Heft 12

Feierstunden am häuslichen Heerde

18. November 1876

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


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Nur aus der Esse stieg zuweilen ein rothglühender Schwalch, durch welchen hellleuchtende Funken gleich feurigen Käfern schossen, oder es hob sich in kerzengrader Richtung eine schwarze, dichte Rauchsäule empor, welche sich oben ausbreitete, um dann schwer und langsam auf die Umgebung herab zu fallen. »Im Zauberhause wird der Höllenzwang gesprochen,« sagten die Leute, welche es bemerkten, bekreuzigten sich und beteten eine Ave Maria.

In dem vordern Wohnraum des Hauses saßen drei Personen, welche wohl geeignet waren, einen ungewöhnlichen Eindruck auf den Beschauer hervorzubringen. Es waren dies ein Jüngling und zwei Frauen. Der Erstere saß an dem mit einer starken Eichenholzplatte versehenen Tische und seine hohe, kraftvolle Gestalt war über ein dickes Buch gebeugt, welches die Inschrift führte: »Kreutterbuch deß Hochgelahrten und Weitberühmten Herrn Doctor Petri Andrae Matthioli. Jetzt wiederumb mit vielen schönen newen Figuren, auch nützlichen Artzneyen und anderen guten Stücken zum dritten mal auß sondern Fleiß gemehret und verfertigt durch Joachimum Camerarium, der löblichen Reichsstadt Nürnberg Medicum Doctor. Sampt wohlgeordnetem genugsamem Bericht von den Destillir und Brennöfen.« Er schien seine Aufmerksamkeit ungetheilt auf den Inhalt dieses Buches zu verwenden, denn es lag eine sehr sichtbare Spannung in seinen männlich schönen Zügen, und nur selten warf sein ernstes Auge einen Blick auf die beiden weiblichen Gestalten, welche mit ihm den niedrigen Raum belebten. Die Eine von ihnen war eine Jungfrau fast in demselben Alter wie er und ebenso wie er durch Schönheit und Adel ausgezeichnet, welcher sich ihrem lieblichen Angesichte sehr leicht erkennbar aufprägte; die Andere aber, vom Alter krumm und gebückt, trug eine seltene Häßlichkeit zur Schau, und ihre Gesichtsbildung war ganz eine solche, mit welcher der Aberglaube seine Hexen auszustatten pflegt.

Die Frauen spannen und der Jüngling las, und keins von ihnen versuchte, die dabei herrschende Stille durch ein Wort, eine laute Bemerkung zu unterbrechen, bis draußen vom Thore her ein lautes Klopfen ertönte. Ueberrascht horchten alle Drei empor, und die Jungfrau sprach mit einer tiefen, klangvollen Altstimme:

»Wer mag es sein, der in so später Abendstunde sich an unser verrufenes Haus wagt? Detlev, willst Du vielleicht nachschauen?«

Der Angerufene erhob sich.

»Doch vielleicht ein Hilfesuchender, den die Noth zwingt, seine Scheu vor dem »Zauberhause« zu überwinden,« meinte er.

»Halt!« fiel die Alte ein; »bleibt hier, junger Herr. In einem verzauberten Hause muß die Hexe das Thor bewachen, und mein Gesicht paßt besser hinaus, als das Eurige!«

Sie legte die tanzende Spindel zur Ruhe, schob den Jüngling zur Seite und trat hinaus in den Hof. Sie war nicht das einzige Wesen, welches durch das Pochen an das Thor gerufen worden war, sondern an demselben wurde sie von noch zweien mit laut jubelnden Tönen empfangen, die einen Andern zur sofortigen Flucht bewogen hätten: es war ein riesiger Fanghund mit wahrhaft bärenmäßigen Gliedern und ein Leopard, welcher unter unbeschreiblichen Tönen seine elastisch kraftvolle Gestalt schmeichelnd an die Herrin schmiegte. Diese trat zu einem kleinen Gucklocke, durch welches man, ohne selbst bemerkt zu werden, einen forschenden Blick auf jeden Einlaßbegehrenden zu werfen vermochte, und erkannte zwei Männer,


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von denen der Eine wartend am Thore stand, während der Andere einige Schritte zurück bei den Pferden hielt.

»Wer seid Ihr, und was ist Euer Begehr zu dieser späten Stunde?« frug sie mit einer Stimme, deren schriller Ton ganz zu dem Ausdrucke ihres Gesichtes paßte.

»Wohnt Herr Suteminn in diesem Hause?« gegenfragte kurz und befehlend der Angeredete.

»Ja. Was wollt Ihr von ihm?«

»Ist er daheim oder nicht?«

»Er ist daheim. Aber hört Ihr es denn nicht, daß ich wissen will, was Ihr von ihm begehrt?«

»Oeffne die Thür; ich habe mit ihm zu reden!«

»Dieses Haus steht nicht für Jeden offen. Sagt, wer Ihr seid und was Ihr wollt; ich darf nicht um jedes Fremden willen den Herrn bei seinen Büchern stören.«

»So geh' und sag', Herr Friedrich schicke mich!«

So dunkel und ungenügend der Alten diese Worte erschienen, sie waren in einem Tone gesprochen, welcher sie veranlaßte, von weiteren Fragen abzusehen, und ihre sich entfernenden Schritte bewiesen, daß sie der erhaltenen Weisung Folge leiste. Auch währte es nur eine kurze Zeit, so erschien sie wieder, aber nicht in dem breiten Hauptthore, sondern an dem kleinen Nebenpförtchen, welches sich, nachdem die Riegel zurückgeschoben waren, kreischend in den Angeln drehte.

»Tretet ein! ich werde Euch führen!«

Er mußte sich bücken, um in den Hof zu gelangen, und wäre bei dem Anblicke der beiden Thiere, welche an den Seiten der Frau standen, fast wieder zurückgetreten, wenn ihn nicht die friedliche Haltung derselben und sein persönlicher Muth daran verhindert hätten. Der Weg führte durch das Wohnzimmer. Als der Fremdling dieses betrat und die beiden jungen Leute erblickte, hemmte er erstaunt seine Schritte; er schien Wesen von ihrer Art gar nicht in diesem Hause vermuthet zu haben; aber schon hatte die Alte die in das Nebengemach führende Thür geöffnet und winkte ihm, einzutreten.

Es war nur ein kleiner Raum, in dessen hinterstem Winkel sich ein breiter Heerd befand, über welchem die trichterförmige Oeffnung des Schornsteins gähnte. In einem über dem Feuer angebrachten Kessel brodelte eine Flüssigkeit, welche ein kräftiges, kräuterhaftes Aroma verbreitete; die Wände waren mit Flaschen, Gläsern, Tiegeln und allerlei für den Laien räthselhaften Gefäßen und Gegenständen bedeckt, und aus dem bis zur Decke reichenden Büchergestell sah eine für die damalige Zeit ganz bedeutende Anzahl Hefte, Rollen und Folianten auf den Besucher herab.

Der Inhaber dieses Gemaches hatte am Tische gesessen und ein vor seinem Sessel aufgeschlagenes Buch zeigte, in welcher Beschäftigung er unterbrochen worden war. Jetzt aber stand er vor seinem Besuche, und es war in diesem Augenblicke selbst für Denjenigen, welcher die Beiden nicht gekannt hätte, zu bemerken, daß sich hier zwei nicht ganz gewöhnliche Leute einander gegenüber befanden. Die hochaufgerichtete, reckenhafte Gestalt des Hausherrn zeugte von einer Fülle physischer Kraft, wie sie nur Wenigen gegeben ist, während seine Umgebung ebenso wie der Ausdruck seiner Züge bewies, daß er auch in geistiger Beziehung von der Natur nicht vernachlässigt sei; feiner dagegen, wenn auch lang und kräftig, war die Figur des Andern, und in dem edelgeschnittenen Gesichte lag ein Etwas, welches auf ein geübtes Denk- und Urtheilsvermögen schließen ließ.

»Ihr seid von dem Herrn Markgrafen abgesandt, wie Ihr mir sagen ließet?« frug Suteminn, das Gespräch beginnend.

»So ist es, und da Ihr mich sonder Zweifel noch nicht gesehen habt, so erlaubt, daß ich Euch meinen Namen nenne! Er heißt: Henning von Bismarck.«

Ueber das Angesicht des Hörers flog ein Zug freudiger Ueberraschung, und schneller vielleicht als gewöhnlich streckte sich seine Hand zum herzlichen Willkommen aus.

»Henning von Bismarck, Herrn Clausens Bruder, den ich kenne? Er ist ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, so wie auch Ihr; viel Gutes habe ich von Euch gehört, und zwar aus hohem Munde. Seid willkommen und macht es Euch behaglich!«

Während er ihm den breiten Lehnstuhl hinschob, blieb er selbst mit über die Brust geschlagenen Armen erwartungsvoll vor ihm stehen. Bismarck nahm mit jener Unumständlichkeit, die den selbstständigen Character kennzeichnet, auf dem alten Sessel Platz, streckte, sich dehnend, die in gewaltigen Stiefeln steckenden Beine von sich und warf dabei einen prüfenden Blick auf die Umgebung.

»Das also ist das Zauberhaus,« begann er endlich, »vor dem das ganze Land sich fürchtet! Herr Ritter, könnt Ihr wirklich hexen?«

Mit lächelnder Miene hatte der Gefragte das ungenirte Benehmen seines Gastes verfolgt; bei dieser aufrichtigen Frage wurde das Lächeln zum leisen, kurzen Lachen.

»Was nennt Ihr hexen, Herr? Zur Erreichung gewisser Zwecke Kräfte gebrauchen, welche Anderen unbekannt, ja furchtbar sind, und die sie deshalb übernatürliche nennen? Ja, dann kann ich hexen.«

»Gut, so macht einmal aus der alten schweinsledernen Gelehrsamkeit hier auf dem Tische so rasch wie möglich einen Imbiß mit einem guten, kräftigen Schlucke irgend einer Flüssigkeit! Ich bin gar weit geritten, und die Bismarck's haben sich mit Fasten und Kasteiung nie befreundet.«

Statt aller Antwort ergriff Suteminn den mächtigen Folianten, schob ihn unter den Tisch und zog statt seiner den unter der Tischplatte angebrachten Kasten hervor, den er an die Stelle des Buches placirte. Er enthielt einen Laib schwarzen Brodes, einen hölzernen Teller mit einem umfangreichen Stücke Schinkens, ein Gefäß mit Salz und Pfeffer und alle zum Essen nothwendigen Schneid-, Hieb- und Stechwerkzeuge.

»Das trockne Element ist Eurem Zauberspruche gehorsam,« lachte Henning, nach dem Messer greifend; »das nasse - - -«

»Wird mir ebenso gehorsamen,« fiel ihm der Wirth in die Rede, »sobald ich in die Unterwelt hinabsteige.«

Er langte nach einem vielverheißenden irdenen Kruge, welcher in brüderlicher Eintracht mit den Büchern auf dem Brette stand, und verschwand durch eine kleine Thür, die in der Nähe des Heerdes abwärts führte. Bismarck griff, wie um das augenblickliche Alleinsein auszufüllen, nach einer neben ihm an der Wand stehenden Pergamentrolle, die er unwillkürlich entfaltete. Kaum aber hatte er den ersten Blick darauf geworfen, so stieß er einen Ruf des Erstaunens aus. Er hatte einen Namen gelesen, der vor


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nicht langen Jahren in Schweden und Dänemark viel genannt worden war, und welchen eine auch in Mecklenburg ansässige Familie trug.

»Moltke - sollte dieser räthselhafte Mann vielleicht derselbe Moltke sein, welcher -« er unterbrach sein Selbstgespräch und stellte die Rolle eilig an ihren früheren Platz zurück. »Der Zufall führt mich auf die Spur des Geheimnisses, und ich werde mir den Faden nicht wieder entreißen lassen!«

Als Suteminn mit dem gefüllten Kruge wieder in die Stube trat, verrieth keine Miene Bismarcks, daß seine Theilnahme für ihn seit einigen Sekunden eine doppelte sei; er nahm den gastlich credenzten Trunk in Empfang und machte sich mit einem Eifer über das Essen her, als habe er seit Wochen gehungert, oder müsse seinen Körper für lange Zeit mit Proviant versorgen. Suteminn leistete ihm dabei - »nach löblichem Schick und Brauch,« wie er bemerkte - Gesellschaft, und es dauerte eine geraume Weile, bis die beiden Männer ihre gastronomische Thätigkeit einstellten und sich zur Fortsetzung ihres von Herrn Henning so drastisch unterbrochenen Gespräches anschickten.

»So,« begann dieser; »dem Leibe ist sein Recht geschehen, und ich kann Euch zuschwören, daß der alte verzauberte Foliant mir ganz prachtvoll gemundet hat. Uebrigens liegt Schweinsleder und Schinken nicht sehr weit auseinander, und ich hatte Euch also eine nicht sehr schwierige Aufgabe gestellt. Vielleicht gelingt es mir, Euch mit einer andern in Verlegenheit zu setzen.«

Bei diesen Worten überflog er die Gestalt Suteminns mit einem rasch prüfenden Blicke, den dieser gleichmüthig aushielt.

»Ihr habt über diese Aufgabe schon mit dem Markgrafen gesprochen?«

»Ja, vor Friesack.«

»Und über ihre Ausführung nachgedacht?«

»Nein; ich erwarte erst nähere Weisungen.«

»Die ich Euch zu überbringen habe!«

»Nun wohl, ich bin bereit, sie zu hören.«

»Habt Ihr schon gehört von der Eule zu Rom?«

»Nein.«

»Aber Ihr wißt, daß Balthasar Cossa, welcher trotz seiner Abscheulichkeit unter dem Namen Johann XXIII. den päpstlichen Thron bestiegen hat, jüngst ein Concilium nach Rom berief, weil er den beiden Gegenpäpsten gegenüber die Nothwendigkeit erkannte, dem allgemeinen Wunsche nach Verbesserung der Kirche eine, wenn auch nur scheinbare Beachtung zu schenken. Daß diese Versammlung nichts als eine leere Spiegelfechterei bedeute, war leicht einzusehen, und so erschienen auch nur wenig Prälaten, welche es nicht weiter als zu zwei erfolglosen Sitzungen brachten. Bei der ersten erschien eine große Eule in der Kirche, setzte sich grad vor den Papst hin und blickte ihn starr an. Ihr könnt Euch denken, welches Entsetzen ihn und die Versammlung ergriff, als der unheilverkündende Schuhu in die von dem heiligen Geiste regierte Versammlung einbrach. Er wurde zwar mit Mühe verscheucht, aber die heiligen Väter fühlten sich von diesem unglückseligen Omen so angegriffen, daß sie auseinander gingen. Vor der nächsten Sitzung wurde das Gotteshaus einer sorgfältigen Durchsuchung unterworfen, und da keine Spur des Vogels zu finden war, so nahten sich die furchtsamen Patres mit der Hoffnung eines besseren Resultates. Kaum aber hatte seine Heiligkeit das Wort ergriffen, so vernahm man von dem Hochaltar her einen markerschütternden Ruf und der Vogel flog herbei, setzte sich wie vorher vor den Stellvertreter Gottes auf Erden und blickte ihn, ängstlich die Flügel schlagend, starr mit den großen, nächtlichen Augen an. Da bemächtigte sich Grausen und Entsetzen der frommen Versammlung, und Alle, Johann an der Spitze, stürzten nach der Thür, um der Unglück weissagenden Erscheinung zu entgehen. Zwar wurde der Vogel später gefangen und erschlagen, und dadurch der Beweis geliefert, daß man es nicht mit einem überirdischen Wesen zu thun habe, aber das Vorkommniß gilt doch als ein böses Zeichen und wird auf das Schicksal des Papstes beim Concile zu Costnitz gedeutet.

»Hängt diese Mähr mit Eurem Auftrage zusammen?«

»Vielleicht. Die Herren Prälaten sind in Rom mit dem Bemerken auseinander gegangen, daß der heilige Geist unter ihnen in einer seltsamen Gestalt erschienen sei, und wenn die Fürsten der Kirche sich einer solchen Gotteslästerung schuldig machen, so ist es kein Wunder, wenn die weltlichen Herren und Leute es müde werden, einen Mann an der Spitze der Christenheit zu sehen, von dem man nichts als Laster und Verbrechen zu berichten hat. Der König Ladislaus von Neapel, von ihm in den Bann gethan, ist unvermuthet mit seinen Schaaren vor Rom erschienen, hat die Stadt erobert und den Papst vertrieben, welcher sich nach Oberitalien flüchtete. Dort hat ihn der Kaiser gezwungen, eine allgemeine Kirchenversammlung nach Costnitz zu berufen, wo die vorhandenen Wirren geschlichtet und geordnet werden sollen. Und dort - dort,« fuhr er mit sinkender Stimme fort, »will der rothe Adler der Marken über ihn herfallen und seine starken Fänge um ihn schlagen, um der Welt zu zeigen, daß der Schuhu nicht falsch geweissagt habe!«

Es entstand eine Pause, während welcher die beiden Männer sich ernsten Gedanken hingaben. Endlich nahm Henning wieder das Wort:

»Seid Ihr nicht erfüllt von Bewunderung über die Größe und Kühnheit dieses Gedankens? Ein kleines, unscheinbares Burggräflein kommt herbei, wirft sich binnen wenigen Wochen den trotzigen, kraftvollen und weit überlegenen Adel des Landes zu Füßen, und - noch ist die Ruhe und der Frieden nicht hergestellt, noch gährt es und bebt der Boden auf allen Seiten, die Grenzen sind bedroht, die Polen, Pommern, Mecklenburger, die Herren von Wenden, die Herzöge zu Sachsen erheben drohend die Schwerter - da wagt es das Burggräflein, den mächtigsten Mann der Christenheit, den Beherrscher von Millionen und Abermillionen Gewissen, den Stellvertreter Gottes auf Erden beim Schopfe zu nehmen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen vor den Augen des gesammten Volkes!«

Die Augen des Sprechers leuchteten und die Röthe der Begeisterung lag auf seinen Wangen.

»Seit es Weltgeschichte giebt,« fuhr er fort, »ist es zum ersten Male, daß der Norden zum Bewußtsein seiner Kräfte kommt und an der Sendung zu arbeiten beginnt, die ihm von dem Herrn der Welten anvertraut worden ist. Finsterniß bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber es wird, es muß der Schleier reißen, welcher Jahrhunderte dazu diente, die Wahrheit zu erfüllen, und nicht ein Kaiser oder König, nicht ein Gewaltiger unter den Kronenträgern ist es, welcher den ersten Riß thun wird, sondern der kleine Zollern, der sich bis heut nicht anders nennen darf als einen Statthalter, einen Diener des Schwächling Sigismund. Und wer sind die Männer, die er sich zu


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diesem verwegenen Vorhaben ausersehen hat? Niemand nennt sie im großen Reiche, kaum daß man sie im eigenen Lande kennt; der Eine saß über seinen Büchern, der Andere jagte den Hirsch in seinen Wäldern; Größeres thaten sie nicht. Der Eine hat keinen Namen, der Andere kaum - einen Bismarck, nur Wenige haben ihn bisher gehört - Beide aber werden ohne Wanken und mit treuen Kräften an ihrem Werke schaffen - hier meine Hand!«

Er streckte Suteminn die Rechte entgegen, in welche dieser mit kräftigem Schlage die seinige legte.

»Ihr habt gleichen Auftrag wie ich vom Fürsten bekommen?« frug er.

»Den Auftrag, an der gleichen Aufgabe zu arbeiten, ja, aber nicht mit den gleichen Werkzeugen. Ihr, Ritter, sollt das scharfe, schneidige Schwert sein, ich der Hüter, welcher dafür sorgt, daß Euch das Hochwild nicht entgehe. Und nun laßt Euch den Plan mittheilen, welche Se. Gnaden in dieser hochwichtigen Angelegenheit gefaßt haben!«

Lange saßen die beiden Männer, bald flüsternd, bald in lauten, energischen oder begeisterten Ausrufungen sich ergehend, beisammen; das Licht brannte trübe und immer trüber, und schon warf der anbrechende Wintertag seine dämmernde Helle durch die kleinen Fenster, als Henning sich erhob und damit andeutete, daß die Einigung zwischen ihnen endlich zu Stande gekommen sei.

»Und nun laßt mich noch den jungen Mann sprechen, in dessen Eigenschaften Ihr ein so großes Vertrauen setzt!« sprach er.

Als der Genannte auf den Ruf Suteminns erschien, trat Bismarck überrascht einen Schritt zurück. Der Jüngling war, was vorher in der Vorderstube bei der gebückt sitzenden Stellung desselben nicht bemerkt worden war, um einen Kopf länger als er, und in richtigem Verhältnisse zu dieser außerordentlichen Körperhöhe waren seine Glieder geformt. Er konnte ohne alle Uebertreibung ein wahrer Enackssohn genannt werden, und wer ihn so in voller strotzender Jugendkraft erschaute, dem wurde nicht schwer zu glauben, daß er vielleicht selbst Suteminn überlegen sein könne. Mit Genugthuung bemerkte dieser den Eindruck, welcher sich in den Zügen seines Gastes unverhohlen zu erkennen gab, und stolze Freude leuchtete aus seinem Angesichte bei den Worten:

»Ich darf Euch versichern, daß er in der Führung der Waffen nicht ungeschickter ist, als ich.« Und mit der Hand nach dem Fenster zeigend, fügte er hinzu: »Wir haben gar manchen ernsten Gang da draußen mit einander unternommen, nicht zum Spiele, sondern auf Tod und Leben, wie sichs gebührt unter Männern nach löblichem Schick und Brauch, und bei Tag und Nacht, um ihn für das Leben vorzubereiten, welches keine Nachsicht kennt. Das Klirren unsrer Schwerter ist bis hinunter in die Stadt gedrungen und hat dem Aberglauben willkommene Nahrung gegeben.«

Bismarck nickte. Er schien von dem, was er sah und hörte, vollständig zufriedengestellt zu sein und frug:

»Und wenn ich nun Eure Versicherungen einer nahen Prüfung unterzöge?«

»Zweifelt Ihr an der Wahrheit meiner Worte?«

»Nein, sondern ich wollte nur sagen, daß eine Gelegenheit für ihn vorhanden sei, die Wahrheit Eurer Worte zu bewähren. Ich habe in Gemeinschaft mit Herrn Gebhard von Alvensleben auf Schloß Gardelegen von zwei dortigen Juden eine Summe Geldes in Schwerin erheben lassen. Diese beiden Männer sind sammt ihrer Habe auf der Heimreise von Denen auf Garlosen und Stavenow überfallen und festgenommen worden und sollen nebst der mitgefangenen Tochter des Einen nur gegen ein Lösegeld ihre Freiheit zurückerhalten. Da die Juden ihr ganzes Vermögen in dem Transporte stecken hatten, so können sie weder ihre Auslösung selbst bestreiten, noch dürfen wir Hoffnung hegen, unser Geld auf friedlichem Wege zurückzuerhalten; dennoch aber will ich selbst einen Versuch machen und nach Garlosen reiten, um mit den Boldewins und Herrn Claus von Quitzow in Güte zu verhandeln. Für meine persönliche Sicherheit sollte ich eigentlich keine Gefahr befürchten, da ich aber als ein Freund und Helfer des Markgrafen bekannt bin, und ihm die Herren feindlich gesinnt sind, so fühle ich mich zur Vorsicht geneigt und möchte Euch bitten, mich zu begleiten!«

Diese letzten, an den jungen Mann gerichteten Worte ließen die Röthe der Freude auf seine Wangen treten, und mit einer raschen, zustimmenden Bewegung antwortete er:

»Herr Ritter, schon längst ist es mein Wunsch gewesen, mein Schwert in ernstem Kampfe zu erproben; voll Freuden gehe ich mit Euch, und ich hoffe, Ihr sollt mit meinem Arm zufrieden sein!«

»Möge diese Eure Hoffnung in Erfüllung gehen, dann wird Euer Thun auch reiche Lohnung finden!«

»Das ist es nicht, wonach ich strebe. Nicht auf Fürstengunst und äußeren Gewinn ist mein Sinn gerichtet. In des Menschen Thun selbst liegt der Segen oder der Fluch, welchen er zu erwarten hat; und ist sein Thun ein gutes, so wird es sich von selbst belohnen.«

»So recht, mein junger Freund! Eure Gedanken sind eines Mannes würdig, der an hohen Aufgaben arbeiten soll. Jetzt aber macht Euch bereit zum Aufbruche; mein Knecht wird wieder vor dem Thore sein, und unser Weg ist ein weiter.« -

Bald stand der Bruder, zur Reise gerüstet, in der vorderen Stube vor der Schwester. Mit leuchtendem Blicke ruhte ihr Auge auf seiner herrlichen Gestalt, die im Schmucke der glänzenden Waffen auf jeden Begegnenden einen ungewöhnlichen Eindruck machen mußte. Sie war beschäftigt, ihm eine köstlich gestickte Binde um den Leib zu befestigen.

»Nimm dieses Zeichen meiner Liebe mit hinaus in die Kämpfe des Lebens, Detlev. Ich habe an ihr gearbeitet so manche Nacht und dabei daran denken müssen, daß unsere Zukunft an der Spitze Deines Schwertes geschrieben steht. Lebe wohl! Gott der Herr sei mit Dir jetzt und immerdar, und niemals werden die Gedanken und Gebete Deiner Schwester von Dir weichen!«

»Lebe wohl, Marie!« Mehr sprach er nicht, aber als er sie bei diesen drei zitternden Worten voll herzlicher Innigkeit an seine Brust zog, glänzte die Feuchtigkeit der Thränen in seinen Augen und seine Lippen zuckten unter dem Einflusse des männlich niedergekämpften Schmerzes.

Da traten die beiden Männer aus dem hintern Raume.

»Lebt wohl, Ritter,« sprach Bismarck. »Ich wiederhole Euch das Wort des Fürsten, Dietrich von Quitzow für jetzt ihm zu überlassen. Seid wachsam und haltet treue Huth über den Hamburger Zug. Der Herr bedarf


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in Costnitz des Geldes, und es wäre viel verloren, wenn es verspätet einträfe oder gar verloren ginge! -«

Einige Minuten später trabten zwei Reiter, gefolgt von einem Knechte, auf der Straße dahin, welche von Tangermünde über Osterburg nach Lenzen führt.

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Bei »Mutter Quail«.

Bristol, die Hauptstadt der im südwestlichen Theile von England liegenden Grafschaft Somersett, ist an die Ufer der beiden Flüsse Avon und Farne gebaut und seit den ältesten Zeiten berühmt wegen seiner Schifffahrt, zu welcher es fast niemals weniger als dreihundert eigne Fahrzeuge stellte. Zur Zeit, von welcher wir erzählen, lag in der Nähe des alten, nun längst abgebrochenen Rathhauses ein zwar nur einstöckiges aber desto längeres Gebäude, über dessen niedriger Thür in grellen Farben ein Haifisch abgebildet war, welcher im Begriffe stand, einen Matrosen zu verschlingen, und für Denjenigen, welcher sich über die Bedeutung dieses Meisterstückes der edlen Malerkunst nicht klar werden konnte, ragte ein Brett im rechten Winkel aus der Mauer hervor, an dessen beiden Seiten in hohen Buchstaben zu lesen stand: »Taverne zum heiligen Menschenfresser.«

Dieser Taverne, zu deutsch Schankstätte, wird in den Annalen der Stadt Bristol des Oefteren Erwähnung gethan, denn die Besitzer derselben waren von je her Leute, welche sich Gäste herbeizuziehen verstanden, und sowohl bei der Gefangenschaft des Königs Stephan als auch während der früher abgehaltenen Sclavenmärkte wurden in den Stuben des niedrigen Menschenfressers die Zusammenkünfte Derer abgehalten, welche entweder unbelauscht einen politischen Streich zu berathen oder irgend ein einträgliches Handelsgeschäft miteinander abzuschließen hatten. Niemals aber, weder früher noch später, war der Verkehr ein so bedeutender wie zur Zeit, da Mutter Quail hinter dem Schänktische ihr kräftiges Scepter schwang. Wie sie in das Haus gekommen und wie ihr eigentlicher Name lautete, das wußte keiner von ihren Gästen. So weit nur irgend Einer zurücksinnen konnte, hatte sie ihren Platz zwischen den Flaschen, Gläsern und Krügen inne gehabt und »Quail« war nicht ihr richtiger, sondern ein Spitzname, den sie sich gar wohl verdient hatte, denn das Wort lautet im Deutschen »Wachtel«, und die resolute Frau verstand sich auf das »Schlagen« so gut wie nur irgend einer von ihren wetterharten Gästen. Bei allen Streitigkeiten, welche vorkamen, und deren gab es bei der bekannten Derbheit und dem raschen Temperamente des Seevolkes fast alle Tage welche, pflegte sie Niemanden zu Rathe zu ziehen, sondern den Schiedsrichter in eigner Person zu machen, und wenn da »Mutter Wachtel« ihre hohe, corpulente Gestalt durch die Menge der Anwesenden drängte und zu »schlagen« begann, so hatten die Besucher des Haifisches Nichts zu thun, als einfach Platz zu machen und - der Störenfried lag, ehe er sich dessen versah, draußen vor der Thür und konnte sich den heiligen Menschenfresser in der bequemsten Stellung von der Welt betrachten. Und wehe ihm, wenn er es einmal wagte, das Haus wieder zu betreten. - Mutter Quail besaß ein ganz besonderes Gedächtniß für Diejenigen, welche die Kraft ihrer dicken Arme gefühlt hatten - er wurde ohne Gnade und Barmherzigkeit fortgewiesen.

Aber ebenso treu war ihr Gedächtniß für solche Gäste, welche sich mit Anerkennung ihrem weisen Regimente fügten; sie waren willkommen zu jeder Zeit und konnten sich keine aufmerksamere Pflege und Bedienung wünschen. Und gehörten sie gar zu den Wenigen, welche in Folge ihres ehrbaren Wandels und einer längeren Anhänglichkeit an den Menschenfresser die besondere Gewogenheit der Wirthin besaßen, so bekamen sie die Erlaubniß, die nach hinten liegenden kleinen Stübchen zu betreten, und das war nicht nur eine große und ehrenvolle Auszeichnung, sondern war auch mit gewissen Annehmlichkeiten verbunden, denn die sogenannten »Hinterleute« durften ohne Bedenken den Credit des Hauses in Anspruch nehmen und wurden von der Besitzerin desselben mit einer Rücksicht und Zärtlichkeit behandelt, wie sie sonst nur eine Mutter für ihre Kinder an den Tag zu legen pflegt.

Wie gewöhnlich, so war auch heut Abend der ansehnlich in die Länge und Breite gehende Raum so vollständig von Gästen besetzt, daß die noch Ankommenden stehend ihren Krug nahmen und auf einen leer werdenden Platz warten mußten. Mutter Quail hatte mit vollen Händen zu thun und arbeitete für drei Personen; trotzdem aber entging ihrem Auge nicht das Geringste und keiner der Anwesenden durfte über eine Säumniß klagen. Da vorn, nicht weit vom Eingange, hatte sich ein Wortwechsel erhoben, der immer lauter wurde und in Thätlichkeiten auszubrechen drohte. Schon brachen die Gäste ihre Gespräche ab, um dem Streite ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, und nur Mutter Quail schien nichts von ihm zu bemerken.

»Die Alte hat heut' weder Augen noch Ohren, sonst hätten wir längst schon Ruhe!« bemerkte Einer.

»Laß es gut sein, Jan; sie kennt schon ihre Zeit. Ich wette unser Schiff gegen ein altes Theerfaß, daß sie bei dem ersten Schlage richtig zur Stelle ist. Schau, da hast Du es!«

Die Zankenden hatten sich erhoben und standen im Begriffe, einander zu fassen, da stellte Mutter Quail das Glas, welches sie eben in der Hand hielt, auf den Tisch und war im nächsten Augenblicke nach dem Orte unterwegs, an welchem die Rauferei beginnen sollte. Noch aber hatte sie denselben nicht erreicht, als sich die Thür öffnete und ein Mann eintrat, bei dessen Anblicke sie sofort stehen blieb, während ihr Gesicht von freudiger Ueberraschung erglänzte.

»Willkommen Piet, alter Swalker,« rief sie mit voller Stimme durch das entstehende Getümmel. »Nimm doch einmal den kleinen Jungen dort, den mit dem großen Maule, und trage ihn hinaus. Aber nimm Dich in Acht und greife etwas leise zu, sonst könntest Du ihn zerbrechen!«

»Schön, Mama Haifisch,« nickte er mit freundlichem Grinsen seines breiten, ehrlichen Gesichtes. »Werde die Sache in Ordnung pringen!«

Die im Wege Stehenden rechts und links auseinander schiebend, stand er nach wenigen Schritten vor dem Bezeichneten, faßte ihn an den Hüften, hob ihn leicht wie einen Federball über die Köpfe der Anderen empor und


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war im nächsten Augenblicke mit ihm durch die Thür verschwunden.

Alle waren erstaunt, nicht nur über die Riesenkraft dieses, den Meisten von ihnen unbekannten Mannes, sondern mehr darüber, daß ihm Mutter Quail den Auftrag gegeben hatte, an ihrer Stelle zu handeln. Das war, so weit man sich entsinnen konnte, noch niemals vorgekommen, und es ließ sich annehmen, daß er das ganz besondere Wohlwollen der Wirthin besitzen müsse, zumal diese schon im Voraus die Thür eines der Hinterzimmer öffnete und den jetzt wieder Eintretenden mit außergewöhnlicher Freundlichkeit zu sich winkte.

»Willkommen in Bristol, Piet!« begrüßte sie ihn. »Bist endlich wieder einmal zu Lande?«

»Freilich, Du alte, liepe Porterkanne Du! Komme von Messina, wo ich Wein und Früchte geladen hape. Werde aper in einigen Stunden schon wieder in See stechen, hörst Du, und nach Deutschland gehen.«

»Nach Deutschland, Alter? Was hast Du denn dort zu suchen?«

»Ein Weniges oder viel; weiß es noch nicht! Hape nur den Pefehl pekommen, meinen Rheder, den Grafen von Warwick, nach Hampurg zu pringen und werde das Ueprige erst noch erfahren. Kann mir aper ungefähr denken, was er da drüpen zu suchen hat.«

»Nun, was denn?«

»Sie sind mit dem Vater Papst nicht zufrieden; ich glaupe gar, sie hapen drei Vater Päpste anstatt nur einen, und da kommen sie aus aller Herren Länder zusammen, um einmal das Fahrzeug der heiligen christlichen Kirche auf den richtigen Cours zu pringen, denn pisher hat es immer nur gegen den Wind gelenßt und geschlingert und gestampft, daß es zum Gotterparmen gewesen ist.«

»Und was geht das Deinem Grafen an?«

»Meinem Grafen? Du willst sagen dem Viscount Richardt Beauchamp, Herrn von Warwick, dem reichsten Mann in den drei Königreichen und tapfersten Ritter der Christenheit? Den wird der König peauftragt hapen, als sein Stellvertreter nach Costnitz zu gehen, wo die Herren alle zusammen kommen. Er ist mit seinem Gefolge hier im Somersetthouse apgestiegen und will am frühen Morgen mit der Eppe in See stechen. Jetzt sind wir darüper, Gepäck und Fracht in die Poote zu laden, um sie nach meiner »Schwalpe« zu pringen, welche draußen im Warwicker Kanale liegt, und Du glaupst gar nicht, was das für eine Pracht und Herrlichkeit mit den vielen und kostbaren Sachen ist; es schaut grad' so aus, als op der Kaiser von Indien oder der König von Golconda in See gehen wollte!«

»Und fürchtest Du Dich nicht vor den vielen Gefahren, welche Euch jetzt auf der See erwarten?«

»Gefahren? welche meinst Du wohl?«

»Nun, es ist doch noch Winterszeit, wo eigentlich die Schifffahrt in Ruhe liegt. Da giebt es böse Stürme; Du findest die Häfen erfroren, und wenn das Alles überwunden ist, so hausen da drüben in den deutschen Gewässern die Victualienbrüder, welche die Fahrzeuge überfallen und ausplündern und die Mannschaften tödten.«

»Stürme und Eis, die scheue ich nicht! Hape schon oft mit ihnen zu thun gehapt, daß wir vertraut mit einander geworden sind, und die Victualienprüder, die sollen sich vor mir und meinen praven Jungens nur immer in Acht nehmen! Es giept auf keinem Meere ein solches Schiff, wie meine »Schwalpe«. Du hast sie noch nicht gesehen, denn ich hape sie erst vorigen Herpst neu wie eine Jungfer vom Clyde geholt. Sie ist nach einer Art gepaut, die der Graf sich selper ausgesonnen hat, lang und schmal, mit niedrigen Masten und kleinerem Vor- und Hintercastell. Sie geht vor dem Winde wie eine Möve und tanzt auf der Seite wie eine Praut unter Segel. Ihr Kiel und Stewen ist scharf, so daß ihr kein Eis etwas anhapen kann; das Manövriren versteht der Piet Liepenow wie kein Anderer, so daß er sich vor den Stürmen nicht zu fürchten praucht, und was die Kaper petrifft, so weiß er sein Enterpeil zu handhapen so gut wie nur Einer, seine Mannen sind auserlesene, gutbewährte Seehunde, und außerdem hape ich sechs metallne Donnerpüchsen an Pord, die gelegentlich auch das ihrige thun werden. Also prauchst Du wohl keine Sorge zu tragen, Du alte, gute Menschenfresserei Du!«

Bei diesen Worten legte er seinen Arm um ihre umfangreiche Taille und zog sie mit einer Vertraulichkeit an sich, wie sie nur von ihm gewagt werden durfte. Sie erwiderte dieselbe mit einem zärtlichen Klapps, der jeden Anderen zu Boden geschlagen haben würde und meinte:

»Ja, das weiß ich, daß Du ein Manneskind bist, welches nicht nothwendig hat, sich vor irgend Etwas oder irgend jemandem zu fürchten. Das habe ich Dir gleich angesehen, weißt Du, als Du mit dem Grafen aus Deutschland kamst und den Haifisch zum ersten Male besuchtest. Und reputirlich bist Du auch, wie nur Einer, und geschickt und klug, sonst hättest Du es nicht vom Matrosen bis zum Kapitän gebracht. Seit mein Alter todt ist, hat es Keinen gegeben, der mir so an das Herz gewachsen ist wie Du, und wenn ich noch eine junge, schmucke Dirne oder Wittib wäre und Du nicht immer auf dem Wasser sein müßtest, so wüßte ich gar wohl, was geschehen könnte. So aber - - doch,« unterbrach sie sich, »da sitze ich und plaudere dummes und unnützes Zeug und lasse Dich hungern und dursten! So ist es, wenn man alt und faselig wird. Na, ich kenne Deinen Geschmack und werde nachholen, was ich versäumt habe!«

»Hast Recht, alte Kampüse! Geht mir auch so, wenn ich in den Pauch des Haifisches gerathe und an die alten Zeiten denke. Pring dem Piet Lipenow Etwas, was Palken und Planken zusammenhält!«

Die Wirthin eilte zur Thür und begegnete unter derselben einem Manne, welcher im Begriffe stand, einzutreten. -

»Halt!« rief sie ihm entgegen; »hier ist nicht Jedermanns Stube. Sucht Euch Platz da draußen bei den Andern!«

»Heiliges Pulver!« klang die mit schnarrender Baßstimme gesprochene Antwort. »Sagtest Du das zu mir, oder verstehe ich Dich miß?«

»Freilich sagte ich das zu Euch!« entgegnete sie und überflog dabei in kampfgerüsteter Haltung und mit einem herausfordernden Blicke seine angsterregend hagere Gestalt, auf welcher ein Kopf ruhte, dessen eine vordere Hälfte von der Nase bis zum Ohre und von der Stirn bis herab zum Halse vollständig schwarzgebrannt erschien. »Ich habe Euch noch nie hier gesehen, und für Fremde giebt es in diesem Zimmer keinen Einlaß.«

»Blitz und Kanone! Bin doch, seit mir die Ladung


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in's Gesicht gegangen ist, noch keinem solchen Drachen begegnet, und auch vorher nicht. Gieb Raum, alte Galione, sonst bohre ich Dich in den Grund!«

»Galione, sagt Er, und Du nennt Er mich, mich, die Mutter Quail, die in Respect steht bei Jedem, der seinen Fuß nur einmal in den Haifisch gesetzt hat? Mache Er, daß Er hinaus kommt, sonst breche ich Ihn mitten auseinander und schlitze mir aus den beiden Hälften Schwefelhölzer!«

»Potz Kugel und Blei! Die Mutter Quail seid Ihr? Ja, das giebt der Sache eine andere Wendung; ich will also Eure Reden ungeschehen sein lassen und winde für dies Mal meinen Zorn noch über. Aber merkt es Euch für später, daß ich nicht gewohnt bin, mit mir spaßen zu lassen!«

Wie zwei Eisenklammern legte er seine Hände um ihre Arme, hob die schwere Frau wie ein Kind zur Seite und trat zu dem Tische, an welchem der Kapitän saß. Die Wirthin machte sofort Miene, den Kampf mit ihm zu erneuern, aber Piet Liebenow, welcher dem kurzen Wortwechsel bis hierher mit sichtbarem Vergnügen zugehört hatte, beruhigte sie jetzt mit den Worten:

»Laß es gut sein, Mutter Menschenfresser; der Junge soll nicht da draußen sitzen! Er heißt Sam Haperland und ist mein Constapel, der mir Nachricht pringt von den Leuten, die an den Pooten arpeiten.«

»Da mag es sein!« antwortete sie, ihre Arme reibend. »Aber einen schlechten Constabel hast Du Dir nicht ausgesucht. Der Mann greift ja zu wie ein Bär. Hast Du lauter solche Riesen an Bord?«

»Denke es,« nickte er lächelnd, und auch Will Haberland verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, welche auf der einen Hälfte des von Wind, Wetter und Pulver mitgenommenen Gesichtes seine Befriedigung ausdrückte, auf der verbrannten Seite aber wahrhaft fürchterlich aussah. »Aper nun mache endlich, daß wir Etwas unter die Zähne pekommen!«

Während sie sich entfernte, um dem Auftrage nachzukommen, meldete der Constabel, daß die Boote mit dem letzten Theile der Ladung nach dem Schiffe abgegangen seien und bald wieder zurückkehren würden, um die Passagiere aufzunehmen.

»Das hat Zeit!« bemerkte der Kapitän. »Jetzt hapen wir fast noch Hochfluth, und die Anker können erst mit Eintritt der Eppe gelichtet werden. Laßt uns also ein Weniges plaudern, ehe wir den Grafen penachrichtigen, Sam! Ihr hapt mir gesagt, daß Ihr aus Deutschland gepürtig seiet. Wo ist denn Eure Heimath da gelegen?«

»Meine Heimath liegt nicht weit von Lenzen an der Elbe und heißt Stavenow.«

»Stapenow? Welches dem Herrn Claus von Quitzow gehört?«

»Heiliges Pulver! Kennt Ihr das alte Nest, Kapitän?«

»Ein Weniges, denn ich pin eigentlich auch ein Quitzow'scher.«

»Ihr ein Quitzow'scher?« rief der Constabel, und auf seinem halbirren Gesichte drückte sich, links freudig, rechts schauderhaft, das lebhafteste Erstaunen aus. »Mir steht der Mund offen, wie die Vorderluke eines niederländischen Torschiffes. Wo seid Ihr denn da zur Welt gekommen?«

»Zu Plaue an der Havel. Ich pin dem Wasser nachgegangen pis zur Elpe und nach Hampurg und von da aus auf die See gekommen.«

»Ganz so wie ich. Auch ich habe in Hamburg die See zu riechen bekommen, und diesem Geruche, das wißt Ihr, steht Niemand wider. Von da an bin ich mit allen Nationen gefahren. Bei der Belagerung von Rouen lernte ich mit den Bombarden umgehen, und wie ich mich seitdem in der edlen Kunst des Schießens geübt, das habt ihr ja erfahren, ganz besonders aber, als wir auf der Fahrt von dem Tuneser angegriffen wurden.«

»Ja, den hapen wir schon mit dem dritten Schuß in den Grund gepohrt. Sam Haperland, Ihr seid ein ganzer Junge, und ich glaupe, wenn uns pei der nächsten Reise etwa die Victualienprüder zu nahe kommen, so machen wir es epenso!«

»Das versteht sich. Heilige Lunte, will ich die Kerls anblitzen! Habt Ihr Euch schon von dem Rolf Vendasciold erzählen lassen, der mit einer riesigen Galione, Wiking geheißen, auf welcher sich mehr als ein Dutzend große Donnerbüchsen befinden, das deutsche Meer unsicher macht? Man sagt, er sei ein Fürst, der aus seinem Lande vertrieben worden ist und auf die See hat flüchten müssen, um sein Leben zu retten. Nun hat er geschworen, jedes Schiff zu verderben, welches ihm begegnet. Er soll ein wahrer Teufel sein und keine Gnade geben.«

»Fürchtet Ihr Euch etwa vor ihm, Constapel?«

»Fürchten?« frug der gute Haberland und sah dabei seinen Kapitän mit einer Miene an, welche fast bestürzt zu nennen war; »fürchten? Ich? Blitz und Kugel! Habt Ihr denn schon jemals gesehen, daß ich einen Begriff davon habe, wie man es macht, um sich zu fürchten? Wenn wir mit der »Schwalbe« auf den »Wiking« stoßen, so lade ich meinen »langen Tom« und schieße der Galione eine Kugel auf den Pelz, daß sie für ewige Zeiten genug hat. Der Sam Haberland weiß zu zielen, und wenn der Rolf das etwa nicht glaubt, so zeugen wir ihn sicher davon über, sobald er es wagt, auf uns zu halten!«

»Recht so, alter Seelöpe. Wir werden uns vielleicht lange in seinem Gebiete herumtreipen müssen, pis der Graf von Costnitz zurückkehrt, und da kann die Gelegenheit für ihn pald kommen, mit uns anzupinden.«

»So wißt Ihr noch nicht genau, ob wir in Hamburg liegen bleiben oder Fracht von dort nach einem anderen Orte nehmen?«

»Nein, das werde ich erst vom Grafen erfahren. Aper die »Schwalpe« ist sein Liepling, und die wird er wohl nicht für Andere zum Geprauche feil pieten. Es ist darum möglich, daß wir in Hampurg liegen pleipen, um ihn dort zu erwarten.«

»Dann nehme ich Urlaub, und gehe in die Heimath, um zu sehen, was aus meinem Stavenow geworden ist.«

»Hapt Ihr noch Verwandte dort?«

»Nur einen Bruder, welcher Balthasar heißt und bei dem Ritter Claus in Diensten steht. Er ist mein Zwillingsbruder und war mir so ähnlich, wie eine Woge der andern. Potz Sturm und Wetter, wird das eine Freude sein, wenn er noch lebt und wir uns Wiedersehen! Ich bin nicht in der Heimath gewesen, seit ich ihr damals den Rücken gekehrt habe. Und wie steht es mit Euren Verwandten?«


Ende des dritten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk