Heft 18

Feierstunden am häuslichen Heerde

30. Dezember 1876

   
Der beiden Quitzows letzte Fahrten.

Historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern von Karl May.


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So viel Scheu man vor dem Alten hatte, so geliebt war sein schönes Töchterlein Brunhilde, die als ein Engel auf Güntersberg waltete und überall Segen verbreitete, wohin ihr kleiner Fuß nur trat. Sie war ein gar herrliches, freundliches und herziges Wesen, und der Abgott ihres Vaters, der gar manchen seiner Streiche unterließ oder in Güte sühnte, weil er dem Blicke ihres Auges und dem Wohlklange ihrer Stimme nicht zu widerstehen vermochte. Trotzdem sie ein Muster ächter Weiblichkeit war, besaß sie doch einen festen, ja starken Character; was sie einmal ergriffen hatte, das führte sie auch sicher durch und es gab sogar Fälle, wo sie mit dem Vater in offenen Kampf trat, um irgend einen Geängsteten oder Bedrohten gegen ihn in ihren liebreichen Schutz zu nehmen. Eine ihrer Lieblingserholungen war die Jagd, der sie ihre freien Stunden mit jugendlicher Fröhlichkeit widmete, und obgleich es ihrem weichen Gemüthe wehe that, die Beute leblos vor sich liegen zu sehen, so bereitete es ihr doch ein hohes Vergnügen, im kühnen Ritte scharf hinter dem Wilde herzufliegen.

Der Reiter hatte den ersten, kleineren See erreicht; er ließ den Blick über denselben schweifen und gewahrte an den Ufern eine Anzahl von Schlagwänden, wie sie zum Fangen wilder Enten angelegt und benutzt werden. Da auch er ein Freund der Jagd war, so lockten ihn diese Vorrichtungen zur Besichtigung. Er leitete das Pferd bis an das hohe Schilf, stieg ab und befestigte das Thier, indem er die Zügel um einen Büschel des festen, holzigen Grases wand. Sodann schritt er auf die Wände zu, um die Art und Weise ihrer Anfertigung in Augenschein zu nehmen.

Noch war er damit beschäftigt, als er von fern her das Nahen von Pferden hörte, deren Hufe den festgefrorenen Erdboden stampften, daß es weithin zu vernehmen war. In jenen Zeiten war Vorsicht bei allen Dingen und zu allen Zeiten nöthig; er trat deshalb hinter eine der Wände, um zu warten, bis die Reiter vorüber seien.

Es war eine Cavalcade von mehreren Personen. Voran kamen zwei Falkeniere. Sie waren jeder mit einer Falkeniertasche versehen, die an einem rothledernen, ausgefranzten Bandelier hing, und trugen auf starken, hirschledernen Handschuhen je einen Jagdfalken. Hinter ihnen wurde eine Cage mit Reservefalken getragen und dann folgte auf weißem Rosse eine weibliche Gestalt. Den Zug schlossen auf starken Kleppern zwei Knappen, denen die Aufgabe zufiel, die Beute an sich zu nehmen.

Zuerst wurde das Auge des jungen Mannes von den Vögeln angezogen. In vollständig ruhiger Haltung saßen sie auf den Fäusten ihrer Träger, die Köpfe verhüllt von einer ledernen Steckhaube, die verziert war mit farbigen Tuchlappen und einem Trosch von schillernden Federn, die man in Form einer Nelke zusammengewunden hatte.

»Lauter Wildfänge,« murmelte er mit Kennermiene, »drei Schlachtfalken und ein Schmerlfalke, kein einziges edles Thier! Der Besitzer muß an der edlen Beitze wenig Wohlgefallen finden. Wem mögen sie wohl gehören?«

Bei dieser Frage erst richtete er den Blick auf das Mädchen und war vor Ueberraschung fast einige Schritte aus seinem Verstecke hervorgetreten.

»Welch' ein herrliches Wesen! Wie sie sitzt, wie sie reitet, und welch' eine Lieblichkeit ihres holden Angesichtes. O, wüßte ich doch, wer sie ist! Ich werde ihnen folgen, um es zu erfahren! «

Es war das nicht nothwendig. Gefolgt von einigen Knechten kam eine Koppel von entfesselten Beitzhunden seitwärts über das Moor geflogen, vor sich zwei Hasen,


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welche den Weg nach dem spiegelglatt gefrorenen See einschlugen. Sofort hielt der Trupp, und die beiden vorderen Falken wurden abgehäubt und gegen den Wind emporgeworfen. Sie stiegen zunächst in die Höhe, zogen oben einige Kreise, um die unter ihnen liegende Gegend zu übersehen, und folgten sodann, als sie das Wild erblickten, demselben schnellen Fluges. Jetzt wurde auch einer der Reservefalken losgelassen, der dieselbe Richtung einschlug. Die drei Vögel stießen wiederholt auf die Hasen, schlugen sie mit den Ballen und versuchten, sie zu ergreifen, aber die wohlgenährten Thiere waren zu stark und kräftig für sie, warfen sich auf den Rücken und streiften so ihre geflügelten Feinde ab oder duckten sich nieder und schossen, sobald der Angreifer auf sie niederfuhr, eiligen Laufes von dannen, so daß er Mühe hatte, sich vor einem lebensgefährlichen Schlagen auf das harte Eis zu bewahren.

»Das war vorauszusehen bei dieser Art von Schlachtzeug,« meinte der unsichtbare Beobachter vor sich hin. »Zur Hasenjagd gehören die größesten Edelfalken, isländische Beitzer, Geierthiere oder meinetwegen auch ausländische Blaufüße! Doch diese kosten einen schweren Preis, und wer nicht gern tief in die Geldtruhe greift, der wird vergebens nach einem Hasenbraten lüstern sein. Doch, was ist das? Die Unvorsichtigen wagen sich auf das Eis, und ich meine nicht, daß es stark genug sei, um Reiter zu tragen!«

Wirklich war es so. Die beiden Falkeniere waren, indeß die Uebrigen zurückgeblieben, den Falken auf den See gefolgt. Die letzteren hatten die vergebliche Jagd aufgegeben und suchten das Weite, ohne auf das wiederholt ihnen zugerufene »Hilo, Hilo!« zu achten. Die zwei Männer griffen in ihre Taschen und luderten ihnen einige mit Fleischstücken besteckte Federspiele nach, aber nur der eine kehrte auf diese Lockung zurück; der andere war bald den Augen verschwunden.

»Das ist eine schlecht geschulte Jagd, deren ich mich schämen würde. Aber welch' eine Unvorsichtigkeit! Der Mann bleibt auf dem dünnen Eise halten, um sein lüderliches Thier zu ergreifen. Er wird einbrechen!«

Kaum waren diese Worte gesprochen, so geschah auch das Befürchtete. Die schwache Decke hatte bisher nur wegen der Flüchtigkeit der über sie Dahineilenden gehalten, jetzt, da eine schwere Last ruhig auf ihr hielt, krachte sie unter lautem Knirschen zusammen. Zum Glücke lag die Stelle nicht weit vom jenseitigen Ufer entfernt. Der Reiter trieb sein bis an den Sattel eingesunkenes Roß mit kräftigen Stößen und Schlägen an, und es arbeitete sich mit Anstrengung aller seiner Kräfte auch wirklich glücklich bis hinüber. Dort hielt es, von dem scharfen Eise verwundet, an allen Gliedern zitternd an und war nur erst nach längerer Zeit zum Weiterschreiten zu bewegen.

Das Mädchen hatte bei dem Einbrechen ihres Dieners einen lauten Schreckensruf ausgestoßen und eilte ihm jetzt entgegen, um sich von seinem Zustande zu überzeugen. Sie sah, daß er keine körperlichen Verletzungen davongetragen hatte; aber durch dieses Ereigniß schien ihr die Lust zur Fortsetzung der Jagd vergangen zu sein, und sie gab den Befehl, zurückzukehren.

Gedankenvoll blickte ihnen der Jüngling nach.

»Da reitet sie hin! Noch nie im Leben sah ich solch' ein engelgleiches Wesen,« dachte er. »Ist mir doch, als ob eine jener gütigen Elfen oder Feen, von denen die alte Amme mir in meiner Kindheit erzählte, herniedergekommen sei, um mir das Herz gefangen zu nehmen im süßen, unendlich sehnsuchtsvollen Gedanken. Wie klopft mir der Puls, wie bangt mir die Seele! Könnte doch ein Blick dieser Augen auf mir ruhen ein einziges Mal! Ein einziges? Nein, viele tausend, tausend Male, immer. Aber sie ist fort, fort vielleicht nach Güntersberg, die Tochter unseres Erbfeindes, der auf Haß und Böses sinnt, so oft er der Wedels gedenkt. Ist sie eine Güntersberg, so werde ich sie nur als Feindin sehen, als Feindin, die mir Unheil wünscht. Unheil? Was habe ich ihr gethan? Ich möchte ihr Liebes und Gutes wünschen all' mein Lebelang und würde mich glücklich preisen, wenn sie das alles nur aus meinen Händen nehmen möchte. Ja, ich muß sie Wiedersehen, ich muß wissen, wer sie ist und zu wem sie gehört, und dann werde ich nachdenken, wie es möglich ist, ihr zu nahen, ohne daß sie in mir den Feind erkennt!«

Er schritt dem Orte zu, an welchem er sein Pferd gelassen hatte, löste dieses vom Schilfe los, setzte sich auf und ritt auf der Straße weiter, die er bisher verfolgt hatte und welche auch die schöne Jägerin eingeschlagen hatte.

Diese verfolgte indeß ihren Weg weiter bis an das Thor von Güntersberg, welches geöffnet ihrer harrte, weil man ihr Kommen bemerkt hatte. Eben als sie abstieg, trat aus dem Stalle ein Ritter, welcher, als er sie erblickte, mit erfreutem Ausdrucke seines bartbewaldeten Gesichtes auf sie zueilte.

»Gott zum Gruße, schöne Jungfrau!« rief er schon von Weitem. »Soeben bin ich hier eingetroffen und vernahm zu meinem großen Leidwesen, daß Ihr Euch auf der Jagd befändet. Daher ist mir Euer frühzeitiges Erscheinen ein gar fröhliches Ereigniß, und ich werde Euch zu Eurem Vater begleiten, damit wir ein Stündlein der Erholung pflegen und ich die Sache mit Euch besprechen kann, welche mich schon am frühen Morgen zu Euch geführt hat.«

Das war eine so lange und wohlgesetzte Rede, wie sie Herr Janeke von Stegelitz wohl seit langen Jahren nimmer gehalten hatte. Er war ein alter, schweigsamer Gesell, der mit dem Schwerte besser umzugehen verstand, als mit der Zunge, und mit dem vollen Weinhumpen besser als mit der frommen Hauspostille. Und dazu hatte er von einer Sache gesprochen, die er vorbringen wolle, und sich dabei aller jener Kernwörter enthalten, mit welchen sonst seine Ausdrücke gespickt und wohlbereichert waren. Da mußte die Sache wohl eine gar absonderliche sein, und es war daher kein Wunder, daß Fräulein Brunhilde sich beeilte, hinauf zu dem Vater zu kommen, obgleich sonst die Unterhaltung der beiden wackern Degen wenig Anziehendes für sie zu haben pflegte.

Der alte Simon wartete der beiden Ankömmlinge schon unter der geöffneten Thür.

»Es soll mich bedünken,« meinte er scherzend, »daß Küche und Keller auf Güntersberg nicht schlecht sein müssen, da so ein Kenner wie Ihr, Herr Janeke, sich schon des Morgens bei mir einfindet. Aber das soll mich nicht verdrießen, und ich werde Euch, wie alle Tage, auch in Allem tüchtig und genügend Bescheid thun.«

»Ihr irrt Euch, Herr Simon,« antwortete der von Stegelitz, »wenn Ihr meint, daß Euer Wein und Braten die Schuld an meinem frühen Kommen tragen, vielmehr


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habe ich mich so baldig aufgemacht, weil ich dachte, daß der Morgen sich besser zu einer wichtigen Unterredung schicke als der Abend, weil uns stets schon des Mittags die Geister der Flasche auf allerhand dummen Schnickschnack bringen, der uns nicht eher Ruhe läßt, als bis wir ihn gehörig ausgeschlafen haben.«

»Wichtige Unterredung? Dummer Schnickschnack? Und dabei seid Ihr so feierlich, wie der fromme Pater Albinus wenn er Wasser trinkt! Tretet herein, nehmt einen Schluck und wärmt Euch, denn ich glaube, daß die Kälte Eurem Kopfe unterwegs geschadet hat.«

»Was dies betrifft, so irrt Ihr Euch, Vetter, denn noch niemals hat mein Kopf einen so klugen Einfall gehabt, wie derjenige ist, von dem ich Euch berichten werde.«

»So nehmt Euch Euren altgewohnten Sessel und erzählt! Brunhilde mag uns währenddeß den Imbiß bereiten.«

»Mit nichten, sondern ich meine vielmehr, daß es besser sei, wenn sie hier bleibe; ich habe die Jungfrau derohalben gleich mit zu Euch gebracht, da meine Worte nicht blos Euch, sondern auch ihr gelten werden.«

»Was zum Henker, Vetter, Ihr wollt sie doch nicht etwa gar zur Hochzeit von mir begehren!«

»Hört, laßt doch lieber die Leute erst vollständig ausreden, ehe Ihr ihnen die Worte vom Munde wegnehmet. Ich habe mir von dem Pater Albinus einen Aufsatz machen lassen, der Euch Wunder genommen hätte, und ihn mit vieler und großer Mühe auswendig gelernt, und nun ich eben beginnen will, Euch die wohlgelungene Rede vorzudeclamiren, fallt Ihr mir in das Wort mit Eurer Frage, ob ich Jungfrau Brunhilde zum Weibe begehre. Das ist doch bei allen Teufeln geradezu zum Dreinschlagen, und wenn Ihr nicht der Vater meines Weibes werden solltet und noch dazu obendrein mein Mitgesell und werther Vetter wäret, so wollte ich Euch wohl lehren, den Mund zu halten, wenn ein Anderer zu reden begehret. Ob ich sie zur Hochzeit möchte? Freilich, und ich sehe auch gar nicht ein, warum ich diesen Wunsch nicht haben soll! Bin ich doch ein Kerl, der sich überall in Ehren sehen lassen darf; und was dem jungen Weiblein etwa nicht behagen sollte, das kann ich ja zur Seite thun, denn in Liebe und Freundlichkeit läßt sich noch gar Manches aus mir machen.«

Brunhilde hatte sich erröthend abgewendet und war an das Fenster getreten, um ihre Verlegenheit und Rathlosigkeit zu verbergen. Herr Janeke von Stegelitz stand, wie auch seine grauen Haare bewiesen, schon seit Langem nicht mehr in den Jahren, in denen man vorzugsweise der süßen Minne obzuliegen pflegt, auch war er ein gar barscher und ungeleckter Bär, der es wohl wenig verstand, mit einem zarten Gemahl in der rechten Weise umzugehen, aber er war des Vaters treubewährter Bundesgenosse, der gar wohl Schonung und Rücksicht verdiente, und wenn sein Antrag ihr auch keineswegs willkommen sein konnte, so ehrte er sie doch immerhin und war ihr ein Beweis davon, daß sie nicht ungeeignet sei, neben der Liebe und Zuneigung auch Achtung zu erwecken. Irgend eine Unsicherheit über die Art und Weise, wie sie seiner Werbung zu begegnen habe, fühlte sie nicht und konnte die Antwort ruhig dem Vater überlassen, welcher, wie sie wußte, ganz andere Absichten mit ihr hegte und also wohl jetzt keinen Entschluß fassen werde, der ihrem Wunsche zuwider sei. In diesem Sinne nahm er auch das Wort, indem er sagte:

»Laßt es gut sein, Vetter, daß ich Euch um die schöne Rede gebracht habe; es ist Euch damit kein Schade geschehen, denn sie wäre zu spät gekommen, und darum ist es mir ganz recht und lieb, daß sie unterblieben ist.«

»Zu spät?« rief Janeke, indem er funkelnden Auges einige Schritte vortrat. »Ich hoffe, daß Ihr damit nicht etwa sagen wollet, ich müsse mit einem Korbe davonreiten. Da sollte Euch und Euer eingebildetes Jungfräulein doch gleich auf der Stelle das heilige Wetter treffen! Ich bin in ehrlicher und löblicher Absicht gekommen, und wenn Ihr mich mit dieser von Euch weiset, so werde ich Euch sammt Eurem alten Güntersberg zu Brei zermalmen!«

Die ungewohnte Höflichkeit des ehrenfesten Degens war auf einmal von ihm gewichen und hatte seinem stets bereiten Zornesmuthe Platz gemacht. Simon kannte ihn und ließ sich durch die barschen Worte keineswegs aus der Fassung bringen, sondern antwortete in ruhigem Tone:

»Wäret Ihr nicht mein Freund und Waffenbruder, so würde ich auf Eure Grobheit Euch mit dem Schwerte Gegenrede geben, da ich aber Eurer Treue und Biederkeit versichert bin, so hege ich die Hoffnung, daß Ihr Euch beruhigen werdet, sobald ich Euch sage, weshalb Eure Rede zu spät gekommen wäre.«

»Bleibt mir mit Eurem Weshalb nur immerhin vom Leibe! Es mag sein was es will, so ist es doch der Grund zu dem schnöden Abweise, welchen ich erfahre. Es wird sich wohl irgend ein glattes und lockeres Jünglein eingefunden haben, von dem Eurer Tochter das Köpfchen verdreht worden ist, und da muß freilich der alte, häßliche Stegelitz zurücktreten und sich von dem Lotterbuben ausstechen lassen. Aber ich gebe Euch den guten Rath, ihn nicht einmal so nahe an mich zu bringen, daß ich ihn erreichen kann, denn dann würde ich ihm die Fuchshaut walken, bis sie so dick ist, wie die Ringmauern von Stargard oder Reetz!«

»Das werdet Ihr so bald wohl nicht unternehmen, denn der junge Wedel auf Reetz weiß sich zu wehren, und sein Vater, der alte Erasmus, ist ja stets und heute noch Euer Freund gewesen, trotzdem sein ganzer Anhang zu Falkenburg, Friedland, Tütz und Draheim sich deshalb gegen ihn aufgeworfen hat.«

»Der Wedel - mein Mitcumpan auf Reetz? Der soll die Brunhilde haben? Der scheinheilige, heimtückische Gesell, der es nicht einmal der Mühe für werth hielt, mir ein Wörtlein davon zu berichten? Dem werde ich die Minne versalzen, daß er den Mund aufreißen soll von Nordosten bis Südwesten!«

»Ihr werdet ihm wohl nicht viel thun dürfen, Vetter, da er vollständig unschuldig ist und von unserm Plane noch nicht das Mindeste weiß und erfahren hat.«

»Unserm Plane? Ein Plan ist es also? Und wer ist denn Derjenige, welcher ihn mit Euch ausgesonnen hat?«

»Der Erasmus selbst, und wenn Ihr die Gründe kennt, wegen denen ich ihm meine Tochter als Schwäherin angeboten habe, so werdet Ihr mir nicht länger zürnen. Brunhilde selbst hat bis auf diese Stunde noch nichts von der Sache geahnt, und sie sollte verborgen bleiben bis späterhin; da Ihr aber das Mädchen mit hereingebracht habt, so mag sie hiermit meinen Willen kennen lernen. Die von Bork und Wedel mit ihrem ganzen Anhange sinnen auf Unheil gegen mich, und es wird gar bald zur offnen Fehde kommen. Auch Euch sind sie gewaltig feind, und daher gebot mir die Klugheit, mir aus ihrer eignen Mitte einen Freund zu erküren, der mir gegen ihre Rath-


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schläge dient und Leistung bringt. Ich bin nicht wenig stolz auf diesen Streich, den ich ihnen spiele, denn es ist eine große Lücke, die ich durch denselben in ihre Reihen reiße, und so ein Bundesmann mag mir mehr Nutzen bringen als ein Anderer, der nicht zu ihrer Sippe gehört.«

»Den Erasmus habt Ihr angeworben für Euch und mich, Vetter? Das ist ein Meisterstück, auf dessen Lösung ich bisher vergebens gesonnen habe, und wenn es so ist, so mag die Brunhilde meinetwegen draufgegeben werden; ich mache mir den Kukuk daraus, denn aus Weiberhand ist ja nun und niemals Friede und Segen zu haben. Soll mich Gott vor einer Frau bewahren, wenn ich den alten Erasmus an ihrer Stelle bekommen kann!«

»Gut, so sind wir einig, und der Hader mag zwischen uns wohl beigelegt bleiben. Uebrigens haben sich die beiden jungen Leute noch gar nie gesehen, und der kleine Wedel, welcher bisher an dem Hofe des Kurfürsten zu Sachsen gewesen ist, wird erst nach einiger Zeit eintreffen und mag sein Bräutlein sich ansehen, wenn die Sache mit den Borks und Wedels siegreich beigelegt ist. Erst die Arbeit, dann der Preis. Jetzt aber laßt uns schauen, ob in Küche und Keller noch ein Weniges für uns zu haben ist!«

Brunhilde, welche bisher am Fenster gestanden hatte und zu Allem schweigsam geblieben war, beachtete diesen Wink und entfernte sich. Sie hatte keine Ahnung von dem Plane des Vaters gehabt, und obgleich er nicht nach ihrem Sinne war, vermied sie doch jedes Wort über denselben, da sie wohl wußte, daß sich der Vater jetzt nicht erweichen lassen werde und von ihm nur später Etwas zu erreichen sei. Die beiden Kriegsmänner aber saßen bei einander und sprachen von ihren früheren Abenteuern und von der Fehde, welche für sie zu erwarten stand. Darüber verging der Nachmittag, und es dunkelte bereits der Abend herein, als ihnen ein Cageträger gemeldet wurde, welcher mit seiner Waare hier zu übernachten wünsche und dabei begehre, vielleicht einen Handel mit ihnen zu machen.

Der Mann war ihnen willkommen, denn obgleich Herr Simon sein Geld anderswo brauchte, als daß er es auf den Ankauf von Stoßvögeln verwenden konnte, so waren die Falkenhändler gewöhnlich weitgereiste Leute, welche gar viel erfahren und gesehen hatten. Sie kamen meist aus Norwegen und Schweden, oft sogar von Island, und wußten so absonderlich gut zu erzählen, daß sie allüberall gerngesehene und hochwillkommene Gäste waren. Darum ließ Simon den Mann nicht in der Gesindestube abtreten, sondern ihm ein besonderes Gemach anweisen, wo er sich erholen und der Ruhe pflegen konnte.

Nach einiger Zeit trat er mit seiner Cage in den Saal. Es war dies ein viereckiger und mit Füßen versehener Rahmen, auf welchem die Thiere angefesselt waren. Wer heut' am Morgen den jungen Rittersmann gesehen hätte, welcher hinter der Entenwand der Hasenjagd zuschaute, der hätte sich über die Aehnlichkeit desselben mit dem Vogelhändler schier verwundern müssen. Dieser machte eine gar schöne und wohlanständige Referenz vor den Herren, stellte seine Cage vor ihnen hin und begann:

»Ich komme aus weiten und fernen Landen, Ihr Herren und Ritter, habe viele meiner seltenen und wohlabgerichteten Vögel an den Mann gebracht und bin in Güntersberg eingegangen, weil ich hörte, daß Herr Simon der hohen und niederen Beitze pflege und vielleicht die letzten meiner Falken im Kaufe an sich bringe. Nicht die schlechtesten sind mir zurückgeblieben, denn wißt, Ihr edlen Leute, ein guter und fürsichtiger Handelsmann sucht erst die weniger gute Waare zu verkaufen, damit er zuletzt keine Noth habe und mit dem Reste sich lange und vielleicht gar vergeblich Mühe machen müsse.«

»Wenn Deine Vögel so gut sind wie Deine Rede es ist,« antwortete Der von Güntersberg, »so magst Du wohl bald einen Käufer finden. Was aber mich betrifft, so magst Du bei mir die nöthige Herberge und Pfleglichkeit finden, aber zum Kaufe ist mir schon seit Langem die rechte Lust abhanden gekommen. Ich bin nicht ein Kenner der Kunst des Falkenierens und habe von den Vögeln nichts als Mißbehagen und Aergerniß gehabt. Wohl giebt sich meine Tochter der Jagd mit Liebe und Eifer hin, aber es will mir an einem Manne fehlen, welcher geschickt ist in allen Vorbereitungen zu derselben, und so lange ich den nicht finde, würde es sehr schade sein um die guten Stößer, die ich kaufte.«

»So laßt Euch einen Vorschlag machen, Herr Ritter: Ich habe auf der fernen Insel Island gar manchen wackern Nestling von den hohen Felsen herabgeholt und in den Bergen Norwegens viel glücklichen Fang gemacht. Sodann war ich zu Falkenwerth bei Mastricht, wo die Kunst der Falkenzähmung nach Zunft und Regel gar wundersam und lohnend betrieben wird, wie Ihr wißt, habe später in Holstein, dann im Bremenschen und endlich bei Meiningen, welches alles sehr berühmte Falkenierorte sind, meinem Berufe sorgsam obgelegen und sehne mich jetzt nun nach einem festen Orte, an welchem ich bleiben kann, um das, was ich gelernt, in lobsame Anwendung zu bringen. Wolltet Ihr einen Versuch mit mir machen und mich auf Güntersberg behalten, so würde ich Euch keinen Preis für diese meine letzten Thiere anrechnen und Ihr würdet gar wohl mit mir zufrieden sein in alle dem, was ein Falkenier und Kriegsmann zu leisten hat.«

»Das sind Worte, die mir wohlgefallen können! Ich habe gar manchen ritterlichen Strauß auszufechten und bedarf also stets solcher Leute, auf deren Arm ich mich verlassen kann. Aber verstehst Du denn auch ebenso gut mit den Waffen umzugehen, wie mit Köller und Rauschhaube?«

»Ich kann Euch hierin nicht anders antworten, als daß ich mich jeder Probe gern und willig unterwerfe.«

»Das ist ein stolzes Wort, dem ich wohl Folge leisten möchte; ich lerne meine Leute gern genau kennen und werde dem Wachtmeister Befehl geben, Dich in allen Waffen scharf zu prüfen.«

»Mit solchem Befehle werdet Ihr nicht viel erreichen. Ein Falkenmeister wird niemals den Sinn hegen, sich von einem Wachtmeister auf die Probe stellen zu lassen; ich würde den Mann beim ersten Stoße niederwerfen. Möchte es daher nicht Euch selbst belieben, Herr Ritter, Schwert und Lanze mit mir zu wechseln?«

»Bei allen Heiligen, die es im Kalender giebt,« brach hier Janeke von Stegelitz, welcher sich bisher ruhig verhalten hatte, los, »Du bist ein verwegener Gesell, der gar nicht weiß, was er thut und spricht! Glaubst Du wirklich, daß ein Rittersmann seine Kraft im Scherze mit derjenigen eines Knechtes mißt? Aber dennoch hätte ich fast Lust, Dir das große Maul zu stopfen, welches Du aufzureißen verstehst wie nur irgend Einer. Wollt Ihr mir den Spaß gönnen, Vetter Simon?«


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»Es kommt mir nicht in den Sinn, Eurem tapfern Beginnen Einhalt thun zu wollen. Zwar ist es nicht dem schicklichen Gebrauche angemessen, aber bei solchem Falle mag es wohl zu loben sein. Ich werde den Hof in Bereitschaft setzen lassen, und bis dahin magst Du uns Deine Vögel vorzeigen.«

Er trat an das hohe Bogenfenster und rief die nöthigen Befehle hinab, dann wandte er sich zurück und trat zur Cage.

»Was für Vögel sind das?«

»Hier sind zwei Falken vom Hekla, grimme und treue Jagdgefährten, die sich sogar an das Reh wagen und niemals davonfliegen; diese beiden Gesellen sind Würger von den Orkaden; sie gehen besonders gut auf Trappen, Reiher und Hasen und versagen nimmer ihre Schuldigkeit. Nun kommen drei Blaufüße, die aus dem Lande der Tartaren stammen und über Ungarn in meine Hände gelangt sind; sie stoßen auf alles Lebendige, zu dessen Bewältigung ihre Kräfte hinlangen. Und nun seht Ihr noch einen Wander- und zwei Baumfalken, die sich vorzüglich für die niedere Jagd eignen. Zusammen eine Cage voll, zehn Stück, wie es gewöhnlich zu sein pflegt. Mit diesen Thieren bin ich sicher, daß mir kein Wild davongeht, und sie sollen fortan Euer sein, wenn Ihr sie unter meiner Obhut lassen wollt.«

»Dies kann gar wohl geschehen, wenn Du die Probe bestehest, zu der Du selbst uns aufgefordert hast. Trage die Vögel in den Falkenhof und sorge, daß es ihnen an nichts fehle. Wir werden hinabkommen und unten Deiner warten!«

Der Cageträger wandte sich zum Gehen. In seinen Zügen war die helle Befriedigung deutlich zu lesen, und das unternehmende Lächeln, welches um seinen Mund spielte, ließ vermuthen, daß er vor der bevorstehenden Prüfung nicht die geringste Beklemmung oder Befürchtung hege.

»Halb schon ist mir mein Unternehmen geglückt,« murmelte er vor sich hin; »das Uebrige wird sich wohl auch noch überstehen lassen. Vor dem alten Stegelitz brauche ich nicht die mindeste Angst zu haben; er ist groß im Schelten, aber klein im Fechten, und selbst wenn Herr Simon selbst zur Waffe greift, werde ich nicht erschrecken. Wenn die beiden Ritter wüßten, wer der fremde Cageträger ist - wenn sie ahnten, daß sich der Sohn ihres Todfeindes in ihre Mauern gewagt habe, um nach dem größten Schatz zu trachten, welchen Güntersberg umschließt! Ich muß vorsichtig sein, denn gar leicht kann mich Jemand erkennen und verrathen; dann wäre Kerker und Gefangenschaft mein Loos, und die Summe, gegen welche ich die Meinen wiedersehen dürfte, würde gewiß nicht klein und unbedeutend sein.«

Unten angekommen, frug er nach dem Falkenhof und wurde in einen eingezäunten Winkel gewiesen, wo die Beitzthiere sich unter Dach und Fach befanden.

Währenddem führten die Knechte einige Pferde auf den Platz vor dem Hauptgebäude und trugen auch die zu einem Kampfspiele nothwendigen Waffen herbei. Simon von Güntersberg und Janeke von Stegelitz kamen die breite Freitreppe herab und nach kurzer Zeit stellte sich der Cageträger ein, dessen offenes Auge muthig den Kreis überflog, welchen die Knechte bildeten, die auf die Kunde von dem zu Erwartenden herbeigeeilt waren, um sich das seltene Schauspiel, einen Ritter mit einem gewöhnlichen Kriegsknechte kämpfen zu sehen, nicht entgehen zu lassen.

Den größten Eifer, dem Waffengange beizuwohnen, zeigte der Wachtmeister Elias Siebenhaut; er hatte gehört, daß der Fremde sich geweigert habe, mit ihm zu fechten, und ergoß sich über diese Beleidigung in den zornigsten Ausdrücken.

»Was will er sein, wie ich höre?« rief er. »Falkenmeister will er sein, wie ich höre? Und nicht fechten will er mit mir, wie ich höre? Da muß doch gleich der Teufel mit sammt allen seinen Gevattern und Basen dem hochmüthigen Menschen in die Hosen fahren, wie ich höre! Der hat sich wohl gleich gedacht, welch' einen Willkommen er bei mir gefunden hätte, denn sonst sehe ich gar nicht ein, weshalb grad' ich es sein soll, der ihn zusammenhaut, wie ich höre! Seht, da legt er Panzer, Haube und Handschuh an, ja, sogar die Arm- und Beinschienen; der Mensch darf kämpfen im Herrenkleide und mit ritterlicher Wehr, was unerhört ist seit dem Tage, an welchem meine Frau Mutter mich zum ersten Male erblickte. Seht, jetzt sitzen sie auf, wie ich höre; Wind und Sonne ist gestellt, und nun wird der Tanz losgehen!«

Die anderen Knechte hätten demselben gar nicht zuzuschauen gebraucht, denn der Wachtmeister Elias Siebenhaut hatte die Eigenthümlichkeit, nicht schweigen zu können, eine Eigenschaft, welche man auch noch anderwärts zu finden pflegt, freilich nicht immer in dem hohen Grade ausgebildet wie bei ihm, und folgte mit seiner lauten Schilderung dem Vorgange bis in alle seine Einzelheiten.

»Jetzt rennen sie auf einander los. Himmel und Hellebarde, sitzt der Kerl prachtvoll zu Pferde! Weiter rechts die Lanze, Herr Janeke, weiter rechts, rechts, re - - - da, ich dachte mir es doch, da liegt er im Sande und streckt alle Viere gen Himmel, wie ich höre! Das war ein Meisterstoß, den ich auch nicht besser zusammengebracht hätte! Er steht wieder auf und läßt sich eine zweite Lanze geben. Gut, mach's besser, Alter! Es ist kein Spaß für einen Ritter, sich von einem gemeinen Knechte vor Aller Augen vom Pferde stoßen zu lassen. Jetzt geht es von Neuem los. Tiefer, tiefer die Lanze, Stegelitz, sonst fährt sie in die Luft, wie ich höre! Den Körper vor! So bläst man Einen ja gleich vom Pferde. Da - - habe ich es nicht gesagt, wie ich höre? Da liegt er wieder im Sande. Es ist eine Schande! Ja, was soll das Fluchen und Wettern helfen; durch Schimpfen und Hadern ist es nicht wieder gut zu machen. Schafft die Gäule in den Stall! So, und nehmt doch einmal die Schwerter in die Hand; wir wollen doch sehen, ob er damit auch umzugehen versteht, wie ich höre.«

Janeke von Stegelitz hatte sich wieder emporgerafft; er sah ein, daß er sich eine ganz außerordentliche Blöße gegeben habe; statt aber die Schuld allein sich selbst zuzuschreiben, warf er sie auf den Gegner; er schäumte vor Wuth und drang jetzt mit gezücktem Schwerte und in einer Weise auf ihn ein, als geschähe der Gang auf Tod und Leben.

»Ruhig, ruhig, Alter,« monologisirte Elias Siebenhaut weiter, »sonst geht es mit der Klinge nicht besser, als mit der Lanze! Er möchte die Scharte gern wieder auswetzen, und ist doch viel zu hitzig, wie ich höre. Da schaut dagegen einmal den Vogelhändler an! Der steht wie eine


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Tanne und wehrt die Hiebe ab so kaltblütig wie ein Eisbär. Er thut, als könne er gar nicht d'reinschlagen, aber ich wette, daß er den Stegelitz mürbe klopfen wird, wenn er einmal anfängt, wie ich höre. Da, da habt Ihr's! Seht Ihr's? Hört Ihr's, was das für Hiebe sind? Er schlägt ihn vom Platze weg; er treibt ihn in der Runde vor sich her; da - da fliegt das Schwert in die Luft! Das war ein Kunststück, wie ich es selbst kaum bessermachen könnte. Der Kerl hat nicht mit mir fechten wollen, aber den müssen wir behalten, wie ich höre, denn solche Leute können wir gebrauchen. Schaut, Herr Janeke zieht sich langsam von dannen, und unser Ritter klopft dem braven Degen auf die Achsel! Das hat er selbst bei mir noch nicht gethan, obgleich ich wohl gar manchmal so einen Klopfer verdient hätte, wie ich höre. - Und nun will ich Euch Eins sagen, Ihr Mannen alle! Nehmt Euch vor dem Burschen in Acht, wenn er Euch zugesellt wird. Ihr treibt immer mit den Neuen allerlei Kurzweil und Scherzerei; dieser aber scheint das nicht vertragen zu können. Haltet ihn in Ehren, denn er sieht mir ganz darnach aus, als ob er sich Ruhe verschaffen könnte, wenn Ihr ihn nicht in Frieden laßt. Das Kampfspiel ist zu Ende und Ihr könnt nun wieder zum Kruge gehen; das Dünnbier wird sonst sauer, wie ich höre!«

Herr Simon von Güntersberg war mit der Probe, welche der neue Dienstmann abgelegt hatte, gar wohl zufrieden, obgleich es ihm auf der andern Seite auch nicht gleichgültig war, daß er einen Kempen, der den öffentlichen Ritterschlag empfangen, so gut und kraftvoll bedient hatte. Er freute sich innerlich, daß ihm der Gedanke nicht gekommen war, selbst zur Waffe zu greifen, denn in diesem Falle wäre es ihm ebenso gegangen wie seinem Waffengefährten, welchem seine unzeitige Hitze nur Demüthigung eingetragen hatte.

»Du hast das Deinige gelernt,« sagte er, »und kannst auf Güntersberg bleiben, so lange es Dir gefällt. Nun sage auch, wie Dein Name heißt!«

»Ich nenne mich Henning Friedländer und werde Euch ehrlich zu Diensten sein in allen Stücken, die ich auszurichten vermag!«

»Das wird Dir gute Früchte bringen; doch wirst Du von dem Kriegsdienste auf dem Felde wohl entbunden bleiben. Mein Töchterlein Brunhilde wird Deiner genugsam für die Jagd bedürfen, und Du sollst auch sonst ihr Schutz sein zu aller Zeit. Es kann gar balde kommen, daß ich von ihr gehen muß, und dann will ich sie Deinen Händen anvertrauen, damit Du über sie wachest und sie behütest vor aller Fährlichkeit. Jetzt magst Du zu ihr gehen und ihr sagen, daß ich Dich für sie in Ding genommen habe!«

Henning Friedländer dankte seinem neuen Herrn für die ihm bewiesene gute Gesinnung und begab sich nach der Seite, auf welcher die Gemächer Brunhildens lagen. Die Magd des Fräuleins öffnete ihm, und nun stand er ja auf einmal vor ihr, von der er gewünscht hatte, daß ihr Auge auf ihm ruhen möge.

Am Fenster stehend, hatte sie dem Kampfe zugeschaut und mit klopfendem Herzen den jungen, schönen und unbekannten Helden bewundert, der so leicht wie im Spiele den Gegner zu Boden streckte und ihm mit kunstvollem Streiche die Waffe aus den Händen schlug. Wer war er? Ein gewöhnlicher Knecht, der froh sein mußte, einen Dienst zu finden? Es widerstrebte ihrem Innern, dieses anzunehmen, und doch konnte es nicht gut anders sein. Und als er jetzt vor ihr stand, so hoch, so stolz, trotz aller Demuth vor der Herrin, deren Befehle er zu erfüllen hatte, da wollte es ihr nicht gelingen, das gewöhnliche Du auszusprechen, und ihre Stimme klang in jenem ungewissen Tone, welcher so gern den Hörer in süßen Banden gefangen nimmt.

»Ihr seid von dem Vater zu mir gesandt, wie die Gesindin mir sagte. Welche Botschaft habt Ihr mir zu sagen?«

»Eine Botschaft, welche mir die liebste und wertheste ist, welche ich jemals ausgerichtet habe, obgleich ich nicht weiß, ob Ihr mit ihr zufrieden sein werdet: ich bin von Herrn Simon in Dienst genommen, um Euch in Allem treulich an der Seite zu stehen. Vergebt mir, Jungfrau, daß ich diesen Dienst ergriffen habe, ohne erst Euer Wort zu hören!«

»Ihr konntet ja nicht anders, und des Vaters Wille ist mir recht und gut. Aber noch weiß ich nicht, von wannen Ihr kommt und wie Euer Name klingt.«

»Ich komme aus weiten, fernen Landen und war zuletzt in den Gegenden, welche man Syrien und Palästina nennt; mein Name heißt Henning Friedländer; ich habe im gelobten Lande und bei den Türken und Sarazenen der Beitze sorgfältiglich obgelegen und gar Vieles erfahren und gelernt, was man hier bei der Jagd nicht kennt und weiß; die Vögel, welche ich mitgebracht, sind auf dortige Weise abgerichtet, und ich denke, daß sie Euch manch' einen trefflichen Fang bereiten werden.«

»Ich hoffe es. Schon heut Morgen bin ich mit meinem Falken ausgewesen; aber ich habe keine Beute gemacht, und einer der Stößer ist mir sogar davongegangen. Da erregen nun Eure Worte das Verlangen in mir, die neuen Thiere so bald wie möglich kennen zu lernen, und ich möchte Euch fragen, ob Ihr trotz der ermüdenden Wanderung bereit sein könntet, heut' noch einen Jägerzug mit zu unternehmen.«

»Ich bin nicht ermüdet und gehorche Eurem Befehle sehr gern. Wollt mich nur benachrichtigen, wann Ihr zum lustigen Ritte fertig seid; ich werde immer in Bereitschaft stehen.«

Nicht lange Zeit später öffnete sich das Thor und eine ziemlich ansehnliche Gesellschaft ritt aus demselben hervor. Herr Simon von Güntersberg wollte gern die Kunst des neuen Falkenmeisters sehen und hatte sich deshalb entschlossen, an der Jagd theilzunehmen. Janeke von Stegelitz hatte sich ihm wohl oder übel angeschlossen, und zur besonderen Bedienung der beiden Ritter war auch der Wachtmeister Elias Siebenhaut auf seinen Gaul gestiegen. An der Spitze ritten die Herren, welche Brunhilde in ihre Mitte genommen hatten; ihnen folgte Henning Friedländer, an dessen Seite sich Siebenhaut gemacht hatte. Trotz der ihm zu Theil gewordenen Zurücksetzung war er gleich seit dem ersten Augenblicke dem Falkenier wohlgewogen und versuchte daher jetzt, eine gute Kammeradschaft mit ihm anzuknüpfen. Ihnen schloß sich ein Diener mit der Cage an, da Friedländer ganz gegen die gewöhnliche Sitte keinen der Vögel auf der Faust trug, und den Schluß bildeten einige berittene Knechte, welche die nöthigen Geräthschaften bei sich trugen.


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»Wißt Ihr eine Neuigkeit, Herr Bruder?« fragte Simon seinen Gefährten, »eine Neuigkeit, die Euch schier verwundern wird?«

»Mir ist nichts Neues bekannt, was so zum Verwundern wäre, außer daß ich heut Vormittag einen so ungeheuerlichen Bock mit Eurem Falkenmeister geschossen habe, daß ich gradezu aus dem Felle fahren möchte. Daß ich ein Esel bin, habe ich schon öfters geahnt, aber daß ich ein so elephantenartiger Esel bin, das ist mir erst heut klar geworden. Ich wünsche nur, daß ich Jemanden hätte, der meinem Dummkopfe ein Dutzend Maulschellen so recht aus Herzensgrund beibringen möchte! Verdient habe ich sie mehr als genug!«

»Wenn Euch das so große und schwere Sorge bereitet, so braucht Ihr Euch nicht länger zu grämen. Kommt nur getrost herüber an meine Seite und haltet Euern Klepper an, dann sollt Ihr haben, was Ihr begehrt!«

»Wollt Ihr mein vielleicht noch spotten? Das sollte Euch gar übel bekommen, denn wenn ich auch nicht mit dem Friedländer fertig werden konnte, weil mir mein altes Reißen ganz verteufelt in den Gelenken zwickte, so ist dasselbe doch nicht arg genug, als daß ich Euch nicht aus dem Sattel schlagen könnte. Erst einen Korb, dann zweimal in den Sand geworfen und endlich gar noch das Schwert aus der Hand geschlagen, wie einem zehnjährigen Buben, der noch mit dem Steckenpferde über die Dielen kriecht, das ist zu arg. Macht, daß ich Eure Neuigkeit zu hören bekomme; vielleicht bringt mich diese auf tröstlichere Gedanken!«

»Ihr kennt doch die Quitzows, die so lange Zeit Meister in den Marken gewesen sind?«

»Ob ich die kenne? Wahrlich es muß sehr richtig mit dem Esel sein, sonst könntet Ihr ja gar nicht wagen, mir so eine beleidigende Frage vorzulegen! Glaubt Ihr denn, daß ich eine alte Betschwester bin, die sich mehr um ihr sanftseliges Ende bekümmert, als um das, was in der Welt und unter Männern vorgeht? Wer die Quitzows nicht kennt, der hat entweder seine ganze Zeit verschlafen, oder er ist hinter dem Spinnrocken aufgewachsen. Was ist es denn mit ihnen?«

»Sie haben den Markgrafen nicht anerkennen wollen, und sind deshalb in eine erbitterte und blutige Fehde mit ihm gerathen.«

»Das braucht Ihr mir nicht erst zu sagen, denn das weiß ich schon, ehe Ihr nur daran gedacht habt.

»Ihr habt heut einmal Eure bittre Stunde, und weil ich solche Zeiten an Euch gewöhnt bin, so will ich die Grobheiten ruhig hinnehmen! Der Markgraf ist nun vor ihre Burgen gezogen und hat eine nach der andern erobert und in Besitz genommen. Selbst Plaue und Friesack, die beiden mächtigen Schlösser, sind gefallen, und Herr Johann von Quitzow befindet sich in schmählichster Gefangenschaft, während sein Bruder Dietrich geächtet und flüchtig im Lande herumirrt, von den Leuten des Markgrafen verfolgt und gehetzt wird wie ein Wild, und vor Angst nicht weiß, wohin er sein Haupt legen soll.«

»Ist das wahr, was Ihr mir da erzählt? Ich kann an diese außerordentliche Kunde gar nicht glauben. Die Quitzows waren doch selbst mächtig genug und hatten einen Anhang, wie ihn manch' fürstlich Geschlecht nicht besitzt. Wie kann da das kleine Burggräflein von Nürnberg so einen gewaltigen Sieg über sie erringen?«

»Es ist keine Lüge, was ich Euch sage, obgleich es auch mir sehr schwierig wurde, an das Gerücht zu glauben.«

»Woher habt Ihr es vernommen?«

»Der Falkenmeister hat mir davon erzählt. Er ist vom Süden her durch die Marken gekommen und hat die Ereignisse alle selbst mit angesehen. Er meint, daß Dietrich wohl den Weg nach Stettin einschlagen werde, weil unsere Herzöge ihm gar wohl gewogen und stets seine Verbündeten gewesen sind.«

»Wenn die Kunde überhaupt wahr ist, so zweifle ich auch nicht daran, daß er nach Pommern kommen wird. Und dann, Vetter, dann mögen wir uns nur alle Mühe geben, ihn auf unsre Seite zu bringen. Er ist ein gewaltiger Kriegsheld und allein mehr werth, als ein ganzer Haufe reisigen Volkes. Die Wedels werden sich sofort an ihn machen, um ihn zu gewinnen, und wer ihn bekommt, der hat schon halb den Sieg errungen, noch ehe der Kampf überhaupt begonnen hat.«

»In dieser Sache, Vetter, will ich Euch nicht widersprechen, denn es ist wahr, was Ihr da ausgesprochen habt. Ich werde auch gar nicht säumen, ihn um seine Hülfe anzusprechen; nur müssen wir zuvor warten, bis er in Stettin eingetroffen ist. Fast möchte ich wünschen, daß dies bald geschehe; die Borks und Wedels werden immer unleidlicher, und sobald ich geschickt dazu bin, werde ich ihnen die Freundschaft abmelden. Aber sagt, was kommen dort für Reiter! Meine Augen sind nicht mehr so scharf wie früher und wollen mir in der Ferne den Dienst versagen. Könnt Ihr vielleicht ihre Farben erkennen?«

»Ich glaube,« antwortete Brunhilde an Stelle des Gefragten, der sich auch vergebens anstrengte, die Leute zu erkennen, »daß es Mannen des Herrn Henning von Kremzow sind. Ich habe schon oftmals Leute von ihm während der Jagd getroffen, wo ich ihnen begegnete.«

»Der Kremzow ist mit den Wedels verbündet. Sie wollen nach Güntersberg; laßt uns sehen, was sie von uns begehren!«

Simon gab seinem Pferde die Sporen und trabte den beiden Reitern entgegen. Als sie ihn erkannten, hielten sie an, und warteten, bis er in ihre Nähe gelangt war.

»Wer seid Ihr und wohin wollt Ihr?« frug er sie.

»Wir hegen Dienst bei dem tapfern Ritter Henning von Kremzow,« antwortete der Eine von ihnen, indem er ein versiegeltes Pergament hervorbrachte, »und wollen zu Herrn Simon auf Güntersberg, dem wir dieses Schriftenwerk zu überbringen haben.«

»Ich bin es selbst. Gebt es her!«

Er nahm es in Empfang und betrachtete es von allen Seiten, ehe er das ungeheure Siegel löste.

»Mein Name steht darauf, den kann ich lesen. Aber wie es ausschauen wird, wenn ich nach innen komme, darauf bin ich begierig.«

Er öffnete und faltete es auseinander.

»Da steht ja eine ganze Predigt geschrieben, so viel der Krähenfüße sind da zu buchstabiren. Ich vermag das nicht! Könnt Ihr es vielleicht, Vetter?«

»Wenn Ihr mich wieder fragt, so gebe ich Euch einen Klapps mit meinem guten Schwerte, daß Ihr in Ewigkeit an Eure Buchstaben denken sollt. Nehmt doch den Wisch mit nach Hause, der Pater wird ihn schon zu lesen wissen!«


Ende des neunten Teils - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der beiden Quitzows letzte Fahrten

Karl May - Leben und Werk