Heft 33

Feierstunden am häuslichen Heerde

14. April 1877

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May,
fortgeführt von Dr. Goldmann.


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»Hm!« bemerkte Heyso von Steinfurth kopfschüttelnd, »möchte doch wissen, was das Gräflein Euch noch weiter anhaben will. Durch sein Gericht hat er Euch Euer Besitzthum ja bereits absprechen lassen; will er sich jetzt etwa gar noch an Leib und Leben eines Ritters vergreifen?«

»Erscheint Euch das nach dem seitherigen Auftreten des Grafen wirklich auffallend?« erwiderte Herr Werner in bitterem Tone; »die That unseres Freundes erheischt Sühne und an wen soll er sich hier halten, wenn nicht an mich, auf dessen Gebiet der Vorfall geschehen. Es wird zwischen uns ein Kampf auf Leben und Tod entbrennen, ein Kampf, bei welchem es auf meinen Untergang abgesehen ist. Ich denke aber, dem wüthenden Gräflein die Verwirklichung seines Planes ein wenig zu erschweren!«

Der alte Boldewin erhob sich jetzt und trat dem Ritter Werner von Holzendorff näher.

»Wir Alle haben Euch bereits unsere Hilfe zugesagt und werden Euch redlich beistehen in Eurem Kampfe mit jenem Uebermüthigen. Lasset uns nur rechtzeitig wissen, wann wir bei Euch einzutreffen haben, oder verlangt Ihr etwa jetzt schon unsere Hilfe?«

»Erlaubt mir zuvor eine Frage,« nahm Ritter Werner das Wort. »Ich sah im Hofe eine Schaar gerüsteter Knappen und glaube, während ich vom Pferde stieg und über den Hof schritt, auch Aeußerungen gehört zu haben, die auf einen demnächst von Euch auszufechtenden Strauß schließen lassen. Habe ich mich nicht geirrt, und wem gelten Eure Rüstungen? Vielleicht gegen einen der immer kecker gegen uns auftretenden Markgräflichen?«

Claus von Quitzow richtete einen forschenden Blick auf den neben ihm sitzenden Ritter und bemerkte dann:

»Hrrr! Hm! Eure Klinge, Freund Werner, könnte uns bei dem bevorstehenden Tanze gute Dienste leisten. Wollt Ihr nicht einen oder zwei Tage hier bei uns verweilen? Länger wird sich die ganze Angelegenheit schwerlich verzögern!«

»Zwei Tage? Wenn ich überzeugt sein könnte, daß Friedrich die Ausführung seiner gegen mich gerichteten Pläne noch einige Zeit verschiebt, dann will ich Euch gern beistehen!«

»Habt Ihr denn nicht Auftrag gegeben, im Nothfalle Euch hierher schon Nachricht zu senden?«

»Das ist allerdings geschehen, Freund Thomas; da ich jedoch nicht beabsichtigt habe, heut bis zum Abend hier zu bleiben, würde bei meiner längeren Abwesenheit von Bötzow gerade unter den jetzt obwaltenden Umständen Verwirrung dort gar zu leicht entstehen!«

»Das verstehe ich nicht!« brummte Herr Heyso. »Ist Euer Wachtmeister nicht auf dem Platze?«

»Gewiß. Mir scheint jedoch, oder vielmehr mir wird immer klarer, daß von den Markgräflern versucht wird, meine Knechte zur Untreue, zur Falschheit gegen ihren Herrn zu verleiten, und wenn ich selbst auch Keinem rathen möchte, sich soweit zu vergessen, daß er mir einen festen Anhalt giebt, von seiner Verrätherei überzeugt zu sein, so kann ich doch mich andererseits auch der Wahrnehmung nicht verschließen, daß es fortan besser sei, die Knechte sorgfältig unter Aufsicht zu halten und vorläufig jede längere Entfernung von Bötzow und ohne die mir vorzugsweise verdächtig gewordenen Mannen möglichst zu vermeiden! Ihr staunt über das, was ich Euch soeben mitgetheilt habe, und glaubt wahrscheinlich, ich übertriebe. Wenn Ihr aber bedenkt, daß der Burggraf jetzt mehr denn je Alles aufbietet und aufbieten wird, mich, wenn möglich, ganz un-


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schädlich zu machen, dann werdet Ihr auch einsehen, daß ich der Schlauheit des Herrn Friedrich im Augenblick nichts Anderes als erhöhte Wachsamkeit gegenüber zu stellen vermag!«

»Recht habt Ihr unter diesen Umständen sicherlich!« erwiderte Heyso von Steinfurth; »doch glaube ich, einer Ueberraschung durch die Feinde könnt Ihr selbst in dem Falle vorbeugen, daß Ihr noch kurze Zeit hier bleibt!«

»Wie sollte das geschehen?«

»Wenn Ihr sofort einen Boten nach Bötzow absendet und doch was bedeutet das?«

Der Lärm der im Hofe sich aufhaltenden Kriegsleute verstummte plötzlich, doch wurde die Stille durch laute, freudige Ausrufe erst Einzelner, dann aber einer immer größer werdenden Anzahl der Mannen unterbrochen, und Junker Boldewin trat zum Fenster, um die Ursache dieser auffallenden Wahrnehmung zu ergründen.

In diesem Augenblick wurden laute Tritte vor der Thür des Saales hörbar und Balthasar, der bekannte Leibknappe des Herrn Claus, trat ein.

Hoch erstaunt sah Letzterer auf.

»Hrrr! Hm! Was willst Du hier?«

»Einer der ausgesandten Boten ist soeben zurückgekehrt und bringt, wie er sagt, wichtige Nachrichten!«

Herr Heyso sprang erregt auf. Ritter Claus, welcher sich gleichzeitig erhoben hatte, schien von der Aufregung, in welcher Herr Heyso sich befand, wenig erbaut zu sein, denn er bemerkte ziemlich scharf:

»Hrrr! Hm! Da mein Balthasar die Mittheilung bringt, wird sie zunächst wohl nur für mich von Interesse sein. Sollte ich mich in der Annahme wider Erwarten geirrt haben, dann verspreche ich Euch, daß Ihr der Erste sein werdet, den ich von dem, was ich jetzt erfahren soll, unterrichten werde!«

Der alte Boldewin verstand, was Claus von Quitzow mit seiner Abfertigung sagen wollte, und rief, um den, den Letzteren mit finsteren Blicken messenden Ritter Heyso zu begütigen, lachend:

»Mag Freund Claus seine Geheimnisse nur ruhig draußen oder wo er sonst will besprechen und berathen. Ich weiß ja doch, daß das Geheimniß in dem Augenblick aufhören wird, ein solches zu sein, in welchem er in den Saal zurückgekehrt. Bruder Claus kennt uns gegenüber keine Geheimthuerei!«

Als Claus von Quitzow zur Thür hinaustrat, kam ihm einer seiner Knechte rasch entgegen, an dessen, an mehreren Stellen zerrissenen und arg beschmutzten Kleidern man es deutlich wahrzunehmen vermochte, daß er einen weiten und beschwerlichen Weg zurückgelegt haben müsse.

»Hrrr! Hm! Nun?«

»Herr Ritter, Peter hat mich beauftragt zu melden, daß der Transport morgen Hamburg verlassen und aller Voraussicht nach gegen Abend schon an der Grenze angelangt sein wird.«

»Hrrr! Hm! Peter schickt Dich? Weshalb kommt er nicht selbst, wie ich es ihm doch befohlen habe?«

»Er ist bald, nachdem er mir den Auftrag gegeben hatte, wieder weggeritten!«

»Hrrr! Hm! Balthasar!«

Der am Ende des Ganges stehende, des Rufes gewärtige Leibknappe kam eilig heran.

»Hrrr! Hm! Balthasar, reite mit dem Knechte zu Peter und lasse Dir genau Alles mittheilen, was er bis jetzt über den Transport erfahren hat, den wir erwarten. Beeile Dich aber, denn ich glaube, unsere Zeit wird knapp!«

Balthasar eilte mit dem Knechte fort und Herr Claus blieb eine Zeit lang sinnend und das Gehörte überlegend auf derselben Stelle stehen.

Peter war einer der wenigen Knechte, welche Herr Claus neben Balthasar besonders zu bevorzugen und bei gefahrdrohenderen Anlässen, bei Angriffen auf mit überaus starker Bedeckung reisende Kaufleute oder bei Gelegenheiten, bei denen ein gutes Spürtalent größere Dienste zu leisten vermochte als lediglich Unerschrockenheit, zu verwenden pflegte.

Seit mehreren Tagen, seit Herr Heyso von Steinfurth mit der Meldung auf Garlosen eingetroffen war, der Transport werde nach den Mittheilungen seiner Kundschafter in Potsdam im Laufe der nächsten Tage schon von Hamburg nach Potsdam abgehen, auf Grund welcher Nachricht hin er seine Mannen bereits mit nach Garlosen gebracht hatte, war Peter auf dem am weitesten in der Richtung vorgeschobenen Posten aufgestellt worden mit der Aufgabe, die Abfahrt eines wichtigen, nach Potsdam bestimmten Transportes von Hamburg auszukundschaften, dann sofort nach Garlosen zurückzukehren und Bericht zu erstatten.

Jetzt war er, entgegen dem ihm ertheilten Befehl, nicht selbst gekommen, sondern hatte einen der mit ihm die Straße bewachenden Knechte mit einer Botschaft zurückgeschickt, die nicht ganz verständlich war.

Herr Claus vermochte deshalb der ganzen Meldung wenig Glauben beizumessen und verlangte nach genügender Aufklärung.

»Hrrr! Hm! Hier ist Etwas nicht ganz in Ordnung. Sollte man vielleicht gar Kenntniß von unserem Vorhaben gewonnen haben und uns in eine Falle locken wollen? Himmel und Hölle, das sollte den Schuften schlecht bekommen!«

Langsam kehrte er zurück in den Saal, in welchem er den Ritter Werner von Holzendorff zum Aufbruch bereit fand. -

Herr Werner war durch nichts zu bewegen, länger zu verweilen, und er schied in freundlichster Weise von den Rittern, nachdem sie ihm wiederholt das Versprechen gegeben hatten, auf seinen Ruf sofort mit ihren Mannen zu seiner Hülfe nach Bötzow eilen zu wollen.

Weshalb wurden wohl, als er zum Thore hinaustrat, seine vorher so freundlichen Züge plötzlich ernst und gar finster? War ihm auf Garlosen, dessen Besitzer ihm doch gewiß freundlich entgegengekommen waren, irgend etwas zugestoßen, das ihm Anlaß zum Aerger, zum Verdrießlichsein gab?

Dies mußte wohl der Fall gewesen sein, denn an der Stelle, wo der Weg in den Wald einbog, richtete er noch einmal einen finsteren Blick auf das Schloß und murmelte halblaut:

»Welch' dunklen Zug mag die Gesellschaft heut wieder vorhaben, daß sie es nicht einmal wagte, sich mir zu offenbaren. Doch sei es! Habt Ihr zu mir kein Vertrauen, dann habe ich auch nicht nöthig, Euch zu erzählen, was ich weiß, und überdies würde ich bei größerer Offenheit doch nur in die unangenehme Nothwendigkeit versetzt worden


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sein, meine Theilnahme zu versagen, denn dem Strauchritterthum wird Werner von Holzendorff nie freundlich gesinnt werden!«

Garlosen war mittlerweile seinen Blicken entschwunden und in mäßiger Eile ritt er, gefolgt von seinem Knechte, in der Richtung nach Bötzow weiter.

Als er Garlosen verlassen und die zum gemeinsamen Streitzuge verbündeten Ritter wieder vereint im Saale anwesend waren, nahm Herr Claus von Quitzow das Wort, theilte den Herren die empfangene Botschaft, gleichzeitig aber auch das mit, was er angeordnet hatte, und schloß mit dem Hinweis:

»Balthasar kann mit Anbruch der Nacht zurück sein. Haben wir dann keine Ursache, an der Wahrheit der Botschaft zu zweifeln, können wir mit Tagesanbruch recht wohl die geeignetste Stellung eingenommen und vorher uns auch noch die Gewißheit verschafft haben, wie stark die Begleitung ist und unter welcher Leitung dieselbe steht!«

»Das Letztere zu wissen, dürfte uns ohne Zweifel von größerem Vortheil sein,« bemerkte der ältere Boldewin. »Es ist ein sehr großer Unterschied, ob der Stiftshauptmann von Röder oder vielleicht Hans von Uchtenhagen die Führung in den Händen hat!«

»Uchtenhagen?« fragte Ritter Heyso erstaunt. »Was veranlaßt Euch zu der Annahme, daß der Markgraf gerade den Uchtenhagen hierzu erwählt haben könne?«

»Der Ritter Hans von Uchtenhagen soll sich, wie ich gehört habe, der besonderen Gunst des Burggrafen von Nürnberg erfreuen. Da nun seine Tapferkeit und Furchtlosigkeit außer Zweifel stehen dürfte, wäre es ja immerhin möglich, daß er zum Führer des Geldtransportes ausersehen worden. Doch warten wir das Nähere ab. In wenig Stunden werden wir ja sehen, wer der Unglückliche ist, der im Nothfalle das Verließ von Garlosen kennen lernen soll!«

Herr Claus vermochte die einmal verlorene Ruhe noch nicht wiederzufinden und betheiligte sich nicht nur nicht weiter am Gespräch, sondern schränkte sich zum Staunen seiner täglichen Zechgenossen auch im Trinken ein.

Die Unterhaltung gerieth, da auch der ältere Boldewin wortkarg wurde, immer mehr in's Stocken und drohte ganz einzuschlafen, Stunde um Stunde verrann, und müde vom vielen Trinken, schienen die drei älteren Zechgenossen Neigung zum Schlaf zu verrathen, als endlich wieder sich rasch nähernde Tritte hörbar wurden, die Thüre hastig aufging und Balthasar eintrat.

»Nun? Was bringst Du für Nachricht?« fuhr Ritter Heyso auf, während Herr Claus im ersten Moment noch mit dem Schlaf rang, der ihn zu überwältigen drohte.

»Peter ist heut' noch eine Meile weiter, als ihm befohlen worden war, geritten und ist in Lauenberg, das gar nicht mehr weit von der Grenze des Hamburger Gebietes liegt, mit einigen Knechten des Ritters Hans von Uchtenhagen zusammengetroffen, mit denen er von früher her bekannt oder befreundet ist.«

»Der Ritter Hans von Uchtenhagen?« rief Herr Heyso von Steinfurth, während der ältere Boldewin unwillig murmelte:

»Das habe ich mir wohl gedacht!«

»Ja, also Herr Ritter!« fuhr Balthasar fort. »Peter hat den Knechten unaufgefordert erzählt, daß er seinen seitherigen Dienst bei Herrn Henning von Wedel, wenn ich nicht irre, verlassen habe und nach Westphalen oder irgendwohin zu gehen beabsichtige, hat die Knechte durch eine Zeche redselig gemacht, sich ihr Vertrauen erworben und ohne besondere Mühe erfahren, daß sie ihren Herrn, den Ritter von Uchtenhagen, welcher von Hamburg aus einen Transport bis nach Potsdam führen werde, bis hierher begleitet hätten und nun die Mannen des Herrn Heinrich von Strantz erwarten sollten.«

»Weshalb sind diese Knechte beauftragt worden, die Mannen des Ritters von Strantz gerade in Lauenberg zu erwarten?« fragte Boldewin, nachdenklich den Kopf schüttelnd.

»Dieselbe Frage will Peter auch an die Knechte gerichtet und die Antwort erhalten haben, die beiden Ritter hätten verabredet, mit ihren Mannen in Lauenberg zusammenzutreffen. Herr Hans von Uchtenhagen sei, als Herr Heinrich von Strantz zur festgesetzten Zeit nicht eingetroffen, weitergegangen und habe die Knechte mit der Weisung zurückgelassen, eine Anzahl der Strantz'schen Leute dort zurückzubehalten. Eine starke Bedeckung sei erst von Lauenberg ab erforderlich. So, also!«

»Was weiter? Ist noch nicht bekannt, wann die Strantz'schen Leute in Lauenberg eintreffen werden?«

»Sie wurden heut' erwartet!«

»Die Ritter Hans von Uchtenhagen und Heinrich von Strantz sind also die Leiter des Transportes?«

»Soviel Peter gehört hat, werden diese beiden Herren mit ihren Mannen den oder die Wagen begleiten.«

»Hrrr! Hm!« fing Herr Claus von Quitzow, der bis jetzt schweigend zugehört hatte, an, »wann soll denn nun eigentlich der Zug in Lauenberg ankommen und warum hat der Hallunke, der Peter, die Botschaft nicht selbst hierher gebracht?«

»Falls Herr Heinrich von Strantz mit seinen Mannen heut' in Lauenberg angekommen ist, dann soll der Transport morgen gegen Abend bereits in Lauenberg eintreffen. Herr Hans von Uchtenhagen hat ausdrücklich befohlen, daß die in diesem kleinen Orte wartenden Knechte morgen Nachmittag ihn von Hamburg aus erwarten sollen. Peter wollte die Ankunft der Strantz'schen Leute abwarten und dann erst selbst hierherkommen. Den Knecht hat er in dem Glauben vorausgeschickt, es werde Euch erwünscht sein, so bald als möglich etwas Bestimmtes zu erfahren! So, also!«

Durch die Mittheilungen Balthasar's schien die Müdigkeit, welche vordem die Herren befallen, vollständig beseitigt worden zu sein. Die Aussicht auf einen nahe bevorstehenden ernstlichen Kampf regte sie mächtig auf, doch einigten sie sich bald dahin, vor Fassung eines bestimmten Beschlusses, ob und wann zu dem voraussichtlich blutigen Strauß aufgebrochen werden solle, erst die Ankunft Peters abzuwarten.

Von Neuem mußte jetzt der alte Cuno ohne Unterbrechung vom Saal in den Keller und umgekehrt wandern und seufzend schlich er eben wieder mit den leeren Krügen aus dem Saal dem Keller zu, als Balthasar in Begleitung eines Knechtes an ihm vorüberging.

»Freue Dich nur, Alter,« raunte Balthasar dem Alten zu, »morgen wirst Du wenig Arbeit haben!«

»Weshalb nicht?« fragte dieser rasch, Balthasar war mit seinem Begleiter jedoch schon an der Thür des Saales


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angelangt, und Beide traten zum Erstaunen des Kellermeisters ohne Weiteres ein.

Herr Claus bemerkte die Eintretenden zuerst.

»Hrrr! Hm! Peter, sind die Mannen des Herrn Heinrich von Strantz in Lauenberg angekommen?«

»Ja, Herr Ritter. Bald nachdem ich den Boten abgeschickt hatte, ritt ich wieder nach Lauenberg, ließ mein Pferd an einer sicheren, geschützten Stelle im Walde zurück und ging zu Fuß in den Krug. Dort fand ich die Strantz'schen bereits vor und hörte, daß morgen Nachmittag die Ritter mit den Waaren in Lauenberg erwartet werden!«

»Hast Du auch erfahren, wann die Reise von dort aus fortgesetzt werden soll?« fragte Herr Heyso.

»Gegen Abend soll wieder aufgebrochen werden!«

»Morgen Abend also,« rief Junker Boldewin, als Balthasar und Peter den Saal verlassen hatten, »werden wir dem tapfern Uchtenhagen Geld, viel Geld abnehmen und ihm selbst handgreiflich zeigen, daß es außer ihm noch mehr Ritter und Herren giebt, die an Tapferkeit ihm nicht nachstehen!«

»Ihr scheint einen persönlichen Groll gegen Hans von Uchtenhagen zu nähren?« fragte Heyso von Steinfurth. »Seid Ihr etwa ernstlich mit ihm bereits zusammengerathen?«

»Ich freue mich allerdings auf die günstige Gelegenheit, ihm den Strauchritter, den er mir einst an den Kopf warf, heimzahlen zu können, und will dies Geschäft auch so gründlich erledigen, daß ihm die Lust vergehen soll, ein zweites Mal mißachtend von Denen zu sprechen, die nicht mit ihm in ein Horn stoßen!«

Herr Heyso mochte nicht ganz überzeugt davon sein, daß Herr Boldewin Hans von Uchtenhagen auch sicher überwältigen und in die Lage kommen werde, durch eigene Kraft seinem Groll gegen ihn die Zügel schießen lassen zu dürfen; er erwiderte jedoch nichts, sondern suchte das Gespräch auf den Inhalt und den Werth des Transportes selbst zu lenken.

»Zu welchem Zwecke bedarf denn der Burggraf von Nürnberg das viele Geld, das uns gute Dienste leisten soll?« fragte der Junker dazwischen.

»Das ist uns völlig unbekannt,« erwiderte der ältere Boldewin; »doch glaube ich nicht irre zu gehen, wenn ich annehme, er will irgend Etwas kaufen. Es wäre zwar immerhin möglich, daß er wenigstens einen Theil des Geldes in den Marken anlegen will, doch vermag ich nicht einzusehen, weshalb er zur Ausführung seiner Pläne im Lande selbst sich nicht andere Wege zu eröffnen versteht. Er ist doch seither niemals verlegen geworden, wenn es sich darum handelte, etwas durchzuführen, was er sich vorgenommen hatte!«

»Freunde!« rief, noch ehe Heyso von Steinfurth etwas zu erwidern vermochte, Thomas von dem Kruge, »weshalb plagt Ihr Euch mit Beantwortung einer müßigen Frage? Ist es denn nicht völlig gleichgültig, ob Friedrich den Vorsatz gefaßt hat, für das schöne Geld Etwas zu kaufen, oder ob er es verschenken oder vergraben will? Ich glaube, wir dürfen dies ruhig unbeantwortet lassen, nachdem es unsererseits beschlossene Sache ist, ihm das Kopfweh zu ersparen, das ihm möglicherweise die schwierige Verwendung der Summen machen könnte!«

Lachend stimmte der jüngere Boldewin dieser Ansicht bei, und auch die übrigen Herren verschlossen sich nicht der Richtigkeit der Behauptung des Ritters Claus, welcher, sich räuspernd, bemerkte:

»Hrrr! Hm! Meines Dafürhaltens ist es besser, an die möglichst leichte Erlangung der Goldfüchse zu denken, als über Dinge zu sprechen, die nicht eintreten dürfen. Haben wir uns einmal vorgenommen, dem Uchtenhagen und dem Strantz die ihrem Schutze anvertraute Sendung abzunehmen, dann erachte ich es auch für überflüssig, nun noch ein Wort darüber zu sprechen, was Derjenige wohl mit dem Gelde anfangen wollte, für den es eigentlich bestimmt war!«

Der alte Boldewin hatte Claus, während dieser sprach, wiederholt scharf und forschend angesehen.

»Höre, Bruder Claus,« fragte er endlich, als dieser schwieg und, die Hände über den Bauch zusammengelegt, anscheinend in Gedanken versunken vor sich hinstarrte, »Du bist heut' Abend in einer außergewöhnlich ernsten Stimmung. Ueben die Goldfüchse, die Du erobern willst, eine so eigenthümliche Wirkung heut' schon auf Dich aus, oder hat Werner von Holzendorff Dir die frohe Laune verdorben? Sprich, was ist es, das Dich bewegt?«

»Hrrr! Hm! Ihr werdet es kaum für möglich halten, daß ich mich in Gedanken wiederholt noch immer mit einem Menschen beschäftigen könne, der nur allein aus dem Grunde einige Beachtung verdient, weil er Schwindel und Betrug meisterhaft auszuüben versteht!«

»Oho,« rief Thomas erfreut, »wer soll denn dieser Galgenstrick sein? Den Kerl möchte ich kennen lernen!«

»Ich ahne, wer es sein soll!« brummte der ältere Boldewin.

»Hrrr! Hm! Ihr kennt ihn bereits hinlänglich! Ich meine den Pater Eusebius!«

»Ha! Ha! Ha!« lachte Junker Boldewin laut auf. »Unserem biedern, frommen Pater gebt Ihr ja ein Zeugniß, auf das hin er etwas weniger sicher reisen kann, als wenn er mit einem Geleitschein versehen wäre. Ha! Ha! Ha! Hochwürdiger Herr, welch' himmelschreiendes Unrecht wird Dir hier von Herrn Ritter Claus von Quitzow angethan!«

Der Letztere stimmte selbst mit in das ausbrechende Gelächter ein, rief dann aber in dem ernsten Tone, in welchem er seither bereits gesprochen hatte:

»Hrrr! Hm! Ich denke, Pater Eusebius wird gegen die einzig richtige Kennzeichnung seines Lebens und Treibens nichts einzuwenden haben, und sollte er wirklich die Dreistigkeit besitzen, meine Worte nicht anerkennen zu wollen, nun, dann will ich ihn in seinem frommen Wahne nicht mehr stören. Meine unumstößliche Ansicht ist, wie ich heut entschiedener als je behaupte, daß wir doch nicht vorsichtig genug gehandelt haben, als wir den heillosen Pfaffen in unser Vorhaben einweihten und ihn mit einem Auftrage betrauten, der von sehr hoher Bedeutung war!«

»Eure Meinung über das Ausbleiben des Paters,« bemerkte Thomas, »ist mir zwar hinlänglich bekannt, denn wir haben oft genug bereits darüber gesprochen. Dessenungeachtet vermag ich auch heut noch nicht, mich Eurer Ansicht anzuschließen!«

»Ganz recht,« warf Heyso von Steinfurth ein. »Lasset uns noch einmal Alles, was den Pater und seinen Auftrag betrifft, ruhig überlegen, und Ihr werdet mir beistimmen, daß an einen Schurkenstreich des Paters hier nicht zu


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denken ist. Ich bin wahrhaftig nicht der Freund irgend welches Pfaffen, in diesem Falle glaube ich aber den frommen Eusebius in Schutz nehmen zu dürfen. Er erhielt also von der ganzen Angelegenheit so genaue Kenntniß, als wir sie zu geben vermochten, wurde darauf mit einem Briefe an den Befehlshaber auf dem »Wiking«, den auf der See gefürchteten Rolf Vendaskiold, gesandt mit dem Auftrage, diesen für unsern Plan zu gewinnen und ihn zu bewegen, unter der Verpflichtung, die Beute mit ihm theilen zu wollen, das mit dem Gelde zur bestimmten Zeit von England erwartete Schiff wegzunehmen.

Rolf Vendaskiold hat, da der Transport in Hamburg glücklich angekommen ist, entweder das betreffende Schiff verfehlt, oder ist im Kampfe mit demselben unterlegen oder aber, und dies scheint mir, wie ich Euch wiederholt bereits gesagt habe, das Richtigste zu sein, unsern Beauftragten hat, noch bevor er den Wiking erreicht, ein Unglück betroffen. Der Streich, den er uns gespielt hat, liegt demzufolge einzig und allein darin, daß er mit dem Himmel nicht vor der Reise ein Abkommen getroffen hat, durch welches er während der Zeit seiner Reise vor Gefahren genügend geschützt wird!«

Claus von Quitzow schüttelte den Kopf.

»Hrrr! Hm! Ihr glaubt doch nicht etwa, der Pfaffe sei einer solch' nichtswürdigen That, wie ich fürchte, daß er sie gegen uns begangen hat, nicht fähig?«

»In diesem Falle schwerlich, wie sich leicht beweisen läßt. Der Pater handelt, wie wir Alle, nach dem Grundsatze, in erster Reihe nur das zu thun, was zum eigenen Vortheil gereicht. Hätte er hier wirklich einen elenden Streich gegen uns beabsichtigt und den Vorsatz gefaßt, zum Verräther oder zum Betrüger an uns zu werden, dann würde es sich zunächst fragen, welcher Nutzen ihm durch seine Handlungsweise erwachsen wäre. Pater Eusebius war zu berechnend, zu schlau, um sich nicht zu sagen, daß der Verrath unseres Vorhabens an die zunächst betheiligte Person, den Burggrafen, ihm kaum großen Dank eingetragen haben würde. Friedrich selbst ist kein Freund der Kuttenträger, und Eusebius weiß, wie er mir kurz vor seiner Abreise im Laufe eines Gesprächs selbst sagte, recht genau, daß und in welcher Weise der Burggraf Verräther, selbst wenn deren schändliche Handlungsweise ihm zum Vortheil gereicht, zu behandeln und zu bestrafen pflegt. Der Versuch aber, die Summe für sich allein zu erlangen, verdient gar nicht erst der Erwähnung, aus dem einfachen Grunde, weil er, da Vendaskiold das Schiff entweder nicht angehalten oder zu nehmen nicht vermocht hat, nicht mehr durchführbar ist. Es bleibt uns deshalb, wie ich noch einmal behaupte, nichts anderes übrig, als anzunehmen, Pater Eusebius sei irgendwo verunglückt!«

»Hrr! Hm! Ich will, wenn dies denn durchaus verlangt wird, Eurer Ansicht beistimmen, der Pfaffe sei bei irgend welcher Gelegenheit in's Jenseits geschickt worden, obgleich - Katzen in der Regel auf die Pfoten fallen. Hat Eusebius dann aber den Brief an Rolf Vendaskiold mitgenommen?«

»Dachte ich mir's doch,« brummte der Junker, »daß nun der Brief wieder an die Reihe kommen wird!«

An der Fortsetzung seines Monologs wurde er durch Thomas verhindert.

»Hölle und Tod!« fuhr dieser nämlich auf, »was ficht Euch denn nur an, daß Ihr heut' wieder allerlei Bedenken hegt und Fragen aufwerft, die einen Menschen, der gewohnt ist, auf das sich gesteckte Ziel unbedenklich geradeaus zu gehen, in Verlegenheit bringen könnten! Laßt doch endlich den Pfaffen in seinem trockenen oder meinetwegen auch nassen Grabe ruhen, und freuen wir uns, daß trotz allen Mißgeschicks, das uns hindernd in den Weg zu treten schien, der kostbare Fang uns doch nicht entgehen wird!«

»Du hast Recht, Thomas,« bemerkte der alte Boldewin, »ich glaube auch, daß Eusebius todt ist und denke, da der Transport in einer Weise vor sich gehen soll, die deutlich zeigt, daß der Burggraf offene, unverdeckte Stärke der Anwendung von List vorzieht, daß wir keinen Hinterhalt zu besorgen haben!«

Herr Claus von Quitzow unterließ fortan jede weitere Einwendung; es war aber nicht zu verkennen, daß er mit den Einwendungen seiner Freunde nicht völlig einverstanden war.

Waren diese schon hierdurch und durch das ganze Verhalten des alten kampflustigen und stets jeder Gefahr spottenden Gefährten in ein befremdendes Erstaunen versetzt worden, so wurden sie es noch viel mehr, als Ritter Claus sich bald darauf erhob und sie mit der trockenen Ankündigung überraschte:

»Hrrr! Hm! Ich werde nach Stavenow reiten und morgen früh mit meinen Leuten zurückkehren!«

Die Herren von dem Kruge wußten, daß Claus von Quitzow nie zu bewegen sei, von einem einmal gefaßten Entschlusse abzugehen; sie bemühten sich deshalb auch nicht erst, ihn zum Bleiben zu bewegen, und nicht lange nachdem das Thor sich hinter ihm geschlossen, suchten die Herren von dem Kruge und Heyso von Steinfurth ihre Lagerstätten auf.

Am folgenden Tage traf Claus von Quitzow zur bestimmten Zeit mit seinen Knechten auf Garlosen ein, und als die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume verschwand, verließen die Ritter mit ihren Mannen das Schloß und schlugen die Richtung nach der westlich vorüberführenden Straße ein, welche der Transport entlang kommen mußte.

Ritter Hans von Uchtenhagen hegte eine keineswegs übertriebene Besorgniß, wenn er von Lauenberg ab eine starke Bedeckung als erforderlich erachtete.

Die Straße führte meilenweit durch zu beiden Seiten sie dicht begrenzende Wälder, in deren Schutz es Wegelagerern gar leicht wurde, ihr schändliches Handwerk zu treiben. Die Wälder waren überdies vielfach von Sümpfen, Mooren und wasserreichen Flächen durchzogen, deren Ueberschreiten nur Denjenigen möglich war, welche die einigermaßen tragfähigen Stellen und die Pfade genau kannten, die einzig durch die sumpfigen Strecken führten.

Diese Schleichwege waren auf Garlosen und den Mannen des Herrn Claus genau bekannt und von den Rittern und deren Knechten schon oft begangen worden, daß Heyso von Steinfurth, als er einerseits die Gefährlichkeit des Weges erkannte, und andererseits aber auch die Sicherheit wahrnahm, mit welcher die Moräste und Sümpfe überschritten wurden, erstaunt ausrief:

»Wahrhaftig, Ihr Herren, das Krämervolk muß die Straße nach Hamburg oft benützen, anderenfalls wäre es ja nicht möglich, daß Eure Leute gelernt hätten, auf bodenlosen Wegen zu gehen!«


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Thomas lachte spöttisch auf, der alte Boldewin aber brummte:

»Das Volk wird leider immer vorsichtiger. Wir haben seit längerer Zeit auf dieser Strecke keinen guten Griff mehr gethan, und es wundert mich selbst, daß wir alle mit einander noch nicht verlernt haben, die wirklich nicht ganz ungefährlichen Fußwege über das Moor zu betreten.«

Bald hatten sie das Ziel ihrer Wanderung erreicht.

Claus und der alte Boldewin nahmen Stellung zu beiden Seiten der an dieser Stelle zwischen zwei unmittelbar vom Wege aus aufsteigenden, dichtbewaldeten Anhöhen dahinführenden Straße, während Heyso mit seinen Mannen etwa hundert Schritte nördlich und Thomas und Junker Boldewin in geringer Entfernung von Claus südlich an der Straße sich aufstellten.

Nach harten Kämpfen war es Claus erst gelungen, diesem seinem Plan Annahme zu verschaffen.

»Hrrr! Hm!« meinte er ernst und scharf, »hat der Burggraf wirklich nicht nöthig erachtet, außer dem Uchtenhagen und dem Strantz noch weiteren Schutz für sein Geld zu suchen, dann werden wir uns immerhin nicht eher des Sieges erfreuen dürfen, bis nicht Herr Hans von Uchtenhagen und Herr Heinrich von Strantz entweder todt oder in unserer Gewalt sind. Wir müssen darauf gefaßt sein, daß sie sich vertheidigen werden bis auf das Aeußerste. Haben aber die Gewährsmänner Peters selbst nicht genaueren Bescheid über die Stärke der Begleitmannschaften gehabt und sind wir demzufolge ungenau unterrichtet worden, dann ist es nothwendig, daß wir rechts wie links im ersten Augenblick Deckung haben und erst mit Uchtenhagen und Strantz fertig werden können, ehe wir mit den Neuhinzukommenden anbinden. Die genannten beiden Herren und ihre Leute wollen Freund Boldewin und ich allein beseitigen!«

Mit Widerstreben wurde diese Ansicht, welche eine gewisse bei dem furchtlosen Claus befremdende Besorgniß durchblicken ließ, schließlich gebilligt, und schweigend harrten die beutegierigen Ritter und deren kampflustige Mannen des Zeichens, durch das die ausgestellten Posten ihnen das Herannahen des Transportes verkündigen sollten.

Die Nacht brach an. Der Himmel hatte sich dicht mit Wolken bedeckt und es fing an zu regnen, erst nur schwach, allmälig aber immer stärker und der Himmel schien alle seine Schleusen geöffnet zu haben, um die am Fuße der Anhöhe hinter den Bäumen versteckt lagernden Knechte durch das herabströmende Wasser aus ihrer immer ungemüthlicher werdenden Position zu vertreiben.

Wohl wurde manches leise Fluchwort hörbar, doch schien der Kampfesmuth hierdurch nicht geschwächt zu werden; im Gegentheil ließen finstere Drohworte der dem Regen am meisten ausgesetzten Knechte darauf schließen, daß sie gewillt seien, die Unbilden der Witterung den Uchtenhagen'schen und Strantz'schen entgelten zu lassen.

Mitternacht mochte nahe sein. Der Regen ließ nach und hörte bald ganz auf. Ein leichter Wind erhob sich, zerriß hier und da den dichten Wolkenschleier und es wurde bei dem fahlen Lichte der Sterne möglich, einige Schritte weit Gegenstände deutlicher zu erkennen, wie vordem.

Die unbeweglich in ihrer Stellung verharrenden Ritter und Knechte athmeten auf und sehnlichst wurde nun die Ankunft der Gegner herbeigewünscht, um durch Bewegung das unangenehme Gefühl zu verdrängen, das durch das Tragen vollständig durchnäßter Kleider in einer kalten Märznacht hervorgerufen werden muß.

Da wurde endlich der Schrei eines Vogels hörbar.

In demselben Augenblicke waren die Ritter und ihre Leute in Bewegung. Die Säbel wurden gezogen und angestrengt gelauscht.

Ein Geräusch wurde jetzt vernehmbar, erst unklar, bald aber immer deutlicher, und die Lauschenden waren nach wenigen Augenblicken nicht mehr im Zweifel darüber, daß der Transport und dessen Begleitmannschaften daher kämen.

Jetzt vermochten sie die Reihen der Letzteren bereits zu unterscheiden und das Knirschen der Räder beim Rollen über Kies oder Steine genau zu hören; zwei Wagen kamen mitten im Zuge der Bedeckung langsam dahergefahren. Die Letztere hatte augenscheinlich keine Ahnung von der drohenden Gefahr, denn sie beobachtete nur flüchtig den Saum des Waldes und plauderte recht lustig.

Voran ritt ein Reiter, ohne Zweifel Hans von Uchtenhagen, und unmittelbar vor dem Wagen ein zweiter einzelner Mann. Claus vermochte ihn zwar ebensowenig wie den Ersteren genau zu erkennen, doch konnte es ja kein Anderer sein als Herr Heinrich von Strantz. Die Wagen waren inzwischen soweit herangekommen, daß sie dem hinter einem der ersten Bäume am Wege harrenden Claus gerade gegenüber sich befanden.

Nun war es Zeit zum Angriff. Rasch ritt er vor und mit ihm zugleich stürzten seine Leute, von der anderen Seite aber verabredetermaßen der ältere Boldewin mit seinen Mannen auf die anscheinend keinen Ueberfall gewärtigende Schaar der Begleiter.

Einen Moment nur stutzten diese, dann befanden sie sich mit den Angreifenden schon im erbittertsten Handgemenge. Die Ritter Claus und Boldewin der Aeltere aber ritten, der Erstere auf Hans von Uchtenhagen, der Letztere auf Heinrich von Strantz los.

»Oho!« rief der Uchtenhagener, als er die Absicht Claus von Quitzow's, mit ihm anzubinden, merkte, »mit welchem Wegelagerer und Strauchdieb habe ich es denn hier zu thun?«

Das Schwert in der Faust, ritt er dem die Hiebe der Knechte nur leicht abwehrenden und sich durch das Gewirre drängenden Ritter entgegen.

»Sollst es bald sehen!« erwiderte Letzterer, zu einem furchtbaren Hiebe ausholend, der Uchtenhagener parirte jedoch diesen Schlag so geschickt, daß Ritter Claus mit einem zweiten Hiebe dem Gegner nicht mehr zuvorzukommen vermochte und von diesem bald in die Enge getrieben wurde.

Noch einmal raffte er sich empor, als der Uchtenhagener von mehreren Knechten des Gegners bedroht wurde. Während er diese durch wohlgezielte, kräftige Schläge theils zu Boden, theils in die Flucht schlug, war Claus, wüthend über die ihm zu Theil gewordene unerhörte Abfertigung, mit einem Sprunge seines Pferdes dem Uchtenhagener wieder nahe gekommen und drang mit dem Gnadegott auf ihn ein.

Zu seinem Unglück trat aber in dem Momente, als er den Gegner ergreifen wollte, sein Schimmel fehl, der Stoß verfehlte sein Ziel und der Uchtenhagener schlug


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nun mit einem gewaltigen Hiebe Claus vom Schimmel herab.

Ritter Claus von Quitzow war kampfunfähig und der Uchtenhagener, welcher in der kleinen, runden Gestalt auf dem dicken Schimmel längst bereits die Person seines Gegners erkannt hatte, rief höhnisch:

»Herr Claus von Quitzow ist also unter den Wegelagerern zu finden? Ein wenig Geduld nur, edler Ritter, mit Euren Leuten wird bald aufgeräumt sein, dann wollen wir erst noch ein Wörtchen sprechen!«

Seine Vorhersagung schien indeß nicht in Erfüllung zu gehen, denn in diesem Augenblicke kamen Thomas und Junker Boldewin mit ihren Leuten herbei.

Der Letztere hatte den Uchtenhagener kaum erblickt, als er schon an diesen heranritt.

»Jetzt, Hans von Uchtenhagen,« brüllte er, während er sein Schwert zum Schlage erhob, »verlange ich Rechenschaft für den Schimpf, den Ihr mir einst zugefügt habt. Der Strauchritter wird Euch jetzt zeigen, daß er einen Unverschämten zu züchtigen versteht!«

Statt der Antwort begegnete der Uchtenhagener dem Junker, welchem die Wuth die, einem so gewandten Gegner gegenüber unbedingt erforderliche Ruhe und Besonnenheit geraubt hatte, und der deshalb blind darauf losschlug, mit einer Anzahl so kräftiger und geschickt geführter Hiebe, daß das Schicksal des prahlerischen Junkers wohl vorauszusehen war, wenn ihm nicht von irgend einer Seite Hilfe geworden wäre.

Während dieses Kampfes mit einem durch die Wuth verblendeten, vielleicht auch durch allzugroße Siegesgewißheit in Sicherheit gewiegten Gegner hatte der Uchtenhagener schon wahrgenommen, daß der Ritter, welcher mit ihm den Transport bis hierher geleitet, durch zwei Andere arg in's Gedränge gebracht wurde. Nicht minder waren die feindlichen Mannen, welche an Zahl nahezu doppelt so stark sein mochten, als die Begleitmannschaften, nahe daran, das Feld zu behaupten.

Sein mehr und mehr erlahmender Gegner ließ ihm Zeit, einen Blick auf das Kampffeld zu richten. Er erkannte sofort den nicht mehr zweifelhaften Ausgang des Gefechts, ging nun mit erneuter Heftigkeit auf den Junker Boldewin los, welcher, seine letzte Hilfe in der Anwendung des Gnadegotts erblickend, mit dieser furchtbaren Waffe auf seinen Gegner losstürmte.

Dieser kam indeß auch hier der Verwirklichung der Absicht des Junkers zuvor. Im Augenblick des Stoßes führte der Uchtenhagener eine leichte Wendung aus, der Stoß verlor gerade in Folge der Heftigkeit, mit der er geführt war, an Sicherheit, der Stahl glitt an der Rüstung des Uchtenhageners ab und dieser stieß nun sein Eisen dem in seiner Aufregung sich Blößen gebenden Junker derart in den Körper, daß, als er seinen Gnadegott zurückgezogen, der Junker lautlos vom Pferde sank.

Ohne sich weiter um den gewiß tödtlich Verwundeten zu kümmern, wandte er sich nun zu dem noch immer neben seinem Schimmel liegenden Claus von Quitzow. Es war ihm unerklärlich, weshalb dieser sich nicht wieder emporraffte, oder doch wenigstens einen Versuch anstellte, sich aufzurichten. Die eigentliche Ursache dieser ihm auffallenden Wahrnehmung zu ergründen, vermochte er indeß nicht, denn der laute Jubel der Knechte der Gegner zeigte ihm ja zu deutlich, daß die Uebermacht den Sieg davontragen werde.

Diese Ueberzeugung schien ihn jedoch weniger zu bekümmern, als erwartet werden durfte. Er wandte sein Pferd dem zwischen ihm und dem Ritter, welcher ihn begleitet hatte, sich hin und her drängenden Knäuel von Knechten zu und war bald neben seinem mit Aufbietung der letzten Kräfte gegen Thomas und Heyso sich vertheidigenden Kampfgenossen, welchem er einige den Gegnern unverständlich gebliebene Worte zurief.

Mit all' der ihm zu Gebote stehenden Gewandtheit und mit einem Feuer, als wäre er an dem Kampfe bis jetzt noch nicht betheiligt gewesen, griff er, während Heinrich von Strantz durch Heyso von Steinfurth beschäftigt wurde, den alten Boldewin an und drängte ihn immer weiter zurück. Letzterer mochte wohl einsehen, daß er unterliegen müsse, wenn der Gegner seine unverkennbare Absicht, ihn von den Knechten zu entfernen, durchzuführen vermöge, und versuchte zum Angriff überzugehen. Die wuchtigen Schläge jedoch, welche der gewaltige Gegner hageldicht auf ihn niedersausen ließ, nöthigten ihn, von diesem Vorhaben abzustehen, und er würde aller Voraussicht nach das Schicksal Claus von Quitzow's getheilt haben, wenn der Gegner nicht durch einen raschen Seitenblick von der Unfruchtbarkeit des weiteren Kampfes überzeugt worden wäre.

Heinrich von Strantz wurde von seinem stärkern Gegner eben überwältigt und nur die schleunigste Hülfe vermochte ihn vor Schlimmerem zu bewahren.

An der Bethätigung des Wunsches, dem Freunde diese Hülfe zu bringen, hinderte ihn indeß der alte Boldewin. Auch diesem war es nicht entgangen, daß seine Leute weitaus im Vortheil seien. Sein Muth wuchs und es gelang ihm, die getheilte Aufmerksamkeit des Gegners benützend, diesen durch einen mächtigen Hieb stark zu verwunden.

In demselben Augenblicke ertönte ein gellender Pfiff; die beiden Ritter von Uchtenhagen und Strantz stürmten unbekümmert um ihre durch den unerklärlichen Pfiff einen Moment anhaltenden Gegner vorwärts, ihre noch unverwundeten Knechte und die Führer der Wagen, welche ihre Pferde während des Kampfes abgesträngt hatten, folgten, und bald sahen die Sieger sich auf dem theuer erkauften Siegesplatze mit ihren Leuten und den beiderseitigen Todten und Verwundeten, wie den Wagen allein. Der Hufschlag der davoneilenden Ritter und Mannen war längst verschollen und tiefe Stille herrschte ringsum, als Heyso von Steinfurth endlich von seinem Staunen sich erholt hatte und den noch immer bald auf die Wagen, bald in der von den Flüchtigen eingeschlagenen Richtung blickenden Boldewin von dem Kruge verwundert fragte:

»Was bedeutete das? Und wo ist Claus und der Junker?«

Jetzt endlich fuhr der alte Boldewin aus seiner Erstarrung auf.

»Fort, fort mit dem Wagen, so schnell als möglich. Der Uchtenhagen holt Hülfe! Ja so, wo sind die andern Beiden?«


Ende des vierundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk