Heft 36

Feierstunden am häuslichen Heerde

5. Mai 1877

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May,
fortgeführt von Dr. Goldmann.


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Der Capitän, Suteminn, Herr von Bismarck und einige Knechte folgten und kamen eben auf dem Schiffsboden an, als sie den Ruf des Grafen hörten:

»Die Tönnchen sind fort! Verloren!«

Ein Licht war rasch zur Stelle und ein Blick genügte den Anwesenden, um sich davon zu überzeugen, daß an der Stelle, auf welche der Graf mit den bebend vor Aufregung hervorgestoßenen Worten deutete:

»Dort standen sie! Dort hatte ich sie hinstellen lassen!« nichts zu sehen war.

In diesem Augenblick wurde der im Hintergrunde stehende Wachtmeister durch ein hinter ihm wahrnehmbar werdendes Geräusch veranlaßt, seine Aufmerksamkeit dorthin zu richten, von woher er glaubte, das Geräusch gehört zu haben.

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche,« brummte er, »in dem verdeiwelten Kasten spukt's an allen Ecken und Enden!«

Zu Herrn Henning von Bismarck herantretend, fuhr er halblaut fort:

»Herr Ritter, dahinten wird's lependig!«

»Oho!« erwiderte dieser, dem Wachtmeister erst einen spöttischen Blick zuwerfend, dann aber, als er aufmerksam horchend, selbst das Geräusch hörte, kurz befehlend:

»Sehen wir zu, was da los ist!«

Der Graf hatte dieses kurze Zwiegespräch verstanden und trat näher.

Vorsichtig durchmaßen sie jetzt den langen Raum und Herr von Bismarck, welcher, das Schwert in der Hand, in unruhiger Hast vorausging, stieß, am Ende des Raumes angekommen, einen Schrei der Ueberraschung aus.

Der bei dem matten Schein des Lichtes den Herren sich darbietende Anblick war in der That geeignet, momentan zu erschrecken.

Unter- und übereinander geworfen lagen in einer Ecke des Raumes eine Anzahl gefesselter und geknebelter Männer, von denen die untenliegenden bereits todt zu sein schienen, denn sie regten sich nicht mehr; einige der auf diese geworfenen Gefesselten bewegten sich noch schwach, das Antlitz mehrerer derselben war blau angelaufen, die Augen schienen aus dem Kopfe hervorquellen zu wollen, unter und neben ihnen aber befanden sich große Blutlachen, ein durch die arg mit Blut befleckten Kleider der Männer unterstützter Beweis dafür, daß sie, im Kampfe überwunden, rücksichts- und mitleidslos hier einem entsetzlichen Tode zur Beute fallen sollten.

Der Graf hatte die Unglücklichen kaum näher betrachtet, als er entsetzt ausrief:

»Großer Gott, meine Leute!« und versuchte die Fesseln des ihm zunächst liegenden Mannes zu lösen.

Mit Hülfe der Knechte waren die Gefangenen bald sämmtlich ihrer Bande ledig und der Graf athmete erleichtert auf, als er bemerkte, daß einer der zu unterst gelegenen Männer sich zu bewegen begann.

»Gott sei Dank, mein Capitän erlangt die Besinnung wieder. Nun werden wir ja erfahren, wie es möglich gewesen ist, daß Räuber mein Schiff aus dem Hafen herausholen und die Ladung desselben zu bergen vermochten!«

Während der Wachtmeister, von Suteminn damit beauftragt, den mehr und mehr zum Bewußtsein kommenden Capitän die Treppe hinauf und auf das Verdeck, wo die übrigen Herren und Knechte und die Matrosen die gefesselt nebeneinanderliegenden Räuber bewachten, mehr trug, als führte, waren die noch im Kielraum weilenden Herren


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mit den Befreiten beschäftigt und nicht lange Zeit verging, bis die Letzteren sämmtlich auf das Verdeck geschafft waren.

Vor allen Dingen war jetzt der Ort zu erforschen, an welchem die Tönnchen versteckt worden und da eine Frage an die seitherige Schiffsmannschaft ergab, daß diese keine Kenntniß von demselben besaß, wurde nothgedrungen zu einer Befragung der Räuber selbst geschritten.

Wie vorauszusehen, blieben sämmtliche Fragen unbeantwortet, und aus dem höhnischen Grinsen der Gefesselten war ohne Mühe zu erkennen, daß die erforderliche Auskunft von ihnen nur sehr schwer zu erhalten sein würde.

Da schlug Suteminn plötzlich einen andern Weg ein.

»Hört, Ihr Schufte,« rief er den Räubern mit lauter Stimme zu, »derjenige von Euch, welcher uns die Stelle auf der Insel angiebt, an der die Fracht dieses Schiffes verborgen liegt, soll nicht nur völlig straffrei ausgehen, sondern auch noch eine Belohnung erhalten. Die übrigen Verbrecher aber werden sofort die furchtbarste Strafe erhalten!«

»Macht, was Ihr wollt,« höhnte der eine Räuber, »ich sage doch nichts!«

Ein Anderer brummte:

»Wer sagt Euch denn, daß wir Eure Goldtonnen auf der Insel versteckt haben? Die hübschen Fäßchen sind längst weit fort von hier!«

Noch Andere lachten und verspotteten die Ritter. Nur einer der Gefesselten verhielt sich ruhig und richtete forschende Blicke auf Suteminn.

Dieser, welcher die Elenden scharf beobachtete, nahm dies wahr und trat zu dem Kerl heran.

»Sprich! Gieb die verlangte Auskunft, und ich werde sofort Deine Fesseln lösen!«

Der Ritter hatte bei diesen Worten das Schwert leicht erhoben, gleich als wolle er in demselben Augenblicke, in dem der Gefesselte dem Verlangen des Ritters entspräche, die Stricke zerschneiden.

»Hüte Dich!« knurrte jetzt der Nebenmann des die Worte des Ritters erwägenden Räubers, »der Capitän wird Dich sicher finden, wenn Du zum Verräther wirst, und Dich dann in der entsetzlichsten Weise strafen. Denke an Clas!«

»Ach was,« entgegnete der also Gewarnte. »Ich habe nicht länger Lust, mich der Tyrannei des Capitäns zu beugen!«

»Wollt Ihr mir wirklich die Freiheit wiedergeben und werdet Ihr mir auch weiter forthelfen, wenn ich Euern Wunsch erfülle?« wandte er sich fragend an den Ritter, welche Frage dieser sofort bejahte, worauf rasch die Antwort erfolgte:

»Nun gut, die Fäßchen sind in einer Höhle auf der Insel versteckt, die ich Euch zeigen will, sobald ich erst die verdammten Fesseln los sein werde!«

Ein paar Augenblicke später stand der Mann auf den Füßen.

»Folgt mir nur, ich werde Euch führen!«

Der Capitän hatte währenddessen die Insel einer näheren, scharfen Besichtigung unterzogen. Dieselbe war nur am Ufer mit dichtem Gesträuch bewachsen, das Innere dagegen bildete eine öde, baum- und strauchlose Fläche, auf welcher zunächst der Seite, an der die Schiffe hielten, eine kleine Hütte sichtbar war.

Die Hütte schien seit einigen Minuten auch das besondere Interesse des Herrn Henning von Bismarck zu erregen, denn er rief in dem Augenblicke, als auch der Capitän sprechen wollte, hastig:

»Wer wohnt dort in dem Häuschen? Der Besitzer desselben hat uns bemerkt und rennt jetzt wie toll umher!«

»Dieselbe Frage habe auch ich stellen wollen,« bemerkte der Capitän; »vor einer Viertelstunde habe ich den kleinen, buckeligen Kerl rechts von der Bucht her auf das Häuschen zu springen sehen!«

Der seiner Fesseln ledige Räuber wandte sich nach der bezeichneten Richtung und gab unaufgefordert die Auskunft:

»Der Mann, welcher dort in der Hütte wohnt, ist der Wächter der Fäßchen!«

»Hm!« brummte der Capitän, »dann wird es wohl gerathen sein, den Kerl mit den Hunden dort zusammen aufzuknüpfen!«

Rasch wurde ein Boot hinabgelassen, der Graf bestieg dasselbe mit Suteminn, einigen Matrosen der »Schwalbe«, die sich von ihrer kurzen Gefangenschaft inzwischen wieder erholt hatten, in Begleitung des Führers und bald landeten sie an der Insel.

»Caspar,« befahl Suteminn, »hole Du den Mann da aus dem Häuschen und bringe ihn in jedem Falle uns nach.«

»Gut, Herr Ritter!« grinste der Wachtmeister, »ich pringe den Kerl, und wenn er der Deiwel selper wäre! Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche,« sagte er, als er ein paar Schritt in der Richtung gegen das Häuschen gegangen war, »ich hape wohl auf dem elenden Kasten da das Laufen verlernt, der Poden scheint hier gerade so sehr zu wackeln wie das Schiff, denn ich muß mich ja pei allen Teufeln stützen, um nicht hinzufallen.

Na, warte Schuft, Du sollst mein Schwert auf Deinem Rücken tanzen fühlen, wenn Du etwa mich auch noch ärgern willst!«

Drohend, grollend ging er anfangs wankend, bald aber immer festeren Schrittes der Hütte zu, in deren Thüre ein Weib erschien.

»Was wollt Ihr hier?« schrie sie dem ergrimmten Wachtmeister entgegen.

»Sachte! sachte, alter Drache!« brüllte dieser, »wo ist der Kerl, der hier wohnt?«

»Oho! der Kerl? Hier wohne ich mit meinem Mann!«

»Wo ist Dein Mann? Rufe ihn!«

»Er ist nicht zu Hause!«

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche; ich glaupe, das Weipspild will mich ärgern. Ich werde ihn selbst suchen, dann aper Dich gleich mit mir nehmen!«

Mit diesen Worten schritt er der Hausthür zu, und das Weib, welches fürchten mochte, der, mit seinem langen Schwerte verdächtige Bewegungen machende wilde Kriegsknecht werde sie bei längerem Widerstände ernstlich bedrohen, zog sich schreiend zurück.

In diesem Augenblicke wurde die Thür eines Kämmerchens aufgestoßen und ein kleiner verwachsener Mann, in dessen Zügen sich Bosheit, Tücke und Hinterlist, im nicht


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geringem Grade jetzt aber auch Furcht ausprägten, trat hervor. Noch ehe er oder der Wachtmeister aber ein Wort zu sprechen vermocht, hatte das in der Nähe des Kleinen stehende Weib diesen hinterrücks gefaßt und versuchte unter gellendem Hülfegeschrei ihn zurückzuziehen. Der Ausführung dieses Bemühens trat der Wachtmeister hindernd entgegen, welcher den Kleinen, in dem die Leser Hinrich, den Genossen der Schiffsknechte vom »Wiking«, erkannt haben werden, am Arme faßte und mit einem gewaltigen Ruck aus der Gewalt des Weibes befreite und zur Hütte hinaus schleifte.

»Was wollt Ihr von mir?« fragte dort Hinrich, als er wieder auf den Füßen stand, den ihn finster anblickenden Wachtmeister in ängstlichem Tone.

»Komm mit mir, Kleiner!« brummte der Letztere.

»Nein ich gehe nicht mit, wenn ich nicht vorher erfahre, was Ihr -«

»Mordelement,« polterte nun aber der Wachtmeister ergrimmt, »Gott straf mich, wenn ich fluche; wenn Du nicht gleich Deine kleinen Peine in Pewegung setzest und mich pegleitest wohin ich will, dann werde ich Dich mit meinem Schwerte in Gang pringen. Vorwärts, der Ritter wartet. Da gehen sie schon so weit vor uns. Peeile Dich, Hallunke, sonst -«

Die Ritter schritten eben einem seitwärts von dem Häuschen gelegenen kleinen Hügel zu, als ein lautes Geschrei sie veranlaßte, einen Blick nach der Richtung zu werfen, von welcher der Lärm ertönte. Eine eigenthümliche Scene bot sich ihnen dar:

Der Wachtmeister brachte Hinrich mehr geschleift als geführt, und dicht auf dem Fuße folgte den Beiden ein Weib. Diese schrie und weinte, Hinrich jammerte und der Wachtmeister fluchte - die drei Personen äußerten sich dabei so laut, daß Suteminn ihnen barsch entgegen rief:

»Seid Ihr alle drei verrückt geworden? Ruhe, oder ich werde die Schreihälse stopfen!«

»Gott straf mich, Herr Ritter, wenn ich fluche,« murrte der Wachtmeister; »der kleine Kerl muß einmal, das alte Weip aper erst zweimal todtgeschlagen werden, wenn man die Peiden zur Ruhe pringen will! Lieper will ich mit Pären und Wölfen kämpfen, als mit dem Drachen dort noch länger mich ärgern zu müssen!«

»Hier ist die Höhle!« rief in diesem Augenblick der Führer.

»Wo?« fragten der Graf und Suteminn zu gleicher Zeit, denn ringsum vermochten sie nichts Anderes zu sehen, als eine Anzahl am Fuße des Hügels verstreut liegende Steine auf einer von vielen Sandflächen durchbrochenen dichten Moosdecke.

»Helft mir hier den ersten der Steine bei Seite schieben!«

Diesem Wunsche des Führers wurde bereitwillig entsprochen, und nun wurde an der blosgelegten Stelle eine starke hölzerne Thüre bemerkbar, welche durch einen oben aufliegenden Haken vom Führer in die Höhe gehoben wurde.

Der Kleine hatte im Augenblick erkannt, daß der ihm wohlbekannte Führer zum Verräther geworden, und knirschte in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen.

Auf einen Wink Suteminn's brachte der Wachtmeister Hinrich herbeigeschleppt und nun befahl der Ritter den beiden ehemaligen Genossen und dem Wachtmeister, hinabzusteigen in die Höhle und die Fäßchen heraufzuschaffen.

»Mein Capitän mag auch mit hinabgehen!« bemerkte der Graf; noch ehe dieser aber den Befehl an den Capitän ertheilt, hatte Letzterer sich bereits beeilt, an die in das Gewölbe führende Treppe zu gelangen.

Dort stieß er mit dem Wachtmeister heftig zusammen.

»Mordelement,« brummte dieser, »wollt Ihr mich in das verdeiwelt finstere Loch stoßen? Seht Euch vor, Caspar Liepenow läßt nicht mit sich spaßen!«

Er bemerkte nicht, daß der Capitän erstaunt zurückfuhr, sondern stieg fluchend die Leiter hinab.

Ihm folgten die beiden Gefangenen und dann zum Schluß der Capitän.

»Hier ist es ja finster, wie im Rachen der Hölle,« brummte der Wachtmeister.

»Hapt Ihr kein Licht in der Mordgrupe?« schrie er die beiden Männer an, »sonst rennt mich der Capitän noch pei lependigem Leipe um!«

»Gleich!« knurrte der Führer, holte aus einem Versteck hinter der Leiter einige Späne hervor, die er schnell in Brand steckte, und schritt dann mit dem Kleinen voraus.

Nur wenige Schritte hatten sie zu gehen, als sie vor einer aus starken Bohlen bestehenden Thür standen, die der Kleine auf Gebot des Führers durch einen Druck auf einen der in die Thüre eingeschlagenen Nägel ohne Mühe öffnete.

Ueberrascht blieben der Wachtmeister und der Capitän stehen.

»Die Hallunken hapen ja furchtpar Peute gemacht!« murmelte der Erstere, »ich möchte nur wissen, wie sie die Waaren all hierher gepracht hapen!«

Vor ihnen lag ein großes, durch den Kienspan nur schwach erhelltes Gewölbe, in welchem sie eine Reihe Waarenballen auf- und nebeneinander bemerkten, Kisten und Kasten lagen in größter Unordnung in dem weiten Raume umher und es war ersichtlich, daß lange Zeit und viel Kämpfe erforderlich gewesen, bis die Räuber eine so bedeutende Masse an Waaren und Kaufmannsgütern zu erbeuten vermocht hatten.

Nach den Tönnchen sahen sich Beide aber vergeblich um! -

»Stehen pleipen!« brüllte in diesem Augenblicke der Wachtmeister, welcher zufällig bemerkte, daß der Kleine sich möglichst behutsam hinter die in das Gewölbe eingetretenen beiden Männer schleichen und das letztere verlassen wollte.

Mit einem Sprunge, der Beide in Erstaunen setzte, war nun aber der Kleine an ihnen vorbeigeeilt und wollte die Thüre in dem Moment zuschlagen, als der Wachtmeister schon in derselben stand.

Zu gleicher Zeit erfaßte er den Kleinen am Kopfe und zog ihn, ohne ein Wort zu sprechen, in das Gewölbe. Der Führer schien den Vorgang nicht bemerkt zu haben, denn er machte sich im Hintergrunde des Raumes zu schaffen, so lange, daß der Capitän den Span ergriff und zu ihm hinantrat.

»Dein Glück!« knurrte er grimmig, als er den Kerl mit den Fäßchen beschäftigt sah. »Hep auf!« befahl er weiter. Der Wachtmeister kam der Ausführung dieses Befehls indeß durch eine andere Frage zuvor.

»Gip mir Stricke,« brüllte dieser den Führer an, »ich


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muß den Deiwelspraten hier pinden, daß er die Engel pfeifen hört. Der Schuft hatte einen elenden Streich gegen uns vor und er darf hier nicht heraus, so wahr ich der Wachtmeister Caspar Liepenow pin!«

»Wie heißt Ihr?« fragte jetzt der Capitän, rasch ihm näher tretend.

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche,« brummte dieser, die riesige Gestalt des Fragestellers finsteren Blickes messend, »wo hapt Ihr denn Eure Ohren gelassen? Soll ich etwa Euch zu Gefallen meinen Namen fortwährend in der Mordgrupe herum prüllen?«

»Nennt mir nur Euren Namen noch einmal,« drängte der Capitän noch immer freundlich, aber hastig.

Dies erbitterte jedoch den ohnehin wüthenden Wachtmeister nur noch mehr.

»Stricke will ich hapen,« schrie er den Führer wie den Capitän an.

»Mein Name geht Euch nichts an!«

Der Führer brachte jetzt das Verlangte und der Capitän stieß unwillig »Gropian!« hervor.

Der Wachtmeister hatte dies trotz seiner Beschäftigung mit dem Kleinen, den er fesselte, verstanden und erwiderte:

»Wart, ich werde Euch begropianen; wenn ich nur erst die Kröte hier werde unschädlich gemacht hapen, dann will ich Euch meinen Namen auf den Puckel schreipen!«

Jetzt wurde aber auch der Capitän ergrimmt.

»Um Euren dummen Namen werde ich dann noch einmal fragen, wenn wir die Tönnchen hinaufgeschafft hapen. Der Teufel soll Euch dann in die Knochen fahren, wenn ich wieder eine solche poshafte Antwort erhalte!«

Ohne sich weiter um den Wachtmeister, der ihn einen Moment groß anstarrte, zu kümmern, trug er mit Hülfe des Führers mehrere der Tönnchen bis an den Fuß der Leiter. Auf dem Rückwege begegnete ihnen der Wachtmeister, welcher, nachdem er den Kleinen in eine Ecke geworfen, eins der Tönnchen allein aufgenommen hatte.

Wäre der Capitän nicht schnell auf die Seite gesprungen, dann hätte ihm der Wachtmeister seine Ladung an den Kopf gerannt.

»Wart, Landratte,« rief der der Gefahr glücklich entronnene Capitän, »Dich werde ich, wenn wir erst aus der Grupe heraus sein werden, graden Cours steuern lehren!«

Der Wachtmeister beherrschte sich so weit, daß er mit der Antwort zögerte, bis die Tönnchen sämmtlich hervorgeholt waren; länger ertrug er die ihm angethane Schmach aber nicht.

»Was pin ich? eine Ratte?« brüllte er den des Angriffs längst gewärtigen Capitän an, »Du heilloser Seeräuper sollst an die Ratte denken!«

Mit einem gewaltigen Schlage suchte er den Gegner niederzuwerfen, dieser war jedoch gewandter, unterlief ihn und bald lag der Wachtmeister am Boden. Beide bearbeiteten sich gegenseitig das Gesicht mit Faustschlägen; sie hörten in ihrer Wuth nicht, daß die am Rande der Grube stehenden Ritter, auf den Lärm der beiden Kämpfenden aufmerksam geworden, Ruhe und Eile geboten, und als sie wahrnahmen, daß ihre Befehle unbeachtet blieben, noch einige der Mannen und Matrosen die Leiter herabschickten.

Eben langte der erste der Matrosen unten an, als der Wachtmeister, dem ebenso wie dem Capitän das Blut über das Gesicht herablief, brüllte:

»Packe Dich, oder ich erwürge Dich, so wahr ich der Wachtmeister Caspar Liepenow bin!«

In diesem Momente hielt der Capitän inne zu schlagen.

»Caspar Liepenow heißt Du? Pist Du vielleicht aus Plaue und beim Ritter Dietrich von Quitzow?«

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche. Wo kennt mich denn der Seeräuper her? Freilich war ich bei dem tapfern Ritter Dietrich, ich heiße aber nicht Caspar Liepenow, sondern Caspar Liepenow, mit dem sanften p!«

»Ganz recht, Liepenow!« rief der Kapitän aufspringend und sich das Blut abwischend, »altes Püffelleder, kennst Du denn Deinen Pruder nicht mehr?«

Mit einem Ruck stand der Wachtmeister auf den Füßen und näherte sich, mit dem Aermel über das durch den Capitän ihm gräßlich zerschlagene, blutende Gesicht fahrend, dem Gegner.

»Mordelement, Peter, pist Du's oder nicht?«

»Freilich pin ich's!«

»Peter, Peter, in drei Teufels Namen, lasse Dich umarmen, alter Junge!«

Beide erst so wüthenden Kämpfer lagen einander nun plötzlich in den Armen, und der Führer, welcher dem Kampfe neugierig und ohne sich irgendwie an demselben zu betheiligen, zugesehen, wie auch die anderen in die Grube herabgeschickten Männer umstanden sprachlos, staunend die sonderbare Gruppe.

Ein donnernder Ruf des Grafen, bei härtester Strafe nicht länger mit der Heraufschaffung der Fäßchen zu zögern, erinnerte die Matrosen wie auch die Brüder an ihre Pflicht, und bald lagen die Tönnchen am oberen Rande der Grube zu Füßen der Ritter.

Erstaunt sahen die Ritter auf den Wachtmeister und den Capitän, deren Gesichter einen grausigen Anblick boten.

»Weshalb habt Ihr einander derart zugerichtet?« fragte der Graf streng.

»Noch ehe wir in die Höhle stiegen,« entgegnete der Capitän, »schien es mir, als wäre der Wachtmeister mir pekannt. Unten angekommen fragte ich ihn, um Gewißheit zu erhalten, um seinen Namen, worauf er grop antwortete. Wir geriethen hart an einander und als wir einander recht gehörig geklopft hatten, stellte es sich heraus, daß er mein Pruder Caspar ist!«

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche,« brummte der Wachtmeister, »ich hape eine ganz höllische Freude, meinen Pruder Peter wiedergefunden zu hapen!«

Suteminn unterdrückte die Strafrede, welche er dem Wachtmeister zugedacht hatte, fragte aber, als er bemerkte, daß der Führer die Fallthüre schließen wollte, rasch:

»Wo ist der Mann geblieben, der von dem Weibe dort zurückerwartet wird?«

»Den hätte ich peinahe vergessen, der Schuft wollte uns unten einsperren und dann wahrscheinlich die Höhle auf einem andern Wege verlassen!«

»Hole ihn herauf; er mag mit uns kommen!«

Dieser Befehl war bald ausgeführt und nun zog der mit den Tönnchen beladene kleine Trupp, welcher den aus Furcht sich still verhaltenden Hinrich in die Mitte nahm, und gefolgt von dem schreienden Weibe, dem noch wartenden Boote zu.


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Die gefesselten Räuber waren inzwischen und entsprechend der Anordnung des Grafen im Kielraum der »Schwalbe« untergebracht worden, und nachdem sie ihre frühere kostbare Ladung wieder aufgenommen, segelten beide Schiffe die Elbe aufwärts nach Hamburg zurück.

Der Wachtmeister, durch die Herfahrt gewitzigt, vermied, trotz des freundlichen Angebots seines Bruders, ihn bei einem Spaziergange auf dem Schiffe unterstützen zu wollen, jede Bewegung. Er setzte sich auf einen neben dem Maste liegenden Haufen Taue und rührte sich während der ganzen Fahrt nicht vom Platze.

»Gott straf mich!« knurrte er, als auch Junker Dietz ihn lächelnd fragte, weshalb er sich so hartnäckig an den Mast anklammere, »wenn ich mich ohne die größte Noth noch einmal auf einem solchen vermaledeiten Kasten sehen lasse. Pei den ersten Schritten würde ich ja das Gleichgewicht verlieren und meine Nase noch preiter klopfen, als sie ohnehin schon ist. Seht nur, Herr Junker, wie das Schiff sich pald nach rechts pald nach links, dann nach vorn und wohl auch nach hinten neigt. -«

Lachend entfernte sich der Junker und trat zu dem Capitän, welcher sehr aufmerksam die Wasserstraße zurückblickte.

»Was fällt Euch denn auf,« fragte er neugierig, »daß Ihr so angestrengt die Fläche betrachtet, auf welcher ich trotz meinen guten Augen nichts bemerke?«

»Seht Ihr dort weit hinten den schwarzen Punkt?«

»Allerdings, aber -?«

»Das ist ein Schiff, das teufelmäßig rasch fährt!«

In diesem Augenblick ertönte von dem unmittelbar folgenden Schiffe der Ruf herüber:

»Der Wiking in Sicht!«

»Alle Teufel!« fluchte der Capitän und eilte fort, den Grafen zu benachrichtigen.

Dieser verlor keinen Augenblick die Ruhe. Gleichmüthig erwiderte er:

»Laß alle Segel beisetzen und dann wollen wir das Weitere ruhig abwarten!«

Der Capitän des folgenden Schiffes befolgte dieselbe Weisung und mit verdoppelter Schnelligkeit eilten die beiden Fahrzeuge weiter.

Aber auch der »Wiking« schien seine Fahrgeschwindigkeit verdoppelt zu haben, denn die Entfernung zwischen diesem und den beiden Schiffen verminderte sich zusehends. Schon hatte der Verfolger die Höhe von Neuwerk erreicht, als er plötzlich anzuhalten schien.

»Wir sind dem Räuber schon zu weit vorgekommen,« murmelte der Capitän zufrieden; »nun werden wir auch ungehindert den Hafen erreichen!«

Während der Capitän sich mit der Beobachtung des Kaperschiffes beschäftigte, war einer der Schiffsleute zu ihm herangetreten, um eine Meldung abzustatten oder Etwas mit ihm zu besprechen. Er hatte dies kaum beendet, als der Capitän erfreut rief:

»Constapel, freut Euch auf den Schreck, den wir zusammen gehapt hapen, jetzt auch mit mir!«

»Worüber soll ich mich freuen? Etwa darüber, daß die elenden Räuber uns so schändlich geschlagen haben?« brummte dieser mißmuthig. »Wenn ich diese dumme Geschichte meinem Bruder erzählen werde, wird er nicht gerade viel Achtung vor meiner Tapferkeit hegen. Blitz und Donner, ich ärgere mich fürchterlich!«

»Laßt das Aergern jetzt bei Seite. Dort sitzt mein Bruder!«

»Wer? Euer Bruder? Wo?«

»Dort auf den Tauenden!«

»Dann werde ich sofort zu ihm gehen, vielleicht -!«

»Ha,« rief er, vor dem Wachtmeister angekommen, diesem zu: »Ihr seid der Wachtmeister Caspar Liebenow, der Bruder des Capitäns?«

»Ist es Euch etwa nicht recht?« klang es scharf zurück.

»Gewiß, gewiß. Ich wollte Euch nur fragen, ob Ihr meinen Bruder Balthasar kennt, der bei Herrn Claus von Quitzow auf Stavenow ist?«

»Mordelement,« fuhr der Wachtmeister, den vor ihm stehenden riesigen Mann neugierig betrachtend, erstaunt auf. »Ihr seid der Pruder meines alten Freundes Steckelpein und seines Rasumonoflitsch?«

»Wenn wir in Hamburg vor Anker liegen bleiben, dann werde ich ihn, nachdem ich durch Euch erfahren, daß er noch lebt, sicher besuchen! Wer ist denn der Resimanoflitsch? Den kenne ich nicht!«

»Freund Steckelpein hat einen Gaul, welcher epenso lang und dürr ist wie er selpst und diesen gotteslästerlichen Namen führt! Ich meine, Ihr könnt doch nicht so lange von Eurem Bruder getrennt sein, um die alte Mähre nicht kennen gelernt zu hapen, mit der er aufgewachsen ist?« -

»Alle Bombardenläufe, Bruder Balthasar scheint wirklich Euer Freund zu sein, daß Ihr ihn und sein Pferd in der Weise besprecht! Erzählt mir doch etwas Näheres über den Jungen!«

Während beide Männer sich hier unterhielten, unterwarf der Graf den Räuber, welcher zur Wiedererlangung des Goldes behülflich gewesen, einem strengen Verhör.

»Du gehörst also zu den Leuten des Rolf Vendaskiold?«

»Ja!«

»Wie kamst Du mit Deinen gefesselten Genossen nach Hamburg und wer hat Euch Kenntniß von der Ladung meines Schiffes gegeben?«

»Der Capitän hat stets eine Anzahl seiner Leute in Hamburg, denen die Aufgabe zugetheilt ist, die auf Neuwerk geborgenen Waaren von dort abzuholen und nach Hamburg zu bringen, wo die Güter an bestimmte Kaufleute abgeliefert werden. Bei besonders wichtigen Transporten werden wir benachrichtigt, wann dieselben von Neuwerk abzuholen sind. Vor einiger Zeit nun erhielt unser Bootsmann den Befehl, fortan auf jedes im Hafen ankommende Schiff zu achten und falls ein englisches sichtbar werden sollte, den Namen des Besitzers desselben zu erforschen. Dasjenige Fahrzeug, auf welchem der Herr Graf von Warwick angekommen, sollten wir noch vor der Löschung der Ladung aus dem Hafen heraus und bis Neuwerk bringen, dort die Ladung in der Höhle bergen und das Schiff dann nach Helgoland schaffen.«

»Hm! Hm! Und der Bootsmann hat auch sofort nach meiner Ankunft Kenntniß davon erhalten?«

»Ja, Herr!«

»Weshalb ist dann in der vorvergangenen Nacht nicht bereits der Versuch gemacht worden, das Schiff mit sammt der Ladung zu stehlen? Ich konnte ja gestern im Laufe des Tages die Löschung der Ladung vornehmen lassen?«


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»In der ersten Nacht nach Ankunft der »Schwalbe« waren die Matrosen die ganze Nacht auf dem Schiffe beschäftigt, zum mindesten war es unmöglich, den allerdings beabsichtigten Angriff, ohne die Aufmerksamkeit der Wachtposten auf den zunächstgelegenen Schiffen und der Hafenwache zu erregen, auszuführen. Dann aber waren wir auch durch geheime Verbündete davon unterrichtet worden, daß die Löschung nicht eher vorgenommen werden wird, als bis eine Anzahl Herren aus den Marken in Hamburg eingetroffen sein werde.

»Ihr selbst, Herr Graf, habt am Abende des Tages, an dem die »Schwalbe« im Hafen vorfuhr, erklärt, daß die Löschung sich voraussichtlich noch einige Tage verzögern dürfte.«

»Das ist allerdings richtig; durch wen aber hat der Bootsmann das erfahren?«

»Dies ist mir nicht bekannt. Gestern Abend sollte der Angriff in jedem Falle ausgeführt werden und wir warteten nur noch die dafür festgesetzte Stunde ab, als ein Mann zum Bootsmann kam, der uns schon öfter gute Dienste geleistet hat. Derselbe war von Euch beauftragt, dem Capitän Eures Schiffes irgend eine - richtig, jetzt entsinne ich mich dessen, die Nachricht zu überbringen, daß Ihr die Nacht nicht auf das Schiff zurückkehren würdet!«

»Hallunke!« rief der Graf knirschend. »Sprich weiter!« herrschte er dem Räuber zu.

»Der Bote wurde an den Capitän abgeschickt und beauftragt, uns über die Verhältnisse auf der »Schwalbe«, ich meine darüber, ob die Matrosen alle auf derselben anwesend, ob und wie viele noch wach seien und so weiter, möglichst genauen Bericht zu erstatten!«

»Dieser Aufforderung kam der Schuft natürlich nach?«

»Ja. Wir erfuhren, daß eine Anzahl der Matrosen das Schiff verlassen, die übrigen aber, außer der Wache und dem Capitän, bereits schliefen.

»Es gelang uns, die Wache so zu täuschen, daß wir sie zu binden und zu knebeln vermochten, ehe sie auch nur einen Laut von sich gegeben hatte. Mit derselben Leichtigkeit konnten wir die anderen Matrosen binden, nur der Capitän allein war nur mit Aufbietung aller Gewalt zu überwältigen. Zufällig wurde er in der Kajüte überfallen, sodaß der einzige Schrei, den er auszustoßen vermochte, bei dem herrschenden Winde kaum weit zu hören gewesen sein kann.

»Wir waren eben im Begriff, abzufahren, als auch die noch fehlenden Mannschaften an Bord zurückkehrten. Die Neugierde, zu erfahren, weshalb die Schiffswache nicht auf ihrem Posten sei, veranlaßte sie, in die inneren Räume hinabzusteigen. Hier lagen wir auf der Lauer und wenige Minuten später befanden sich die schnell Ueberwältigten bei ihren Kameraden. Mit möglichster Vorsicht fuhren wir nun im Schutze der außerordentlich dunklen Nacht ab und waren schon zur Abfahrt von Neuwerk bereit, als Ihr ankamt. Das Weitere wißt Ihr ja selbst!«

Als der Mann seine Erzählung beendet, schritt der Graf noch einige Zeit sinnend auf und ab.

»Deine Erzählung scheint auf Wahrheit zu beruhen,« bemerkte er endlich, »und ich werde Dir behülflich sein, von hier so zeitig fortzukommen, daß Du nicht etwa das Loos der Elenden zu theilen hast, die im Kielraum liegen. Für jetzt verlange ich noch die offene Beantwortung der Frage, ob es Dir bekannt ist, durch wen Rolf Vendaskiold Kenntniß von meiner Reise und von der Ladung der »Schwalbe« erhalten hat!«

»Darüber vermag ich keine genaue Auskunft zu geben. Es wurde aber auf dem »Wiking« angenommen, daß ein Pfaffe seine Hand im Spiele gehabt haben müsse.«

»Ein Geistlicher?«

»Ja, ein Geistlicher, der vor nicht langer Zeit aus den Marken zum Capitän gekommen ist.«

»Näheres über diesen Geistlichen hast Du nicht erfahren?«

»Hinrich, der Mann, welcher aus dem Häuschen auf Neuwerk abgeholt wurde, sagte, daß derselbe sich Pater Eusebius genannt habe!«

Junker Dietz von Quitzow hatte den letzten Theil der Unterredung gehört und trat, als er den Namen des Paters hörte, näher heran.

»Erlaubt, Herr Graf, eine Frage an den Mann!«

»Du nanntest den Pater Eusebius?« wandte er sich an den Räuber.

»Hast Du ihn selbst gesehen?«

»Einen Augenblick vermochte ich ihn zu sehen, als er auf den Wiking gebracht wurde!«

»Beschreibe mir die Gestalt des Geistlichen.«

Der Mann kam dieser Aufforderung nach, soweit er dies noch im Stande war, und der Junker vermochte eine peinliche Ueberraschung nur schwer zu verbergen.

»Kennt Ihr diesen Geistlichen?« fragte Herr von Bismarck, dem dies nicht entgangen war.

»Einen Augenblick,« erwiderte der Junker, welcher sich inzwischen wieder gesammelt hatte, »glaubte ich in dem frommen Herrn Jemanden wiederzufinden, von dem ich früher einmal gehört habe, doch sehe ich bei reiflicher Ueberlegung ein, daß dies ein Irrthum sein muß!«

Durch die Ankunft der »Schwalbe« im Hafen wurde die Unterhaltung unterbrochen, und Herr von Bismarck, welcher den Junker scharf beobachtet hatte, schien absichtlich vorläufig jede weitere Frage zu unterlassen.

Während die Ritterjetzt ungesäumt an die Ausführung der erforderlichen Vorbereitungen zur Abreise gingen, übergab der Graf die gefesselten Räuber und Hinrich, welcher nicht nur jede nähere Auskunft über den mehrerwähnten Pater verweigerte, sondern überhaupt nicht sprechen wollte, der Hafenbehörde und entließ dann, mit einer Geldspende versehen, den zur Wiedererlangung der Ladung behülflich gewesenen Mann.

Am Nachmittage desselben Tages noch reisten die Herren Hans von Uchtenhagen und Heinrich von Strantz mit dem nach dem Vorschlage des Ersteren gebildeten Transporte ab.

Als gegen Abend die Goldtönnchen aus dem Schiffe und auf die bereitstehenden Wagen verladen waren, schritt ein großer, starker Mann an den in der Nähe der Letzteren weilenden Herren vorüber, welcher den Grafen nicht nur auffallend scharf betrachtete, sondern selbst auch die Aufmerksamkeit namentlich des Herrn von Bismarck und des Grafen erregte.

Wer ist dieser Mann?« diese Frage schwebte auf Aller Lippen, aber weder einer der Anwesenden noch auch einer der zunächststehenden Hafenbeamten vermochte genügende Aufklärung zu geben.

»Ich habe den Mann mehrmals bereits hier gesehen,« meinte der Eine, »doch nie erfahren können, wie er heißt


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und was er ist. Daß er ein Seemann ist, werden die Herren selbst bereits bemerkt haben, das ist aber auch Alles, was ich über ihn weiß!«

Weder der Graf noch auch Herr von Bismarck beruhigten sich mit dieser Auskunft. Mehrmals noch blickten sie dem langsam dahinschreitenden Manne nach und erst die Bemerkung Suteminn's, ihm genüge zu wissen, daß der Unbekannte nicht zu den guten Freunden gehöre, die auf dem Landwege nach den Geldtönnchen verlangten, störte sie in ihrem Grübeln.

»Ihr habt Recht!« erwiderte der Graf, »und es wäre ein nutzloses Beginnen, die Zeit noch länger mit Grübeln und Rathen einer Person wegen zu verbringen, die uns gleichgültig sein kann!«

»Werdet Ihr, Herr Graf, von hier den directen Weg nach Kostritz einschlagen?« fragte Herr von Bismarck, dessen Gedanken seither noch immer bei dem Unbekannten geweilt zu haben schienen.

»Ich habe in Folge der vor wenig Stunden glücklich beendigten Angelegenheit hier noch Verschiedenes zu erledigen, worunter die Sicherung der »Schwalbe«, die hier noch eine Zeit lang vor Anker liegen wird, obenan steht. Dann aber beabsichtige ich, die Reise nach Potsdam anzutreten, von wo aus ich erst geraden Weges nach Kostnitz reisen werde. Ich wünsche Euch, meine Herren, glückliche Durchführung der übernommenen Aufgabe und hoffe, Euch auf meiner Reise durch die Marken wiederzusehen!«

Nach einer kurzen freundlichen Verabschiedung von den Herren ging der Graf auf die »Schwalbe« zurück und der Zug setzte sich unter Führung der Ritter vom Hafen aus in Bewegung.

Als der Wachtmeister, welcher von seinem Bruder das Versprechen erhalten, daß dieser ihn in nächster Zeit schon mit Bewilligung des Grafen für einige Tage besuchen werde, sich bei einer Biegung des Weges zum letzten Male nach dem Hafen zurückwandte, um noch einen Blick auf die Schiffe zu richten, rief er in komischem Zorne:

»Gott straf mich, wenn ich fluche, der Deiwel soll mich aper holen, wenn ich noch einmal einen Fuß auf einen so wackeligen Kasten setze, wie die Schiffe da sind. Ich pegreife Peter nicht, daß er sich da wohl fühlen kann, wo ein anderer ehrlicher Christenmensch keinen Schritt zu gehen vermag, ohne nicht fürchten zu müssen, auf die Nase zu fallen. Meine Nase muß üprigens gut aussehen, der Deiwelskerl hat ja eine Faust, die so hart ist, wie ein Stein!«

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Etwa vierzehn Tage waren seit der Abreise der Herren aus Hamburg vergangen. Der Geldtransport war ungefährdet in Potsdam angekommen und Suteminn saß in seinem, den Lesern bereits bekannten Gemache im Zauberhause in Tangermünde im eifrigen Gespräch mit Herrn Henning von Bismarck.

Sie hatten aber noch einmal über den Zusammenstoß des Herrn Hans von Uchtenhagen mit den Wegelagerern gesprochen, unter denen er Herrn Claus von Quitzow sicher und, wenngleich weniger bestimmt, den Junker Boldewin erkannt haben wollte, und lachend der Ueberraschung erwähnt, welche ihnen die Oeffnung der statt mit Gold mit Sand gefüllten Fäßchen bereitet haben werde.

Beide sprachen dann über die dringende Nothwendigkeit, dem Unwesen des Raubritterthums ein Ende zu machen und für Sicherung des Lebens und Eigenthums auf den öffentlichen Straßen zu sorgen.

»Hier geordnete Zustände herbeizuführen,« meinte Suteminn, »vermag nur der Markgraf. Dieser aber wird im Augenblick derart beschäftigt, daß ein energischer Zug gegen die Boldewin's, Quitzow's, Steinfurth's und wie die Raubritter alle heißen, in nächster Zeit kaum zu erwarten sein dürfte!«

»Da erinnere ich mich aber,« rief Herr von Bismarck hastig, »daß ich dieser Tage die Nachricht erhalten habe, Herr Claus von Quitzow sei auf Garlosen plötzlich gestorben!«

»Demnach wäre einer der berüchtigtsten Wegelagerer weniger,« warf Suteminn gleichmüthig ein.

»Hört nur weiter. Ihr habt die beiden Söhne Dietrichs von Quitzow, die Junker Dietz und Cuno, kennen gelernt. Beide verdienen nach dem, was ich durch Hans von Uchtenhagen von ihnen erfahren und soweit ich selbst Gelegenheit gehabt, sie zu beobachten, alle Achtung; sie sind ihrer Gesinnung nach ihrem berüchtigten Vater sehr wenig ähnlich, und Junker Dietz war es ja auch, durch den ich erfahren, daß der Pater, welcher dem Rolf Vendaskiold die Ankunft einer Goldsendung aus England verrathen, ohne Zweifel der Caplan von Garlosen sei.

»Diese beiden Junker also werden nach dem Ableben ihres würdigen Vetters die Erben von Stavenow und wir können uns nur freuen, zwei solch' ehrenwerthe Herren mehr für das Interesse der Ordnung gewonnen zu haben; der Vortheil, welchen sie durch Bethätigung ihrer Ueberzeugung zu bieten vermögen, ist um so höher anzuschlagen, als Stavenow in der Nähe Garlosen's liegt, und die Inhaber dieses alten Raubnestes durch die Besitzer von Stavenow gar wohl von der Begehung manches ehrlosen Streiches abgehalten werden können!«

»Ihr seid ein warmer Vertheidiger der beiden Junker,« erwiderte Suteminn lächelnd, »und ich muß mich, so schwer es mir auch fällt, wohl auch zu Eurer Ansicht über die Söhne des berüchtigten Dietrich bekehren, um so mehr, als ich in meinem eigenen Hause Jemanden habe, der mit Euch die gleiche Gesinnung hegt.«

»Junker Detlev?« fragte Herr von Bismarck erstaunt.

»Derselbe. Er hat die Junker bei Herrn Hans von Uchtenhagen kennen gelernt und singt dasselbe Loblied. Da er in den nächsten Tagen Herrn von Uchtenhagen in meinem Auftrage aufsuchen und die beiden Junker dort wohl noch antreffen wird, so werde ich voraussichtlich bald Näheres über den Todesfall Claus von Quitzow's erfahren. Ich habe übrigens jetzt bereits angefangen, Vorbereitungen für die Reise zu treffen und für alle Fälle Detlev zu instruiren über sein Verhalten bei etwaigen Vorkommnissen, die während meiner, längere Zeit dauernden, Abwesenheit leicht sich ereignen dürften.«


Ende des siebenundzwanzigsten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk