Heft 13

Feierstunden am häuslichen Heerde

25. November 1876

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


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»Alles todt! Nur ein Pruder lepte noch, als ich zum letzten Male da war, Kaspar geheißen und gehörte zu den Mannen des Ritters Dietrich von Quitzow.«

»Ihr wart also einmal dort?«

»Ja. Das ist schon viele Jahre her, und damals traf ich bei einem Kampfe mit unserm Grafen zusammen, der mich dann mit nach England nahm.«

»Heilige Kanone, das klingt ja ganz nach einem Abenteuer!«

»Das ist es auch, Constapel, und wenn Ihr's hören wollt, so will ich es Euch erzählen.«

»Ob ich es hören will? Einer Wasserratte geht nichts über eine gute Geschichte; Zeit haben wir noch ein Wenig, und so könnt Ihr Eure Erzählung recht hübsch von der Leine wickeln.«

»Nun gut! Hapt Ihr vielleicht einmal von dem »schwarzen Dietrich« gehört?«

»Nein. Was war denn das für ein Menschenkind? Der Name schon klingt gruselich.«

»Das war ein Räuper, welcher an der Spree, in der Gegend von Perlin sein Wesen triep und von aller Welt gefürchtet wurde. Er war so stark, daß zehn Männer Nichts üper ihn vermochten, und seine Pande pestand aus lauter Leuten, welche selpst vor dem Teufel keine Angst empfanden und ihn sammt seiner Großmutter aus der Hölle geholt hätten, wenn es ihnen von dem Dietrich pefohlen worden wäre.«

»Das war ja ein schauderhafter Kerrel! Kommt der mit in der Geschichte vor?«

»Natürlich, sonst würde ich ihn ja nicht gleich am Anfange derselpen pringen!«

»Alle Bombardenläufe, da wird die Sache gut ver zu nehmen!«

»Das will ich meinen, Constapel! Also ich war pei meinem Pesuche, von dem ich schon gesprochen hape, in Perlin gewesen und wanderte durch die Sümpfe der Spree, nach Prandenpurg und Plaue zu, um wieder zu meinem Pruder zu kommen. So schritt ich durch den dichten Wald meines Weges fürpaß und hatte meine Gedanken auf der See und pei meinem guten Schiffe, als ich plötzlich einen Schrei vernahm, der aus einer weiblichen Kehle zu kommen schien.«

»Was hatte denn eine Frauensperson dort in der Wildniß zu thun?«

»Darnach hape ich nicht gefragt; ich hatte keine Zeit dazu. Ich dachte sogleich an den schwarzen Dietrich und seine Gesellen, zog den Säpel aus der Scheide und eilte nach der Gegend zu, aus welcher der Hilferuf gekommen war. Der Ort lag nicht in der Nähe, wie ich aus dem gedämpften Klange der Stimme gehört hatte, und sowohl der Sumpf als auch das fast undurchdringliche Dickicht der Püsche, Sträucher und Päume hielten meine Schritte üper die Maßen auf, so daß ich nur langsam vorwärts kam.«

»Heilige Kanone, macht schnell, Kapitän, sonst bringt der schwarze Kerrel das Frauenzimmer um!«

»Ihr hapt gut Reden! Ich that mein Möglichstes und kam endlich auch an die Stelle, wo der Ueperfall vor sich gegangen war. An einem Paume lehnte eine junge Frau, wie ich so schön noch keine gesehen hape, und hielt mit ihren Armen zwei Kinder umschlungen, welche sich laut weinend an sie schmiegten. Ich glaupe, es war ein Mädchen und ein Knape. Vor ihnen stand hoch aufgerichtet ein Ritter, welcher sie mit plitzendem Schwerte vertheidigte. Seine Hiepe fielen hageldicht auf die eisernen Haupen der Männer, die sich an ihn drängten; am Poden lagen einige


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Knechte, welche von ihnen schon niedergeschlagen worden waren, und in der Nähe hielt zu Pferde ein Mann, welcher wohl geeignet war, Furcht und Grauen einzuflößen.«

»Blitz und Donner! jetzt kommt wohl der schwarze Dietrich?«

»Er wird es wohl gewesen sein. Sein sechs Fuß hoher, von herkulischer Kraft zeugender Körper war ganz in rapenschwarzes Püffelleder gekleidet. Die Peine staken pis hoch üper die Kniee hinauf in Stiefeln aus ungegerptem Leder, welche üperreich mit Thran eingeschmiert waren. Ein preiter Riemen hielt das Wamms um den Leip fest, und den Kopf pedeckte eine eiserne, mit Leder gefütterte Kappe. An der rechten Seite stak in einer vom Gurte heraphängenden Scheide ein langes Fleischermesser, dessen hölzerner Griff durch Schnitzwerk verziert war, und an der Linken pefand sich ein Schärfstahl, genau von der Art, wie ihn die Fleischer zu tragen pflegen. In der Hand trug der Riese einen mächtigen, mit starkem Eisen peschlagenen und mit Plei ausgegossenen Kampfstock, den er vor Ungeduld plitzschnell zwischen den Fingern im Kreise herumlaufen ließ, als wenn er mit einer leichten Weidengerte spiele. Und was den Schrecken erhöhen mußte, welchen die Figur, die Kleidung und Ausrüstung des Mannes einflößte, das war der Umstand, daß sein Gesicht durch eine schwarze Maske verhüllt wurde.«

»Hattet Ihr Angst, Kapitän?«

»Angst?« antwortete der Gefragte erstaunt. »Sollen Euch etwa meine Fäuste peweisen, daß ich das Ding gar nicht kenne, welches Ihr Angst nennt?«

»Ist nicht nothwendig, Kapitän; aber ich wollte Euch nur von vorhin her zeigen, wie es thut, wenn man auf eine solche Weise gefragt wird. Und dazu beschreibt Ihr den Riesen ja so fürchterlich, daß ein Anderer, als ich, gar wohl glauben könnte, Ihr hättet Euch gefürchtet.«

»Ich peschreipe ihn, wie er war; daß ich keine Furcht hatte, hape ich aber dadurch gezeigt, daß ich mich sofort auf die Angreifenden warf, und Ihr wißt, Sam Haperland, wo ich hinschlage, da ist niemals ein Pflaster nothwendig und zwar deshalp, weil es nichts mehr helfen kann. Aper es waren ihrer doch ein Wenig zu viele, und dazu drängte sich, als ich losschlug, augenplicklich der Schwarze herpei, so daß ich mich gegen ihn wenden mußte, und machte mir mit seinem Stocke soviel zu schaffen, daß es mir fast heiß wurde. Wißt Ihr, Constapel, so ein Kampf, Schwert gegen Schwert, Messer gegen Messer oder Faust gegen Faust ist doch etwas Ehrliches, und da will ich den Mann sehen, vor dem der Piet Liepenow auch nur einen einzigen Finger preit zurückweicht, aper mit einem Stecken pearpeitet zu werden, das ist hundsföttisch, weil man mit dem Säpel nicht dagegen aufkommen kann. Ich konnte die Streiche nicht genugsam pariren und pekam daher so verteufelte Hiebe, daß ich noch Monate nachher grau und plau gesehen hape. Es war um vor Aerger verrückt zu werden!«

»Heilige Bombarde, wenn doch nur ich hätte machen können mit. Ich hätte den Schwarzen sammt seinen armseligen Stecken zu Brei gedrückt. Habt Ihr denn dem Kerrel gar Nichts anhaben können?«

»Nein, trotzdem auch noch andere Hilfe kam. Nämlich mitten in der größten Noth kam ein Reiter durch die Püsche geflogen und fuhr wie ein Wetter unter das Volk hinein. Er saß auf einem Falpen, und das war ein Pferd, Constapel, wie ich noch kein zweites gesehen hape; es war im Galopp durch den Morast gegangen, denn der Schmutz lag ihm pis auf den Rücken hinauf und der Mann war von Koth und Schlamm vollständig pedeckt. Er trug in der Hand eine Lanze, so stark wie ein Weperpaum, wie es in der Pipel von dem Riesen Goliath erzählt wird; damit stieß er gleich peim ersten Anlauf zwei von den Unholden üper den Haufen; dann griff er zum Schwerte, und nun solltet Ihr sehen, wie er unter ihnen aufräumte. Und dapei donnerte er mit einer Stimme, die weithin durch den Wald schallte: »Heißt das fechten, Mann gegen Mann, wie sich's gepührt nach löplichem Schick und Prauch, Ihr heilloses Gesindel Ihr!« Mehr hörte ich nicht, denn als der Schwarze ihn erplickte, so spornte er sein Pferd auf ihn, und versetzte mir vorher noch einen Hiep üper den Kopf, der mich augenplicklich zu Poden streckte.«

»Blitz und Hagel! Und Ihr habt Euch auch so ruhig hingelegt und gemüthlich die Beine ausgestreckt?«

»Op ich die Peine ausgestreckt oder op ich sie an den Leip gezogen hape, darauf kann ich mich nicht mehr so recht pesinnen; ich weiß üperhaupt nicht mehr, was damals noch Weiteres vorgegangen ist. Der unglückliche Stecken hatte mich vollständig um die Pesinnung gepracht, und als ich sie wiederpekam, lag ich mit Stricken gepunden auf der Erde und nepen mir der Ritter, welcher sich vorher so tapfer gewehrt hatte. Es war Nacht; nicht weit von uns prannte ein Feuer, an welchem der Schwarze stand und um ihn eine ganze Schaar von Mannen, dreifach so viel als diejenigen, mit denen wir vorher zu thun gehapt hatten. Er trug den einen Arm in einer Pinde und schaute so grimmig nach dem Orte, an welchem wir im Dunkeln lagen, als op er uns verschlingen wolle.«

»Da ist es der auf dem Falben gewesen, der ihm gebracht hat bei die Wunde?«

»Denke es, Constapel.«

»Gefangen war er nicht, wie Ihr?«

»Nein.«

»Und die Frau mit den Kindern?«

»War auch nicht zu sehen. Die Männer pefanden sich jedenfalls in einer Perathung darüper, was mit uns zu peginnen sei, wie ich aus ihren Pewegungen pemerkte und aus den Plicken, die sie auf uns warfen. Gutes hatten sie nicht vor, das zeigten ihre Mienen, und deshalp untersuchte ich die Pande, mit denen ich gefesselt war. Sie waren aus Hanf und eng und fest um Hände und Füße geschlungen, so daß an ein Zerreißen nicht zu denken war. Aper man war so unvorsichtig gewesen, mir mein Messer zu lassen, welches am Gürtel hing. Ich zog es mit der einen Hand heraus, nahm den Griff zwischen die Zähne, und pald war der Strick entzwei und ich an den Händen frei. Es war gut, daß wir im Dunkel lagen, denn sonst hätte man meine Pewegungen gemerkt. Mit einem raschen und vorsichtigen Schnitte löste ich auch den Strick, welcher mir die Knöchel zusammen hielt und wandte nun meine Aufmerksamkeit dem Ritter an meiner Seite zu.«

»Heilige Kanone, Kapitän. Macht, daß Ihr fortkommt von den Kerrels, sonst schlagen sie Euch todt, und ich pekomme Euch im ganzen Leben nicht wieder zu sehen!«

»Hapt keine Sorge um mich, Sam Haperland! Der


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Piet Liepenow weiß sich seiner Haut zu wehren, und ich könnte doch nicht im »heiligen Menschenfresser« sitzen, wenn sie mir an das Lepen gegangen wären!«

»Da habt Ihr Recht! Wie wurde es denn weiter?«

»Der Ritter war unverletzt, wie es mir schien, und pei voller Pesinnung; er hatte mich peopachtet und fragte jetzt mit leiser Stimme:

»Ist Dir's gelungen?«

»Ja,« antwortete ich ebenso leise.

»So rücke ein wenig näher und versuche, auch meine Stricke zu zerschneiden.«

Ich that, wie er mir geheißen hatte. Als er sich frei fühlte, reckte er die starken und geschmeidigen Glieder und meinte:

»Sage mir Deinen Namen!«

»Ich heiße Peter Liepenow«

»Gut! Ich bin der Graf Richard von Warwick und werde Dich zu belohnen wissen. Kannst Du Deine Füße noch gebrauchen?«

»Ja, denke ich.«

»So folge mir in den Wald und sieh darauf, daß wir beisammen bleiben!«

»Kaum hatte er diese Worte gesagt, so sprang er empor und pefand sich mit einigen weiten Sprüngen hinter den Püschen. Ich war hart hinter ihm her, und wir hatten schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt, ehe das Geschrei der Verfolgenden ertönte. Hatten sie uns nicht forteilen sehen, oder waren sie vor Ueperraschung sprachlos gewesen, ich weiß es nicht, aper jetzt riefen und prüllten sie um so mehr, und das war gut für uns, denn wir konnten dadurch hören, in welcher Richtung sie uns verfolgten und wie weit sie noch von uns entfernt waren.«

»Heilige Kanone! Lauft Kapitän, daß Ihr vorwärts kommt, sonst nehmen sie Euch beim Schopfe, und dann lassen sie Euch das Messer nicht wieder!«

»Keine Angst, Sam Haperland; sie hapen uns nicht pekommen. Wir segelten pei gutem Winde und mit einer Geschwindigkeit von wenigstens fünfzehn Knoten für die Stunde durch die Sträucher, pis endlich unsern Lungen der Proviant ausging. Da pliepen wir stehen, um zu horchen. Sie hatten einen verkehrten Cours eingeschlagen und nichts war von mehr ihnen zu hören. Da meinte der Graf:

»Kennst Du diese Gegend?«

»Ein Wenig.«

»Getraust Du Dir, den Ort wieder zu finden, an welchem ich überfallen worden bin?«

»Jetzt nicht, aper am Tage vielleicht eher.«

Er stand einige Minuten und üperlegte. Es mußten gar pöse Gedanken durch seinen Kopf gehen, denn sein Athem ging laut und hastig und ich hörte ihn mit den Zähnen knirschen. Jedenfalls dachte er an sein Weib und die Kinder, von denen er getrennt worden war.

»Es hilft Nichts, wenn ich auch ungeduldig werde,« sagte er endlich halplaut zu sich selbst. »Ich muß warten, um sie desto sicherer zu finden. Piet, in diesem Dickicht sind wir sicher. Wir wollen hier ausruhen und auf den Morgen harren!«

So geschah es. Wir suchten uns eine passende Stelle und streckten uns auf den Poden. Der Graf pliep ruhig und sprach kein Wort, und nur an den Lauten, die seine Ungeduld und Sorge ihm zuweilen entriß, erkannte ich, daß es in seinem Innern nicht so ruhig sei wie in der tiefen Finsterniß, welche um uns herrschte. Ich erlaupte mir nicht, irgend ein Gespräch zu peginnen, war auch von den gehapten Anstrengungen zu müd, um lange munter zu pleipen, und so kam es, daß ich sehr pald eingeschlafen war.«

»Heiliger Schiffbruch, Capitän; wenn Euch so einige zwanzig oder dreißig Räuber oder Raufbolde suchen, um Euch das Lebenslicht auszublasen, da könnt Ihr in Eurer Strauchkoje ruhig schlafen? Ja, wenn man einige feste Planken unter den Füßen hat, gutes Segelwerk über sich, kräftige Ruderer auf den Bänken und eine steife Prise über den Stern oder vom Seitenbord, dann kann man dergleichen Gelichter ein Schnippchen schlagen, aber auf der alten, steifen Erde, die keinem Steuer gehorcht und jede beliebige Art von Menschensorten über sich laufen und kriechen läßt herum, da kann man kein rechtschaffnes Wasser zwischen sich und solche Leute kommen lassen. Macht, daß Ihr bald ausgeschlafen habt, Capitän, sonst finden sie Euch am Ende noch, und dann fahrt Ihr mit sammt Eurem Grafen auf den Sand!«

»Sorgt Euch nicht um mich, Sam Haperland; ich hape ausgeschlafen, und wer den Piet Liepenow, der eigentlich Peter heißt, fangen will, der muß früh am Tage die Anker lichten. Der grauende Tag hatte kaum seinen ersten Schein durch die Kronen der Päume geschickt, so weckte mich der Graf und wir prachen auf, um den Ort zu suchen, von dem ich Euch vorhin gesagt hape. Dieses Peginnen war nicht ganz leicht und ungefährlich, denn ich kannte die Gegend doch nicht so gut, wie es eigentlich nothwendig gewesen wäre, um geraden Lauf zu steuern, und die Strauchdiebe konnten sich ja in der Nähe versteckt halten, damit wir ihnen in die Hände segeln sollten. Aper nach einigen Stunden hatten wir doch den Platz ungefährdet erreicht, auf welchem die Spuren des Kampfes noch deutlich zu erkennen waren. Das Moos und Gesträuch war rings herum vollständig niedergetreten, und das vergossene Plut haftete noch sichtpar auf dem zerstampften und zertretenen Erdpoden, aper von den Personen, die dapei gewesen waren, konnten wir trotz allen Suchens und Lauschens keinen Athemzug vernehmen.«

»Alle Wetter, Kapitän, wo sind denn da die Kinder mit ihrer Mutter geblieben? Oder sind sie von den Kerrels genommen worden mit?«

»Wahrscheinlich ist dies der Fall gewesen, Constapel, denn wir hapen Nichts wieder von ihnen zu sehen pekommen, trotzdem wir Alles thaten, was zwei prave Mannskinder in diesem Falle thun können. Erst suchten wir die Gegend ap wie ein Paar Fanghunde, die jeden Grashalm peschnuppern, dann folgten wir den Spuren, welche die Füße der Strolche zurückgelassen hatten, und kamen so auch wieder an die Stelle, auf welcher wir in Fesseln gelegen hatten. Dort lagen die zerschnittenen Stricke noch, der Schwarze aper war mit den Seinen fort. Wir folgten ihnen, denn ihre Fußtapfen waren deutlich zu erkennen, und kamen auf diese Weise pis in die Nähe der Spree, an welcher sich ein schmaler Pfad hinzog. Er führte in schnurgerader Richtung auf einen hohen Sumpf, aus dessen Mitte sich ein ziemlich umfangreicher Hügel erhob, der von allerlei Puschwerk und Päumen pedeckt war. Am Rande des Sumpfes hörten die Spuren auf. - Die Räuper waren bei der Dunkelheit der Nacht ohne


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Ahnung in den Sumpf gerathen und elendiglich darin umgekommen, denn hindurch zu gehen, das war für keinen menschlichen Fuß möglich, wie wir uns durch mehrere Versuche üperzeugten.«

»Heilige Bombarde, Capitän, da hat der Schwarze seinen Lohn gefunden, und ich könnte vor Freude darüber einen Schluck nehmen, der einen ganzen Keller leer machte, aber Eure Mutter Quail - ah, da kommt sie endlich! Gebt die Kanne her, Mutter Riesenhai, und laßt mich einen Zug thun! Aber macht ein besseres Gesicht, denn ich habe es vorhin nicht so bös gemeint!«

Er versuchte die Wirthin freundlich in die Wangen zu kneipen, erhielt aber als Beweis ihrer kälteren Gefühle eine Ohrfeige auf die verbrannte Hälfte seines Gesichtes, daß er sich mit beiden Händen an die getroffene Stelle fuhr.

»Blitz und Donner, Mutter Quail, meine Nase ist keine Freundin vom Wachtelschlag. Wischt Eure Hände ab, woran Ihr wollt, aber nur nicht an meinen Backen!«

Sie erwiderte Nichts, sondern stellte Speise und Trank wortlos auf den Tisch und ergriff dann die mittlerweile geleerten Kannen, um sie von Neuem zu füllen. Sie schien die Art und Weise, wie Sam sich vorhin eingeführt hatte, noch nicht überwunden zu haben und auch für seine zärtlichen Bemühungen um ihre Verzeihung und Gewogenheit keinen dankbaren Sinn zu besitzen.

»Laßt mir meine alte gute Freundin in Ruhe, Constapel,« warnte ihn Piet Liebenow; »sie hat ihre Eigenheiten und segelt nicht unter der Flagge eines Jeden!«

»Drum ist sie auch vor Anker geblieben liegen und wird am Hafen hängen bis an ihr seliges Ende. Ein Weibsbild muß freundlich sein, zumal mit einem schmucken Seehund, so wie ich einer bin; dann giebt es eine flotte Fahrt grad auf das Land der heiligen Ehe zu. Blitz und Donner, daß mich doch kein solches Geschöpf mehr leiden mag, seit mir die verteufelte Ladung in das Gesicht gefahren ist! Aber hißt die Segel wieder auf mit Eurer Geschichte, Capitän, damit wir endlich die drei Verlorenen wiederbekommen!«

»Jetzt giept es ein Weniges zu peißen, und Piet Liepenow hat niemals geliept, zwei Arpeiten zugleich vorzunehmen, weil da aus keiner etwas Richtiges wird. Also wartet, pis ich mit dem Essen fertig pin, Sam Haperland!«

»Wenn Ihr wollt, so kann ich nicht anders, obgleich uns die drei armen Personen bis dahin vollends verloren gehen können.«

»Verloren sind sie auf jeden Fall, denn es ist uns trotz aller Mühe nicht gelungen, sie aufzufinden, und Ihr könnt Euch denken, Constapel, wie es da dem Grafen zu Muthe gewesen sein mag. Das war kein Grimm, der sich in Worten und Schlägen Luft macht, sondern das war ein Herzeleid, welches keine Rede findet, aper in einer einzigen kurzen Stunde zehn Jahre vom Lepen kostet. Doch nun laßt mich in Ruhe; das Essen wartet, und, wie gesagt, Piet Liepenow hat niemals gern mit zweierlei Arpeit zu schaffen!«

»Ich mag Euch da nicht Unrecht geben, denn was man allein macht, das kann man ganz und richtig thun; und wenn nun gar Zwei an einer Sache arbeiten, so geräth sie noch besser und kostet nur die Hälfte Zeit. Daher glaube ich, Capitän, daß Ihr sie gefunden hättet, wenn sie überhaupt zu finden gewesen wären.«

»Sehr richtig, Sam Haperland! Es ist nichts unterlassen worden; auch nach dem Ritter hapen wir geforscht, welcher uns zu Hilfe gekommen ist, aper er ist spurlos verschwunden gewesen. Der Graf war im Pegriffe gewesen, in die Heimath zu reisen, wo sein Vater, der alte Earl, auf dem Todtenpette lag, aper es war, als könne er nicht fortkommen, als sei es ihm unmöglich, sich von dem Lande zu trennen, in welchem er die Seinen verloren hatte, und welches wenigstens ihre Leichen pergen mußte. Endlich aper war er doch gezwungen, sich loszureißen: er ging nach England und nahm mich mit. Der Earl war mittlerweile gestorpen, und der Graf hatte nichts weiter zu thun, als die ungeheure Erpschaft anzutreten. Er ließ von hier aus die umfassendsten Nachforschungen nach den Verlorenen fortsetzen, aper keine Anstrengung führte zum Ziele, und so ging er, um sich zu zerstreuen und den Kummer zu petäupen, an den Hof des Königs, wo er fast noch mehr gelten soll als der König selper. Ich aper hape es nicht lange auf dem Lande aushalten können und pin pald wieder zur See gegangen.«

»Auf einem Engländer, Capitän?«

»Natürlich, und zwar sogar auf einem Schiffe des Grafen, denn Ihr müßt wissen, Sam Haperland, daß die Earls und Viscounts von Warwick stets eine gute Anzahl von Fahrzeugen auf See gehapt hapen. Es ist das auch mein Schade nicht gewesen, denn der Graf hat mir stets seine Gewogenheit pewiesen und mir in Allem geholfen, wo Hilfe nöthig war. So pin ich nach und nach immer weiter vorwärts gekommen und jetzt gar ein Capitän zur See, vor dem man Respect hapen muß. Ist es so oder nicht, Constapel?«

»Heilige Kanone, Capitän, ich wollte den Kerrel einmal sehen, der da zu behaupten wagte, daß es nicht so ist. Ich nähme ihn zwischen die Finger, daß ihm das Fett aus dem Leibe tropfte!«

»Glaupe es, Sam Haperland, glaupe es, und deshalp pin ich Euch gewogen gewesen seit dem Augenplicke, an welchem wir uns nepen einander vor Anker legten. Und das ist gut, denn zwei Mannskinder wie wir, die dasselpe Schiff unter den Füßen hapen und denselben Cours mit einander steuern, die müssen fest und treu nepen einander halten und sich auf einander verlassen können zu aller Zeit!«

Der alte Seemann reichte seinem Constabel die breite, schwielige Hand, die derselbe mit einer Kraft drückte, als wolle er sie zu Brei pressen.

»Das will ich meinen!« rief er mit aller Macht seines schnarrenden Basses, indem er den Krug ergriff, welchen Mutter Quail nur immer hin und her zu tragen hatte. »Wir müssen uns auf einander verlassen, Capitän, ich mich auf Eure Schiffsführung, und Ihr Euch auf meine edle Kunst des Schießens; und wenn wir beide das Unsere thun, so kann uns kein Teufel etwas haben an. Und nun gar, da uns der Graf die Ehre giebt, in seiner eigenen Person die »Schwalbe« zu betreten, da werden wir eine Fahrt machen, von welcher unsere Jungens noch lange zu erzählen und zu berichten haben sollen. Denn einem solchen Herrn dürfen wir keine Schande machen! Habt Ihr Euch schon einmal von den Warwicks erzählen lassen?«


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»Das könnt Ihr Euch denken; pin ich doch selbst eine ganze Zeit lang auf dem Stammschlosse gewesen und hape mir die Waffen des Herrn Guido von Warwick angesehen, welcher »der englische Herkules« geheißen ist und den dänischen Riesen Kolprand erschlug. Er hat volle acht Fuß gemessen und die Pären gleich mit den ploßen Händen aus ihren Löchern gezogen. Und Herr Richard ist ein epen solcher Held, der noch in keiner Fehde üperwunden worden ist und bei jedem Turniere den Preis davon getragen hat. Daß er damals gegen den »schwarzen Dietrich« Nichts auszurichten vermochte, das war nicht seine Schuld: er trug keine Rüstung und hatte gegen eine große Uepermacht zu kämpfen. Er kann es noch heut nicht vergessen, daß er von dem Gesindel niedergeworfen und gefesselt worden ist wie ein gemeiner Knecht, und schließlich davonlaufen mußte, um sein Lepen zu erhalten, und ich glaupe, wenn ihm der Schwarze einmal in die Hände lief, so gäpe das einen Kampf, pei dem es Einem grauen muß, ihm nur zuzusehen. Das müßte grad sein, als wenn zwei Löpen gegen einander losspringen.«

»Alle Kanonen, da möchte ich mit bei sein, Capitän! Wißt Ihr was? Ich glaube, er geht nur deshalb über Hamburg, um noch einmal in die Gegend zu kommen, wo Ihr damals das Abenteuer erlebt habt, denn der Weg nach Costnitz geht doch von hier aus eigentlich nicht durch die Elbe, und unter den schweren Goldfäßlein, die wir vorhin geladen haben, befanden sich blos zwei oder drei, auf denen der Name »Constanz« zu lesen war; auf den anderen stand geschrieben: Brandenburg.«

»Werden ja sehen, was er vor hat. Er ist ein gar schweigsamer Herr, der lieper thut als spricht, und wenn die rechte Zeit gekommen ist, werden wir schon seine Pefehle zu hören pekommen. Jetzt aper laßt uns aufprechen, denn ich glaupe, daß die Fluth nun eingetreten ist!«

Mutter Quail vernahm mit betrübter Miene den Abschied ihres Lieblingsgastes. Sie fuhr mit den dicken Händen unter die Schürze und führte dieselbe an die Augen, um ein Thränlein oder zwei zu trocknen. Ihr wohlgenährter Busen gerieth in eine ganz ungewöhnlich convulsivische Bewegung und machte sich endlich durch ein Schluchzen Luft, so jungfräulich leise und schüchtern, wie es einer ehrbaren Wittwe geziemt. Piet Liebenow that Alles, um sie zu beruhigen, aber sie fand vor Schmerz und Herzeleid keine Worte, bis er in die Tasche langte und einen katzenledernen Beutel hervorzog, in dem es verlockend klimperte. Das gab ihr die Sprache wieder.

»Piet!« rief sie, die Augen waren auf einmal trocken und das runde Gesicht blitzte förmlich vor Zorn und Entrüstung. »Piet, willst Du mir das anthun? Willst Du mich bezahlen wie ein Leichtjunge, den ich nur in das Haus treten lasse, weil mich seine magern Glieder in die Seele hinein erbarmen? Ich sage Dir: schiebe Dein Geld zurück in die Tasche, wenn Du nicht haben willst, daß ich Dich nie wieder ansehe. Du weißt, daß ich von Dir Nichts nehme, von Dir nicht und auch von Keinem, den Du mit in den Haifisch bringst!«

»Na, na, da laß es gut sein, alte, liepe Taverne Du! Ich wollte Dich ja nicht peleidigen, sondern plos meine Schuldigkeit erfüllen.«

»Bei mir hast Du niemals eine solche Schuldigkeit, Piet, das weißt Du. Ich wollte, ich könnte Dir Liebe und Freundschaft erweisen jetzt, morgen und allezeit bis an mein Ende; aber Du lässest Dich kaum jährlich einmal sehen und bist dann immer nur eine Stunde hier, und da willst Du auch noch nach dem Beutel greifen? Piet, Du bist ein schlimmer Mensch, geh', das kann ich Dir nimmer verzeihen!«

Das ging dem alten Seemann tiefer hinab in das Herz, als er es merken lassen wollte. Er kannte Mutter Quail seit langen Jahren, hatte sie liebgewonnen und freute sich stets königlich auf die Heimkehr und auf ihr treues, ehrliches Gesicht, welches allemal vor Freude erglänzte, wenn er durch die Thüre trat. Und nun war sie bös und zwar so bös, daß sie ihm nimmer verzeihen konnte! Da gab es nur ein Mittel: er langte unter die Klappe seines dicken, wetterfesten Seemannsrockes und brachte ein Packet zum Vorschein, dessen Umhüllung gar sorgfältig mit Wachs und Schnurwerk versehen war. Die Rührung, welche ihre letzten Worte in ihm hervorgebracht hatten, männlich beherrschend, schob er es ihr in die Hände und griff nach dem alten, verwitterten Hute, um sich nun schleunigst zu entfernen. Aber da hatte er sich verrechnet, denn noch war er nicht bis an die Thür gekommen, so stand sie vor ihm, die eine Hand herausfordernd in die Hüfte gestemmt und mit der andern das Packet ihm vor das Gesicht haltend.

»So? Also so ein schlechter Bursch bist Du geworden? Beschenken soll ich mich lassen, aber meinen Dank magst Du nicht? Gleich gehst Du zurück an Deinen Platz und wartest, bis ich das Ding da geöffnet habe! In mein Haus soll Niemand treten, den ich nicht herein haben will; aber hinaus darf auch mir Keiner gehen, so lange er noch hier zu bleiben hat!«

Das war ein Befehl, und wenn Mutter Quail ins Kommandiren kam, so sah sie ganz aus wie Eine, gegen die nicht gut eine Widerrede zu gebrauchen ist. Piet Liebenow war ein Schiffer, der nicht gewohnt ist, ein Wort zweimal auszusprechen, weil es schon beim ersten Male gehört und befolgt werden muß; er war auf seinem Fahrzeuge Herr über Leben und Tod, aber hier - ja hier stand er auf fremdem Boden, hier hatte nur die Wirthin zu befehlen, und ihrem Willen war Gehorsam zu leisten. Er trat zurück und beobachtete die Spannung, mit welcher Mutter Quail an der Umhüllung des Geschenkes arbeitete.

Endlich war dieselbe entfernt, und ein lauter Ruf der Freude überzeugte den Kapitän, daß sein Geschmack das Richtige getroffen habe.

»Ein Tuch, ein blaues Tuch mit rothen Blumen und goldgelben Sternen! Wie herrlich, wie prächtig! Piet Liebenow, Du bist ein Mann, der es noch bis zum Admiral bringen wird! So ein kostbares Tuch schenkt selbst der Lord-Major seiner Frau nicht, und die Weiber werden auf der Gasse stehen bleiben, um sich über den Staat, den ich darin mache, zu Tode zu ärgern!«

Vorsichtig nahm sie das Geschenk mit den Fingerspitzen aus einander und drapirte es sich zur Probe um die vollen, runden Schultern.

»Nein, diese Pracht und Herrlichkeit! Aber, was steht Ihr denn dabei, Constabel, und sagt kein Wort dazu?« wandte sie sich an Sam Haberland. »Denkt Ihr etwa, ich wüßte in einem solchen Tuche nicht zu gehen?«

»Blitz und Donner, Mutter Quail, wer das behaupten


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wollte, dem spränge ich mit beiden Fäusten ins Gesicht. Ich kann nur keine Worte finden, weil ich vor lauter Bewunderung nicht weiß, was ich sagen soll. Aber das ist gewiß, wenn ich mir einmal so eine kleine, nette Gondel suchte, um nicht für das ganze Leben ohne Weib und Kind zu sein, ich würde mein Spriet zuerst zu Mutter Quail richten, um zu fragen, ob ich die Hochzeitsflagge hissen darf!«

»Geht, Ihr böser Mensch, mit Eurem Geschwätz!« rief sie, aber es war ihr doch anzumerken, daß sie nicht ganz unzufrieden mit seiner Rede sei.

»Und,« fuhr er, auch unter das Wamms langend, fort, »wenn ich Euch so in dem Tuche stehen sehe da, so ist es mir, als fehle nur noch die Haube und die Krause, um Euch unwiderstehlich zu machen.« Er zog bei den letzten Worten ebenfalls ein Päcktchen hervor und langte es der glücklichen Wittwe hin.

»Constabel, Herr Constabel, wollte sagen: mein lieber Sam Haberland, was treibt Ihr denn da für sonderbare Dinge? Ich glaube gar, Ihr wollt eine Königin aus mir machen. Laßt doch nur einmal sehen, was Ihr mir hier eingewickelt habt.«

Sie öffnete die Hülle und schlug dann vor Entzücken die Hände in einander.

»Nein, ist das aber eine Freude! Spitzen, französische Spitzen von dieser Breite und so fein wie Spinnwebe! Wird das eine Haube werden und eine Krause um den Hals! Sam Haberland, ich habe Euch gleich von allem Anfange für einen reputirlichen Mann gehalten; Ihr seid zu jeder Zeit im »Menschenfresser« willkommen und könnt Euch setzen, wohin es Euch beliebt!«

»So ist es recht, Mutter Haifisch!« stimmte Piet Liebenow bei. »Ich hape dem Constapel von Dir erzählt, und als ich an das Land ging, um mir das Tuch zu holen, hat er sich nicht zurückhalten lassen und gemeint, er müsse Dir auch ein Weniges mitpringen, opgleich er Dich noch nicht gesehen hape; denn, mußt Du wissen, Du stehst in Respect pei allen Schiffsmannen so weit das Wasser reicht. Nun aper müssen wir gehen, sonst versäumen wir die peste Zeit. Lepe wohl, meine alte, gute Kampüse; denke an den Piet Liepenow und pleipe so vielmal gesund, als goldgelpe Sterne und rothe Plumen hier auf dem plauen Tuche sind!«

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Auf der Flucht.

Wo im Kreise Nieder-Barnim des preußischen Regierungsbezirkes Potsdam jetzt die Stadt Oranienburg zu finden ist, lag früher Schloß und Dorf Bötzow an der Havel, wo zu der Zeit, von welcher wir berichten, Herr Werner von Holzendorf hauste. Er war ein gar mannhafter Ritter, wacker im Streite, bieder und treu von Character und nur etwas jähzornigen Gemüthes. Er hatte stets zu den Quitzows gestanden, die sich in aller Noth und Fährlichkeit auf ihn verlassen konnten, und wir haben gesehen, wie er Herrn Dietrich in jener Fluchtnacht bei Dechtow getroffen, ihn gegen seinen Verfolger in Schutz genommen und nach Bötzow in Sicherheit gebracht hat.

Aber diese Sicherheit war nur eine augenblickliche und keineswegs für die Dauer, denn in der Gegend um Bützow besaßen die Quitzows mehr Feinde als Freunde, und selbst unter den Knechten Werners gab es einige, auf die er sich selbst nicht verlassen konnte, sondern gegen die er vielmehr ein gerechtes Mißtrauen zu hegen hatte. Deshalb war es ihm lieb, daß er mit Dietrich unbeobachtet in das Schloß gekommen war, wo dieser sich augenblicklich seiner ritterlichen Kleidung entledigen und das Gewand eines gewöhnlichen Reisigen anlegen mußte, um so wenig als möglich erkannt zu werden.

»Es will mir wenig behagen, daß ich aus Furcht vor niedrigen Leuten in diese Lappen fahren soll,« hatte der flüchtige Ritter während dieser Beschäftigung gesagt, »aber wenn ich meines Lebens schonen und mir die Freiheit bewahren will, so muß ich mich in diese Sache fügen. Ich bin schlimmer daran, denn der ärmste Bettler, da ich nicht nur Hab und Gut verloren habe, sondern auch von den Meinigen geschieden und geächtet bin. Aber ich hoffe zu Gott, daß die Zeit kommen wird, in welcher ich meine Feinde mit der Schärfe des Schwertes auf das Haupt schlage. Noch stehen mir mächtige Freunde zur Seite, zu denen ich gehen werde, um mir ihre Hilfe zu suchen, und dann, Herr Werner, werde ich Euch belohnen können für die Treue, welche Ihr mir immer und auch heut' bewiesen habt.«

»Sprecht nicht von Lohn, Ritter Dietrich,« antwortete Werner, indem er einen gewaltigen Humpen mit Bier füllte, welches er der Sicherheit wegen selbst aus dem Keller geholt hatte. »Da, trinkt! Ihr werdet der Erquickung bedürfen; aber Ruhe und Pflege könnt Ihr auf Bützow wohl nicht finden, vielmehr erfordert es die Sorge um Eure Sicherheit, daß ich Euch unverzüglich weiter bringe. Schloß Neumühl, welches mir gehört, ist nur von einem alten, tauben Voigte bewohnt, welcher Euch niemals gesehen hat und also auch nicht kennen wird. Dorthin wollen wir mit einander reiten, und ich hoffe, wenn ihr das Schloß nicht verlaßt und überhaupt es vermeidet, von Menschen gesehen zu werden, so könnt Ihr dort verborgen bleiben so lange es Euch gefällt.«

»Ihr seid ein werther Freund, und Euer Plan will mir gar wohl gefallen! Laßt sogleich frische Pferde satteln; obgleich ich müde bin, wird es mir doch nicht schwer werden, den Ritt bis Neumühl noch auszuhalten.«

»Erlaubt, daß ich Euch auf kurze Zeit verlasse, um selbst in den Stall zu gehen; ich mag das Satteln Niemandem anvertrauen, da wir uns der Behutsamkeit befleißigen müssen!«

Während er sich zu den Pferden begab, trat Dietrich an das Fenster und starrte voll trüber und schwerer Gedanken in die Nacht hinaus: da drüben, gen Westen, lag Friesack, das gewaltige, feste Bollwerk seiner bisherigen Macht, die so plötzlich in Trümmer gesunken war. Vielleicht stürmten jetzt die Mannen des Burggrafen gegen seine Mauern und drangen mit wildem Geschrei ein in die Räume, in denen er mit Weib und Kind geweilt und so manche Wonne genossen hatte, die ihm die Seinen bereitet. Nun war das Alles hin. Er hatte die Burg und seine Lieben preisgeben müssen, um sich selbst zu


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retten; seine Feinde triumphirten über ihn, den Vogelfreien, den jeder Bettler greifen und ungestraft niederschlagen durfte; noch wußte er nicht, ob ein Ort zu finden sei, wo er sein Haupt hinlegen könne, um in Sicherheit zu schlafen, und die Freunde, die ihm während der Zeit seiner Macht zur Seite gestanden, würden sie ihm treu bleiben und die Opfer bringen, die er von ihnen begehren mußte, wenn er das launige Glück zwingen wollte, ihm wieder freundlich zuzulächeln? Waren nicht die meisten von ihnen von dem Arme des furchtbaren Markgrafen niedergeschmettert worden? Und die Andern? Selbst wenn sie zu ihm hielten, auch jetzt noch, wo er heimathslos in der Fremde herumirrte, war er an ihrer Spitze mächtig und stark genug, den Riesenkampf von Neuem aufzunehmen? War es ihm nicht grad' heut zum ersten Male in seinem ganzen Leben geschehen, daß er vor einem einzelnen Menschen feig die Flucht ergriffen hatte, und konnte darin nicht eine böse Vorbedeutung für die Zukunft liegen? Er knirrschte mit den Zähnen und stemmte die geballten Fäuste gegen die Fensterbrüstung, daß die starken Bretter, mit denen sie bekleidet war, in ihren Fugen krachten. Nein, und tausendmal nein! Kämpfen wollte er und kämpfen mußte er, wie seine ganze thatenreiche Vergangenheit ein Kampf gewesen war, gegen - - gegen wen? Gegen Gewalt und Unrecht? gegen Sünde und Verbrechen? gegen Falschheit und Hinterlist? gegen Habsucht und Ungerechtigkeit? - - Er wagte nicht, den Gedanken weiter fortzusetzen, und hätte es auch nicht gekonnt, selbst wenn es sein Wille gewesen wäre, denn Holzendorf trat wieder ein, um ihm zu berichten, daß die Pferde wohlgerüstet draußen vor der unbewachten Pforte ständen.

Beide Männer begaben sich mit leisen Tritten hinab in den Schloßhof, traten aus demselben hinaus zu den harrenden Thieren und bald ging es im scharfen Trabe auf Schloß Neumühl zu. Dort angekommen, wurden sie von dem altersschwachen Castellan empfangen, der nicht wenig erstaunt war, seine Ritter zu so ungewöhnlicher Stunde bei sich zu sehen.

Das Gebäude bot wenig wohnbare Gemächer dar; die besten von ihnen bewohnte der Voigt mit seiner Frau selbst. Ein davon etwas entlegenes wurde endlich für Dietrich erwählt und mit einigem Mobiliar und einem Bette versehen. Er mußte sich hineinlegen und den Kranken spielen. Er galt den beiden Schloßbewohnern gegenüber für einen Quitzowschen Knecht, der sich der Belagerung Friesacks durch die Flucht entzogen hatte und während derselben verwundet worden war, und es wurde ihnen streng auf die Seele gebunden, ihn gut zu verpflegen, nicht durch ungeforderte Dienste und Handreichungen zu belästigen und eben so auch dafür Sorge zu tragen, daß er nicht durch Andere gestört werde. Dann ritt Werner wieder nach Bützow zurück.

Die beiden alten Leute thaten ihre Schuldigkeit, so daß Dietrich sich nicht über sie beschweren konnte. Sie wußten in ihrer Abgeschiedenheit wenig von den Händeln der Welt da draußen; dennoch aber erfuhren sie das Schicksal, welches Friesack betroffen hatte, und vernahmen auch, daß Dietrich von Quitzow entflohen und von dem Markgrafen ein Preis auf seinen Kopf gesetzt worden sei. Georg, der Castellan, brachte seinem Pfleglinge diese Botschaft sofort in dessen Gemach.

»Weißt Du,« frug er ihn, »wie es jetzt um Euer stolzes Friesack steht?«

»Wie soll ich das wissen, da ich doch mit Niemand zu sprechen komme!«

»Es ist erobert worden. Die große Donnerbüchse, welche sie die »faule Grethe« nennen, hat die gewaltigen Mauern niedergerissen, und die Markgräflichen sind durch die Lücken eingedrungen.«

»Das lügst Du und der Teufel!« fuhr Dietrich zornig auf. »Ich habe - - sie sind,« verbesserte er sich, wohl merkend, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen habe, »von den Unsrigen zurückgeschlagen worden. Was Du sagst, will ich nicht glauben, und es scheint mir eher, daß Friesack nicht erstürmt, sondern freiwillig übergeben worden sei, weil die Besatzung wohl eingesehen haben muß, daß mit unnützem Blutvergießen Nichts mehr erzielt werden kann.«

»Das mag sein, wie es wolle; ich weiß nur, daß Friesack in den Händen der Markgräflichen sich befindet und Ritter Dietrich von Quitzow vor der Uebergabe entflohen ist.«

»Und was ist mit seinem Weibe und seinen Kindern geschehen?«

»Sie haben, ebenso wie die Besatzung, frei abziehen können und von dem Ihrigen mitnehmen dürfen, was sie fortbrachten. Es soll ein gar trauriger Anblick gewesen sein, als Frau Elisabeth an der Spitze ihres Ingesindes und all' ihrer Mannen durch das Lager gezogen ist, um sich nach Schloß Taupitz zu begeben. Es ist am Sonntag Sexagesimä, den elften Februar gewesen, grad' an demselben Morgen, an welchem Du nach Neumühl kamst.«

Der Erzähler beobachtete nicht die Bewegung, welche sich auf den Zügen Dietrichs bemerkbar machte, und fuhr fort:

»Ich bin ein alter Mann und habe gar Vieles gesehen, gehört und erlebt, aber immer habe ich erfahren, daß der Gewaltige in den Staub sinkt, wenn er von dem Rechte weicht. Ich gehöre zu den Mannen des Ritters Werner, der ein Freund Deines Herrn gewesen ist sein Lebelang, aber ich muß doch bekennen, daß ich nie Freude gehabt habe an dem Thun und Treiben der Quitzows und ihrer Verbündeten; es ist viel Gewalt und Ungerechtigkeit dabei, und das Ende war vorauszusehen.«

»Knecht, elender, das wagst Du mir zu sagen? Was hindert mich, Dich mit dieser meiner Faust niederzuschlagen, daß Dein schandbarer Mund für ewig verstumme?« rief ihm Dietrich entgegen, indem er sich rasch und drohend erhob. -

»Du schimpfest mich Knecht und bist doch selbst einer, ein Knecht Quitzows und ein Knecht Deines zornmüthigen Herzens, welches nicht zugiebt, daß Du die Wahrheit meiner Worte erkennst. Schlügest Du mich nieder, so wäre es um mich nicht viel schade, denn ich bin ein alter Mann und habe nicht viel mehr zu leben, aber Du hättest zu Vielem vielleicht eine weitere Schuld auf Deinem Gewissen, und das Schicksal Deines Gebieters würde dadurch kein anderes. Jetzt irrt er verfolgt und geächtet in der Welt umher, und wenn er sich nicht in Acht nimmt, so geht es ihm an den Kragen, denn ich habe gehört, daß der Markgraf kein Freund vom Spaßen sei. Mir wäre es schon recht, wenn er ihn in seine Hand bekäme.«


Ende des vierten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk