Lieferung 100

Karl May

24. Juli 1886

Der verlorne Sohn
oder
Der Fürst des Elends.

Roman aus der Criminal-Geschichte.


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»Wieso?«

»Die Kerls sind bei Ihnen eingestiegen, also Spitzbuben, Räuber. Sie können sie niederschießen.«

»Ermorden? Das ist stark!«

»Wer spricht vom Ermorden! Es ist ganz einfach Nothwehr. Sie haben das Recht dazu.«

»Es widerstrebt meinen Gefühlen. Und doch gebe ich zu, daß es das Beste sein würde.«

»Nicht wahr? Seien wir offen. Ich kenne Sie. Ich will diese Angelegenheit auf mich nehmen, wenn Sie mir fest versprechen, mir Ihre Tochter zur Frau zu geben.«

Es fiel dem Baron gar nicht ein, diesen Menschen als Schwiegersohn zu nehmen, aber versprechen konnte er es ihm dennoch. Darum sagte er:

»Sie wollen diese Beiden auf sich nehmen?«

»Ja. Geben Sie mir eine Doppelflinte.«

»Gut! Da sollen Sie Theodolinde haben.«

»Topp! Ich schieße sie Beide nieder. Aber Sie müssen mit hinunter in den Garten. Die Sache kann nicht verborgen bleiben und so müssen wir uns gegenseitig als Zeugen dienen. Haben Sie eine Doppelflinte?«

»Ja. Ich hole sie gleich. Warten Sie.«

Er kehrte zunächst nach dem Zimmer zurück, in welchem sich seine Tochter mit dem Goldarbeiter befand, und flüsterte ihnen zu:

»Seid still! Hier nebenan sind Lauscher eingestiegen!«

Dann eilte er, ohne sich um den Eindruck seiner Worte zu bekümmern, da er keine Zeit zu verlieren hatte, nach dem Waffenschranke und nahm ein geladenes Doppelgewehr heraus. Auch einen Nickfänger nahm er zu sich und begab sich damit schleunigst zu dem Einsiedler.

»Hier ist das Gewehr, es ist mit Kugeln geladen,« sagte er. »Und hier ist auch ein Messer, wenn die Flinte nicht ausreichen sollte.«

»Gut! Kommen Sie!«

»Die Kerls werden doch noch zu haben sein!«

»Hoffentlich.«

Sie machten trotz ihrer Eile einen kleinen Umweg, um nicht gehört zu werden. Als sie die an die Obstbaumanlage stoßende Waldecke erreichten, traten sie unter die Bäume und schritten leise nach der Giebelseite vor.

»Hier bleiben wir stehen,« sagte der Einsiedler. »Da kann man uns nicht bemerken.«

»Nein, wir müssen näher hinzu!«

»O bewahre. Wenn wir unter den Bäumen vortreten, können sie uns sehen, und das müssen wir vermeiden.«

»Aber Sie haben unsicheres Ziel!«

»Da irren Sie sich. Ich bin ein besserer Schütze, als Sie meinen, und die Mauer ist ja weiß. Wenn die beiden Kerls heraussteigen, werden sich ihre dunklen Gestalten so deutlich gegen dieselbe abzeichnen, daß ich gar nicht


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fehlen kann. Sie können sich darauf verlassen, daß Jeder die Kugel in den Kopf erhält. Passen wir auf.«

Sie warteten und hielten die Blicke fest auf die Leiter und das betreffende Fenster gerichtet.

»Sehen Sie!« flüsterte der Freiherr.

»Ja,« antwortete leise der Andere.

»Das ist Einer. Aber, zum Sapperment! Er steigt von unten hinauf. Was ist das?«

»Sollte es ein Dritter sein? Ich schieße ihn weg.«

Er erhob das Gewehr und legte an. Aber in dem Augenblicke, als er losdrückte, wurde ihm der Lauf des Gewehres zur Seite geschlagen und eine weibliche Stimme rief:

»Halt! Herbei, herbei! Ihr sollt ermordet werden!«

»Verflucht! Wer ist das?« stieß der Einsiedler hervor.

Er wendete sich zur Seite. Er erblickte eine nicht zu hohe Frauengestalt, welche die Flinte und seinen Arm gefaßt hielt. Er entriß ihr das Gewehr und sagte:

»Verdammte Kröte! Fahre zum Teufel!«

Er holte aus, um sie mit dem Kolben niederzuschlagen, wurde aber von hinten gepackt, und eine zweite weibliche Stimme rief.

»Zu Hilfe, Herr Lieutenant! Schnell, schnell!«

»Ah, noch eine!« rief er wüthend. »Na, da geht mit einander in die Hölle!«

Er schüttelte auch die Andere von sich ab, welche in demselben Augenblicke von dem Freiherrn gepackt wurde. Da es sich nur um weibliche Personen handelte, so hatte der Letztere den Muth dazu.

Es begann ein kurzes Ringen zwischen den zwei schwachen Wesen und den beiden Männern, wobei diese Letzteren nicht bemerkten, daß Der, welcher an der Leiter emporgestiegen war und, als der Schuß fiel, bereits das Fenster erreicht hatte, schnell herabglitt. Auch aus dem Fenster kamen zwei Gestalten in höchster Eile gestiegen und rutschten an der Leiter herab. Alle Drei eilten herbei.

»Das war Ellen's Stimme!« sagte dabei Holm. »Und auch diejenige meiner Schwester. Drauf!«

Die drei Männer kamen im Nu herbei. Sie erblickten die miteinander Ringenden. Holm erfaßte sofort den Einen und erkannte ihn.

»Ah, Herr von Tannenstein!« rief er. »Sie sind es gerade, den wir suchen. Wir verhaften Sie im Namen des Gesetzes.«

»Noch nicht!« rief dieser.

Er riß sich los und sprang zwischen den Bäumen davon.

Robert Bertram hatte mit dem Dritten, den zu erkennen noch keine Zeit gewesen war, den Einsiedler gepackt. Dieser ließ das Gewehr, welches ihm nichts nützte, fallen und zog das Messer.

»Da, Hund!« rief er.


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Die Klinge fuhr dem Einen in die Schulter. Winter kam frei und eilte dem davonspringenden Freiherrn nach, augenblicklich verfolgt von dem Gestochenen.

»Ellen?« fragte Holm.

»Max!« antwortete sie. »Bist Du getroffen?«

»Nein.«

»O, Gott sei Dank!«

»Wer ist denn die Andere?«

»Hilda.«

»Um Gottes willen! Wie kommt Ihr hierher?«

»Das läßt sich in Kürze nicht so leicht sagen. Du hattest mit Herrn Bertram heute so viel zu flüstern. Ihr spracht von Grünbach, von dem Freiherrn. Ich hörte einige Ausdrücke, welche mich besorgt machten. Dann wart Ihr fort. Es wurde fast Mitternacht und Ihr kamt nicht zurück. Da hatten wir große Angst. Der Herr Lieutenant von Hagenau war zu Deinem Vater gekommen und bis so spät geblieben. Wir beschlossen, hierher zu gehen, und baten ihn um seinen Schutz, um seine Begleitung.«

»Welche Unvorsichtigkeit!«

»Du wärst jetzt todt, erschossen, wenn wir nicht gekommen wären, lieber Max.«

»So war der Herr, welcher uns half, der Lieutenant?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, er ist den Fliehenden nachgeeilt.«

»Wie aber habt Ihr Euch hierher gefunden?«

»Wir betrachteten das Schloß von allen Seiten. Es gab nirgends Licht, als hier an diesem Fenster. Geschah etwas, so geschah es hier. Der Herr Lieutenant verließ uns einen Augenblick, um zu recognosciren. Da kamen die beiden Männer. Sie wollten Euch erschießen. Der Lieutenant stieg dort an der Leiter empor. Sie sahen es und der Eine legte auf ihn an. Hilda ergriff das Gewehr und lenkte den Schuß ab. Sie hat ihm das Leben gerettet.«

»Wie tapfer! Ihr habt gar nicht gewußt, in welche Gefahr Ihr Euch begabt, als Ihr hierher gingt. Aber wir dürfen jetzt nicht plaudern. Wir müssen uns Simeon's und dieses Mädchens versichern. Kommen Sie, Herr Bertram!«

»Um Gottes willen!« sagte Ellen. »Ist's gefährlich?«

»Gar nicht. Begebt Euch vorn nach dem Haupteingange. Wir lassen Euch dann ein.«

»Geht Ihr nicht mit?«

»Nein. Wir steigen gleich zur Leiter empor. Da haben wir sie augenblicklich.«

Er eilte mit Robert zur Leiter, stieg in das Zimmer, schob den Riegel


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zurück und trat in das erleuchtete Gemach. Da saß der Goldarbeiter, welcher die beiden jungen Leute ganz erschrocken anstarrte.

»Guten Morgen, Herr Simeon!« sagte Holm. »Wo haben Sie Fräulein von Tannenstein?«

»Sie verließ vor einer Minute das Zimmer.«

»Wir werden sie finden. Zunächst aber wollen wir uns Ihrer lieben Person versichern.«

»Oho! Was fällt Ihnen ein! Sind Sie etwa Polizist?«

»In diesem Augenblicke, ja.«

»So versuchen Sie es, mich festzunehmen!«

Er riß den Revolver aus der Tasche; aber Holm hatte ihn in demselben Moment gepackt und entrang ihm die Waffe. Er war dem Alten weit überlegen und drückte ihn zu Boden. Robert machte in Eile zwei Gardinenschnuren los und dann banden sie den Gefangenen.

»Jetzt nun zu der Dame!« sagte Holm.

Er nahm das Licht an sich. Sie verließen das Zimmer, schlossen hinter sich zu und zogen den Schlüssel ab. Sie eilten durch Bibliothek, Salon und Empfangszimmer. Alle drei Räume waren leer. Aber im Vorzimmer stand der Diener.

»Wo ist Ihre Herrin?« fragte Holm.

»Was haben Sie nach ihr zu fragen?« antwortete er in höhnischem Tone. »Wer sind sie?«

»Wir sind Polizisten.«

»Beweisen Sie es!«

»Sie sind nicht der Kerl dazu, diesen Beweis von uns zu verlangen. Wo ist das Fräulein?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Oho! Wie es in den Wald schallt, so schallt es auch wieder heraus. Sie sind unser Gefangener.«

»Das lassen Sie sich doch wohl nicht träumen!«

»Träumen nicht. Sie sind es in Wirklichkeit.«

»Versuchen Sie es!«

Er warf sich in eine vertheidigende Stellung.

»Dummer Mensch!« lachte Holm. »Mit Dir wird gar kein großer Summs gemacht. Da hast Du!«

Er holte aus und gab ihm mit der Faust einen blitzschnellen und so kräftigen Schlag in's Gesicht, daß der Getroffene sofort zu Boden stürzte. Holm kniete augenblicklich auf ihn und sagte zu Robert:

»Ich glaube, auch hier giebt es Gardinenschnuren. Geben Sie einmal her!«

In wenigen Augenblicken war auch der Diener gefesselt. Sie schlossen ihn ebenso im Zimmer ein und steckten den Schlüssel zu sich. Draußen war es indessen lebendig geworden. Das übrige Dienstpersonal war erwacht. Sie Alle kamen herbei.


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»Hat Jemand von Euch das Fräulein gesehen?« erkundigte sich Holm.

»Ja,« antwortete die Köchin.

»Wo?«

»Sie hatte ein Packet im Arme und eilte mit dem gnädigen Herrn die Treppe hinab und zum Thore hinaus.«

»Ihr bleibt Alle hier. Wer nicht gehorcht wird arretirt. Rührt Euch nicht von der Stelle!«

Die Beiden sprangen die Treppe hinab und zur Thür hinaus. Da standen Ellen und Hilda, ihrer wartend. Sie berichteten, daß der Freiherr mit seiner Tochter an ihnen vorübergegangen sei, in allerhöchster Eile. Noch während sie sprachen, kam ein Mann herbei, in dem sie den Lieutenant von Hagenau erkannten.

»Ah, hier sind Sie!« sagte er. »Kommen Sie! Ich brauche Sie sehr nothwendig.«

»Wozu?«

»Sagen Sie mir erst, ob der Freiherr etwas begangen hat, was ihn strafwürdig macht.«

»Ja, sehr viel. Er ist leider entkommen.«

»Sie sollen ihn haben. Ich weiß, wo er ist. Ich sprang den Beiden nach. Sie blieben stehen, ohne mich zu bemerken. Sie waren ganz außer Athem, so daß sie sehr laut und unvorsichtig sprachen. Der Freiherr sagte, daß er verrathen und verloren sei, daß er fliehen müsse, aber nicht wisse, wohin sogleich. Da sagte der Andere, er solle seine Tochter schnell holen und mit ihm nach dem Thurme kommen. Dort werde ihn kein Mensch finden.«

»Das ist gut, sehr gut. Er hat die Tochter geholt, wie ich gehört habe, und ist mit ihr fort. Wir müssen nach.«

»So kommen Sie schnell!«

Er wollte fort; aber Hilda Holm ergriff ihn bei der Hand und sagte voller Angst:

»Halt, Herr Oberlieutenant, Sie müssen hier bleiben! Sie sind ja verwundet!«

Man hatte im Flur ein Licht angebrannt. Im Schein desselben, welcher bis vor das Thor drang, sah man das Blut, welches an ihm herniederfloß.

»Verwundet?« fragte er, sich betrachtend. »Wahrhaftig, das habe ich gar nicht bemerkt. Aber gefährlich kann es nicht sein, sonst würde ich es fühlen. Ich gehe also mit!«

»Nein, nein!« sagte das schöne Mädchen. »Ich lasse Sie nicht fort. Sie bleiben! Sie müssen verbunden werden!«

»Ja, Herr Lieutenant, meine Schwester hat recht,« sagte Holm. »Wir werden die Flüchtigen auch ohne Sie bekommen. Sehen Sie nach Ihrer Wunde. Ist sie nicht gefährlich, dann um so besser. In diesem Falle können wir Ihnen die beiden Gefangenen anvertrauen. Hier sind die Schlüssel!«

Er instruirte ihn und dann eilte er mit Robert davon.

»Na, so muß ich den Damen gehorchen!« sagte Hagenau. »Bitte,


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kommen Sie herein. Ich werde mich der zwei Gefangenen vergewissern. Das ist zunächst die Hauptsache.«

Er trat mit den beiden Damen in den Schloßflur. Oben an der Treppe stand die Dienerschaft. Diese Leute kannten ihn als den Sohn des benachbarten Grundbesitzers. Sie wußten auch, daß er Offizier sei und hatten Respect vor ihm. Seine militärische Umsicht machte sich auch sofort geltend, denn er befahl einem der Leute:

»Du wirst mich kennen und mir also gehorchen. Es sind hier Dinge geschehen, die Euch gefährlich werden können, wenn Ihr nicht sofort und genau thut, was ich von Euch verlange. Eile in das Dorf und wecke den Ortsvorsteher. Er soll die Männer und die Burschen aus den Betten holen lassen und sich möglichst rasch hier bei mir einfinden. Wer eine Waffe hat, soll sie mitbringen, denn die Leute sind bestimmt, hier im Schlosse und wohl auch noch anderswo Wache zu stehen.«

Der Mann eilte schleunigst fort, um dem Befehle Gehorsam zu leisten. Die Köchin wurde beauftragt, Leinenzeug zum Verband herbeizuholen und die Anderen mußten mit in das Vorzimmer kommen, wo der Diener Daniel lag.

Dieser war so fest gebunden, daß er kein Glied zu rühren vermochte. Der Goldarbeiter Jacob Simeon wurde herbeigeholt. Man mußte ihn tragen, da ihm nicht nur die Arme, sondern auch die Beine gefesselt waren. Beide Gefangenen legte man nebeneinander auf die Dielen. Die Dienerschaft erhielt die strenge Weisung, bei ihnen zu bleiben und sie streng zu bewachen. Erst jetzt dachte Hagenau an sich. Die Köchin hatte das Verbandzeug gebracht und er begab sich mit Ellen und Hilda in das Nebenzimmer, um sich von ihnen verbinden zu lassen.

In solchen Fällen, wo es sich um eine vielleicht schwere, ja lebensgefährliche Verwundung handelt, ist man nicht prüde. Die sonst gewöhnliche Zurückhaltung ist da nicht an ihrem Platze, und so entblößte der Oberlieutenant ohne alle Scheu die betreffende Körperstelle.

Die Wunde blutete stark. Flur, Treppe und Vorzimmer, wo er gewesen war, zeigten eine blutige Fährte, und da, wo er jetzt stand, bildete sich eine große Blutlache. Hilda hatte alle Farbe aus ihren Wangen verloren. Sie zeigte größere Besorgniß um den Verwundeten, während die erfahrene und practische Amerikanerin mehr Geschick in der Behandlung der Wunde an den Tag legte.

»Leise, leise, behutsam!« bat Hilde die Freundin. »Es muß ihm ja außerordentlich wehe thun.«

»Pah!« antwortete Hagenau. »Es ist ein kleiner Aderlaß, gut für Schnupfen und Kopfweh. Ich glaube, der kleine Stich wird mir nur nützlich sein.«

»O,« antwortete Ellen, »der Stich ist nicht so unbedenklich, wie Sie zu meinen scheinen. Er ist sehr tief.«

»Mag sein. Aber ins Leben ist er nicht gedrungen.«

»Wollen es hoffen. Wir werden sofort nach einem Arzte senden müssen.«


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»Bitte, nicht sofort. Wir wissen jetzt gar nicht, wo der Arzt mich treffen wird, ob noch hier oder daheim.«

»Sie können doch unmöglich fort von hier!«

»Jetzt noch nicht, da ich ja noch gebraucht werde, später aber will ich berufeneren Personen nicht im Wege sein.«

»Sie müssen sich doch erst von einem Fachmanne untersuchen lassen, ob Sie transportabel sind!«

»Transportabel?« lachte er. »Das klingt ja genauso, als ob ich per Siechkorb oder Krankenbahre von hier fortgetragen werden solle! Nein, so gefährlich ist es denn doch wohl nicht. Ich werde recht gut nach Hause gehen können.«

»Das warten wir ab! So! Jetzt bin ich fertig. Hoffentlich hält der Verband. Ziehen Sie den Rock wieder an und dann setzen Sie sich hübsch hier auf das Sopha, und da bleiben Sie ganz ruhig sitzen!«

»Gnädiges Fräulein, ich bin von diesem Sophasitzen gar kein großer Freund!«

»Das geht mich nichts an. Bis ein Anderer kommt, bin ich Ihr Arzt und Sie haben mir zu gehorchen!«

»Sapperment, sind Sie ein scharfer Commandeur! Na, genade Gott Dem, dessen Ehefeldwebel Sie einmal werden! Er ist zu bedauern!«

»Hoffentlich aber wird er sich dabei wohl befinden.«

»Hm, ja! Für Manchen ist scharfes Pflaster gut! Ich aber liebe das nicht. Horch! Da scheinen die Kriegshelden aus dem Dorfe zu kommen.«

Er wollte auf und fort. Ellen hielt ihn fest und sagte:

»Halt! Hier geblieben! Wenn Sie nicht sitzen bleiben, dictire ich Ihnen vierzehn Tage strengen Arrest!«

»Wohl gar auf Latten und bei Wasser und Brod?« fragte er.

»Ja, gewiß!«

Als Hilda sah, daß er sich doch nicht wieder setzte, legte sie ihm das Händchen auf den Arm und sagte bittend:

»Herr Oberlieutenant, bleiben Sie hier! Wollen Sie auch auf mich nicht hören?«

Da ging es wie heller Sonnenschein über sein Gesicht und seine sonst schnarrende Stimme klang ganz außerordentlich mild:

»All mein Lebelang möchte ich einzig nur auf Sie hören, auf Sie und keine Andere! Aber hier ruft die Pflicht. Sie wissen nicht, was in solchen Fällen gethan werden muß. Ich muß hinab, wirklich, wirklich!«

Und damit war er schon zur Thür hinaus. Die beiden Damen hörten seine laute, befehlende Stimme unten erschallen; darauf ertönten feste Männerschritte in den Corridoren und dann, erst nach einer längeren Weile kam er wieder zu ihnen zurück.

»So,« sagte er. »Jetzt habe ich meine Pflicht gethan. Es werden alle Thüren, Gänge und Fenster bewacht. Nun kann nichts Gesetzwidriges


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geschehen, und ich will Ihnen Gehorsam leisten und hier auf dem Sopha Massenquartier nehmen. Wissen Sie, was das heißt?«

»In diesem Falle nicht,« antwortete Ellen.

»Nun, Massenquartier ist das Gegentheil von Einzelquartier. Ich will nicht allein auf dem Sopha sitzen, sondern Sie sollen sich neben mich placiren, die Eine rechts und die Andere links. Dann können Sie mich besser pflegen, als wenn Sie sich in meilenweiter Entfernung von mir auf irgend einen Stuhl niederlassen!« -

Holm und Robert Bertram waren, wie bereits gesagt, fort geeilt, um nach dem Thurme zu gehen. Als sie an den Obstbäumen vorüberkamen, sagte der Letztere, indem er stehenblieb:

»Halt! Da kommt mir ein Gedanke. Werden wir in den Thurm können?«

»Wohl schwerlich.«

»Ja; die Flüchtlinge werden sich dort einschließen. Ich habe am Nachmittage gesehen, daß sich Fenster in dem Mauerwerk befinden. Vielleicht sind wir gezwungen, durch eins derselben einzusteigen.«

»Kann man nicht wissen. Möglich ist es.«

»Wie aber kommen wir hinauf an ein Fenster!«

»Ah, Sie denken vielleicht an die Leiter dort?«

»Ja. Wollen wir sie mitnehmen?«

»Sie hält uns auf, sie ist uns hinderlich!«

»Aber es ist doch besser, wir haben sie, wenn wir sie brauchen, als daß wir sie dann erst holen müssen und dabei vielleicht wichtige Zeit verlieren.«

»Vielleicht haben Sie Recht. Nehmen wir sie also mit!«

Sie begaben sich nach der Giebelseite des Gebäudes, wo die Leiter noch am Fenster lehnte. Dabei trat Holm auf einen harten Gegenstand. Er bückte sich und hob ihn auf.

»Hier habe ich ein Doppelgewehr,« sagte er. »Es ist jedenfalls dasjenige, mit welchem auf den Lieutenant geschossen wurde. Es war nur ein Schuß. Vielleicht - ja, da fühle ich es, daß der eine Lauf noch geladen ist. Dieses Gewehr kann uns von großem Vortheile sein.«

Er warf es über. Dann ergriffen sie die Leiter. Diese war nicht gar sehr lang und also nicht zu schwer. Einer vorn und der Andere hinten, konnten sie damit ganz gut im Trabe fortkommen.

Da sie den Thurm bereits am Tage gesehen hatten, kannten sie die Lage desselben und so verfehlten sie ihn nicht, trotzdem es ziemlich dunkel war. Eins der schießschartenähnlichen Fenster war erleuchtet.

»Sie sind da,« sagte Bertram. »Hier auf dieser Seite befindet sich die Thür. Probiren wir, ob sie offen ist!«

»Werden sich hüten! Sie haben den Eingang auf alle Fälle verschlossen. Das versteht sich ganz von selbst.«

Sie legten die Leiter nieder und näherten sich dem Eingange. Hinter


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der starken, aus Bohlen gezimmerten Thür ließ sich ein grimmiges Knurren hören.

»Ein Hund!« sagte Bertram.

Das Thier hatte seine Stimme gehört. Es schlug laut an.

»Zurück!« flüsterte Holm. »Der Hund wird unsere Anwesenheit verrathen.«

»Wir müssen aber doch handeln, und da merken sie doch, daß wir hier sind.«

»Aber ehe wir handeln, müssen wir wissen, woran wir sind. Ich bin einige Male in Bad Reitzenhain gewesen, um Vater und Schwester zu besuchen. Da habe ich Gelegenheit gehabt, von diesem Einsiedler zu hören. Er ist ein ausgesprochener Menschenfeind und läßt seinen Thurm von einem Hunde bewachen, der ein wahrer Teufel sein soll, eine Art Bluthund, der auf den Mann geht und Jeden zerreißt, der sich zu weit vorwärts wagt.«

»So ist es zu verwundern, daß sich das Thier hinter der Thür und nicht hier außen befindet.«

»Der Hund wird unbemerkt mit ihnen eingedrungen sein. Kommen Sie jetzt da an das Fenster.«

Sie hoben die Leiter wieder auf und legten sie an. Sie war höher als das Fenster; sie reichte ein ganzes Stück über dasselbe empor. So war es möglich, daß alle Beide hinaufsteigen und in das Fenster blicken konnten, Holm auf der Leiter stehend und Bertram sich von unten an die Sprossen haltend.

Das Fenster war fast manneshoch, aber seine Breite betrug nicht mehr als eine Elle, so daß im Nothfalle ein Mann nur in Querstellung hineinsteigen konnte. Der Rahmen schloß nicht ganz an den Stein, der Mörtel, welcher beide zusammengehalten hatte, war im Laufe der Zeit ausgebröckelt, darum konnte man von außen die Stimmen der drin Sprechenden vernehmen.

Zu sehen war nur Theodolinde. Sie saß auf einem alten Polsterstuhle und schien der Unterhaltung der beiden Männer, welche der Blick der Lauscher nicht zu erreichen vermochte, mit Spannung zuzuhören. Ihr Gesicht hatte einen gespannten, hochmüthigen Ausdruck. Zuweilen blitzte ihr Auge verächtlich oder zornig auf, oder sie zuckte zusammen und bewegte sich hastig auf dem Stuhle, als ob sie auf Jemand einspringen oder irgend Einen hastig auf etwas Wichtiges aufmerksam machen wolle.

Endlich nahm sie auch mit Theil an der Unterhaltung. Die Beiden hörten sie sagen:

»Ja, bleiben können wir nicht.«

»Fort müssen wir, schleunigst fort,« erklang die Stimme ihres Vaters.

»Und zwar noch diese Nacht!«

»O, hier bei mir wird man Sie nicht suchen!« bemerkte der unsichtbare Einsiedler.

»Warum nicht? Wir haben seit einiger Zeit Pech. Ich habe keine Lust, mich dem Glücke oder dem Zufalle anzuvertrauen. Wir gehen.«


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»Aber wohin?«

»Das muß besprochen werden. Zunächst fort von hier.«

»Haben Sie denn die zur Flucht nothwendigen Mittel?«

»Leider nein.«

»Hm! Sie haben mir die Ehe versprochen und Ihr Vater hat mir jetzt das Jawort gegeben. Ich habe also die Verpflichtung, für Sie zu sorgen. Ich gehe mit Ihnen.«

»Wirklich? Ueberall hin?«

»Wohin Sie wollen!«

»Haben denn Sie Geld?«

»Soviel Sie nur brauchen!«

»Bedenken Sie, daß ich gewohnt bin, Ansprüche zu machen.«

»Ich bin reich, sehr reich.«

»Können Sie das beweisen?«

»Ja, wenn Sie es verlangen.«

»So thun Sie es!«

»Warten Sie einen Augenblick!«

Er schien sich zu entfernen. Bertram und Holm bemerkten, daß der Freiherr zu seiner Tochter trat. Beide flüsterten leise mit einander. Man sah es ihren Mienen an, daß es nichts Gutes war, was sie besprachen.

»Ich glaube, sie werden dem Einsiedler gefährlich werden,« sagte Holm leise zu Bertram.

»Sicher! In ihren Zügen ist nur Schlimmes zu lesen. Ah, sehen Sie, was er in der Hand hat?«

»Ein Messer! Er steckt es wieder ein. Donnerwetter! Sie werden den Einsiedler doch nicht gar ermorden wollen!«

»Das dürfen wir nicht geschehen lassen! Horch!«

Jetzt erklang die Stimme Winters wieder:

»Kommen Sie heraus in meine Kammer! Ich habe Kisten und Kasten geöffnet. Sie sollen sich überzeugen, daß Sie an meiner Seite wie eine Fürstin leben können.«

Theodolinde erhob sich von dem Stuhle, um dieser Aufforderung Folge zu leisten. Dabei warf sie einen triumphirenden, halb auffordernden Blick auf ihren Vater. Dieser Blick sagte ebenso deutlich wie hörbare Wörter:

»Jetzt ist der Augenblick gekommen, jetzt müssen wir handeln, also vorwärts!«

Da flüsterte Holm:

»Es geschieht etwas! Schnell hinunter! Wir legen die Leiter an das andere Fenster.«

Eine Secunde später hatten sie den Erdboden erreicht und im nächsten Augenblicke lehnte die Leiter über der nächsten Fensteröffnung. Beide stiegen so schnell empor, wie es Ihnen möglich war, und blickten hinein.

Sie sahen eine alte, mit Eselsfell beschlagene Truhe, wie sie im vorigen Jahrhundert im Gebrauch waren, daneben eine geöffnete Lade und eine offene


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Kiste. Was sich in diesen drei Behältern befand, konnten sie nicht sehen. Sie sahen nur, daß der Einsiedler mit der Hand auf dieselben zeigte und dabei ein stolzes, übermüthiges Lächeln sehen ließ. Theodolinde kam herbei und blickte in die Truhe. Sie sprach, aber man konnte von außen ihre Worte nicht verstehen.

Auch ihr Vater trat hinzu. Die Lauscher hatten jetzt alle die drei Personen deutlich vor Augen. Der Freiherr, welcher zur linken Hand des Einsiedlers stand, sagte zu diesem Letzteren etwas, worauf Winter sich tief niederbeugte, um in die Lade zu langen.

In diesem Augenblicke blitzte das Messer in der Hand des Tannensteiners; die Klinge fuhr dem Einsiedler in die Schulter. Der Getroffene stieß einen lauten, fürchterlichen Schrei aus.

»Herrgott! Sie morden ihn!« rief Robert Bertram und zwar viel, viel lauter, als sich mit seiner Lauscherrolle in Einklang bringen ließ.

»Warte, Hallunke!« antwortete Holm.

»Er holt zum zweiten Male aus!«

»Soll ihn aber nicht treffen!«

Holm, welcher fest auf der Leiter stand, hatte gleich beim ersten Messerstoße das Gewehr von der Schulter gerissen und in Anschlag gebracht. Zugleich mit seinen Worten drückte er ab. Der Schuß krachte, und der Freiherr, welcher die Hand eben zum zweiten Stoße erhoben hatte, taumelte und stürzte dann, durch den Kopf geschossen, zu Boden.

Theodolinde stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank neben ihrem Vater nieder. Ihr Schrei war freilich nicht zu hören, er ging unter in einem lauten Klirren und Krachen. Holm hatte mit dem Gewehrkolben das ganze Fenster zertrümmert und mit sammt dem alten, morschen Rahmen in die Kammer geschlagen.

»Hinein!« gebot er. »Vielleicht ist noch Hilfe möglich!«

Er trat auf die Fensterbrüstung, zwängte sich hindurch und sprang in die Kammer. Bertram, welcher bis jetzt mit Händen und Füßen nach unten an den Leitersprossen gehangen hatte, schwang sich schnell auf die Leiter hinauf und folgte ihm augenblicklich. -

Als der Freiherr den Entschluß gefaßt hatte, seine Tochter zu holen, um mit ihr zu fliehen, hatte er keine Zeit zu einer ausführlichen Erklärung oder Auseinandersetzung. Er konnte ihr nur sagen, daß Alles entdeckt sei und sie fliehen müßten. Er nahm sein Geld, welches er noch besaß, zu sich; sie raffte einige Werthsachen in ein Bündel zusammen und folgte ihm.

Der Einsiedler war ihnen voraus; jetzt, indem sie ihm folgten, konnten sie mit einander sprechen.

»Ich begreife Dich nicht,« sagte sie, vor eiligem Laufen fast athemlos. »Fliehen? Alles im Stiche lassen? Das Schloß, alle unsere Besitzungen!«

»Ja, ja, wir müssen, wenn wir nicht in's Zuchthaus wollen.«

»Wer hat uns denn belauscht?«

»Die beiden Kerls, welche mit uns in der Post saßen und die ich


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dann im Walde traf. Sie sind auf einer Leiter in das Nebenzimmer gestiegen.«

Er erklärte ihr in aller Eile Alles, auch den Kampf und daß noch ein Dritter und sogar zwei Frauenzimmer dabei gewesen seien.

»So sind diese Menschen Polizisten,« sagte die Tochter.

»Jedenfalls. Sie sind uns schon von der Residenz aus gefolgt; sie müssen uns also bereits dort beobachtet und Alles erfahren und gewußt haben. Es bleibt uns gar nichts übrig, als Flucht auf Nimmerwiederkehr.«

»Herr Gott! Aber Geld, Geld!«

»Sei nicht dumm! Dieser Winter hat Geld!«

»Ah, ja! Er ist ganz verschossen in mich. Er schafft Geld, und dann, dann -«

Sie wollte ihren Gedanken nicht sofort Worte geben; aber ihr Vater errieth sie entweder oder hatte er ganz dieselbe Ansicht, denn er vervollständigte ihre Rede:

»Und dann lassen wir ihn sitzen!«

»Aber er wird mit wollen!«

»Das kann er. Es wird uns zu jeder Zeit leicht sein, ihn zu verlassen.«

»Oder - ah, wenn ich ein Mann wäre!«

»Was dann?«

»Er blieb hier und nur sein Geld ginge mit.«

»Wird sich bedanken!«

»Muß, muß! Ein Schuß! Ein Messerstich!«

»Ah, so meinst Du es.«

»Ja. Aber ich bin leider kein Mann und auch Du bist keiner. Auf Dich kann man sich nicht verlassen.«

»Oho! In einer solchen Lage ist mir Alles gleich. Wir müssen fort, müssen Alles hinter uns lassen, unsere Besitzungen, unseren Namen, unseren Adel, unsere Ahnen. Wir müssen die Mittel zu einer neuen und keineswegs armseligen, sorgenvollen Existenz haben. Ich werde diese Mittel da wegnehmen, wo ich sie finde.«

»Ich werde sehen, ob Du wirklich den Muth dazu hast. Da vorn läuft Einer. Das ist Winter, mein heißgeliebter Bräutigam. Wollen machen, daß wir ihn einholen. Dann wird sich ja finden, was zu thun ist.«

Da er langsam ging, erreichten sie ihn sehr bald. Er knurrte vergnügt vor sich hin, als er bemerkte, daß der Freiherr wirklich die Tochter mitbrachte. Jetzt war sie sein, das war gewiß. Eine Flüchtige, ohne Geld, ohne alle Mittel, sie mußte sich auf ihn verlassen, sie hing nun nur von ihm ab. Das schöne, üppige Mädchen gehörte nun ihm.

»Hat man Sie gesehen?« fragte er, sich zu ihnen zurückwendend.

»Einige von der Dienerschaft,« antwortete der Freiherr.

»Aber man weiß nicht, wohin Sie sind?«


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»Nein. Kein Mensch kann eine Ahnung haben, außer Daniel, weil der weiß, daß Sie bei mir gewesen sind.«

»Kommen Sie nur! Bei mir sind Sie sicher.«

»Hm! Wenn man Daniel zum Sprechen bringt, so wird man unsere Fährte finden.«

»Ich verstecke Sie im Thurme. Es ist ein alter Keller da, den kein Mensch findet. Zwar ist es nicht sehr comfortabel darin, es giebt da Ratten, Spinnen und Kröten und ähnliches Viehzeug, aber man ist desto sicherer aufgehoben.«

»Pfui!« meinte Theodolinde. »Da hinein bringen Sie mich auf keinen Fall.«

»Mich auch nicht,« stimmte ihr Vater bei. »Wir können überhaupt nicht bleiben. Wir müssen fort, schleunigst fort, noch während dieser Nacht.«

»Wohin denn?«

»Das werden wir überlegen.«

»Gut. Ueberlegen wir es. Dort sehe ich den Thurm. Kommen Sie. Dort können wir eher sprechen als hier.«

Sie wurden von dem Geknurr des Hundes empfangen, doch schwieg das Thier, sobald es seinen Herrn witterte.

»Bleib hier außen vor der Thür!« befahl dieser. »Du mußt aufpassen!« Und zu den Beiden gewendet, erklärte er: »Solange der Hund vor der Thür hält, sind wir sicher. Er wird die Nähe eines jeden Menschen anzeigen und den Allzukühnen, welcher sich den Zutritt erzwingen wollte, ganz sicher zerreißen.«

Er zog den Schlüssel hervor und schloß auf. Als sie eingetreten waren, schloß er wieder zu und schob überdies einen starken Riegel vor. Da es ganz dunkel war, hatte er nicht bemerkt, daß sich der Hund mit hereingeschlichen und dann neben der Treppe niedergelegt hatte.

Oben in der Wohnstube angekommen, brannte der Besitzer des abenteuerlichen Aufenthaltsortes ein Licht an, ließ den Besuch sich niedersetzen und bat dann um die Erklärung des heutigen Ereignisses. Der Freiherr erzählte ihm ein Märchen, welches ihm da einfiel, denn die Wahrheit zu gestehen, konnte ihm gar nicht in den Sinn kommen. Das aber, was er erzählte, war so eingerichtet und ausgesonnen, daß es eine schleunige Entfernung aus der Gegend erforderte. Als der Erzähler geendet hatte, sah der Einsiedler eine Weile vor sich nieder; dann fragte er:

»Können Sie Ihre Flucht ohne Hilfe bewerkstelligen?«

»Leider nicht.«

»An wen wollen Sie sich wenden?«

»Ich habe, aufrichtig gestanden, zu keinem Menschen ein richtiges Vertrauen.«

»Auch zu mir nicht?«

»Sie wären allerdings der Einzige.«


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»Nun, ich bin gern bereit, Ihnen nach Kräften beizustehen; aber Ihre Tochter ist die Verlobte Hagenau's.«

»Fällt keinem Menschen ein!«

»Wirklich? Ich verlange, daß Sie mir in aller Form und Aufrichtigkeit sagen, ob ich Ihnen als Schwiegersohn willkommen bin.«

»Wenn Sie beweisen, daß Sie meine Tochter wahrhaft lieb haben, ja.«

»Wie soll ich das beweisen?«

»Durch Ihre Hilfe.«

»Gut. Ich habe mehr Mittel, Ihnen zu helfen, als Sie denken. Horch! Schlug nicht der Hund an?«

»Ich habe nichts gehört.«

Der Einsiedler hatte doch recht vernommen, beruhigte sich aber doch und fuhr im Gespräche fort. Die Drei ahnten nicht, daß draußen eben jetzt eine Leiter angelegt wurde, zum Zwecke, ihr Gespräch zu belauschen. Holm und Robert Bertram hörten die nun folgenden Worte und dann begab sich Winter in die nebenan liegende Kammer.

»Jetzt zeigt er uns sein Geld,« flüsterte Theodolinde.

»Ob es viel sein wird?«

»Er scheint fürchterlich reich zu sein. Ein Hieb, ein Stich jetzt, und Alles gehört uns. Willst Du?«

»Hm! Ich habe hier das Messer, welches ich ihm vorhin borgte. Es ist spitz und scharf -«

»Also! Willst Du?«

»Wenn es nicht zu schwer ist.«

»Pah! Du stellst Dich neben ihn, zu seiner Linken, damit Du die rechte Hand zum Stoße hast. Ich werde ihn veranlassen, sich zu bücken. Ein Stoß von hinten in das Herz, und seine ganze Habe gehört uns. Ich hoffe, daß Du einmal keine Memme, sondern ein Mann bist.«

»Gut, der Kerl soll sterben, notabene, wenn es sich der Mühe verlohnt!«

Er steckte das Messer wieder zu sich und bald darauf kam Winter unter die Thür, um sie aufzufordern, zu ihm in die Kammer zu treten.

Dort hatte er seine Reichthümer ihren erstaunten Augen zugänglich gemacht. Was sie sahen, blendete sie förmlich. Theodolinde gab ihrem Vater einen Wink, in Folge dessen er sich an Winter's linke Seite stellte. Der Freiherr befand sich beim Anblicke des funkelnden Reichthums wie im Traume. Eine entsetzliche Habgier bemächtigte sich seiner; er zog das Messer hervor - Winter bückte sich, von einer Bemerkung des Mädchens dazu verleitet, und sofort bohrte sich das Messer in seinen Rücken. Der Mörder wollte abermals stoßen, da krachte es am Fenster, der Blitz des Schusses durchzuckte die Kammer, und der Freiherr stürzte mit zerschmettertem Kopfe nieder. Halb vor Schreck, halb vor Angst warf Theodolinde sich neben ihn hin.

Da krachte es am Fenster.

Da flog das Fenster sammt dem Rahmen herein und die beiden Lauscher kamen nachgesprungen.


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»Mörderin! Sie sind meine Gefangene!« rief Holm, indem er das Mädchen erfaßte und emporriß.

Sie blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, gerade so, als ob sie ein Gespenst erblicke.

»Mörderin? Ich?« stieß sie hervor.

»Ja. Sie haben es angestiftet!«

»Nein!«

»Schweigen Sie! Wir haben Alles gehört!«

»Es ist nicht wahr, nicht wahr! Lassen Sie mich!«

Sie riß sich los und sprang nach der Thür, um zu entfliehen; aber Holm ergriff sie schnell und schleuderte sie zurück, indem er sagte:

»Herr Bertram, bewachen Sie dieses Scheusal, während ich nachsehe, wieviel Leben sich noch in diesen beiden Männern befindet.«

Das Mädchen sah sich verloren und sank auf einen Stuhl nieder. Robert Bertram stellte sich zwischen die Thür und die Sünderin. Holm bückte sich zu dem Freiherrn nieder.

»Todt!« sagte er. »Die Kugel hat nur zu gut getroffen. Dieser Kerl sollte leben, um eine ganz andere Strafe zu erleiden. Schade, schade!«

Die Tochter hörte diese Worte, sie vernahm, daß ihr Vater todt sei. Sie that nichts, was ein Zeichen ihrer kindlichen Lebe gewesen wäre. Es war ihr zu Muthe, als ob sie selbst todt sei. Der falsche Muth war verschwunden.

Jetzt untersuchte Holm den Einsiedler. Er meinte:

»Dieser scheint noch nicht todt zu sein, sondern nur besinnungslos. Er athmet, wenn auch so leise, daß man es kaum bemerkt.«

»Ziehen Sie ihm das Messer aus dem Rücken!« sagte Robert Bertram wohlmeinend.

»Werde mich hüten! Dann verblutet er sich vielleicht in kurzer Zeit. Wir müssen versuchen, ihn in dem gegenwärtigen Zustande wenigstens so lange zu erhalten, bis ein Arzt gekommen ist. Horch! Hören Sie nicht Jemand rufen?«

»Ja. Jetzt wieder.«

»Herr Holm!« erklang es unten.

Und zugleich erhob der Hund unten an der Treppe ein lautes Wuthgeheul. Holm trat an das Fenster und fragte, wer unten sei.

»Ich, Hagenau,« antwortete es.

»Kommen Sie herauf, hier!«

»Gleich! Ah, da ist ja eine Leiter! Was ist geschehen? Giebt es noch Gefahr da oben?«

»Nein. Es ist vorüber.«

»Na, warten sie!«

Der Oberlieutenant schob sich zum Fenster herein und sprang von da herab auf die Diele. Er warf einen Blick in der Kammer umher und sagte dann erschrocken:


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»Alle Teufel! Zwei Leichen! Was ist geschehen?«

Holm erzählte ihm den ganzen Vorgang und fragte dann:

»Wie aber kommen Sie hierher, Herr von Hagenau?«

»Wir hörten Ihren Schuß. Wir wußten, daß Sie nach dem Thurme waren und keine Waffen bei sich hatten. Da glaubten wir natürlich, daß auf Sie geschossen worden sei und machten uns schleunigst auf die Socken, um Ihnen womöglich Hilfe zu bringen.«

»Sie, der Verwundete!«

»Pah! Wird nicht ans Leben gehen! Aber giebt es hier eine Masse Geld! Alle Wetter! Dieses Dämchen wollen wir fest halten. Sie soll nicht so gleich wieder an das Heirathen denken. Eigentlich war der Alte keinen Schuß Pulver werth. Sie hätten sich diese Mühe ersparen können!«

»Ich mußte schießen, um dem Anderen womöglich das Leben zu erhalten.«

»Aber ob er lebt!«

Da erklang es leise von da her, wo Winter lag:

»Ich - ich - lebe.«

»Er spricht!« sagte Hagenau. »Sehen wir nach!«

Er trat zu dem Einsiedler, welcher auf der Diele lag, mit dem Rücken, in welchem das Messer stak, nach oben gerichtet. Er bog sich nieder und fragte ihn:

»Sie leben? Sie hören, was wir sprechen?«

»Ja.«

»Wissen Sie, was geschehen ist?«

»Ja.«

»So haben Sie Ihre volle Besinnung?«

»Vollkommen.«

Er antwortete allerdings nicht geläufig, sondern langsam und so Athem holend, daß es fast wie Pfeifen klang.

»Wollen Sie nicht aufstehen?« fuhr Hagenau fort. »Kommen Sie, ich will Ihnen helfen.«

»Ich kann nicht, es geht nicht, ich kann kein Glied bewegen. Das Messer -«

»Sapperment! Ich bin kein Wundarzt und Quacksalber, aber vielleicht hat das Messer gerade einen Bewegungsnerv getroffen oder so etwas derartiges. Wir wollen es doch herausziehen.«

»Nein!« bat der Verwundete. »Dann ist's aus, dann verblute ich mich. Oh, dieser Schuft, dieser - dieser - wo ist seine Tochter?«

»Hier sitzt sie.«

»Dann wünsche ich, daß der tausendfache Teufel -«

Er zwang sich mit ganzer Gewalt zu einer Bewegung, er brachte sie nicht fertig. Die Folge dieser Anstrengung war ein Blutstrom, welcher ihm aus dem Munde quoll und ihn fast erstickte.

Die drei Männer eilten herbei, um ihn zu unterstützen. Er brachte längere Zeit kein Wort hervor. Sein Blick wurde starr, sein Gesicht färbte


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sich braunroth. Nach und nach erholte er sich wieder, aber so deutlich wie vorhin vermochte er nicht wieder zu sprechen. Sie verstanden kaum, was er flüsterte:

»Telegraph - Telegraph - schnell - schnell!«

»Wir sollen telegraphiren?« fragte Holm.

»Ja,« hauchte er.

»Wohin?«

»Residenz.«

»An wen?«

»Hauck - Paukenschläger.«

»Den kenne ich!« sagte Doctor Holm überrascht. »Was sollen wir ihm telegraphiren?«

»Gleich kommen - ich heiße nicht Winter - sondern auch - auch Hauck - ah!«

Nach dem vorhergehenden Blutverluste hatte ihn das Sprechen zu sehr angestrengt; er verlor die Besinnung. Die Drei traten zusammen, um von Theodolinde nicht gehört zu werden. Holm fragte den Lieutenant:

»Was thun wir mit der Gefangenen und ihrem Vater?«

»Beide bleiben hier, das wird das Beste sein. Sie müssen warten, bis die Gerichte kommen. Es soll hier Alles in dem Zustande erhalten bleiben, in welchem wir es gefunden haben. Wir müssen einmal telegraphiren und depeschiren dabei gleich mit an die Staatsanwaltschaft.«

»Wer führt die Aufsicht hier bis dahin?«

»Das mag Herr Bertram übernehmen. Ich habe einige handfeste Kerls mitgebracht, welche unten warten. Ich muß nach Hause. Ich fühle, daß meine Wunde denn doch nicht so ganz ohne ist. Da werde ich einen Boten mit der Depesche nach dem Telegraphenbüro schicken.«

»Lassen Sie mich das Telegramm verfassen. Ich weiß, an wen es gerichtet werden und wie es lauten muß.«

»Thun Sie es.«

Holm riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb:

»Dem Fürsten von Befour.

Sofort Extrazug - nach Grünbach kommen, Station Wildau - von da besorge ich Pferde. Robert Bertram's Kette geraubt - mehrere Gefangene - Staatsanwalt, Assessor Schubert und Paukenschläger Hauck mitbringen.«

Alles Uebrige wurde in Eile besprochen, dann wurden die Wächter heraufgeholt, wobei allerdings der Hund nur schwer zur Ruhe gebracht werden konnte. Hagenau begab sich mit Holm nach dem Schlosse zurück.

Der Letztere wurde von Braut und Schwester mit außerordentlicher Freude empfangen. Dabei bemerkten sie gar nicht, daß der Oberlieutenant ganz entkräftet auf das Sopha sank. Erst nach einer Weile fiel Hilda's Blick auf sein blutleeres, todtenbleiches Angesicht. Sie stieß einen Laut des Schreckes aus, eilte zu ihm, ergriff seine Hand und fragte:


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»Was ist mit Ihnen, Herr von Hagenau? Befinden Sie sich schlimmer?«

Er zwang sich zu einem Lächeln und antwortete:

»Es war mir wunderlich - so schwach. Aber jetzt, da Sie meine Hand halten, bin ich stark, sehr stark.«

»O nein! Sie sind sehr schwach. Sie haben sich zu sehr angegriffen. Sie hätten uns gehorchen und nicht nach dem Thurme gehen sollen.«

»Hm, ja! Als ich dort so hoch am Fenster herabsprang, da ist etwas in der Wunde geschehen. Ich fühlte es gleich. Man hat hier Pferde und Wagen. Ich werde mich nach Hause bringen lassen. Wir haben da auch so einen alten Diener Daniel wie hier, der wird mich pflegen.«

»Ein Diener? Nein. Ich gehe mit!«

Sie sagte das in so entschlossenem Tone, als ob es sich ganz von selbst verstehe. Hagenau's Blick bekam Leben, begann beinahe zu leuchten.

»Sie wollen mit? Wirklich?« fragte er.

»Ja. Ich bin es Ihnen schuldig. Wir haben Ihnen Veranlassung gegeben, mit uns zu gehen. Sie sind in Folge dessen verwundet worden. Sie haben keine Mutter, keine Schwester - ich fahre mit!«

Er blickte zu ihrem Bruder hin und fragte:

»Sie hören es, Herr Doctor. Was sagen Sie dazu?«

»Sie hat Recht. Wären Sie nicht gekommen, so sähe es schlimm mit uns aus. Sie haben uns das Leben gerettet. Ihnen Pflege bieten, das ist so wenig, was wir thun können - leider! Ich hoffe, daß Sie das Anerbieten der Schwester nicht zurückweisen.«

»Zurückweisen?« lächelte Hagenau ganz glücklich. »Das fällt mir nicht ein. Ich habe sehr viele Dummheiten begangen, diese aber wäre die allergrößte, und so will ich sie unterlassen. Wer aber führt dann hier im Schlosse die Aufsicht?«

»Ich bleibe hier. Sie dürfen glauben, daß Alles geschehen wird, wie es geschehen soll. Aber die Depesche, welche Sie besorgen wollten, Herr Oberlieutenant?«

»Wird besorgt, trotzdem ich verwundet bin, darauf können Sie sich verlassen.«

Kurze Zeit später hielt ein Kutschwagen vor dem Thore. Hagenau stieg ein und Hilda setzte sich ihm gegenüber. Es wurde unterwegs kein Wort gesprochen. Erst als der Wagen im Hofe des Schlosses Reitzenhain hielt, hörte das Mädchen das erste Wort:

»Was ist - wo sind wir?«

»Daheim bei Ihnen, Herr Oberlieutenant,« antwortete sie.

»Ah - so! - Verzeihen Sie! Ich muß wirklich schwächer sein, als ich angenommen habe. Ich weiß von der ganzen Fuhre nichts. Ich muß ohnmächtig gewesen sein. Und da, da ist es naß. Ich glaube, daß ich blute.«

Niemand hatte von dem Vorhaben Hagenau's gewußt. Die Bewohner


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des Schlosses schliefen. Der Portier kam schnell herbei und erhielt seine Befehle. Hagenau verbot, seinen Vater zu wecken; aber er schickte sofort nach dem Badearzte und sandte auch einen Boten mit der Depesche fort.

Als der Verwundete in seinem Zimmer ankam und sich untersuchen ließ, zeigte es sich, daß sich der Verband gelockert hatte. Dann kam der Arzt, welcher die Wunde kunstgerecht behandelte. Er beruhigte den Kranken. Er sagte, die Wunde sei gar nicht gefährlich, nur sei der Blutverlust ein bedeutender gewesen. Es werde sich ein nicht ganz unbedeutendes Wundfieber einstellen; das sei aber auch Alles.

Der Patient versank in Schlaf, und dann trat Hilda herein, um an seinem Lager zu wachen.

Als sie so allein bei ihm saß, kamen und gingen ihr allerlei Gedanken. Sie hielt den Blick auf sein Gesicht gerichtet und gab sich keine Rechenschaft darüber, daß sie dieses unschöne Gesicht immer und immer wieder ansehen mußte. So verging die Nacht in lautloser Stille. Gegen Morgen bewegte sich der Lieutenant. Er öffnete die Augen, er sah sie, Er blickte sie an, als ob er sich erst besinnen müsse; dann sagte er.

»Fräulein Holm? Sind Sie wirklich da? Oder träume ich noch?«

»Es ist Wirklichkeit,« lächelte sie.

»Wie herrlich! Ich träumte nämlich, Sie wären - ah, ich schulde Ihnen sehr großen Dank. Welch ein Opfer von Ihnen! Sie bedürfen doch selbst des Schlafes.«

»O, ich könnte nicht schlafen, ganz unmöglich.«

»Warum nicht? Sagen Sie es, bitte, sagen Sie es mir!«

Sie erröthete; aber sie antwortete offen und ehrlich:

»Weil ich Angst habe; ich sorge mich um Sie.«

»Sie sorgen sich um mich? Herrgott! Sie wissen doch, Fräulein Holm, daß ich von meinen Kameraden der Kranich genannt werde?«

»Ja. Man hat freilich keine schöne Bezeichnung gewählt.«

»Es war doch immer noch die beste für so einen Ausbund von Häßlichkeit, wie ich bin.«

»Häßlich? Das finde ich nicht.«

»Nicht? O bitte, sehen Sie mich doch an!«

»Das habe ich schon oft gethan. Ein Mann darf unschön sein, eine Frau aber nicht. Und die Schönheit zeigt sich ja nicht nur in den Zügen. Wer ein gutes Gemüth hat, der kann nicht häßlich sein.«

»Wirklich? O, dann bin auch ich nicht häßlich; da bin ich sogar der schönste Kerl, den es nur geben kann. Ich sage Ihnen, ich habe ein Gemüth, ein Gemüth wie eine überreife Pflaume; sie fällt sogleich vom Baume, wenn man nur ein ganz klein wenig schüttelt.«

»Sie bedienen sich höchst trefflicher Vergleiche,« lachte sie.

»Ja. In Ihrer Nähe werde ich geistreich; das ist wahr.«

Er sah ganz glücklich aus und dieses Glück verschönte seine bleichen Züge mehr, als man hätte glauben sollen. Er lag lange, lange still lächelnd und


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mit geschlossenen Augen da. Er wußte wohl selbst gar nicht, daß er immer leise flüsterte:

»Sie sorgt sich um mich - oh, um mich, um mich!«

Er schlief wieder ein.

Gegen Morgen kam der Arzt. Er war unterdessen auf Schloß Grünbach und in dem Thurme gewesen. Er schickte Hilda fort, in das Zimmer, welches ihr angewiesen worden war, und untersuchte die Wunde zum zweiten Male. Dann hielt er es für nothwendig, den Vater Hagenau's wecken zu lasen. Er begab sich zu ihm, um ihn vorzubereiten und ihm Alles zu erzählen. Dann entfernte er sich.

Natürlich suchte dann der Vater den Sohn auf. Dieser ergänzte den Bericht des Arztes, wo derselbe lückenhaft war, und versicherte, daß er sich verhältnißmäßig ganz wohl fühle.

»Welch ein Ereigniß!« sagte der Vater. »Jetzt müssen wir freilich verzichten?«

»Auf was?«

»Nun, Du kennst doch meine Absichten in Bezug auf den Tannensteiner und seine Tochter.«

»Vater, danken wir Gott, daß mir dieses Frauenzimmer nicht gefallen hat. Dieses Volk hat selbst kein Geld. Nun ist er todt, die Dame aber mag im Zuchthause die Schloßherrin spielen.«

»Beide haben es verdient. Und doch - doch - ah, ich erwarte heute wieder einen Wechsel! Mach, daß Du bald gesund wirst. Es ist wirklich wahr, es ist nicht anders: Nur eine reiche Heirath kann uns retten.«

»Ich heirathe nicht oder arm, sehr arm.«

»Du scherzest!«

»Nein. Ich sage Dir aufrichtig, daß ich gewählt habe. Ich liebe, ich liebe wahr und innig, und ich glaube, daß ich wieder geliebt werde.«

»Du? Wieder geliebt?« fragte der Vater ungläubig.

»Ja. Das ist es ja eben, was mich so unendlich glücklich macht. Denke Dir: Der Kranich wird geliebt!«

»Na, möglich ist ja Vieles!«

»Ja. Sie sorgt sich um mich. Denke Dir! Sie ist besorgt um mich - o, o!«

»Wer denn?«

»Nun sie, Diejenige!«

»Darf man denn nicht ihren Namen hören?«

»O doch. Sie heißt Holm.«

»Also nicht von Adel?«

»Sehr sogar, sehr! Sie ist durch und durch adelig, obgleich sie kein Von vor ihrem Namen trägt.«

»Du meinst also Herzensadel, Gesinnungsadel?«

»Ja.«


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»Hm! Mein lieber Junge, Du kennst mich. Ich bin ein sehr nüchterner Character und da -«

»Weiß - weiß, lieber Vater! Du bist nüchtern und ich bin berauscht.«

»So scheint es.«

»Sie ist aber auch herrlich! O, Hilda, Hilda!«

Er faltete die Hände zusammen, wie zum Gebete, und richtete den seligen Blick nach der Decke.

»Holm? Hilda?« fragte der Vater. »Ahne ich es?«

»Ja. Laß Dir erzählen!«

Der Vater blieb eine sehr lange Zeit bei dem Sohne. Als er ihn sodann verließ, hatte sein Gesicht ein sehr ernstes, keineswegs aber unglückliches Aussehen. Er fragte, wo man Fräulein Holm placirt habe, und suchte sie auf.

Sie erröthete verlegen, als sie ihn eintreten sah. Sie war ja bei ihm eingedrungen, ohne ihn um Erlaubniß gefragt zu haben. Er sah es, er legte ihr die Hand auf den schönen Kopf und sagte:

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Fräulein Hilda! Sie haben mir heute Nacht meinen Sohn erhalten, indem Sie ihm das Leben retteten -«

»O nein,« fiel sie schnell ein, »er war vielmehr unser Retter.«

»Nein. Der Lauf des Gewehres war bereits auf ihn gerichtet, da fielen Sie dem Mörder in den Arm und hatten den Muth, mit ihm zu kämpfen. Das werde ich Ihnen nicht vergessen. Gott segne Sie! Sie haben sich des Verwundeten angenommen. Betrachten Sie dieses Haus als das Ihrige. Man wird Ihre Befehle respectiren.«

Er ging.

Was hatte das zu bedeuten? Das war mehr als die Höflichkeit der Gastfreundschaft. Sie sollte sich förmlich als Schloßherrin betrachten! Dieser Gedanke trieb ihr das Blut in die Wangen. Herrin auf Schloß Reitzenhain, Frau von Hagenau! Sie senkte das Köpfchen wieder und griff mit der Hand nach dem klopfenden Herzen.

Ja, der Lieutenant war nicht schön, aber so lieb und gut. Welch ein Glück, dem Manne zeigen und beweisen zu können, daß man ihn nicht wegen so werthloser, vergänglicher Eigenschaften liebt!

Am frühen Vormittage stellte sich Holm ein, um nach dem Verwundeten zu sehen. Er stellte sich natürlich zunächst dessen Vater vor, der ihn mit offenbarer Hochachtung empfing. Er stand bereits im Begriff, sich zu empfehlen, da bat der alte Herr ihn, noch für einige Augenblicke zu bleiben.

»Ich möchte eine Angelegenheit berühren,« sagte er, »welche für mich von allergrößter Wichtigkeit ist und jedenfalls auch Sie berührt, Herr Doctor. Ich liebe die Offenheit und Sie sind ein Ehrenmann. Mein Sohn hat mir vorhin mitgetheilt, daß er Ihre Schwester liebt.«

Holm zeigte keine Spur von Ueberraschung. Er nickte leise mit dem Kopfe und sagte:

»Ich weiß es. Natürlich mißbilligen Sie diese Liebe?«


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»Ich habe sehr triftige Gründe dazu, es zu thun!«

»Das begreife ich und kann Ihnen gar nicht zürnen. Leider muß ich annehmen, daß seine Liebe erwidert wird.«

»Ah! Was Sie sagen!«

»Ja. Hilda ist - oh, ich bin der Bruder und darf sie nicht loben. Sie braucht vor keiner Dame von tausend Ahnen zurücktreten; aber ich sehe ein, daß diese Neigung aussichtslos ist und so werde ich mich arrangiren. Ich gehe in nächster Zeit mit meiner Braut nach Italien und werde Hilda mitnehmen.«

»Also dieser Liebe wegen?«

»Ja.«

»Sie meinen, daß die Beiden einander vergessen werden?«

»Ich will es wenigstens versuchen. Doch ist Hilda ein so tief gegründetes Gemüth, daß ich bei ihr an diesen Erfolg fast nicht zu glauben wage.«

»Warum ihr also den Schmerz bereiten? Lassen Sie sie doch lieber hier!«

»Hier lassen? Ah, Sie sehen mich erstaunt, gnädiger Herr. Ich denke, Ihnen beweisen zu wollen, daß -«

»Papperlapapp!« wurde er unterbrochen. »Daß Sie brav sind und ein Ehrenmann, das weiß ich. Ich verkehre ja mit Ihrem Vater. Ich habe schon vorher zu meinem Sohne gesagt, daß ich mir keine bessere Schwiegertochter wünschen könne als Fräulein Hilda.«

»Wie? Das hätten Sie gesagt?«

»Ja. Freilich ahnte ich nicht, daß es meinem Jungen in Wirklichkeit einfallen werde, sie zu lieben. Lassen Sie uns aufrichtig sprechen. Ich bin ein Lebemann, aber ein schlechter Rechner gewesen. Ich stehe jetzt vor dem nackten Nichts. Mein Sohn hat davon keine Ahnung gehabt; er hat mich vielmehr für colossal reich gehalten und nach diesem Maßstabe gelebt. Ich war gezwungen, ihm die Augen zu öffnen und ihm zu sagen, daß nur eine reiche Verbindung uns retten könne. Der gute Junge war bereit, uns zu retten; da aber sah er Ihre Schwester, und jetzt theilt er mir mit, daß er lieber hungern werde, als sich einer Anderen verkaufen.«

»Sie werden ihm sehr zürnen!«

»Gar nicht. Ich bin ein ebenso sonderbarer Kauz wie er. Ich habe das Leben genossen; ich bin satt. Ich habe eingesehen, daß es nur das eine Glück giebt, welches er jetzt erstrebt. Er soll glücklich sein. Man mag mir Alles nehmen und mich hier hinausjagen; ich lache darüber. Er wird zwar den Dienst quittiren müssen, aber er ist kein dummer Kerl, eine Anstellung ist ihm zweifellos sicher, wenn auch im Civildienste. Na, dann mag er Ihre Schwester nehmen und ich ziehe zu Ihnen. Wir sind bescheiden und werden nicht verhungern.«

Holm erhob sich von seinem Sitze und schritt erregt im Zimmer auf und ab. Endlich sagte er:

»Das ist entweder eine Weltverachtung oder eine Hochherzigkeit, welche ich nicht erwartet habe. Sie sprechen wirklich im Ernste, gnädiger Herr?«


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»Vollständig! Ich bin überzeugt, daß Hilda wenigstens gerade so viel werth ist, wie mein morscher Stammbaum, unter dessen Zweigen ich baldigst verhungern würde.«

»Sie würden also Ihr Jawort geben?«

»Unbedingt!«

»Hier meine Hand! Sie zwingen mir eine Hochachtung ab, welche nur Ihnen, nicht aber Ihrem adeligen Namen gilt. Da aber Sie so aufrichtig gegen mich sind, will ich es gegen Sie auch sein. Hilda hat von mir eine Beisteuer zu erwarten, welche sie wohl vor dem Verhungern schützen wird.«

»Ab! Sie werden sie beschenken?«

»Ja.«

»Ich meine, Sie selbst sind arm?«

»Ich hatte mir im Laufe meiner Kunstreisen eine Summe verdient, welche mir verloren ging. Das betreffende Bankhaus hat sich indessen mehr als erholt und mir den Verlust sammt guten Zinsen zurückerstattet. Diese Summe bestimme ich zur Aussteuer meiner Schwester.«

»Aber Sie brauchen es ja selbst!«

»Nein. Meine Braut ist sehr reich, sie besitzt Millionen.«

»Himmeldonnerwetter!«

»Sie sehen, daß ich eine Wenigkeit verschenken kann.«

»Dann allerdings, Sie Glückspilz! Nun, einige tausend Gulden in einer jungen Ehe sind eine große Hilfe.«

»Nicht Gulden, sondern Dollars.«

»Ah!«

»Ja. Ich war Virtuos. Manches Concert brachte mir bis fünftausend Dollars ein.«

»Was Sie da sagen!« meinte der erstaunte Hagenau.

»Darum ist es mir jetzt möglich, meiner Schwester über zweimalhundertausend Dollar mitzugeben.«

Hagenau hatte den Mund weit auf. Erst nach einer langen, langen Weile sagte er sylbenweise:

»Zwei - mal - hun - dert - tau - send - Dollars. Das ist ja eine halbe Million Gulden!«

»Hilda soll nicht darben. Jetzt denken Sie von der Sache, was Sie wollen. Bitte, sagen Sie dem Herrn Lieutenant nichts davon. Bleiben die Beiden ihrer Liebe treu, so soll das Glück nicht ausbleiben!«

Er ging. Der Alte aber stand am Fenster, blickte ihm strahlenden Auges nach und murmelte:

»Eine halbe Million! Gott stehe mir bei! Wer hätte das gedacht! Gerettet, gerettet! Und welche eine Schwiegertochter! Jetzt fange ich erst an, zu leben! Bisher bin ich zu dumm gewesen, wirklich glücklich zu sein!«

Doctor Holm war von Grünbach herüber gekommen, um den Fürsten zu empfangen. Er wartete bei seinem Vater, von dessen Logis aus man die nach Wildau führende Straße überblicken konnte. Er hatte noch nicht lange gewartet,


// 2400 //

so kamen zwei Kutschwagen. Er trat vor das Haus und wurde bemerkt. Die Wagen hielten und die Herren stiegen aus - der Fürst, der Oberstaatsanwalt, Assessor Schubert und - der Paukenschläger Hauck, welcher gar nicht begreifen konnte, wie und wozu er in eine so vornehme Gesellschaft gerathen war.

Man begab sich in das nahe liegende Gasthaus, wo Holm die Ereignisse des gestrigen Tages und der vergangenen Nacht erzählte. Die Herren hörten natürlich mit gespanntester Aufmerksamkeit zu.

»Recht so, daß Sie telegraphirten,« sagte der Fürst. »Die Kosten des Privatzuges sind nichts gegen das, was wir hier finden. Haben Sie nach der Kette und dem Kinderzeug gefragt und gesucht?«

»Nein. Ich wollte Ihnen nicht vorgreifen.«

»Sehr gut! Aber warum sollte ich hier Herrn Hauck mitbringen. Der steht gar nicht in Beziehung zu dieser Angelegenheit.«

»Gar sehr, ganz im Gegentheile. Er hat die Thäter am Gerichtsgebäude erwischt und wurde in Folge dessen von Jacob Simeon niedergeschlagen. Und weiter! Herr Hauck, haben Sie Verwandte?«

»Nein,« antwortete der Gefragte.

»Gar keine? Gar Niemanden? Besinnen Sie sich!«

»Alles todt! Alles gestorben!«

»Ein alter Herr, den ich kenne, muß Ihr Verwandter sein. Er heißt auch Hauck.«

»Wohl nicht. Der einzige Verwandte, der vielleicht noch lebt, steckt in Sibirien.«

»Was thut er da?«

»Er ist Pelzhändler. Nur um uns zu ärgern, hat er früher immer von seinem Reichthum geschrieben. Der Kerl muß Geld haben, wie Heu!«

»In welchem Grade sind Sie mit ihm verwandt?«

»Er ist mein Oheim, meines Vaters Bruder.«

»Und in Sibirien?«

»Ja. Das hat seine Gründe. Der Kerl ist ein Hallunke. Nämlich er und mein Vater, diese zwei Brüder, waren in ein und dasselbe Mädchen vernarrt; denken Sie, Beide in Eine und Dieselbe! Ist das nicht eine Dummheit? Der Andere konnte sich doch eine Andere aussuchen! Gut, daß ich keinen Bruder habe, denn ich bin jetzt auch so ein halber Narr. Meine Laura - na, das gehört eigentlich doch nicht hierher!«

»Nein,« lachte der Fürst. »Lassen Sie also Ihre Laura jetzt in Ruhe!«

»Ja. Ich kann ihr auch gar nichts thun, da sie nicht da ist. Also Beide wollten Eine. Freilich konnte sie nur Einer kriegen, und das war mein Vater; ich bin ihr Sohn. Darüber aber war der Andere fürchterlich wichsig. Er trachtete, sich zu rächen, und er wartete, bis es paßte. Beide Brüder waren Kürschner. Sie hatten einen großen Vorrath an Pelzwerk eingekauft. Sie machten ihr ganzes Vermögen flüssig, um es zu bezahlen. Der Oheim erhielt das Geld, um es zu überbringen. Er reiste ab und kam nicht wieder. Da stellte es sich heraus, daß er nicht nur mit dem Gelde durchgebrannt war,


Ende der einhundertsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der verlorne Sohn

Karl May - Leben und Werk