vor ihnen hier angekommen waren, hatten sich alle hinab in den Stolln begeben.

»Macht schnell, Herr,« drängte Jobst, »sonst sind die armen Teufel alle verloren! Ich habe ihnen zwar Speise und Trank gebracht, aber das hat ihre Kräfte doch nicht so schnell stärken können, daß sie Widerstand zu leisten vermögen, wenn es ihnen an das Leben geht.«

Dietz dachte nicht an die Gefahr, welcher er entgegenging, sondern nur an die Rettung, die er zu bringen hatte.

»Du bleibst mit Jobst und Schwalbe oben,« wandte er sich an Cuno, »und Ihr kommt nur dann hinab, wenn ich um Hilfe rufe. Du aber, Caspar, folgest mir, denn Du bist der Stärkste von uns allen und kannst mir im Falle der Noth den besten Beistand leisten!«

»Mohrenplitz, Herr Dietz, ja, ich gehe mit, und wenn es Einer wagen sollte, Euch nur unrecht anzuplicken, dem stoße ich die Faust in die Gurgel, daß sie ihm pis hinunter in die Stiefel fahren soll! Steigt nur hinap. Ich pin pereit und werde dem Deiwelsvolke schon die Seele aus dem Leipe pochen, wenn es ihnen etwa einfällt, Euch etwas Pöses zufügen zu wollen! Ich pin der Wachtmeister Caspar Liepenow, und wer mich in die Hitze pringt, der praucht sich keinen Augenplick mehr um sein seliges Ende zu pekümmern!«

Sie stiegen hinab. Unten angekommen, fanden sie, daß die Männer, welche vor ihnen die Insel betreten hatten, alle in dem Stolln verschwunden waren, an dessen Ende sich die Gefangenen befanden.

»Vorwärts, Caspar, bücke Dich und nimm Dein Messer zur Hand,« gebot Dietz.

Der Schein einer brennenden Fackel drang ihnen entgegen, und bald konnten sie die Gestalten unterscheiden, welche den vor ihnen liegenden Raum dicht füllten.

»Binden?« klang eine barsche Stimme. »Das ist gar nicht nöthig! Wir geben ihnen den Gnadenstoß; dann ist es einfach ab.«

»Ja, ab ist es dann, aber auch mit Euch,« mahnte Dietz schnell und schob sich trotz der Enge des Ganges an dem Vordersten vorbei und stand nun inmitten der runden Aushöhlung, welche den Bedrohten als Aufenthalt gedient hatte. Seine Erscheinung brachte eine gewaltige Ueberraschung unter den Anwesenden hervor, doch machte er den lauten und erschreckten Ausrufungen schnell ein Ende: »Seid ruhig! Ich komme von dem »schwarzen Dietrich«, um Rechenschaft von Euch zu fordern über Alles, was


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während seiner Abwesenheit unter Euch geschehen ist. Wo befindet sich der lange Thomas, hier oder in der Ruine?«

»In der Ruine,« erklang die willige Antwort. Schon der Name des gefürchteten Häuptlings war geeignet gewesen, sie vollständig einzuschüchtern, und die Verwegenheit des Junkers, sich mitten unter sie herab zu wagen, brachte eine gleiche Wirkung auf sie hervor.

»Er wird mir Rede stehen müssen über den Mord, den er Euch befohlen hat! Noch habe ich nicht mit ihm gesprochen. Wollt Ihr zu ihm halten oder zu mir?«

»Wir kennen Euch nicht,« meinte der Sprecher, welcher vorhin nichts vom Binden hatte wissen wollen. »Und übrigens brauchen wir keinen Herrn; wir sind alt genug, um selbst zu wissen, was wir zu thun haben!«

»Gut; wenn Du mich noch nicht kennst, so sollst Du mich kennen lernen! Caspar!«

»Hier pin ich, Herr Junker!« antwortete der Wachtmeister, welcher unbemerkt stehen geblieben war.

»Du lässest Niemanden vor, sondern stichst Jeden nieder, der ohne meine Erlaubniß fortgehen will.«

»Schön, mein lieper Herr Dietz! Laßt die Kerle nur kommen; wir werden ihnen schon zeigen, wem sie Gehorsam zu leisten hapen!«

»Ihr seht,« fuhr Dietz fort, »daß Ihr Euch alle in meiner Hand befindet. Droben stehen meine Leute, die blos auf meinen Befehl warten, Euch jede Feindschaft gegen mich zu vergelten. Wollet Ihr mich als Euren Anführer und Gebieter anerkennen oder nicht?«

»Ja, Ihr sollt es sein, wenn Euch der »Schwarze« wirklich sendet!« rief es im Kreise, und die vorherigen Gefangenen gaben diese Zusage natürlich mit freudiger Bereitwilligkeit. Nur der Eine, welcher schon vorhin gesprochen hatte, zeigte sich zu der Anerkennung nicht bereit.

»So bindet ihn. Das soll die erste Handlung sein mit welcher ich Euren Gehorsam prüfe!«

Trotz der Gegenwehr des Widerspenstigen wurde dieser Befehl sofort ausgeführt.

»Er mag hier liegen bleiben, bis ich über ihn entschieden habe; jetzt aber folgt Ihr mir nach oben!«

An den Vordersten vorbei, kehrte er wieder in den Stollen zurück und stieg dann mit Liebenow die Leiter empor. Die Leute folgten ihm. Noch hatte er die Mündung des Brunnenloches nicht erreicht, so vernahm er das Klirren von Waffen, und er vermuthete sogleich, daß auf die Benachrichtigung durch den Posten der lange Thomas den Entschluß gefaßt habe, ihn auf der Insel zu überfallen. Rasch stieg er vollends empor und warf sich mit dem Schwerte unter die Kämpfenden. Es waren der Feinde nicht viele, aber doch genug, um die drei Personen, welche oben geblieben waren, leicht zu überwinden. Schon waren ihrer nur noch zwei, und die Hülfe kam grad noch zur rechten Zeit. Da sich schon Leute auf der Insel befunden hatten, so hatte man jedenfalls die Fremden in einer ganz anderen Situation erwartet, und als nun Dietz und der Wachtmeister mit ihren frischen Kräften an dem Kampfe theilnahmen, um die Angreifenden theils niederzustoßen und theils zu entwaffnen.

Ein glücklicher Umstand war es allerdings, daß die Ersten der aus dem Brunnen steigenden Räuber zu den erretteten Gefangenen gehörten und nicht zögerten, ihren Rettern beizustehen, sonst hätte die Sache doch vielleicht noch eine andere Wendung nehmen können. Dietz beschloß darum, einer Wiederholung dieser Gefahr sofort vorzubeugen.

»Die haben den Lohn ihres Ungehorsams erhalten, und so wird es Jedem gehen, der es wagt, sich mir zu widersetzen. Schließt einen Kreis um mich!«

Die Leute gehorchten.

»Legt Eure Hände auf dies Schwert und schwört mir Treue und Gehorsam in Allem, was ich Euch befehlen werde!«

Jobst und seine Leidensgefährten thaten sogleich, wie er ihnen geheißen hatte; die Anderen folgten etwas langsamer; aber sein ganzes Benehmen und Wesen imponirte ihnen dergestalt, daß sie es doch nicht wagten, seine Rechte, einen solchen Schwur von ihnen zu fordern, einer näheren Prüfung zu unterwerfen.

»So!« meinte er, das Schwert befriedigt in die Scheide steckend. »Nun laßt uns nach der Ruine gehen!«

»Halt, Herr Junker! Wo ist denn eigentlich unser Pruder Schwalpe?« frug der Wachtmeister, indem er sich suchend umschaute.

Jetzt erst vermißte auch der Gefragte den treuen Diener und gebot, nach ihm zu forschen. Man brauchte sich nicht lange vergebliche Mühe zu geben, denn schon nach wenigen Augenblicken fand man ihn todt im Schilfe liegen. Im Handgemenge mit einem der Buschklepper war er abseits getrieben worden und gefallen. Es war also doch, als hätte eine bestimmte Ahnung ihn veranlaßt, sich schon in Zachow der nächtlichen Wanderung zu widersetzen, wie er ja dann auch später seinen Herren nur ungern von der Straße nach den versteckten Klostertrümmern gefolgt war. Keiner von Allen empfand eine so große Trauer um den Gefallenen, als sein treuer Special, der Wachtmeister Liebenow, welcher noch grimmiger dreinschaute als selbst Jobst, der den erst jetzt wiedergefundenen Bruder nun auch schon wieder verloren hatte.

»Herr Dietz, gept mir so zwei oder drei Dutzend Menschenkinder, die ich todtschlagen soll,« rief Caspar. »Ich muß Etwas haben, an dem ich meine Wuth auslassen kann. Welcher von dem Deiwelsgezüchte muß es nur gewesen sein, der ihn so um das Lepen gepracht hat!«

Das war nun freilich schwer zu sagen. Die Todten konnten nicht reden, und die Ueberwundenen, welche, anstatt gefangen zu sein, es vorgezogen hatten, den Schwur mit zu leisten, hätten den Thäter jedenfalls nicht verrathen, falls er sich unter ihnen befand. Uebrigens war auch jetzt gar keine Zeit übrig zu Ausbrüchen der Trauer und unnützen Untersuchungen, und darum gebot Dietz, die Insel zu verlassen und sich um die Todten einstweilen nicht weiter zu kümmern.

Als sie die Landspitze erreichten, tauchte ein Mann vor ihnen auf.

»Bringt Ihr sie?« frug er.

»Nehmt ihn in Eure Mitte!« gebot Dietz kurz. Es war ein Wachtposten, welcher ihnen nun wohl oder übel folgen mußte.

An dem breiten, eingefallenen Portale trafen sie einen zweiten Posten, der dieselbe Frage aussprach. Auch er wurde mitgenommen. Jobst hatte sich mit den beiden


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Junkern an die Spitze gestellt und diente als Wegweiser.

»Hat der »Schwarze« Euch von dem verborgenen Wege gesagt, welcher in den großen Keller führt?« frug er leise.

»Nein.«

»Wenn Ihr ihn gehen wollt, so könnt Ihr die Leute unten in Erstaunen setzen, und Keiner wird dann einen Zweifel wagen.«

»Wo ist dieser Weg?«

»Ihr dürft nur den Wachtmeister mitnehmen und müßt ihn vor den Anderen verschweigen.«

»Die Leute befinden sich also in dem großen Keller?«

»Ja.«

»So warte!«

Er blieb stehen und wandte sich den ihm Folgenden zu.

»Ihrer wie Viele seid Ihr jetzt?«

»Nicht mehr als dreißig und etliche.«

»Es ist gut. Begebt Euch hinunter nach dem großen Keller. Wenn der lange Thomas Euch Feindseligkeit erweist, so nehmt Ihr ihn gefangen! Ich komme gleich nach.«

Obgleich sie nicht begreifen konnten, warum er an einem solchen Augenblicke, wo seine Gegenwart doch nothwendig war, nicht mit ihnen gehe, folgten sie doch dem Befehle und waren bald im nächtlichen Dunkel nicht mehr zu erkennen.

»Nun kommt! Doch gehet leise; es könnte Jemand in der Nähe sein, der uns folgte und so das Geheimniß erführe!«

Der Weg führte mühsam zwischen Trümmern und Mauerresten hindurch und endete vor einer Nische, in welcher die steinerne Figur irgend eines der vielen Heiligen stand, die von der römischen Kirche verehrt werden.

»Ist hier der Eingang?« frug Cuno.

»Ja. Die frommen Brüder haben, als sie die Pläne zu dem Bau entwerfen ließen, gar wohl daran gedacht, daß es in einem heiligen Hause Manches giebt, was wir andern, sündigen Menschenkinder nicht zu wissen brauchen. Darum haben sie weidlich für die Anlegung von allerlei Schleichwegen und Verstecken gesorgt, deren Entdeckung wir nur dem Zufall zu verdanken hatten. Das ist der Evangelist Lucas, vor dem Ihr steht. Der Stein, auf welchem er sitzt, ist hohl. Schiebt doch einmal auf dieser Seite kräftig nach innen!«

Dietz kniete nieder und that es; die Platte, an welche er drückte, wich nach innen und ließ sich so weit zurückschieben, daß eine Oeffnung entstand,, durch welche der stärkste Mann zu schlüpfen vermochte.

»Steigt getrost hinein! Ich werde als Letzter die Oeffnung wieder schließen.«

Die Beiden folgten dieser Rede, da sie Vertrauen zu dem Manne haben konnten, der durch das Gedächtniß seines Bruders ihnen ja zu Danke verpflichtet und an sie gebunden war. Eine Reihe schmaler Stufen führte in die Tiefe und endete plötzlich vor einer Mauer, welche keinerlei Fortsetzung des Weges zeigte.

»Wo nun hin, Jobst?«

»Wartet einmal! Wir wollen erst sehen, wer sich in dem Keller befindet und wie es darinnen ausschaut.«

Er trat zu ihnen hart an die Wand.

»Fühlt Ihr hier diese eisernen Handgriffe? Es sind ihrer mehrere.«

»Ja. Wozu dienen sie?«

»Die Steine, in welche sie befestigt sind, wurden spitz zugehauen und wie ein Keil ohne Mörtel in die Mauer gefügt. Nun lassen sie sich leicht herausziehen, so daß Löcher entstehen, die, auf unserer Seite hoch und breit und auf der andern nur schmal und niedrig, uns gestatten, unbemerkt den ganzen Keller zu überblicken und Alles zu hören, was in demselben gesprochen wird. Macht Euch jeder eine Oeffnung! Ich werde für mich desgleichen thun!«

Es war so, wie der wohlorientirte Führer sagte; die Steine wurden zurückgezogen, und es bot sich den Brüdern ein Anblick, welcher sie lebhaft fesselte.

Vor ihnen lag ein großer, aber niedriger und nur spärlich erleuchteter Kellerraum, in welchem sich eine Menge von Geräthschaften und Gegenständen befand, welche auf das Handwerk der Bewohner desselben sofort schließen ließ. An einer der Säulen, welche die Decke trugen, stand ein kräftig gebauter, dunkeläugiger, junger Mann, dessen Aeußeres einen achtungerweckenden Eindruck machte, der selbst durch die starken Bande, welche Arm und Beine umschlangen, nicht gemindert werden konnte. Er schien nicht die mindeste Aufmerksamkeit für das um ihn Vorgehende zu haben und sein Interesse ausschließlich einer zweiten Person zuzuwenden, welche ebenso gefesselt zu seinen Füßen lag. Seitwärts von ihnen standen die abenteuernden Bewohner der Ruinen in einem wirren Knäuel bei einander und führten einen Wortwechsel, welcher mit jeder Sekunde an Heftigkeit zunahm.

»Seht Ihr den jungen Mann an der Säule liegen?« frug Jobst.

»Wer ist es?«

»Es ist Herr Carl von Uchtenhagen, welcher bei uns in dem Brunnen war und unsere Banden löste. Er ist verwundet worden und kann wohl nur schwer stehen. Der Andere kann kein Anderer als Hans, sein Bruder, sein.«

»Gott sei gedankt! Ich hatte große Sorge um ihr Leben. Aber sagtest Du nicht, daß sie in die »Betlöcher« geschafft worden seien?«

»So war es auch. Jedenfalls hat man sie herbeigeholt, um ihnen ein Gericht zu setzen. Dabei aber ist man gestört worden, denn die Unsrigen sind schon eingetreten, und ich glaube, daß es zu einem Handgemenge kommen wird.«

»Wir müssen in den Keller. Zeige uns schnell, wie dies uns gelingen mag!«

»So kommt! Doch erschrecket nicht, denn es wird sich ein erstaunliches Geräusch erheben, welches sich die frommen Väter ausgesonnen haben, um bei ihrem unerklärlichen Erscheinen Diejenigen in Angst und Furcht zu versetzen, welche in dem Keller sind. Der »schwarze Dietrich« kam nur auf diese Weise zu uns, und darum hatten Alle eine so große Scheu vor ihm, da Niemand sich enträthseln konnte, wie er so plötzlich unter ihnen stehen könne. Seht Ihr die starke, dicke Säule dort in der Mitte?«

»Ja.«

»Aus Ihr werden wir herauskommen.«

»Das muß man ja sehen?«

»O nein, denn das Geräusch wird Aller Blicke empor nach der Decke richten. Man muß nur etwas schnell verfahren, wenn man, wie wir, zu Mehreren ist. Helft mit


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die dünne Platte emporheben, auf welcher Ihr steht. Sie ist nicht schwer und verdeckt die weiteren Stufen.«

Der Wachtmeister, welcher bisher vor Erstaunen kein Wort gesprochen hatte, bückte sich und hob den Stein allein und ohne Hülfe empor. Man stieg noch etwas über Manneshöhe hinab und gelangte dann in ein dumpfes, schleusenähnliches Gemäuer, welches in das Innere der Säule führte. Dort ging es wieder bis zur Sohle des Kellers empor, und nun bat Jobst, welcher mit dem Wachtmeister noch unten stand, da der Raum nur zwei Personen faßte:

»Ueber Euren Häuptern werdet Ihr ein Seil gewahren; an diesem müßt Ihr ziehen, bis es nicht mehr geht, und es dann fahren lassen. Nachher aber tretet so schnell wie möglich hinaus in den Keller, daß für uns Beide auch noch genugsam Zeit übrig bleibt, hinaus zu kommen!«

Die Brüder fühlten das Ende des Seiles über sich und bemerkten beim Ziehen desselben, daß sie eine Rolle in Bewegung setzten, die sich über der Decke des Kellers befinden mußte und vielleicht mit einer Vorrichtung in Verbindung stand, welche dazu diente, das erwähnte Geräusch hervorzubringen. Als das Seil abgelaufen war, ließen sie es ihren Händen entgleiten. Sofort erhob sich in der Höhe ein donnerähnliches Rollen und Dröhnen, unter welchem die ganze Umgebung zu beben und zu erzittern schien; die Säule that sich auf und sie traten in den Keller.

Aller Augen sahen erschrocken nach oben; selbst der verwundete Karl von Uchtenhagen war entsetzt emporgesprungen, denn für den Uneingeweihten lag allerdings der Gedanke nahe, daß das Gewölbe im Begriffe stehe, einzustürzen. Endlich endete das fürchterliche Rollen mit einem prasselnden Schlage, und Denen, welche das Getöse früher schon gehört hatten, kam die Besinnung zurück.

»Der »Schwarze« kommt!« rief es wie aus einem Munde.

»Nein, nicht der »Schwarze« selbst, aber sein Abgesandter ist mitten unter Euch!« ertönte aus ihrem eigenen Kreise die Antwort.

Sie traten entsetzt aus einander und starrten Dietz an, welcher mit entblöstem Schwerte bei ihnen stand. Cuno und der Wachtmeister lehnten mit gezogener Waffe noch an der Säule, und Jobst war zu den beiden Uchtenhagen geeilt, um sie von ihren Fesseln zu befreien.

»Stellt Euch in Reih und Glied zusammen!« befahl Dietz.

Wie im Traume wurde dieser Befehl vollzogen. Der Eindruck, welchen die letzten Augenblicke gemacht hatten und den das furchtlose und gebieterische Wesen des jungen Quitzow noch machte, war ein so großer, daß es Keinem in den Sinn kam, gegen das Gebot zu handeln.

»Ich gebe Euch zu wählen zwischen Gehorsam oder Tod. Legt Alle Eure Waffen vor Euch nieder!«

Cuno und Liebenow traten zu ihm, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen; auch Hans von Uchtenhagen, durch einige Worte Jobst's unterrichtet, eilte herbei, und wenn auch Mancher von den Leuten eine bedenkliche Miene nicht unterdrücken konnte, so lagen doch bald sämmtliche Waffen auf dem Boden. Es war ein eigenthümliches Hochgefühl, welches das Innere Dietzens durchzitterte, als er sah, wie alle diese rohen und kraftvollen Gestalten sich unter seinen Willen beugten. Der »schwarze Dietrich« mußte es verstanden haben, mit mächtigem Einflusse sich dieser ungefügen Seelen zu bemeistern, und in diesem Augenblicke kam dem Sohne die vermuthliche Vergangenheit des Vaters nicht so ehrlos und entwürdigend vor, als es vorher der Fall gewesen war. Wie einen süßen Rausch fühlte er den Gedanken, die Handlungen und das Schicksal Anderer von sich abhängig zu sehen, und diesem Rausche folgend, trat er, das Schwert einsteckend, vor:

»Gut! Ich wollte Euch nur prüfen und habe gesehen, daß ich mit Euch zufrieden sein werde. Nehmt die Waffen wieder an Euch, denn ich habe die Befehle des »Schwarzen« nur an Männer auszurichten. Der lange Thomas trete vor!«

Eine lange, hagere Gestalt löste sich von den Uebrigen.

»Sind die Leute alle beisammen?«

»Nein.«

»Wo befinden sich die Fehlenden?«

»Bei den Gefangenen und auf Posten draußen im Freien.«

»Habe ich nicht geboten, daß die Posten eingezogen werden sollen?«

»Verzeiht, Herr, aber da wußte ich noch nicht so wie jetzt, daß Ihr wirklich von dem Hauptmann gesandt seid.«

»Das will ich einmal gelten lassen. Welche Gefangenen befinden sich hier?«

»Es sind nur wenige Männer, auf deren Lösegeld wir warten.«

»Und die Gräfin?«

»Ist eingeschlossen.«

»Gut. Die Botschaft, welche ich Euch bringe, wird Euch mit hoher Freude erfüllen, und Keiner soll sie versäumen. Ruft alle die Eurigen herbei und laßt Versöhnung einkehren unter Denen, die sich bisher entzweiten. Und habt Ihr einen guten Schluck zur Stelle, so wollen wir einen tüchtigen Willkommen trinken und wieder einmal fröhlich sein wie zu den Zeiten, da der Herr noch unter Euch erschien!«

Nichts hätte dem Sprecher die Herzen Aller so schnell gewinnen können als diese Worte. Man umringte ihn mit Jauchzen und frohen Rufen, und der ehrliche Liebenow, welchem bis zu diesem Augenblicke vor lauter Besorgniß für seine Herren das Herz im Leibe gezittert hatte, murmelte, sich den mit Pech gesteiften Bart streichend:

»Mordelement und Mohrenplitz, aper der Junker Dietz wird grad so ein fürchterlicher Deiwelskerl, wie sein Vater, der Ritter Dietrich von Quitzow! Jetzt hat er die Räuper alle im Sacke und ich kann nun sehen, wo ich Einen zum Todtschlagen für meinen Pruder Schwalpe herpekomme!«

»Auch die Gefangenen,« fuhr Dietz in seiner Anordnung fort, »sollen Trunk und Imbiß haben; diese beiden Herren aber sind frei und unsere Gäste. Verbindet den Junker von Uchtenhagen!«

Die Genannten dankten ihm mit freudigen Worten, und während die Bewohner des Kellers in emsiger Bewegung waren, seine Befehle auszuführen, nahm ihn Hans auf die Seite und frug:

»Wie mir der Mann dort sagte, welcher bei meinem Bruder kniet, seid Ihr der Junker Dietz von Quitzow?«

»Er hat Euch recht gesagt.«

»Wie kommt Ihr unter diese Mörderbande?«


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»Durch einen Zufall, den ich benutzte, um als ein Abgesandter ihres Anführers zu gelten. Nur so konnte ich Euch retten.«

»Ihr kamt, um uns zu retten?« klang es überrascht.

»Ja, der Mann, welcher Euren Bruder befreien wollte, traf uns, die wir nach Spandau unterwegs waren. Er erzählte, daß Euch hier große Gefahr drohe, und so beschlossen wir, Euch Hilfe zu bringen.«

»Aber wißt Ihr von dem Prozesse, welcher gestern gegen Werner von Holzendorf in Spandau verhandelt worden ist?«

»Ich weiß von ihm.«

»Und daß ich da als Schöppe Eurem Vater feindlich gewesen bin?«

»Das geht mich hier nichts an. Ihr seid in Noth gewesen, und ich mußte Euch beistehen!«

Mit bewundernden Blicken maß Hans die schlanke Gestalt des edlen Jünglings.

»Ja, wir waren in Noth, und da wagtet Ihr Beide, die Ihr noch Knaben seid, Euch in die Höhle des Löwen, wo vielleicht gar mancher kraftvolle Held seinen Untergang gefunden hat, und macht durch eine Geistesgegenwart und Klugheit, wie sie nur selten ein Erwachsener besitzt, Euch eine ganze Schaar von Bösewichtern unterthan. Herr Dietz, ich bewundere Euch; hier habt Ihr meine Hand. Wir müssen Freunde werden, damit ich Euch Achtung und Dank erweisen kann!«

Quitzow schlug kräftig ein. Noch niemals war seine Brust von so hohen und glücklichen Empfindungen bewegt gewesen wie in diesem Augenblicke. Er fühlte, daß er mehr zu thun im Begriffe stehe, als eine bloße Heldenthat, und das gab ihm diejenige Sicherheit und Kraft, welche zur Ausführung seines Vorhabens erforderlich war. Auch Cuno wurde von Hans begrüßt und herzlich belobt, und dann traten die Drei zu dem verwundeten Karl von Uchtenhagen, welcher ebenso wie sein älterer Bruder mit herzlichen und bewundernden Worten um die Freundschaft der Jünglinge bat. Seine Wunden zeigten sich als nicht so gefährlich, wie man sie vermuthet hatte, vielmehr waren die von ihnen verursachten Schmerzen nicht so groß wie diejenigen, welche ihm die scharfen Fesseln hervorgebracht hatten, und er sprach die Hoffnung aus, bei einiger Pflege recht bald wieder zu gesunden.

»Noch bin ich dieser Männer nicht ganz sicher,« meinte Dietz leise zu dem Andern, »und darum gilt es, vorsichtig zu verfahren. Verseht Euch unter der Hand mit Waffen und haltet Euch immer in der Nähe Derjenigen, welche in dem Brunnen gefangen waren. Sie werden uns nicht verlassen. Jetzt aber muß ich für wenige Minuten von Euch gehen, denn ich habe eine wichtige Sache zu untersuchen.«

»Dürfen wir Euch nicht zu Eurem Schutze begleiten?« frag Hans.

»Nein. Auf meinem Gange wird mir Niemand ein Leides zufügen, und ich maß Euch hier zurücklassen, damit nichts Feindseliges gegen uns vorgenommen werde!«

»Auch ich soll zurückbleiben und nicht mit Dir gehen dürfen?« frug Cuno.

»Auch Du. Mir wird nichts Böses geschehen, Ihr aber befindet Euch mitten unter diesen wilden und unzuverlässigen Gesellen, und je mehr Eurer sind, desto besser ist es für Euch.«

Er trat zu Jobst.

»Du hast gesagt, daß hier der Ort sei, an welchem der »Schwarze« seinen Raub zu verbergen pflege?«

»So ist es.«

»Und Du kennst die Stelle, wo die ungerechten Güter sich aufbewahrt befinden?«

»Ja; ich allein von Allen, welche hier sind. Nicht einmal der »Reiter« hat Etwas davon gewußt.«

»Und worin bestehen die Schätze? Es sind wohl meist Kaufmannsgüter, welche Ihr den hier vorüberziehenden Handelsleuten abgenommen habt?«

»Meist sind es solche Waaren; aber es befindet sich noch manches Andere dabei, was Ihr bei uns nicht vermuthen würdet, denn der »Schwarze« hat nicht blos seine Leute hier verborgen, sondern Alles, was er den Augen Unberufener entziehen wollte. Warum fragt Ihr mich?«

»Weil ich gern den Ort kennen lernen und die Schätze sehen möchte, die da zu finden sind.«

»Hat der »Schwarze« Euch nichts von ihm gesagt?«

»Nein; es war keine Zeit vorhanden, über jedes Einzelne ausführlich zu sprechen.«

»Zu einer solchen Sache maß schon Zeit vorhanden sein. Wenn er geschwiegen hat, so geschah es, weil er Euch von dem Orte nichts wissen lassen wollte; also darf auch ich das Geheimniß Niemandem preisgeben.«

»Auch mir nicht?«

»Ja, darüber bin ich im Zweifel!« meinte Jobst.

»Diesen Zweifel werde ich sofort beseitigen: Ich befehle Dir, mich sofort an die verborgene Stelle zu führen, von welcher Du gesprochen hast! Wirst Du es wohl wagen, diesem Gebote zu widerstreben?«

»Nein, Herr!« antwortete der Mann, indem ein verständnißvolles Lächeln über seine Züge ging. »Der »Schwarze« hat Euch zu uns gesandt, damit Ihr uns seine Befehle überbringen sollt, und so muß ich also Alles thun, was Ihr mir gebietet.«

»Gut; also laß uns gehen! Wird uns kein Unfall begegnen, bis wir wieder zurückkehren?«

»Nein, dessen bin ich gewiß und sicher. Kommt; ich werde Euch führen!«

Sie verließen den Keller durch seinen gewöhnlichen Aus- und Eingang und gelangten wieder hinauf in das Freie. Hier wandten sie sich zwischen mancherlei Gerölle und Trümmerhaufen hindurch, passirten dann die Einfassungsmauer und gingen eine nicht ganz unbedeutende Strecke in den Wald hinein. Vor einer uralten, mächtigen Eiche blieb Jobst stehen. Sie mußte wohl über tausend Jahre zählen und hatte einen Umfang, zu dessen Umspannung zwei oder drei Männer nicht hinreichten.

»Was ist es mit dieser Eiche?« frug Dietz.

»Sie ist der Ort, an den ich Euch führen sollte.«

»Das ist unmöglich.«

»Und doch ist es so, Herr! Wenn Ihr den Baum am Tage betrachtet, so bemerkt Ihr nicht die geringste Spur davon, daß er inwendig hohl ist, und noch viel weniger ist zu erkennen, daß eine Thür in sein Inneres führt. Seine starke Rinde ist von so unzähligen und nach allen Richtungen gehenden Rissen durchzogen, daß der Schnitt, welcher die Thür von dem eigentlichen Holze des Baumes trennt, nur durch Zufall entdeckt werden könnte. Hier sind zwei kleine Wurzeln, zwischen denen sich ein mit Moos


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verstopftes Loch befindet. Greift einmal hinein! Was fühlt Ihr?«

»Einen Draht.«

»So faßt ihn an und gebt ihm einen kräftigen Ruck nach unten!«

Dietz that es und sofort legte sich ein unregelmäßig gestalteter Theil des Baumumfanges nach innen, so daß eine Oeffnung entstand, welche groß genug war, um einem starken Manne den Eintritt zu ermöglichen.

»Kommt herein,« meinte Jobst, welcher sofort das Innere des geheimnißvollen Baumes betrat. »Wir müssen unverzüglich wieder schließen, um jeder Ueberraschung vorzubeugen.« Er drückte die Thür wieder zurück, und ein eigenthümliches, scharfes Schnappen ließ erkennen, daß der Eingang nun jedem unberufenen Auge entzogen sei.

»Hier müssen wir wieder abwärts steigen?« frug der Junker.

»Nicht steigen. Greift her; hier ist ein Seil befestigt, welches durch den Boden geht. Wir müssen uns an ihm hinablassen.

Er bückte sich, hob einen Theil des Fußbodens auf die Seite und befand sich nach wenigen Augenblicken tief unter dem jungen Manne, der nun seinerseits auch das Seil ergriff, und bald neben ihm stand. Nur einige Schritte gingen sie vorwärts, dann machte Jobst schon wieder Halt. Dietz fühlte eine Mauer vor sich.

»Paßt jetzt auf, Herr! Dieser schmale Mauertheil, vor welchem wir stehen, läßt sich nach innen schieben; er geht auf Walzen; aber wehe dem Unbekannten, welcher dann durch die Lücke eindringen wollte, denn drinnen ist an der gegenüberliegenden Wand ein starker Bogen befestigt, welcher fest gespannt und mit einem scharfen, spitzen Pfeile versehen ist, der jeden fremden Eindringling auf der Stelle durchbohrt. Helft mit schieben! Es ist lange Zeit Niemand hier gewesen, und so wird die Last schwer zu bewegen sein. So! Tretet ja nicht näher, sondern greift nur hier rechts nach innen. Was fühlt Ihr?«

»Einen dünnen, aber festen Faden, welcher von oben herabhängt.«

»Zieht langsam und so lange an ihm, als er nachgiebt!«

Dietz that es, und darauf ließ sich in dem dunklen, vor ihnen liegenden Raume ein lautes, zitterndes Schnurren vernehmen.

»Was war das?«

»Die Bogenschnur ist zurückgegangen, und wir können nun gefahrlos eintreten. Kommt! Ich werde sofort wieder schließen.«

Nachdem dies geschehen war, zog er den jungen Mann seitwärts zu einer Nische, in welcher Letzterer ein hölzernes Kästchen fühlte.

»Hier giebt es Stahl, Stein, Zunder und Schwefel, und hier in der Ecke liegt ein ganzer Vorrath von Kienspähnen. Kommt, laßt uns Feuer schlagen!«

Bald war eine der Fackeln in Brand gesetzt, so daß der Raum nun deutlich überblickt werden konnte. Außer der angegebenen Schießvorrichtung, welche einer in der Mauer befestigten Armbrust ähnelte, ließ sich nicht das Geringste in demselben bemerken, weshalb der Junker sich nicht enthalten konnte, einen fragenden Blick auf Jobst zu richten.

»Ihr glaubtet wohl, schon hier in der verborgenen Schatzkammer zu sein? O nein, wir müssen noch durch eine ganze Reihe solcher leerer Kammern, deren jede durch Pfeil und Bogen vertheidigt wird; und bei jedem Eingange giebt es eine andere Vorrichtung, die der Uneingeweihte gar nicht zu entdecken vermag. Die frommen Väter haben außerordentlich klug gebaut, und das hat der »Schwarze« sehr wohl auszunutzen verstanden. Kommt, tragt, die Fackel, Herr, und nehmt einen kleinen Vorrath von Spähnen mit; ich werde Euch Alles so genau zeigen und erklären, daß Ihr später alle diese Räume auch allein und ohne Gefahr betreten könnt!«

Er erfüllte das Versprechen so sorgfältig und ausführlich, daß Dietz jeden Augenblick mehr einsah, daß er an ihm einen treuen und zuverlässigen Diener und Verbündeten besitze, und sich vornahm, ihn für immer bei sich und in Ehren zu halten. Endlich standen sie vor dem letzten Eingange, welcher doppelt verwahrt war, aber ihnen trotzdem auch den Zutritt gestatten mußte. Kaum hatte er sich hinter ihnen geschlossen, so stieß der Junker einen Ruf der Verwunderung aus, denn er befand sich in einem zwar nicht zu hohen, aber desto längeren und breiteren Saale, dessen Decke von massigen Pfeilern getragen wurde. Die gelbrothe, rußende Flamme der Fackel vermochte nur einen geringen Theil dieses mächtigen Raumes nothdürftig zu beleuchten, trotzdem aber waren ganze Reihen von starken Tafeln und Bänken zu erkennen, welche sich von einem Ende bis zum andern zogen und keineswegs leer standen, sondern alle die werthvollen Beutegegenstände trugen, welche hier aufgehäuft lagen.

Sie gingen von Tafel zu Tafel, und mit immer wachsendem Erstaunen sah Dietz, daß hier ein Reichthum aufgestapelt sei, dessen Größe er in diesem Augenblicke nicht einmal zu taxiren verstehe.

»Nicht wahr, das habt Ihr nicht erwartet?«

»Nein, gewiß und wahrhaftig nicht. Ihr müßt viele Jahre geheimst haben, ehe Ihr das Alles zusammenbringen konntet.«

»Meint Ihr? Das sind nur diejenigen Waaren, welche nicht zur Vertheilung gelangten; denkt nur, wie viele Dinge eine gute Wagen- oder Schiffsladung enthalten kann.«

»Aber wie habt Ihr dies Alles hereingebracht? Durch die Eiche jedenfalls nicht!«

»Durch diese sind blos die kleineren Gegenstände und zugleich solche Sachen gebracht worden, welche der »Schwarze« Niemandem sehen lassen wollte. Es giebt noch einen anderen Eingang, den ich Euch auch zeigen werde. Jetzt aber kommt einmal her zu dieser Truhe! Könnt Ihr sie von der Stelle fortbewegen?«

Dietz versuchte es.

»Nein; es ist mir dies nicht möglich.«

»Sie enthält das Werthvollste, nämlich goldene und silberne Gefäße, allerlei Schmuck und Geschmeide, geschlagene Münzen und ähnliche Kostbarkeiten.«

»Wie gelangt man in ihr Inneres?« frug der junge Mann, der sich in eine nicht unbedeutende Aufregung versetzt sah.


Ende des neunzehnten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk