Lieferung 10

Karl May

18. Oktober 1884

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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Sie zögerte, fortzufahren, daher forderte er sie dazu auf.

»Sprechen Sie getrost weiter!«

»Ich meinte, daß er eine große Angst ausgestanden hat.«

»Weshalb?«

»Ob der Riese Bormann wirklich zurückkehren würde!«

»Ich hatte es ihm versprochen, und ich pflege Wort zu halten. Man hat doch nichts bemerkt?«

»Kein Mensch.«

»Nun, so möchte ich noch eine Offerte an Sie richten.«

»Welche?«

»Wo ist Ihr Mann?«

»Er war zum Abendbrote hier, ist aber bereits wieder im Dienst.«

»Das ist unangenehm! Ich hätte gern mit ihm gesprochen, doch konnte ich leider nicht eher kommen. Kann man nicht zu ihm gehen?«

»Freilich kann man das; aber es ist -«

Sie blickte ihn verlegen an.

»Fahren Sie nur fort!« ermunterte er sie.

»Wegen solchen Dingen, wie sie gestern hier besprochen wurden, dürften Sie nicht zu ihm gehen.«

»Warum nicht?«

»Weil - weil man leicht Verdacht schöpfen könnte.«

»Ach so! Ich dachte, Sie hätten einen anderen Grund. Wie wäre es da, wenn Sie zu ihm gingen?«

»Ich? Hm! Ich darf die Kinder nicht allein lassen.«

»Sie sind ja in einer Viertelstunde wieder hier, und ich bleibe da, bis Sie kommen.«

Sie war doch bedenklich, denn sie fragte:

»Ist es etwas Gefährliches, was er thun soll?«

»O, nein! Er soll sich noch hundert Thaler verdienen!«

Das wirkte augenblicklich. Der besorgte Ausdruck ihres Gesichtes verschwand.

»Was soll er dafür thun?«

»Den Riesen noch einmal herauslassen.«

»Das wird er schwerlich thun!«

»Warum?«

»Wegen der Angst. Uns ist ja nun geholfen. Wir sind nicht mehr gezwungen, etwas Verbotenes zu thun, um uns zu retten.«

Er schüttelte sehr ernst den Kopf und sagte:

»O doch! Ich glaube sogar, daß Sie heute sehr gezwungen sind, den Riesen noch einmal herauszulassen.«

»Warum?«

»Ich habe heute wieder einen Brief von dem 'geheimen Hauptmann' erhalten, der dies nothwendig macht.«

»Mein Gott! Was steht darin?«

»Daß gestern Etwas vergessen worden ist. Es muß noch eine Kleinigkeit


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besprochen werden; es wird aber ganz bestimmt das letzte Mal sein, daß man an Ihren Mann eine solche Forderung stellt.«

»Und wenn er doch nicht darauf eingeht?«

»So droht der Hauptmann, ihn anzuzeigen, daß er gestern den Gefangenen freigegeben hat.«

»Welch ein Zwang! Was soll ich thun?«

»Ganz ebenso habe auch ich mich gefragt. Die einzige Antwort ist die, daß wir gehorchen müssen.«

»Sie meinen also, daß ich zu meinem Manne gehen soll?«

»Ja. Hier ist der Brief. Nehmen Sie ihn mit. Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, ihn keinen Menschen weiter sehen zu lassen!«

»Das kann mir gar nicht einfallen. Es wäre ja zu unserem eigenen Verderben. Sie wollen also wirklich hundert Thaler zahlen?«

»Ja. Ich gebe sie Ihrem Manne augenblicklich, sobald er mir den Gefangenen bringt.«

»Zu welcher Zeit soll das sein?«

»Punkt zwölf Uhr. Ich werde ganz an demselben Orte warten, wie gestern. Gehen Sie! Ich bleibe hier, bis Sie zurückkehren.«

Die Frau warf ein Tuch über und ging. Sie hatte keinen Begriff von der Größe der Gefahr, in welche sie ihren Mann stürzen, und von der Größe der Pflichtverletzung, zu welcher sie ihn verleiten wollte.

Es dauerte Etwas über die angegebene Zeit, ehe sie zurückkehrte. Ihr Gesicht hatte einen ernsten Ausdruck.

»Nun, was hat er gesagt?« fragte der Baron.

»Er war ganz und gar dagegen.«

»Aber er hat sich doch noch erweichen lassen? Nicht?«

»Ja, freilich! Aber nicht um der hundert Thaler, sondern um der Drohung des Hauptmannes willen. Es soll aber auf jeden Fall heute das letzte Mal sein, daß er so Etwas unternimmt.«

»Damit bin ich einverstanden. Das habe ich ja auch selbst gesagt. Also er wird Punkt zwölf Uhr mit dem Bormann am Pförtchen sein?«

»Ja, wenn es möglich ist. Ist er noch nicht da, so sollen Sie warten. Er kommt später ganz gewiß.«

»Schön. Die hundert Thaler erhält er augenblicklich. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Er ging. Sein Weg führte ihn in jenen entlegenen Stadttheil, wo in dem Gartenhause die geheimen Zusammenkünfte abgehalten wurden. Er gelangte auf dem bereits angegebenen Wege hinein. Als er wieder zurückkehrte, war Mitternacht bereits nahe. Es mußte viel verhandelt worden sein.

Wäre Jemand an der anderen Seite der Gartenmauer aufgestellt gewesen, hätte er beobachten können, daß aus einem schmalen Pförtchen nach gewissen Pausen dunkle Gestalten huschten. Dem Pförtchen gegenüber war ein kleines Gehölz. Am Rande desselben stand im Dunkel der Bäume ein Mann, welcher für die Sicherheit der Passage zu sorgen hatte. Jedesmal, wenn Jemand


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drüben erschien, gab er durch ein halblautes »Pst!« das Zeichen, daß keine Gefahr vorhanden sei.

Nach dem Letzten wurde das Pförtchen von innen leise verschlossen. Dieser Mann blieb einen Augenblick stehen und verschwand dann, nachdem er das »Pst!« vernommen hatte, um die Ecke. Er eilte raschen Schrittes weiter, dem Innern der Stadt zu. Er schien von einem Gedanken oder Entschlusse gejagt zu werden. Er trat nach und nach in verschiedene Restaurationen ein, fand aber nicht, was er suchte. So war es beinahe ein Uhr geworden; da wurde ihm bange.

»Er ist nirgends zu finden!« murmelte er. »Soll ich es auf mich selbst nehmen, oder soll ich das geheime Zeichen geben? Er hat mir allerdings gesagt, daß ich das nur in einem sehr dringlichen Falle thun solle; aber gerade der heutige scheint mir ein solcher zu sein. Ich werde es also wagen.«

Er eilte nach dem vornehmen Stadtviertel. Dort wurden die Straßen von prachtvollen Villa's gebildet. Da lag auch die Palaststraße, in welcher der Fürst von Befour wohnte. Hinter ihr zog sich eine zweite parallel dahin, an deren Eckhäusern die Bezeichnung »Siegesstraße« zu lesen war. Auch hier standen große, palaisartige Gebäude und mitten unter ihnen ein kleines Häuschen in freundlichem Schweizerstyl, welches nur für eine Familie eingerichtet sein konnte. Am Eingange zu diesem Häuschen gab es den Knopf zu einer electrischen Klingel. Hieran drückte der Mann.

Es war der Schlosser, welcher gestern dem Fürsten von Befour die Schlüssel zur Wohnung der Baronesse Alma gegeben hatte.

Nach kaum einer Minute wurde die Thür geöffnet. Der Hausflur war erleuchtet, und so konnte man den ehrwürdigen Kopf eines alten, grauhaarigen Mütterchens erkennen.

»Was wollen Sie?« fragte sie.

»Ich will zum Fürsten.«

»Ich verstehe Sie nicht. Ich kenne keinen Fürsten.«

»Ich meine den Fürsten des Elends.«

»Von dem habe ich wohl sprechen hören, aber den kennt ja kein Mensch. Wer sind Sie, lieber Mann?«

»Ich bin ein Diener Dessen, den ich suche.«

»Hm!« machte sie nachdenklich. »Ich gestehe, daß mir das Alles fremd vorkommt. Ich werde Ihnen doch lieber meinen Mann senden.«

Sie ließ die Lampe im Flur stehen und trat in ein einfach möblirtes, aber ungemein schmuck und sauber gehaltenes Zimmer. Da saß ein ehrwürdiger Greis am Tische. Sein Gesicht wurde von einem eisgrauen, martialischen Bart umflossen, so dicht und grau, wie auch sein Haupthaar war. Er trug in diesem Augenblicke eine Brille auf der Adlernase und las in einem illustrirten Buch. Es war eine eingebundene Jagdzeitung mit Abbildungen von Thieren, Geräthen und Scenen, welche sich auf das edle Waidwerk beziehen. Er blickte von dem Buche auf und fragte:

»Wer war es?«

»Es will Einer zu unserem Gustav, zum Fürsten.«


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»Ah! Zu welchen Fürsten?«

»Des Elendes.«

»Hat er das Stichwort gegeben?«

»Nein.«

»Hm! So muß ich selbst nachsehen. Es muß nothwendig sein.«

Er erhob sich und begab sich hinaus. Dort ließ er den Schein der Lampe auf den Schlosser fallen und fragte:

»Wer hat Sie zu uns geschickt?«

»Er selbst.«

»Wer? Ich begreife Sie nicht. Ist Ihnen kein besonderes Wort gesagt worden?«

»Nein.«

»Hm!« dachte der Alte. »So ist es ein Neuer, den er erst noch prüfen will.«

Und laut fügte er hinzu:

»Den, zu dem Sie wollen, kenne ich freilich nicht. Aber ich weiß Einen, der oftmals von ihm spricht und Ihnen sicher Auskunft ertheilen kann. Ist Ihre Angelegenheit nothwendig?«

»Nothwendig und eilig.«

»Was gilt es denn?«

»Ein Verbrechen zu verhüten. In einigen Minuten ist es vielleicht bereits zu spät.«

»Sapperlot! Da muß ich Ihnen allerdings den Ort nennen. Kennen Sie die Ufergasse?«

»Ja.«

»Da liegt die Wirthschaft der Madame Pauli?«

»Ich weiß das.«

»Begeben Sie sich schleunigst dorthin. Im Salon sitzt ein Mann mit rothem Bart und Haar; er heißt Brenner. An ihn wenden Sie sich. Er wird Ihnen sicher Auskunft ertheilen.«

»Ich danke.«

Mit diesen Worten wandte sich der Schlosser ab und eilte davon. Die Ufergasse war bald erreicht und das Haus auch. Es war ein hohes, aber nicht sehr breites Gebäude, mit verhältnißmäßig ein Wenig zu kleinen Fenstern, welche sämmtlich mit dünnen, weißen Vorhängen versehen waren. Die Thür war verschlossen. Der Schlosser klopfte leise, und sofort wurde geöffnet. Eine Frau stand da, welche den Ankömmling mit scharfen Blicken musterte.

»Zu wem wollen Sie?« fragte sie.

»In den Salon.«

Sie betrachtete ihn abermals und sagte dann mißlaunig:

»Sind Sie heute wohlhabend?«

»Mehr, als Sie denken.«

Damit schob er sich an ihr vorüber und stieg die Treppe empor. Da oben trat er in ein reich ausgestattetes Zimmer, in welchem sich eine Anzahl junger Damen und Herren befanden. Von ihnen getrennt, saß ganz allein


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in einer Ecke ein Mann mit rothem Bart und Haar. Zu ihm wendete sich der Schlosser sofort.

»Sind Sie Herr Brenner?« fragte er leise.

»Brenner ist allerdings mein Name,« antwortete der Gefragte langsam und in der Weise, in welcher Stotternde zu reden pflegen.

»Kennen Sie den Fürsten des Elendes?«

»Ja.«

»Ich bin -«

»Schon gut! Ich kenne auch Sie!«

»Was? Wie? Mich?« flüsterte der Schlosser.

»Ja. Sie haben dem Fürsten gestern abend einen großen Dienst geleistet.«

»Das ist allerdings wahr.«

»Und sich heute am Morgen die Belohnung dafür geholt.«

»Auch das stimmt.«

»Sie dachten da, in der Wohnung des Fürsten zu sein, haben sich aber geirrt. Er hat verschiedene Wohnungen, welche er je nach Gelegenheit und Bedarf benützt. Wer hat Sie an mich gewiesen?«

»Zwei alte Leute, welche in der Siegesstraße wohnen.«

»Schön! So muß Ihre Angelegenheit eine wichtige und auch eilige sein. Was wollen Sie?«

»Ich muß unbedingt mit dem Fürsten sprechen.«

»Das ist für heute nicht möglich.«

»Welch ein Unglück!«

»Ein Unglück? Vertrauen Sie mir die Angelegenheit. Ich bin zuweilen Stellvertreter des Fürsten, auf alle Fälle aber sein Vertrauter.«

»Wenn das wirklich ist, so kann ich allerdings sprechen. Ist Ihnen ein Riese Bormann bekannt?«

»Sehr. Er ist heute Nacht bei der Baronesse von Helfenstein eingebrochen. Nicht?«

»Ach, ich sehe, daß Sie eingeweiht sind.«

»Mehr, als Sie denken. Sie sind ein Untergebener des geheimen Hauptmannes, dabei aber ein geheimer Anhänger des Fürsten. Sie werden belohnt werden. Aber, was ist heute mit dem Riesen?«

»Da der Plan, ihn durch eine verbrecherische List zu befreien, gestern vereitelt wurde, so soll er heute anderwärts ausgeführt werden.«

»Alle Wetter! Wo?«

»Es soll im Schlafzimmer der Tochter des Obersten von Hellenbach eingebrochen werden.«

Der Rothkopf sprang erschrocken von seinem Stuhle auf.

»Bei Fanny von Hellenbach?« fragte er.

»Ja.«

»Wann?«

»Vielleicht bereits in diesem Augenblicke.«

»Dann vorwärts fort! Und unterwegs das Weitere.«


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Er zog die Börse und warf ein Goldstück als Bezahlung des Weines, welchen er nun nicht genießen konnte, auf den Tisch. Dann eilten Beide fort. Keine der übrigen anwesenden Personen hatte eine Sylbe der Unterredung verstanden.

Auf der Straße angekommen, nahm der Rothe den Arm des Schlossers und fragte im raschen Vorwärtsschreiten:

»Sind Sie genau unterrichtet?«

»Ja. Ich war zugegen, als der 'Hauptmann' davon sprach.«

»Der Riese soll wieder freigelassen werden?«

»Ja.«

»Das wird heute das Unglück des Schließers sein. Er dauert mich. Aber der Riese ist ein brutaler Mensch; das Fräulein befindet sich vielleicht in Todesgefahr, und ich erfahre die Sache zu spät, um private Maßregeln ergreifen zu können. Ich bin also gezwungen, die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen. Wer wird bei dem Riesen sein?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie sind nicht mit zu ihm befohlen, wie gestern?«

»Nein. Und da der Hauptmann Jedem seine Befehle nur einzeln und leise giebt, so weiß Keiner, was der Andere zu thun hat.«

»Wünschen Sie in dieser Angelegenheit mit der Polizei in Berührung zu kommen?«

»Allerdings ganz und gar nicht. Ich befürchte, daß der Hauptmann sogar bei der Polizei seine Anhänger hat.«

»Das glaube ich nicht. Ich habe die hiesigen Verhältnisse genau studirt. Wir haben hier lauter pflichttreue und diensteifrige Leute. Sie allerdings haben überhaupt Ursache, nicht von ihnen bemerkt zu werden. Es ist also besser, daß wir uns trennen. Gute Nacht!«

Er ließ ihn stehen und ging schnellsten Schrittes weiter.

»Er hat mich nicht erkannt,« meinte er für sich hin. »Das ist ein Zeichen, daß ich in meinen Verkleidungen nichts zu befürchten habe. Diese Lahia-laki, diese natürlichen Scalpbärte und Scalpperrücken sind gar nicht mit Geld zu bezahlen. Ah, endlich! Da ist die Wache!«

Er stand vor dem Lokale desjenigen Reviers, zu welchem die Wasser- und auch diejenige Straße gehörte, in welcher das Haus des Obersten von Hellenbach stand. Er trat ein. Es waren über ein halbes Dutzend Schutzmänner vorhanden.

»Was wünschen Sie?« wurde er gefragt.

»Entschuldigung, wenn ich störe!« antwortete er. »Soeben begegnete mir ein Herr, welcher mich bat, schleunigst nach hier zu gehen, um Ihnen eine sehr wichtige Mittheilung zu machen.«

»Welche?«

»Ich weiß nicht, ob ich sprechen darf. Es könnte sich auch um eine Mystifikation handeln.«

»Mystifikation? Hm! Wer sind Sie?«

Da trat einer der Schutzmänner vor und antwortete:


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»Ich kenne den Herrn. Es ist der Kunstmaler Brenner, welcher neben mir wohnt.«

»Schön! Also, Herr Brenner, wie lautet Ihre Meldung?«

»Es wird bei der Tochter des Obersten von Hellenbach eingebrochen.«

»Donnerwetter! Wann?«

»Vielleicht in diesem Augenblicke.«

»Wer ist der Thäter?«

»Der Riese Bormann.«

»Unsinn! Der steckt sehr sicher hinter Schloß und Riegel!«

»Er ist entweder entsprungen oder herausgelassen worden. Ich weiß das natürlich nicht. Ich kann blos sagen, was der Herr mir aufgetragen hat.«

»Jedenfalls eine Mystifikation, mein werther Herr Brenner. Kannten Sie den Herrn, der Sie hergeschickt hat?«

»Nein.«

»Sehen Sie! Es scheint, man hat sich im Datum verrechnet. Wir haben den ersten Dezember, aber nicht den ersten April.«

Der angebliche Maler schüttelte nachdenklich den Kopf. Er meinte:

»Der Fremde schien vorausgesehen zu haben, daß man mir keinen Glauben schenken würde. Er gab mir eine Bescheinigung mit.«

»Ah! Was?«

»Es ist nicht hell genug auf der Straße, um deutlich zu sehen. Es scheint eine Art von Münze zu sein, welche ich erhielt. Hier ist sie.«

Er zog den Gegenstand aus der Tasche und gab ihn hin. Der Beamte warf einen Blick darauf und sagte überrascht:

»Der Fürst des Elendes! Ueberall ist er! Alles weiß er! Er sagt nie die Unwahrheit! Der Einbruch wird wirklich verübt. Auf also, meine Herren! Nehmen Sie Todtschläger mit! Einer bleibt hier! Vorher aber telegraphire ich um Succurs nach der Hauptwache!«

Bei der Bewegung, welche es jetzt gab, fiel es gar nicht auf, daß der Maler sich nach einem kurzen Gruße zurückzog. Kaum eine halbe Minute nach ihm verließen auch die Polizisten das Local.

Nicht in einer auffälligen Truppe, sondern einzeln und möglichst unbemerkt eilten sie dem angegebenen Orte zu. Das Thor war verschlossen. Der Anführer zog es vor, zu klopfen, anstatt die Klingel zu ziehen. Der Portier war wach. Er nahte sich und fragte von innen:

»Wer klopft?«

»Die Polizei. Oeffnen Sie möglichst leise!«

Der Mann schien bestürzt zu sein, denn es dauerte eine Weile, ehe das Thor aufging. Er trat unter die Oeffnung und fragte:

»Wirklich Polizei?«

»Ja. Sie sehen es ja. Sprechen Sie leise. Wo schläft Fräulein von Hellenbach? Liegt das Zimmer nach der Straße oder nach dem Hofe zu?«

»Nach dem Hofe zu. Warum?«

»Erschrecken Sie nicht. Wir erwarten Menschen, welche dort einbrechen wollen.«


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»Himmeldonnerw-!«

»Pst! Nicht so laut. Ist jemand Verdächtiger hier passirt?«

»Nein.«

»Oder durch die Hofthür?«

»Kein Mensch.«

»Hm! Ist die Letztere ohne Geräusch zu öffnen?«

»Ja. Schloß und Angeln sind gut geölt.«

»Oeffnen Sie! Dieser Vordereingang bleibt auch offen, und ein Mann postirt sich hier, um den Succurs zu empfangen. Die anderen kommen mit. Vorwärts! Aber leise!«

Der Portier öffnete die Hinterthür. Der Anführer trat vorsichtig in den Hof und blickte sich um. Er hatte kaum Selbstbeherrschung genug, einen Ruf des Erstaunens zu unterdrücken. Er trat zurück und meldete flüsternd:

»Sie sind bereits oben. Draußen lehnt eine Leiter. Es scheint, sie sind durch das gegenüberliegende Haus der Wasserstraße hier in den Hof eingestiegen.«

»Wollen wir ihnen auf der Leiter folgen?« fragte Einer.

»Nein,« antwortete der vor- und umsichtige Beamte. »Das wäre zu gefährlich. Derjenige, welcher von Außen durch das Fenster steigen wollte, wäre den Waffen der Einbrecher preisgegeben. Sind die Thüren oben verschlossen?«

»Ja,« antwortete der Portier. »Aber mein Hauptschlüssel öffnet alle.«

Da hörte man leise Schritte von außen. Die erwartete Hilfe nahte.

»Ah, da kommt Succurs,« sagte der Beamte. »Brennt die Laternen an! Sechs, acht, zehn, zwölf Mann! Das ist vollständig genug. Einer am Hauptthore, zwei am Hinterthore hier, um den Hof zu bewachen. Die Anderen folgen jetzt. Vorwärts!«

Sie stiegen unhörbaren Schrittes die Treppe empor. Noch waren sie kaum verschwunden, da stieß Einer von den Beiden, welche den Hof zu bewachen hatten, den Anderen an.

»Du! Schau! Dort an der Mauer!« flüsterte er.

Auf der Mauer, welche das Grundstück von dem hinter demselben liegenden trennte, erschien ein Mensch. Er sprang hinab und kam leisen, aber eiligen Laufes herbei.

»Er gehört zu ihnen. Wollen wir ihn festnehmen?« flüsterte der Polizist.

»Nein, bei Leibe nicht!« meinte der Andere. »Laß ihn nur hinauf. Dort ist er uns sicher. Jetzt aber, wenn er Lärm machte, könnte er uns Alles verderben.«

»Hast auch Recht. Lassen wir ihn also hinauf.«

Sie hatten die Thüre so weit zugezogen, daß nur eine schmale Lücke offen war. Durch diese betrachteten sie die Person. Sie war nicht sehr hoch und dabei schmächtig. Gesichtszüge ließen sich nicht erkennen. Er bekümmerte sich gar nicht um die Thür; er eilte auf die Leiter zu. Als sie jetzt die Thür weiter öffneten und die Köpfe ein Wenig vorsteckten, sahen sie ihn wie


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eine Katze empor klettern. Oben hielt er an und blickte durch das jedenfalls offenstehende Fenster. Dann sprang er hinein.

Einen Augenblick lang hörte man nichts. Dann aber erklang eine Stimme:

»Zurück, Bösewicht!«

In demselben Augenblick erscholl von oben ein Schrei, welcher mehr dem Brüllen eines wilden Thieres oder rasend gewordenen Stieres glich.

»Das ist der Kampf,« meinte der eine Polizist.

Sie lauschten in höchster Spannung. Das Gebrüll währte noch einige Zeit. Ein Schuß krachte; noch einer; Flüche erschollen; dann wurde es still.

»Wir haben gesiegt,« antwortete der andere Polizist. -

Nachdem der 'Hauptmann' über die Mauer des heimlichen Versammlungsortes wieder auf die Straße geklettert war, begab er sich nach der Frohnveste. Er langte kurz vor zwölf Uhr bei dem Pförtchen an, hatte aber bis weit über Mitternacht zu warten, bis es leise geöffnet wurde. Zwei Männer traten heraus, der Riese und der Schließer. Der Letztere flüsterte:

»Sind Sie da? Ja. Ich wage viel!«

»Gar nichts!« antwortete der Hauptmann.

»Werden Sie ihn mir wirklich wiederbringen?«

»Gewiß!«

»Wann?«

»Punkt drei Uhr.«

»Ich thue es aber zum letzten, zum allerletzten Male!«

»Man wird es auch nicht öfterer verlangen.«

»Und das Geld?«

»Hier sind hundert Thaler. Adieu einstweilen!«

Er drückte ihm die abgezählte Summe in die Hand und zog dann den Riesen mit sich fort. Unter den Bäumen blieb er mit ihm stehen.

»Was solls heute wieder?« fragte Bormann mißmuthig.

»Deine Rettung!«

»Pah! Wohl wie gestern wieder?«

»Unsinn! Das war ein dummer Fall! Ihr seid selber Schuld!«

»Inwiefern?«

»Ich wende eine solche Summe auf, um Dich durch den Beweis zu retten, daß es einen Zweiten giebt, der Dir ähnlich ist; ich sage sogar, daß Ihr das ganze Geld behalten sollt, und Ihr laßt Euch von einem einzelnen Menschen in das Bockshorn jagen! Hättet ihr ihn niedergeschlagen!«

»Donnerwetter! Hauptmann, es war der Fürst des Elendes!«

»Das habt ihr mir bereits heute Nacht erzählt. Ich glaube es nicht.«

»Aber ich glaube es! Er stand mit zwei Revolvern vor uns. Hätte ich mich bewegt, so wäre ich in demselben Augenblicke eine Leiche gewesen.«

»Wir wollen nicht rechten. Vorüber ist vorüber. Ich brauche Dich nothwendig; darum sollst Du auf alle Fälle frei werden, aber nicht durch die Flucht, sondern durch richterlichen Spruch. Ist die eine Gelegenheit versäumt worden, so muß ich Dir eine andere bieten.«


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»Ich habe verdammt wenig Lust!«

»Was? Wie? Du willst nicht frei werden?«

»Herzlich gern; aber nicht auf diese Weise!«

»Auf eine andere geht es nicht.«

»Ich möchte keine Dummheiten mehr begehen.«

Der Hauptmann trat einen Schritt zurück, schüttelte verächtlich mit dem Kopfe und antwortete:

»Pah! Eine ganz alberne Folge der Predigt, welche Euch dieser Popanz, der Fürst des Elendes, gehalten hat.«

»Ich gebe aber doch zu, daß er Recht hat!«

»Meinetwegen! Folge ihm! Laß Dich verurtheilen! Weißt Du, was Du zu erwarten hast?«

»Nun?«

»Bis zwölf Jahre Zuchthaus!«

»Das weiß ich. Ich brenne aber durch. Ich mache nach Amerika und werde dort ein ehrlicher Kerl.«

»Das ist nicht so leicht, als wie Du denkst!«

»O, mich sollen sie nicht erwischen!«

»Aber Deine Frau?«

Der Verbrecher senkte den Kopf und schwieg.

»Und Dein Kind!« fügte der Hauptmann hinzu.

Da hob der Riese den Kopf langsam empor und antwortete:

»Meine Frau! Herr, ich habe ein braves Weib! Ich bin es gar nicht werth! Sie hat mich so lieb gehabt, und was habe ich ihr dafür gegeben? In Jammer, Schande und Elend habe ich sie gebracht. Und mein Kind, mein Junge, mein -«

Er hielt inne. Es war über den riesenstarken Mann eine Rührung gekommen, deren er nicht Herr zu werden vermochte. Erst nach einer Weile fuhr er mit leiser, milder, beinahe zärtlicher Stimme fort:

»Haben Sie Kinder, Herr?«

»Nein.«

»Sind Sie einmal gefangen gewesen?«

»Nein.«

»So wissen Sie nichts, gar nichts! Hauptmann, ich bin ein wilder, ein grimmiger Mensch; ich mache mir aus einem Menschenleben nichts, gar nichts. Ich habe meine Eltern zu Tode geärgert und mein Weib ins Elend gebracht; ich habe es geschlagen, oft, oft, daß es liegen blieb; ich habe gestohlen, geraubt, gemordet; ich habe gedacht, daß da unter den Rippen und Knochen nicht eine Spur von dem sei, was Andere das Herz nennen! Aber, hole mich der Teufel, ich habe doch ein Herz, und was für eins! Das habe ich während meiner Gefangenschaft gemerkt.«

Er hielt abermals inne. Er hatte die Hände gefaltet, und seine Stimme war so weit gesunken, daß die einzelnen Worte fast nicht verstanden werden konnten. Seine Brust hob und senkte sich, und erst nach einem tiefen, tiefen Athemzug fuhr er fort:


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»Herr, mein Junge hat so blaue, blaue Augen - grad wie der Himmel! Und die Backen sind so rund und so roth! Und das Mäulchen - grad zum Küssen - zum Schmatzen, wie ich es heiße! Und die Arme und Beine, so dick, so rund, so quatschelig, daß es eine Freude, eine Wonne ist! Er konnte schon Papa sagen! Herrgott! Papa! Und was für ein Papa bin ich gewesen! Ein Rabenvater, der - der - der -«

Er schluchzte!

Der Hauptmann sagte kein Wort. Nach einer Pause fuhr der Riese fort:

»Der Kleine packte mich beim Barte und beim Haare und zauste mich, daß es eine Freude war. Und dann legte er mir den Kopf auf die Achsel und die Ärmchen um den Hals, und nun trat meine Frau herbei und nahm - nahm - nahm mich von der anderen Seite und fragte mich weinend, ob das denn nicht ein Glück - ein Glü - ein Gl -«

Seine Stimme brach in Weinen. Er schlang die Arme um den nächsten Baum und legte den Kopf an den Stamm, als ob er seine starke, mächtige Gestalt stützen müsse. Das dauerte eine ziemliche Weile. Dann begann er abermals:

»Was mögen sie machen? Werden sie an mich denken? Papa wird der Kleine sagen: aber Der, nach dem er sich sehnt, der liegt in Ketten. Der Fürst des Elendes hatte Recht, ganz Recht!«

»Machst Du es anders?« fragte der Hauptmann jetzt.

»Ja. Ich könnte!«

»Wie denn?«

»Durch die Flucht.«

»Und Deine Frau, Dein Kind?«

»Die nehme ich Beide mit.«

»Schwatze keinen Blödsinn! Mit diesen Beiden hätten sie Dich bald wieder ergriffen.«

»Ich würde sie und mich vertheidigen wie ein Löwe!«

»Aber doch untergehen! Und was hätten sie dann davon? Nein! Hast Du die Deinigen wirklich so lieb, wie Du sagst, so ist das ein Grund mehr, mir zu gehorchen. Thust Du das, so bist Du in drei oder vier Wochen freigesprochen.«

Der Riese richtete seine Gestalt freudig in die Höhe.

»Ist das wahr?« fragte er.

»Ich verspreche es Dir! Ich gebe Dir mein Ehrenwort!«

»Das Urtheil wird lauten, daß ich unschuldig bin?«

»Ja.«

»Und ich kann dann zu meinem Weibe und meinem Kinde gehen?«

»Ja. Du bist dann vollkommen und vollständig frei.«

»Das klingt freilich gut, das klingt ganz so, wie ich es haben will!«

»Und es wird auch so werden!«

»Was habe ich da zu thun?«

»Du steigst noch einmal ein.«

»Gut, gut! Es handelt sich um die Freiheit und um Weib und Kind.


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Folge ich dem Fürsten, so komme ich in's Zuchthaus. Folge ich Ihnen, so werde ich frei. Da ist die Wahl nicht schwer.«

»Du willigst also ein?«

»Ja, ich will. Aber eine Bedingung stelle ich!«

»Welche?«

»Es darf kein Mord dabei sein!«

»Es ist auch keiner dabei. Du sollst bei einer Dame einsteigen und ihren Schmuck holen.«

»Darauf gehe ich ein. Wer ist sie?«

»Die Tochter des Obersten von Hellenbach.«

»Die? Ah, die kenne ich, und ihr Haus auch.«

»Das ist gut.«

»Wie aber komme ich hinein?«

»Durch das Haus Nummer Elf in der Wasserstraße.«

»Wie aber komme ich in dieses?«

»Ich habe den Schlüssel. Hier ist er!«

Er gab dem Riesen den Schlüssel. Dieser betrachtete ihn beim Scheine des Schnees und fragte:

»Sapperment, das ist kein Nachschlüssel, sondern ein Original! Wie kommen Sie dazu?«

Der Hauptmann hütete sich natürlich, zu sagen, daß er der Besitzer des Hauses sei. Er antwortete:

»Das ist Nebensache! Du öffnest vorsichtig und kommst ohne Gefahr bis in den Hinterhof. Die Mauer stößt an Hellenbachs Garten.«

»Ist sie hoch?«

»Allerdings. Beinahe fünf Ellen.«

»Wie komme ich da hinüber?«

»Sehr einfach. Grad an dieser Mauer hängt eine Leiter. Sie ist wegen Feuersgefahr vorhanden. Sie ist zwar sehr lang, aber es hängt dabei noch eine viel kürzere, welche passen wird.«

»Gut! Und nachher?«

»In Hellenbachs Hofe angekommen, ist es das dritte Fenster der zweiten Etage, von links gerechnet, wo Du einsteigen mußt.«

»Der zweiten -! Alle Teufel! Wie komme ich da hinauf?«

»Sehr einfach. Auch auf einer Leiter!«

»Wo finde ich die?«

»Ich habe sie mit.«

»Wo?«

»Hier. Dort zwischen den Bäumen liegt sie.«

»Und die soll ich von hier nach der Wasserstraße schleppen?«

»Ja.«

»Durch einen Hausflur, zwei Höfe und einen Garten?«

»Ja.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel! Aber, sind Sie etwa verrückt, Herr?«


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»Nein. Ich traue Dir aber viel zu; denn ich weiß, daß Dir Keiner gleichkommt.«

»Das ist aber Unmögliches verlangt!«

»Pah! Es ist nicht so schwer. Komm und sieh Dir die Leiter an!«

Er zog ihn ein Stück weiter fort bis zu einem Baume, an welchem ein hier nicht deutlich zu erkennender Gegenstand lehnte. Der Riese betastete ihn.

»Ah, von Eisen,« sagte er.

»Ja. Nur fünfzehn Pfund schwer.«

»Und das soll zwei Stock hoch reichen?«

»Ganz sicher. Es ist meine eigene Erfindung. Leider kann ich auf so eine Diebesleiter kein Patent nehmen.«

»Sie ist zusammengelegt und trägt sich wie ein Feldstuhl.«

»Ich werde Dir nachher zeigen, wie sie geöffnet wird. Vorher aber muß ich Dich noch weiter instruiren. Hier in dieser Mappe sind zwei Pflaster.«

»Um das Fenster einzudrücken?«

»Ja. Das muß aber mit solcher Vorsicht geschehen, daß sie nicht davon erwacht.«

»Werde ich sehen können, ob sie schläft?«

»Ja; sie brennt Nachtlicht. In der Mappe sind zugleich Knebel und Stricke. Du bindest und knebelst sie, läßt ihr aber die Augen offen, damit sie Dich deutlich sehen kann. Darauf kommt Alles an. Am Spiegel steht das Schmucktischchen. Der Schlüssel dazu wird anstecken. Steckt er aber nicht an, so liegt er am Fuße des Consolührchens.«

»Woher Sie doch nur stets Alles so genau wissen!«

»Das ist meine Specialität! Wenn Du dann die Pretiosen genommen hast, kehrst Du ganz einfach an demselben Wege zurück, den Du vorher genommen hast.«

»Ich bin ganz allein?«

»Ganz. Bis zu dem Hause an der Wasserstraße gehe ich mit. Dort werde ich warten. In einer Viertelstunde kannst Du fertig sein. Hier ist für den Nothfall ein Revolver!«

»Gut! Heute heißt es: Entweder frei werden oder zu Grunde gehen!«

»Du wirst frei sein. Morgen wird es heißen, daß der Riese Bormann bei Hellenbachs eingebrochen ist. Du bist aber gefangen. Es muß Einen geben, der Dir ähnlich ist wie ein Ei dem andern, nur daß er ein Maal hat. Der Jude Salomon Levi wird beschwören, daß Derjenige, welcher bei ihm gewesen ist ein Maal gehabt hat - Du bist gerettet.«

»Aber das Maal -?«

»Das mache ich Dir jetzt. Komm ein Wenig mehr in das Lichte!«

Nach kurzer Zeit, während welcher er ihm auch den Gebrauch der Leiter gezeigt hatte, waren sie zum Aufbruche bereit. Der Riese nahm die sämmtlichen Gegenstände an sich, und es gelang ihnen, völlig unbeachtet bis in die Wasserstraße zu kommen.


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Hier blieb der Hauptmann zurück. Bormann öffnete die Hausthür von Nummer Elf und zog den Schlüssel wieder ab. Er gelangte glücklich in den Hof und auf die von dem Hauptmanne angegebene Weise bis an die hintere Front des Hellenbach'schen Palastes. Ja, dort oben am dritten Fenster war noch Licht!

Er nahm die Leiter auseinander und richtete sie vorsichtig empor. Am oberen Ende hatte sie krumme Haken, gerade wie die Steigleitern unserer Feuerwehr. Mit Hilfe derselben fand sie oben auf dem Fenstersteine einen festen Halt.

Jetzt probirte er den Aufstieg. Die Leiter war sehr dünn gearbeitet, zeigte sich aber als unzerbrechlich und zuverlässig. Er kam glücklich oben an und blickte in das Zimmer.

Da lag sie auf ihrem Ruhebette, so schön, so hold, wie er noch kein Mädchen gesehen hatte.

"Himmelelement!"

»Himmelelement!« flüsterte er. »Ist das ein Prachtmädel! Der reine Engel! Da ist mein Weib denn doch nichts dagegen! Aber dafür hat die einen Jungen! Hm, sie dauert mich fast! Was ich heute doch so weichherzig bin! Es ist mir, als ob ich sterben sollte!«

Er griff in die Mappe, welche er sich an einer Schnur wie eine Tasche umgehängt hatte, und nahm ein Pflaster heraus, welches er an die Fensterscheibe klebte. Er hatte in solchen Dingen die Geschicklichkeit eines Virtuosen erlangt. Ein kurzes, ganz, ganz leichtes Klingen und dann war es wieder still! Er schaute und lauschte hinein - die holde Schläferin war nicht aufgewacht!

Die Tafel war entfernt. Er langte hinein, öffnete die Wirbel und stand im nächsten Augenblicke im Zimmer. Fanny schlief noch immer. Er trat näher und betrachtete sie.

»Wie von einem Künstler gemalt!« dachte er. »Es ist fürchterlich grob von mir, aber ich kann nicht anders, ich muß.«

Er zog den Knebel und die Schnuren hervor.

»Also jetzt! Eins - zwei - alle Teufel! Was ich heut so zaghaft bin! Was hat das zu bedeuten? Fast ist es mir, als ob ich mein eigenes Weib fesseln und knebeln solle. Aber es muß sein. Ich habe keine Zeit, zu warten. Also Eins - Zwei -«

Auch jetzt zögerte er noch. War es die Schönheit, die Reinheit des vor ihm liegenden Mädchens oder war es das erwachte Gewissen - er trat einige Schritte zurück. Da aber war es ihm, als ob er in der Ferne ein Geräusch vernehme. Das brachte ihm die Gefährlichkeit seiner Lage in das Gedächtniß zurück. Das Fenster war geöffnet; er hatte an demselben gestanden. Wie leicht konnte er von dem Hause da drüben aus gesehen werden.

Er trat rasch hinzu - ein unterdrückter Schrei, ein kurzes und vergebliches Kämpfen des schönen Mädchenkörpers gegen die herkulischen Kräfte des Riesen - dann lag sie da, geknebelt und gebunden, die angstvollen Augen auf ihn gerichtet. Er nickte ihr beruhigend zu und sagte halblaut, um nicht möglicher Weise im Nebenzimmer gehört zu werden:


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»Keine Angst, Gnädige! Ich thue Ihnen nichts! Ich will mir nur einige Pretiosen von Ihnen leihen. Kennen Sie mich?«

Sie schüttelte den Kopf. Dieses Mädchen mußte kräftige Nerven haben, da sie nicht vor Angst in Ohnmacht gefallen war.

»Ich bin der Riese Bormann. Sie können das morgen aller Welt sagen. Ich bin auch da kürzlich bei einem Uhrmacher eingebrochen. Aber thun werde ich Ihnen nichts. Ah, der Schlüssel steckt!«

Er öffnete das Tischchen und zog Alles hervor, was sich darin befand. Sie konnte ihn natürlich nicht sehen, sie konnte sich auch nicht bewegen, aber das Klirren der goldenen Ketten und Ringe wurde plötzlich durch den Ruf unterbrochen:

»Zurück, Bösewicht!«

Wer war es, der diesen Ruf ausstieß? -

Als Robert Bertram, ganz glücklich, im Besitze von fünfzig Thalern zu sein, das Haus des Juden verlassen hatte, war es zunächst seine Absicht gewesen, nach Hause zu gehen, um die Seinen durch die frohe Botschaft von ihrem Herzeleid zu befreien, aber er dachte an den schuldigen Hauszins und an die Drohungen, welche der Vorsteher gestern ausgesprochen hatte. Daher beschloß er, lieber zuerst diesen aufzusuchen.

Er traf ihn daheim, jedoch zum Ausgehen bereit, und grüßte ihn höflich. Herr Seidelmann erwiderte den Gruß kalt und von oben herab und sagte:

»Kommen Sie endlich! Jedenfalls ist es nur Ihre Absicht, um Nachsicht zu bitten! Das ist aber umsonst!«

»Das weiß ich!« antwortete Robert ruhig.

»Wie? Das wissen sie? Und dennoch sind Sie da?«

»Wie Sie sehen, Herr Seidelmann!«

»So gehen Sie nur gleich wieder fort! Morgen werden Sie auf die Straße gesetzt! Ich hatte mir vorgenommen, es bereits heute zu thun.«

»Sie werden doch die Güte haben, uns wohnen zu lassen!«

»Sie irren sich sehr! Und in dem Tone, welchen Sie gebrauchen, trägt man übrigens keine Bitten vor!«

»So viel ich weiß, komme ich nicht um zu betteln, sondern um zu bezahlen!«

Der fromme Mann fuhr erstaunt zurück.

»Bezahlen - be - zah - len?« fragte er gedehnt.

»Wie Sie hören!«

»Fast traue ich meinen Ohren nicht recht! Woher haben Sie denn das Geld?«

»Darüber habe ich Ihnen keine Rechenschaft zu geben!«

»Nicht? Ah! Mir, dem Armenversorger? Ich will doch hoffen, daß es auf ehrliche Weise in Ihre Hände gekommen ist! Das siebente Gebot lautet: Du sollst nicht stehlen! Und wenn ich -«

»Herr!« unterbrach ihn da Robert. »Was fällt Ihnen ein! Sagen Sie noch einmal ein solches Wort, und Sie sollen sehen, was ich thue!«


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Der Vorsteher zog sich hinter einen Tisch zurück, blickte sich ängstlich nach einer Vertheidigungswaffe um und schrie:

»Was wollen Sie thun? Mich vielleicht anfallen und berauben? Ich werde um Hilfe rufen und Sie wegen Hausfriedensbruch, Drohung und Nöthigung verklagen lassen!«

»Thun Sie das! Vorher aber nehmen Sie das Geld und fertigen mir darüber eine Quittung aus!«

»Gut! Das will ich thun! Das ist meine Pflicht, meine schwere, mühevolle und undankbare Pflicht. Bei der Administration solcher Häuser erntet man nur Ärger und Gefahr des Leibes und des Lebens. Doch rechne ich dabei auf Gotteslohn, welcher dem Gerechten nicht versagt bleiben wird.«

Er kam hinter dem Tische hervor, setzte sich an demselben nieder und schlug ein dickes Buch auf. Dann warf er einen forschenden Blick auf den Jüngling und fragte:

»Sie wollen doch Alles bezahlen?«

»Alles!«

»Können Sie das auch?«

»Ja.«

»Wissen Sie, wieviel Sie schuldig sind?«

»Sehr genau.«

»Ich zweifle daran!«

»Sie haben den Hauszins für -«

»Oh, oh!« fiel der Administrator ein. »Den Hauszins blos?«

»Ja. Was sonst weiter?«

»Acht Prozent Zinsen vom Verfalltage an.«

»Ah!« sagte Robert erstaunt.

»Und die Quittungs- und Buchungsgebühr!«

»Die Quitt - Was sind das für Gebühren?«

»Und die Anwaltskosten!«

»Herr Seidelmann, ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen!«

»Das glaube ich Ihnen! Ja, das glaube ich Ihnen! Wer Liebesgedichte schreibt und liest, der pflegt in den Angelegenheiten des weniger poetischen Lebens gewöhnlich ein Lüdrian zu sein. Ich muß Ihnen leider erst erklären, welche Pflichten Sie zu erfüllen haben!«

Er setzte sich in Positur, opferte seiner Nase eine Prise, legte sein Gesicht in strenge Falten und sagte:

»Sie sind den Miethzins schuldig geblieben?«

»Leider, ja.«

»Diese Schuld mußte gebucht werden!«

»Ich glaube es.«

»Sie sind Schuld, daß diese Arbeit nöthig wurde und haben also die Kosten derselben zu bezahlen.«

»Von solchen Kosten habe ich noch nie gehört. Wieviel betragen sie?«

»Vier Procent der Schuldsumme.«

»Mein Gott! Das macht mit den Zinsen ja zwölf Procent!«


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»Allerdings. Und dazu kommen die Anwaltskosten.«

»Ich hatte doch mit keinem Anwalt zu thun!«

»Aber ich! Sie kamen heute nicht, um zu bezahlen, und so ging ich zum Advocaten, um die Klage auf Exmission anfertigen zu lassen. Das kostet Geld, das Zurücknehmen der Klage kostet wieder Geld. Wollen Sie zahlen, und sind Sie wirklich im Stande, es zu thun?«

Robert war wie vom Donner gerührt. Er, der bescheidene, unerfahrene Jüngling, war einem solchen Manne gegenüber machtlos. Er fragte sich, ob die fünfzig Thaler wohl reichen würden; er dachte an das Geld, welches ihm von den Goldstücken, welche der Fürst von Befour ihm geschenkt hatte, übrig geblieben war, und fragte:

»Herr Seidelmann, nennen Sie das nicht Wucher?«

»Wucher? Was fällt Ihnen ein! Was verstehen Sie unter Wucher?«

»Wenn ein Gläubiger mehr Zinsen nimmt, als er menschlicher Weise nehmen sollte!«

»Die Bibel gebietet dem gläubigen Christen, mit seinem Pfunde zu wuchern! So lautet es wörtlich!«

»Diese Stelle ist anders zu deuten!«

»Davon verstehen Sie nichts. Die Bibel kann nur von einem frommgläubigen Theologen ausgelegt werden. Ich frage nochmals, ob Sie bezahlen können?«

»Und wenn ich es nicht kann?«

»So werden Sie exmittirt, zu deutsch herausgeworfen.«

»Herr Vorsteher! Ich möchte fragen, ob das christlich ist?«

»Ärgert Dich Dein Auge, so reiße es aus! Ärgert Dich Deine Hand, so haue sie ab! Sie geben, indem Sie Liebesgedichte lesen und den Zins nicht zahlen, dem ganzen Hause ein Beispiel des Ärgernisses. Meine Pflicht als Vorsteher, Christ und Administrator gebietet mir, dieses Ärgerniß zu beseitigen. Sehen Sie, Ihre Augen blitzen und Ihre Lippen zucken vor unchristlicher Wuth, von sündhaftem, teuflischem Grimm! Und doch gebietet der heilige Apostel: Kindlein, liebet Euch unter einander! Sie aber sind Beelzebub verfallen. Sie sind ein Kind der Augenlust, der Fleischeslust und des hoffärthigen Wesens. Gehen Sie in sich! Versuchen Sie die Beichte, und bitten Sie den Allliebenden dabei auf Ihren Knieen um Gnade und Barmherzigkeit.«

Robert stand da, ganz starr vor Erstaunen.

»Sehen Sie,« fuhr der Vorsteher fort, »wie die Wahrheit meiner Worte auf Sie wirkt? Sie ist wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt. Sie stehen da wie Lots Weib, als es sich umblickte nach dem Feuer, welches Sodom und Gomorrha verschlang. Auch Sie leben in einem Sodom und wandeln in dem Gomorrha der Ueppigkeit und der unlauteren Liebe, die in frechen Liedern besungen wird. Wollen Sie nicht, daß auch auf Sie Feuer und Schwefel herniederregne, so thun Sie beizeiten Buße im Sacke und in der Asche. Kasteien Sie Ihr Fleisch; werfen Sie die Neigung zum Mammon von sich, und versuchen Sie, ein gerechtes Leben zu führen in Ehren und Gottwohl-


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gefälligkeit. Und fühlen Sie sich zu schwach dazu, so kommen Sie zu mir. Sie sollen in mir den Hirten finden, welcher das räudige Schaf mit der heilenden Salbe der Gnade bestreicht, damit er es wieder versammeln kann zur Heerde der Gerechten und Frommen!«

Jetzt fand Robert die Sprache wieder. Er hatte den Mann ausreden lassen und wollte nun eine scharfe Entgegnung beginnen. Aber er besann sich eines Besseren und sagte nur:

»Herr Seidelmann, haben Sie die Güte, mir zu sagen, wie viel ich zu bezahlen habe.«

»So ist es recht! Die wahre Frömmigkeit beginnt mit der Erfüllung der berechtigten irdischen Pflichten. Ich werde addiren.«

»Ich werde nicht nur um die Summe bitten.«

»Um was noch?«

»Um die einzelnen Posten.«

Der Vorsteher blickte ihn ganz erstaunt an.

»Warum? Wozu?«

»Sie haben mir meine geistlichen Schulden soeben so ausführlich hergezählt, daß es Ihnen sehr leicht sein muß, mir auch die irdischen, soweit sie den Miethzins betreffen, zu specificiren.«

»Das kann ich, aber es hat keinen Zweck.«

»O doch!«

»Nun, welchen?«

»Den der Controle.«

»Was?« brauste der Fromme auf. »Sie wollen mich controliren?«

»Nein. Aber ich habe als Sohn die Verpflichtung, meinem Vater zu zeigen, wofür ich mein Geld ausgebe. Ich selbst also bin es, welcher controlirt werden soll. Schreiben Sie mir besonders den Namen des Rechtsanwaltes auf, bei welchem Sie die Exmissionsklage fertigen ließen. Sie müssen die Liquidation dieses Herrn in den Händen haben. Geben Sie mir eine mit Ihrer Unterschrift versehene Abschrift davon. Ich werde Alles bezahlen, nur bitte ich Sie, Alles zu unterschreiben!«

Da stand der Vorsteher von seinem Stuhle auf und rief ihm zu:

»Mensch! Sünder! Du beleidigst Gott, indem Du seinen Diener lästerst. Eine von mir beglaubigte Abschrift einer weltlichen, einer profanen, einer advocatorischen Liquidation! Das ist Schändung meines Amtes. Die Zunge, welche solche Forderungen stellt, sollte eigentlich verdorren. Bertram, ich sehe ein, daß Sie nie zu bessern sind. Ich gebe Sie verloren für alle Zeit und Ewigkeit; aber ich wasche meine Hände in Unschuld, denn ich habe zu Ihrer Rettung gethan, was ich thun konnte. Ich mag nichts mit Ihnen zu thun und nichts mit Ihnen gemein haben. Ich mag nichts von Ihnen erhalten. Ich schenke Ihnen Alles, Alles, die Buchungskosten, die Quittungsgebühren, die Zinsen der Schuld und sogar die Anwaltskosten. Ich will lieber dieses irdische Opfer bringen, als den kleinsten Denar, den geringsten Obolus mein Eigen nennen, nachdem er sich in Ihrer Hand befunden hat! Aber den


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Miethzins kann ich Ihnen nicht erlassen, denn der gehört nicht mir, sondern dem Eigenthümer des Hauses.«

Ueber das hagere Leidensgesicht des Jünglings glitt ein unbeschreibliches Lächeln. Freude, Stolz und Verachtung fanden ihren Ausdruck in demselben. Er sagte in möglichster Ruhe:

»Da hat Gott Ihnen einen guten Gedanken eingegeben. Ihre Rechnung wäre in die Hände des Anklägers gekommen. Jetzt weiß ich selbst genau, wie viel ich Ihnen zu bezahlen habe. Hier ist das Geld. Quittiren Sie schnell, damit ich so rasch wie möglich aus Ihrer Seligkeit hier in mein Gomorrha komme!«

Der Fromme sprach kein Wort weiter. Er steckte das Geld ein, schrieb die Quittung und warf sie ihm hin. Selbst als Robert, bevor er ging, noch grüßte, erhielt er keine Antwort. Er war ja dem Teufel verfallen. Der Frömmler durfte ihn keines Wortes mehr würdigen.

Als Robert zu Hause ankam, gab es noch immer Thränen, aber sie waren bald gestillt, als er die Quittung vorzeigte und dann bewies, daß er sogar noch Geld übrig habe.

»Woher aber hast Du denn eine so große Summe erhalten?« fragte sein Vater.

Er fiel vor Freude in einen fürchterlichen Husten, denn die Erstere griff ihn ebenso an wie die Traurigkeit.

Robert erzählte es, ließ aber weg, daß er die Kette zum Pfande dort gelassen hatte. Marie erhielt Geld, um Speise und anderes Nothwendige herbei zu schaffen. Er ging mit ihr, um sich in das Haus des Juden zu begeben. Unten auf der Straße meinte sie, indem sie sich selbst zu trösten versuchte:

»Glaubst Du, daß es möglich ist, das Oel aus der Stickerei zu entfernen?«

»Ich bin kein Chemiker; ich kann da leider gar nichts sagen.«

»Ich hoffe es. Ich habe recht innig zu Gott gebetet, daß er mir die Freude machen soll, damit ich morgen auch Geld bringen kann. Hast Du vielleicht Wilhelm gesehen?«

»Nein. Ist er nicht daheim?«

»Noch nicht!«

»Du warst bei seiner Mutter?«

»Ja.«

»Vielleicht hat er Ueberstunden zu arbeiten.«

»Das ist möglich. Sein Prinzipal ist heute Mittag dagewesen und heute Abend mit einem Herrn wiedergekommen, um die Maschine zu holen, welche für den Engländer bestimmt ist.«

»So arbeitet er jedenfalls daran.«

Die guten Kinder wußten nicht, daß der andere Herr, der mitgekommen war, ein Polizist in Civil gewesen war.

Robert wurde, als er an der Thür des Juden klopfte, von der alten Rebecca eingelassen. Sie blickte ihn freundlich an, nickte ihm zu und fragte ihn zutraulich:


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»Ist es wahr, daß Sie oft Hunger gelitten haben?«

»Ach ja! Zuweilen!«

»Nun, dann werden Sie Ehrenketten empfangen von Fürsten und Potentaten, und man wird Ihren Namen ausmeiseln in Gold, den Buchstaben zu zwanzig Kreuzer beinahe. Gehen Sie eine Treppe höher, wo Ihrer wartet das Mahl nebst Knoblauch als Gewürze!«

Er wußte allerdings nicht, was er über diese ebenso freundliche, wie räthselhafte Auslassung denken sollte. Oben wartete die alte Magd auf ihn, um ihm die Thür zu öffnen. Als er eingetreten war, blieb er erstaunt stehen.

Das Zimmer war hell mit Wachskerzen erleuchtet; die Vorhänge hatte man zugezogen. Der Tisch war mit Delicatessen und Wein beladen, und auf dem Divan lag Judith.

Sie hatte eine eigenthümliche Tracht angelegt. War das Phantasie, oder war es die Kleidung eines jüdischen Stammes oder fernen Landes? Robert wußte es nicht zu sagen.

Sie trug orientalische Beinkleider von durchsichtigem, röthlichem Stoffe, reich in Silber gestickt, ein eben solches Jäckchen mit Goldstickerei, tief ausgeschnitten und mit so weit aufgeschlitzten Ärmeln, daß man die prächtigen Arme bis hinauf zur Achsel verfolgen konnte. Die nackten Füße stacken in Sammtpantoffeln. Um das Alles herum faltete sich ein weißer, außerordentlich feiner Florüberwurf, der mit goldenen Sternen besäet war. In dem rabenschwarzen Haare glänzten Steine und Perlen. Der größte Schmuck desselben war die eigene Schwere und Länge. Es war in dicke Flechten gebracht, welche wie glänzende Schlangen über den Flor herniederrollten.

Sie bemerkte den Eindruck, den sie auf ihn machte, und lächelte ihm süß entgegen.

»Willkommen, Herr Bertram,« sagte sie, indem sie ihm die Hand vorstreckte.

Er trat herbei, verbeugte sich etwas linkisch und ergriff dieses weiße, feine und doch so kräftige Händchen, wußte aber leider nicht, was er mit demselben machen sollte.

»Nun!« sagte sie. »Gefällt Ihnen diese Hand so wenig?«

Er erröthete verlegen und antwortete:

»O, sie ist im Gegentheile sehr schön!«

»Warum küssen Sie sie nicht?«

»Muß ich das denn?« fragte er lächelnd. Er hatte auf einmal seinen Muth wiedergefunden.

»Müssen? O nein! So Etwas thut man aus freiem Entschlusse. Ein Dichter aber sollte eigentlich immer galant sein.«

Sie entzog ihm die Hand und deutete mit derselben auf den Stuhl, welcher hart neben dem Divan stand.

»Nehmen Sie Platz und versuchen Sie, sich nicht zu langweilen. Wir werden während des ganzen Abends allein sein.«

»Ah! Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter kommen nicht?«

»Nein. Ist es Ihnen Angst vor mir?«


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»Ja, wenn wir allein sind,« gestand er in galanter Aufrichtigkeit.

»Warum?«

»Ich habe noch mit keiner schönen Dame allein gespeist!«

»Und ich mit keinem geistreichen Dichter.«

»So ist unser Abend vielversprechend. Wir werden eine Doublette von Geist und Schönheit haben.«

»Wer wird siegen und wer unterliegen?«

»Der Geist wird unterliegen; ich fühle es bereits!«

»Ich sehe, daß die Dichter in Wahrheit galant sein können. Leider ließen Sie mich lange warten. Ich hatte sehr viel Zeit zum Anrichten, und wir werden beginnen können. Darf ich Ihnen vorlegen?«

»Ich nehme mein Schicksal aus Ihren Händen.«

Sie erhob sich aus ihrer liegenden Stellung. Dadurch kam sie, trotzdem sie auf dem Divan blieb, ganz hart neben ihm zu sitzen. Sie servirte. Ihr voller, glänzender Arm strich dabei so hart an ihm hin, daß er sogar einmal seine Wange berührte. Ihrem Haar entströmte ein süßer, eindringlicher Duft. Ihre Augen funkelten ihm verheißungsvoll entgegen; ihr Mund lächelte; ihre Lippen grüßten still, aber innig. Und wenn sie eine Kleinigkeit zum Munde führte, so war es ein Vergnügen, die Perlenreihen ihrer Zähne glänzen zu sehen. Es war klar, daß sie ihn gewinnen wollte.

Er merkte jetzt von all den Schönheiten nichts. Er sah nur die Delicatessen, nickte fröhlich vor sich hin und sagte:

»Speist man bei Ihnen stets so gut, Fräulein Judith?«

»Nicht immer, sondern nur dann, wenn Dichter geladen sind.«

»Dann sind diese Dichter wohl verpflichtet, der Tafel alle Ehre zu erweisen?«

»Natürlich! Aber die Wirthin darf dabei nicht vergessen werden!«

»O nein!« lachte er heiter. »Sie soll mitessen dürfen!«

»O, Sie materielle Seele!«

»Ist das ein Lob oder ein Vorwurf?«

»Nur das Letztere.«

»Ich dachte, nur das Erstere. Die Seele ist außerordentlich abhängig von der Materie. Doch, gerathen wir nicht auf dieses Gebiet, sondern bleiben wir lieber bei der Tafel.«

Er hatte alle Befangenheit überwunden und aß wie Einer, der ein Recht dazu hatte, hier am Tische zu sitzen. Sie freute sich darüber. Sie suchte ihm das Beste heraus und legte es ihm vor. Er wurde gesprächiger und immer gesprächiger. Seine Wangen bekamen Farbe; seine Augen glänzten, und seine Witze sprühten vor Geist.

Sie bemerkte das gar wohl. O, er hatte Recht gehabt, als er sagte, daß die Seele von der Materie abhängig sei. Er hatte gehungert. Er hatte vielleicht nie ein solches Mahl gehabt. Jetzt zeigte sich die geistige Wirkung dieses materiellen Ueberflusses.

Er sprach und kaute und kaute und sprach; sie konnte ihr Auge nicht von ihm wenden; denn er war jetzt schön, wirklich schön. Sie fühlte, daß sie


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ihn liebe, daß sie ihn haben müsse, daß sie um seinen Besitz mit jeder Gegnerin ringen und kämpfen werde.

»Sie sagten, daß Sie noch mit keiner schönen Dame gespeist hätten?« fragte sie. »Ist das wörtlich zu nehmen?«

»Ja, wörtlich,« nickte er.

»So sind Sie wohl selten in Damengesellschaft gewesen?«

»Nie.«

»Das ist kaum glaublich. Ein junger Herr Ihres Alters pflegt schon einige Liaisons gehabt zu haben.«

»Liaisons? O weh! Diese Herren sind zu beklagen!«

»Oder vielmehr ihre Damen!«

»Beide! Ich würde mir nie eine Liaison gestatten.«

»Warum?«

»Weil sie eine Versündigung ist, eine Versündigung an einem fremden und dem eigenen Herzen.«

»So haben Sie wirklich niemals eine derartige Bekanntschaft gehabt?«

»Nie,« antwortete er ernst. »Unter einer Liaison verstehe ich eine vorübergehende Liebelei. Eine Dame, welche Liaisons gehabt hat, gleicht einem Schmetterlinge mit beschädigten Stellen.«

»Sie haben Recht!«

»Nicht wahr! Der Mensch darf nur eine einzige Liebe haben; aber diese muß so groß und mächtig sein, daß sie sein ganzes Denken und Fühlen, sein ganzes Leben ausfüllt.«

»Wären Sie einer solchen Liebe fähig?«

»Ja.«

»Aber gefühlt haben Sie sie noch nicht?«

»Nein.«

»Meinen Sie, daß sie plötzlich über Einen herfällt, oder daß sie langsam ihren Einzug in das Herz hält?«

»Je nach dem Naturell. Ich bin zum Beispiel überzeugt, daß eine solche große Liebe nie langsam, sondern nur plötzlich über Sie kommen könnte.«

»Wieder haben Sie Recht. Und wie ist es bei Ihnen?«

»Ich denke, bei mir würde das Gegentheil stattfinden. Ich würde die Liebe nicht hinunterstürzen, sondern sie langsam trinken und nippen, bis der süße Rausch so ganz mein Herr geworden wäre.«

»Das geht zu langsam! Trinken Sie! Trinken Sie!«

Ihre Augen funkelten. Sie hielt ihm ihr Weinglas entgegen, um mit ihm anzustoßen. Es kam ganz fremd und eigenartig über ihn. War es der Wein oder waren es die Gluthblicke aus den Augen des schönen Mädchens. Er stieß mit ihr an und antwortete:

»Ja, trinken wir!«

»Wein oder Liebe?«

»Beides!«

»Ja, richtig!« jubelte sie. »Beides! Beides!«


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Sie legte den vollen Arm auf seine Schulter, näherte ihr Gesicht dem seinigen und fragte:

»Wie denken Sie von mir? Wie gefalle ich Ihnen?«

»Bei Ihrem Anblicke denke ich an die Worte des Dichters:

Füll den Pokal mit Schiraswein;
Entfess'le Deiner Locken Quell!«

»Soll ich ihn entfesseln?«

Ihr Athem streifte heißt seine Wange, und ihr Arm legte sich fester um seine Schulter. Er hatte sich noch nie in einer solchen Versuchung befunden. Er wußte nicht, was er antworten sollte.

»Noch nicht! Noch nicht!« sagte er, um doch Etwas zu sagen.

»Aber später doch? Gut! Wir verstehen uns. Und das ist kein Wunder. Sind wir doch Collegen.«

»Collegen?« fragte er lächelnd.

»Ja. Ich bin auch Dichterin. Das heißt, ich dichte.«

»Für sich selbst oder für einen Verleger?«

»Für mich allein.«

»Hm! Das ist Jedermann gestattet. Nur soll man das Nest sehr sorgfältig in Acht nehmen und behüten.«

»Das Nest? Wieso? Was soll das heißen?«

»Das Wespennest der Gedichte. Man soll dieselben hübsch daheim behalten im Kasten und sie nicht hinausfliegen lassen, wo sie allerlei Unheil anrichten.«

»Oho! Glauben Sie, meine Gedichte taugen nichts?«

Er blickte ihr vergnügt in das Angesicht und fragte dabei:

»Es sind doch lyrische, nicht wahr?«

»Ja.«

»Dachte es mir. Ich glaube nicht an weibliche Schriftstellerinnen und noch weniger an weibliche Dichterinnen oder gar Lyrikerinnen.«

»Soll ich Ihnen etwa eine Probe zeigen?«

»Sehr verbunden! Danke aber!«

»Was? Sie wollen nicht?«

»Nein.«

»Welch eine Unhöflichkeit!«

»Es ist eine ebenso große Unhöflichkeit, mir ein 'Lyrisches' zeigen zu wollen. Wir sind also quitt. Um Ihnen aber zu zeigen, daß ich eine Ausnahme machen kann, ersuche ich Sie um eins, aber um ein einziges!«

»Gut! Ich werde Sie bestrafen!«

»Womit?«

»Damit, daß ich Ihnen mein bestes Gedicht vorlese und Sie zwinge, zu sagen, daß es gut ist.«

»Schön! Ich gestatte Ihnen das!«

Sie nahm von einem Nipptischchen ein kleines Album herüber, schlug dasselbe auf und las:

»Still und einsam blühst Du Rose;
   Ach, Dein Duft ist nur für mich


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Und die Pracht der zarten Farben.
   Rose, Dich nur liebe ich!
Herrlich prangt des Thaues Perle
   Auf dem Blatt im Sonnenschein:
Einer Venus Strahlenauge.
   Holde Rose, wärst Du mein!
Ziehe nicht des Kelches Falten
   In Verschämung spröde zu!
Willst Du Dich nicht mir ergeben?
   Rose, ach, wie schön bist Du!«

Sie schlug das Album zu, blickte ihn erwartungsvoll an und fragte:

»Nun? Wie gefällt es Ihnen?«

Er zuckte leise mit den Achseln auf und nieder, nickte ihr vertraulich zu und antwortete:

»Nicht übel!«

»Nicht übel!« rief sie entsetzt. »Giebt es kein anderes Urtheil?«

»O doch! Es giebt zwei Urtheile. Das eine lautet: Nicht übel. Das andere jedoch heißt: Abscheulich!«

Da nahmen ihre Züge plötzlich einen finsteren, zornigen Ausdruck an.

»Erklären Sie sich näher!« sagte sie in befehlendem Tone.

»Schön! Als Wespe im Kasten ist das Ding nicht übel. Aber als Wespe für Andere ist es abscheulich. Als Stylübung einer jungen Dame ist es psychologisch sogar interessant; aber als Gedicht, welches veröffentlicht werden soll, ist es geradezu unmöglich!«

Sie war bleich geworden. Sein Verhalten war nicht nur grob, sondern sogar beleidigend. Er sah das, legte ihr begütigend die Hand auf den Arm und sagte:

»Verzeihung! Es thut weh! Nicht wahr?«

»Allerdings!«

»Aber ich meine es gut. Sie verrathen in diesen Strophen Ihr ganzes Herz, Ihre Gedanken, all Ihr Sehnen. Sie denken sich einen Jüngling, der vor Ihnen steht. Was soll er bei Ihrem Anblicke empfinden? Dich nur liebe ich! Wie schön bist Du! Wärst Du mein! Ergieb Dich mir! Ist ein solcher Verrath nicht abscheulich?«

Jetzt war sie noch bleicher als vorher. Sie vermochte nicht zu antworten. Sie hielt die Wimpern tief gesenkt, so daß er ihr nicht in die Augen blicken konnte. Da hob er ihr das Köpfchen empor. Jetzt war sie gezwungen, ihn anzublicken. Das vorher förmlich funkensprühende Auge war jetzt völlig glanzlos geworden.

»Nicht wahr, Judith, ich habe Recht?«

Er fragte das in einem so warmen, milden und eindringlichen Tone, daß sie plötzlich beide Arme um ihn schlang und ihn fest an sich riß.

»Sie haben Recht!« antwortete sie. »Aber kann ich anders? Kann ich gegen das Feuer, welches in mir brennt? Kann ich gegen die Wünsche, welche in mir glühen? Ich bin eine Tochter des Orients!«


Ende der zehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk