Heft 14

Feierstunden am häuslichen Heerde

2. Dezember 1876

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


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Dietrich sah ein, daß er seinen Zorn überwinden müsse, und würdigte den Mann keines weiteren Wortes; aber der Groll, welchen er über die Rede des Voigtes empfand, bohrte sich immer tiefer in sein Inneres und richtete sich endlich gegen ihn selbst, sodaß er in finsteren Betrachtungen auf seinem Lager ruhte und die Vorwürfe nicht von sich weisen konnte, die wie drohende Gespenster in ihm aufstiegen.

Zwei Wochen vergingen, die der sonst so ungeduldige Ritter in der strengsten Abgeschlossenheit verbrachte; da vermochte er es in der engen Kammer nicht länger auszuhalten und faßte den Entschluß, auf ein Stündlein hinunter zu steigen in den kleinen, winzigen Küchengarten, welcher hinter dem Schlosse in einer Ecke der Ringmauer lag. Da er als ein Kranker galt, durfte er nur langsam gehen, und seine Schritte verursachten dabei so wenig Geräusch, daß sie von den zwei Männern nicht vernommen wurden, welche er bei seiner Ankunft im Gärtchen bemerkte.

Am Eingange desselben stand ein dichtbelaubter Hollunderstrauch, welcher ihn so verdeckte, daß er sie unbemerkt belauschen konnte. Es war Georg, der Schloßvoigt, und einer der Holzendorfschen Knechte, welcher mit irgend einer Botschaft von Bötzow gekommen war.

»Ja,« sagte dieser eben; »ich habe unsern Ritter noch niemals in solchem Zorn gesehen; ich war grad' im Schloßhofe, als der Burgwart einen Fremden ankündigte, welcher Einlaß begehre. Herr Werner gab das Zeichen, daß derselbe in die Burg dürfe, und als er über die Brücke kam, fragte er mich, wo er den Ritter treffen könne.«

»Und da hast Du ihn selbst hinaufgeführt?«

»Ja. Der Herr saß beim Humpen, und der Kremmener Pfaffe war bei ihm, und Du weißt, wenn der da ist, so giebt es stets schlecht Wetter, denn Herr Werner mag das Augendrehen und die süßen Worte nicht leiden, welche er da zu sehen und anzuhören bekommt.«

»Das geht mir selbst so. Die Schwarzkutten thun, als ständen sie schon mit einem Fuße im Himmel und hörten mit einem Ohre den Herrgott predigen, und doch wissen sie zu leben trotz einem Kriegsknechte, lieben die volle Kanne und die Weiber, essen sich dicke Bäuche an und schimpfen über andere ehrliche Christenmenschen, wenn denen einmal etwas Verzeihliches passirt. Wenn mir so Einer vor das Thor kommt, so gebe ich ihm seinen Trunk durch das Gitter und lasse ihn in Gottes Namen weiter laufen, denn ich meine, daß ich ihn nicht brauche, um über die Hölle hinweg zu kommen.«

»Ganz meine Ansicht, Alter. Also ich geleitete ihn in den großen Bildersaal, wo die Holzendorfs mit ihren Frauen und Kindern aufgehangen sind, und da ich nicht wußte, ob ich gehen solle, so blieb ich an der Thüre stehen. Der Ritter hatte dem Humpen fleißig zugesprochen, was ich gleich an den kleinen Augen bemerkte, mit denen er den Mann anblinzelte, und frug ihn, wer er sei und was er wolle.

»Ich komme von Sr. Gnaden, dem Herrn Burggrafen, und habe Euch ein Schreiben zu übergeben.«

»Vom Burggrafen kommst Du? Was will denn der von mir?«

»Das weiß ich nicht; beliebt nur das Schreiben zu lesen, dann werdet Ihr ja sogleich erfahren, was das Begehr des gnädigen Herrn ist.«

»Des gnädigen Herrn? Geh' zum Teufel mit Deinem gnädigen Herrn, der meine ist er nicht. Gieb her den Wisch!«

Der Bote reichte ihm den Brief entgegen; Herr Werner


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nahm ihn, brach ihn auf und blickte lange hinein. Dann fragte er den Mann:

»Weißt Du, was drin' steht?«

»Nein!«

»Ja, wenn Du es auch nicht weißt, so wissen wir es beide nicht. Ich habe all' mein Lebtage das Schreiben und Lesen nicht leiden mögen. Hört, Pater, habt Ihr es vielleicht gelernt?«

»Ich möchte es doch meinen!« antwortete dieser.

»So lest mir doch einmal vor, was in dem Dinge steht!«

Der Pfaffe nahm den Brief, studirte ihn erst ein halb Stündlein lang von Anfang bis zu Ende und begann dann, ihn langsam vorzubuchstabiren. Es war eine heillose Leserei und ich hätte ihm am liebsten wegen der Behauptung, daß er es verstehe, Eins über den Kopf gegeben; aber endlich wurden wir uns doch darüber klug, daß der Burggraf meldete, er habe gehört, daß Herr Werner von Holzendorf dem Ritter Dietrich von Quitzow im Kampfe auf offenem Felde Hülfe geleistet und ihn dann nach Bötzow geführt habe, um ihn vor dem Arme der Gerechtigkeit zu verbergen. Herr Werner habe sich dadurch einer Felonia, oder wie das Ding geheißen war, schuldig gemacht und sei hiermit angehalten, sein Vergehen dadurch wieder gut zu machen, daß er den Ritter Dietrich sofort an ihn ausliefere.«

»Das klingt streng und mannhaft, ganz so, wie ich es dem Burggrafen zugetraut habe!« fiel hier der Schloßvoigt dem Erzähler ein. »Aber unserm Ritter wird diese Forderung gar wenig behagt haben.«

»Das könnt Ihr Euch denken! Er fuhr vom Stuhle empor, als hätte ihn eine Natter gestochen, riß dem Pfaffen das Schreiben aus den feisten Händen und frug ihn:

»Ist es wahr, daß solches Zeug da in dem Wische steht, oder habt Ihr mir nur Lug und Trug vorgelesen?«

»Bei der gebenedeieten Mutter Gottes, der hochgelobten, reinen Jungfrau Maria, es ist so, wie ich es Euch vorgelesen habe!« betheuerte der Gefragte, zitternd vor Angst bei dem Anblicke des Ritters, auf dessen Stirn die Zornesadern dick angeschwollen waren.

»So! Ein solches nichtswürdiges Ansinnen macht mir der Burggraf, mir, dem Ritter Werner von Holzendorf, der noch niemals der Lüge und des Verrathes zu zeihen war!«

Seine Augen sprühten Feuer, und seine Hände ballten sich; es wurde mir um die Seele des Boten angst, denn ich kenne den Herrn und wußte, was nun kommen werde. Er trat auf denselben zu und faßte ihn beim Wamms.

»Und solch eine Botschaft wagst Du mir zu bringen? Meinen Freund und Waffenbruder soll ich verrathen und an Dein Nürnberger Gräflein ausliefern? Daß Du die Pestilenz kriegst, Du Schurke! Wie kannst Du Dich unterstehen, mit solch einem niederträchtigen Wische zu mir nach Bötzow zu kommen; wart', ich werde Dir den Botenlohn auszahlen, wie Du ihn verdienst!«

Er griff nach der hohen Lehne des Eichenstuhles, auf welchem er gesessen hatte, brach von derselben ein gar ergiebiges Stücklein herunter und bläuete ihn damit dermaßen durch, daß der arme, unschuldige Teufel, der keine Waffe besaß und sich auch gar nicht wehren durfte, um Hilfe schrie, daß es durch das ganze Schloß erschallte. Auf dieses Geschrei kamen die Mannen, welche in der Knechtestube zechten, alle herbeigelaufen und stürzten in den Saal. Aber dadurch wurde das Uebel nur noch ärger, denn sie befreiten nicht den Boten, sondern halfen dem Herrn zuschlagen, bis sie glaubten, daß der Bote genug habe.«

»Das ist eine schlimme Sache,« meinte hier der Voigt. »Der Markgraf wird es nicht ungerügt lassen, daß man seinen Gesandten auf diese Weise abgefertigt hat, und ich glaube, unser Ritter wird seinen Jähzorn schwer büßen müssen!«

»Mir hat der Mensch leid gethan; er lag regungslos am Boden, und ich glaubte gar, sie hätten ihn zu Tode geschlagen; aber Herr Werner faßte ihn beim Schopfe und schüttelte ihn dermaßen, daß er bald wieder lebendig wurde.

»Was, Du armseliger Schlingel, Du willst Dich noch verstellen und thun, als ob es Dir an den Kragen gegangen sei? Wart, ich werd' ein heiliges Wunder thun und Dich vom Tode erwecken! So, siehst Du, daß es hilft? Hier habt Ihr ihn. Werft ihn in den Thurm; da mag er nachdenken darüber, wie schön und lieblich es ist, dem Burggrafen zu dienen!«

Die Knechte folgten diesem Befehle und schleppten ihn zur Thür hinaus, ich aber zog mich leise von dannen, denn mir that es leid um den Boten, und ich dachte mir wohl, daß der Ritter sein Beginnen später schwer zu büßen haben werde. Er mochte das hernach auch selbst eingesehen haben, denn er gab den Befehl, den Boten laufen zu lassen, und ließ ihm Thor und Gitter öffnen. Weit wird er nicht gekommen sein, denn er hinkte gar jämmerlich über die Zugbrücke, und ich sah, daß er sich draußen vor dem Graben niedersetzte, weil ihm seine wunden Glieder nicht mehr gehorchen wollten.«

»Der wird uns beim Markgrafen eine arge Suppe einbrocken, die wir auszuessen bekommen, ohne daß uns der Dietrich davon helfen kann. Hat noch Nichts von seinem Aufenthalte verlautet?«

»Nein; er scheint gut versteckt zu sein. Daß ihm Herr Werner dabei geholfen hat, das ist gewiß. Ich war mit dabei, als er den Ritt nach Friesack machte und habe ihn mit dem Quitzow davontraben sehen, während wir es mit dem fremden Ritter zu thun hatten.«

»Das war in derselben Nacht, wo auch der Knecht verwundet worden ist, welcher bei mir liegt.«

»Ein Knecht, sagst Du, der bei Dir liegt?«

»Ja; Herr Werner brachte ihn mir des Morgens und befahl, ihn gut zu pflegen und alle Störung von ihm fern zu halten.«

»Ist's möglich! Sag', wie sieht er aus?«

»Es ist ein gar strammer, schwarzäugiger Gesell, vor dem man Respect bekommt, sobald er Einen nur anblickt. Ich glaube, ihm stände eine Rüstung besser zu Gesicht, als das alte Loderwamms, welches er anhat.«

»Was ich da höre! Du, ich glaube, wir sind dem Dietrich auf der Spur. Im Stalle zu Bötzow steht ein Pferd, wie es kein Knecht, sondern nur ein ritterlicher Herr reitet, so edel und mit einem Sattelzeuge, welches grausames Geld gekostet haben muß. Es ist ein Rappe und gehört ganz gewiß dem Quitzow. Hätte dieser seine Flucht weit fortgesetzt, so wäre sein Pferd nicht zurückgeblieben oder er hätte sich ein anderes an dessen Stelle genommen; da dies aber nicht geschehen ist, so will


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es mich bedünken, als müsse er noch in der Nähe weilen. Kann ich Deinen Knecht vielleicht einmal sehen?«

»Kennst Du den Ritter?«

»Ja, ich habe ihn des Oefteren geschaut und würde ihn beim ersten Blick wiederkennen.«

»So wollte ich den Mann Dir wohl gern zeigen, aber er verläßt sein Gemach nie, und hineinlassen darf ich Dich nicht, weil es mir vom Herrn verboten ist.«

»Das ist mir gar nicht lieb, zu hören; aber vielleicht ist es möglich, ihn zu erkennen, ohne ihn zu sehen. Sind seine Reden die eines gewöhnlichen Knechtes?«

»Er spricht fast wenig, und dann stets kurz, als wolle er befehlen, und dabei ist sein Gesicht ein solches, daß man gar nicht weiter zu sprechen wagt.«

»Das will zu meiner Vermuthung recht gut passen; kannst Du Dich nicht vielleicht auf ein Wort besinnen, welches uns auf die richtige Spur zu bringen vermöchte? Es kommt wohl einmal ein Augenblick, an dem so ein Herr sich nicht bewacht.«

»Hm, ja, es will mir scheinen, als ob Du Recht habest. Ich erzählte ihm einmal davon, daß die Mauern vor Friesack durch die »faule Grethe« zusammengeschossen und die Markgräflichen durch die Lücken in das Schloß gedrungen seien; da ist er aufgefahren und hat mich angeblitzt: Das sei nicht wahr; sodann hat er sich nach der Frau Elisabeth und den Kindern erkundigt, und jetzt, wo ich beginne, darüber nachzudenken, besinne ich mich, daß sein Gebahren ganz so gewesen ist, als ob er der Dietrich selbst wäre.«

»Das ist genug! Er ist's, und wir könnten großen Nutzen davon haben.«

»Von welchem Nutzen redest Du?«

»Hast Du denn vergessen, daß der Markgraf einen Preis auf seinen Kopf gesetzt hat? Wer den verdienen könnte, der hätte wohl nicht mehr nöthig, seine Haut für Andere zu Markte zu tragen!«

»Daß mich Gott bewahre! Der Mann ist mir von Herrn Werner anvertraut worden und soll bei mir auch wohl verwahret sein. Ob's Herr Dietrich ist oder einer seiner Knechte, das soll mir keine Schmerzen machen, denn ich habe die Befehle meines Ritters zu vollziehen und mag mich um das Uebrige nicht kümmern.«

Der Lauscher hatte genug gehört, und da er vermuthete, daß die beiden Männer bald den Garten verlassen würden, so schien es ihm gerathen, nach seinem Gemache zurück zu kehren, damit er nicht von ihnen bemerkt werde. Das belauschte Gespräch hatte ihn überzeugt, daß er auf Neumühl nicht mehr sicher sei, denn es kam ihm ganz so vor, als könne er dem Knechte nicht trauen, und so war es ihm willkommen, daß Werner von Holzendorf am andern Morgen bei ihm vorsprach, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er berichtete ihm von der belauschten Unterredung und sagte ihm auch seinen Dank für die Treue, welche er ihm gegen das Ansinnen des Markgrafen bewiesen.

»Ihr dürft mir derowegen gar nicht danken, Herr Dietrich,« antwortete ihm Werner, »da Ihr ganz dasselbe auch für mich gethan hättet, wenn Ihr an meiner Stelle gewesen wäret; und was die Folgen meines Schnellzornes betrifft, so müssen wir abwarten, was der Markgraf zu thun für angemessen hält; aber wenn ich mit ihm zusammentreffe, so werfe ich ihm sicher meinen Handschuh hin für die Beleidigung, welche in der Zumuthung gelegen hat, an meinem besten Freunde zum Schurken und Verräther zu werden. Der Knecht, von dem Ihr spracht, ist mir nicht sicher; aber ich darf ihn nicht fortjagen, weil er sonst auf Rachegedanken gerathen würde; dagegen werde ich ihn gut bewachen und Euch an einen andern Ort bringen. Macht Euch fertig, mit mir fortzugehen!«

Er begab sich zu dem Voigte, dem er die Mittheilung machte, daß der Knecht nun fast genesen sei und Neumühl wieder verlassen könne, er möge ihm daher ein Pferd geben und seine Wege ziehen lassen. Sodann ritt er fort und wartete im Walde, bis Dietrich von Quitzow ihm nachkam. Dietrich frug, wohin der Weg sie führen werde.

»Nach Grabsdorf,« antwortete Werner. »Ihr könnt jetzt unmöglich unentdeckt aus dem Lande fliehen; man stellt Euch überall nach und lauert auf allen Wegen. Aber in Neumühl konntet Ihr unter diesen Umständen auch nicht bleiben, und da ist mir ein guter Gedanke gekommen. In Grabsdorf nämlich wohnen ein paar meiner alten Knechte mit ihren Weibern; sie haben von mir einige Häuser, und ich kann mich auf ihre Treue verlassen. Dahin bringe ich Euch. Sie sollen Euch hegen und pflegen, und dort seid Ihr sicher, so lang Ihr Euch nicht zu erkennen gebt.«

Das Dorf Grabsdorf ist jetzt nicht mehr vorhanden und lag östlich von der Havel an Stelle des jetzigen Dorfes Friedrichsthal. Dietrich erhielt in einem Bauernhause eine Stube, und es wurde mit dem Besitzer des Hauses, Werners ehemaligem Knechte, die Verabredung getroffen, ihn für einen Verwandten auszugeben, den er zu sich genommen habe, um sich von ihm in der Wirthschaft helfen zu lassen. Zu diesem Letzteren erbot sich der sonst so stolze Ritter aus freiem Antriebe, um nicht ferner von der Langeweile gepeinigt zu werden, wie er sie während der letzten Tage empfunden hatte. Er wurde von den Leuten als ein Landmann ausstaffirt und machte sich nach Belieben und Gutdünken in der kleinen Wirthschaft nützlich.

So verging der Februar vollends und der März brach an, welcher bessere Tage und eine Witterung brachte, welche erlaubte, die Feldarbeit vorzunehmen. Auch Dietrich ging hinaus, um mit Hacke und Spaten zu arbeiten, und es waren gar eigenthümliche Gedanken und Gefühle, welche sich bei dieser ungewohnten und erniedrigenden Beschäftigung in seinem Innern geltend machten.

Der gewaltige Ritter, welcher fürstliche Macht und fürstlichen Anhang besessen, vor dem die Marken gezittert hatten und dessen Ruf weit über die Grenze des Landes hinausgedrungen war, er stand hier auf dem Felde, mit den Attributen der Leibeigenschaft in der Hand; er bauete den Boden, welcher einem Andern Zins zu bringen hatte, und mußte noch der Freundschaft dafür danken, welche ihm die Gestalt eines armseligen Knechtes gegeben hatte, um ihn gegen die Verfolgungen in Schutz zu nehmen. Wie oft hatte er nicht auf den Zinnen seiner Burgen gestanden und mit stolzen Blicken das Land überschaut, welches ihm unterthan war und unter den Hufen seiner streitbaren Rosse erzitterte; wie oft war seine Stimme durch die Räume der Schlösser oder im wilden Kampfgewühle erschollen und Hunderte hatten ihr Gehorsam geleistet, die da wußten, daß ihr Wohl und Wehe, ihr Hab und Gut, ja ihr Leben von seinem Wort und Willen abhängig sei! Und jetzt? Der Boden, auf welchem er stand, war ein fremder; kein Mensch achtete seiner Rede, sein Ruf


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war verklungen, sein Name geächtet, sein Glück vernichtet, sein Reichthum zerronnen und seine Macht tief in den Staub getreten. Ob wohl aus ihm ein Erstehen war?

In diese Gedanken versunken, bemerkte er nicht, daß ein kleiner Trupp Reiter aus dem nahen Wald gekommen war und sich schon ganz in seiner Nähe befand. Es waren zwei bärtige Männer und ein Jüngling in dem Alter, welches die Knabenjahre nicht längst erst überstiegen hat. Die beiden Ersten waren wohlbewaffnet und ihre Mienen ließen in ihnen gar kampfbewährte Mannen vermuthen, der Letztere aber trug sein zierliches Schwert wohl kaum in der Absicht, sich damit zu vertheidigen, und seine Kleidung war eine solche, wie man sie mehr in der Nähe der Frauen und Edeldamen, als im Kampfe zu tragen pflegt. Doch zeigte seine übrige Ausrüstung, daß er trotzdem einer mannbaren Beschäftigung, nämlich der Jagd, obgelegen habe, und sowohl in seiner Haltung als auch in dem Ausdrucke seines Gesichtes lag eine Hindeutung darauf, daß er an das Befehlen mehr gewöhnt sein müsse, als an das Gehorchen.

Schon hielten sie hinter ihm, als er erst an dem Schnauben der Pferde ihre Gegenwart bemerkte. Der Jüngling trieb das seinige bis an ihn heran und frug:

»Höre, Mann, wir haben uns verirrt. Kannst Du uns sagen, wo der nächste bewohnte Ort ist?«

»Ja, das kann ich sagen,« antwortete er kurz, indem er in seiner Arbeit fortfuhr. Der Gang seiner Gedanken hatte ihn in eine nicht freundliche Stimmung versetzt, und er fühlte sich daher nicht zu der gewünschten ausführlichen Antwort aufgelegt.

»Nun, wie ist derselbe geheißen?«

»Grabsdorf.«

»Und wo liegt er?«

»Dort,« berichtete er, mit der ausgestreckten Hand die Richtung bezeichnend, in welcher der Ort lag.

»Ist es dort möglich, eine Erfrischung zu bekommen?«

»Vielleicht.«

»Höre, Bursche,« mengte sich jetzt einer der beiden Begleiter mit in das Gespräch, »Du scheinst mir ein sehr einsylbiger Kauz zu sein, aber ich mache Dich darauf aufmerksam, den Mund etwas besser aufzuthun, wenn wir ihn Dir nicht etwa öffnen sollen!«

Dietrichs Auge überflog den Sprecher mit einem verächtlichen Blicke; dann drehte er sich zur Seite und fuhr in seiner Beschäftigung fort.

»Nun?« frug der junge Herr, jetzt selbst etwas ungeduldig. »Kannst Du uns Niemanden nennen, uns den Weg zeigen oder, was noch besser wäre, uns nach Grabsdorf führen?«

»Namen brauche ich Euch nicht zu sagen, denn Ihr werdet abgewiesen oder aufgenommen von einem Jeden, wie es ihm eben paßt. Den Weg habe ich Euch schon gezeigt; da hinter der Waldesecke liegt das Dorf, und mein Mitgehen ist also nicht nothwendig.«

»Aber wir halten es doch für besser, daß Du uns begleitest,« entgegnete der Reisige. »Lege Deine Hacke weg und komme mit uns!«

»Das werde ich wohl bleiben lassen!«

»Das wirst Du wohl thun müssen!« lautete die drohende Erwiderung, indem der Sprecher sein Pferd näher an Dietrich drängte.

»Wollt Ihr es mir vielleicht gebieten?« frug dieser, indem seine Hand sich fester um den Stiel der Hacke legte und sein dunkles Auge kampfeslustig blitzte. »Ich bin ein armer Bauersmann, aber ich habe Niemandem Gehorsam zu leisten als unserm Herrn, dem Ritter Werner von Holzendorf!«

»Dem Herrn Werner gehört Grabsdorf? Daran habe ich gar nicht gedacht!« fiel der Jüngling ein, indem er sich an seine Begleitung wendete. »Wie ist es denn da um unsere Sicherheit bestellt, Ihr Mannen?«

»Der Ritter Werner von Holzendorf sitzt als Markgräflicher Hauptmann auf Schloß Bötzow; er ist ein Diener des gnädigen Herrn, und so dürfen wir wohl auf seinem Grund und Boden weilen.«

»Das lügt Ihr!« rief ihm Dietrich, sich vergessend, dazwischen. »Wer hat Herrn Werner zum markgräflichen Hauptmann gemacht? Wohl der Burggraf? Und wer ist es, der Euch die Unwahrheit berichtete, daß der Ritter ein Diener des »gnädigen Herrn« sei, wie Ihr zu sagen beliebt? Wohl auch der Burggraf selbst?«

»Sei ruhig Gesell, sonst schlagen wir Dich auf den Mund! Wie kannst Du es wagen, den Herrn Markgrafen Friedrich von Zollern einen Lügner zu nennen, da sein erlauchter Sohn, der Prinz Johann, selbst sich vor Dir befindet!«

Bei diesen Worten leuchtete es blitzartig über Dietrichs Angesicht. Welch' ein Glück, welch' ein Zufall! Bot sich hier nicht eine treffliche Gelegenheit zur Rache, eine Gelegenheit, sich die theuersten Vortheile zu erringen? Doch schnell beherrschte er sich und antwortete mürrisch:

»Das habe ich nicht gewußt und bekümmere mich auch gar nicht um Eure dummen Geschichten. Aber da Ihr der Prinz seid, so will ich Euch den Weg zeigen!«

Seine Hacke auf die Schulter nehmend, schritt er von dannen, ohne sich viel umzusehen, ob die Drei ihm auch folgten.

Die Gedanken, welche er vor Ankunft der drei Reiter gehegt hatte, waren vollständig verschwunden und ganz anderen gewichen, welche jetzt gleich eilenden Pfeilen seinen Kopf durchschwirrten. Es dünkte ihm, als sei es ihm jetzt in die Hand gegeben, sein Schicksal auf glücklichere und hoffnungsreichere Wege zu bringen. Das Vorhaben war kühn und gewagt, ja, es war vielleicht nur durch eine That auszuführen, welche, wenn auch von seinen Freunden bewundert und gutgeheißen, doch vom Munde seiner Feinde mit dem Namen eines Verbrechens bezeichnet würde. Sollte er den günstigen Augenblick muthvoll ergreifen oder ihn unbenutzt vorübergehen lassen? Nicht Unentschlossenheit oder gar Feigheit war es, welche ihn diese Frage aussprechen oder vielmehr denken ließ, nein, aber die Folgen seiner That, wenn er sie wirklich ausführte, waren so gewaltige, so tief eingreifende und weittragende, daß sie wohl überlegt werden mußten.

So schritt er, in tiefes Sinnen versunken, langsam dahin, und die Drei folgten ihm, ein wortloses Schweigen beobachtend. Da plötzlich rief Einer der beiden Reisigen:

»Gottlob, dort kommen einige von unserer Gesellschaft, die uns suchen werden, aus dem Busche. Ich erkenne den Herrn Nymand von Löben an seinem großen Schecken, mit welchem er voranreitet!«

So war es auch. Eine Anzahl Reiter nahten von der Seite her, und aus der Richtung, welche sie inne-


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hielten, war zu schließen, daß auch sie die Absicht gehegt hatten, Grabsdorf zu erreichen. Jetzt hielt der Vorderste von ihnen seinen Schecken an und beschattete mit der vorgehaltenen Rechten das Auge; er hatte den Prinzen erkannt, wandte sich mit einem frohen Rufe an die ihm Folgenden und kam nun mit ihnen im Galoppe über die Felder dahergesprengt.

»Dank sei der heiligen Jungfrau, Prinz, daß wir Euch endlich wiederfinden!« rief er. »Wir haben große Sorge wegen Euch gelitten, als wir sahen, daß Ihr uns verloren seiet. Darum meine ich jetzt, daß - - -« er unterbrach bestürzt seine Rede; sein Auge war auf Dietrich gefallen. »Um Gott, mein lieber Junker, in welcher Gesellschaft muß ich Euch da treffen! Irrt sich mein Auge nicht, so ist dieser Knecht kein Anderer, als der Ritter Dietrich von Quitzow, den wir verfolgen und suchen. Der Holzendorf hat ihn in Grabsdorf vor unserm Forschen versteckt gehalten!«

Wie eine zündende Rakete fuhr dieses Wort unter die Reiter.

»Dietrich von Quitzow?!« rief's wie aus einem Munde, und aller Hände streckten sich nach ihm aus. »Haltet ihn, haltet ihn fest, damit er uns nicht entrinne!«

War er bisher darüber unschlüssig gewesen, was er thun und beginnen werde, jetzt gebot ihm die gefährliche Lage, in welcher er sich befand, zu handeln. Mit einem raschen Sprunge saß er hinter dem Prinzen auf dessen Pferde, rieß ihm die Zügel aus der Hand und zog, die Hacke in der gewaltigen Faust schwingend, das Thier vorn in die Höhe, um es durch die Feinde zu treiben.

»Ja haltet mich, Ihr feilen Memmen, haltet mich, wenn Ihr könnt!« donnerte er und schlug den Nächsten von ihnen über den Kopf, daß er zusammensank. »Noch bin ich frei, und wer mich haben will, der mag mich greifen!«

Der Schrecken über die Kühnheit seines Handelns und die Gefahr, in welcher sich demzufolge der Prinz befand, hielt ihre Glieder gelähmt, und als nun endlich Bewegung unter sie kam, war er längst zwischen sie hindurch und jagte in weiter Entfernung von ihnen über den Bruch.

»Ihm nach, ihm nach!« rief es. Flüche und Verwünschungen erschollen; mit lauten Rufen und kräftigen Stößen suchte man die Pferde anzufeuern, und es begann eine Jagd, die für Dietrich gefährlich hätte werden können, wenn nicht der Vorsprung, welchen er hatte, so groß und sein Pferd das beste im ganzen Trupp gewesen wäre. Aller Grimm, alle Schnelligkeit, der man sich jetzt befleißigte, halfen nichts; der rasch entschlossene und verwegene Mann und mit ihm der Prinz waren und blieben für die Nachfolgenden verschwunden.

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Detlev.

Auf der Straße von Lenzen nach Grabow, welche wir schon kennen, ritten zwei Männer dahin, denen ein reisiger Knecht folgte. Es waren Herr Henning von Bismarck und der junge Detlev aus dem Zauberhause zu Tangermünde.

Beide beobachteten ein tiefes Schweigen. Sie näherten sich jetzt immer mehr der Gegend, in welcher das Ziel ihres Rittes lag, dessen Resultat ein höchst zweifelhaftes war. Herr Henning trug sich mit gar ernsten Gedanken. Er kannte den Ruf, in welchem die Bewohner von Garlosen standen, wußte auch, daß sie ihm nicht freundlich gesinnt seien und hegte jetzt in Beziehung auf seine Sicherheit Bedenken, welche desto größer wurden, je näher sie dem Schlosse kamen. Und Detlev war trotz seiner Jugend in diesem Augenblicke ebenso gedankenreich wie sein Gefährte. Er befand sich auf dem ersten Ausfluge, welcher ihm vielleicht Gelegenheit gab, seinen Muth und seine Geschicklichkeit in Führung der Waffen zu beweisen, und vor der ersten Probe klopft das Herz eines Jeden, auch des festesten und sichersten Mannes lebhafter als zu anderen Zeiten. Da endlich brach Bismarck das Schweigen.

»Ihr seid so still und nachdenklich, mein junger Freund. Reut es Euch vielleicht, Euch mit mir in eine Gefahr begeben zu haben?«

»Wie könnt Ihr so fragen, Herr Ritter! Ich fühle mich hochbeglückt, in Eurer Nähe weilen zu können, und wünsche nur, daß bald eine günstige Gelegenheit komme, Euch zu beweisen, daß ich die Gefahr nicht fürchte.«

»Ich will Euch das wohl recht gern glauben, aber die Gefahr, in welche wir uns begeben, ist eine solche, welcher sich nicht mit dem Schwerte begegnen läßt. Wer sich auf Schloß Garlosen begiebt, um die Boldewins wegen einer ihrer Thaten zur Rede zu stellen, der setzt sich sehr der Gefahr aus, von ihnen gefangen genommen und im Burgverließe untergebracht zu werden. Eine Gegenwehr würde da nur Wahnsinn sein. Wollt Ihr es mit mir wagen?«

»Fragt doch nur nicht, Herr! Ich bin mit Euch gegangen und werde bei Euch bleiben in jeder Fährlichkeit, so lange Ihr mich in Eurer Nähe behalten möget!«

Der Ritter reichte dem jungen Manne mit anerkennendem Lächeln die Hand hin.

»Das habe ich von Euch erwartet; aber es könnte mir wohl wenig nützen, Euch mit mir in die gleiche Gefahr zu bringen; ich habe Eure Begleitung vielmehr begehrt, damit Ihr mir auf andre Weise Beihülfe leisten könntet.«

»So wollt Ihr mich von Euch weisen?«

»Nein, ich will Euch vielmehr das Amt eines Wächters anvertrauen, der dafür sorgt, daß mir die Rathschläge der Feinde keinen Schaden bringen.«

»O sagt, was ich thun und beginnen soll! Ich werde Alles treulich ausführen.«

»Das hoffe ich von Euch. Also hört: Ich werde in Begleitung meines Knechtes jetzt nach Garlosen reiten, Ihr bleibt zurück und hütet die Straße. Wenn ich bis zum Anbruche des Abends nicht wieder zurück bin, so haben sie mich gewaltsam zurückgehalten, und Ihr begebt Euch unverzüglich zu meinem Bruder Claus auf Burgstall, welcher das Weitere dann schleunig verfügen wird. Wollt Ihr das für mich thun?«

Es verging eine Zeit, ehe die Antwort auf diese Frage erfolgte, und als sie endlich ausgesprochen wurde, geschah es in einem Tone, welchem nicht viel Freudigkeit anzuhören war.

»Entschuldigt mein Zögern, ja zu sagen zu Euren Anforderungen; ich bin von dem Leben noch nicht geprüft


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worden, aber ich weiß und fühle, daß ich nie ein Freund des Wartens und Zögerns, sondern ein Mann der That sein werde. Könnte ich mitgehen und für Euch mit dem Schwerte drein schlagen, so würde ich das viel lieber thun, als mich an die Straße stellen, um es widerstandslos geschehen zu lassen, daß man Euch Leides thut. Doch werdet Ihr besser wissen als ich, was zu Eurem Heile dient, und so will ich Eurem Willen nicht widerstreben. Ich werde bis zum Abend warten. Kehrt Ihr nicht wieder, so soll die größte Eile mich zu Herrn Claus tragen, und Ihr werdet mir erlauben, auch meinem Vater Kunde zu geben. Es führt mein Weg durch Tangermünde, und er wird nicht säumen, Euch hilfreich beizuspringen.«

»Euern Vater? Ihr meint doch Suteminn?«

»Ja.«

»Ist er Euer rechter Vater?«

»Nein, aber er ist mir lieb und werth gleich einem Vater; ich habe der Liebe und Pflege so viel von ihm genossen, als mir die Eltern nicht hätten angedeihen lassen können, und werde Dankbarkeit und Treue gegen ihn hegen, so lange als mein Leben währt.«

»So habt Ihr Eure Eltern wohl gar nicht gekannt?«

»Wohl habe ich sie gekannt, aber die Länge der Zeit hat die Schärfe der Bilder verwischt, welche ich aus meiner Kindheit mit herübergenommen habe in das spätere Leben. Ich erinnere mich des Vaters als eines großen, stolzen Mannes, dessen Augen immer so tief und ernst auf mir und dem Schwesterlein ruhten, und die Mutter- ja die Mutter, die kann ich Euch gar nicht beschreiben. Wenn ich an sie denke, so ist es mir immer, als weilte ich in dem Paradiese, wo lichte Engel und gütige Feen ihr frommes, segnendes Wesen treiben.«

»Und wie habt Ihr Beide verloren, wie seid Ihr von ihnen gekommen?«

»Das geschah in einem Augenblicke, dessen Schrecken sich meiner Seele tief eingeprägt haben, und den ich nimmer, nimmer vergessen werde. Es war in einem tiefen, dunklen Walde, wo wir reisten; da fielen wilde Männer über uns her und schlugen erst unsere Knechte und dann auch den Vater nieder, obgleich ihnen ein wackerer Gesell zu Hilfe eilte, der brav darein schlug, um uns beizustehen. Der Anführer der Strolche war ein schwarzer Mann, der auf einem eben so schwarzen Pferde unter den Bäumen hielt und nicht eher an dem Kampfe Theil nahm, als bis ein Zweiter herbeigeeilt kam, der unsere Hilferufe vernommen hatte und nun wie ein Teufel unter den Strauchdieben aufräumte. Dann griff der Schwarze an und lockte ihn durch eine Flucht von dem Kampfplatze hinweg; währenddem wurden wir alle gefesselt; einige von den Räubern schleppten die Mutter fort, deren herzbrechendes Klagen und Wimmern mir heut noch in die Ohren klingt, die Anderen trugen den Vater mit sich fort und mit ihm den wackern Burschen, welcher uns Hilfe geleistet hatte und auch niedergeschlagen worden war, und wir beiden, das Schwesterlein und ich, blieben gebunden liegen, bis wir von dem Ritter gefunden worden, der den Schwarzen vergeblich verfolgt hatte und nun zurückkehrte, um nachzusehen, ob auf dem Kampfplatze vielleicht Jemand noch des Beistandes bedürfe. Er nahm uns mit sich, und da es ihm unmöglich war, die Eltern aufzufinden, so beschloß er, uns bei sich zu behalten an Kindesstatt.«

»So war dieser Ritter Suteminn?«

»Ja, und der Anführer der Bande war der schwarze Dietrich, von dem auch Ihr vernommen haben werdet.«

»Wie sollte ich nicht von ihm gehört haben; er ist ja ein Schrecken des Landes gewesen lange Zeit, bis er mit sammt den Seinen plötzlich verscholl. Doch sollte ich meinen, daß Eure Eltern noch am Leben sein könnten, denn mich will bedünken, daß der schwarze Dietrich nicht ihr Leben geschont haben würde, wenn er nicht Ursache gehabt hätte, es zu erhalten. Es sind mir längst schon in Beziehung auf seine Person gewisse Gedanken im Kopfe herumgegangen, und wenn sich mir einst Gelegenheit bietet, Gewißheit zu erhalten, so werde ich nicht säumen, auch nach den Eurigen zu forschen.«

»Ritter,« rief Detlev erregt, »was Ihr da sagt, weckt Hoffnungen in meinem Herzen, die bisher noch niemals darin wach gewesen sind. O, wenn es Euch möglich sein sollte, auch nur eine kleine Spur meiner Eltern aufzufinden, ich würde Euch dafür tausend Leben opfern, wenn ich sie besäße! Wollt darum dieses Eures Versprechens nicht vergessen, sondern seiner gedenken zur günstigen Zeit!«

»Das werde ich; Ihr dürft Euch darauf verlassen! Jetzt aber scheint mir die Zeit gekommen, daß Ihr mich ohne Eure Begleitung weiter ziehen laßt. Es kann uns von Vortheilen sein, wenn die Ritter von dem Kruge nicht wissen, daß ich einen Getreuen in der Nähe habe, welcher die Meinen von dem benachrichtigen wird, was mir widerfährt. Also verbergt Euch wohl, und reitet sofort von dannen, wenn ich bis zum Abende noch nicht zurückgekehrt bin!«

Nach kurzem Abschiede trabte er mit dem Knechte davon, während Detlev sein Pferd über eine Waldblöße lenkte, um hinter den angrenzenden Büschen Schutz und Verborgenheit zu suchen. Er band das Thier an einen Baum und streckte sich dann, tief in den Mantel gehüllt, in ruhender Stellung am Boden aus.

Aber die Kälte des Wintertages war doch zu stark, als daß er es lange so auf dem mit Schnee bedeckten Boden ausgehalten hätte, vielmehr erhob er sich gar bald und beschloß, um sich warm zu erhalten, einen Gang tiefer in den Wald hinein zu unternehmen. Die Rückkehr Bismarcks war jetzt noch nicht zu erwarten, und so schritt er denn ohne Sorge vorwärts, halb sinnend, halb träumend, wie man es eben thut, wenn nichts Wichtiges die Gedanken beschäftigt.

So war fast eine Stunde vergangen, als er sich zur Umkehr entschloß. Da vernahm er seitwärts von sich kräftige Schritte, unter denen der Schnee knarrte. In seiner Lage war es ihm geboten, auf Alles wohl Acht zu haben; hier führte kein Pfad durch den tiefen Forst, und der Mann, welcher vorüberschritt, ging also vielleicht einen Weg, welcher vor Andern verborgen bleiben sollte. So leise wie möglich schritt er dem Schalle nach und gewahrte bald einen Mann, welcher, mit einem feisten Rehbock über den Schultern, sich durch das niedere, abgestorbene Gezweig Bahn brach. Es war eine ungewöhnlich lange, hagere Gestalt, auf welche aber dennoch die Schwere der Last keinen Eindruck zu machen schien, denn der Träger derselben schritt nur wenig gebückt mit seinen dürren, ausgezehrten Beinen so schnell dahin, daß ihm Detlev kaum zu folgen vermochte. Schon wollte dieser in dem Glauben, er habe nur einen für ihn harmlosen Wilderer vor


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sich, dessen Bahn er nicht zu kreuzen brauche, umkehren, als ihn der Klang einer tiefen Baßstimme diesen Entschluß aufgeben ließ.

»Halt, Pruder Steckelpein!« klang es; »pald wäre ich üper Dich hergefallen und hätte Dir Eins üper den Kopf gegepen, weil ich dachte, es wäre ein Fremder! Aper sage mir doch nur, wie Du mit dem Viehzeuge hierher in diese apgelegene Gegend kommst, die wir doch nur pei heimlichen Gelegenheiten petreten dürfen!«

»So, also, Du bist es, Kaspar Liebenow? Komm, nimm mir doch einmal den Braten vom Halse, daß ich ordentlich reden kann!«

»Das kann geschehen. Aper, Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, ist das ein fettes Piest. Sag, wie ist denn der Pock eigentlich auf Deinen Puckel gekommen?«

»D'rauf gesprungen ist er mir nicht! So, also: ich ritt mit meinem Herrn von Stavenow nach Garlosen, und unterwegs sagte ich zu ihm:

»Hört, Ritter, darf ich vielleicht einmal abseits gehen?«

Er sah mich an und antwortete:

»Hrrr! Hm! Was hast Du denn da auf der Abseite zu suchen, he?«

»So, also, das sollt Ihr gleich zu hören bekommen: Ich habe nähmlich gestern, während Ihr mit Denen von dem Kruge bei der Kanne saßet, auf dem Gebiete dessen von Deibow einige Drahtschlingen angebracht. Ihr wißt ja, daß der alte Herr von seinem Lehnstuhle nicht herunter kommt, und deshalb die Thiere seines Waldes wie im Paradiese leben.«

»Hrrr! Hm! Und nun willst Du nachsehen, wie es in dem Paradiese aussieht?«

»Wenn Ihr es erlaubt, Herr?« antwortete ich und freute mich über sein dickes Gesicht, welches in Hoffnung auf den Deibow'schen Braten ein seliges Schmunzeln zeigte.

»Hrrr! Hm! Gut, so gehe abseits; aber sei nicht lange aus, und trage was Du findest nicht auf der Straße nach Garlosen, sondern bringe es durch den Gang. Weißt schon, welchen ich meine! Es ist nicht gut, wenn sich Einer von den Meinigen mit einem Bockleder sehen läßt, welches nicht auf meinem Gebiete gewachsen ist.«

Ich danke, Ritter! Ihr sollt mit mir zufrieden sein, aber meinen Gregorimanorosewitsch kann ich nicht mitnehmen. Wollt Ihr ihn vielleicht an die Zügel binden?«

»Hrrr! Hm! Gieb die alte Ziege her! Sie wird mir nicht viel Sprünge machen; wenn sich nur mein Schimmel nicht vor dem dürren Gespenste fürchtet.«

»Tragt keine Sorge! Der ist zum Fürchten zu leutselig. So, also, da hängt er fest. Gehabt Euch wohl!«

Ich ging, fand den Bock, gab ihm den Gnadenstoß, lud ihn auf und trug ihn davon. Da hast Du die ganze Geschichte. Nun weißt Du sie!«

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Du pist doch ein Deiwelskerl, Pruder Steckelpein, denn auf den Gedanken mit den Schlingen wäre ich nicht gekommen! Also Dein Herr ist nach Garlosen?«

»Ja, Du hast es doch gehört!«

Das ist gut, denn da prauche ich nicht nach Stapenow zu laufen, was keine ehrliche Kriegsgurgel gern zu Fuße thun wird!«

»Nach Stavenow? Was hast Du denn da zu suchen, Kaspar?«

»Ja, das ist eine ganz verdeiwelte Geschichte. Du kannst Dich doch noch auf die Juden pesinnen, welche wir da unten in dem Loche stecken hapen?«

»Warum sollte ich nicht? Es ist ja nur erst einige Tage her, seit wir sie hinunter steckten.

»Gut. Da kommt vorhin ein Ritter, ich glaupe, es war Einer von Pismarck, und sagt, die Juden hätten Gelder pei sich, die ihm gehörten; er verlange sein Eigenthum zurück und außerdem die Freiheit der peiden Männer und ihrer Tochter; sie seien von Gardelegen, wo Einer hause, der es üpel vermerken werde, wenn man Leute peraupe, welche seinem Schutze anvertrauet seien.«

»So, also, und was haben denn unsere Ritter zu dieser dreisten Rede gesagt?«

»Sie hapen ihm erst mit der Faust gewinkt, daß er gehen solle, und als er trotzdem dagepliepen ist und fortschimpfiret hat, hapen sie ihn festgenommen und in ein Gelaß gesperrt, wo es nicht gar üpel ist.«

»Das hätte ich auch gethan. Was hat sich ein Bismarck um das zu kümmern, was auf Garlosen geschieht!«

»Höre, Pruder Palthasar, Du redest mit einem schiefen Schnapel! Wenn das Geld ihm gehört, so praucht er es sich nicht nehmen zu lassen, und wie der alte Poldewin pemerkte, so hat der Pismarck einen ganz verdeiwelt guten Stand pei dem Purggrafen. Der wird es nicht leiden, daß man einen seiner Ritter des Geldes und der Freiheit peraupe, und ich glaupe, wir sehen ihn pald mit einigen wenigen Leuten vor Garlosen erscheinen, um uns aus der alten vermaledeieten Donnerpüchse ganz gehörig anzuspucken.«

»So, also! Und vor der fürchtest Du Dich? Die reite ich mit meinem Gregorimanorosewitsch über den Haufen, daß die Stücke davonfliegen!«

»Pruder Steckelpein, das wirst Du wohl pleipen lassen! Allen Respect vor Dir und Deinem Laforikorilorimitsch mit sammt Euren langen Peinen, aper die Püchse, das ist das große Wunderthier mit den siepen Köpfen, was in der Pipel steht und Feuer speit grad' so wie der perühmte Perg Vesuvius in Welschland, in dem der große Höllendrache wohnt, dem sie alle Tage zwölf siepzehnjährige Jungfrauen zu fressen gepen müssen, wenn er nicht das Land verwüsten soll.«

»Das ist ja ganz schauderhaftes Viehzeug, Kaspar, aber einen schlechten Geschmack scheint er mir nicht zu haben, denn so ein siebzehnjähriges Burgfräulein muß doch zarter sein, als solch altes Pergament wie Du und ich.«

»Höre, Palthasar, Du darfst mich nicht peleidigen! Ich und mein Pruder Peter, wir sind die schmucksten Purschen gewesen in den ganzen Marken, und die Mädels hapen sich unsertwegen fast die Augen aus den Köpfen gedreht. Jetzt freilich pin ich etwas weniger hüpsch, aper immer noch ein ganz reputirlicher Kerl.«

»So, also, einen Bruder hast Du gehabt? Welchem Herrn dient der jetzt?«


Ende des fünften Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk