Unser Vaterland in Waffen

  
Wie unpopulär damals pazifistische Gesinnungen waren, mögen zwei Gedichte dokumentieren:
    

Seliger Soldatentod
K. Gerok

Schön ist's und süß, den Heldentod
Für's Vaterland zu sterben,
Mit warmem Herzblut purpurroth
Das Feld der Ehre färben.
Indeß zum Siegeslohne
Ein Engel Kränze flicht:
Es geht durch Kreuz zur Krone
Und geht durch Nacht und Licht!
   

Und heißt's: Er schläft den letzten Schlaf!
Wohl denk man sein mit Schmerzen,
Das Blei, das ihm zu Tode traf,
Zerreißt daheim zehn Herzen;
Doch wein' ob deinem Sohne,
O Mutter, trostlos nicht:
Es geht durch Kreuz zur Krone
Und geht durch Nacht und Licht!

Und liegt ein Held verlassen da
Auf blutbenetzem Grunde,
So sind ihm Gottes Engel nah
Im Kampf der letzten Stunde.
Er hebt zum Gnadenthrone
Erblassend sein Gesicht:
Es geht durch Kreuz zur Krone
Und geht durch Nacht und Licht!
   

Und liegt er ohne Todtenschrein
Im blutgetränkten Bette,
Und schmückt kein Kreuz, kein Leichenstein
Die unbekannte Stätte:
Glaub's, daß er lieblich wohne,
Weil Gottes Wort verspricht
Es geht durch Kreuz zur Krone
Und geht durch Nacht und Licht!

        

Auf, Soldaten!
Hoffmann von Fallersleben

Auf Soldaten!
Große Thaten
Will von uns das Vaterland.
Nicht umsonst sein Ruf ertöne!
Alle seine Söhne,
Sind seine Wehr- und Ehrenstand.

Was wir wollen?
Was wir sollen?
Siegesmuthig stets voran!
Tapfer kämpfen, glorreich siegen,
Oder ehrvoll erliegen:
So geziemt's dem braven Mann.

Uns're Fahnen
Ernst uns mahnen,
Mahnen uns an die Ehr' und Pflicht;
Daß wir treu sind unseren Eiden,
Trotz Gefahr und Noth und Leiden
Kämpfen, bis das Herz uns bricht.

  

Wie anders zeichnet Karl May ein realistisches Bild über das sinnlose Kriegstreiben in dem Zeitschriftenroman Die Liebe des Ulanen (1883-1885). Es werden düsteren Ereignisse des deutsch-französische Krieges 1870/71 geschildert. May läßt keine Siegesstimmung aufkommen, kein Hurra nach der gewonnenen Schlacht: 

Das Schlachtfeld, über welches die Beiden nun ritten, war ein solches, wie es selbst die Ebene von Leipzig nicht aufzuweisen hat, ein breit gedehntes, wellenförmiges Hochplateau. Man sah es, daß es nicht eine Schlacht, sondern ein Schlachten gewesen war.
   Der Kampf hatte die Spuren einer wahrhaft grauenvollen Vernichtung hinterlassen. Die Felder waren mit Leichen förmlich bedeckt. Weithin schimmerten die rothen Hosen der Feinde, die weißen Litzen der stolzen, zurückgeworfenen Kaisergarde, die Helme der französischen Kürassiere. Im Wirbelwinde jagten die weißen Blätter der französischen Intendanturwagen gleich Mövenschaaren über das Feld. Die Waffen blitzten weithin im Sonnenglanze; aber die Hände Derer, welche sie geführt hatten, waren kalt, erstarrt, im Todeskampfe zusammengeballt. Mit zerfetzter Brust und klaffender Stirn lagen sie gebrochenen Auges in Schaaren am Boden. Schrittweise war jede Elle des Landes erkämpft worden. Zerschmetterte Leiber, Pferdeleichen, zerbrochene Waffen, Tornister, Zeltfetzen, Chassepots und Faschinenmesser lagen umher. Es war ein so entsetzliches Bild, wie es selbst Magenta, Solferino und Sadowa nicht geboten hatte. Wie rother Mohn und blaue Kornblumen leuchteten die bunten Farben der gefallenen Feinde auf dem Todesfelde, weithin über die Höhen, tief hinab in die Thäler. Dazwischen die grünen Jacken der Jäger und hier und da ein umgestürzter Sanitätswagen. Niemand kümmerte sich um die Leiche eines französischen Generals oder Obersten. Der Gefallene war ja todt, und im Tode hört jede Subordination auf.
   Und in den Dörfern, durch welche die Beiden ritten, sah es noch viel, viel gräßlicher aus als auf dem offenen Felde.
  
So ging es bis in die Gegend südlich von Hanonville, …  [Die Liebe des Ulanen, Dresden 1883 - 1885, S. 1683]

Noch lange Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg, im Grunde sogar bis zum Ende des zweiten Weltkriegs, war stets, wenn man hierzulande über Frankreich sprach, vom erbitterten Erbfeind die Rede. Zumindest damals, als May Die Liebe des Ulanen schrieb, dürfte er der Einzige gewesen sein, der in seinen Werken europäisch dachte. In dem genannten Roman werden sensationelle Ehen geschlossen: Deutscher heiratet Französin, Franzose heiratet Deutsche! Wie anders sonst wäre dies zu erklären, wenn May nicht um Frieden und Aussöhnung bemüht gewesen wäre. Sein grundsätzlicher Standpunkt: "Das Völkerrecht ist nicht dazu da, den Menschen die Erlaubniß zu geben, in jedem anderen Lande Thaten zu begehen, welche in ihrer Heimath bestraft werden." [Deutsche Herzen, deutsche Helden, Dresden 1885-1888, S. 1913]

In diesem Sinne verfaßte May nach 1900 zunehmend Werke deutlich pazifistischer Tendenz. Den Auftakt bildete eine Veröffentlichung in dem chauvinistischen Sammelwerk "CHINA. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik" [Leipzig 1901], das Joseph Kürschner herausgab. Anlaß dieser Publikation war der Boxeraufstand im "Reich der Mitte". Europäische Mächte versuchten bedenkenlos in ihrem Expansionsdrang, territoriale Forderungen mit Waffengewalt durchzusetzen. Dreizehn von den achtzehn Provinzen Chinas sollten annektiert werden. Radikalste Reaktion auf diese Intervention war der erwähnte Boxeraufstand. Es handelte sich dabei um Mitglieder eines Geheimbundes, die sich als Faustkämpfer der Rechtlichkeit und Eintracht bezeichneten. Sie leisteten erbitterten Widerstand gegen die europäischen Eindringlinge. Höhepunkt war die gemeinsam von Boxern und chinesischem Militär durchgeführte Belagerung des Diplomatenviertels in Peking, die 55 Tage andauerte. Am 14. August 1900 gelang schließlich einem internationalen Hilfskorps die Befreiung - China erlitt eine empfindliche Demütigung.

Joseph Kürschner erwartete nun, Karl May würde in diesen Hurra-Patriotismus mit einstimmen. Er täuschte sich: Mays Werk Et in terra pax entpuppte sich als Kuckucksei. Im Vorwort entschuldigte sich der Herausgeber, daß diese Erzählung "einen etwas anderen Inhalt und Hintergrund" erhalten habe, als er "geplant und erwartet hatte". In einer erweiterten Fassung erschien diese Erzählung drei Jahre später unter dem Titel Und Friede auf Erden!. May äußerte sich in einem neu dazugeschriebenen Abschlußkapitel über die Entstehungsgeschichte:

Damals frug ein rühmlichst bekannter, inzwischen verstorbener Bibliograph bei mir an, ob ich ihm ebenso wie zu früheren Unternehmungen nun auch zu einem großen Sammelwerk über China einen erzählenden Beitrag liefern könne. Diese Anfrage geschah telegraphisch, weil ihm die Sache eilte. Ich zögerte nicht, ihm ebenso telegraphisch eine bejahende Antwort zu senden, denn ich hatte vor kurzem "Und Friede auf Erden" zu schreiben begonnen, hoffte, es schnell zu beenden, und kannte diesen Herrn als einen Mann, dem ich diese eine, gelegentliche Ausgabe meiner Erzählung gut und gern überlassen könne. Freilich, hätte er mir mitgeteilt, daß er mit diesem Sammelwerke eine ganz besondere, ausgesprochen "abendländische" Tendenz verfolge, so wäre ihm anstatt des Ja unbedingt ein kurzes Nein geworden.
   Da mir nichts Gegenteiliges gesagt wurde, nahm ich als ganz selbstverständlich an, daß es sich um ein gewiß unbefangenes, rein geographisches Unternehmen handle, welches nicht von mir verlange, anstatt bisher nur für die Liebe und den Frieden, nun plötzlich für den Haß, den Krieg zu schreiben. So erzählte ich denn ganz unbesorgt, was ich zu erzählen hatte, bis mit einemmal ein Schrei des Entsetzens zu mir drang, der über mich, das literarische enfant terrible, ausgestoßen wurde. Ich hatte etwas geradezu Haarsträubendes geleistet, allerdings ganz ahnungslos: Das Werk war nämlich der "patriotischen" Verherrlichung des "Sieges" über China gewidmet, und während ganz Europa unter dem Donner von begeistertem Hipp, Hipp, Hurra und Vivat erzitterte, hatte ich mein armes, kleines, dünnes Stimmchen erhoben und voller Angst gebettelt: "Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein!" Das war lächerlich; ja, das war mehr als lächerlich: das war albern. Ich hatte mich und das ganze Buch blamiert, und wurde bedeutet, einzulenken. Ich tat dies aber nicht, sondern ich schloß ab, und zwar sofort, mit vollstem Rechte. Mit dieser Art von Gong habe ich nichts zu tun!
[Und Friede auf Erden!, Freiburg 1904, S. 490f.]

Es versteht sich von selbst, daß dieser Roman im 'Dritten Reich' - besonders in den Kriegsjahren - nicht gern gesehen war. Ein weiteres pazifistisches Werk, Mays Ardistan und Dschinnistan, galt als vergriffen.

Ralf Harder


Wer mehr über den Roman Und Friede auf Erden! erfahren möchte, dem seien die Beiträge von E. Bartsch und H. Plaul in den Jahrbüchern 1972/73 und 1983 der Karl-May-Gesellschaft empfohlen.


Die Waffen nieder!

Der Pazifist Karl May