Heft 34

Feierstunden am häuslichen Heerde

21. April 1877

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May,
fortgeführt von Dr. Goldmann.


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Wenige Schritte entfernt fanden sie bald die Gesuchten, und der alte Boldewin vermochte einen lauten Wehruf nicht zu unterdrücken, als er die Ueberzeugung gewann, daß der Junker, wie auch sein alter Freund und langjähriger Bundesgenosse bei allen Fehden und Streifzügen, Ritter Claus von Quitzow, anscheinend leblos neben seinem dicken Schimmel lag.

Balthasar kniete neben ihm und suchte, selbst arg verwundet, seinem Herrn vergebens aufzuhelfen.

»Ja, also, Herr Ritter,« rief er jammernd, als der alte Boldewin herzutrat, »mein edler Herr scheint vom Falle betäubt zu sein. Die Schufte hatten mich umringt und ließen mich nicht aus - o, ich Unglücklicher, also!«

Claus und der Junker wurden von mehreren Knechten zu dem nächsten der Wagen getragen, in welchem, wie der alte Boldewin sich jetzt erst überzeugte, einige kleine Fäßchen standen, die unverhältnißmäßig schwer waren.

»Im andern Wagen stehen auch ein Dutzend solcher Fäßchen!« rief Heyso, als er dies hörte.

»Wir dürfen keinen Augenblick länger als nöthig verweilen!« entschied Boldewin, Heyso wie auch Thomas stimmten dem eifrig bei, und Letzterer flüsterte den beiden Rittern im Tone der Ueberzeugung zu:

»Die Fäßchen enthalten das Geld, welches - deshalb fort!«

Einige der noch berittenen Knechte mußten auf Befehl des alten Boldewin absteigen und, während die Verwundeten in den zweiten Wagen gebracht wurden, ihre Pferde vor beide Wagen spannen.

Nachdem dies geschehen, wurden die Todten vom Wagen weg in den Wald getragen und dann ging der Zug langsam in der Richtung nach Garlosen weiter.

Sie mußten jetzt eine bedeutende Strecke auf dem Wege in der Richtung weiterfahren, welche die flüchtige Bedeckungsmannschaft eingeschlagen, und Boldewin beobachtete alle möglichen Vorsichtsmaßregeln.

»Ich fürchte,« sprach er leise zu dem schweigend neben ihm herreitenden, aber gespannt auf jedes Geräusch neben wie vor ihm lauschenden Heyso von Steinfurth, »wir werden des Gefechts wegen noch einen blutigen Strauß zu bestehen haben. Die plötzliche, wie auf vorherige Verabredung erfolgte Flucht der beiden Ritter und ihrer Knechte erregt Bedenken in mir, die, je länger ich über den Vorfall nachdenke, immer schwerer werden. Wenn wir nur erst vom Wege abbiegen und die gerade Richtung nach Garlosen einschlagen könnten!«

Heyso begnügte sich mit einem die Stelle der Antwort vertretenden brummenden Laut, bei dem es unentschieden blieb, ob der Ritter die Ansicht seines Kampfgenossen theilte oder nicht.

Als sie an der Stelle angekommen waren, wo sie von der Straße abwichen, hielt der am äußersten Flügel der rechten Seite reitende Knecht sein Pferd an.

»Halt an!« flüsterte er seinem Nebenmanne zu, »dort regt sich etwas!«

»Ich sehe nichts!« brummte der Andere, und nachdem sie einige Minuten die dem Ersteren verdächtig erschienene Stelle am Waldsaume beobachtet und nichts mehr bemerkt hatten, erklärte der Knecht mißtrauisch:

»Ich hätte darauf schwören mögen, daß ein Mann hinter dem Gestrüpp verschwunden wäre!«

Kaum waren sie indeß einige Schritte auf dem von der Straße abgehenden, nach Garlosen führenden Waldwege dahingeritten, als derselbe scharfe, durchdringende


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Pfiff ertönte, welcher unmittelbar vor der Flucht der Uchtenhagen'schen und der Strantz'schen gehört worden war.

Noch einmal hielten die Knechte an.

»Komm mit mir,« flüsterte der seitherige Flügelmann des jetzigen Bedeckungscorps, »wir wollen uns davon überzeugen, wer so prächtig pfeifen kann!«

Der Andere war sofort bereit, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Der Ruf des Herrn Boldewin von dem Kruge hielt sie jedoch von der Ausführung zurück.

In möglichster Eile wurde der Transport nunmehr fortgesetzt und ungefährdet erreichten sie Garlosen.

»Tragt den Ritter und den Junker und dann Alles, was sich außer den Verwundeten in den beiden Wagen befindet, in den Saal hinauf,« befahl, als sie im Schloßhofe angekommen waren, Herr Boldewin, »und Euch, Thomas und Heyso, bitte ich, im Saale die beiden Herren und die Sachen in Empfang zu nehmen; ich werde einstweilen hierbleiben!«

Bald war dieser Befehl ausgeführt und Boldewin beeilte sich nunmehr, in den Saal zu kommen, um dort zunächst Gewißheit über das Ergehen des Junkers und des Ritters zu erhalten.

Mit schlecht verhehlter Angst trat er an das Lager der beiden Herren, an welchem Heyso und Thomas mit gefalteten Händen standen.

Ein Blick auf die beiden Gestalten, ein Griff nach den Händen derselben und Boldewin, der in Gefahren alt gewordene, gegen äußere Eindrücke sich seither fast als unempfindlich erwiesene Mann, bebte zurück.

»Todt! todt!« murmelte er, entsetzt die Hände vor das Gesicht schlagend. »Großer Gott, die einzigen Menschen, die außer Thomas seither treu zu mir gehalten haben, todt? Das - ist - hart!«

Wie vernichtet sank er auf einen Stuhl.

Thomas war zwar nicht weniger ergriffen von dem Geschick der beiden Kämpen, von denen der eine ihm ja noch durch Bande des Blutes nahe stand, er verstand jedoch, sich mehr zu beherrschen und trat nach einiger Zeit an den unbeweglich auf seinem Stuhle sitzenden Boldewin heran.

»Fasse Dich,« rief er ihm zu, »und komm' mit zu den Fässern, wir wollen den Inhalt derselben prüfen!«

»Ja, ja, Boldewin,« bat Heyso, »kommt mit uns und laßt Eure trüben Gedanken schwinden; auch wir werden ja einst den gleichen Weg wie die Beiden da wandeln!«

Boldewin erhob sich langsam.

In diesem Augenblick trat Balthasar ein.

»Vergebt, Ihr Herren, daß ich mit sammt meinen Wunden heut' noch hier eindringe; ja, also! Ich wollte mich nur erkundigen, wie es meinem theuren Herrn ergeht!«

»Balthasar, treue Seele,« erwiderte Boldewin, »Dein Herr ist - todt!«

Entsetzt fuhr Balthasar zurück.

»Mein - Herr - todt?! Ja, also! Mein Herr ist todt! Nun - will - ich - auch - sterben - ja, also! Nach diesen Worten wankte er bis zur Thüre. Dort wandte er sich um.

»Kann ich meinen Herrn nicht noch einmal sehen?«

»Hier liegt er, komm' nur her!«

Wankend folgte er diesem Ruf, schritt bis zur Leiche Claus von Quitzow's und blickte ihn lange starr, groß an. Dann sank er in die Kniee und selbst die Augen der rauhen, gegen jedes weichere Gefühl abgestumpften Ritter Boldewin, Thomas und Heyso wurden feucht, als sie sahen, daß Balthasar die Thränen über das Gesicht herabliefen, als er die eiskalte Hand der Leiche seines Herrn ergriff und schluchzend rief:

»Ja, also, weshalb sind wir in den Kampf gezogen gegen den wilden Uchtenhagen? - - Jetzt stehe ich allein da, ohne Herrn, ohne Heim, ohne Nichts, o, hätten die Schufte doch auch mich todtgeschlagen, damit ich meinen Herrn in's Jensen begleiten konnte - - was soll ich noch hier?«

»Du wirst fortan bei mir bleiben, Balthasar!« rief Boldewin, »nun aber gehe und sieh' zu, daß Deine Wunden heil werden!«

Sichtlich schwer trennte der treue Leibknappe sich von der Leiche seines seitherigen Herrn und verließ langsam den Saal.

Thomas und Heyso waren inzwischen schon beschäftigt gewesen, eines der Fäßchen zu öffnen. Als Balthasar die Thüre hinter sich geschlossen, bedurfte es nur noch weniger Schläge, um die Decke des Fäßchens herausheben zu können.

Bald war diese kleine Arbeit geschehen, Thomas hob die oberen, die Decke bildenden Bretter in die Höhe - begierig blickten die drei Herren in das Fäßchen und starrten mit weitgeöffneten Augen und langgezogenen Gesichtern bald in das Fäßchen, bald einander in's Gesicht.

»Himmel und Hölle!« brach Boldewin endlich das Schweigen, »das kann nicht sein; schütten wir das Ding um!«

Dies war schnell geschehen und ein mächtiger Haufen schönen weißen Sandes lag vor ihnen.

»Alle Teufel!« fluchte Heyso, als er sich überzeugt hatte, daß wirklich nichts Anderes als Flugsand vor ihm liege.

Thomas hatte bereits ein anderes Fäßchen herbeigeholt und geöffnet, und zum Entsetzen der Ritter bestand der Inhalt dieses zweiten Gebindes wiederum lediglich aus Flugsand.

Eiligst wurden nun sämmtliche Fäßchen untersucht und schließlich lag ein bemerkenswerther Haufen Sand im Saale - von Geld war in den Fäßchen keine Spur zu entdecken.

Boldewin und Thomas waren vor Schreck und Aerger keines Wortes mächtig, sondern begnügten sich, Ersterer mit Schluchzen und Letzterer mit den Fäusten den Tisch zu bearbeiten und mit den Füßen dazu den Tact zu treten.

Ritter Heyso aber brüllte:

»Um einen Haufen Flugsand zu erobern, bin ich bei allen Teufeln doch nicht bierhergekommen. - Ich reite sofort nach Hause und werde Garlosen nie mehr betreten!«

Wüthend verließ er den Saal. -

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- 16. -

Wiedergefunden.

Der Wachtmeister Caspar Liebenow hatte nach der Befreiung der Gefangenen aus der Gewalt der Räuber vom Junker Dietz bekanntlich den Auftrag erhalten, im Verein mit Jobst die Befreiten bis zu der Stelle zu führen, an welcher Jobst mit den beiden Junkern, dem Wachtmeister und seinem Bruder zusammengetroffen war, und dort die Ankunft der Junker zu erwarten.

Zum Erstaunen der Letzteren war an der bezeichneten Stelle aber weder Caspar Liebenow noch einer der Befreiten zu sehen gewesen und die Junker folgten schließlich der Einladung der beiden Uchtenhagen, diese nach ihrer Burg zu begleiten.

Wie Junker Dietz sofort annahm, traf den Wachtmeister keine Schuld an dieser Pflichtversäumniß.

Dem erhaltenen Befehle entsprechend, war der kleine Trupp in beschleunigter Eile durch den Wald in gerader Richtung der Straße zugezogen, und nur noch wenige Schritte von dieser entfernt, auf einer Lichtung angekommen, in deren Mitte eine mächtige Eiche stand, deren weitreichende Aeste im Sommer und wenn sie dicht belaubt waren, einen weiten Theil des kleinen Platzes beschatten mußten.

Unter diesem Baume blieb die Gräfin plötzlich stehen, legte die eine Hand auf die Augen und verharrte unbeweglich in derselben Stellung selbst dann noch, als der Wachtmeister sie erst leicht, dann aber fester am Arm faßte. -

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper ich hape nicht länger Lust, hier zu warten, bis Ihr freiwillig folgen werdet. Gleich geht mit uns weiter, sonst trage ich Euch!«

Jetzt endlich bewegte sich die Frau, ließ die Hand fallen und sah sich scheu um.

»Dieser Baum, dieser Platz,« stieß sie ängstlich hervor, »o mein Gott, meine armen Kinder, wo finde ich sie und meinen Gemahl! Ha,« fing sie plötzlich an zu schreien, »dort brach der wilde Reiter hervor, ja, ja, jetzt erinnere ich mich, dort kamen die wilden Männer, die meinen Gemahl und meine Kinder fortschleppten. -«

»Unsinniges Geschwätz,« rief der Wachtmeister finster, »was für dummes Zeug doch in dem Kopfe des Weibes spukt. Vorwärts, sonst kommen die Junker noch eher zur Stelle als wir!«

Bei diesen Worten faßte er die Gräfin an, um sie, wenn sie nicht selbst mitgehen wollte, mit Gewalt weiter zu schleppen.

Mit Aufbietung aller ihr zu Gebote stehenden Kraft sträubte die Frau sich indeß gegen die Ausführung dieser Absicht des Mannes und schrie gellend auf:

»Ihr wollt mich wieder in das Gefängniß schleppen, ich gehe aber nicht mehr mit. Gebt mir erst meine Kinder zurück, die Ihr mir hier geraubt habt! Wo sind sie? Weshalb haltet Ihr Euer Versprechen, mich mit meinen Kindern zusammenzubringen nicht? Nun soll ich wohl gar umgebracht werden? Mörder seid Ihr! Hülfe! Hülfe!«

Die aus ihren Zellen befreiten Männer standen, als sie diese aufregende Scene sahen, ängstlich, unentschlossen, ob sie der Frau oder dem Wachtmeister beistehen sollten, welcher sich vergebens bemühte, die mit Händen und Füßen den Mann von sich abwehrende Unglückliche, deren gellendes Geschrei bei der herrschenden Stille weithin hörbar sein mußte, zu beruhigen und zum Weitergehen zu bewegen.

Als er indeß wahrnahm, daß seine Bemühungen ohne Erfolg blieben, wandte er sich zu dem neben ihm stehenden Jobst:

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche; es pleipt mir nichts anderes üprig, als das Weip zu pinden und zu knepeln: sie hetzt uns durch das furchtpare Geschrei noch Gott weiß wen auf den Hals und die Junker warten dann vergepens auf uns. Hast Du ein Tuch hier?«

»Ich ein Tuch?« fragte dieser aber erstaunt zurück, »wie kannst Du nur eine solche Frage an mich richten?«

»Ha,« rief er die Männer an, welche neben ihm stehend eben ein leises Gespräch angeknüpft hatten, »hat Einer von Euch ein Tuch bei sich?«

Schweigend griff einer der Kaufleute in die Tasche und überreichte Jobst das Verlangte.

Dieser war eben im Begriff, der Weisung des Wachtmeisters zu folgen und der in entsetzlichen Lauten »Hülfe« und »Mörder« schreienden Frau den Mund zu verbinden, als der diese mit beiden Händen festhaltende Wachtmeister sich plötzlich aufrichtete und den Kopf lauschend seitwärts bog. -

Pferdegetrappel wurde vernehmbar und bald vermochten er sowohl als Jobst zu unterscheiden, daß mehrere Reiter sich näherten.

Jobst blieb mit dem Tuche in der Hand einen Augenblick lauschend stehen und dieser eine Moment wurde entscheidend für die fernere Gestaltung ihres Ergehens.

Die Gräfin schrie, während Jobst mit dem Tuche vor ihr stehen blieb, noch einmal laut auf und die Reiter mußten diesen Hülferuf gehört haben.

Sie hielten ihre Pferde einen Moment an, sprengten dann aber vom Wege ab in der Richtung in den Wald hinein, von woher sie den Hilferuf vernommen hatten, und hielten bald vor dem Wachtmeister, welcher die sich noch immer, wenn auch, da ihre Kräfte erlahmten, schon schwächer wehrende Frau Jobst überließ und sein Schwert in der Faust nach dem Begehr der Herren fragte.

»Was geht hier vor?« fragte der eine der beiden Reiter, ein großer, starker Mann, dessen Kleidung und Haltung dem Wachtmeister sofort verrieth, daß er hier einem Ritter gegenüber stehe, der im Stande sei, genügende Antwort mit dem Schwerte zu erzwingen, und ein Blick auf den Begleiter desselben, eine hühnenhafte Gestalt auf eben so starkem Pferde, ließ es ihm vollends gerathen erscheinen, mit einer offenen Auskunft nicht zu zögern.

»Die Frau da will uns nicht folgen, und ich hape ihr epen pegreiflich machen wollen, daß der Wachtmeister Caspar Liepenow sich im Nothfalle Gehorsam zu erzwingen weiß!«

»Oho,« rief der Reiter staunend, »Du scheinst ein entschlossener Bursche zu sein. Bevor Du Dir Gehorsam erzwingst, sage erst, von wo Du die Frau bringst und wohin sie geführt werden soll. Wie heißt sie?«


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Die Gräfin war bei der Ankunft der Reiter einen Augenblick still gewesen, verwundert starrte sie dieselben groß an; bald fing sie aber von Neuem an zu schreien:

»Wo sind meine Kinder, Ihr Räuber, Ihr Mörder! Hilfe, Hilfe, Ihr wollt auch mich ermorden, wie Ihr meinen Gemahl getödtet habt!«

»Seid unbesorgt, Frau!« rief ihr der fremde Ritter zu, »Euch soll nichts Uebles mehr geschehen!«

»Mordelement,« polterte der Wachtmeister dazwischen, »Gott straf mich, wenn ich fluche. Wir hapen nichts Pöses vor; das Weip soll mir nur zu meinem Junker folgen. Doch wer seid Ihr denn? Wie könnt Ihr Euch denn in meine Angelegenheit mischen, die Euch nichts angeht?«

»Halt's Maul,« rief ihm der Ritter streng zu, »oder Henning von Bismarck wird Dir zeigen, daß er einen frechen Burschen zum Schweigen zu bringen versteht!«

»Was ist Euch denn geschehen?« wandte er sich nun nochmals zu der Frau, die den Blick jetzt unverwandt auf den Begleiter des Herrn Henning von Bismarck gerichtet hielt und alle Fragen des Letzteren unbeantwortet ließ.

»Herr Henning von Bismarck seid Ihr?« brummte der Wachtmeister mürrisch, »da wäre mir es auch lieper gewesen, dem Pösen pegegnet zu sein!«

Mit lauter Stimme erwiderte er dann auf die bezügliche Frage des Ritters:

»Die Frau ist aus einem Gefängnisse pefreit worden, und Junker Dietz wird ihr jetzt die Freiheit wiedergepen!«

»Aus welchem Gefängnisse? Wie heißt der Junker und wo ist er im Augenblicke?«

»Wo das Gefängniß sich pefindet, in welchem die Frau gelept hat, kann und mag ich nicht sagen. Der Junker aper ist Herr Dietz von Quitzow, welcher an einer Stelle auf uns wartet, die Ihr nicht zu wissen praucht!«

»Frecher Bursche!« brauste der Ritter auf, »warte, ich werde Dich antworten lehren!«

In demselben Moment holte er zum Schlage aus, der Wachtmeister vermochte den Hieb nicht geschickt und schnell genug zu pariren und mit einem Wehlaut brach er blutend zusammen; Henning von Bismarck hatte ihm anscheinend eine tiefe Kopfwunde beigebracht, denn bald war die Stelle, an welcher der Kopf des Wachtmeisters lag, vom Blute gefärbt.

Regungslos lag Caspar Liebenow am Boden, und die Befreiten, die Zuschauer dieser bei der fahlen Helle, welche die Schneedecke und der klare Sternenhimmel verbreiteten, doppelt grausig erscheinenden Scene, liefen laut schreiend davon.

Jobst schien im ersten Moment durch den Fall des Wachtmeisters so überrascht zu sein, daß er wie gelähmt, mit dem Tuche in der einen und die angsterfüllt laut aufkreischende Frau mit der andern Hand festhaltend, stehen blieb.

Herr Henning von Bismarck weckte ihn aber bald aus dieser Erstarrung.

»Gehörst Du auch zu den Quitzow'schen?«

»Ja, Herr Ritter!«

»Wo erwartet Euch der Junker Dietz von Quitzow?«

»Eine halbe Stunde von hier, an der Stelle, wo der Weg in den Tannenwald eintritt!«

»Und diese Frau brachtet Ihr woher?«

Jobst war zu schlau, um, wie der Wachtmeister, seine wahre Meinung gerade heraus zu sagen, er entgegnete deshalb:

»Ich bin vor wenig Augenblicken erst hier den Leuten, die Ihr gesehen habt, begegnet. Der Junker hat mich ihnen bis hierher entgegen geschickt. Wo die Frau, deren Verstand in Verwirrung gerathen zu sein scheint und die, wie der Wachtmeister dort mir sagte, eine Gräfin sein soll, seither gewesen ist, vermag ich nicht zu sagen!«

Herr von Bismarck stieg nun vom Pferde und näherte sich der Unglücklichen, welche sich vergebens bemühte, der überlegenen Gewalt Jobst's zu entfliehen, fortwährend »Hilfe« schrie und nach ihrem Gatten und ihren Kindern jammerte.

Der Ritter sah sofort ein, daß gütliches Zureden hier vergeblich sein würde, und ebensowenig daran gedacht werden könne, die Frau auf das Pferd zu heben, um schneller vorwärts zu kommen.

»Du wirst,« befahl er deshalb Jobst, »das unglückliche Weib am Arme neben mir herführen. Bei dem ersten Versuch, die Frau loszulassen und etwa im Walde verschwinden zu wollen, spalte ich Dir den Schädel!«

Rasch schwang er sich wieder in den Sattel und wandte sich zu seinem Begleiter.

»Nun, Detlev, da haben wir ja noch ein recht nettes Abenteuer erlebt!«

Der mit dem Namen Detlev angeredete Herr, in welchem wir den Pflegesohn Suteminns erkennen, fuhr, durch diese Anrede aus tiefem Sinnen emporgeschreckt, auf.

Herr von Bismarck bemerkte dies und fragte erstaunt:

»Was veranlaßt Euch denn in aller Welt, hier und in diesem Augenblicke Gedanken nachzuhängen? Was ficht Euch an, junger Freund, plötzlich Tiefsinn zu hegen?«

»Verlangt keine Erklärung dessen, was mich jetzt eben beschäftigt hat,« erwiderte Detlev ernst, »ich vermöchte Euch doch nicht genügend zu antworten. In dem Momente, als wir diesen Platz betraten, als ich die Eiche hier sah und die Stimme der armen Frau dort hörte, wurde eine Erinnerung in mir wach, die nun wohl auch länger lebendig bleiben wird!«

»An was erinnertet Ihr Euch hier? Habt Ihr denn diese einsame Waldlichtung schon einmal betreten?«

»Ich glaube nicht und doch will es mir auch wieder scheinen, als hätte ich diesen Platz, diese Eiche vor langen Jahren gesehen; die Stimme der Frau aber hat mich so eigenthümlich berührt, daß ich mit bestem Willen Euch darüber nichts Anderes zu sagen vermag, als das Weib hat, trotzdem ich ihre Züge noch nicht genau unterscheiden kann, meine volle Sympathie bereits erworben.«

Herr von Bismarck blickte erstaunt auf. Detlev erschien ihm unerklärlich.

»Brechen wir auf!« befahl er kurz, und Jobst zog, mit Aufbietung von Gewalt, die Gräfin glücklich von dem Baume weg und neben dem Pferde des Ritters herschreitend mit sich fort.

Als sie ein paar Minuten später auf der Straße angelangt waren, schien die Frau ruhiger zu werden. Sie hörte auf zu schreien und zu jammern und folgte willig ihrem Führer, der es gleichfalls vorzog, dem Befehle des Ritters gehorsam zu sein.


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»Euch wie mir,« begann der Ritter zu Detlev, »wird die Frage vorschweben, wohin wir uns mit der, wie es scheint, in Folge langer schmählicher Kerkerhaft, geistig nicht mehr ihrer selbst mächtigen, armen Frau wenden sollen. Euch wie mir wird es unzweifelhaft erscheinen, daß sie gerettet werden muß, in welcher Weise wir das aber bewerkstelligen wollen, ist mir nicht ganz klar!«

Detlev schwieg noch einige Augenblicke, dann erwiderte er in einem Tone, der von einem bereits gefaßten, festen Entschlusse zeugte:

»Der nächstgelegene Ort, an welchem die Unglückliche vorläufig untergebracht werden könnte, ist jedenfalls mein Heim. Ich erachte es deshalb für das Zweckmäßigste, da wir ja doch nach Tangermünde reiten, die Frau mit uns zu nehmen und zu sehen, ob es mit der Zeit möglich ist, ihr zum vollen Gebrauch ihrer geistigen Fähigkeiten wieder zu verhelfen!«

»Ich möchte Euch wohl beistimmen,« meinte der Ritter nachdenklich, »wird aber auch Herr Suteminn mit Eurem Vorhaben einverstanden sein?«

»Doch! Doch!« versicherte Detlev eifrig, »ich kenne das edle Herz des Ritters zu gut, um nicht zu wissen, daß er meine Bitte um Aufnahme der Unglücklichen bereitwilligst gewähren wird.«

Schweigend setzten die beiden Reiter und zwischen diesen Jobst mit der Gräfin ihren Weg fort und bogen, nachdem sie eine kurze Strecke noch auf dem Wege fortgeritten waren, in einen Seitenweg ein.

Mehrmals mußten sie zwar in Rücksicht auf die durch ungewohnte lange Fußwanderung ermüdete Gräfin längere Zeit anhalten und konnten dann zum geheimen Aerger des Ritters, welcher, um schneller vorwärts zu gelangen, die Frau gern auf das Pferd gehoben hätte, wenn dies nur irgend möglich gewesen wäre, auch nur langsam ihren Weg fortsetzen. Bald nach Tagesanbruch erreichten sie endlich Tangermünde, und Herr Henning von Bismarck athmete hoch auf, als er Jobst befahl, den Klopfer am Thore des sogenannten »Zauberhauses« in Bewegung zu setzen.

Die Alte öffnete und Detlev handelte nur vorsichtig, als er vor dem Thore noch vom Pferde stieg und zuletzt den Hof betrat. Die Frau sowohl als Jobst prallten zurück, als sie den riesigen Hund und den Leoparden vor sich stehen und die beiden furchtbaren Thiere die Zähne fletschen sahen.

An ein Zurückweichen war, da Detlev das Thor inzwischen wieder geschlossen, nicht mehr zu denken, und der Letztere führte nun, während Herr von Bismarck, im Hofe stehend, der Unterbringung der Pferde zunächst seine Aufmerksamkeit widmete, die fast zusammenbrechende Frau selbst in das Wohngemach, wo seine Schwester beschäftigt war. -

Mit dem Freudenschrei »Detlev, lieber Bruder!« wollte sie ihm entgegeneilen, blieb aber, als sie der leidenden, fremden Frau ansichtig wurde, die Detlev zu einem Stuhle geleitete, erschrocken einen Augenblick stehen.

»Komm nur näher, lieb Schwesterchen,« rief ihr Detlev freundlich bittend zu, »ich habe hier eine Hülfsbedürftige mitgebracht, für die ich gewiß nicht vergeblich Dein mitleidiges Herz anrufen werde!«

Rasch folgte sie diesem Rufe und war schon mit der Fremden beschäftigt, als von der einen Seite Herr von Bismarck und von der andern der von der Ankunft der beiden Herren bereits benachrichtigte Ritter Suteminn in das Gemach trat.

»Willkommen, willkommen!« rief der Ritter Herrn von Bismarck, wie auch dem ihm entgegeneilenden Detlev zu, und lud sie ein, ihm in sein Gemach zu folgen.

In diesem Moment fiel sein Blick auf die Fremde, welche, von Müdigkeit überwältigt, eingeschlafen war und durch Marie mit Mühe aufrecht erhalten wurde.

»Wer ist diese Frau? Wie kommt sie hierher?« fragte er rasch, wobei sein forschender Blick zu den beiden Männern und von diesen zurück auf die Frau schweifte, auf dieser aber länger haften blieb, als er sich selbst zu erklären vermochte.

»Ich werde Euch in Eurem Gemach Antwort auf diese Frage ertheilen, so gut ich dies eben selbst vermag!« erwiderte der Ritter von Bismarck mit gedämpfter Stimme, »erlaubt der Armen nur ein wenig zu ruhen!«

»Gewiß, gewiß! Marie, nimm Du Dich der Frau an; verschafft ihr,« wandte er sich zu der eben eintretenden Alten und zu Marie, »eine Ruhestätte und sorgt für sie!«

»Erlaubt mir nur einen Augenblick hier zu verweilen,« bat Detlev, »ich will meiner Schwester behülflich sein, die Fremde baldmöglichst behaglich unterzubringen!«

Ein leichtes Kopfnicken des Ritters bejahte diese Bitte, und während Herr von Bismarck dem Hausherrn in dessen Gemach folgte, gab Detlev den aufhorchenden Frauen möglichste Aufklärung über die fremde Frau.

»Die Aermste!« rief Marie mitleidig und feuchten Auges die Schlummernde betrachtend, »welches Leid mag sie zu ertragen gehabt haben!«

Bald war in einem Seitengemach ein bequemes Lager hergerichtet, Detlev hob ohne Mühe die Frau auf und trug sie auf dasselbe.

»Glaubst Du wohl, Detlev,« bemerkte Marie, als ihr Bruder sich nun entfernen wollte, »daß ich der Armen jetzt schon herzlich zugethan bin? Wie kommt es nur, daß diese Frau, die ich jetzt doch zum ersten Mal sehe, mein Interesse sofort in so hohem Grade erregt und ein so warmes Gefühl für sie in mir hervorzurufen vermag, wie ich es wärmer kaum für meine Schwester hegen könnte?«

»Schwesterchen,« flüsterte Detlev bewegt, »ich habe Dir noch nicht gestanden, daß mir es fast ebenso eigenthümlich mit der Frau ergangen, wie Dir!«

»Auch Du hegtest bald Interesse für sie? O, das ist eigenthümlich! Was mag das nur bedeuten?«

»Mache Dir keine unnöthige Sorge,« entgegnete Detlev rasch, als er die geliebte Schwester plötzlich ernst werden sah. »Es kommt ja zuweilen vor, daß man Jemanden auf den ersten Blick liebgewinnt. Weshalb soll das nun hier nicht bei Dir der Fall sein? Unsere Uebereinstimmung hinsichtlich der Sympathie für die Fremde läßt sich ja sehr leicht in der wohl einzig richtigen Weise erklären, daß wir in unseren Ansichten und Meinungen so gänzlich und unbedingt übereinstimmen, wie dies nur zwischen zwei sich mit ganzer Seele liebenden Geschwistern der Fall sein kann!«

»Du magst wohl recht haben!« erwiderte Marie langsam; es blieb aber zweifelhaft, ob sie die Worte des Bruders vollständig verstanden hatte, ihr Blick haftete wieder auf der Fremden und Detlev wandte sich, um das Zimmer zu verlassen. Da fiel sein Auge auf die Alte,


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welche bald Marie betrachtete, bald die Züge der Fremden forschend beobachtete.

»Nun, was studirt Ihr denn so eifrig? Vergleicht Ihr etwa gar Marie mit dieser unglücklichen Frau?«

Erschrocken wandte die Alte sich ab.

»Nein, nein, was sollte mich auch dazu bewegen?«

Detlev verließ die Frauen und trat in das Studirzimmer des Ritters, welcher sich mit Herrn von Bismarck im eifrigsten Gespräch befand.

»Danach wäre allerdings keine Zeit mehr zu verlieren,« sprach der Ritter, eben sinnend vor sich hinblickend. »Auf welchem Wege hat denn Graf Warwick die Nachricht nach Potsdam gelangen lassen?«

»Durch einen eigenen Boten, welcher auf einem Holsteiner von England herübergekommen ist.«

»Und dieser Bote ist wohl schon wieder zurück nach England?«

»Das ist mir nicht bekannt!«

»Ich fürchte, die Ankündigung wird verfrüht sein, denn die Elbe ist schwerlich so weit eisfrei, daß Schiffe bis Hamburg gelangen können. Meines Dafürhaltens werden noch mehrere Wochen vergehen, ehe die Ankunft des Grafen in Hamburg erwartet werden darf! Diese Ansicht kann hier jedoch nicht maßgebend sein. Ich habe dem Markgrafen versprochen, und Euch zugesichert, die sichere Ueberführung des Geldes von Hamburg nach Potsdam bewerkstelligen zu wollen, und werde dem Verlangen des Herrn Friedrich entsprechen.«

»Alles Uebrige wird dann in der besprochenen Weise eingeleitet und nach Möglichkeit durchgeführt werden!«

»Ja, und ich werde mit Herrn Hans von Uchtenhagen vielleicht selbst darüber sprechen!«

»Gut! gut! Der Markgraf wird sich freuen, wenn ich ihm melden werde, daß Ihr Euch ohne Widerspruch habt bereit finden lassen, ihm das hohe Opfer zu bringen, das er Euch im Vertrauen auf Eure Neigung zu ihm durch mich ansinnen ließ!«

»Sprechen wir nicht weiter davon. Es soll mit einem Wort Alles nach aufrichtigem Wunsch und nach besten Kräften erledigt werden!«

»Erlaubt mir dagegen, noch einmal die Frau zu erwähnen, welche jetzt wohl bereits ruht, Detlev?«

»Sie schläft längst in der Kammer neben der vorderen Stube!« erwiderte dieser rasch.

»Die Aermste soll wahnsinnig sein und, wie Ihr beiläufig bemerktet, unaufhörlich nach ihren Kindern rufen und den Tod ihres Gatten bald bezweifeln, bald bejammern?«

»So ist es!«

»Weiter glaubt Ihr, das an der Frau ohne Zweifel begangene Verbrechen falle auch dem schwarzen Dietrich zur Last?«

»Ich bin überzeugt davon!«

»Hm! Hm! Na, ich will versuchen, was nur irgend in Anwendung gebracht werden kann, der Aermsten wieder zur Gesundheit zu helfen! Der Knecht, den Ihr mitgebracht habt, ist doch noch hier?«

»Jawohl,« rief Detlev lachend; »er sitzt im Thorstübchen und wagt nicht, sich von der Bank zu erheben, noch viel weniger sich der Thüre zu nahen!«

Herr von Bismarck sah erstaunt fragend auf.

»Sind denn die Knechte der Quitzow's plötzlich so feige geworden, daß sie selbst eine gute Gelegenheit zur Befreiung aus einer unangenehmen Lage nicht zu benützen wagen?«

»Das möchte ich, trotzdem ich noch keine Gelegenheit gehabt habe, Quitzowern gegenüberzustehen, doch nicht behaupten,« entgegnete Detlev heiter. »In diesem Falle hat die Feigheit des Knechtes aber einen sehr triftigen Grund. Zwei tüchtige Wächter liegen unmittelbar vor der Thüre des Thorstübchens und -«

»Da würde ich auch vorziehen, hinter der festverschlossenen Thüre zu bleiben!« fuhr Herr von Bismarck lachend fort. »Zwei solche Wächter vermögen auch dem stärksten und furchtlosesten Manne Schreck einzuflößen!«

»Nun Detlev,« begann Suteminn wieder, »welchen Erfolg hat denn Dein Ausflug nach Angermünde erzielt? Ich habe durch den Herrn Ritter nur flüchtig erfahren, daß Du ein interessantes Abenteuer bestanden hast. Erzähle doch etwas Näheres über Dein Zusammentreffen mit dem Prinzen!«

Detlev theilte jetzt den beiden Rittern seine den Lesern bereits bekannte Begegnung mit dem Prinzen und die Befreiung des Letzteren aus den Händen des schwarzen Dietrich mit.

Die Erinnerung an die Straßenscene schien ihn jetzt noch mächtig zu erregen, denn seine erst so heitere Miene wurde finster, und in einem Tone, der deutlich merken ließ, wie unzufrieden er mit dem Ausgange der Begegnung mit dem berüchtigten und verhaßten schwarzen Dietrich sei, bemerkte er:

»Erst glaubte ich den schwarzen Schurken erwürgt zu haben und wenn ich mich auch nicht gerade freute darüber, daß ich dem Wichte nicht mit dem Schwerte zu zeigen vermochte, wie ich über ihn denke, so gereichte es mir doch zur Genugthuung, dem Prinzen zu seiner Befreiung aus der Gewalt dieses Straßenräubers behülflich gewesen zu sein. -

Eine Stunde später sah ich aber, daß der Mensch nicht nur noch lebt, sondern den Prinzen und mich verfolgt und überdies einen Bundesgenossen in einem Manne gefunden hat, der zwar als Knecht gekleidet, nichtsdestoweniger aber, wie ich fast glaube, ein Ritter war. Auch hier war das Glück mit mir, denn ich hatte den schwarzen Teufel bereits überwältigt, als Herr Nymand von Löben mit noch anderen Herren und einigen Knechten herzukam. Nach der Gefangennahme des Genossen Dietrich's, mit welchem der Prinz selbst den Kampf aufgenommen, gebot mir der Prinz, Dietrich frei zu lassen, weil dieser jetzt nicht mehr zu entwischen vermöge. Ich leistete diesem Gebote Folge und trat zurück, Dietrich erhob sich vom Boden, stieß Herrn Nymand von Löben vom Pferde, schwang sich selbst auf dasselbe und sprengte, noch ehe einer der ihm Zunächststehenden dem Pferde in die Zügel zu greifen vermochte, in sausendem Galopp davon.

Ich habe ihn bis Angermünde verfolgt, mußte dann aber den Rückweg einschlagen, weil ich einsah, daß es mir bei der geringen Ausdauer meines Pferdes einerseits und der vorzüglichen Qualität des von dem Schwarzen dem Herrn Nymand von Löben inmitten einer Anzahl bewaffneter Männer geraubten Pferdes andererseits, je länger die Verfolgung dauere, desto weniger möglich werde, den Flüchtling zu ergreifen.

Ob der Prinz glücklich nach Potsdam zurückgekommen,


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ob der Genosse des Schwarzen noch Gelegenheit gefunden, zu entwischen, oder ob sonst noch etwas Besonderes auf diesem Ausfluge des Prinzen vorgefallen, ist mir noch nicht bekannt geworden. Eine Strecke hinter Friesack hatte ich das Glück, dem Herrn Ritter von Bismarck zu begegnen und wir sind dann ohne Aufenthalt bis zu der Stelle gelangt, wo wir die in der Gewalt der Quitzow sich befindende unglückliche Frau antrafen!«

»Eure Zweifel hinsichtlich der glücklichen Rückkehr des Prinzen und seines Gefolges glaube ich lösen zu können,« rief Herr Henning von Bismarck lachend; »der Gefangene hat mit nach Potsdam wandern müssen und Herr Nymand von Löben hält sich aus Scham über den ihm und seiner Ritterlichkeit allerdings nicht gerade zum Vortheil gereichenden Vorfall, der namentlich in Brandenburg an der Tafel des Bischofs recht bissig besprochen worden ist, in seinem Schloß verborgen, ohne Zweifel so lange, bis irgend ein anderes Ereigniß sein eigenes Erlebniß in den Hintergrund gedrängt hat. Eurer jedoch, junger Freund, gedenkt man in Potsdam wie in Brandenburg nur mit der höchsten Achtung. Ich bin wirklich begierig, zu erfahren, was der Markgraf gesagt haben mag, als er von dem Vorgange Kenntniß erhielt, und halte mich überzeugt, daß er Euch dessen, was Ihr für den Prinzen gethan, stets eingedenk bleiben wird.

Auf unserer Reise bis hierher habe ich nur deshalb vermieden, so ausführlich darüber zu sprechen, weil Ihr selbst den Vorfall nur oberflächlich berührtet und deutlich merken ließet, daß er Euch höchst unangenehm gewesen sei.« -

»Hätte ich freilich die eigentliche Ursache Eures Mißmuthes so zu erkennen vermocht, wie ich sie heut erfahren habe, dann würde ich weniger zurückhaltend gewesen sein!«

Suteminn lächelte leicht, als er jetzt bemerkte:

»Beruhige Dich, Detlev, Nymand von Löben hat sich zwar einem offenen Feinde gegenüber stets tapfer und muthig gezeigt, gegen unversehene Angriffe immer auf der Hut zu sein, ist aber ihm von jeher eine zu schwere Aufgabe gewesen. Mit dem »schwarzen Dietrich« wird Dich das Schicksal schon noch einmal zusammenführen; dann kannst Du Deinen wahren Gefühlen für ihn ja nach Belieben Ausdruck geben!«

»Gebe der Himmel, daß die Gelegenheit recht bald sich findet!« stieß Detlev finsterblickend hervor.

Detlev athmete froh auf, als Suteminn jetzt von diesem Gesprächsgegenstande abging und plötzlich rief:

»Da sitzen wir nun und plaudern von allem Möglichen und ich habe mich durch Eure hochwichtigen und interessanten Mittheilungen von einer der ersten Pflichten des Wirthes abhalten lassen. Ich finde es von Euch, Freund Bismarck, gar nicht freundschaftlich gehandelt, daß Ihr mich nicht selbst daran erinnert habt, daß derjenige, welcher eine ganze Nacht hindurch zu Pferde gewesen ist, sich wohl nach einem kräftigen Imbiß und einem starken Trunk sehnt!«

»Wahrhaftig!« rief Herr von Bismarck, »in diesem Augenblick erst erinnere ich mich daran, daß mein Appetit und auch mein Durst erwähnenswerth ist. Das ist mir wohl zum ersten Male vorgekommen, daß ich Essen und Trinken eine Zeit lang wirklich vergessen habe!«

Bald war das Gewünschte auf dem Tisch und eine halbe Stunde später verließ Herr von Bismarck neugestärkt durch Speise und Trank das gastliche Zauberhaus.

Die Fremde war noch nicht erwacht und Suteminn hatte nun eine längere Unterredung mit Jobst, welchem die Furcht nicht nur vor den beiden grauenhaften, vierfüßigen Wächtern, sondern in eben so hohem Grade wohl auch die Scheu vor dem weit und breit als Zauberer und als hieb- und stichfest verschrieenen Ritter Suteminn den Mund öffnete, so daß dieser bald über Leben und Treiben der Räuberbande und über die Frau, die in sein Haus gebracht worden, möglichst unterrichtet war. Den »schwarzen Dietrich« indeß und die Schatzkammer in der Wendenburg hatte er nicht verrathen. Ungeachtet aller Angst vor Suteminn vermochte er doch die Besorgniß nicht zu unterdrücken, er könne möglicherweise dem Hauptmann der Bande noch einmal in die Hände fallen, in welchem Falle sein Loos, wenn er hier zum Verräther geworden, ein schreckliches werden würde. Die Schatzkammer aber verschwieg er aus Dankbarkeit gegen seine Retter aus der Todesgefahr, den beiden Junkern Dietz und Cuno von Quitzow, welchen er den Vortheil, in Zeiten der Noth in der Schatzkammer Rettung zu finden, gewahrt wissen wollte.

Als er seine Mittheilungen beendet, sprach Suteminn:

»Du bist jetzt ohne Herrn. Falls Du mir treu dienen willst, kannst Du bei mir bleiben. Merke Dir aber, daß bei dem geringsten Beweise Deiner Untreue Dein sofortiger Tod gewiß ist. Die beiden Wächter, welche Du im Hofe gesehen hast, würden Dir dann ein schreckliches Ende bereiten!«

Jobst, der rauhe Kriegsknecht, welcher dem Tode in seinen verschiedensten Gestalten bereits muthig in's Auge gesehen hatte, erbebte vor dieser Drohung und gelobte mit zitternder Stimme unverbrüchliche Treue.

»Dann gehe und laß Dir durch den Junker Deine Stätte und Arbeit zuweisen!« befahl Suteminn schroff, und Jobst entfernte sich eilig aus der Nähe des gefürchteten Herrn.

Die Thür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als an die zur Vorderstube führende Thüre geklopft wurde. Er mußte die Einlaß begehrende Person wohl am Pochen erkannt haben, denn er rief laut:

»Tritt nur ein, Marie!«

Hastig wurde die Thür geöffnet und Marie, Detlev's Schwester, trat mit allen Zeichen der höchsten Erregung in ihrem hübschen Gesichtchen ein:

»Die arme Frau ist soeben erwacht und spricht wirres Zeug! O mein Gott, ich - ich - fürchte mich!«

Suteminn erhob sich von seinem Stuhl und suchte sie zu beruhigen.

»Dann bleibe nur hier, mein Kind, bis ich zurückkomme. Ich werde sehen, ob ich die Unglückliche zu beruhigen vermag!«

Mit diesen Worten öffnete er die Thür zum Vorderzimmer und blieb einen Augenblick horchend stehen.

Eine weiche, zu Herzen dringende Stimme rief in wehklagendem Tone:


Ende des fünfundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk