Heft 16

Feierstunden am häuslichen Heerde

16. Dezember 1876

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


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Bismarck löste ihn aus dieser peinlich seligen Lage, indem er das Schweigen brach.

»Laßt uns eilen, daß wir von hinnen gehen. Man könnte uns sonst entdecken, und dann würde es uns wohl schwerlich gelingen, aus diesem Hause zu entkommen!«

»Noch müssen wir warten, Ritter,« antwortete Detlev, der dem Sprecher gegenüber seine Sprache wiederfand. »Der Gang, durch welchen wir uns entfernen müssen, ist jetzt nicht sicher für uns, da sich mehrere Knechte der Herren von dem Kruge in demselben befinden. Sie sind ausgezogen, mich zu fangen, und werden, wenn sie mich nicht finden, wohl bald zurückkehren.«

»Euch fangen? Wer hat ihnen von Euch Nachricht gegeben?«

»Euer Knecht, den sie ausgefragt haben; ich hörte es aus ihrem Munde.«

»Der Verräther! So soll es mich auch nicht grämen, daß ich ihn zurücklassen muß. Ist der Gang ein verborgener?«

»Er mündet hier unter diesem Steine, nach dessen Beseitigung man in ein Grabgewölbe gelangt, aus welchem es unter der Erde fortgeht bis hinaus in den Wald. Laßt uns hinter den Altar zurücktreten; ich hoffe, daß wir nicht zu lange warten müssen!«

Diese Hoffnung erfüllte sich. Nach nicht langem Warten ertönte unter der Kapelle ein Geräusch, welches auf das Nahen der Erwarteten hindeutete, und nicht lange darnach hob sich die Steinplatte, aus welcher die hohe und breite Figur des Wachtmeisters emporstieg, dem Schwalbe mit einigen der Uebrigen folgte.

»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche!« brummte der Erstere; »aper es ist für einen ehrlichen Kriegsmann nichts Liepenswürdiges, seine alten Peine so durch den dunklen Erdpoden hindurchzuschiepen. Was sagst Du dazu, Pruder Schwalpe?«

»Wat ich da derzu sage? Nichts, gar nichts nich. Aber daß ich gewiehert habe, ohne den Mann bekommen zu thun, dat thut mir gewaltig ärgern. Seinen Gaul haben wir, aber wat thut uns dat nützen mögen? Und ob ihn der Balthasar mit seinen langen Armen fangen werden wird, dat is mich auch noch so eine gewisse Art von Unsicheres. Wir konnten selber unten bleiben thun, und ich glaube, daß Du hier einen großen Fehler wirst zu thun gehabt haben!«

»Schwalpe, Pruder Schwalpe, was für ein Deiwel ist Dir denn eigentlich in den Leip gefahren, daß Du glaupst, der Wachtmeister Kaspar Liepenow könne einen derartigen Fehler pegehen? Wenn wir unten pleipen und pekommen ihn nicht, so hapen wir die Suppe auszuessen, pleipt aper der Palthasar unten und pekommt ihn nicht, so hat er es zu verantworten, und üprigens hape ich ihm so viel Mannen gelassen, daß ihm der Junker nicht davonlaufen kann, wenn er zu seinem Gaule zurückkehrt. Kannst Du es pegreifen?«

»Höre 'mal, Du alter Schlagmirtodt, Du thust doch zuweilen einen ganz guten Gedanken haben, und ich wundere mir nur über mir selber, daß ich ihn nicht gehabt haben thue. Aber ist es nicht dieser Fehler, so thut es ein anderer sein, den wir alle gemacht haben, und dieser möchte mir noch viel mehr Wunder nehmen als der vorige.«

»Mir ist von einem Fehler keine Spur pekannt; also sag, was wir nicht richtig gemacht hapen!«

»Ja, wir haben es nicht blos nicht richtig gemacht, sondern wir thun es sogar vollständig ganz und gar nicht gemacht haben. Sage einmal, Kaspar, wat thun wir jetzt für eine Jahreszeit haben?«


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»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Deine Frage könnte mich peinahe peleidigen! Winter natürlich!«

»Schön! Und wat thut es im Winter?«

»Kalt sein.«

»Nicht richtig. Weiter!«

»Schneien.«

»Gut! Und wenn es schneien thut und es läuft Einer in dem Schnee herum, wat thut man hernachmals sehen?«

»Die Fußtapfen.«

»Na, also! Weißt Du nun, wat ich meene?«

»Jetzt weiß ich es. Aper das ist ja eine ganz verfluchtige Deiwelsgeschichte, daß wir so lange draußen herumgelaufen sind und hapen auch das Pferd gefunden, aper auf die Fußspuren sind wir noch nicht gefallen. Pruder Schwalpe, Du pist ein Esel, ich pin zwei Esel, und von den Anderen ist Jeder drei Esel!«

»Da thust Du Recht haben, von wegen die zwei Esels und drei Esels; den einen aber nimmst Du zu den zweien und dann thut es grad zwei mal drei sein. Wat meenst Du da derzu, Kaspar?«

»Pruder Schwalpe, wenn Du es nicht wärst, so schlüge ich Dir ein Loch in den Kopf, so groß, daß Du selper hineinfallen und die Peine prechen könntest. Aper da stehen wir und vergessen, den Rittern Rechenschaft zu gegen von dem, was wir pegonnen hapen. Hept den Stein wieder an seine Stelle; den Gang können wir auch schließen, denn Pruder Steckelpein wird mit seinem Volke durch das Thor kommen!«

Während die Leute seiner Weisung folgten, trat er zu dem Beichtstuhle, und das darauf folgende unterirdische Rollen bewies, daß der Mechanismus seine Schuldigkeit gethan habe. Während dessen hatte Bismarck den gebundenen Geistlichen mit Hilfe Detlevs in die Zelle getragen, in welcher die Juden eingesperrt gewesen waren, und ihn dort eingeschlossen. Als die Kriegsknechte sich entfernt hatten, nahm Detlev den Stein hinweg, ließ die Uebrigen in die Oeffnung treten und brachte, ehe er ihnen folgte, den Drücker, welcher in dem Beichtstuhle angebracht war, in Bewegung. Darnach folgte er ihnen.

Mit Hilfe der Laterne wurde ihnen die Passage durch das Gewölbe und den Gang leichter, als sie es ihnen bei vollständiger Dunkelheit gewesen wäre, und nur die Jüdin, an dergleichen Anstrengungen und Abenteuer nicht gewöhnt, hielt das schnelle Vorwärtskommen um ein Beträchtliches auf. Endlich traten sie vor die Felsenspalte; es war mittlerweile Nacht geworden, und der Mond warf ein zweifelhaftes Licht durch das wirre Gezweig auf die der wiedergewonnenen Freiheit sich freuende Gesellschaft.

»Itzig,« rief Schmuel, »das Wägelchen ist hin und mit ihm Alles, was wir haben gepackt darauf und bezahlt mit grausam vielem Gelde; aber daß ich kann wiedersehen den runden Mond, den breiten Himmel und die langen Bäume, das ist mir lieber, als daß ich verloren habe das Geld. Laß uns loben den Herrn, welcher errettet hat Noah aus der Fluth des grimmigen Wassers, und danken diesen Herren, die gedacht haben an uns in der Zeit der Noth!«

»Ja, wir wollen lobsingen und spielen einen Reigen, wie die Tochter Jephtha's, als er kam von der Schlacht, in welcher er geschlagen hatte die Feinde Israels. Und Du, mein Kind, laß hören Deine Stimme zu dem herrlichen Ritter, welcher in dem Augenblicke der Gefahr herbeigesprungen ist wie der Löwe vom Libanon und die Löwin von Hermons Bergen und hat geschlagen den Priester Astaroths auf das Haupt, daß er ist umgefallen wie ein Stein, den man stößt in den Sand!«

Diese Mahnung war überflüssig, denn schon während der Wanderung durch den Gang hatte sich das schöne Mädchen auf Detlev gestützt, und bei dem Austritte aus demselben erfaßte sie seine Hand und zog sie fest und innig an den Mund.

Dabei lehnte sie ihr dunkles Köpfchen an seine Schulter und frug mit zitternder Stimme:

»Wie kann ich Euch jemals danken, Herr! Es ist zu groß, was Ihr an uns gethan habt, als daß wir mit Worten sagen könnten, was unsere Herzen denken. Ich bin nur eine geringe Magd, aber erlaubt mir, an Euch zu denken, so oft meine Seele zurückkehrt zu den Schrecken der letzten Tage!«

»Laßt den Dank und alles Reden jetzt noch bei Seite,« meinte Bismarck. »Ihr habt ja gehört, daß es hier Späher giebt, welche uns gefährlich werden könnten. Wo habt Ihr Euer Pferd gelassen?«

»Erlaubt mir, Euch zu führen! Der Ort ist nicht gar weit von hier, und ich werde ihn wohl trotz des nächtlichen Dunkels wiederfinden. Doch nehmt das Schwert zur Hand, damit uns Niemand unbewehrt findet!«

Langsam und vorsichtig ging es vorwärts; es war ein gefährlicher Weg, denn jeden Augenblick konnte der lange Kriegsknecht, den Detlev in der Kapelle gesehen hatte, über sie herfallen. Die Nacht war zwar nicht vollständig finster, aber die Schatten täuschten, und in jedem dunklen Streifen glaubte der junge Mann einen der herbeieilenden Feinde zu erkennen. Er überlegte, wie der gefürchteten Ueberraschung vorzubeugen sei, und erinnerte sich der Art und Weise, wie der listige Schwalbe das Pferd gefunden hatte. Er blieb stehen, legte die Hand an den Mund und ließ ein täuschend ähnliches Wiehern erschallen. Die stille Nachtluft trug es weit durch den Wald und brachte bald auch die darauf erfolgte Antwort zurück. Mit vermehrter Vorsicht wurde der Weg fortgesetzt, Detlev immer voran, dann Bismarck und in einiger Entfernung die Anderen hinterher. Nach einiger Zeit wurde das Wiehern wiederholt, die Antwort ertönte aus fast unmittelbarer Nähe, und bald darauf löste sich eine dunkle Gestalt vom Schatten der Bäume und trat, gefolgt von einer kleinen Anzahl Männer, auf Detlev zu.

»So, also! Da bist Du ja wieder. Konntest wohl den Weg nicht finden, Kaspar? Was haben die Ritter gesagt?«

»Wirst es gleich hören und fühlen!« rief der Angeredete und sprang in der Absicht, ihm das Schwert zu entreißen, auf ihn zu. Leider aber blieb sein Fuß an der Wurzel eines Baumes hängen, und ehe er das verlorene Gleichgewicht wieder erlangen konnte, hatte Balthasar die Waffe aus der Scheide gerissen und drang auf ihn ein.

»D'rauf, ihr Leute!« rief er; »er ist es, den wir suchen. So, also, nur immer wacker!« Aber schon stand Bismarck vor ihm, und die Klingen Beider kreuzten sich zum lebensgefährlichen Waffentanze.

Fast hätte man meinen sollen, der skelethagere Knecht sei dem Ritter überlegen; er führte sein Schwert gleich


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einem Satan und machte Herrn Henning gar viel zu schaffen. Wer weiß, welches Ende der Kampf genommen hätte, wenn nicht Detlev noch zur rechten Zeit an die Seite seines hart bedrängten Gefährten getreten wäre. Es war ihm gelungen, einem der Knechte den Flamberg zu entwinden, und so bewaffnet, hatte er sie nach wenig Augenblicken in die Flucht geschlagen. Nun wandte er sich gegen Balthasar, dieser that das Seinige, dem doppelten Angriffe kraftvoll zu widerstehen; als er aber bemerkte, daß dies unmöglich sei, und zudem wahrnahm, daß sich die Seinen aus dem Staube gemacht hatten, holte er zum letzten wuchtigen Hiebe aus und rief:

»Fort, alle miteinander? So, also, da stelle ich mich auch nicht allein her und lasse mir das Leder gerben!«

Der Hieb wurde geschickt parirt, und mit zwei Schritten seiner langen Beine war er verschwunden. Detlev versuchte, ihn einzuholen, mußte aber die Fruchtlosigkeit dieses Beginnens einsehen und kehrte daher zu den Anderen zurück.

Bald war das Pferd gefunden; es befand sich noch an demselben Platze, wo sein Herr es angebunden hatte, und schnaubte demselben freudig entgegen. Nach kurzer Berathung ward beschlossen, das Mädchen auf das Thier zu heben und zu Fuße den Weg zum nächsten Orte einzuschlagen, um sich dort wieder beritten zu machen.

Der Zug setzte sich in Bewegung; nach kurzer Wanderung war die Straße erreicht, und nun ging es ungesäumt in der Richtung auf Lenzen zu, in welcher das nächste Dorf zu finden war. -

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Ein Uchtenhagen.

Es war zu Spandau, und fast noch niemals hatte die Stadt so viel fremde Gäste in ihren Mauern beherbergt als jetzt, denn Unzählige eilten von Nah und Fern herbei, um ein Ereigniß mit anzuschauen, von welchem die Kunde weithin durch das Land erklungen war: Werner von Holzendorf, als markgräflicher Hauptmann auf Schloß Bötzow gestellt, hatte einen offenen Feind des Markgrafen, auf welchem die kaiserliche Acht ruhte, in seinen Schutz genommen und sollte nun über diese That zur Rechenschaft gezogen werden. Nach damaligem Gebrauche wurde die Verhandlung auf öffentlicher Dingstätte vorgenommen, und da dies seit langer Zeit der erste Felonieprozeß war, welcher in den Marken vorgenommen wurde, so erregte er ein gar gewaltiges Aufsehen, und ein Jeder wollte Augen- und Ohrenzeuge sein von dem, was dabei zu sehen und zu hören war.

Schon vorher hatte Markgraf Friedrich einen Landtag nach Berlin berufen und Herren, Mannen und Städte dazu eingeladen. Es sollte besonders über die eroberten Quitzowschen Güter eine gesetzliche Bestimmung getroffen werden, und auch Werner von Holzendorf mußte sich dazu einfinden, was er ohne Bedenken thun konnte, weil er sicheres Geleit hatte.

Nach Beschlußfassung über die Quitzowschen Angelegenheiten hatte sich Friedrich von seinem Sitze erhoben und folgende Ansprache gehalten:

»Euch allen, Ihr Herren, Ritter und Abgesandten Meiner getreuen und liebenwerthen Städte ist bekannt, daß Dietrich von Quitzow Mein und Meiner Lande Feind war und auch noch heute ist, der Meine Dienstleute und viele Meiner Unterthanen gefangen, geschlagen und ihnen das Ihrige genommen hat und sich seit der Eroberung der Burg Friesack auf der Flucht vor Mir befindet. Unbekannt aber wird es Euch sein, daß er von Werner von Holzendorf zu Bötzow aufgenommen worden ist, der ihm die verschlossenen Thüren und Räume geöffnet hat, so daß er mit seinem vollkommenen Wissen und Zustimmen hindurchreiten konnte. Ferner hat er ihn auf Neumühl zugelassen, wie Mir berichtet worden ist, und ihn deshalb hegen, speisen und bedienen lassen als einen kranken Knecht, an dem Mir nichts gelegen sei. Meine Diener und Boten hat Der von Holzendorf mit Schmach überfallen, geschlagen und gefangen genommen, sodaß Ich Mich mit Meiner fürstlichen Würde und Ehre tief gekränkt und beleidigt sehen muß. Jetzt nun ist Dietrich aus Neumühl weiter entflohen und der gerechten Strafe entzogen worden. So frage Ich Euch denn, Herr Werner, ob Ihr Euch zu den vorgedachten und beschriebenen Thaten bekennt oder Meine Beschuldigung der Unwahrheit zeihen möget!«

Auf diese Worte hatten sich Aller Augen auf Werner gerichtet. Dieser aber war in stolzer Haltung aufgestanden und hatte also geantwortet:

»Ich bin mit nichten ein Mann, welcher abläugnen möchte, was er gethan. Es ist so, wie Ihr gesagt habt, hoher Herr! Allein Ihr möget auch gar wohl bedenken, daß Dietrich von Quitzow schon längst vorher mein Freund und Waffenbruder war, ehe Ihr mein Gebieter wurdet, und daß dieser redlichen Freundschaft wegen sein Verhältniß zu Euch kein Grund werden konnte, auch mein Verhältniß zu ihm zu ändern!«

Darauf hatte Friedrich erwidert:

»Ihr hört, Herren, Mannen und Städte, wozu sich der Ritter Werner von Holzendorf bekennt. Ich behalte es mir vor, vor vollbesetzter Lehnsbank meine Klage gegen ihn vorzubringen!«

Darauf war die Sache anhängig gemacht worden, und Friedrich hatte Herrn Hans von Torgau als Richter in dem zu erwartenden Prozesse gewählt. Dieser suchte sich dazu die erforderliche Anzahl von schildgeborenen Schöppen und Beisitzern, wie sie das Lehenecht verlangte, und berief sie zusammen, um mit ihnen die Lehnsbank zu besetzen. Friedrich brachte seine Klage vor, wie er sie bereits ausgesprochen hatte, gab die Thatsachen an, deren Werner von Holzendorf eingeständig war, und fragte dann das Gericht, ob Werner als sein gehuldigter und geschworener Diener damit die gelobte Treue lehnsrechtlich gegen ihn gebrochen hätte. Da die Schuld nicht bezweifelt werden konnte, so sprach das Gericht das Urtheil, nach welchem Werner vorgeladen wurde, um sich zu verantworten, wie es das Lehnrecht so erforderte. Infolge dessen erhielt er die Ladung, sich den Tag vor dem Lehnsgerichte in Spandau einzufinden, und es wurde ihm dabei bedeutet, daß ihm sein Recht geschehen werde, ob er sich nun einfinde oder nicht. -

Der erwartete Tag war herangekommen, und schon früh vor Sonnenaufgang rief die Glocke zu Spandau die Einwohner und alle Fremden zur Dingstätte.

Vor der Schloßbrücke stand ein Tisch und an zweien


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seiner Seiten je zwei Bänke in einer Reihe, also vier Bänke. An dem einen Ende stand ein ziemlich hoher Stuhl mit zwei vergoldeten Knöpfen; er war für den Richter bestimmt. Auf dem Tische lag ein weißer Stab, und hinter dem Stuhle hing ein Heerschild an einer fest in den Boden gestoßenen Lanze. Das Alles waren die Attribute der damaligen Gerichtsstätte, und nach damaligem Brauche hatte man den langen Tisch in der Richtung von Westen nach Osten aufgestellt, so daß der Richter am Westende saß und gegen Morgen schaute.

Allmälig fand sich das Volk ein und umgab die Gerichtsstätte. Wie Meereswogen rauschte das Gemurmel der vielen Stimmen durch den kalten Morgen und dämpfte selbst dann nicht, als Hans von Torgau als fürstlicher Rath und Richter mit den Schöppen oder Urtheilern der Gerichtsbank aus dem Schlosse trat.

Mit Aufgang der Sonne nahmen Alle ihre Plätze ein. Richter und Schöppen hatten Mäntel über die Schultern und erschienen unbewaffnet mit bloßem Kopfe und ohne Handschuhe, wie es der Gebrauch erforderte. Die Schöppen setzten sich auf die Bänke. Hans von Torgau aber setzte sich auf den Stuhl, indem er vorschriftsmäßig ein Bein über das andre schlug, in jenen Zeiten der Ruhe, der Beschaulichkeit und des Nachdenkens. Die Namen der Schöppen sind uns aufbewahrt; es waren: der junge Hans von Uchtenhagen, Heinrich von Strantz, Kunz von Hohendorf, Hans Barfuß, Czaslau von Conradsdorf, Siegmund von Knoblauch, Albrecht von Buste, Wieprecht von Thömen, Raven von Neukirchen, Albrecht von Quast, Cuno von Thömen, Witza Wolf und Herrmann Itzenplitz.

Hans von Torgau ergriff den weißen Stock und hielt ihn aufrecht in der Hand. Dann fragte er:

»Ist es an der Tageszeit, daß ich meinem Herrn das Lehnrecht hegen möge?«

»Es ist hoch am Tage,« antwortete Wieprecht von Thömen, und die Sonne scheinet, so daß Ihr, wenn Ihr von Gott und von unserm Herrn, dem Markgrafen, die Macht und Gewalt habt, ein öffentliches Lehnricht hegen, halten und spannen möget!

»Ist der Stuhl zu der Hege genugsam besetzt?« frug Hans weiter.

Cunz von Hohendorf erhob sich und überblickte die Zahl der auf den Bänken Sitzenden. Dann antwortete er:

»Er ist zur Hege genugsam besetzt, und wir sind alle vorhanden, die zum Rechte erforderlich sind.«

Darauf schlug Hans mit dem Stabe auf den Tisch.

»So gebiete ich denn Stille und befehle Bann und Frieden, daß ein Jeder schweige und sich aller Keif- und Scheltworte enthalte. Niemand gehe aus dem Gerichte oder in das Gericht, er habe denn Urlaub; Keiner falle dem Andern in das Wort, ohne Erlaubniß zu fordern, und auch Niemand besetze ohne Erlaubniß eines Andern Stelle. Ich verbiete Zwietracht und Alles, was das Gericht kränken kann; ich verbiete Hand und Mund, und ich verbiete Euch überhaupt Jedes, was ich verbieten soll, und erlaube Alles, was ich erlauben soll, hin und her zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male. Die Lehnbank ist gespannt!«

Ringsum trat die tiefste Stille ein. Alle Zuschauer und Zuhörer, welche, weil sie um das Gericht herum standen, der Umstand genannt wurden, beobachteten das größte Schweigen, denn ganz allgemein galt das Gericht als etwas durchaus Heiliges und Ehrfurchtgebietendes, weshalb auch die Richter und Schöppen mit vollem Vertrauen ohne Schutz und Waffen ihr ernstes Geschäft mitten unter der Volksmasse ausüben konnten, von der sie häufig durch gar kein Hinderniß, öfters nur durch einen dünnen, umspannenden Faden oder eine unbedeutende hölzerne Schranke geschieden waren; ein Beweis, daß die nicht wegzuleugnende Rohheit der Masse doch ihres Zügels nicht entbehrte, wo es nothwendig war. Die Ueberschreitung der gesetzten Schranke wurde hart gebüßt. Ausländer durften sich ihr nur bis auf eine gewisse Entfernung, meistens bis auf sechzig Fuß, nahen.

»So weiset mir denn,« fuhr Hans von Torgau fort, »ob die Bank nach Lehenrecht gespannt ist, und ob ich ein rechtes Lehengericht halten werde!«

Die Schöppen antworteten im Chore:

»Die Bank ist nach Recht und alter Gewohnheit gespannt, genugsam besetzt, und es ist wohl an der Tageszeit, daß Ihr ein rechtes und gerechtes Lehengericht hegen und halten werdet.

»So lasset den Kläger in die Schranken treten!«

Der Umstand öffnete eine Bahn, und Burggraf Friedrich näherte sich mit seinem Vorsprach und blieb dem Richter gegenüber am östlichen freien Ende des Tisches stehen.

Richter und Beisitzende erhoben sich ernst, um den hohen Herrn schweigend zu begrüßen; dann wandte sich Hans an den Vorsprach:

»Ihr habt Urlaub, zu sprechen!«

»Herr Richter,« nahm darauf der Angeredete das Wort, »ich klage gegen den Ritter Werner von Holzendorf und frage, ob ich in besetzter und gehegter Bank zu Lehenrecht mit Urtheil rechtlich und vollkommen mit meiner Klage komme!«

»Ihr kommet rechtlich und vollkommen zu uns mit Eurer Klage!«

»Herr Richter, ist Werner von Holzendorf auf diesen heutigen Tag geladen und gefordert, meinem Herrn, dem Burggrafen, wegen seiner Schuld zu antworten zu Lehenrecht, wie es recht ist?«

Auf diese Frage erhoben sich Albrecht von Quast, Cuno von Thömen und Witza von Wolf:

»Wir drei Männer thun hier in gehegter Bank das Bekenntniß, daß wir als Boten die Ladung gethan haben.«

»Auf dies Bekenntniß frage ich,« wandte sich Hans an die Schöppenversammlung, »ob der Ladung nach Lehenrecht Genüge geleistet ist.«

»Es ist der Ladung genug geschehen!« lautete die einstimmige Antwort.

»Kann sonach mein Herr seine Klage thun und verlauten lassen?«

»Ja!«

»Herr Richter,« begann nun wieder der Vorsprach oder Anwalt, »ich frage, wie oft ich bedingen und beklagen muß.«

»Dreimal.«

Die Klage wurde nun, so wie sie Friedrich schon auf dem Landtage ausgesprochen hatte, jetzt von seinem Beauftragten dreimal angebracht, und der Letztere fügte dann hinzu:

»Das Alles hat Werner gethan! Da er nun meines


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Herrn gehuldigter und geschworener Mann und Diener ist, so hat er damit seine Treue gegen ihn nach Lehenrecht gebrochen. Auf diese seine verlautbarte Schuld ist nach Lehenrecht geurtheilt, daß man Werner heischen sollte zur Verantwortung, und ist das geschehen nach Gebrauch und nach Recht, wie es vorgeschrieben ist.«

»Auf diese Anschuldigungen frage ich,« entgegnete Hans, »ob Werner von Holzendorf auf Bötzow dieser Handlungen eingeständig gewesen ist.«

»Wir alle sind des Zeuge!« klang es in der Runde.

»So bedarf es keiner zugezogenen Zeugen. Untersuchet denn, ob der genannte Werner die Treue an seinem Herrn, dem Burggrafen, gebrochen hat!«

Die Schöppen begannen eine leise Unterredung, deren Ergebniß bald also lautete:

»Wir finden nach Lehenrecht, daß Werner von Holzendorf die Treue an seinem und unserm Herrn gebrochen, er habe denn Hülfrede, die ihm in dem Rechte möchte behülflich sein nach Lehenrecht.«

»So lasset uns des Angeklagten und seiner Hülfrede warten!«

Dieses Warten war allerdings vergeblich, denn Werner hatte sich nicht zu dem Prozesse eingefunden. Furcht hielt ihn nicht zurück, denn es konnte weder seine Person noch seine Freiheit dabei angetastet werden, da es sich allein um das Lehen handelte. Allein er wußte recht gut, daß er Nichts zur Beschönigung seiner That beibringen konnte, nichts, wodurch die Wendung der Sache für ihn günstiger werden konnte, und darum blieb er zu Hause. Hätte er die Flucht Dietrichs von Grobsdorf weg nebst den dabei stattgehabten Umständen gekannt, so hätte er gewiß nicht so ruhig auf Bötzow gesessen und dem Schlusse des Prozesses zugewartet.

Nachdem man die bestimmte Zeit erfolglos auf sein Erscheinen geharrt hatte, trat der Vorsprech wieder herbei, wiederholte seinen vorigen Antrag und fügte demselben bei:

»Da hiernach Werner von Holzendorf sich Bötzow, Neumühl und anderer Güter, bewegliche und unbewegliche, mit Unrecht unterwunden hat und diese meinem Herrn zu Rechte verfallen und ledig geworden sind, so frage ich, ob er die genannten Güter und Schlösser nach Lehenrecht ihm unverzüglich abtreten und überantworten muß.«

»Weiset dann meinem Herrn, was nach Lehenrechte recht ist!« befahl Hans den Schöppen.

Diese gingen auf die Seite nach einem besonders eingehegten Orte und besprachen sich besonders mit dem Umstande. Nach einer Weile kamen sie wieder, und Ritter Heinrich von Strantz sprach dann:

»Wir urtheilen, daß Werner unserm Herrn die vorgenannten Schlösser und Güter abtreten und unverzüglich zurückgeben soll, es sei denn, er hätte Hülfrede, die ihm in dem Rechte möchte behülflich sein!«

Wieder wurde beschlossen, seiner zu warten, und der Frohnbote mußte ihn dreimal an verschiedenen Orten der Stadt vorladen. Indessen verging der Tag, ohne daß er erschien. Gegen Untergang der Sonne gebot Hans Stille, und Friedrichs Vorsprech fragte:

»Auf welche Zeit und bis zu welchem Tage soll mein Herr der Hülfrede warten nach Lehenrecht, um sein Recht zu vollführen, also daß ihm Recht geschehe, und Wernern an seinen Hülfreden kein Unrecht, und wie soll Werner zu dem Tage geladen werden?«

Hans von Uchtenhagen antwortete:

»Wir finden nach Lehenrecht vierzehn Tage und sechs Tage, ausgenommen verbundene Tage, als da sind Sonntage und Feiertage, und daß nicht Irrnisses und Zwiespruch darin geschehe, soll die Ladung geschehen mit des Richters Briefe und zwei ehrbaren Mannen unsers Herrn, und Ihr, Herr Richter, habt nach Urtheil und Recht den Tag zu setzen und den Ort zu benennen.«

»So setze ich denn den Tag auf den Freitag nach des heiligen Leichnamstag nächstkommend, und den Ort zu Berlin.«

»Ich habe,« schloß nun der Ankläger, »meines Herrn Recht und Zuspruch zu Lehenrecht bei aufsteigender Sonne angehoben und bis zu niedersteigender Sonne lange nach Mittage gewartet. Habe ich dem Rechtstage zu Lehenrechte genug gethan?«

Zwei Schöppen verließen die Bank, um die Sonne zu beobachten, und brachten die Nachricht, daß sie sich tief neige, worauf ihm gesagt wurde, er habe dem Rechte genug gethan. Darauf wurde das Gericht aufgehoben. -

Wie schon gesagt, erregte dieser Prozeß das ungeheuerste Aufsehen weit über die Marken hinaus. Die Freunde der Ordnung und öffentlichen Sicherheit, welche wohl einsahen, daß dem Lande unter der weisen, strengen und gerechten Regierung Friedrichs eine bessere Zukunft erblüht, freuten sich der Energie, mit welcher er das einmal ergriffene Scepter führte und dies begonnene schwere Werk fortsetzte, Diejenigen aber, denen sein Streben nach Aufhebung des Faustrechtes und der Vergewaltigung im Wege stand und Schaden zu bringen drohte, knirrschten ingrimmig mit den Zähnen; und da ihre Macht wenigstens in der gegenwärtigen Zeit zu einem offenen Widerstande nicht hinreichte, so machten sie wenigstens eine Faust im Sacke, hielten wortreiche aber fruchtlose Berathungen, zogen sich mit ihrem Wesen und Treiben aus der Oeffentlichkeit mehr und mehr in die Verborgenheit zurück und warteten nur auf den günstigen Augenblick, um dem fremden Eindringling, wie sie den Markgrafen nannten, die Kraft ihrer Fäuste fühlen zu lassen und ihn aus dem Lande zu jagen.

Das Benehmen Werners von Holzendorf seinem Freunde und langjährigen Waffengefährten Dietrich von Quitzow gegenüber hatte nicht nur die vollständige Billigung der widerstrebenden Adelspartei, sondern selbst die Freunde des Markgrafen mußten sich sagen, daß er gehandelt habe, wie es einem treuen Verbündeten gezieme. Er hatte Alles, was er besaß, redlich auf das Spiel gesetzt, um sein ritterliches Wort zu lösen, und besaß die Theilnahme des größten Theiles der Bevölkerung. Und diese Theilnahme ward um so größer, als ein jeder Verständige einsehen Mußte, daß das Urtheil des nach Berlin verlegten Gerichtes, dem er unter den gegebenen Verhältnissen unmöglich widerstehen könne, ihn unbedingt in den Verlust seiner Güter und Besitzungen erklären werde. Doch sah man sehr wohl nicht nur die Nothwendigkeit, sondern auch die Gerechtigkeit dieser Maßregel vollständig ein und hegte die Hoffnung, daß die allbekannte Milde und Freundlichkeit des Fürsten die Härte des Augenblicks später nach Kräften lindern werde.

Aehnliche Gedanken hatten auch die beiden Männer, welche am Tage nach dem Lehngerichte auf der Straße


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von Spandau nach Brandenburg dahinritten und die gestrigen Ereignisse zum Gegenstande ihrer Unterhaltung gemacht hatten. Es war Hans von Uchtenhagen, welchen wir in dem Kreise der Schöppen bemerkt haben, mit seinem jüngeren Bruder Karl.

Der Erstere wurde trotz seiner Jugend zu den hervorragendsten Rittern des Landes gezählt, und der Letztere versprach, ihm in Allem ein würdiges Ebenbild zu werden. Von jeher schon hatten sich die Uchtenhagens eines ausgezeichneten Rufes erfreut; die Mannen ihres Geschlechtes hatten bei allen großen und eingreifenden Ereignissen stets mit an der Spitze gestanden; reich an Tugenden und Ehren, waren sie immerfort bemüht gewesen, ihrer ruhmreichen Vergangenheit eine gleich glänzende Zukunft anzureihen, und weit über die Grenzen des Landes hinaus erklang bei Mahnruf und Ritterschlag das Wort: »Steh' fest und werde wie ein Uchtenhagen!«

Hans war von untersetzter, breitschulteriger Figur und bot in seiner graden, strammen Haltung, mit den scharfen, blitzenden Augen und links und rechts weit über das gebräunte Gesicht hinausragendem Schnurrbarte einen gar stattlichen, achtungweckenden Anblick. Karl war schlanker gebaut als er; noch keimte der männliche Bart nur als leichter Flaum auf seiner Lippe, und in seiner Haltung und seinen Bewegungen lag etwas Weiches, welches auch mit der gewohnten Milde seiner Redeweise vollständig harmonirte; doch wer ihn deshalb für einen Knaben gehalten hätte, der wäre mit seinem Urtheile auf einem sehr großen Irrwege gewandelt und hätte sich vielleicht damit gar die Veranlassung zugezogen, seinen Irrthum schwer und bitter zu bereuen, denn der junge Mann war gar schnellen und kühnen Sinnes, hatte sich schon öfters als tüchtiger Kämpfer gezeigt und bei solchen Gelegenheiten stets bewiesen, daß sich mit der Gewandtheit und elastischen Ausdauer seines Körpers ein Scharfblick und eine Geistesgegenwart vereine, welche Schreck, Furcht und Angst bei ihm zur Unmöglichkeit machte.

Mit fröhlichem Sinne trabten sie neben einander dahin und die Wechselrede flog gar rasch und lebendig herüber und hinüber. Sie fühlten gegenseitig eine wahrhaft brüderliche Liebe zu einander, und es gab keine Regung des Herzens und keine Richtung des Gedankens, welche der Eine vor dem Andern hätte verbergen können. Darum vermochten sie nicht lange schweigend neben einander zu sein, und unter dem Reize des Gespräches verging eine Stunde nach der andern. Schon hatten sie Wustermark und Tremmen hinter sich und bogen nun in die Richtung auf Zachow ein, welche sie in die dichten Waldungen führte, die zwischen der Havel und den sich von Plaue bis nach Bähnitz erstreckenden Seen liegen.

Die Brüder hatten sich mit ihrem Ritte nicht sehr beeilt, und zudem war ihnen durch die für die Pferde so nothwendige Ruhe so viel Zeit verloren gegangen, daß es jetzt stark zu dunkeln begann und sie sich auf eine nächtliche Irrfahrt gefaßt machen mußten. Damals waren die Fluren Deutschlands noch lange nicht der Kultur unterworfen, welche in der jetzigen Zeit Thal und Hügel ebnet, Gebirge übersteigt, Flüsse und Seen überbrückt, Sümpfe austrocknet und die unwegsamste Wildniß nach und nach in ihren segensvollen Bereich zieht, sondern die menschlichen Wohnstätten lagen weit auseinander, und waren sie durch Wege oder Straßen verbunden, so durfte man doch an die letzteren nicht den jetzt gewöhnlichen Maaßstab legen. Ein Ritt des Nachts durch eine von Flüssen, Sümpfen und Morästen eingefaßte und durchzogene Gegend war kein ganz gewöhnliches Unternehmen, und ein Jeder, der sich diesem nicht entziehen konnte, sah sich zur Vorsicht und Aufmerksamkeit veranlaßt.

Die Unterhaltung war verstummt; man hatte auf sich selbst und die Umgebung Acht zu geben, und die Sinne mußten angestrengt werden, um jede Gefahr schon im Nahen zu erkennen und ihr gerüstet gegenüber zu treten. So ging es schweigend vorwärts; die Zeit dehnte sich lang und immer länger und fast wollte den Reitern nun die Geduld ausgehen, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich durch ein Ereigniß in Anspruch genommen wurde, welches alle ihre Kräfte in Beschlag nahm. Es verbreitete sich nämlich mit einem Male ein glänzender Lichtschein um sie her, und zu gleicher Zeit flog ein Reiter an ihnen vorüber, dessen Nahen sie weder vorher gesehen, noch sonst auf irgend eine Weise bemerkt hatten. Er saß auf einem dunklen Rosse, dessen lange Mähne sich im Fluge wie eine Fahne nach hinten legte, ein langer Mantel wehte gespenstisch von seiner Schulter, und ein Strahlenmeer ging von ihm aus über die Umgebung hin. Schnell wie der Gedanke war er aufgetaucht und schnell wie der Gedanke war er wieder verschwunden - woher und wohin, es war nicht zu sagen, auch hatten die beiden Männer keine Zeit, darüber nachzudenken, denn das Pferd des älteren Bruders war durch das Erscheinen der helldunklen Gestalt scheu geworden, hatte dem für den Augenblick fassungslosen Reiter die Zügel entrissen und jagte nun in rasender Eile über Stock und Stein mit ihm dahin.

Karl konnte natürlich nichts Anderes thun, als auch sein Thier zur möglichsten Eile anzutreiben, um Hans nicht aus dem Auge zu verlieren, doch war dieses Bestreben vergeblich, denn bald war der Letztere im Dunkel der Nacht verschwunden, die Hufschläge seines Pferdes verhallten, und der Nachfolgende sah sich außer Stande, ihn einzuholen. Er zügelte also den Lauf seines Gaules und ritt in langsameren Schritten weiter. Er gab die Hoffnung, den Bruder wieder zu finden, keinesweges auf; dieser war ein sehr guter Reiter und hatte gewiß Alles gethan, sich vor einem Unfall zu bewahren; ein Sturz vom Pferde ist zwar nie ungefährlich, war aber schon so oft glücklich überstanden worden, daß man im Wiederholungsfalle nur lachend aufsprang und sich ruhig wieder aufsetzte. Zudem trug Hans keine Rüstung, ein Umstand, welcher ohne besondere Angst an einen Fall denken ließ.

An diesen Fall denkend, wäre Karl bald selbst zu Falle gekommen, denn sein Pferd stolperte plötzlich, raffte sich aber, da es nur im Schritte gegangen war, glücklicher Weise wieder empor, und zu gleicher Zeit drangen eine Anzahl dunkler Gestalten auf den jungen Mann ein, der im Augenblicke sein Schwert aus der Scheide hatte, um dem unvermutheten Angriffe mit demselben kraftvoll zu begegnen. Es war ein eigenthümlicher, wortloser Kampf. Keiner der Angreifenden sprach ein Wort, auch Karl erkannte, daß gegen diese Leute ein tüchtiger Hieb das beste Wort sei, und so riß er sein Pferd im Kreise herum, um von den Händen derer, welche die Zügel gefaßt hatten, loszukommen, und führte dann die Klinge mit solchem Nachdrucke, daß er sich bald als Sieger auf der Wahlstatt sah.

Jetzt stieg er ab, um nach den Gefallenen zu sehen,


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und stieß bei dieser Gelegenheit auf das Hinderniß, über welches sein Pferd gestolpert war. Es bestand in einem groben Baststricke, welcher von einer Seite der Straße nach der andern gespannt war, und da sein Auge sich während des Abends so ziemlich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, so gewahrte er gar bald einen dunklen Gegenstand, welcher zwischen zwei Büschen am Wege lag. Er schritt hin, um ihn zu untersuchen, und fand, daß es das Pferd seines Bruders sei. Es lag in einer Lache Blutes, welches aus einer klaffenden Brustwunde auf die Erde lief, und war also erstochen worden. Nun war ihm Alles klar: Der gespenstische Reiter hatte keine andere Aufgabe gehabt, als ihre Pferde scheu zu machen; die im Galoppe dahinsausenden Thiere sollten mit dem Seile zu Falle gebracht werden, und mit den überraschten Reitern war dann leicht fertig zu werden.

Aber von wem war dieses Unternehmen ausgegangen? Persönliche Feinde hatten die Brüder hier nicht, und zudem war ihre Reise durch diese Gegend Jedermann unbekannt, da sie von ihrer Absicht, nach Brandenburg zu gehen, zufälligerweise gegen Niemanden Erwähnung gethan hatten; es war also eher zu vermuthen, daß sie die Opfer einer ganz gewöhnlichen Wegelagerei hatten werden sollen, die nur in Beziehung auf Hans ihre Absicht erreicht hatte, denn daß dieser in die Hände dieser Leute gefallen und von ihnen in Beschlag genommen worden sei, das schien gewiß, da trotz alles Suchens keine Spur von ihm zu finden war. Die Strauchdiebe hatten den großen Fehler begangen, sich zu theilen. Die eine Hälfte von ihnen hatte den zweiten Reiter erwarten müssen, während die Anderen mit Hans davongegangen waren, damit er nicht etwa auf irgend eine Weise zur Unzeit ihre Gegenwart verrathe. So schien es zu sein, und Karl überlegte eben, was er am besten zu thun habe, um dem Bruder Hilfe zu bringen, als ein halblautes Seufzen an sein Ohr tönte, welches von der Mitte des Weges her erschallte.

Er trat dem Orte näher und erkannte, sich zu ihm niederbückend, in dem Daliegenden einen Schwerverwundeten, dem ein Stoß seines Schwertes durch den Unterleib gegangen war. Der Mann war in Folge der Wunde dem Tode nahe und brachte nur mit Mühe einige Worte hervor.

»Wasser!« stöhnte er. »Ich verbrenne!«

Es schien kein fließendes Wasser in der Nähe zu geben, deshalb brach Karl einige Stückchen Eis von einem Zapfen, welcher von einer nahen Föhre gefallen war, und schob sie dem Bittenden in den halbgeöffneten Mund.

»Gott - - ver - - gelte es Euch!« röchelte dieser.

»Sag,« fragte Uchtenhagen, »wo habt Ihr meinen Bruder? Lebt er noch?«

»Bruder? - - der - - Andere? - - Der lebt.«

»Ist er verwundet?«

»Nein - - gleich - - über ihn - - hergefallen - - hat - - gar nicht - - kämpfen - - können - - gebunden - - in die - -Ruine.«

»Wo ist die Ruine?«

»Darf - - nicht. - - Mein Schwur - - Gott, vergieb - - mir! - - Ihr auch, - - Herr! - - Ruine - - - links - - grad - - Spitze - - oh - - oh - - lebt - - wohl!«

Ein Strom dunklen Blutes quoll ihm aus dem Munde und der Kopf sank hintenüber: er war todt. Was hatte er mit den Worten: »links - grad - Spitze« gemeint? Jedenfalls: zur linken Seite gradaus gehen; aber was mit der Spitze gemeint war, das blieb Uchtenhagen ein Räthsel. Aber er besann sich nicht lange, denn wenn überhaupt Hilfe möglich war, so mußte sie rasch, schleunig gebracht werden. Sein Pferd am Zügel führend, schritt er links in die Büsche hinein und gab sich Mühe, die grade Richtung einzuhalten.

Erst wurde ihm des Thieres wegen, welches er doch unmöglich im Stiche lassen konnte, das Fortkommen schwer, da sich ihm das Unterholz hindernd in den Weg legte, bald aber hörte dasselbe auf, und durch den hochstämmigen Wald war nun die Passage verhältnißmäßig leicht. Zuweilen blickte ein Theil des Himmels durch die Baumkronen, und so konnte er die einzuschlagende Richtung wenigstens einigermaßen nach dem Stande der Sterne bestimmen. Mit Hast drängte er vorwärts, immer vorwärts, die Zügel in der einen, das blanke Schwert in der andern Hand; Zeit auf Zeit verging; seine Ungeduld wurde immer größer und größer, und ebenso wuchs die Sorge um den Bruder, dessen Schicksal ein verhängnißvolles werden konnte.

So war weit über eine Stunde vergangen, als sich nach und nach wieder niedriges Buschwerk einstellte, ein Zeichen, daß eine Blöße oder sonst irgend eine Unterbrechung des Hochwaldes zu erwarten sei. Sodann löste das Buschwerk seine feste, dichte Masse und gab hartem, scharfkantigem Schilfe Platz, welches unter der schweren Kruste von Schnee und Eis zusammengebrochen war, und endlich öffnete sich dem Blicke eine weite, glatte Fläche, deren ebener Spiegel in den Strahlen des zuweilen durch das Gewölk brechenden Mondes hell erglänzte. Es war die seeartige Erweiterung der Havel, welche in der Nähe von Ketzin beginnt und einen Flächeninhalt von mehreren Quadratstunden in Anspruch nimmt.

Bei dem Anblicke des Sees wollte sich das Gefühl der Enttäuschung in seinem Innern Platz machen, doch währte dies nicht lange, denn bald bemerkte er in einiger Entfernung rechts von sich eine Landzunge sich in das Wasser erstrecken, welche sich durch Baum- und Strauchwerk deutlich von der weißen Fläche abzeichnete. Sollte das die »Spitze« sein, von welcher der Sterbende gesprochen hatte? Es mußte wenigstens untersucht werden, und neue Hoffnung tauchte in ihm auf.

Zunächst aber war es nothwendig, das Pferd zu verbergen, und hier wollte ihm das Glück wohl, denn schon nach kurzem Suchen nach einem geeigneten Orte fand er eine zwar enge, aber desto behaglichere Dorfhütte, welche zur Aufbewahrung von allerlei Fischereigeräthschaften diente und grad' die richtige Größe hatte, das Pferd in sich aufzunehmen. Er entfernte die Geräthe, so viel als ihm nothwendig erschien, und stellte dann das müde Thier ein, welches hier jedenfalls besser aufgehoben war, als draußen in der nächtlichen Kälte und Feuchtigkeit.

Nachdem er dies versorgt hatte, trat er hinaus, um seine Forschung unbehindert fortzusetzen.


Ende des siebten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk