Heft 17

Feierstunden am häuslichen Heerde

23. Dezember 1876

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


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Langsam und vorsichtig schlich er sich dem Ufer entlang, jede Gelegenheit zur Deckung benutzend, um nicht gesehen zu werden, selbst aber Alles zu sehen. Indem er das Auge scharf über die Umgebung schweifen ließ, gewahrte er in einiger Entfernung von der Spitze der Landzunge eine kleine Insel, welche jedenfalls früher zu der ersteren gehört hatte, nachher aber durch Ueberfluthungen von ihr abgetrennt worden war. Und gleich bei diesem ersten Blicke war es ihm, als ob der blitzende Schein eines Lichtes dort aufgetaucht und sofort wieder verschwunden sei. Dieser Umstand erregte seine Aufmerksamkeit natürlich in hohem Grade; er hielt das Auge längere Zeit beobachtend auf die betreffende Stelle gerichtet, und wirklich, nicht lange dauerte es, so leuchtete es drüben wieder hell und blitzartig auf. Frei von dem Aberglauben jener Zeit, nahm Karl natürlich sofort an, daß dieser Schein von Menschen herrühre, und beschloß, seine Ursache näher zu untersuchen.

Statt dem Innern der Landzunge seine Aufmerksamkeit zu widmen, schritt er am Ufer weiter fort und betrat dann der Insel gegenüber das Eis des Sees. Von hieraus gingen Fußspuren sowohl herüber als auch hinüber; es gab hier also Menschen, und zwar auf alle Fälle solche, vor denen es nothwendig war, sich zurückzuziehen; trotzdem aber beschloß der junge Mann, das Wagniß, über den freien Raum nach der Insel zu gehen, zu unternehmen. Die Sorge um den Bruder machte ihn taub gegen die warnende Stimme der Vorsichtigkeit, die ihm sagte, daß er bemerkt werden müsse; er suchte die Leute, welche hier lebten und hausten, er hatte ein Lebenszeichen von ihnen gesehen und wollte es nun nicht unterlassen, demselben nachzustreben.

Raschen Schrittes eilte er vorwärts und hatte in wenigen Augenblicken die Insel erreicht. Dieselbe war von Schilf, Buschwerk und einigem spärlichen Baumgewächse bestanden und war von so geringer Größe, daß sie in ihrem ganzen Umfange leicht überschaut werden konnte. Aber Niemand war zu sehen; es mußte eine Hütte, ein Versteck oder sonst irgend ein Ort vorhanden sein, in welchem der Träger des Lichtes verschwunden war. Das beste Mittel, ihn aufzufinden, war jedenfalls, seinen Spuren nachzugehen. Diese führten nach einem Punkte, welcher ungefähr in der Mitte der Insel lag, und verschwanden da in einem üppigen Dorngestrüpp, welches zur Sommerszeit dem Hindurchkommen ganz bedeutende Hindernisse in den Weg legen mußte.

Er drang hinein und stand nach wenigen Schritten vor einem Loche, welches in senkrechter Richtung hinab in die Erde führte. Er lauschte hinab, aber nichts regte sich da unten, und kein Laut war zu vernehmen. Stak überhaupt Jemand unten? Er untersuchte das Loch und gewahrte eine Leiter, mittelst welcher es ermöglicht wurde, hinab zu steigen. Sollte er dieses wagen? Er begab sich damit jedenfalls in große Gefahr; er konnte ja längst bemerkt worden sein und während des Hinabsteigens angegriffen und überwältigt, wohl gar getödtet werden. Aber das konnte ihn nicht abhalten, die einmal angefangene Forschung weiter fortzusetzen. Er setzte den Fuß auf die oberste Leitersprosse und stieg, mit den Händen immer festen und sichern Halt nehmend, weiter. Die Fahrt führte ihn nicht zu tief, vielmehr berührten seine Füße gar bald den festen Erdboden, wo er sich vollständig im Dunkeln befand, den leisen Schein abgerechnet, welcher von dem Stücklein Himmel, der in das enge Loch hereinschaute, hinunterdrang.

Der kleine, enge Raum, in welchem er sich befand, war vollständig rund und mit Bruchsteinen ausgemauert;


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aus diesem Umstande und der Nässe, welche in ihm herrschte, ließ sich schließen, daß er ehemals als Brunnen gedient habe und später verschüttet worden sei. Auf einer Seite war ein niedriger und sehr enger Stolln schief abwärts geteuft, aus welchem ein feuchtkalter, moderiger Luftzug drang. In seinem Innern, darüber war kein Zweifel, war das Licht verschwunden, denn noch sah man weit hinten einen matten, dämmernden Schein, welcher sich entfernte und endlich ganz verschwand.

Sollte Karl den Stolln betreten? Es drohte ihm jedenfalls mancherlei Gefahr in demselben; aber diese Gefahr kam bei seiner Liebe zu dem Bruder gar wenig in Betracht - er zog den Gnadegott aus der Scheide, da in dem engen Raume das Schwert keine Dienste thun konnte, und drang, sich bückend, vorwärts. Die Sohle das Ganges war eben, ein Umstand, welcher die Bewegung sehr erleichterte, und da die Richtung eine schnurgerade war, so hatte Karl bald das nahe Ziel erreicht: eine schimmernde Helle drang ihm entgegen, und er sah sich vor einer kreisförmigen Erweiterung des Stollns, in welcher derselbe allem Anscheine nach seinen Abschluß fand.

Er warf einen Blick in den Raum und bebte bei dem, was sich seinem Auge bot, von tiefstem Mitleide ergriffen zurück. Rund im Kreise lagen eine Anzahl männlicher Gestalten auf vollständig verfaulter Waldstreu am Boden, an Händen und Füßen gefesselt und mittelst eines starken Lederriemens, welcher sich um den Hals zog, an die Mauer befestigt, so daß ihnen ein Erheben von dem schlammigen Boden vollständig unmöglich war. Weder Licht noch Luft drangen in diese Grube, und der Dunst, welcher aus derselben in den Stolln drang, war kaum auszuhalten und gradezu zum Ersticken.

Jetzt, in diesem Augenblicke waren die Gegenstände alle deutlich zu erkennen, denn in der Mitte des Raumes stand eine breite, untersetzte und bis an die Zähne bewaffnete Gestalt, welche einen lodernden Kienbrand in der Hand hielt und mit demselben Einen nach dem Andern der Daliegenden beleuchtete.

»Wieder einer todt von Euch Hunden!« sprach der Mann, indem er einem der lang ausgestreckten Körper einen Fußtritt ertheilte, der ihn auf die andre Seite warf. »So müßt Ihr alle noch dran! Ja, ja, der Hunger ist ein schlimmer Gesell, und wer mit ihm anbindet, der bezahlt es mit dem Leben. Aber recht ist es Euch, warum habt Ihr Euch von dem Teufel verleiten lassen, ehrliche Kerls werden zu wollen. Leben wir in unserm Waldschlosse nicht wie Fürsten? Ein wenig knapp zwar geht es her, seit uns der »Schwarze« aufgegeben hat, aber er hat uns beim Abschiede versprochen, wieder zu kommen, und das wird er auch, denn er hat noch niemals sein Wort gebrochen, und es giebt bei uns gewisse Dinge, die er nicht im Stiche lassen kann. Darum war es dumm von Euch, fortgehen zu wollen, wo wir doch Leute brauchen, denn der »fliegende Reiter«, welcher im Walde spukt und vor dem die albernen Leute sich so ungeheuerlich grausen, beginnt, gute Geschäfte zu machen. Die Anderen wären wohl kaum auf den unheilvollen Gedanken gekommen, wenn Du nicht gewesen wärst, Jobst, und deshalb sollst Du auch am längsten leben bleiben und sie alle vorher sterben sehen, ehe Du selbst an die Reihe kommst. Hier hast Du einen Trunk und einen Bissen Brod, das wird Dir den Athem auf einen Tag länger erhalten!«

Er bog sich zu einem der Gefangenen nieder und machte ihm eine Hand von den Banden frei.

»Da, nimm, iß und trink und sei guten Muthes! Du wirst es wohl nicht bald wieder so gut bekommen wie bei mir. Hast keine Sorge, kannst auf der Bärenhaut liegen und Dich pflegen. Na, greif zu, oder ich bringe Dir's auf andre Weise bei!«

Der Angeredete rührte sich nicht; einige der Uebrigen bewegten sich unter Zuckungen und stießen ein herzergreifendes Stöhnen und Wimmern aus; die Qualen des Hungers, welcher ihnen den Tod bringen sollte, waren zu groß, als daß ihre Kraft zugereicht hätte, dieselben zu verschmerzen; er aber lag still und ruhig am Boden und keine Bewegung, kein Laut zeigte, daß noch Leben in ihm vorhanden sei. Er wollte sich das Sterben nicht durch die armselige Nahrungsspende verlängern lassen und widerstand der Gier, welche der Anblick des Brodes in ihm erweckte.

»Du willst nicht? So wirst Du wohl müssen! Oh, wir sind stets Freunde gewesen, und darum hat mich der »Reiter« auch zu Eurem Wärter bestellt. Ich kann nicht leiden, daß Dir der Magen zusammendorret, und darum werde ich Dich füttern. Komm her!«

Er umschlang den freigegebenen Arm, damit derselbe keinen Widerstand leisten könne, wieder mit dem Stricke und zog dann das Messer aus dem Gürtel. Nachdem er den Kienspahn in eine Mauerritze gesteckt hatte, faßte er mit kräftigem Drucke den Gefangenen beim Halse, um denselben zum Oeffnen des Mundes zu zwingen, und schob ihm dann die breite Klinge zwischen die Zähne, in der Absicht, ihm den Mund aufzubrechen. Der Gemarterte biß die Kinnladen fest zusammen, und deutlich hörte man das Knirschen des Eisens, welches erbarmungslos in dem Munde des Armen wühlte.

Das war zu viel für Karl. Aus den vernommenen Worten konnte er leicht schließen, daß die Gefesselten gefangene Räuber seien, welche die Absicht, sich von ihrem verbrecherischen Leben loszusagen, mit dem Hungertode büßen sollten. Wenn er ihnen Hilfe brachte, so konnte er gewiß sein, daß sie ihm ihre vollste Dankbarkeit erweisen würden; deshalb trat er herzu, packte den tückischen Henker beim Nacken und stieß ihm mit der Rechten den Gnadegott so tief und kräftig zwischen die Schultern, daß er bis vor zum Herzen drang und der Getroffene sofort todt zusammenbrach.

Betroffen von diesem plötzlichen Ereignisse, welches ihnen vollständig unbegreiflich war, blickten die Gefesselten auf. Sie sahen ihren Peiniger in seinem Blute liegen, aber sie wußten nicht, ob ihnen aus seinem Tode Glück oder Unheil erwachsen werde.

»Wer seid Ihr?« frug einer von ihnen, indem er sich vergebliche Mühe gab, sich aufzurichten.

»Habt keine Sorge,« erwiderte Uchtenhagen; »ich bin gekommen, Euch zu erlösen!«

Da die Banden nicht von Eisen waren, so wurden sie mit wenigen Schnitten von den erstarrten und blutig unterlaufenen Gliedern genommen, und die Männer waren nun im Stande, sich wenigstens soweit zu erheben, als es ihre gesunkenen Kräfte zuließen.

»Wasser, Wasser und Brod!« baten sie. Karl war nicht im Stande, diesem Verlangen nachzukommen, aber er versprach, vor der Hand wenigstens ihren Durst zu löschen. Er begab sich durch Stolln und Brunnenschaft nach oben


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und brachte ihnen einen Ballen Schnee, über welchen sie gierig herstürzten, da die wenigen Tropfen Wassers, welche ihr früherer Gefährte für Jobst mitgebracht hatte, nach wenigen Schlucken alle geworden waren. Auch die Brodrinde, die man bei ihm fand, verschwand augenblicklich unter den Händen der vom Hunger Gepeinigten, und nur die Sorge um ihre Sicherheit konnte sie abhalten, sich hinauszustürzen, um ihre nagenden Bedürfnisse auf alle Fälle und augenblicklich zu befriedigen.

»Wartet nur noch kurze Zeit, dann werdet Ihr haben, wornach Euch verlangt!« mahnte Karl. »Euer Schicksal kenne ich ein wenig; ausführlich müßt Ihr mir es später erzählen; jetzt aber sagt mir vor allen Dingen, ob ich auf Euren Beistand rechnen kann!«

Er erzählte ihnen das Geschehene, und mit Freuden gaben sie ihm ihr Wort, ihn in seinem Vorhaben nach allem Vermögen zu unterstützen.

»Ihr habt uns von einem gräßlichen Tode errettet, Herr,« sprach Jobst, welcher einen ihm über die Anderen freiwillig eingeräumten Vorrang zu begleiten schien, »und so werden wir Euch in allem unterstützen, was zum Gelingen Eures Vorhabens erforderlich ist. Aber wir wünschen dabei, daß wir nicht etwa später um unserer früheren Sünden willen zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Wenn Ihr uns dieses versprecht, so bin ich bereit, Euch zu Eurem Bruder zu führen, ohne daß Ihr von Jemandem bemerkt werdet. Ich kenne den Ort, an welchem die vornehmen Gefangenen aufbewahrt werden, bis sie ihr Lösegeld bezahlt haben oder sterben müssen.«

Uchtenhagen versprach ihm Vergebung alles Geschehenen und forderte ihn dann auf, mit dem Werke der Rettung nicht lange zu säumen.

»Ich bin bereit, mit Euch aufzubrechen und Euch zu führen; meine Kräfte sind noch stark genug zum Gehen, aber die Gefährten hier müssen zurückbleiben; sie vermögen nicht, den Weg zu machen, und werden erst dann mit uns gehen können, wenn wir ihnen Speise und Trank gebracht haben. Seht hier die bereits Gestorbenen! Ihr könnt daraus schließen, wie arg der Schmerz in unserm Innern wüthet.«

Mit Grauen wandte sich der junge Mann von dem schaudervollen Anblicke ab und schritt dem Räuber voran, welcher ihm nicht eher folgte, als bis er den Seinen mit den heiligsten Worten versprochen hatte, zurückzukehren, um ihnen Speise und Trank zu bringen und sie dann mit hinaus zu nehmen in die Freiheit. Er hatte die Waffen des Erstochenen an sich genommen und schwur mit grimmiger Bitterkeit, Jeden ohne Gnade und Erbarmen niederzustoßen, der es wage, sich ihm in den Weg zu legen. Oben angekommen, blieb er stehen und musterte das nicht ferne Ufer des Sees.

»Wenn wir schnell laufen, kommen wir vielleicht hinüber ohne gesehen zu werden. Besser aber ist es, daß wir einzeln gehen, dann werden sie denken, es ist der Wärter, welcher aus dem Brunnen zurückkehrt. Laßt mich voranschreiten; ich werde Eurer hinter der Buschecke warten, welche ihr hier grad' gegenüber erblickt!«

»Sag mir vorerst Deinen Namen, ehe Du gehst!«

»Den einen habt Ihr schon gehört, der andere heißt Schwalbe, Jobst Schwalbe also heiße ich vollständig. Ihr werdet von mir und über mich vielleicht noch gar Manches hören, und wenn Ihr mir Gelegenheit dazu bietet, auch Vieles sehen, was Eure Zufriedenheit erlangen soll. Jetzt aber laßt uns nicht länger plaudern, denn wir müssen das Unsrige gethan haben, noch ehe der Morgen graut.«

Langsamen Schrittes begab er sich über das Eis, und nur kurze Weile, nachdem er drüben angelangt war, folgte ihm Uchtenhagen. An dem bezeichneten Orte trafen sie zusammen, und der Letztere sah nun mit lebhafter Spannung dem Kommenden entgegen. Er hatte vor, an der Seite eines einzigen Mannes, auf dessen Treue er noch nicht einmal sicher bauen konnte, in die Mitte einer Schaar von Strauchdieben einzudringen, um seinen Bruder zu finden, der ganz gewiß unter einer scharfen Bewachung stand. Dieses Unternehmen war nicht nur ein schwieriges, sondern es war auch mit den mannigfaltigsten Gefahren verbunden; doch ging er mit freudigem Muthe daran; das Romantische des Abenteuers sprach ihn an, und es galt ja nicht nur eine theure Seele, sondern auch noch Andere zu erretten, denen er seine Hilfe versprochen hatte.

»Was haben wir jetzt zu beginnen?« fragte er.

»Das werdet Ihr gleich sehen! Ich bin der Vertraute des »Schwarzen« gewesen und kenne die Wege und Schliche besser als selbst der »Reiter«, dem die Mannen jetzt an seiner Stelle gehorchen müssen. Darum - -«

»Wer war der »Schwarze«, und wer ist der »Reiter«?« unterbrach ihn Karl.

»Habt Ihr noch niemals etwas von dem »schwarzen Dietrich« gehört?«

»O ja; also den meinst Du?«

»Den und keinen Andern. Wer er war, das weiß ich nicht und keiner von uns. Er kam und ging, ohne daß wir wußten, woher und wohin; aber wenn er kam, so gab es stets einen guten Streich. Er hatte verschiedene Orte, wo er mit seinen Gesellen hauste, hier, an der Spree, im Zotzen und sonst noch weiter, aber hier ist er am liebsten gewesen, und hier sind auch die Gewölbe, in denen er die Reichthümer verwahrt hält, welche er den Rittern, Städten und Leuten abgenommen hat, gegen welche wir auf der Lauer gelegen haben. Lange Zeit ist er nicht hier gewesen, aber er hat uns seine Rückkehr verheißen und den Mann zum Anführer gesetzt, welcher auf seinem Pferde und mit einer brennenden Leuchte unter dem Mantel die Bewohner der Gegend zu fürchten macht. Der »Schwarze« bleibt diesem zu lange aus, und nun hat er die Gesetze vernichtet, welche früher unter uns herrschten, und treibt gewöhnlichen Straßenraub, der mir und vielen Anderen ein Gräuel ist. Auch nach den Schätzen hat er geforscht, deren Versteck nur ich allein kenne, und weil ich ihm denselben nicht verrathen mochte, so ist er mir zuwider gewesen in Allem, bis ich mit meinen Freunden den Entschluß faßte, fortzugehen. Das ist ihm verrathen worden, und so hat er uns binden und in den Brunnen werfen lassen, in welchem wir Hungers sterben sollten. Dabei aber wurde ich doch vor den Uebrigen geschont, weil er hoffte, ich würde ihm das Versteck entdecken, um dem Tode zu entgehen; allein ich wäre lieber zehnmal gestorben, als daß ich desselben auch nur mit einem einzigen Worte erwähnt hätte.«

»So giebt es hier im Walde wohl Höhlen, in denen Ihr wohnet?«

»Nicht in Höhlen, sondern in einer Ruine wohnen wir, die in dem weiten Umkreise so verrufen ist, daß sich Niemand in ihre Nähe wagt. Früher, als es noch Heiden hier gegeben hat, haben die Christen einen Einfall gemacht


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und nach einem großen Siege begonnen, ein mächtiges Kloster zu bauen, von welchem aus das ganze Land bekehrt werden sollte; sie wurden aber wieder vertrieben, und der Bau, welcher kaum zur Hälfte fertig war, ist liegen geblieben und nach und nach in Trümmer zerfallen. In ihnen hausen die Geister der Erschlagenen, wie das Volk hier meint, und sie werden gemieden von Jedermann. Daher sind wir in unserm Treiben nie gestört worden, da wir uns jeder That in der Nähe enthielten, bis der »Schwarze« ging und der »Reiter« an seine Stelle trat. Dieser schont der Nachbarn nicht mehr, und so muß die Zeit kommen, in welcher man unserm Aufenthalte nachspürt, ihn entdeckt und an uns Rache für unser Thun und Treiben nimmt.«

»Und wo ist die Ruine?«

»Sie beginnt gleich hier in der Nähe. Die Priester, welche den Ort bestimmten, an dem das Kloster stehen sollte, haben sich das schönste Plätzchen im weiten Umkreise ausgewählt, nämlich hier auf der Landzunge, wo man in beschaulicher Abgeschlossenheit Gott dienen und die Schönheiten seiner Natur genießen und doch zu Land und Wasser in Verbindung bleiben konnte mit der übrigen Welt. Wenige Schritte von uns zieht sich die Clausurmauer hin, welche ein gar großes Viereck bildet, welches die Mönche ohne besondere Erlaubniß nicht überschreiten sollten. Dann kommen die eingefallenen Gebäude, das Refectorium, der Conventsaal, die Kirche, eine Reihe von Zellen, welche zusammen einen Hof umschließen, der von einem noch ziemlich erhaltenen Bogengange eingefaßt ist.«

»Und in all' diesen Räumen habt Ihr Euer Lager aufgeschlagen?«

»Nein, denn das wäre ja die offenbarste Unvorsichtigkeit, vielmehr könntet Ihr dort suchen, so viel Ihr nur immer wolltet, Ihr würdet doch nicht die geringste Spur von uns entdecken. Die Ruinen bieten der unterirdischen Räume, als da sind Keller und Gewölbe, so viele und so gut verborgene, daß man lange suchen müßte, um unsern Aufenthalt zu entdecken, zumal wir uns große Mühe gegeben und viel gebaut haben, damit wir nicht allein sicher, sondern auch behaglich wohnen könnten. An gewissen Stellen der Mauer sind Wachen aufgestellt, deren scharfen Sinnen das Nahen keines Fremden entgeht, und es ist ein günstiger Zufall, daß Ihr nicht von ihnen bemerkt worden seid. Vielleicht hat Euer Bruder den Leuten so viel Mühe gemacht, daß selbst die Wachen zu seiner Ueberwältigung herbeigerufen werden mußten. Da ich aber Alles genau weiß und kenne, so werden wir ungesehen und ungehört hindurchkommen. Doch zuvor erlaubt, daß ich den Meinen ein wenig Nahrung bringe, damit sie im Stande sind, uns zu folgen, wenn wir den Ort verlassen!«

»Diese Forderung will mir gar wenig behagen. Die Sorge um den Bruder peinigt mich dermaßen, daß es mir schwer würde, zu warten, bis Ihr wiederkehrt. Und wenn man Euch bei der Ausführung Eures Vorhabens ergreift, so geht mir nicht nur Eure Hilfe verloren, sondern Ihr bringt Euch und die Euren in größeres Unglück, denn je zuvor.«

»Tragt um mich keine Sorge! Und wenn sie mich erblickten und Alle nach mir fahndeten, so würde es ihnen doch nicht gelingen, meiner habhaft zu werden. Nur ein einziges Mal hat man mich überraschen können, da ich nicht ahnte, daß wir verrathen seien; jetzt aber, da ich meine Lage kenne, hat es um mich keine Noth. Zudem bedarf ich selbst auch der Erquickung und werde Euch dann besser dienen können als jetzt, wo ich todesmatt bin von dem vielen und unfreiwilligen Fasten.«

»So gehe hin; ich werde Dich hier erwarten!«

»Kommt mit mir bis über die Mauer, da werde ich Euch ein Oertlein zeigen, an dem Ihr sicher harren könnt, bis ich wiederkehre.

Mit diesen Worten schritt er vorsichtig vorwärts. Karl folgte ihm. Es war, wie Jobst gesagt hatte: sie kamen schon nach wenigen Schritten an eine hohe und breite Mauer, welche aber an einigen Stellen so verwittert oder gar eingefallen war, daß es mit Benutzung der weitklaffenden Steinfugen sehr leicht war, sie zu überklettern. Dies thaten sie, und drüben angekommen, eilte Jobst nach einer raschen und sorgfältigen Umschau rasch auf einen Trümmerhaufen zu, welcher an einer Ecke der Kirchenseite zu bemerken war. Dort angekommen, packte er einen großen Quaderstein, welcher sich gegen andere lehnte, und gab sich alle Mühe, ihn auf die Seite zu schieben.

»Helft mir, Herr! Ich bin jetzt zu schwach, um diese Last zu bewältigen! Euer Versteck liegt hinter diesem Steine.«

Karl griff mit zu; der Quader bekam eine Wendung und es wurde ein kleiner, dunkler Raum sichtbar, grad' groß genug, um in denselben hinein zu kriechen.

»Hier müßt Ihr hinein. Wartet mein; ich werde bald zurückkehren!«

Uchtenhagen leistete dieser Aufforderung nur ungern Folge. In dem engen Loche war es ihm unmöglich, sich zu vertheidigen, vielmehr war er dem Zufalle und möglicherweise auch dem wohlüberlegten Verrathe da vollständig widerstandslos preisgegeben. Jobst bemerkte seine Unentschlossenheit und bat:

»Habt Vertrauen zu mir, Herr; es wird Euch hier nichts Böses widerfahren, sondern Ihr seid hier wohl geborgen vor aller Fährlichkeit, die Euch hier außen treffen könnte!«

Diese in dringendstem Tone gesprochenen Worte vermochten ihn endlich, sich hinter dem Steine niederzukauern; dieser legte sich über ihn, und dann hörte er die sich leise entfernenden Schritte seines Verbündeten.

Einige Zeit lang hielt er es in der unbequemen Stellung, welche zu nehmen er gezwungen war, aus, dann aber griff er um sich, um einen Punkt, sich anzulehnen, zu finden. Dabei gewahrte er, daß das Loch nach hinten keinen Abschluß habe, sondern weiter lief; der Trümmerhaufen bestand nicht aus einer compacten Masse, sondern war hohl. Er kroch weiter und fühlte bald, daß der Raum über ihm höher geworden sei; jetzt war es ihm möglich, sich vollständig aufzurichten, und sein Tastsinn überzeugte ihn, daß er sich unter einer in der Kirchenmauer angebrachten Thüröffnung befände, welche durch die Steine verdeckt worden war. Zu gleicher Zeit bemerkte er, daß der Fußboden nicht eben fortlaufe, sondern in Stufen nach unten gehe. Er schritt dieselben hinab; es waren ihrer nur wenige und sie gingen in ein viereckiges Gemach, welches an den drei anderen Seiten von festen Mauern umschlossen wurde.

Wo befand er sich? Bei der totalen Finsterniß, welche um ihn herrschte, war es ihm unmöglich, seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort mit den Augen zu untersuchen; es herrschte in demselben eine gedrückte, feuchte, moderige Luft.


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Er klopfte leise, um sich für mögliche Fälle nicht zu verrathen, an die Wände und gewahrte an dem dabei vernommenen Tone, daß diejenige, welche dem Eingange gegenüberlag, an zwei Stellen dünner sei als die beiden anderen, und die weitere Untersuchung dieser Stellen überzeugte ihn, daß hier früher Oeffnungen für eine Thür und ein Fenster angebracht gewesen seien, die jetzt zugemauert waren. Demzufolge befand er sich wahrscheinlich in der Sakristei, dem Aufenthaltsorte des Predigers während derjenigen Zeit des Gottesdienstes, in welcher er dem Publikum, der Gemeinde unsichtbar blieb. Die neu eingesetzten Mauertheile waren nur dünn, und er verhielt sich von jetzt an vollständig ruhig, da jedes von ihm verursachte Geräusch von Personen, welche sich möglicherweise dahinter befinden konnten, leicht zu bemerken war.

So verging eine geraume Zeit, und schon begann die Ungeduld über das Außenbleiben Jobsts sich einzustellen, als seine Aufmerksamkeit durch zwei Stimmen in Anspruch genommen wurde, die hinter der angegebenen Mauer hörbar wurden. Es war eine männliche und eine weibliche.

»Ist es mein Sohn, den Ihr mir endlich gebracht habt?« frug die letztere.

»Noch nicht. Du wirst ihn aber sehr bald sehen.«

»Nicht, nicht, immer nicht und ewig nicht. Dreitausend Jahre schon warte ich hier auf das Wiedersehen meiner Kinder, die Ihr mir geraubt sammt ihrem Vater. Der schwarze Mann versprach mir immer, daß ich sie bald wieder in meine Arme schließen werde, und seit er nicht mehr kommt, versprecht Ihr es mir an seiner Stelle; aber Euer Versprechen geht nicht in Erfüllung. Mein Haar ist grau, steinalt mein Gesicht, die Augen dunkel und krank mein Herz; soll ich noch tausend Jahre warten, bis sie kommen? Ich möchte sterben, aber ich sterbe nicht; ich möchte weinen, aber ich habe keine Thränen mehr; ich möchte wüthen und um mich schlagen wie früher, aber ich habe keine Kraft dazu. Und denken kann ich auch nicht mehr, es brennt mir lichterloh im Kopfe und feurige Räder rollen durch mein Gehirn. Gebt mir meinen Gemahl, meine süßen Kinder wieder, und ich will Euch alles Leid verzeihen, welches Ihr mir bereitet habt!«

»Wartet nur noch eine kleine Weile, dann werden sie kommen und Euch abholen!«

»Warten, und immer wieder warten! Ich habe gewartet, bis ich alle Namen vergessen habe, den meinigen und den meines Geliebten; auch wie die Kinder heißen, weiß ich nicht mehr. Sagt mir doch, waren es Knaben, oder waren es Mädchen? Es ist so traurig, von ihnen geschieden zu sein! Ich weiß nicht mehr, was der schwarze Mann von mir wollte, aber er sagte mir oft, daß ich so schön sei und daß ich sie wiedersehen würde, wenn ich ihn nicht mehr so bös ansähe; nun bin ich häßlich geworden und er kommt nicht; ich wollte ihm gern ein freundlich Angesicht zeigen, damit er mir meinen Wunsch erfülle, aber er kommt nicht; ich wollte vor ihm knieen, ihm die Füße küssen, wie ich es so oft gethan habe, und ihn bitten, aber er kommt nicht. Er kommt nicht und der Tod auch nicht; ist das nicht traurig? Nehmt doch das große Messer, welches Ihr hier an der Seite tragt, und stoßt es mir in die Brust! Mein Herz thut mir wehe, und es wird ruhig werden, wenn Ihr es gut getroffen habt. Ihr schüttelt mit dem Kopfe? Geht, Ihr wollt mich auch quälen so wie die Anderen alle, aber ich werde doch noch sterben, und dann - nein, nein, weicht fort von mir! Ich bin nicht mehr schön, und Ihr sollt mich nicht anrühren. Eure Augen glühen wie Feuer und Eure Hände brennen wie die Krallen des Teufels. Ihr seid in der Hölle geboren; macht Euch von hinnen, geht; geh, geh, Du Teufel, der meine Seele verderben und meinen Leib vernichten will!«

Sie hatte mit immer wachsender Aufregung gesprochen, und die letzten Worte klangen kreischend und schneidend wie die Worte einer Wahnsinnigen. Der Mann antwortete darauf mit leiser, eindringlicher, begütigender Stimme, sie aber stieß jene seufzenden Ausrufungen aus, welche die Anstrengung, sich aus den Armen einer kräftigen Person zu befreien, hervorbringt.

»Laß mich, laß mich, nimm Deine Hand von mir, Unseliger! Dein Odem ist heiß und Dein Angesicht verzerrt; ich mag Dich nicht sehen, ich kann Dich nicht leiden! Ich gehöre nur Einem, und der ist stark und mächtig. Siehst Du, wie er um sich schlägt und wie sie fallen vor seinen gewaltigen Streichen? Mir ist so angst und die Kinder wimmern. Ich schreie und rufe, aber Niemand will kommen, um ihm beizustehen und den gräßlichen Reiter vom Pferde zu schlagen. Aber horch! Raschelt es nicht in den Zweigen? Es kommt Einer und noch Einer. Sie werfen sich mit Macht auf sie, aber der Erste fällt und der Zweite läßt sich von hinnen locken. Meine Sinne schwinden mir - und nun wache ich auf, die Kinder sind fort, er ist fort und ich, ich bin gefangen. Aber er wird wiederkommen und die beiden Anderen auch, und dann, dann - gehe, sage ich Dir, gehe, sonst tödte ich Dich. Ha, das ist Dein Dolch! Ich habe ihn Dir entrissen und werde ihn in Dein giftiges Blut tauchen. Fort, fort, Schlange, sonst stoße ich zu!«

Es war dem entschlossenen und frohlockenden Tone anzuhören, daß sie sich losgerissen hatte und mit gezückter Waffe vor ihm stand. In dem Inneren Uchtenhagens kochte es; alle seine Fibern zuckten, ihr beizuspringen, aber die Mauer befand sich zwischen ihm und ihnen. Sein Blut wallte vor Zorn und Aufregung ihm heiß durch die Adern; die Hände ballten sich und die Füße zuckten gegen das feste Gestein, als wollten sie es mit kräftigem Tritte zermalmen. Da - was war das? Bei dieser Bewegung trat er gegen einen Gegenstand, der seine sofortige Beachtung in Anspruch nahm. Er bückte sich, um ihn mit den Händen zu untersuchen und fand, daß es eine starke Eisenstange sei, welche mit ihren beiden Enden fest in den untersten Mauerstein eingelassen war und einen breiten Griff bildete, mit dessen Hülfe - - er dachte nicht weiter, sondern faßte die Stange, stemmte die Kniee kräftig gegen den Boden und zog. Der Stein gab nach; er löste sich von der Mauer ab und ließ sich ohne jegliches Geräusch nach innen ziehen; zwei Riemen waren in den Boden gefugt, in welchem sich jedenfalls einige Rädchen bewegten, auf denen er ruhte. Die entstandene Oeffnung war so groß, daß selbst ein starker Mann hindurchkriechen konnte, und mündete jenseits unter einer Steinbank, deren breiter Sitz sie vollständig verdeckte. Diese Vorrichtung war jedenfalls eines jener Geheimnisse, von denen Schwalbe gesagt hatte, daß nur er und der »Schwarze« sie kenne. Ohne weitere Ueberlegung und nur dem einen Drange, der bedrohten Frau beizustehn, folgend, schob er sich hindurch und sah sich in einem von hohen Mauern eingeschlossenen länglichen Vierecke, dem die Decke fehlte; es war das in Trümmer gegangene Schiff der Kirche.


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Kein Licht brannte, aber der Schein der Sterne ließ die beiden Gestalten deutlich erkennen, welche in feindseliger Haltung vor ihm standen. Der Mann war lang und schlank und schien Bedenken zu hegen, sich dem Weibe zu nahen, welches mit erhobenem Arme seines Angriffes wartete. Sie war hoch und voll gebaut; das aufgelöste Haar wallte ihr lang über den Körper herab, und ihre Formen zeigten eine Schönheit, welche selbst die lange Gefangenschaft nicht zu zerstören vermocht hatte.

»Wage es nur, einen Schritt zu thun! Ich habe mehr als tausend Jahre gegen Deine widerliche Liebe gekämpft, aber ich habe Dich geschont, weil Deine Häßlichkeit mich erbarmte. Jedoch nun ist meine Geduld zu Ende, und der Tod erwartet Dich, wenn Du nicht von mir lässest!«

»Meint Ihr?« fragte er. Mit einem raschen Griffe hatte er ihre bewaffnete Hand erfaßt und entriß ihr den Dolch. »So, jetzt habe ich Euch wieder, und nun wollen wir sehen, wer Erbarmen hat, Ihr oder ich!«

Er hielt sie umfaßt und drückte sie fest und kräftig an sich. Sie wehrte sich gegen die gewaltsame Umarmung, aber ihre Kräfte reichten nicht zu, sich loszuringen.

»Siehst Du, meine Taube, daß Du gehorchen mußt, wenn ich will. Komm; noch bist Du schön, und - halt, was ist das!« unterbrach er sich. Zwei Hände hatten ihn ergriffen und schnürten sich mit solchem Drucke um seine Arme, daß er die Frau fahren ließ, um sich gegen den unerwarteten Angreifer zu wenden. Dieser aber hatte nur diesen Augenblick erwartet, hob ihn empor und schleuderte ihn dermaßen zu Boden, daß sein Körper in allen Gliedern erkrachte. Dennoch aber hatte ihn der Fall nicht zu Schaden gebracht, denn noch ehe Uchtenhagen ihn wieder fassen konnte, war er aufgesprungen und hatte die Arme um ihn gelegt. Der Dolch war ihm entfallen; er mußte den Unbekannten so halten, daß dieser von seinen Waffen auch keinen Gebrauch zu machen vermochte. Dies that er und stieß dabei einen scharfen, durchdringenden Pfiff aus. Dieser Ruf galt auf alle Fälle seinen Genossen, und Uchtenhagen erkannte, daß er sich in der höchsten Gefahr befinde und vielleicht verloren sei, wenn es ihm nicht gelinge, den Gegner unschädlich zu machen. Es gelang ihm, seine Arme aus der Umschlingung zu befreien, und im nächsten Augenblicke stak sein Gnadegott in der Brust des Räubers. Dieser stieß ein heiseres Brüllen aus, fuhr mit den Händen convulsivisch durch die Luft und sank zu Boden.

»Kommt, kommt,« raunte jetzt Karl der Frau zu; »bückt Euch und versucht, durch diese Oeffnung zu kommen! Dieser enge Weg führt zur Freiheit.«

»Zur Freiheit?« frug sie zweifelnd. »Ich kenne die Freiheit nicht; ich weiß nicht, wie sie ist und auch nicht, was Ihr meint.

»Schnell, schnell,« drängte er, »sonst kommen sie und wir sind verloren!«

»Sie? Wer? Ich bin schon längst verloren und Ihr seid es auch. Ich gehe nicht von hier, bis die kommen, die ich lieb habe. Ich habe sie erwartet nun fast Millionen Jahre; aber jetzt sind sie auf dem Wege. Hier im Herzen wohnt eine Stimme, die sagt es mir, und so darf ich nicht mit Euch gehen, denn dann würden sie mich ja nicht finden.«

»Ja, Ihr habt recht, sie sind schon auf dem Wege,« antwortete er, auf ihre Idee eingehend, um sie zur Eile zu bewegen. »Ich soll Euch zu ihnen führen; kommt, sonst glauben sie, Ihr habt ihrer vergessen und wollt Nichts von ihnen wissen!«

»Zu ihnen führen? Warum kommen sie nicht selbst?«

»Weil man Euch nicht gehen lassen würde, wenn sie Euch losforderten. Wir müssen heimlich entweichen, denn wenn man uns bemerkt, so werden wir in Fesseln gelegt.«

»Das ist schlimm! Ich habe auch in Fesseln gelegen viele, viele Jahre. Kommt, laßt uns fliehen! Ich will zu meinen Kindern und zu ihm, zu ihm, o kommt, kommt!«

Jetzt bog sie sich freiwillig nieder, um durch die Oeffnung zu schlüpfen, welche Karl ihr zeigte. Aber schon war es zu spät zur Flucht, wenigstens für ihn, denn schon wurde es in dem dunklen Raume hell. Der Pfiff des Erstochenen war gehört worden, und seine Leute eilten jetzt herbei, um nach der Bedeutung des Signales zu forschen. Sie erreichten den Ort grad' in dem Augenblicke, an welchem die Frau verschwunden war, sahen den Leichnam in seinem Blute liegen und stürzten sich mit lautem Wuthgebrüll auf Uchtenhagen, welcher sie mit dem entblösten Schwerte empfing.

Anfangs waren ihrer nur wenige, bald aber rief das Lärmen noch Andere herbei; der junge Mann wurde umzingelt und mußte erkennen, daß selbst die Kräfte eines Herkules nicht hinreichen würden, ihn von seinen Widersachern zu erlösen. Es gab für ihn nichts, als nur den Tod, und um sein Leben so theuer wie möglich zu erkaufen, focht er mit heldenmüthiger Tapferkeit, bis er von den Feinden so umdrängt ward, daß er für die Klinge nicht den nöthigen Spielraum mehr fand. Sie ergriffen ihn, warfen den aus mehreren Wunden Blutenden zu Boden und fesselten ihm unter den grausamsten Mißhandlungen Hände und Füße.

»So,« rief Einer von ihnen, »den haben wir sicher! Nun laßt uns forschen, wie er in die Kirche gekommen ist!«

Der Gefangene wurde nun mit Fragen bestürmt, denen durch Fußtritte und Faustschläge noch ein besonderer Nachdruck verliehen ward; er aber setzte ihnen ein unverbrüchliches Stillschweigen entgegen und ließ sich durch keine Drohung bewegen, auch nur ein Wort zu sprechen. Ergrimmt über diese Schweigsamkeit und den Tod ihres Anführers, rissen sie ihn empor und schleiften ihn von dannen.

»Schafft ihn hinüber zu dem Ritter, den wir zum Tode verurtheilt haben,« befahl der vorige Sprecher, welcher an Stelle des Todten das Kommando zu übernehmen schien. »Auch der hat uns viel Blut gekostet, und Beide sollen zu gleicher Zeit ihren Lohn bekommen. Vorher aber werden wir schon noch erfahren, wie es diesem da gelungen ist, über die Mauern zu kommen, und was er hier gewollt hat. O, es giebt ganz herrliche Mittel bei uns, einen Stummen zum Sprechen zu bringen!« -

In der Kirche wurde es leer und dunkel; die Davongehenden hatten nicht bemerkt, daß schon längst zwei scharfe Augen unter der Bank hervorgelauscht und ihr Thun beobachtet hatten. Jetzt streckte sich der Kopf vollends hervor; ihm folgte der übrige Körper, und bald stand Jobst Schwalbe in dem verlassenen Raume.

»So ist es,« murmelte er, »wenn man der Jugend zu viel Vorsicht zutraut! Wie er nur die Oeffnung gefunden hat? Nun schaffen sie ihn jedenfalls zu seinem Bruder, und ich muß sehen, wie ich sie losbekomme. Es war ein gar guter junger Herr, und zugeschlagen hat er


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wie ein Alter; es wäre doch jammerschade um ihn, wenn er zu Grunde gehen müßte wie Alle, die in die Betlöcher kommen!«

Er bog sich nieder und flüsterte zurück:

»Verhaltet Euch ruhig, Frau Gräfin, bis ich wiederkehre! Ich werde Euch dann zu Euren Kindern führen!«

»Sie hat mich immer gedauert,« fuhr er im Selbstgespräche fort, »und wenn ich auch nicht weiß, wer sie ist und wohin sie gehört, so werde ich sie doch mitnehmen, wenn mir der Streich gelingt. Wie das aber vorhin mit ihr und ihm zugegangen ist, das kann ich mir nicht erklären; aber ich denke, daß ich es wohl noch erfahren werde. So, jetzt werden sie drüben sein, und nun kann ich ihnen folgen.«

Nachdem er sich durch aufmerksames Lauschen noch einmal überzeugt hatte, daß er völlig unbeobachtet sei, schlich er leise dem Ausgange zu.

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Die Rose am Güntersberg.

Wer Stargard verläßt, um nach Reetz zu gelangen, der kommt, nachdem er Hansfelde, Suckow und Zachan passirt hat, nach dem Kirchdorfe Güntersberg, welches einst dem Simon von Güntersberg zu Eigen war, der sich durch seine vielen und hartnäckigen Fehden mit denen von Wedel bekannt gemacht hat.

Die Familie von Wedel war eine weit verzweigte und berühmte Familie, deren Macht so bedeutend war, daß einmal siebzehn ihrer Glieder auf fünfzehn Jahre in den Dienst des deutschen Ordens traten und sich anheischig machten, hundert gewappnete Ritter und Knechte nebst hundert Schützen, bewaffnet mit Panzer, Eisenhut, Hundeskegeln und Armbrüsten zu stellen und diesen streitbaren Leuten noch vierhundert Pferde beizugeben.

»Als der deutsche Ritterorden am 15. Juli 1410 die große Schlacht bei Tannenberg verlor, betrachtete der König Wladislaus Jagello von Polen das Ländchen Schievelbein als ein erobertes Land und überließ es im August desselben Jahres dem Herzog Bogislav von Pommern, der es in Besitz nahm. Das aber hatte die Folge, daß die Wedel vertrieben wurden und sie das Land verließen, welches an Pommern gefallen war. Sie zogen sich auf ihre Besitzungen außerhalb der Grenzen Schievelbeins zurück und hausten besonders auf Falkenburg an der Drage, welche Stadt noch heut im Kreise Dramburg des preußischen Regierungsbezirkes Köslin liegt. Durch den Frieden von Thorn im Jahre 1411 erhielt der Orden jene Besitzungen wieder zurück. Allein nun waren die Wedel mit dem Orden gespannt und blieben außen. Der Waldmeister von Schievelbein gab sich viele Mühe, sie zur Rückkehr zu bewegen, sie aber verweigerten sie und versprachen sie nur unter der Bedingung, daß ein neuer Hochmeister gewählt werde, dem sie dann huldigen wollten, damit sie wüßten, an wen sie sich halten könnten. Aus der Aengstlichkeit, mit welcher der Waldmeister den Comthur und Statthalter zu Elbing bittet, doch ja, sobald ein neuer Hochmeister gewählt sein werde, an alle Wedel zu Falkenburg, Altwedel, Neuwedel ec. zu schreiben und sie herzlich zur Huldigung zu ermahnen, sieht man, wie viel dem Orden daran gelegen war, mit dieser Familie auf gutem Fuße zu leben. Unterdessen blieben die Wedel, wo sie waren, und es gelang nicht, sie gegen den Orden freundlicher zu stimmen. Nur Erasmus von Wedel, der die Hälfte der Stadt Reetz besaß und daselbst auch wohnte, betrachtete sich als Vasall des Ordens und wurde deshalb von seinen Vettern vielfach angefeindet. Die andere Hälfte der Stadt gehörte Janecke von Stegelitz.« So erzählt eine alte Chronik derjenigen Gegenden, in welche uns die Ereignisse unserer geschichtlichen Erzählung führen. - -

Es war an einem hellen, kalten Wintermorgen, als ein Reiter Altwedel verließ und auf der Straße nach Güntersberg lustig dahintrabte. Es war ein junger Mann, der nicht längst erst die Zwanzig zurückgelegt haben konnte; auf seinen Wangen glänzte die Röthe der Gesundheit, und über sein ganzes Wesen breitete sich jene anziehende Frische aus, welche die kräftigen Jahre der Jugend zu begleiten pflegt und für den Menschenkenner eines der nothwendigen Merkmale zur Beurtheilung des Characters bildet. Er war ohne alle Begleitung und sah auch nicht so aus, als ob er einer solchen bedürfe, um irgend ein galantes oder auch ernstes Abenteuer zu bestehen. Vielmehr blickten die hellen, offnen Augen wie suchend im Kreise umher, als wünsche er sich irgend eine Gelegenheit, seinen ritterlichen Muth die Probe bestehen zu lassen.

Da, wo die Straße zur linken Hand sich der Ihna zuneigt, liegen rechts einige kleine, langgestreckte Seen, welche zur schöneren Jahreszeit allerlei Federwild beherbergen und mit dichtem Schilfe bestanden sind. Umgrenzt sind oder waren sie vielmehr zur damaligen Zeit von gefährlichem Sumpf und Moorboden, welcher erst in einiger Entfernung von dem Wasser diejenigen Bestandtheile annahm, welche zur Ermöglichung eines dichten und kräftigen Baumwuchses nothwendig sind. In den hohen Schilf- und Riedgrasbeständen verbarg sich eine ansehnliche Bevölkerung von Hasen und anderem jagdbaren Gethier, und gar manch ein fetter, saftiger Braten ward von dem unfruchtbaren Boden geholt, welcher sonst des Nutzens wenig brachte. Weiterhin zog sich die Straße durch dunkle Kieferwaldung, die in ihrem eintönigen Character dem Wandrer die Einsamkeit der Gegend in höherem Grade empfinden ließ, und wer von dem Besitzer dieser Waldung, dem Ritter Simon von Güntersberg, gehört hatte, der betrat sie immer mit einem Gefühle von Unsicherheit, denn derselbe gehörte zwar nicht zu der edlen Gilde der Buschklepper und Wegelagerer, war aber sonst ein gar strenger und wilder Gesell, der durch die Rauhheit und Rücksichtslosigkeit seines Wesens sich verschrieen gemacht hatte. Er liebte es, die ihm auf seinem Gebiete Begegnenden scharf anzusprechen, um sich an ihrer Angst und Beklemmung zu weiden, und dabei mußte man den grimmen Herrn ruhig gewähren lassen, wenn man Schlimmeres vermeiden wollte. Er saß als ein strenger Fürst auf seinem Grund und Boden, erkannte kein anderes Gesetz als nur seinen Willen, und wer sich gegen denselben auflehnte oder auch nur einen leisen Zweifel über die Giltigkeit desselben hegte, der durfte froh sein, mit heiler Haut und einigen derben Püffen davonzukommen.


Ende des achten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk